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Faszikel Ia-06-1780
 

Transkription und digitale Edition von Jean Pauls Exzerptheften

Vorgelegt von: Sabine Straub, Monika Vince und Michael Will, unter Mitarbeit von Christian Ammon, Kai Büch und Barbara Krieger. Universität Würzburg. Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition (Leitung: Helmut Pfotenhauer)

Förderung: Fritz Thyssen Stiftung (11/1998-12/2000) und Deutsche Forschungsgemeinschaft (01/2001-12/2005)
Projektleitung: Michael Will
Gesamtleitung: Helmut Pfotenhauer

Transkriptionsgrundlage: Nachlass Jean Paul. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Fasz. Ia, Band 6

Bearbeitungsschritte:
Herbst 2000 MIWI Transkription
Oktober 2000 MIWI Autopsie Berlin
11.03.2003 MIWI Konvertierung von WORD in XML/TEIXLITE
07.02.2005 ST Fertigstellung der Konvertierung von WORD nach XML/TEILITE
14.02.2005 ST Erstkorrektur am HTML-Ausdruck
21.04.2005 ST Erstkorrektur Eingabe in XML-Datei
06.04.2010 CMC Zweites Online-Update

 

[Titelblatt]

Verschiedenes, aus den neuesten Schriften. Sechster Band. Hof, – –. 1780.

 

[Manuskriptseite 1.]

[Ia-06-1780-0001]
I.

 

[Ia-06-1780-0002]
Der deutsche Merkur.

 

[Ia-06-1780-0003]
In pias latis animas reponis sedibus, virgaque levem coerces Aurea turbam, superis Deorum Gratus et imis.

 

[Ia-06-1780-0004]
Der erste Band. 1773. Frankfurt und Leipzig im Verlag der Geselschaft.

 

[Ia-06-1780-0005]
1) Versuch einer genetischen Erklärung der thierischen Kunstfertigkeiten und Triebe.

 

[Ia-06-1780-0006]
"Iedes empfindende Geschöpf ist auf einen besondern Theil der Welt, wovon es selbst der Mittelpunkt ist, angewiesen, den es sich vorstellen, und worin es wirksam sein sol. Dieser Theil der Welt ist seine Sphäre. Die Sinlichkeit, womit es die Natur versehen, ist dieser Sphäre angemessen, und hieraus erwächst demnach ein Verhältnis, welches die Richtung seiner Vorstellungskraft bestimt. Also ist die Hervorbringung der Fähigkeit in dieser oder iener Sphäre thätig zu sein, der lezte Bestimmungsgrund der Verschiedenheit der Organisation. Nun sagt H. Herder: wenn Vorstellungskräfte, in einen ie engern Kreis sie eingeschlossen, mit einer desto schärferen und analogeren Sinlichkeit begabt sind, was für ausserordentliche Würkungen müssen sie in diesem Falle nicht hervorbringen!

 

[Ia-06-1780-0007]
Eine kleine Nebenbetrachtung über Abstraktion und Intuition wird uns vielleicht zum Aufschlusse des Sinnes dieser Worte behülflich sein. Ich verstehe unter dem Ausdruk Intuition, anschauende Erkentnis, iede I individuelle Vorstellung in der Seele, ihr Gegenstand sei materiel oder immateriel und von dieser anschauenden Erkentnis behaupte ich, daß aus ihr alle und iedwede andre Erkentnis fliesse und auf sie hinaus laufe. Das höchste Wesen

 

[Manuskriptseite 2.]

selbst sieht alles individuel, es bedient sich keiner algemeinen Begriffe, welche nur Hülfsmittel für eingeschränkte Fähigkeiten sind. Die menschliche Seele kan nur eine sehr geringe Anzahl von Gegenständen zugleich unmittelbar klar vor sich versamlen; sie ist daher genöthigt, ihre Vorstellungen zu theilen, zu zertrennen, wenn sie einige ihrer gegenseitigen Verhältnisse auffassen wil; und diese Verhältnisse (damit sie nicht, gleich wechselnden Schatten, an ihr vorbei gleiten, in einander fliessen und verschwinden) mus sie ferner in Zeichen gestalten, und sie auf diese Weise in der Einbildung befestigen. Es ist demnach das Vermögen, algemeine Begriffe zu bilden und zu vergleichen, als eine Methode zu betrachten, wodurch unsre Seele das Unvermögen ihrer Vorstellungskräfte unterstüzzet. Im Grunde ist alle und iedwede Erkentnis, wenn sie auch an einer Kette von hundert Schlüssen hängt, nichts anders als eine blosse Perception. Die Erfindung des algemeinen Gesezzes der Schwere, oder der Differential=Rechnung, muste, von Stuffe zu Stuffe, durch ganz einfache Handlungen der Seele geschehen; und so ist es mit allen Entdekkungen neuer Wahrheiten beschaffen. Die Seele erblikt alsdenn ein noch nicht gesehenes Merkmal in einer Todal=Idee. Auch sind alle unsere Begriffe überhaupt, ie volständiger sie sind, ie wahrer, und wir begehen niemals einen Irthum, als wann wir in unsern Vorstellungen etwas auslassen.

 

[Manuskriptseite 3.]

Nun wil ich sagen, was ich für einen Sin ich mit dem angezognen Herderischen Saz verbinde. Die mit Kunsttrieben begabten Thiere können ihre enge Sphäre anschauend umfang**en umfassen. Ihre unendlich feinen Sinne durchdringen alle Theile derselben, und ein iedweder Gegenstand ihrer Vorstellungen, ist zugleich Gegenstand ihrer physischen Bedürfnisse; Perzeption und Affektion durchdringen sich einander in ihrer Seele. Hindurch mus die Beziehung ihrer kleinen Welt auf ihre Erhaltung in allen Theilen direkt, und die Verhältnisse dieser Theile unter einander für sie palpabel werden. In einer solchen Ökonomie sind eben so wenig Irrungen, als neue Erfindungen möglich; alles ist mit einem male erblikt und angewandt. Folglich ist auch iedwede Fähigkeit eine volkommene Fertigkeit; denn zu Hervorbringung dieser ist nur dann eine Übung nöthig, wenn entweder mehrere Verbindungen zulässig sind, wodurch eine gewisse Vorstellung einen höhern Grad der Klarheit und Würksamkeit erhalten kan, oder wann der Thätigkeit dieser Vorstellung Hindernisse im Wege stehen, die durch wiederholte Anstrengung weggeschoben und weggeschliffen werden müssen. Beides findet in dem angenommenen Falle nicht stat. Iede Vorstellung, iede Verbindung derselben untereinander ist hier ein unmittelbares Werk der Natur. Da sind keine entgegengesezte, keine der andern zuwiderlaufende Bestrebungen; alles fliest, alles stöst in einen Punkt zusammen. Wie viel zur Ausübung der Kunstfähigkeiten die ganze mechanische Einrichtung des thierischen Körpers beitrage, verdient besonders erwogen zu werden.

 

[Manuskriptseite 4.]

Der blosse Mechanismus, von dem leitenden Reize der Empfindung abgesondert, vermag schon für sich die wunderbarsten Erscheinungen hervorzubringen: dieses sehen wir an den unwilkürlichen Bewegungen, welche er in den thierischen und vegetabilischen Körpern zum Vortheile ihrer Natur erregt. Man beobachtet in beiden nicht nur eine bewundernswürdige Übereinstimmung in der Richtung ihrer verschiednen Kräfte zu Erhaltung des Ganzen, sondern auch eine zwekmässige Abweichung von den gewöhnlichen Regeln nach Erfordernis der Umstände, dergestalt, daß man von den organischen Maschinen gewissermassen sagen dürfe, sie bedienten sich allerhand Kunstgriffe, um ihre Entwikkelung, den sich ereignenden Hindernissen zum Troz, fortzusezzen, oder daß in einem ihrer Theile gekränkte Interesse ihrer Natur, durch neue Hülfsmittel, so viel möglich, wieder zu herstellen. Folgende Beispiele mögen die Sache erläutern. – Eine Bohne, welche verkehrt gepflanzt worden, biegt ihre Wurzelfäden von oben in die Erde hinunter, und den Keim von unten herauf. – Ein Spargel, den ein vorliegender Stein gerade aufzuschiessen hindert, krümt seinen Kopf einwärts, und erhält ihn unbeschädigt. – Ein Baum, den man in einer Entfernung von 4 Fus einer Mauer gegen über ansezt, *...* lenkt seinen Stam nach und nach von der Mauer ab, damit er Raum zu Ausbreitung seiner Zweige gewint. –
Folgende ... gewint. - ] Mit Einfügungszeichen und durch horizontale Linie am unteren Seitenende angefügt. ST

 

[Ia-06-1780-0008]
Ich bemerke ferner, daß selbst bei den wilkürlichen, durch die menschliche Seele hervorgebrachten, Bewegungen des Körpers allemal eine automatische Richtung dieser Theile, ein zu diesem Zwekke präformirter Mechanismus derselben, zum Grunde liegt. Die empfindsame Maschine tönt nicht allein ihre Empfindungen; sie gebehrdet sie auch. Schon im

 

[Manuskriptseite 5.]

Mutterleibe bewegt sich das Kind wilkürlich auf macherlei Weise. Wenn man nach seiner Geburt ihm einen Finger zwischen die Lippen legt, so saugt es daran. Bei zunehmenden Kräfte biegen seine Finger sich mechanisch um ieden Gegenstand, womit man die inwendige Fläche seiner Hand berührt. Es spattelt mit seinen Gliedern in der Freude, es ringet sie in der Angst. Kurz, eine iede Vorstellung unsrer Seele ist von einer Bewegung in unsern feinern Organen begleitet: enthält die Vorstellung den Grund zu einer Gemüthsbewegung, so werden die Muskeln bis zu den äussersten Theilen des Körpers mit erschüttert: und ist endlich die Ursache der Gemüthsbewegung ausser unserm Körper, so sind diese Bewegungen der äusern Theile desselben (ihrem präformirten Mechanismus, und dem heimlichen Verständnisse der Seele mit ihren automatischen Regungen zu folge) so beschaffen, daß sie die Handlung, welche zu Befriedigung der Begierde erfordert wird, wenigstens anfangen, wenn sie gleich zur Volbringung derselben nicht gleich hinreichend sind. Man verknüpfe mit der Anwendung dieser Betrachtungen auf die kunstfertigen Thiere die Beobachtung ihrer besondern Organisation, und das Ausserordentliche in ihren Handlungen wird minder wunderbar scheinen. "Es ist unläugbar, sagt Reimarus, daß die meisten natürlichen Kunstwerkzeuge der Thiere, an sich, etwas mehr als eine blosse entfernte Möglichkeit ihres Gebrauchs enthalten. Denn es sind 1) viele besondere Werkzeuge, deren indes zu sein gewissen Verrichtungen eingerichtet und geschikt ist; da wir Menschen von Natur nur ein einzigs algemeines Werkzeug aller Werkzeuge, die Hände, am Leibe tragen. 2) Sind die thierischen Werkzeuge
"Es ist ... Werkzeuge] mit Hilfe von Einfügungszeichen und horizontaler Trennlinie am Ende von S. 5 eingefügt. ST

 

[Manuskriptseite 6.]

[Ia-06-1780-0009]
durch die Bewegungsmuskeln durch den Zuschus der Säfte und andre Beschaffenheiten zu ihrem besondern Gebrauche mehrentheils determinirt; da unsre Hände hingegen die Bestimmung ihres Gebrauches nicht in sich halten, sondern zu allerlei Bewegungen von der Natur gleich geschikt sind. Man darf nur die Werkzeuge zur Wehr und Waffen, die zum Anhängen, Fortschläudern, Schwimmen, Springen, Fliegen, oder zur Samlung und Erhaschung oder zum Genusse der Speisen, die zu gewissen Kunsthandlungen und Lebensnothwendigkeiten, und einige zu Fortbringung der Iungen besonders eingerichtete Werkzeuge, dagegen halten: so wird man den Unterschied bald erkennen. Wenn hernach die Bewegungskraft in ihren Muskeln durch die äussere und innere Empfindung gereizt wird; so ist wol zu begreifen, daß dieser Mechanismus in den Kunstwerkzeugen der Thiere einen ziemlich nahen Grund (potentiam proximam) zu ihrem rechten Gebrauche in sich halte, und dadurch den Kunsttrieben sehr zu Hülfe komme. . . . Es erhellet also, wie die besondern Kunstwerkzeuge der Thiere zu ihren besondern Kunstverrichtungen behülflich
durch ... behülflich] Fortsetzung der Einfügung von S. 5 auf S. 6, vom Haupttext durch horizontele Trennlinie abgegrenzt. ST

 

[Manuskriptseite 7.]

sind, da sie hiezu schon innerlich durch ihre Bewegungs=Muskeln genauer determinirt, ia geschlank und willig gemacht sind, folglich auf ihren rechten Gebrauch führen und die Kunsttriebe erleichtern. Dann kan die Empfindung in demselben ihre Bewegungskräfte fast zu keiner andern Bewegung reizen, als welche ihrer innern Einrichtung gemäs ist. Denn diese wird den Thieren leicht und angenehm, die gegenseitige aber mühsam oder wol gar mühs schmerzhaft, werden." S. Reimarus Betrachtung über die Tribe der Thiere §. 129 – – – ferner §§. 128. 132
sind ... 128. 132] Fortsetzung der Einfügung von S. 6 auf S. 7, vom Haupttext durch horizontale Trennlinie abgegrenzt. ST

 

[Manuskriptseite 6.]

[Ia-06-1780-0010]
Ich habe schon vorhin bemerkt, daß bei ihnen iede Perzeption zugleich eine Affektion ist; daß sie, aus dem Zentro ihrer engen Sphäre mit ihren scharfen Sinnen alle Theile derselben mit ihren Beziehungen und Verhältnissen gleichsam auf einmal berühren. Es ist ferner unstreitig, daß die Gliedmassen dieser Thiere zu einem bestimten einfachen Gebrauche gebildet sind. Wenn nun diese Gliedmassen, auf Veranlassung einer Empfindung der Seele, in die ihr analoge mechanische Bewegung gesezt worden, so erfolgt die Befriedigung der Begierde durch eine dazu hinreichen

 

[Manuskriptseite 7.]

de unverbesserliche Handlung. Auf diese Weise schreiten die Thiere, getrieben durch den Reiz des angenehmen und unangenehmen Gefühls, und vermöge der harmonierenden Wirkungen und Gegenwürkungen ihrer materiellen und immateriellen Natur in ihrem Werke regelmässig fort, und durchlaufen ihre Sphäre. – Aus dem iezt Gesagten werden sich demnach die Kunstfähigkeiten der Thiere nebst ihren wilkürlichen Abweichungen nach Maasgab der Umstände, aus dem lebendigen Mechanismus, aus der bestimten Bildung ihrer Gliedmassen, aus der Schärfe ihrer Sinne, aus der, der Beschaffenheit ihrer engen Sphäre genau angemessenen Organisation ihrer ganzen Maschine, und aus der Fähigkeit über die Gegenstände ihrer Vorstellungskraft anschauend zu raisonniren, verständlich erklären lassen. – Zum Überflusse könte man noch annehmen, daß diese Thiergattungen einer lebhaftern unterscheidenderen Vorstellung von den Beschaffenheiten und dem Zustand ihres Körpers fähig sind, als wir Menschen – wie solches auch Reimarus gemuthmasset hat. –" Seit. 102. 103. 104. 105. 106. 107. 108. 109. 110. 111.

 

[Ia-06-1780-0011]
2) Etwas Algemeines über den Menschen.

 

[Ia-06-1780-0012]
"Wir bilden uns den Begrif von der algemeinen menschlichen Natur: wann wir alles, was die einzeln Menschen

 

[Manuskriptseite 8.]

mit einander gemein haben, samlen und vereinigen; das aber zurüklassen, wodurch sie sich von einander unterscheiden. Wir erheben uns auf diese Art zu dem Ideale eines volkommenen Menschen, der nicht im ganzen, aber stükweis in den Individuis des menschlichen Geschlechts existirt. Seine äussere Gestalt kündigt die Vortreflichkeit seiner Natur an, und erregt durch die richtigsten Verhältnisse der Theile die Empfindung der höchsten sichtbaren Schönheit. Sein innerer Bau stimt zu der volkommensten Gesundheit überein; alle Geschäfte des körperlichen Lebens werden ungestört verrichtet; und entweder von gar keiner oder von angenehmen Empfindungen begleitet. Durch sinliche Werkzeuge, deren Einrichtung ihrer Bestimmung entspricht, stralen die äussern Obiekte bis in das Innerste seines Gehirns, und mahlen da die Natur, nicht wie sie ist, sondern wie es ihm bei den Verhältnissen, worin er mit den übrigen Wesen steht, zuträglich ist, daß er sie sehe. Die Idee der rothen Farbe hat nichts gemein mit einem weniger gebrochnen Strale, der aus sieben Theilen des ganzen Strals abgesondert wird.

Die Idee ... abgesondert wird.] Mit Hilfe von Einfügungszeichen (Stern) im Text durch horizontale Trennlinie am Seitenende angefügt. ST

Es ist ihm oft vergönt die Täuschung zu entdekken und die Natur zu erblikken wie sie ist. Aber so bald die Obiekte erscheinen, so löschen ihre lebhaften Bilder die schwachen Vorstellungen der Spekulation, und in der Anwendung dient ihm der Schein besser, als die Wahrheit. Seine Seele betrachtet die sich immer folgenden Bilder, bald von den Obiekten mit feurigen Farben gemahlt, und bald durch verwandte Bilder oder innere Bewegungen mit schwächerm Lichte erneuet. Diese Bilder Unter Bildern werden alle sinliche Ideen verstanden.

Unter ... verstanden.] Mit Hilfe von Einfügungszeichen (Stern) im Text, durch horizontale Trennlinie am Seitenende angefügt. ST

sind ihr eigentlicher Reichtum,

 

[Manuskriptseite 9.]

die Materialien, aus denen sie alle ihre Gebäude von Schlüssen oder von Fantasien errichtet. Sie kan keine neuen hervorbringen; über die aber, welche die Obiekte einmal gemalt haben, übt sie eine unumschränkte Gewalt aus. Sie erhält die, welche bereit sind zu verschwinden; sie giebt denen, welche innere Ursachen schwach erneuern, den Glanz, den sonst nur die Obiekte geben; sie läst das Bild verschwinden, und erhält davon nur einen Theil. Auf diese Art erhält sie von mehrern Bildern nur die Theile, die sie mit einander gemein haben, und bildet daraus einen intellektuellen Begrif. Sie vergleicht Begrif mit Begrif. Sind zween Begriffe von einander zu weit entfernt, so vergleicht sie ieden mit einem Mittelbegriffe, und urtheilt hernach von ihrer Ähnlichkeit oder Verschiedenheit untereinander. Von Vergleichung zu Vergleichung dringt sie bis zu den entlegensten Wahrheiten. So fand Newton, daß die Kraft, welche macht, daß eine Frucht vom Baume fält, dieselbe ist, welche den Mond in seiner Bahn erhält. –" Seit. 147. 148. 149.)

 

[Ia-06-1780-0013]
3) Von Schmerz und Vergnügen.

 

[Ia-06-1780-0014]
"Vergnügen und Schmerz sind weit entfernt im Menschen mit einander zu streiten. Mit gleich wolthätiger Kraft stöst ihn das eine zurük von dem, was ihm schadet, und das andere zieht ihn hin in zusammengesezter Bewegung zu dem was ihm nüzt; vereinigt treiben sie ihn in zusammengesezter Bewegung durch die Bahn, welche die Fürsehung im System der empfindenden Wesen ihm vorgezeichnet hat, mit derselben Gewisheit, mit der im Sonnensystem die anziehenden und abstossenden Kräfte die Planeten durch ihre elliptischen Kurben treiben. Selbst der Schmerz

 

[Manuskriptseite 10.]

wird als ein Gut gesucht, wenn er als Mittel in einen solchen Begrif hineintrit; so wie ein an sich mishelliger Ton, wann er in einen vollen Akkord stimt, wollautend wird, und die Symphonie des Ganzen erhöht. Wie oft wiegt in der Wage des Willens der intuellekte Begrif von Gesundheit den Schmerz einer chirurgischen Operation auf? –" Seit. 150.

 

[Ia-06-1780-0015]
4) Alle Unvolkommenheiten die der individuelle Mensch an sich hat, entstehen aus seiner Lage pp.

 

[Ia-06-1780-0016]
"Eine Kraft im Menschen verwandelt alle Nahrung, die er im Mutterleib empfängt, in seine Substanz, und giebt dadurch seinen Gliedern immer mehr Ausdehnung. Diese Kraft strebt ohne Zweifel seinem innern und äussern Baue die höchste Volkommenheit zu geben, die seine Natur verträgt, allein die nährende Materie, die nie zubereitet ist wie sie es sein solte, widersteht ihr durch ihre Trägheit, und vernichtet einen Theil ihrer Würkung. Sie läst das einzelne Geschöpf nicht alle die Volkommenheit erreichen, welche die bildende Kraft sich ihm zu geben bemüht. Der Streit dieser entgegengesezten Kräfte fängt mit der Befruchtung an, und dauert so lange als das Leben. Zufällige Lagen, zufällige Bewegungen, die der Fötus in der Mutter erhält, vermehren seine Abweichungen. Der Mensch verläst den Zustand der Pflanze, und begint sein thierisches Leben. Wie verschieden erscheint er, schon in der Anlage, von iener idealischen Schönheit, die den Pygmaleon bezauberte, und die in der Fabel, nie in der Natur, Leben erhielt; oder von iener höhern Schönheit, die der Schöpfer dachte, da er den Menschen bildete, und deren Züge er unter alle Individua des menschlichen Geschlechts vertheilte? Seine

 

[Manuskriptseite 11.]

äussern Theile haben ihre richtigen Verhältnisse gegen einander verloren, und sie werden sie noch w mehr verlieren, wenn die Geschäfte eines gewissen Standes, angenommene Gewohnheiten, s* oft wiederholte Ausdrükke innerer Empfindungen und Leidenschaften seinem Körper die Züge einer unterscheidenden Physionomie werden eingeprägt haben. Seine innern Theile sind in ihrem Baue eben so mangelhaft. Unvermögend die nährende Materie durchaus zu verwandeln, lassen sie ihr vieles von ihren fremden Eigenschaften. Diese Materie, durch den Kreislauf in das innere Gewebe der Glieder geleitet, um darin den unaufhörlichen Abgang zu ersezzen, theilt ihnen ihre Eigenschaften mit, und entfernt sie dadurch von ihrer Natur. Aus diesen Abweichungen, die durch den Einflus des Klima vermehrt werden, entstehen alle die mannigfaltigen Schattirungen vom Temperament, deren iedes menschliche Individuum seine eignen hat. Auf einen gewissen Grad getrieben, verursachen sie Krankheiten, die das Leben verbittern, und zulezt die, welche es endigt. –" Seit. 153. 154. 155.

 

[Ia-06-1780-0017]
5) Regel die Unvolkommenheiten des Menschen, die aus dem Klima entstehn, zu heben.

 

[Ia-06-1780-0018]
"In dem Grade, wie die Kräfte, welche das Individuum von seiner Volkommenheit entfernen, sich verringern, oder, dadurch daß sie einander entgegengesezt sind, sich vernichten, erlangt die bildende Kraft in ihm mehr Stärke, und sie bringt es seiner Volkommenheit näher. Die Kälte des Pols und die Hizze der Linie ändern die Farbe und unterdrükken die Fähigkeiten der Lappen und Neger, die unter ihrem Einflusse leben; die Länder unter dem mitlern Himmelsstriche hergegen bringen die Menschen von den schönsten Gestalten und den glüklichsten Organisationen

 

[Manuskriptseite 12.]

hervor. Man hat bemerkt, daß der beste Keim, wenn er immer wieder in denselben Boden gesäet wird, auf dem er gewachsen ist, endlich seine Güte verliert; sie aber behält, wenn man ihm so oft einen andern Boden giebt. Böden von entgegengesezten Beschaffenheiten vernichten eines des andern Einflus, die bildende Kraft findet in ihnen keinen Widerstand mehr, und sie nähert ungehindert die Pflanze ihrer natürlichen Volkommenheit. Solte nicht hieraus folgen, daß die diätische Regel falsch ist, welche indem Menschen die Nahrung als die zuträglichste für ihn vorschreibt, die sein Boden trägt? Die Früchte und Thiere, welche einerlei Land mit ihm hervorbringt, weichen auf einerlei Seite mit ihm von der Volkommenheit ab. Durch die Nutrition in sein Innerstes aufgenommen, ziehen sie sein Temperament immer mehr zu der Extremität hin, zu der es sich ohnedem schon neigt. Die Produktionen hergegen, die unter einem entgegengesezten Himmelsstriche erzeugt sind, entfernen sich auf der andern Seite von ihrer Natur. Als Nahrung gebraucht, ziehen sie sein Temperament zu der Extremität hin, die der entgegengesezt ist, zu der es sich von selbsten neigt, und nähern es folglich der Mitte, worin die Volkommenheit liegt. Ein würksames Mittel, fehlerhafte Temperamente zu bessern, wäre vielleicht, solche Nahrungsmittel für sie auszusuchen, die ihre Fehler durch entgegengesezte Fehler zu vernichten suchten. Man findet, daß Leute, die immer in einem sehr engen Zirkel leben, dadurch eine Individualität erlangen, die oft an die Karrikatur gränzt; daß hergegen der Umgang mit Menschen von allen Ständen, von allen Ländern, von allen

 

[Manuskriptseite 13.]

Denkungsarten den Sitten Eleganz, und den Begriffen Ausdehnung giebt. Die Superiorität der Europäischen Nationen über alle andern Völker der Erde entsteht gewis grossentheils aus der genauen Verbindung, in der sie ihres politschen Interesse wegen mit einander stehen, und aus dem unaufhörlichen Wechsel ihrer Produktionen und ihrer Begriffe, den Luxus und Wissensbegierde veranlassen, und den Schiffart und Drukkerei so sehr bei ihnen erleichtern. Ie mehr alle Völker der Erde durch Umgang und Handlung sich vermischen werden, ie mehr werden ihre Abweichungen einander aufheben; mit gegeneinander würkenden Kräften wird iede die andere zu der Extremität hinziehen, zu der sie sich selbst neigt, und alle werden dadurch sich dem Mittelpunkt nähern, in welchem die Volkommenheit der algemeinen menschlichen Natur liegt. –" Seit. 160. 161. 162. 163.

 

[Ia-06-1780-0019]
II.

 

[Ia-06-1780-0020]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1773.

 

[Ia-06-1780-0021]
1) Ein neuer Beweis für das Alter der Chineser.

 

[Ia-06-1780-0022]
"Alles Menschliche fängt vom Kleinen an: so gieng es auch der bürgerlichen Geselschaft; durch sie können die Volkommenheiten des menschlichen Geschlechts stufenweis erhöht erreicht werden, die ihm zugedacht g waren, dieser Zeitpunkt wird alsdenn erscheinen, wenn Licht, Weisheit, Gefühle der Menschheit und der Tugend durch die ganze Masse der Menschheit oder eines Staats sich werden ausgebreitet und durch ihr Übergewicht die rohen Triebe werden verdrungen haben, wie der Pfropfreis einer köstlichen Frucht

 

[Manuskriptseite 14.]

auf dem Stam eines wilden Baumes. Diesem Zeitpunkt ist das glükliche Chinesische Reich am nächsten – wenn die Einwohner auch sonst kein Verdienst darum hätten, als daß sie, wie der Iesuite Noel berichtet, um das Reich mit geschikten und tugendhaften Menschen zu bevölkern, gleich bei der Einbildungskraft der Schwangern anfangen, indem sie ihnen alle Gelegenheit abschneiden, etwas häsliches, unanständiges, lasterhaftes pp. zu sehen oder zu hören, vielmehr sie mit dem Schönen, mit der Tugend, und den lebhaftesten Bildern davon unterhalten – wir andern alle sind noch nicht so alt, Ein ganz neues Argument ad hominem von dem Alterthume der chinesischen Zeitrechnung. –

Ein ... Zeitrechnung. -] Mit Hilfe eines Einfügungszeichens, durch horizontale Trennlinie am unteren Seitenende angefügt. ST

also können wir auch vor der Zeit nicht Wunder verlangen, aber wir können doch in dem Zustand, in welchem wir iezt sind, glüklich sein und die Staaten können dabei blühen. –" Seit. 328.

 

[Ia-06-1780-0023]
2) Von Tit. 3, 5. 6.

 

[Ia-06-1780-0024]
"Diese Stelle redet nicht von der Taufe. – Wir erklären das Bad der Wiedergeburt pp. von einem reichen Maas der Heiligungsgaben. Diese Kühnheit Auslegung wird durch die orientalische Kühnheit in Bildern verstattet; sie klärt alles auf, da man hingegen sich bei der gewöhnlichen in Schwierigkeiten verwikkelt; und durch den Zusammenhang, besonders v. 6. wird sie uns aufgedrungen. –" Seit. 401.

 

[Ia-06-1780-0025]
3) Einige Anmerkungen – die Genugthuung und die Ewigkeit der Höllenstrafen betreffend.

 

[Ia-06-1780-0026]
"Solte der Mensch nicht durch Reue seiner begangenen Beleidigungen – und durch iezziges ernstliches Bestreben, tugend

 

[Manuskriptseite 15.]

haft zu werden – ohne Genugthuung – sich Gottes Wohlgefallen und Liebe wieder erwerben können? – Wenn dem Heiligsten der aufrichtige Abscheu eines solchen vor seinen Sünden nicht misfallen kan, solte der Algütige sie nun nicht erlassen, und ihm seine Huld von iezt an gönnen? – Wir fragen, ob der Gott, der nach Mosis Bericht um 10. Gerechter willen, eine Menge von Bösen retten wil, nicht auch einen Tugendhaften, um 100. guter Handlungen willen, 10. Übereilungen oder Schwachheitssünden zu gut halten werde? –" Seit. 404.

 

[Ia-06-1780-0027]
"Was sagt Iesus vor seinem Leiden, Ioh. 17,4. "ich habe dich verkläret auf Erden: und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, daß ich thun solte," und was hat er in seinem Leben geleistet? An Wegschaffung der Unwissenheit, des Aberglaubens, der Laster unter seinen Landsleuten, und an Bildung solcher, die dies Geschäfte, bei seinen Lebzeiten, neben ihm betreiben, und nach seinem Tode, auch unter andern Völkern, es fortsezzen könten, solten, durch Lehren und Exempel, gearbeitet, auch durch verschiednes andere sich nüzlich gemacht: – man sieht also, was ihm Gott für ein Werk gegeben, daß er thun solte. –" Seit. 406.

 

[Ia-06-1780-0028]
"Ist ein Maasstab für unendliche Strafen und endliche Verbrechen zu erdenken? wie kan man ewig gestraft werden? Man erwäge, daß der Mensch überhaupt, mit Vernunft zwar begabt, aber auch mit Sinnen, starken Trieben pp. versehen, und allerlei Täuschungen deswegen ausgesezt sei, oft unter Umständen,

 

[Manuskriptseite 16.]

die der Erkäntnis und Empfindung der Wahrheit und Tugend nicht sehr günstig sind, seufze, kurze Zeit nur hier walle, und im Anfang seines Lebens gar nicht einmal moralisch handle; daß der Gotlose, wenn gleich häufig, doch nicht immerfort, und darunter auch nicht immer geflissentlich und muthwillig sündige, durch seine Sünden Gottes – des Allerhöchsten, Algenugsamen – Ehre und Glükseeligkeit nicht kränke, denselben ungeachtet, doch hier in der Kette der Wesen nicht immer ein ganz unnüzzes; noch der Geselschaft hier schädliches, Glied sei, auch hier schon theils die natürliche unangenehme Folgen mancher seiner Sünden, theils öfters anderweitige Bestrafungen wegen derselben, auszustehen habe – dies erwäge man, und denke sich die Hölle – ewig! –" Seit. 407.

 

[Ia-06-1780-0029]
III.

 

[Ia-06-1780-0030]
Der deutsche Merkur. Dritter Band. 1773. Frankfurt und Leipzig, in Verlag der Geselschaft.

 

[Ia-06-1780-0031]
1) Etwas von Einbildungen.

 

[Ia-06-1780-0032]
"In ieder Vorstellung, die für die Seele Empfindung ist, ist subiektive Wahrheit. Endymion z. B. hat in seinem langen Traume die angenehmsten Gesichte. Es sind Einbildungen; aber diese Einbildungen sind Empfindungen für ihn: er geniest, weil er zu geniessen glaubt. Die Wirklichkeit der angenehmen Gegenstände ausser seinem Gehirne würde die Wonne dieses Genusses nicht vergrössern. Was geht es ihn an, ob sie für andere; ob sie für sich selbst wirk

 

[Manuskriptseite 17.]

lich sind? Sie sind wirklich für ihn; dies ist ihm genug. Er ist in diesem Falle so glüklich als in ienem. – Dies ist also wieder ein neues, noch ungekantes, Gute, daß der Schöpfer uns durch das Träumen wiederfahren läst. Wie mancher Elende dem wird durch Träumen wieder in den Zustand der Glükseeligkeit ( durch Einbildung ) versezt, dem er zustrebte. Wie heiter, wie frölich wird er! Er vergist's Elend und geniest's Gute! Dank dem Schöpfer! – der auch dem Elendesten nie alle Stralen des Glüks, das Menschenherz wünscht, entzieht! –" Seit. 101.

 

[Ia-06-1780-0033]
IV.

 

[Ia-06-1780-0034]
Der deutsche Merkur. Fünfter Band. 1774. Weimar, bei Karl Ludolf Hofmann.

 

[Ia-06-1780-0035]
1) Zwei Anmerkungen über die Erziehung.

 

[Ia-06-1780-0036]
"Es ist unmöglich ieden Jüngling zu allen Tugenden auszubilden, weil iede Tugend eine gewisse Grundlage voraussezt, die von der Organisation, oder von den ersten Eindrükken der Kindheit herrührt. Es scheint mir eben so wenig thunlich, iedem Kinde die Tugenden des Helden, die Tugenden des Staatsmannes einzuflössen; als wenig es möglich sein würde, die Karngäule alle zu tüchtigen Schulpferden zuzureiten.

 

[Manuskriptseite 18.]

Allein es ist auch nicht nöthig, daß ieder Mensch den Umfang aller Tugenden besizze. Ieder Stand hat die seinige, die man ihm eigen nennen kan, die man nur von denen fodert, so diesen Stand bekleiden. –" Seit. 221. 222.

 

[Ia-06-1780-0037]
"In den Schulen werden die Kräfte des Verstandes durch Übung verstärkt. Allein es ist ein anders, die Fähigkeiten vermehren, und ein anders, den Fähigkeiten die gehörige Richtung geben. – Die Überlegung z. B., de= ist nichts, als die Anwendung der Beurtheilungskraft auf die Einrichtung des Lebens. Gesezt: Ein Schüler hat die schwersten Aufgaben aufzulösen gelernt: dies ist eine Wirkung der nämlichen Beurtheilungskraft, und vielleicht des höchsten Grads derselben. Folgt aber hieraus, daß der Schüler diese starke Beurtheilungskraft auf Einrichtung seines Lebens anwenden werde? Wäre dieses wahr; so würden die grossen Meskünstler, die scharfsinnigsten Geister aller Klassen in ihrem Lebenswandel die klügste Menschen sein. Viele Beispiele beweisen aber, daß dieser Saz nicht alle mal wahr ist. –" Seit. 228. 229.

 

[Ia-06-1780-0038]
2) Warum man in den Reden wilder Völker keinen übeln Geschmak bemerkt.

 

[Ia-06-1780-0039]
"Man könte fragen: warum man die wilden Völker in der Art von Beredsamkeit, welche man zuweilen

 

[Manuskriptseite 19.]

an ihnen bemerkt, niemals einen üblen Geschmak verrathen, da solches doch den gesitteten Völkern begegnet. Dieses kömt ohne Zweifel daher, weil die ersteren nur den ungestümmen Bewegungen ihrer Seele folgen, ohne daß bei ihnen etwas ausserwesentliches, auf Verabredungen gegründetes, sich mit dem Rufe der Natur vermischt. Der üble Geschmak kan nicht leicht anders wo stat finden, als bei einem Volke, daß sich zu einer grossen Geselschaft verbunden hat; dessen natürliche Geistesfähigkeiten durch Üppigkeiten, Laster, übertriebne Eitelkeit, und durch eine geheime Begierde verdorben sind, zu iedem Gegenstand, oder zu iedem Begrif etwas hinzuzuthun, um den natürlichen Eindruk, welchen dieser Gegenstand vermehren machen mus, zu vermehren. Der Gedanke des Wilden ist vol Einfalt, wie seine Sitten, und sein Ausdruk einfältig und rein, wie sein Gedanke: es gattet sich nichts Fremdes damit. Aber ein durch die aus der Geselschaft nothwendig fliessenden Laster schon verdorbnes Volk, welches, bei der Anstrengung sich zu unterrichten und das Ioch der Barbarei abzuschütteln, noch nicht Zeit gehabt hat, zu dem Grade der Verfeinerung zu gelangen, den man Geschmak nent; oder ein Volk, das durch einen nicht weniger nothwendigen Hang, nachdem es den Geschmak gefunden, sich wieder davon entfernt, wil nicht nur seine Gedanken und Empfindungen mahlen, es wil auch in Verwunderung sezzen und überraschen.

 

[Manuskriptseite 20.]

Immer fügt es der Sache selbst etwas Fremdes bei. Auf diese Art weicht alles von der Natur ab, und kein Gegenstand wird so dargestelt, wie er ist. –" Seit. 307. 308.

 

[Ia-06-1780-0040]
V.

 

[Ia-06-1780-0041]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1774.

 

[Ia-06-1780-0042]
1) Philosophische Bemerkung.

 

[Ia-06-1780-0043]
"Der Wille des Menschen mist die Stuffen eben desselben Guten, nicht immer nach einerlei Maasstabe. Die Wahl einer Sache entscheidet sich durch den Werth, den sie für uns in einem gewissen Augenblikke hat, und im folgenden nicht haben würde, durch Alter pp. –" Seit. 103.

 

[Ia-06-1780-0044]
2) Beantwortung der Frage: Haben die Apostel mehr als Christus gelehrt und wienach?

 

[Ia-06-1780-0045]
"Iesus lehrte freilich nur oft auf gegebene Veranlassungen, aber den Hauptendzweck mus er doch gehabt haben, seinen Zuhörern, wenigstens seinen Iüngern, von der Absicht seiner Sendung und von der unterscheidenden Art seiner Lehre algemeine Ideen zu geben. Er selbst entwikkelte dieses algemeine nur in so fern, als es die Veranlassung mit sich brachte, und die Lage; Fassung und Denkungsart seiner Zuhörer forderte oder verstattete. Seine Apostel sahen, nachdem sie erleuchtet waren, den Unterricht ihres Meisters in sei

 

[Manuskriptseite 21.]

nem rechten und ganzen Zusammenhange ein; es ward bei ihnen System. Natürlicher Weise musten sie daraus verschiedne andre Wahrheiten herleiten, und nach den Umständen auch anwenden, die mit den, bereits erkanten, in Verbindung standen; ob sie gleich Christus nicht ausdrüklich erwähnt, noch seine Lehrsäzze bis dahin, wenn man so sagen kan, determinirt hatte. Aus diesem Schazze der Erkentnis wählten sie das zum Vortrage, was die Gelegenheit, der Zwek, die Lage, Denkungsart und sitliche Beschaffenheit ihrer Leser oder Zuhörer erforderte. Sie kommentirten Iesu Lehren nicht, welche vielen unter den ersten Christen nicht einmal wörtlich bekant waren; sondern sie trugen das iedes mal aus dem subiektivischen Umfange ihrer eignen Religionserkentnis vor, was nach Zeit und Umständen nöthig war; Den iüdischen Christen zeigten sie die Übereinstimmung ihrer Lehrsäzze mit ihrer sonstigen religiösen Denkungsart, die einzige Art sie ihnen faslich vernunftmässig und mit dem Sin des A. T. konform darzustellen; den Heiden gaben sie solche Erläuterungen, welche wieder zu ihren Grundsäzzen und Denkungsformen ihre eigne Wendung hatten; diesen machten sie auf die sitlichen Folgen des Glaubens, und ienen auf die Absonderung von Irthümern und Vorurtheilen, die er mit sich führte, aufmerksam u.s.w. Das Resultat oder die Konklusion ist für alle Zeiten wahr, wiewol nicht iede davon für alle Zeiten gleich nöthig sein mag; aber ist die Art ihrer Entwikkelung, Anwendung, Beziehung,

 

[Manuskriptseite 22.]

Vergleichung der Religionswahrheiten, immer nur auf den algemeinen Menschenverstand, oder nur auf die damalige Denkungsart und Fassung relativ? Und müssen wir nicht, die wir ihr Religionssystem nun seit Iahrhunderten auch durchgedacht haben, und andern Fassungen, Denkungsarten und Geisterformen selbst haben und vor uns haben, in ihren relativen Vorstellungen nothwendig bleiben? oder ist es der Vernunft und der Religion anständige Weisheit, die christlichen Lehrsäzze in solchen Gesichtspunkten zu zeigen, und mit solchen Vorstellungsarten in Übereinstimmung zu sezzen, welche für die gegenwärtige Lage und Fassung des menschlichen Geistes mehr Licht, Kraft und Gewicht zu haben scheinen? – –" Seit. 120. 121.

 

[Ia-06-1780-0046]
3) Von dem besondern Kreuze der Frommen.

 

[Ia-06-1780-0047]
"Die Meinung von den besondern Trübsalen der Frommen ist sehr gewöhnlich, aber wenn man über die Idee der wahren Frömmigkeit, und deren Folgen nachdenkt: um sich ins menschliche Leben hinaus sieht, und die Schriftstellen recht erwägt; so findet man, daß sie keinen Grund hat. – Wenn man doch nur auch genau und bestimt angäbe, worin das besondre Kreuz der Frommen eigentlich bestehe, und was für welches sie mit dem Reste der Menschen nicht gemein, sondern, ausser dem algemeinen Loos der Menschheit, als als ein Apanage ihrer Frömmigkeit, so zu sagen, voraus und eigenthümlich haben? Noch gerade möchte es Zeit sein, daß diese Grille vom besondern Kreuz der Frommen, aus den Köpfen so mancher Prediger einmal ausführe. An den Schriftstellen Apostg. 14, 22. 2 Tim. 3, 12. hat sie vollends keine Stüzze; diese betreffen ia augenscheinlich blos iene der Christenheit traurige Zeiten." Seit. 159.

 

[Manuskriptseite 23.]

[Ia-06-1780-0048]
VI.

 

[Ia-06-1780-0049]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1774.

 

[Ia-06-1780-0050]
1) Von der Nachsicht und Toleranz Iesu.

 

[Ia-06-1780-0051]
"Iesus hat dergleichen gute Menschen (Ioseph und Nikodemus) nicht gezwungen, sich öffentlich für ihn zu erklären. Er gieng so schonend mit ihnen um, daß er sich nie auf sie als seine Iünger berief, oder sie aufforderte, vor dem Rath ihre wahre Meinung von ihm heraus zu sagen; er wolte ihnen eine Verlegenheit ersparen u.s.w. Die neuen Eiferer, die sich seine Iünger nennen, wissen nichts von dieser sanften Gedult mit den Schwachen, und würden den Lehrer recht von Herzen anfahren, der diesem Beispiele seines Meisters nachahmen wolte. –" Seit. 318.

 

[Ia-06-1780-0052]
2) Von der menschlichen Tugend.

 

[Ia-06-1780-0053]
"Gott fordert von uns keinen, für uns unerreichbaren und unmöglichen Grad der Tugend und Volkommenheit, der liebreiche und weise Vater der Menschen darf nicht erst durch die übermenschliche Tugend eines andern bewogen werden, uns nicht dafür zu strafen, daß wir in unserm gegenwärtigem unvolkomnen Zustande nicht die Volkommenheit höherer Geister erreicht haben, und das nicht sind, was wir hier wenigstens schlechterdings nicht werden konten." – Seit. 475.

 

[Manuskriptseite 24.]

[Ia-06-1780-0054]
3) Unmöglichkeit blos allein selbst gezeugte Ideen hervorzubringen.

 

[Ia-06-1780-0055]
"Es kan niemand lauter eigne Idee, ohne Beimischung fremder, hervorbringen. Denn die Ideen und Gedanken, welche hinein gekommen sind, bringen unvermerkt ähnliche Ideen hervor. Bei einem zum Selbstdenken gebornen Kopfe mischen sich inzwischen empfangene Begriffe so mannigfaltig, daß sie doch zuweilen ganz neue Begriffe und Gedanken in der Zusammensezzung zeugen. So können ganz verschiedne Menschen auch auf ähnliche Gedanken kommen, ohne sie von einander geliehen zu haben, und derienige, welcher sie, ohne die Gedanken andrer gewust zu haben, sie später hat, hat darum nicht weniger Verdienst. –" Seit. 476.

 

[Ia-06-1780-0056]
VII.

 

[Ia-06-1780-0057]
Der deutsche Merkur vom Iahr 1779. Drittes Vierteliahr. Weimar.

 

[Ia-06-1780-0058]
1) Von 'n Leidenschaften.

 

[Ia-06-1780-0059]
"Hyl. Was sind denn Leidenschaften für Thiergen?

 

[Ia-06-1780-0060]
Merk. Zum Theil gar artge! glat und schlüfrig wie Schlangen, und wuslicht, wie ein Hut vol Maienkäfer. Sie schlüpfen einem in 's Herz, wie die Regenwürm' in einen lokkern Boden, und dann wird einem so warm, so wol, so –

 

[Ia-06-1780-0061]
H. O, das müssen ia allerliebste Geschöpfe sein!

 

[Ia-06-1780-0062]
M. Das wil ich eben nicht sagen. Es ist mit den Leiden

 

[Manuskriptseite 25.]

schaften, wie – mit Allem in der Welt – Wenig schadt wenig – Zuviel ist immer ungesund; und Wasser, das gut zum Trinken ist, taugt nichts in den Schuhen.

 

[Ia-06-1780-0063]
H. Ich verstehe nicht recht, was du damit wilst. M. Ich wil damit sagen, es komt bei den Leidenschaften alles auf Maas und Ziel, Zeit und Ort an. Sie können gut oder bös sein, ie nachdem man sie zu behandeln weis.

 

[Ia-06-1780-0064]
H. Sie sind also an sich selbst nicht schlim.

 

[Ia-06-1780-0065]
M. Das eben nicht! Im Gegentheil! Es kan unendlich viel Gutes und Schönes aus ihnen entstehen. u.s.w. –" Seit. 25. 26.

 

[Ia-06-1780-0066]
2) Von Neuerung in Religionssachen.

 

[Ia-06-1780-0067]
"Erstlich mus ich sagen, daß zwischen Theologie und Religion ein Unterschied ist. Ienes ist Unterricht, der besonders den Lehrern nöthig ist, und aus einem künstlich geordneten Vortrage des Religionslehren besteht; dieses ist Unterricht, der iedem Menschen zur Gottesverehrung nöthig ist, und besteht aus einem simpeln und praktischen Inbegrif der Relgionslehren. Theologie hängt eben nicht so genau mit der Religion zusammen, sondern steht nur in so fern in Verbindung mit ihr, wiefern sie eine Anstalt genant werden kan, die Bildung der Lehrer der Religion zu erleichtern. Die christliche Religion hat Iahrhunderte ohne Theologie bestan

 

[Manuskriptseite 26.]

den – wol bestanden. –" Seit. 64.

 

[Ia-06-1780-0068]
"Die Neuerungen also in der Theologie sind nüzlich und gut. Theologie ist eine Wissenschaft. Solte diese Wissenschaft allein, wenigstens in ihren Säzzen und Lehren, und nicht wie andre Wissenschaften, des Weiterschreitens, oder, wie ieder Schrit vorwärts neu ist, der Neuerung fähig sein? Und ist sie, so lange Menschen sind, nicht würklich fortgeschritten? Natur und Schrift sind doch die beiden Quellen, woraus der Theologe schöpft? Wie nun? Ist etwa der Brunnen der Natur, wiefern er theologische Erkentnis befördert, von unsern Vorfahren bereits ganz ausgeschöpft worden? Und die h. Schrift? Ist sie von den Vätern der Nizenischen Versamlung, oder von den Reformatoren wenigstens, gleich ganz verstanden, und mit einemmale gleich alles daraus gezogen worden, was für die Theologie sich daraus ziehen läst? Ich denke, Niemand wird dies behaupten. –" Seit. 69. 70.

 

[Ia-06-1780-0069]
"Der Einwurf: "man lasse es doch, wie 's die Alten gehabt haben: die Alten waren auch keine Narren; es gab viel grosse und gelehrte Leute unter ihnen " – ist unbedeutend und beweist zu viel. Das Alte, was nicht geändert sol werden, war ia vor nicht gar zu langer Zeit noch neu, und so hätte man es auch nicht annehmen müssen. Was denkt man, wenn iemand sagt: Adam Riesens Rechenbuch ist lange gut gewesen, man hätt' es dabei lassen sollen, es hat damals auch grosse Rechner gegeben. Sol der Grundsaz richtig sein, so mus alle Fortschreitung in allen Künsten und

 

[Manuskriptseite 27.]

Wissenschaften verdamt und verworfen werden, und wir müsten wenigstens in allen noch auf den Punkt stehen; wo Noah und seine Söhne stunden, da die Überschwemmung vorbei war. Iede gute Anstalt in der Welt war anfangs Neuerung. Der gröste Beschwerde der Iuden und Heiden wider die Apostel war immer, daß sie Neuerungen einführen und das Gesez ändern so wolten . Algemein ist wenigstens dieser Grundsaz nicht. Sol er aber nach Zeit und Umständen modifiziert werden, wie's billig ist; so kehrt er auch dann seine Beweiskraft gegen die, welche ihn in gegenwärtigen Fal für sich anführen. Das Alte ist so lange gut gewesen – Recht, für die bisherigen Zeiten. Aber die Zeiten haben sich geändert. IEs Es ist iezt mehr Aufklärung des Verstandes da; und man giebt die Religion endlich noch ganz dem Spotte und der Verachtung Preis, wenn man die alte Methode nicht wil fahren lassen. Gut sind also Neuerungen. –" Seit. 77. 78.

 

[Ia-06-1780-0070]
VIII.

 

[Ia-06-1780-0071]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Zehnter Band. Lemgo, in der Meierschen Buchhandlung. 1776.

 

[Ia-06-1780-0072]
1) Gedanken – vom Lavater'schen Genie.

 

[Ia-06-1780-0073]
"Unendliche Mannigfaltigkeit, – unendliche Einheit ist alles, was wir sehen. – Iedes ist von iedem verschieden,

 

[Manuskriptseite 28.]

und alles ist dennoch nur eines. – Es ist besser eins recht, als vieles halb betrachten. Ein wenig reine Wahrheit ist mehr werth, als viel mit Irthum vermischt. – Des Zuschauers uneingedenk, unwissend, daß sie handelt, handelt die Einfalt. Im Kinde, das in der Kammer mit seiner Puppe spielt, keinen Zuschauer denkt, der es segnet, oder neidet – – da seh' ich dich, Einfalt! Ziel und Seele der Tugend! Und in dir, schöne, sanfte, anmuthige Taube, wenn du vor mir im Lichte der Abendsonne wandelst, nicht denkest, wie schön du bist, du staunt gleich mein Auge deinen wallenden Farbenglanz an. – Eigentlich ist ieder *...* Mensch eine besondre eigne Religionsparthei. Alle sehen dieselbe Sonne, aber keiner im Punkte des andern. Alle Gottesehrer ehren denselben Gott, aber keiner im Standpunkte des andern. Ieder verehrt und ieder erfährt ihn auf eine besondre Weise. – – Viele Lichtstralen in gerader Linie erhellen; auf einen Punkt zusammengezogen, erwärmen. Viele Wahrheiten, neben einander gestelt, erleuchten, auf einen Punkt gerichtet, entflammen. – Der Mensch ist nicht um der Bibel, sondern die Bibel um's Menschen willen. – – Du sprichst von verschiednen Eigenschaften Gottes. Was weist du? sind sie mehr als ein Lichtstral, den das Prisma* deiner Kurzsichtigkeit in 7. Farben gestaltet? Gottes Strafgerechtigkeit, was ist sie anders als Liebe, die den Fehlbaren durch Leiden vervolkomnet? –" Seit. 13. 14. 15.

 

[Manuskriptseite 29.]

[Ia-06-1780-0074]
2) Anmerkung von der biblischen Geschichte.

 

[Ia-06-1780-0075]
"Sie enthält nicht blos abgebrochnene Spuren der Vorsehung, sondern eine ganze Kette der götlichen Mitwirkungen zu einem Zweck: – Ich pflege mir die biblische Geschichte als Herz aller Geschichte zu denken, womit die übrige Weltgeschichte in näherer oder entfernterer, doch aber in eigentlicher Verbindung steht. Könten wir diese nicht nur im physischen Zusammenhange mit einem Zwek des Gedankens Gottes sehen! Wären nur Propheten, die zu allen Zeiten zeigten, wie Nebukadnezar, David, Tyrus und die ihnen gleichen, Gott zum Knecht oder zur Peitsche dienten! –" Seit. 123.

 

[Ia-06-1780-0076]
3) Von Brief an den Thimotheum.

 

[Ia-06-1780-0077]
"Dieser Brief ist einer von denen, die am tiefsten in Paullus Denkart hineingehen. Daß er nur an eine Person geschrieben ist, darin liegt eben der Grund. Das ganze Schreiben flöst wahren apostolischen Muth und Geist ein – im Gegensaz gegen das Niedrige des Partheigeistes und der Gewinsucht. –" Seit. 132.

 

[Ia-06-1780-0078]
4) Von der Geschichte Iesu.

 

[Ia-06-1780-0079]
"Ie näher wir zu ienen Anfängen der götlichen Anstalten und Wirkungen, nämlich zum Antrit des Lehramts Iesu zurükgehen, ie zusammengedrängter finden wir gleichsam das Götliche dieser Geschichte; ie weiter wir uns davon entfernen, ie ausgedehnter scheint's uns zu werden. –" S. 138.

 

[Manuskriptseite 30.]

[Ia-06-1780-0080]
5) Von algemeinen Beschaffenheiten der Dinge.

 

[Ia-06-1780-0081]
"Die Natur ist das Al, wovon wir Eindrükke erhalten, durch welche wir Vorstellungen in uns entstehen; und freilich ist das die einzige Definition, die man davon geben kan, denn von dem, was ausser unserm Empfindungsvermögen liegt, können wir nichts wissen. Allein sie zeigt auch, wie eingeschränkt unsere Begriffe von der Natur sein müssen, da nur der allergeringste Theil derselben Eindrükke auf uns machen kan. – Die Verschiedenheit von Beschaffenheiten der Körper macht eine Kette aus, deren Glieder so genau zusammenhängen, daß alle die Abtheilungen, welche wir mit den Stiften unsrer Sprache machen, niemals in einen Zwischenraum treffen können. Aber ohne solche Abtheilungen würd' es uns unmöglich fallen, die Verschiedenheiten der Körper zu bestimmen. – Ob sich gleich also alle Beschaffenheiten der Körper nur durch Mehr und Minder unterscheiden, so macht es doch die Einschränkung unsers Erkentnisvermögen zur Nothwendigkeit, bestimte Abhandlungen Abtheilungen zu machen, wenn man diese Unterschiede anders genau bestimmen und durch Sprache bezeichnen wil. – –" Seit. 293. 294.

 

[Ia-06-1780-0082]
6) Aus Lavater's physionomischen Fragmenten.

 

[Ia-06-1780-0083]
"Kein Glied am Menschenkörper kan durch irgend ein ander Glied ersezt werden. Kein Mensch durch den andern. –

 

[Manuskriptseite 31.]

Menschheit in allen Verzerrungen ist immer noch bewundernswürdige Menschheit. Kein Mensch hört auf Mensch zu sein, und wenn er auch noch so tief unter die Würde der Menscheit hinabzusinken schiene: so wenig ein Thier Mensch wird, wenn es gleich in manchen Geschiklichkeiten den Menschen überträfe.

 

[Ia-06-1780-0084]
Die Thierphysiognomien sind keiner merklichen Verschlimmerung, aber auch keiner merklichen Verschönerung fähig; unbeschreiblich ist die Verderblichkeit und Vervolkomlichkeit des Menschen. In ieder Menschenphysiognomie, so verdorben sie auch sein mag, ist noch Menschheit, d. i. Ebenbild der Gotheit. Ich habe die verruchtesten Menschen, in den verruchtesten Augenblikken ihres Lebens gesehen, und all' ihre Bosheit und Gotteslästerung und Drängen der Unschuld konte nicht vertilgen das Licht Gottes in ihrem Angesichte, d. i. den Geist der Menschheit, die unauslöschbaren Züge der innerer ewiger Perfektibilität. Den Sünder hätte man zermalmen, den Menschen noch umarmen mögen.

 

[Ia-06-1780-0085]
O Physiognomik! welche Bürgschaft bist du mir für die ewige Huld Gottes gegen die Menschen. Ich armer Unmensch (denn wie oft bin ich das in schauerhaften Augenblikken hölzerner Seelenlosigkeit!) S wenn ein Stral der Physiognomik mich anleuchtet, den ich in einen zerschmetternden Bliz gegen alle Unmenschheit im Menschen verwandeln möchte! Ich kan in demselben Augenblik kaum aufhören,

 

[Manuskriptseite 32.]

in die noch durchscheinende Menschheit verliebt zu sein! Ewiger, einziger Vater aller Liebe und Menschheit, wie mus dir beim Anblikke der schlimsten Menschen zu Muthe sein! Was must du noch in ihnen entdekken! Ist wol einer ohn' allen Zug deines Ebenbildes Iesus Christus? –

 

[Ia-06-1780-0086]
Also Forscher der Natur, wo Menschheit ist, da ist Familiensache! Also Mensch freue dich des, was sich deines Daseins freuet, und dulde, was Gott duldet. – – –" Seit. 343. 344. 345.

 

[Ia-06-1780-0087]
"Ich beobachtete einige Kinder, etwa eine Stunde nach ihrer nicht harten Geburt. Ich bemerkte eine frappante (freilich veriüngte) Ähnlichkeit ihres Profiles mit dem Vater. Diese Ähnlichkeit verlor sich in wenigen Tagen beinahe gänzlich. – Ich sah' diese Kinder, das eine etwa 6 Wochen, das andre etwa 4 Iahre nach der Geburt, tod; und etwa 12. Stunden nach ihrem Sterben bemerkte ich volkommen wieder das halbe Profil, das ich etwas eine Stunde nach ihrer Geburt bemerkt hatte; nur natürlich etwas fester und gespanter. Etwas von dieser Ähnlichkeit verlor sich am dritten Tage wieder merklich. – Ich sah Männer von 50 bis 70 Iahren, die in ihrem Leben nicht die mindeste Ähnlichkeit mit ihren Söhnen zu haben schienen, deren Gesichter beinahe aus einer

 

[Manuskriptseite 33.]

ganz verschiednen Klasse zu sein schienen – tod, am zweiten Tage nach ihrem Sterben war das Profil des einen dem Profil seines ältesten und das Profil des andern dem Profil seines dritten Sohnes frappant ähnlich. Freilich stärker und nach dem Mahlerausdruk härter; aber auch hier verlor sich am dritten Tage etwas von der Ähnlichkeit. –

 

[Ia-06-1780-0088]
So viel ich Todte gesehen, hab' ich dabei die einförmige Beobachtung gemacht, daß sie etwa 16, 18, 24 Stunden nach ihrem Tode (ie nachdem sie eine Krankheit gehabt hatten ) viel bestimter, proportionirter, harmonischer, homogener, edler, viel edler, erhabner – dürfte nicht vielleicht, dachte ich, bei allen Menschen eine Grundphysiognomik sein? Durch die Ebbe und Fluth der Zufälle und Leidenschaften verschwemt? vertrübt? – Die sich nach und nach durch die Ruhe des Todes wieder herstelte, wie trübgewordnes Wasser, wenn's unzerrüttet stehen kan, helle wird. – –

 

[Ia-06-1780-0089]
Bei einigen Sterbenden, die nichts weniger, als einen edlen, grossen oder erhabnen Karakter in ihrem Leben gehabt haben, hab' ich einige Stunden vor ihrem Tode, bei einigen blos einige Augenblikke vorher (die eine war im Delirio) eine unaussprechliche Veredlung ihrer Physiognomie wahrgenommen! Man sah einen neuen Menschen vor sich! Kolorit und Zeichnung und Grazie, alles neu, alles morgenröthlich! himlisch! unbeschreiblich edel! erhaben! Der Unaufmerksamste muste sehen, der Unempfindlichste empfinden.

 

[Manuskriptseite 34.]

Ebenbild Gottes sah' ich unter den Trümmern der Verwesung hervorglänzen, muste mich wenden, schweigen und anbeten. Ia du bist nah, bist nah, Herlichkeit Gottes! auch in den schwächsten, fehlervolsten Menschen! Wenn das dürre Holz noch so blühn kan, wie wird das grüne? – – –" Seit. 345. 346. 347.

 

[Ia-06-1780-0090]
"Ein unumstöslicher Beweis für das Dasein und die Gewisheit einer Sache wiegt zehntausend Einwendungen auf. Ein positiver Zeuge gilt mehr als unzählige blos negative. Nach dem Maasse, wie der Mensch das Positive bemerkt und vesthält, nach demselben läst sich seine Kraft und Ständigkeit messen. Siehe zuerst, was du bist und hast und kanst und wilst; ehe du untersuchst, was du nicht hast bist, nicht könnest, wissest und habest. Der wahre Weise sieht immer zuerst auf das, was da ist; der Afterweise, der Pedant, immer zuerst auf das, was mangelt. – –" Seit. 347. 348.

 

[Ia-06-1780-0091]
"O du in mir! wo nehm' ich Namen her für dich?
Was Namen? braucht's zum Dasein Namen? –
Mein Selbst, wie wird, wie wird's dir –
Du Unerforschtes in diesem Schädel,
Wenn über Schädelbau und Ur = und Nachgestalt
Du staunst, zum Forschen Pfade suchst –

 

[Manuskriptseite 35.]

Nicht findest! dennoch überfliegst
die Stirne, die dich schliest und schränkt ! - -
Sie missest, wiegst, und ihre Kräfte zählest -
O du, mein Ich, wie ist dir denn? –
Wie mir . . . . denn ich, denn ich bin's ia,
Den diese Festung schliest und schränkt und fesselt;
Denn ich, denn ich bin's ia, der angefesselt
Doch überfliegt die Gränzen dieser Festung
Und herscht in diesem Lustreich ! . . .
– O Schädel, Gränze der regen Kraft in mir!
O Stirne, die ich fühle warm und schlagend,
Wie wardst du, was du bist?
Aus welchem Urstof bist du geformt?
Wer, da er dich umwölbte, sprach:
"Hieher und weiter nicht! hier lege sich
Der Stolz der Wellen des Bilderozeans
Der in dir braust!" Und lies die Bleischnur schweben
An deinen Enden. " Hier
Brache der Stral des Lichts
Der langsam oder schnel der Dämmerung des Geistes
Entgleitet, hier! Er brech' und wende sich zurük!"
Und maas dir deine Höh' und Breit'
Und wölbete nach Erd' und Himmeln dich
Und freute deines Ebenmasses sich
Und deiner unerkanten Harmonie
Mit Himmel Erd' und Meer und Flus
Mit Sirius, Orion,

 

[Manuskriptseite 36.]


Mit diesem Sandkorn, und –
Mit Allen Sichtbarkeiten! allen
Unsichtbarkeiten der Unermäslichkeit!..
– O Stirngewölb, du Feste Gottes
Gebaut zum Preise seiner Herlichkeit!
Du Fels, auf dem sie ewig ruhn
Die grossen Ahndungen der Menschenwürde!
Du Fels, auf dem sich gründen Himmelhöhe
Bewölbte Hofnungen, die Wahrheit' reinst
Genus und Wesen sind, wenn weggetröpfelt ist
Der lezte Tropfen der zerschmolznen Sonne!
Du Fels, in allen Wogen der Zweifelei so fest
Wie in den Wogen der Luft, die dich umschweben –
O du, du naher, herlicher
Du ofner und verhülter Gottestempel!
Der Menschheit Allerheiligster! du Menschenschädel – –" Seit. 356. 357. 358.
"O du, in allem Gott, im Menschen Vater
Verhült in iedem Punkt, enthült in iedem! –
– O du, das ist des Adlers Flügelschlag
Sein Aug' vol Mittagssonne!
Der bildete des Strausses Eisenmund
Und Muth dem Löwen gab

 

[Manuskriptseite 37.]

Und Bleinatur und Stumpfsin dem unbeholfnen
Ahl
– Helgemoths Höllenrachen höhltest du
Und gabst der Taube sanfte keusche Liebe –
– Du Stirnwölber des Thoren und des Weisen,
Wie Himmel du hoch über Meer und Erde wölbtest
– Des zarten Embrions Gestalten!
Und der auf Cäsars Felsenstirn die
Und span aus Newtons hochgewölbter Markstirn
Sein langes Seidenhaar! –
– Der faltete des Grimmes zähe Haut
Und bog die Augenbraunen dem weicheren Empfinder
Anzog sie dem Helden und dem Denker
Und spante sie dem Seher!
– Der Wolken sendet auf des Mörders,
Und auf Iohannis Stirn der Morgenröthe Goldstral –
– O du, der sich in ieder Menschenseele
In iedem Menschenangesichte spiegelt
Wie in den Tropfen reines Thaues
Im Trüben des Morasts die Sonne.
O dir, o könt' ich dir die Menschen näher führen! –
Die deinigsten auf diesem Bal!
Gefühl in ieder Seele wekken
Unsterbliches Gefühl!
Erkünsteln nicht! erzwingen, erschleichen nicht,
Heraus aus allen Seelen rufen, was in Tiefe
Noch schlummert! rufen es durch Deutung stiller
Verborgner Herlichkeit des Menschenangesichts. – – –"

Seit. 364. 365.

 

[Manuskriptseite 38.]

[Ia-06-1780-0092]
IX.

 

[Ia-06-1780-0093]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwei und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1774.

 

[Ia-06-1780-0094]
1) Wie Gebäude Leidenschaften erregen.

 

[Ia-06-1780-0095]
"Der Anblik eines zarten und durchsichtigen Gartenhausses erwekket Freude, und die Ansicht eines starken und undurchdringlichen Gefängnisses, Furcht. Überhangende Mauren, wenn sie auch so erbauet worden sind, erregen Schrekken; so mag der Thurm zu Pisa schreklich genug aussehen. Wie viele Häuser und Paläste giebts nicht schon, die sehr lustig oder traurig anzusehen und zu bewohnen sind? – In so ferne sol allemal ein Tempel so erbauet werden, damit er durch seine Grösse und Pracht vor allen übrigen Gebäuden des Orts eine Ehrfurcht für denienigen errege, der darin verehrt wird. –" Seit. 39.

 

[Ia-06-1780-0096]
2) Etliche Bemerkungen von $$$$, $$$, $$$.

 

[Ia-06-1780-0097]
"Die Ausleger der h. Schrift werden oft verführt, das Wort $$$$ nach dem neuern theologischen Begrif, der mit dem Worte heilig verbunden worden ist, zu übersezzen, da's doch in der Isräe

 

[Manuskriptseite 39.]

litischen Sprache nicht die innere Gesinnung, sondern eine Auswal, ein äusserlicher Verzug u. s. w. dadurch angedeutet wurde. – $$$ wird nie von fremden Gözzen in der Schrift gebraucht: – $$$ bedeutet nicht Verwesung als vielmehr Gruft." Seit. 168.

 

[Ia-06-1780-0098]
3) Gründe wider den Eid auf die symbolischen Bücher.

 

[Ia-06-1780-0099]
"Durch diesen Eid, der angehenden Lehrern abgefodert wird, kan man ia nicht erfahren, ob ihr Glaube an die symbolischen Bücher blind, oder vernünftig und gegründet sei; viel besser erfährt man das durch eine genaue und gewissenhafte Prüfung des Kanditaten: durch den Eid wird der blinde Glaube noch weniger in einen gegründeten und vernünftigen verwandelt. Müssen wir den seinen Glauben beschwören lassen, den doch eine ganze Gemeine auf sein blosses Wort trauen, und ihm wichtige Angelegenheiten anvertrauen sol? und uns geschworen sein, warum läst man nicht auf die Bibel schwören ? Ist sie nicht so gut als die symbolischen Bücher; lehret sie dir zur Seeligkeit nöthige Wahrheiten nicht so faslich und deutlich; ist ihr Inhalt nicht so wichtig und verbindend; oder sol man auch Lehren, die zur Seeligkeit entbehrlich sind,

 

[Manuskriptseite 40.]

beschwören? Wer hat Recht, einen Eid darüber zu fodern, und wer darf den Eid so misbrauchen? – Und kan man denn durch Abnehmung dieses Eides die wahre Gesinnung des Schwörenden erfahren? Sind es nicht oft höchst unwissende Leute, die nichts geprüft haben, und doch schwören; oder solche die blos Gewinstes wegen schwören? und ist es nicht eine Art von Ruchlosigkeit, Leute von dieser Art schwören zu lassen? Denn wer nun irgend zweifelt, ob auch alles in den symbolischen Büchern mit der h. Schrift übereinstimme, (und dergleichen möchten wol unter denen, die selbst geprüft haben, die meisten sein,) und schwört doch: der schwört ia blos um Gewinstes willen. Ungereimt ists, wenn man sagt: man zwinge niemand zum Eide. Denn wenn mit dem Schwören reichliches Auskommen, Wohlstand, guter Ruf, und Errettung von Mangel, mit dem nicht Nichtschwören der Verlust der Nahrung, des guten Namens, und Dürftigkeit und Noth verknüpft ist, ist denn das nicht sehr arger moralischer Zwang? Wer ist gewissenloser der, der den Eid aus Noth ablegt, oder der, der ihn bei aller wahrscheinlichen Vermuthung, daß falsch und ums Brod geschworen werde, dennoch fodert. – Und wozu verpflichtet man denn die Lehrer durch diesen Eid? daß sie iezt alles glauben, was in den symbolisch. Büchern steht? So können sie ia dem Eide unbeschadet bei veränderter Einsicht morgen etwas anders glauben? Oder daß sie immer in Zukunft dasselbe

 

[Manuskriptseite 41.]

glauben wollen? Das ist ia einfältig und ruchlos geschworen. Man kan ia nicht immer in Zukunft dasselbe glauben, wollen was man wil: so lange man liest und forscht und studiert, so lange ändern sich ia auch die Einsichten. Sol etwa der Lehrer nicht weiter forschen; oder wenn er andre Einsichten durch beständiges Forschen, bekömt, sol er wider alle seine Überzeugung bei dem bleiben, was er beschworen hat. Oder verpflichtet sich der Lehrer durch diesen Eid, daß wenn er ia in der Folge anders glauben solte, er doch nur den Glauben nach den symbol. Büchern lehren wolle? So verpflichtet er sich ia in Gottes Namen zur Unwahrheit, zu Lügen, und Heuchelei. Oder verbindet er sich, bei veränderten Einsichten sein Amt niederzulegen? So? Wenns wahr ist, daß Gott die Lehrer beruft, wie's * ia in der Kirche gelehrt wird, wer darf sich's denn unterstehen, sein Amt niederzulegen? und darum sol ers niederlegen, weil er nach seinem Gewissen in der Erkentnis weiter gekommen, und also zum Lehren geschikter geworden ist? Sind noch strafbarere Thoren möglich, als Leute, die einen solchen Eid können schwören lassen? Ist aber der Beruf von Menschen, sol man denn der Kirch' das Amt das Amt aufsagen, und von ihr ausgehen? So hätte Luther ia das zu seiner Zeit auch thun müssen, und in der Kirche, wo er den Doktoreid geschworen hatte, keine Neuerungen anfangen dürfen: und was wäre denn aus der Reformation geworden?

 

[Manuskriptseite 42.]

so müste ia ein solcher Lehrer sich selbst aller Gelegenheit nüzlich zu sein berauben, ein Sektirer werden, und vorsezlich Spaltungen und Religionshas verursachen? Oder verpflichtet er sich endlich ein Lehrer durch diesen Eid, daß er in solchem Falle die Absezzung dulten wolle? Ia, die mus er freilich dulten, weil er wider Gewalt nicht kan; aber zu dieser Dultung verpflichtet ihn der Eid nicht kan, aber mehr und nicht weniger. Wer das Recht hat ihn abzusezzen, der mus's schon ohne den Eid haben, der Eid gibt ihm kein mehrers Recht, als er schon hat. Und warum dringen denn Geistliche und Fakultäten auf diesen Eid? Sie sind's doch nicht, die den Prediger berufen oder absezzen können." – Seit. 183. 184. 185.

 

[Ia-06-1780-0100]
4) Von dem 4. Evangelisten.

 

[Ia-06-1780-0101]
"Mathäus schrieb zum Nuzzen der aus dem Iudenthum Bekehrten, zu Ierusalem – im Iahr Christi 38. Lukas: für die Bekehrten aus den Heiden, zu Korinth, im I. 53. Markus: für die Christen insgesamt, zu Rom, im I. 63.

 

[Ia-06-1780-0102]
Iohannis: zur Widerlegung der Korinthinianer und andrer Kezzer, geschrieben zu Ephesus, im Jahr 69. –" Seit. 196.

 

[Manuskriptseite 43.]

[Ia-06-1780-0103]
5) An einen Modekritikus.

 

[Ia-06-1780-0104]
"Wem gleichest du, neidisch finstrer Man?

 

[Ia-06-1780-0105]
Dem türkischen Verschnitnen gleichst du. Selbst kanst du nichts, und wer da kan, den störest du. – –" Seit. 238.

 

[Ia-06-1780-0106]
X.

 

[Ia-06-1780-0107]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwei und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1774.

 

[Ia-06-1780-0108]
1) Wahrer Gesichtspunkt der Bibel.

 

[Ia-06-1780-0109]
"Die Bibel giebt nicht allein selbst Licht, sondern sie enthält auch die Geschichte der Erleuchtung selbst, in welchem Maasse sie den Menschen nach dem iedesmaligen Grade ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse, von der ersten Morgenröthe an, durch alle Grade hindurch, bis zu ihrem volkommenen Glanze, um der Vernunft und Sitlichkeit nach und nach eine würdigere Ausbildung zu geben, mit grosser Einsicht und Weisheit in die vorliegende Naturkräfte des Menschen mitgetheilt worden sei. – Aus diesem Gesichtspunkte mus die Bibel betrachtet werden, und aus diesem wird sie uns Dürftige, sehr ehrwürdig, alsdenn wird uns das kleine, unbedeutende, anstössig scheinende, kurz das lokale, begreiflich; es mus grade so sein, als es war; und das Bessere, das wir nach un

 

[Manuskriptseite 44.]

serer Denkungsart dahin sezzen wollen, wäre nicht an seiner Stelle gewesen, hätte seine Wirkung nicht gethan, nicht thun können. Kinder können nicht als Männer unterrichtet, und rohe, ungebaute, unreife Menschen nicht als feine, nachdenkende und gesittete behandelt werden. In diesem Gesichtpunkte fält aller Anstos, den man darin zu finden meint, hinweg, ia wird zur Weisheit: das Ganze verliert, bei allen darin vorkommenden Dunkelheiten, philosophischen Irthümern und historischen Unrichtigkeiten, nichts von seiner Wahrheit und Würde. –" Seit. 439. 440.

 

[Ia-06-1780-0110]
2) Der Glaube der Iuden – vom Messias zu Christi Zeiten.

 

[Ia-06-1780-0111]
"Die Iuden hoften alle auf einen wirklichen König auf Davids Stuhl, der sie von der Unterthänigkeit der Römer befreien, ihren Staat wieder glänzend machen, und sie über andre Völker erheben würde. Dumme und sinliche unter ihnen erwarteten nichts weiter; nachdenkende und fromme glaubten noch überdem, daß er auch die Sitten ihres Volks verbessern, sie dadurch zu einem beständigen geliebten Volke Gottes machen, sie zum Eingange ins himlische Paradies bereiten, und auch andre Völker zu ihnen und zum wahren Gott bekehren werde. Bestimtere Ideen von seiner Verrichtung und von dem algemeinen Zweke derselben auf das menschliche Geschlecht hatten sie nicht; noch weniger solche, wie die Christen iezt davon haben können, die den Plan seines grossen

 

[Manuskriptseite 45.]

Geschäfts, und dessen Ausführung und grosse Wirkungen vor Augen haben und erfahren. Einem ieden bedeutete das Reich Christi des Messias dasienige, was seinen Wünschen und Bedürfnissen am angemessensten war. – Eben dieser Denkungsart waren auch die Offenbarungen und die dazu gewählten Ausdrükke gemäs, welche ihnen Gott vor der Ankunft und Gegenwart des Messias wiederfahren lies. "Ein König sol er werden, über sein Volk herschen, Israel erlösen u.s.w. In dieser Sprache muste auch mit ihnen gesprochen werden, wenn sie's überal verstehen solten; ob sie es schon anfangs eingeschränkt und national verstanden, was einen algemeinern Sin hatte und haben konte. Es war nach d* der Natur der Seele, die nur stuffenweis aufgeklärt werden kan, unmöglich, sie auf einmal aus den eingeschränkten Nationalideen, die sie in alle ihre Religionserwartungen verwebt hatten herauszureissen. – – –" Seit. 444. 445.

 

[Ia-06-1780-0112]
3) Von der Erbsünde.

 

[Ia-06-1780-0113]
"Ehe man davon reden solte, ob das moralische Verderben im Menschen etwas angeerbtes sei, oder nicht? warum es Gott zugelassen habe oder ohne Nachtheil seiner moralischen Würde habe zulassen können? Solte man die Natur dieses Verderbens erst untersuchen und bestimmen; welches nicht leicht sein würde. Ists Verderben, daß wir in allen Dingen aus Liebe zu uns selbst handeln? Aber es ist

 

[Manuskriptseite 46.]

ia der Natur eines ieden denkenden Wesens zuwider, irgend etwas zu begehren, ohne ein Vergnügen für sich darin anzuschauen? – Ists von Adam her angeerbt, daß wir die Güter und Vortheile dieses Lebens mehr und stärker begehren, als die Güter des zukünftigen? Aber die Erkentnis des Zukünftigen kan uns ia nicht angebohren werden; vor erlangtem Unterricht wissen wir nichts davon; von früh an wacht macht das Gegenwärtige starke Eindrükke auf uns; und nach erlangtem Unterricht wissen wir bleibts noch natürlich, daß diese angewöhnte, starke Eindrükke die schwächern Eindrükke des Zukünftigen überwiegen. Ists angeerbts Sündenübel, daß der Mensch das kleinere Gute stärker begehrt, als das Grössere? Aber von ienem erlangt er ganz natürlich und ohne sein Zuthun früher Erfahrung und Anschauen, als von diesem; und von seiner Geburt an erfährt er, daß die Erfüllung seiner natürlichen Triebe mit angenehmen Empfindungen verbunden ist; ungesucht bekömt er eine sehr anschauende Erkentnis vom Guten, das für ihn mit dem Genusse vieler körperlicher Dinge verbunden ist. An grössern Gütern hingegen, an Erkentnis Gottes, und seiner Pflichten pp. Freude zu haben, dazu gehört Erfahrung und Unterricht, die der Mensch von seiner Geburt an nicht haben, nicht fassen kan, und der gemeine Unterricht ist auch wahrhaftig auf diesen nicht eben weise gerichtet. Oder

 

[Manuskriptseite 47.]

ists angebohrnes Verderben, daß wir so geneigt sind, blos nach sinlicher Erkentnis zu handeln? Aber in den ersten Lebensiahren können wir ia nicht anders, als blos sinlich begehren und verabscheuen; daraus mus ia unvermeidlich eine Fertigkeit, eine Gewohnheit, ein Hang diesen Eindrükken gemäs zu urtheilen, entstehen; die Vernunft reift erst durch mannigfaltige Erfahrungen, welche niemand angebohren sind, und Zeit und Gelegenheit sie zu erlangen erfordern; der Eindruk der Sinlichkeit komt wieder; der Unterricht ist schlecht; die Aussicht aufs künftige dunkler und schwächer als das Gegenwärtige und oft empfundene sinliche, u.s.w. Ursachen genug zu einem grossen und algemeinen Verderben der Menschen, ohne einer Erbsünde dazu zu bedürfen! – In der ersten Anlage sind das überdem auch wolthätige Einrichtungen unsrer Natur, wenn sie gleich oft unrichtig von uns angewendet werden. Die ganze Freude zu sein (und die ganze drauf ruhende Thätigkeit des Menschen) hängt am Genusse des gegenwärtigen und ohne überwiegende Stärke der Empfindungen über die Eindrükke des vergangenen und des zukünftigen würden wir's doch gar nicht geniessen: alle Leidenschaften sind ursprünglich Wohlthaten und unentbehrliche Triebfedern zu unserm Dasein und Wolsein u.s.w. –" Seit. 449. 450.

 

[Ia-06-1780-0114]
"Es ist vielmehr Guts als Böses in der Natur des Menschen; und wer kan eine angeborne Richtung zum Bösen so klar beweisen, als viele Triebe zum Guten unläugbar im Menschen sind." Seit. 451.

 

[Manuskriptseite 48.]

[Ia-06-1780-0115]
4) Von der Taufe.

 

[Ia-06-1780-0116]
"In der Bibel steht nichts von der Kraft der Taufe. Weder in Tit. 3, V. 4. bis 7. noch Eph. 5, 25. 26. wenigstens nicht, daß die Taufe ein Heiligungsmittel ohne vorhergehenden Unterricht sei, ohne oder ein Mittel der Wiedergeburt für Kinder; in der ganzen Bibel steht nichts dergleichen, wenn ihre Worte wol erwogen werden; vielmehr 1 Petr. 3, 21. das Gegentheil. Wenns wahr wäre, daß in den Kindern Erbsünde sei, daß solche durch die Taufe bei ihnen ausgerottet, wenigstens durch eine übernatürlich hervorgebrachte entgegenstehende Fertigkeit entkräftet werde: so müsse man zwischen einem Iuden – und Christenkinde einen merklichen moralischen Unterschied wahrnehmen. Geht er durch die nachherige Ausbildung und Erziehung wieder verloren; wozu denn's Wunder? – Nein, in unsrer Kindheit können wir nicht wiedergebohrn werden. –" Seit. 453. 454.

 

[Ia-06-1780-0117]
5) Worin das Evangelium eigentlich bestehe? –

 

[Ia-06-1780-0118]
"Die herschende Empfindung, welche durch die ganze Anlage des Evangeliums bei uns erwekt werden sol, ist Vertrauen und Liebe. Ein Gott vol Erbarmung, ein Vater, der seine Kinder darum gern tugendhaft und gut haben wil, weil's ihr Glük ist, der ihnen eine iede Freude gönt, wenn sie nur nicht schädlich ist, der uns durch die liebreichsten Verheissungen seiner Verzeihung, auch dem Verschuldeten Muth und Freudigkeit zur Rükkehr giebt, der ihnen zu dem Ende einen Erlöser

 

[Manuskriptseite 49.]

vom Himmel schikt, der ihnen den Weg dahin, durch seine Lehre, durch seine Ermunterung, durch die Aufopferung seines Lebens selbst, heller, leichter und sicherer machen sol: d. i. der eigentliche Inhalt, der Geist und's Wesen des Christenthums. Es scheint mir offenbar zu sein, daß die Lehre Iesu, indem sie nothwendig alles das in sich schliesset und aufnimt, was irgend zur Reinigung der menschlichen Seele und zur Aufhelfung der Tugend dienen kan, zugleich dies neue und stark wirkende Gewicht der kindlichen Liebe und Zuversicht dazu legt, oder wenigstens solches weit lebhafter und eindringender macht. Den, der dies alles, von solchen Empfindungen durchdrungen, auszuüben sucht, – den heist man einen Christen. – –" Seit. 458. 459.

 

[Ia-06-1780-0119]
6)

 

[Ia-06-1780-0120]
Singedichte.
"Es thut der zarte Bau nur eines einzeln Fingers
Weit mehr, als oft der Arm des grösten Weltbezwingers. –
"Dreimal versucht der Künstler
Dein reizend Angesicht,
Und dreimal, o der Künstler!
Und dreimal glükt es nicht.
Warum? der Arme schaute
Bezaubert mehr auf dich,
Als auf Pallett' und Leinwand
Und seines Pinsels Strich. –

 

[Manuskriptseite 50.]

Unwissend mahlt' ein andrer,
Des Auge de nie dich
sieht sah',
Wie ihn bedünkt, Cytheren; –
Getroffen standst du da. – –"

Seit. 520.

 

[Ia-06-1780-0121]
7) Ein Beitrag zur Untersuchung über'n Ursprung der Sprachen.

 

[Ia-06-1780-0122]
"Ein ieder Gedanke, ein ieder algemeiner Begrif, so wie iede Idee eines einzelnen Gegenstandes, ein iedes Urtheil und ein ieder Schlus, läst sich auf eine innere oder äussere Empfindung reduziren, d. i. bei ieder dieser Thätigkeiten unsrer Denkkraft ist eine aus andern entwikkelte und von andern abgesonderte Empfindung in uns gegenwärtig; deren Gegenstand wir eben deswegen, weil er so abgesondert von andern, von uns empfunden wird, mit klarem Bewustsein uns vorstellen. Ferner fordert die Äusserung unsrer Vernunftfähigkeit eine gewisse Auseinandersezzung unsrer Empfindungen; und eben so umgekehrt, wenn die Vernunft so weit zurükbleiben sol, als sie bei dem ganz verwilderten Menschen wirklich geblieben ist, so müssen die Empfindungen und Einbildungen gleichfals unentwikkelt bleiben. Werden diese auseinander gesezt, feiner aufgelöst, von einander abgesondert, iede für sich dem Gefühl des Menschen vorgehalten; so kan, wird und mus auch das höhere Vermögen des Verstandes erregt, und in Aufmerksamkeit gesezt werden. Nun fragt sichs, kan dies leztere beim Menschen, der noch weiter nichts als Thiersprache oder Laute der Empfindungen

 

[Manuskriptseite 51.]

hat, in Wirksamkeit gesezt werden? Der V. beiahet diese Frage; der Mensch kan zwo Empfindungen z. B. des Hungers und Durstes, so wie sie wirklich verschieden sind, auch in ihrer Verschiedenheit wenigstens dunkel wahrnehmen, und dem zufolge sie auch durch verschiedne Töne, oder eine Abänderung, Erhöhung oder Vertiefung des Tons, wodurch er sein Verlangen nach Nahrung ausdrükke, andeuten. Diese Verschiedenheit des bezeichnenden Tons wird ihm nun wieder ein Mittel, den Unterschied beider Empfindungen noch klarer wahrzunehmen, da zugleich das, was bei den Empfindungen gemeinschaftlich ist, ihm die eine bei Gelegenheit und vermittelst der andern vor die Seele bringt, und ihn dadurch nöthigt, sie untereinander zu vergleichen, oder den Anfang zur Reflexion zu machen. Hierauf folgt Klarheit in den Empfindungen, das, was wir Bewustsein oder Apperzeption nennen. Dadurch wird das, was sonsten nur Empfindung, nur eine Veränderung, ein Eindruk, eine Modifikation oder eine blosse Vorstellung war, zu einer Idee, und zu einem Gedanken gemacht, so wie der thierische Ton, durch welchen ienes angezeigt wird, nunmehr in ein Wort einer menschlichen Sprache übergeht, wenn man demselben etwa nicht den Titel eines Worts darum versagen wil, weil er noch nicht artikulirt ausgesprochen wird. – Der V. hat eine sehr wahrscheinliche Vermuthung geäussert, über die Verwandlung der ursprünglichen Bilderschrift in Buch

 

[Manuskriptseite 52.]

stabenschrift. Es komt nämlich nach seiner Meinung darauf an, daß Iemand den glüklichen Einfal hatte, bei der etwannigen Abbildung der Sache, die durch ein Wort ausgedrukt ward, zugleich aufs Wort oder den Ton Rüksicht zunehmen, und die Figur nach der Zahl der Sylben, oder hervorstehenden Laute desselben abzutheilen und einzurichten, so daß die Figur zugleich ein Bild der Sache war selbst und ihres Namens oder bezeichnenden Tons ward. Denn waren schon Sylben erfunden, und von der Erfindung derselben bis zur Entdekkung der Buchstaben wäre der Schrit schon leichter gewesen. Diese Vermuthung wird durchs hebräische Alphabeth noch wahrscheinlicher. Dies Alphabeth nämlich hat die besondre Beschaffenheit, daß die Figuren der Buchstaben, (die alle Konsonanten sind, auch das $ und $ nicht ausgenommen, ob wir gleich sie nicht mehr auszusprechen wissen) ursprünglich Abbildungen solcher Dinge sind, deren Namen sich mit dem durch die Figur angedeuteten Buchstaben anfiengen, $, $, $ waren zugleich Bilder der durch die Namen derselben Aleph, Beth, Gimel bezeichneten Sachen, nämlich eines Ochsen, eines Hauses, eines Kamels, und zugleich die Figuren der Konsonanten Aleph u.s.w. Man kan annehmen, daß diese Malerei anfänglich sehr grob und rohe gewesen, und daher bald in eine noch grössere Unähnlichkeit mit den abgebildeten Sachen ausgeartet sei. Wenn wir nun sezzen, daß die erste Schreiberei in etwannigen Abbildungen der Sachen selbst bestanden, (wie denn's ursprüngliche hebräische oder phönizische Alphabeth ein augenscheinlicher Beweis hievon ist,) so war's na

 

[Manuskriptseite 53.]

türlich, daß man bei Zeichnung dieser Bilderfiguren oder beim Anblikke derselben, an ihre Namen oder Ton gedächte, diesen Ton mit dem Bilde assoziirte, und nach und nach so fest verknüpfte, daß man endlich das Bild der Sache, auch als Bild des Tons zu gebrauchen anfieng. Wenn man um eine neue Sache, für welche man noch kein bestimtes Bild hatte, und auch nicht füglich erfinden konte, wenn sie etwa überal nicht sinlich war, abzubilden hatte; so konte man in dieser Verlegenheit auf eines von den beiden folgenden Hülfsmitteln verfallen. Entweder lies man die Einbildungskraft arbeiten, um irgend eine Ähnlichkeit der noch unbezeichneten nicht sinlichen Sache mit einem sinlichen bereits abgebildeten oder leicht abzubildenden Dinge zu entdekken, und man gebrauchte als dann das bereits bekante Bild der sinlichen Sache für ein Bild der neuen und unsinlichen, doch so, daß man, um's in ieden von beiden Fällen zu unterscheiden zu können, dasselbe ein wenig abänderte oder und besonders modifizirte. Auf diesem Wege, scheint es, hat man die Hieroglyphik oder Zeichenschrift erfunden und erfinden müssen. Oder man versuchte, wann in dem Namen des neu oder schwer abzubildenden Dinges, ein oder mehrere Töne, die schon in der Benennung einer bereits abgebildeten Sachen hervorstechend waren, sich merklich hören lies, das Bild dieser leztern als Zeichen des Tons zur Bezeichnung der ersten vermittelst ihres Tons zu gebrauchen, und die Figuren der Töne nach der Ordnung der Aussprache hinzusezzen. Und hiemit war die bewundernswürdige

 

[Manuskriptseite 54.]

Kunst, die Töne zu mahlen, und zu den Augen zu sprechen, im Groben und in ihren Elementen erfunden. Denn noch waren es nur Sylben, oder ein Konsonant mit seinem Vokal, die man erfunden hatte. Diese Erfindung würde desto leichter gewesen sein, wenn die ursprüngliche Benennungen der Dinge, die man zum ersten und am häufigsten zu mahlen Gelegenheit und Bedürfnis hatte, entweder einsylbig gewesen, oder einen sehr hervorstechenden besonders merkbaren Ton oder Konsonante gehabt. – War aber der Einfal nur erst mit einem oder etlichen Konsonanten ausgeführt, und der menschliche Wiz einmal auf diesen Weg der Erfindung geleitet, so konte er hernach leicht bei grössern Schwierigkeiten ähnliche Erfindungen machen. Die Geschichte lehrt uns aber auch, daß die Buchstaben nicht alle auf einmal, sondern almählich erfunden worden. Mit dieser Muthmassung stimts auch überein, daß das Alphabeth der Hebräer, so wie ihre erste Buchstabenschrift, aus lauter Konsonanten bestanden. Was wir nun für Buchstaben halten, waren bei ihrer ersten Entdekkung Sylben, die ihren Vokal schon bei sich führen. Die reinen Vokalen zu bemerken, und von der Modifikation, die ihnen der beigeselte mit ausgesprochne Konsonant giebt, zu unterscheiden, war's ungeübte Ohr nicht vermögend. Vielleicht lag auch die Schuld an den Sprachorganen der ersten Erfinder der Sprache, oder vielmehr war die Beschaffenheit der natürlichen und nachgeahmten Töne der Thiere und schallender Körper

 

[Manuskriptseite 55.]

die Ursache, daß sie keine Sylbe mit einem reinen Vokal anfiengen, sondern die Anfangsbuchstaben wenigstens durch eine gelindere oder stärkere Aspiration zum Konsonanten modifizirten. So finden wir's nicht nur in der hebräischen und andern verwandten Sprachen, sondern selbst in der Griechischen, die hierin den phönizischen Ursprung ihres * Alphabeths verräth. Solten diese Gedanken richtig sein, so würde darin eine neue Bestärkung der schon so genug erwiesenen Bemerkung liegen, daß die Vokalzeichen der Hebräer, nicht ursprünglich, sondern eine spätere Erfindung sind, nachdem die Sprache aufhörte, eine lebende Sprache zu sein. – –" Seit. 549. 550. 551. 552.

 

[Ia-06-1780-0123]
8) Karakter der klopstokk'schen Muse.

 

[Ia-06-1780-0124]
"Ie mehr Versezzungen ein Volk mit seinen Ideen vornehmen kan, desto mehr Ideenreihen hat es, desto mehr Richtungen und Gelenke hat sein Geist, und desto ausgedehnter wird auch sein Dichtergebiethe. Die Dichter dieses Volks können alsdenn mehr Gedanken zum Zeugen für ihre Welt, ohne Verkörperung der Ideen zurichten, und ihnen blos durch die Stellung, und besondere Ideengeselschaften, worin sie dieselben versezzen können, eine poëtische Gestalt geben. Der Dichter, der immer gegen die starken Empfindungsmassen der Sinnenwelt anstreben, sie um uns verdunkeln, die Ätherwelt seines Geistes um uns empfindbar machen, und ihre Idealgegenwart in eine Sinnengegenwart verwandeln mus,

 

[Manuskriptseite 56.]

um die Aufmerksamkeit unsrer Seele zu erzwingen, sucht ieder einzelnen Vorstellung, iedem Gange der Vorstellungen so viel Intensität oder Empfindungsgehalt zu geben als möglich, um seinen Zwek zu erhalten, und iedes Gedicht daher, das allezeit ein Geschöpf einer lebhaften und aufgebrachten Seele ist, die ihre *...* Gedanken sinnenwärts treibt, hat seine eigenthümlichen, und auffallenden Gedankenstellungen, die aber in der algemeinen Sprachverfassung gegründet sind. Ie reicher denn die Sprache überhaupt ist, desto reicher ist auch die Dichtersprache, desto mehr Fähigkeit hat sie, die simpeln Empfindungen und geistigen Gedanken des Verstandes auszudrükken, und desto mehr kan das Fehlerhafte, Bilderhäufende verhütet werden, wo die Sprache der farbenlosen Empfindungen sein solte. –" Seit. 613.

 

[Ia-06-1780-0125]
XI.

 

[Ia-06-1780-0126]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des drei und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1774.

 

[Ia-06-1780-0127]
1) Der Deutsche giebt bei iedem Laute seiner Sprache etwas eignes anzumerken.

 

[Ia-06-1780-0128]
"Zum Beweis diene dies: K. ist der hohle Laut der Kehle und des Gaumens, und fast alle deutsche Wörter, welche diesenLaut an der Stirne haben, bedeuten

 

[Manuskriptseite 57.]

theils das Loch des Mundes und das Kauen, samt dem Schalle desselben, theils iedes Hole, ein Gefäs, oder eine Dekke, sie sei mittelbar oder unmittelbar, natürlich oder sitlich; einen Abschnit, schneiden, schaben; oder Einschnit, stechen, scharen; eine Verbergung, so natürlich, wie Metalle und Thierhölen, als sitlich, aus Schaam und Bosheit; den Klang, die Finsternis samt dem Schlafe, und die Kühle. –" Seit. 18.

 

[Ia-06-1780-0129]
XII.

 

[Ia-06-1780-0130]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des drei und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ia-06-1780-0131]
1) Verschiednes aus Lavater's Physiognomik.

 

[Ia-06-1780-0132]
"Physiognomik ist keine eingebildete Wissenschaft. Der gesunde menschliche Verstand empört sich gegen einen Menschen, der im Ernst behaupten könte: ein starker Mensch könne aussehen, wie ein schwacher; ein volkommen gesunder, wie ein volkommen schwindsüchtiger, ein feuriger wie ein sanfter kaltblütiger Mensch. Er empört sich gegen einen Menschen, der behaupten könte: Freude und Traurigkeit, Wollust und Schmerz, Liebe und Has hätten eben *...* dieselben, d.i. gar keine Kenzeichen im Äusserlichen des Menschen, und das behauptet der, der die Physiognomik in's Reich der eingebildeten Wissenschaften verbannen wil.

 

[Manuskriptseite 58.]

[Ia-06-1780-0133]
Ist's nicht im höchsten Grade wahrscheinlich, daß die Wiederholung gewisser Bewegungen der Muskeln, welche Bewegungen mit gewissen Affekten oder Gemüthsumständen unzertrenlich verknüpft sind, endlich eine solche Falte, eine solche Merkbarkeit verursachen, welche leicht ein Gegenstand der Wissenschaft werden kan? – Die Erfahrung lehrt uns, daß kein Mensch, so klug oder so stupide er immer sein mag, auf der Welt sei, auf den nicht wenigstens einige gewisse Äusserlichkeiten an andern einen solchen Eindruk machen, daß sein Urtheil über ihn und sein Betragen gegen ihn, auf irgend eine Weise bestimt wird. –" Seit. 318. "Wenn man erwägt, daß in der Natur eigentlich an sich nichts gros und nichts klein, nichts mehr, und nichts minder merkbar, sondern dieser Unterschied nur zu gewissen gegebnen Augen relativ ist; – wenn man erwägt, daß die Natur immer nach Gesezzen handelt, und daß ein stumpfer Winkel von 179 Graden so wenig ohne zureichenden Grund von ihr gebildet sei werden kan, als ein spizziger von einem Grade; daß also die erste Neigung und Lenkung einer Gesichtslinie, es sei zu welcher Expression es wolle, eben so wenig ohne Grund oder nach andern Gesezzen gebildet werden kan, als der markirteste oder begogenste Kontour: so wird man gestehen: daß auch die feinern Nüancen ihren Grund haben, folglich überhaupt erkenbar, und wissenschaftlich bestimbar sein können. –" Seit. 319.

 

[Manuskriptseite 59.]

"Iede Modifikation meines Körpers hat eine gewisse Beziehung auf die Seele. Eine andre Hand als ich habe, würde schon eine ganz andre Proportion aller Theile meines Körpers fordern; das heist, meine Seele würde die Welt durch ein ganz anders Perspektiv, folglich unter einem andern Winkel sehen müssen. –" Seit. 320. "Die Neigungen des Menschen zu erforschen, dient viel die Beobachtung: wienach er sinlicher Eindrükke empfänglich ist ? Dies führt unmittelbar auf die Entwikklung der ersten Neigungen und Begierden, die alle Menschen zwar mit einander gemein haben, aber ihnen in unendlicher Verschiedenheit Genüge thun. Hierdurch kan man sehr schnel und sehr genau bemerken: durch welches Perspektiv und unter welchem Winkel er die Welt ansehe. Dieses giebt in seinen Karakter einen grossen Aufschlus, und modifizirt die Moralität aller seiner Handlungen, die Theile des Angesichts nicht allein, sondern die Beschaffenheit und die Proportion vieler andern Theile des Körpers, sind in der Absicht bedeutend. –" Seit. 329.

 

[Ia-06-1780-0134]
"Unter allen menschlichen Karakteren, die wir ie können gesehen haben, ist kein einziger volkommen, und ie mehr man alle menschliche Angesichte, selbst die schönsten betrachtet, desto mehr findet man, daß Gott demselben eben sowol

 

[Manuskriptseite 60.]

die Zeichen der Unvollkommenheit als die Zeichen der UnVollkommenheit eingedrukt hat, dass so wie in allen menschlichen Karakteren, also auch in allen menschlichen Gesichtern Volkommenheit und Unvolkommenheit, Schwäche und Stärke, Weisheit und Thorheit dicht nebeneindander liegen, und sonderlich in den Extremitäten des Profils, eines Angesichts gemeiniglich zwei Linien der Volkommenheit durch eine Linie der Unvolkommenheit zu einem menschlichen Ansehen verbunden werden. Ich gestehe, ich wüste nicht, wie das Angesicht eines ganz volkomnen Menschen aussehen müsse. –" Seit. 336. 337.

 

[Ia-06-1780-0135]
"In der Linie der beiden Lippen ist der Siz der allerhöchsten intellektuellen und moralischen Wirksamkeit – sie ist von ganz unerschöpflicher Bedeutung. – Die verschiednen Linien, die aus der verschiednen Bewegung der Lippen beim Essen, Reden u.s.w. werden dem geschärften Auge des Beobachters nicht entgehen. –" Seit. 338. "Physiognomische Beobachtungen schlafender Personen sind äusserst wichtig. Was könte man nicht sehen, wenn man eine schlafende Makbeth, einen schlafenden Iago, eine schlafende Katharine von Medicis sähe?" – – Wer hat noch drauf gedacht, richtige Bildnisse schlafender wirklicher Personen zu zeichnen, und sie mit ihrem Ansehen

 

[Manuskriptseite 61.]

zu vergleichen, wenn sie wachen? – – " Seit. 343.

 

[Ia-06-1780-0136]
2) Einige Schriftstellen, die beweisen, daß uns Gott unsre Sünden, ohne geschehene Genugthuung, vergebe.

 

[Ia-06-1780-0137]
"Dieienigen, aus dem A.T. sind: Ies. 1, 16. fg. 55,7. Ps. 59. 55, 7. Ier. 6, 8. 7,3. 18,8. 26, 3. 9. Hesek. 18, 21. 22. 28. 33. 11. 14 = 16. Dan. 4, 24. Amos 5, 14. Ion. 3, 10. und aus dem Neuen; Matth. 7, 21. 18, 23. 27. Luk. 3,3, Ap. Gesch. 3, 19. 26, 18. 1 Ioh. 3,7. 2 Kor. 7, 1. Noch folgende: Ps. 5, 5. 34, 15 = 17. 103, 8 = 11. Ps. 3, 10. Matth. 5, 8. Ebr . 12, 14. und Apost. Gesch. 10, 35. –" Seit. 442.

 

[Ia-06-1780-0138]
XIII.

 

[Ia-06-1780-0139]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegts Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ia-06-1780-0140]
1) Von der Tugend.

 

[Ia-06-1780-0141]
"Das Wort Tugend schliesst, genau betrachtet, einen Begri Begrif in sich, der eben so relativ ist, als derienige, der das Wort Grösse ausdrukt. so wie iedem zusammengesezten Dinge, welches folglich ausgedehnt ist, eine gewisse Grösse zukömt: so mus auch ieder einfachen Substanz, welche deutlicher Erkentnis fähig ist, iedem vernünftigen Geiste, ein gewisser Grad von Tugend zugestanden werden, welcher sich nach den Graden der Deutlichkeit und der Wirksamkeit seiner Erkentnis

 

[Manuskriptseite 62.]

richtet. So wie aber ein Körper nur als dann gros genant wird, und wenn er grösser ist, als gewöhnlicher Weise ein andrer Körper seiner Art zu sein pflegt; so wird einem vernunftfähigem Geiste auch nur als dann erst die Benennung eines tugendhaften beigelegt, wenn er da, wo andre gewöhnlicher Weise nach sinlichen Motiven handeln, dem bessern Rathe der Vernunft gehorcht, oder mit andern Worten, wenn er eine Fertigkeit, eine Neigung gewonnen hat, seiner deutlichen Erkentnis überal gemäs zu handeln. Ie grösser und heller also der Wirkungskreis unsrer Vernunft ist; ie deutlicher und volständiger unsre Begriffe vom Guten und Bösen, vom Recht und Unrecht sind, und ie grösser unsre Fertigkeit, ie stärker unsre Neigung ist, diesen Begriffen gemäs zu handeln: desto volkomner ist unsre Tugend. Da nun die Vorstellungen von Gott, als einem almächtigen, alweisen, algütigen und gerechten Weltbeherscher, unsre Begriffe von dem, was gut oder böse für uns ist, berichtigen, und diesen Begriffen gemäs zu leben, uns bewegen können: so sieht man leicht, daß der Gottesverehrer weit mehr innern Drang, weit mehrere Hülfsmittel habe, ein tugendhafter Mensch im ungemeinen Grad zu werden, als andre die von Gott nichts wissen, oder wissen wollen. Aber daraus folgt nun nicht, daß ohne alle Begriffe von Gott keine Tugend möglich sei; es folgt nur soviel draus, daß caeteris paribus, derienige, dem diese wolthätigen Begriffe geläufig geworden, es weit höher in dem Bestreben nach moralischer Volkommenheit bringen könne, als ein anderer, dem dies fehlt. Noch weniger folgt daraus, daß eine auf unser eignes und

 

[Manuskriptseite 63.]

andrer Wohl abzwekkende Handlung, bei welcher wir uns dieser Begriffe so eben nicht bewust waren, deswegen aufhöre eine tugendhafte Handlung zu sein: genug wenn wir nur um eines vernünftigen Grundes willen handelten. Denn man bedenke doch nur, wie wenige der schönen tugendhaften Handlungen hienieden zu finden würden sein, wenn bei der unbestimbaren Menge von Handlungen, die wir stündlich und augenbliklich verrichten; bei der blizgleichen Schnelligkeit, womit unsre Seele, ihrem unaufhaltbaren Triebe zur Fortschreitung gemäs, von einer Vorstellung zur andern überzugehen pflegt; bei der absoluten Unmöglichkeit endlich einen und eben denselben Begrif, ohne Unterlas, unserer Vorstellungskraft gegenwärtig zu erhalten; wenn, sage ich, bei dieser ganzen wesentlichen Einrichtung des Menschen, nur dieienigen seiner Handlungen den Namen der tugendhaften verdienen solten, bei deren Ausübung er seiner Begriffe von Gott sich wirklich bewust wäre. –" Seit. 281. 282.

 

[Ia-06-1780-0142]
XIIII.

 

[Ia-06-1780-0143]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ia-06-1780-0144]
1) Gott hat Iesum nicht an unsrer Stat gestraft.

 

[Ia-06-1780-0145]
"Aber wenn die Orthodoxen immer so streng drauf bestehen, daß Gott Iesum um unsertwillen abgestraft habe; so frage

 

[Manuskriptseite 64.]

ich: Wo denn das in der Bibel eingentlich stehe? Müssen die Worte Iesu: des Menschensohn gebe sein Leben zur Erlösung für viele, müssen die Ausdrükke der Apostel: Christus habe für die Menschen gelitten, der Gerechte sei für die Ungerechten gestorben, nothwendig soviel heissen, als er habe an ihrer Stelle sein Leben gelassen, an ihrer Stelle gelitten, an ihrer Stelle gestorben? Oder heist es soviel, als: ihnen zu gut, zu ihrem Besten, zu ihrer Befreiung von Elend mannigfaltigem moralischen Elende. Sein Leiden und Tod sein ein Glük für die Welt gewesen, und habe ihr die seligsten Vortheile in Ansehung ihrer moralischen Glükseeligkeit verschaft? Wenn Paullus 2 Kor. 5, 19. sagt, Gott habe die Welt durch Christum mit ihm selbsten versöhnt, so kan ia das nichts anders heissen, als er habe sie sich wieder zugethan und ergeben gemacht. So erklärt ia der Apostel solches ausdrüklich von der nicht zu besorgenden Zurechnung der Sünde, deren wir durch Christum gewis geworden, und dessen Evangelium dem umkehrenden Sünder völlige Gnade prediget. @@@@ @@@@@@@ @@ @@@@@ @@@ @@@ @@@@@ @@@ @@@@@@@@@@. – S. 326.

 

[Ia-06-1780-0146]
2)

 

[Ia-06-1780-0147]
"Das Singedicht."
"Tyll fräget mich: was ist ein Singedicht?
Was Tyll versteht, das ist es nicht. – –"

Seit. 416.

 

[Manuskriptseite 65.]

[Ia-06-1780-0148]
XV.

 

[Ia-06-1780-0149]
Iohann George Sulzer's vermischte philosophische Schriften. Aus den Iahrbüchern der Akademie der Wissenschaften zu Berlin gesamlet. Leipzig, bei Weidmans Erben und Reich. 1773.

 

[Ia-06-1780-0150]
1) Warum aus einem genossenen Guten oft ein Übel, das das Gute überwiegt, entstehet.

 

[Ia-06-1780-0151]
"Der Grund davon liegt in der Verschiedenheit unsrer Fähigkeiten. Wenn wir nur einer einzigen Art von Vergnügen fähig wären, als wenn z. B. von allen unsern übrigen Fähigkeiten nur der Geschmak bliebe, so würde die Maxime richtig sein, und wir dürften alsdenn, um glüklich zu werden, nur alle mögliche Mittel aufsuchen, unsern Gaumen zu kizzeln. Nichts würde leichter sein, als sich glüklich zu machen; aber auch nichts eingeschränkter sein, als so ein Glük. Wenn wir aber verschiedne Fähigkeiten haben, die alle wollen befriedigt werden; so wird die Wissenschaft der Glükseeligkeit weit zusammengesezter, und man erkent, daß oft eine an sich gute und unschädliche Sache, relativ böse wird, wenn man ein Wesen, dessen Natur's in Zusammennehmung der übrigen Eigenschaften schadet, sezt. –" Seit. 3.

 

[Ia-06-1780-0152]
2) Das Eigentliche – der Seele.

 

[Ia-06-1780-0153]
"Die Seele geniest niemals die Gegenstände selbst, sondern nur die Ideen davon; sie begehrt auch nur Ideen, und mit

 

[Manuskriptseite 66.]

hin besteht ihre wesentliche Thätigkeit nur in Hervorbringung von Ideen, weil ausser diesen nichts in der Seele vorhanden ist. Auch finden wir, wenn wir über das Wesentliche in den Vergnügungen und Neigungen der Menschen nachdenken, daß es beständig auf etwas blos Ideales hinauslaufe. – –

 

[Ia-06-1780-0154]
Der Philosoph vertieft sich in Spekulationen, der Staatsmann macht politische Entwürfe, der Stuzzer flattert herum und der Nachbar plaudert mit dem Nachbarn; alle nur zu einerlei Endzwek: nämlich ihren Geist mit einer Menge von Begriffen zu versorgen, wie sie für eines ieden Geschmak und Fähigkeit schiklich sind. Vornämlich gilt dieses von solchen Beschäftigungen, wozu eine gewisse Anspannung des Geistes gehört. Iede Unternehmung ist eine Art von Aufgabe, deren Auflösung uns interessirt, weil sie das ursprüngliche Bedürfnis unsrer Seele befriedigt; und alle verschiednen Lebensarten sind eben so viel Wissenschaften, die sich endlich alle auf die Erkentnisfähigkeit der Seele beziehen. –" Seit. 5. 6. 7.

 

[Ia-06-1780-0155]
3) Der Anfang des Vergnügens und Schmerzens.

 

[Ia-06-1780-0156]
"Der Anfang des Vergnügens ist nicht anders, als das was wir Behäglichkeit (aisance) nennen. Dies Behäglichkeit fängt mit der Ruhe, mit einer Art von Gleichgewicht in der Seele an; so wie im Gegentheil das Misvergnügen mit dem Zwange seinen Anfang nimt." S. 11.

 

[Manuskriptseite 67.]

[Ia-06-1780-0157]
4) Warum lebhafte Temperamente mehr zu grossem Vergnügen und Verdrusse aufgelegt sind; als weniger lebhafte.

 

[Ia-06-1780-0158]
"Dies komt von der Lebhaftigkeit des Geistes her. Diese ist aber nichts anders, als der Grad der ursprünglichen Kraft der Seele, die ihr Wesen ausmacht. Sie ist in der Seele ohngefähr eben das, was die Geschwindigkeit in der Bewegung eines Körpers ist. Nun ists deutlich, daß ie stärker diese Kraft oder dieses Bestreben zur Hervorbringugn von Ideen wirkt, desto empfindlicher auch der Zwang der Hindernisse, und folglich Verdrus und Misvergnügen sein mus; vorausgesezt, daß die übrigen Umstände gleich sind. Und da die Lebhaftigkeit des Vergnügens von der Grösse des Bestrebens entsteht, die Menge von Ideen, die sich auf einmal darbieten, zu entwikkeln; so erhellet, daß die Lebhaftigkeit des Geistes auch die Fähigkeit zum Vergnügen vermehrt, oder daß der lebhaftere Mensch die Vergnügungen oder den Verdrus weit stärke empfinden müsse, als der weniger lebhafte. –" Seit. 19.

 

[Ia-06-1780-0159]
5) Ieder erfülte Wunsch erregt Vergnügen.

 

[Ia-06-1780-0160]
"Ieder erfülte Wunsch vergnügt. Denn wenn man wünscht, so hat man ein Bestreben nach einer gewissen Reihe von Ideen; und so lange nun der Lauf der Natur oder die Verbindung der menschlichen Begebenheiten diesen Ideen entgegen ist, so wird die Seele verhindert sie zu verfolgen; dieses macht ihr Verdrus. Sobald ihr aber

 

[Manuskriptseite 68.]

die Ordnung der Begebenheiten freie Bahn macht, und alles so geht, wie sie's gewünscht hatte; so fährt die Thätigkeit der Seele mit Lebhaftigkeit zu, um die Ideen so, wie sie sie verlangt hat, zu entwikkeln: und dieses vergnügt. –" Seit. 20. 21.

 

[Ia-06-1780-0161]
6) Von Verdrus und Vergnügen.

 

[Ia-06-1780-0162]
"Alles, was der Seele viel Ideen, die mit einander verbunden sind, zuführt und ihr Nahrung zu reichhaltigen Ideen giebt – dies ist ihr angenehm.

 

[Ia-06-1780-0163]
Kein Gegenstand, der die Seele auf eine angenehme oder unangenehme Art bewegt, ist einfach; er ist nothwendig zusammengesezt, oder mit andern Worten, er hält Mannigfaltigkeit in sich. Dieses bestimt den wesentlichen Unterschied unter Dingen, die der Seele natürlicher Weise gleichgültig sind, und die sie rühren. Der Unterschied der an sich selbst angenehmen oder unangenehmen Gegenstände, kan nur in Verbindung des Mannigfaltigen liegen, das sie in sich schliessen. Ist Ordnung in dieser Verbindung, so kan die Seele den Gegenstand ihrem Geschmak gemäs bearbeiten, und er wird also angenehm sein: ist aber keine darin, so ist er unangenehm. –" S. 22.

 

[Ia-06-1780-0164]
7) Von Empfindungen.

 

[Ia-06-1780-0165]
"Die Wirkung der Materien auf unsre Werkzeuge scheint uns in einem fortzugehen; wir stellen sie uns

 

[Manuskriptseite 69.]

als eine Art von ununterbrochenem Drukke vor. Ein Schal, z. B. scheint, so lange er dauert, die Nerven ohne Unterbrechung zu berühren. Aber aus zuverlässigen Untersuchungen hat sich ergeben, daß das, was uns ein Druk oder eine ununterbrochene Wirkung scheint, wirklich nur eine unterbrochene Folge von Stössen oder Schlägen ist, die so geschwinde hinter einander geschehen, daß wir die Zwischenzeit nicht gewahr werden können. Denn wie das Auge die alzu kleinen nicht Entfernungen nicht unterscheiden kan, sondern zwei sehr nach aneinander liegende Theilchen Materie, die sich gleichwol nicht berühren, als wirklich einander berührend vorstelt; eben so kan auch das Ohr die kleinen Zwischenzeiten, so bald ihre Dauer zu kurz ist, nicht bemerken. Und ob also gleich der Schal nur aus einer sehr grossen Anzahl von wiederholten Schlägen besteht, so scheint er uns doch eine ununterbrochen fortgehende Bewegung zu sein.

 

[Ia-06-1780-0166]
Eben diese Bewandnis hats auch mit dem Lichte. Die Bewegung, welche die Augennerven empfangen, ist nichts anders, als eine unendliche Anzahl von Stössen, die mit grosser Schnelligkeit aufeinander folgen. In Abicht der beiden Hauptsinne läst sich dies leicht erweisen. In Absicht der übrigen Sinne ist es schwer, die Art und Weise, wie sie von den ihnen zusagenden Materien gerührt werden, recht zu bestimmen. Nach aller Wahrscheinlichkeit Nach aller Wahrscheinlichkeit aber geschieht es auf eben die

 

[Manuskriptseite 70.]

Art, wie bei den beiden Hauptsinnen. Wie solte man auch die Wirkung riechender Materien oder der schmakhaften Säfte anders, als durch eine Folge mehrerer Berührungen erklären können? Ein einziges Theilchen, das nur einmal berührt, kan auch nur eine augenblikliche Empfindung erwekken; sol die Empfindung von Dauer sein, so müssen nothwendig wiederholte Eindrükke geschehen. Man kan nicht sagen, daß die Nerven eine zitternde Bewegung empfangen, die sie eine merkliche Zeit behalten; denn die Nerven sind weder gespante Saiten, noch steife Körper. Wären sie das, so würde die Empfindung auch auf einen einzigen augenbliklichen Eindruk fortdauern, welches aber der Erfahrung zuwider ist. So bald man das Auge schliest, oder das Ohr verstopft, hören die Empfindungen auf; Dahingegen sie anhalten würden, wenn die Nerven irgend eine merkliche zitternde Bewegung hätten. –" S. 56. 57.

 

[Ia-06-1780-0167]
8) Von der Geistigkeit der Sinne.

 

[Ia-06-1780-0168]
"Die Erfahrung lehrt uns, daß die Lebhaftigkeit der Sinne in der Proportion zunimt, als die Nerven gröber sind. Das Gesicht bringt die schwächsten und das Gefühl die stärksten Empfindungen hervor; auch die übrigen Sinne erregen Empfindungen, die mit der groben Beschaffenheit ihrer Nerven oder der ihnen zusagenden Materien in Proportion stehen. Was ist doch das Vergnügen, das uns die Farben

 

[Manuskriptseite 71.]

des Regenbogens machen, gegen das ienige gerechnet, das uns die Harmonie erwekt? Und wie schwach ist doch das Vergnügen über das schönste Konzert, in Vergleichung mit demienigen, das ein weit gröberer Sin verursacht? Die Vergnügungen der feinern Sinne gleichen hierin einem sanften Zephyr, und die Vergnügungen des Gefühls einem ungestümmen Winde, dem sich nur mühsam widerstehen läst. Eben so ists auch mit der Lebhaftigkeit der unangenehmen Empfindungen. Weder das Auge noch das Ohr, noch die Geruchsnerven können iemals von einem Gegenstande so verwundet werden, daß dadurch in der Seele eigentlicher Schmerz entstünde; sie können sehr unangenehme Empfindungen oder einen starken Abscheu erwekken, aber Schmerzen kan allein der Sin des Gefühls {Schmerzen kan allein der Sin des} verursachen. Die Ursache davon ist handgreiflich. Die feinsten Sinne sind die, deren Berührung durch solche feine Materien geschieht, die schwache Eindrükke auf die Nerven machen können; und diese Eindrükke können mithin nur sehr sanfte Empfindungen hervorbringen. Wenn also die Gesichtsnerven völlig auf ähnliche Weise gerührt würden, als wie ein andrer Gegenstand auf einen andern Sin wirket; so würde das Vergnügen oder Misvergnügen, das man von diesen beiden Eindrükken empfände, der Stärke der in den Nerven hervorgebrachten Bewegung proportionirt sein. Wären wir nur im Stande die Massen der Materien iedes Sins, und die Geschwindigkeit ihres Stoffes anzugeben, so könten wir auch die Proportionen von der

 

[Manuskriptseite 72.]

Lebhaftigkeit der Empfindung, welche die Sinne erwekken, geometrisch bestimmen. Man sezze z.B. die spezifischen Massen des Lichts und des Schals verhielten sich wie m zu M, und ihre Geschwindigkeit wie V zu v; so würde sich die Lebhaftigkeit des Gesichts zur Lebhaftigkeit des Gehörs, wie V2 m: v2 M verhalten. –

 

[Ia-06-1780-0169]
Wenn man dieses wol gefast hat, so wird man auch einsehen, daß ohnerachtet der volkomnen Analogie zwischen Tönen und Farben, die Idee von einer Musik fürs Auge sehr unbedeutend ist; weil doch immer die Wirkung einer solchen Musik ohne alle Vergleichung schwächer sein würde, als die Wirkung der wahren Musik. Könte man aber diese Idee auf die andern Sinne, den Geruch und den Geschmak anwenden; und für diese eine Musik erfinden; so bin ich überzeugt, daß die Wirkung derselben ausserordentlich sein würde. Nichts würde dann leichter sein, als die Menschen alle Augenblikke in die lebhaftesten Empfindungen zu versezzen. Vielleicht geniessen wir aber izt, ohne diese weithergeholten Erfindungen, gerade so viel Vergnügungen von den Sinnen, als nöthig ist, uns in Thätigkeit zu sezzen, und vielleicht würden wir die Vergnügungen von den Sinnen einer höhern Art völlig aus den Augen verlieren, wenn wir iener Zahl oder Lebhaftigkeit noch vermehrten.

 

[Ia-06-1780-0170]
Ich gerathe hier noch auf eine andre Bemerkung über die Verschiedenheit der Sinne, die mir ziemlich merkwürdig scheint. Dieienigen, welche die schwächsten Eindrükke auf die Seele

 

[Manuskriptseite 73.]

machen, sind eben die, die sich dem Geistigen am meisten nähern. Die blos intellektuellen Ideen rühren weit weniger als die sinlichen Empfindungen; aber dafür sind sie auch deutlicher, und eben deswegen ists auch leichter, sich ihrer mit Hülfe des Gedächtnisses wieder zu erinnern. Das Gedächtnis kan sie uns tausendmal und immer wieder mit ihrer ursprünglichen Klarheit darstellen. Empfindungen von Farben rühren lebhafter als intellektuelle Ideen; aber die Einbildungskraft erneuert sie nicht so leicht, als die Ideen: und die erneuerten oder zweiten Empfindungen derselben, wenn ich sie so nennen darf, rühren viel weniger, als die ersten und wirklichen Empfindungen. Das Bild von Regenbogen, das man sich in der Einbildung vormalt, macht in Vergleichung des wirklichen Regenbogens nur einen schwachen Eindruk. Und ie tiefer man nun zu den niedrigen Sinnen herabsteigt, desto schwerer findet man's auch, sich durch die Einbildungskraft die vergangnen Empfindungen dieser gröbern Sinne wieder vorzustellen. Eines Tons erinnert man sich leichter, als eines Geruchs, und des Geschmaks einer gewissen Frucht leichter, als einer Empfindung des Gefühls. In der Sommerhizze ist's sehr schwer, sich das Frieren im Winter nur mit einiger Lebhaftigkeit zu gedenken, und der Unterschied zwischen dem Gedanken vom Frieren und wirklichen Frieren ist beinahe unendlich gros. Man erkennet hieraus, wie sich die Sinne nach und nach gleichsam erheben, um sich dem Geistigen, so viel als möglich zu nähern. Es ist auch eine sehr weise Anordnung der Natur, daß sich die sinlichen Vergnügungen durch die Einbildungskraft weniger

 

[Manuskriptseite 74.]

als die intellektuellen durchs Gedächtnis erneuern lassen, und die schwächern leichter als die lebhaftern zur Erinnerung kommen. Denn was könte uns bewegen, uns zum Genusse intellektueller Vergnügungen geschikt zu machen, wenn's so leicht wäre, uns die sinlichen Vergnügungen in so reichem Maasse und um so geringen Preis zu verschaffen? Würde sich wol der Mensch, ohne diese Dürftigkeit an sinlichen Vergnügungen iemals merklich über die unvernünftigen Thier' erhoben haben? – –" Seit. 60. 61. 62. 63.

 

[Ia-06-1780-0171]
9) Wie man eben dieselbe Sache auf verschiednen Seiten betrachten kan.

 

[Ia-06-1780-0172]
"Man mus bemerken, daß eine iede Sache verschiedne Seiten bot, und daß es bei dem Urtheile, welches wir davon fällen, blos darauf ankömt, von welcher Seite wir sie betrachten. Verschiedne Gesichtspunkte bringen auch verschiedne Urtheile hervor. Es ist also sehr wol möglich, daß wir eben dieselbe Sache, die wir vermittelst klarer Vorstellungen von einer Seite ansehen, auch zugleich durch dunkle Vorstellungen von der entgegengesezten Seite betrachten, und dadurch die beiden Urtheile, die wir davon fällen, wiedersprechend werden. – –" Seit. 199.

 

[Ia-06-1780-0173]
"Man hat oft so dunkle Neigungen oder Abneigungen, daß man sie nicht erkennen kan. Dies findet vornämlich stat, wenn die dunkle Empfindung mit längst vergangnen Dingen zusammen hängt. Man hat oft Neigungen oder

 

[Manuskriptseite 75.]

Abneigungen, deren Ursachen man vergeblich nachforschen würde, weil sie sich auf eine Idee oder auf einen Vorfal beziehen, die sich von den Iahren unsrer Kindheit herschreiben, und welche die Zeit ganz verdunkelt hat. Dadurch lassen sich viele Paradoxen erklären. Man erstaunt zuweilen darüber, daß sehr verständige und scharfsinnige Leute Vorurtheile hegen, die uns unverzeihlich zu sein scheinen. Diese Vorurtheile sind ganz gewis sehr natürliche Folgen von irgend einer dunkeln in dem Grunde der Seele schlechterdings verborgnen Idee. –" S. 110.

 

[Ia-06-1780-0174]
10) Wienach dunkle Ideen die Seele mehr bewegen als deutliche.

 

[Ia-06-1780-0175]
"Dies mus so erklärt werden. – – Man bemerke zuvörderst, daß nichts in der Seele vorgehe, ohne daß zu gleicher Zeit eine gewisse gleichförmige Bewegung im Nervensysteme erfolge, so, daß einer ieden Vorstellung in der Seele eine gewisse Erschütterung in den Nerven entspricht. Bei der blossen Vorstellung wirken nur die Nerven des Gehirns, und ie mehr die Vorstellung zusammengesezt ist, desto grösser ist die Anzahl der sich bewegenden Nerven. Wenn sich die Vorstellung in Empfindung verwandelt, so theilt sich diese Bewegung den Nerven der Brust mit. Das Gehirn scheint also der Siz der Gedanken, und das Zwerchfel der Siz der Empfindung und der unsern Willen ausrichtenden Kräfte der Seele zu sein.

 

[Manuskriptseite 76.]

[Ia-06-1780-0176]
Die Verbindung, welche zwischen den Nerven des Gehirns und zwischen den Nerven der Brust stat findet, ist uns zwar unbekant; man bemerkt aber doch stets, daß bei einer gewisssen Verwirrung in den Ideen, die Erschütterung vom Gehirne zur Brust fortgehe; und dies ist der Augenblik, in welchem die Vorstellung die Empfindung hervorbringt. Last uns nunmehr betrachten, was in der Seele vorgehe, wenn sie recht deutlich denket. Eine Vorstellung ist nur darum verworren, weil ihre Theile oder die einfachen Ideen, woraus sie besteht, in Eins vermengt sind, und auf einmal wahrgenommen werden: Sol eine Vorstellung deutlich werden, so mus man die Theile derselben von einander absondern, und ieden insbesondre betrachten. So lange die Seele dieses thut, ist allemal nur eine einzige Idee oder einfache Vorstellung recht klar, und folglich wird alsdann nur ein einziger Nerve merklich erschüttert. Daher rührt die Stille oder die grosse Ruhe der Seele und des Körpers, welche man bei denienigen antrift, die sich im Nachdenken vertiefen. Die Wirkung eines einzigen Nerven ist zu schwach, um seine Erschütterung den Nerven der Brust mitzutheilen. Ein Beispiel wird dies begreiflicher machen. Man überreicht mir eine Schrift. Erst seh' ich dieselbe nur im Ganzen und verworren; ich sehe schwarze Zeilen auf einem weissen

 

[Manuskriptseite 77.]

Grunde, und nehme dabei im Ganzen eine gewisse Ordnung und Zierlichkeit wahr. So lange die Wirkung meines Auges auf das ganze Blat gerichtet ist, kan ich kein Wort davon lesen. Sol ich eines davon insbesondre unterscheiden, so mus die Linie meines Auges grade auf dieses Wort gerichtet sein. Dann wird das Bild, welches sich hinten im Aug' abmahlet, an dem Orte, wo dieses Wort steht, deutlicher, alle andre Bilder werden verworrener, und ich kan dieses Wort lesen. Inzwischen les' ich es, ohne mir ieden Buchstaben, woraus es zusammengesezt ist, deutlich vorzustellen; und wenn ich eine deutliche Erkentnis von der Schrift erhalten sol, so mus ich nicht nur iedes Wort insbesondre sehen, sondern noch ausserdem ieden Buchstaben, und sogar ieden Zug, woraus der Buchstabe zusammengesezt ist, unterscheiden. Indem ich aber dieses thue, so ist offenbar, daß in iedem Augenblikke nur ein einziger fast untheilbarer Punkt hinten im Aug' eine völlige Klarheit bekömt; die andern Theile des Bildes sind alle sehr verworren. In diesem Falle wird also nur eine einzige Faser der Sehenerven merklich gerührt; und diese Bewegung ist zu schwach, um sich den übrigen Theilen des Nervensystems mitzutheilen. So geht's nun allemal zu, so oft wir deutliche Vorstellungen haben. Es ist auf

 

[Manuskriptseite 78.]

einmal nur ein einziger heller Punkt in dem Verstande, nur eine einzige Vorstellung ist recht klar; alles übrige von den gegenwärtigen Vorstellungen wird verdunkelt, und kan nicht von uns wahrgenommen werden.

 

[Ia-06-1780-0177]
Hieraus wird begreiflich, warum sehr deutliche Vorstellungen wenig auf die Seele vermögen, und warum nothwendig eine gewisse Anzahl von besondern Vorstellungen in einem verworrenen Ganzen beisammen sein mus, wenn eine Empfindung hervorgebracht werden sol. Blos die grosse Menge auf einmal merklich erschütterter Nerven ist vermögend die Erschütterung den Nerven der Brust mitzutheilen.

 

[Ia-06-1780-0178]
Ich komme nun wieder zu meiner Hauptabsicht zurükke, nach welcher ich den widersinnigscheinenden Saz erklären solte, daß die dunkeln Vorstellungen mehr Gewalt über uns haben, als die klaren und deutlichen. Nun begreift man aus dem, was ich bisher angemerkt habe, daß keine Vorstellung anders eine Empfindung hevorbringt, als wenn sie verworren ist. So bald sie nur ein wenig deutlicher wird, so fängt der Verstand an, sich damit zu beschäftigen; denn unsre Natur bringts so mit sich, daß wir eine Vorstellung, die einen gewissen Grad der Klarheit hat, gern aus einander sezzen wollen. Indem wir aber dieses thun, so geht alles, was hierbei geschieht, blos im Gehrine vor. Ist hingegen die Verwirrung so gros, daß der Verstand nichts dabei unterscheiden kan, so wirkt das Ganze

 

[Manuskriptseite 79.]

der Sache auf einmal auf uns, und bringt die Empfindung hervor. Wenn sich also zwo Vorstellungen zu gleicher Zeit einfinden, so wirkt die dunkle gar nicht auf den Verstand, sondern führet unmittelbar zur Empfindung, da indessen die andre den Verstand wenigstens auf etliche Augenblikke beschäftigt; und eben in diesen Augenblikken bemächtigt sich die dunkle Vorstellung der Seele, und bringt die Handlung hervor. Es ist nicht möglich, daß die langsame Wirkung der deutlichen Ideen die schnelle Wirkung der dunkeln Ideen verhindre, und auf diese Art überrascht oft die Empfindung die Vernunft. –" Seit. 112. 113. 114. 115.

 

[Ia-06-1780-0179]
"Wenn wir eine dunkle Empfindung von einer Sache haben, so sind wir nicht im Stande ihren Werth zu schäzzen. Denn, wir sezzen das, was wir empfinden, nicht auseinander, und halten oft das, was ein blosses Vorurtheil ist, für eine Wirkung unsers eignen Urtheils; wir glauben, das zu empfinden, was andre für uns empfunden haben. Ein Vorfal, der sich ziemlich oft zuträgt, kan zur Erläuterung dieser Anmerkung dienen. Zwo Personen sehen von weitem etwas, das sie nicht hinlänglich unterscheiden. Man sucht herauszubringen, was es wol sein möchte. Der eine thut den Ausspruch, was es wol sein möchte. Sogleich bekräftigt der andre dieses Urtheil, und überredet sich,

 

[Manuskriptseite 80.]

daß es die von ienem genante Sache deutlich sehe. Inzwischen hatte sich iener in der Benennung geirt, und sieht etwas ganz anders, als was er genant hatte. Solchergestalt hintergeht uns die Dunkelheit unsrer Vorstellungen, und macht, daß wir Einbildungen für Wirklichkeiten halten.

 

[Ia-06-1780-0180]
Hieraus läst sich leicht die grosse Wirkung der dunkeln Ideen erklären. Da es unmöglich ist, an demienigen, was man empfindet, zu zweifeln, so zweifelt man eben so wenig {Elend !!} an demienigen, was man zu empfinden glaubt, und man glaubt glaubt] am linken Zeilenrand bis "gehört" senkrechte Markierung. MIWI, alles dasienige zu empfinden, was zu einer etwas dunkeln Vorstellung einer Sache gehört. Es giebt tausend Dinge, worüber wir vor den Iahren der eignen Überzeugung unzählige male andre haben urtheilen gehört. Mit diesen Urtheilen sind wir so bekant geworden, daß uns, so oft uns eines von diesen Dingen wieder vorkömt, zugleich das Urtheil, das wir darüber haben fällen hören, wieder einfält, und dies geht so schn schnel in uns vor, daß die ganze Vorstellung innere Empfindung zu sein scheint. Wenn wir also etwas thun sollen, das sich darauf bezieht, so müssen diese dunkeln Bewegungsgründe, als Folgen iener vorgegebnen Empfindungen, nothwendig wirksam sein, die Vernunft mag dazu sagen, was sie wil. Es verhält sich hiemit eben so, wie mit den optischen Täuschungen, wo's fast unmöglich

 

[Manuskriptseite 81.]

ist, der Bezauberung zu wiederstehen. Man mag es noch so gewis wissen, daß der Mond bei seinem Untergange nicht grösser ist, als er im Mittagskreise war, so behält doch die Täuschung die Oberhand über die Vernunft, wenn man auch gleich weis, woher der Irthum entsteht. –" Seit. 115. 116.

 

[Ia-06-1780-0181]
11) Warum die Kirchenväter die Schauspiele so verworfen haben.

 

[Ia-06-1780-0182]
"Das Theater behielt zu Rom immer etwas vom schlechten Geschmakke und der Unanständigkeit an sich, welche es bei seiner ersten Anlage karakterisirten. Das grosse Verderben der Sitten in den lezten Zeiten der Republik, und unter den Kaisern, verbreitete sich auch auf's Theater, insonderheit, nachdem man die Mimen, die Pantomimen, und die Tänzer (Paladins) auf dasselbe hatte kommen lassen. Man sah damals auf demselben nichts als unflätige, unanständige und höchst schandbare Vorstellungen. Dergleichen gefährliche Schauspiele zogen sich den Tadel der Philosophen und der ersten christlichen Lehrer, welche man Kirchenväter nent, zu, und seit dieser Zeit ist in machen Ländern mit dem Stande eines Schauspielers Schande verbunden. Und so hat das Theater, ungeachtet der beträchtlichen Verbesserungen, die man damit vorgenommen hat, einen Theil seines schlechten Rufs bis auf unsre Zeiten behalten. –" Seit. 147. 148.

 

[Manuskriptseite 82.]

[Ia-06-1780-0183]
12) Dem Zufal hat man eine grosse Menge Ideen zu danken.

 

[Ia-06-1780-0184]
"Eine grosse Menge Ideen hat man wahrscheinlicher Weise dem Zufalle zu danken. Von dieser Art scheinen die meisten Verhältnisbegriffe zu sein; man würde sie vielleicht niemals gehabt haben, wenn nicht die Erfahrung diGelegenheit zur Beobachtung der sich wechselsweise auf einander beziehenden Dinge (Korrelaten) *...* herbeigeführt hätte. Man würde zum Beispiel sich niemals den Begrif von der Festigkeit gemacht haben, wenn man niemals flüssige Materien gefühlt hätte. Es ist so gar sehr wahrscheinlich, daß es viele Algemeine Eigenschaften der Körper giebt, von welchen wir blos darum keinen Begrif haben, weil das Gegentheil davon niemals beobachtet worden ist. Wir empfinden viele Dinge ohne es zu wissen, weil die sinliche Empfindung niemals aufhört. So kan man den ganzen Tag über ein ziemlich starkes Geräusch hören, dessen man sich nicht bewust ist, man müste sich denn auf etliche Augenblikke die Ohren zugestopft haben. –" Seit. 171. 172.

 

[Ia-06-1780-0185]
13) Nachahmung der Menschen in Ansehung der Thiersprache.

 

[Ia-06-1780-0186]
"Das Bellen des Hundes z.B. konte von einigen so nachgeahmt werden, daß die Sylbe Hu stark aussprachen, da indessen andre es durch den Laut Hu nachzumachen glaubten.

 

[Manuskriptseite 83.]

Das Geschrei der Ente konte nach einigen durchs Wort Ana, und nach andern durch den Laut Ant ausgedrükt werden, und daher kömt die doppelte Benennung dieses Thiers, da es im Lateinischen anas und im deutschen Ant oder Ente heißt. – Iederman weis, daß der Schal des Donners bald mit dem Laute der Sylbe ton, bald mit dem Laute der Sylbe bron eine Ähnlichkeit hat, so, daß das griechische Wort @@@@@@, brontä, eben so wol das Zeichen des Donners sein konte, als das lateinische tonitru, das französische tonnerre, oder's deutsche Donner. Eben diese Bemerkung kan man auch beim Brüllen des Stiers, welches mit dem griechischen Worte @@@, bald mit dem lateinischen bos, oder deutschen Ochs eine Ähnlichkeit hat. – Seit. 174.

 

[Ia-06-1780-0187]
"Der Laut, den fast alle Hunde, wenn sie gereizt werden, von sich geben, konte durch die Sylben orr, irr, err, ausgedrükt werden; der Zorn des Menschen hat eine offenbare Ähnlichkeit mit der Leidenschaft des Hundes, die man durch die genanten Sylben ausdrükken konte; daher sind natürlicher Weise die Wörter @@@@, ira, irrité, welche die Leidenschaft des Zorns beim Menschen bezeichnen, entstanden. Von da hatte man nur einen ziemlich leichten Schrit zu thun, um dasselbe Wort @@@@ zur Bezeichnung einer ieden ungestümen Leidenschaft überhaupt zu gebrauchen." Seit. 176. 177.

 

[Manuskriptseite 84.]

[Ia-06-1780-0188]
14) Vom Bewustsein unsrer Selbst.

 

[Ia-06-1780-0189]
"Es verhält sich mit der Idee, die wir von uns selbst haben, eben so, wie mit allen Ideen von sinlichen Dingen; sie ist eben denselben Zufällen unterworfen. Wir erhalten sie vermittelst der Sinne. Unter denen Körpern, die unsre Sinne rühren, sehen und empfinden wir einen, der so beständig und so wesentlich mit unsrer Existenz verbunden ist, daß wir ihn unsern Körper, oder auch uns selbst nennen. Diese Idee also von uns selbst, sag' ich, ist so wie alle übrige, bald mehr, bald weniger klar oder auffallend; zuweilen so dunkel oder so wenig merklich, daß sie aus der Seele ausgelöscht zu sein scheint. Nun weis man aber, daß unsre Urtheile über die von uns selbst unterschiednen Dinge mehr oder weniger wahr und gründlich sind, nach den verschiednen Graden der Klarheit und der Volkommenheit der Ideen, die wir davon haben. Man weis ferner, daß wir um so vielmehr oder weniger geschikt sind, eine Sache zu behandeln, und sie nach allen Seiten zu drehen, um sie zu ergründen, um so viel mehr oder weniger deutlich und volstädnig die Idee ist, die wir von dieser Sache haben. Eben dieselben Verschiedenheiten ereignen sich auch in den Urtheilen über uns selbst, in der Richtung unsrer Kräfte, in unsern Endzwekken, unsern Absichten und unsern Handlungen, denn dieses alles hängt von der Idee ab, die wir von uns selbst haben. –

 

[Manuskriptseite 85.]

[Ia-06-1780-0190]
Im tiefen Schlafe aber, und in der Ohnmacht scheinen die sinlichen Empfindungen, so wie alle übrige Vorstellungen, gänzlich aufzuhören. In diesem Falle ist das Bewustsein schlechterdings erloschen, und dieser Fal zeigt uns, daß die Seele sich nicht anders als vermittelst des Körpers und einer gewissen Wirkung, welche andre Körper aufs Nervensystem haben, empfinde; und daß sie keine absolute Idee von sich selbst habe, weil sie sich nicht anders empfinden kan, als wenn sie sich mit andern Dingen vergleicht. Die Seele würd' also ohne die materialische Welt nichts anders als eine todte Kraft sein, die in einer ewigen Unwirksamkeit bleiben würde. Wenn sie wirken sol, mus sie schlechterdings von aussen gereizt werden. Es findet sich hierinnen eine grosse Ähnlichkeit zwischen der Seele und der Materie. In ieder Masse von Materie liegen Kräfte, welche schlechterdings tod sind, bis eine andre Masse auf dieselbe wirkt. Dann zeigt sich erst die Materie durch ihren Widerstand, und durch die Veränderung, die sie in der andern Masse hervorbringt, wirksam. Hört die Wirkung von aussen auf, so verfält die Masse sich die sich kurz vorher so wirkam zeigte, sogleich wieder in einen Zustand, wo alle Wirksamkeit gänzlich zernichtet zu sein scheint. – –" Seit. 201. 202. 203.

 

[Ia-06-1780-0191]
"Ich habe sagen gehört; daß Personen, die aus einer langen Ohnmacht wieder zu sich gekommen sind, eine Rede, da, wo sie diesselbe beim Ohnmächtigwerden gelassen hatten, wieder

 

[Manuskriptseite 86.]

fortgesezt haben, welches auf den vorerwähnten Fal hinausläuft. Dieses Faktum lehrt uns, daß die Seele selbst alsdann, wenn sie keine klare sinliche Empfindungen, und folglich auch kein Bewustsein hat, in keiner gänzlichen Unwirksamkeit sei. Sie behält, ob gleich dunkel, die lezten klaren Vorstellungen, die sie gehabt hatte. Inzwischen findet keine fortschreitende Handlung oder Wirkung in diesem Zustande stat. Daraus läst sich die Folgerung ziehen, daß blos vermittelst des Bewustseins ein Gedanke auf den andern folge, und daß es um so viel leichter sei, von einer Idee und Vorstellung zur andern überzugehen, um so viel deutlicher und volständiger das Bewustsein ist. Überhaupt scheint das Vermögen zu denken mit dem Grade der Volkommenheit, der bei dem Bewustsein stat findet, in einem genauen Verhältnisse zu stehen. –" Seit. 205. 206.

 

[Ia-06-1780-0192]
15) Nach einer Lieblingsidee der Seele richten sich gemeiniglich alle andre Ideen.

 

[Ia-06-1780-0193]
"Wenn es auf der einen Seite wahr ist, daß die sinlichen Empfindungen mit der grösten Kraft auf die Seele wirken, so mus man auf der andern Seite erwegen, daß es keine, nur **g einigermassen starke, Leidenschaft giebt, zu welcher sich nicht sinliche Empfindungen gesellen. Die Röthe des Gesichts bei der Schaam, eben diese von einer merklichen Wärme begleitete Röthe bei dem Zorne, und die Blässe bei dem Schrekken, beweisen dies. Eine zur Gewohnheit gewordne, eine herschende, eine Lieblingsleiden

 

[Manuskriptseite 87.]

schaft nun, der man sich seit langer Zeit unterworfen und die man sogar gepflegt hat, bemächtigt sich der Seele dergestalt, daß alles darauf zurükgeführt wird, und daß fast keine einzige Vorstellung ist, die nicht damit zusammenhänge. Eine solche Leidenschaft also zieht die ganze Masse unsrer klaren und dunkeln Vorstellungen in ihrem Gefolge mit sich. Wenn daher diese Leidenschaft wirkt, so ist nichts in der Seele, das nicht mitwirkte. Der gröste Theil des Nervensystems ist dabei mit im Spiele. Ist's denn zu verwundern, daß in einem solchen Falle die ungeheure Menge von seit vielen Iahr angehäuften Vorstellungen, die nun alle zur Stärkung der Leidenschaft mitwirken, die Oberhand über die stärksten sinlichen Empfindungen gewinnen? Das ziemlich gewöhnliche Beispiel einer für eine gewisse Art von Kentnissen oder Übungen entschiednen Leidenschaft zeigt, wie sie alles auf ihren Gegenstand zurükführt, indem sie alles, was man sieht und hört, mit der grossen Kette von Lieblingsvorstellungen verbindet. Der für seinen Stand eingenommene Soldat sieht im menschlichen Geschlechte lauter Rekruten, und sucht in den verschiedenen Ländern, welche er durchläuft, nichts als Wachposten, Lagerstellen und Schlachtfelder. Dadurch gewöhnt er sich dergestalt daran, alles auf seine Lebensart zurükzuführen, daß weder seine Seele noch die Nerven seines Körpers für etwas anders Kraft und Wirksamkeit haben, so bald seine Leidenschaft durch eine besondre Gelegenheit erregt wird. –" Seit. 216. 217.

 

[Manuskriptseite 88.]

[Ia-06-1780-0194]
16) Warum Träumer ihre Einbildungen für wahr halten.

 

[Ia-06-1780-0195]
"Es ist klar, daß wir sehr geneigt sind, unsre Einbildungen für etwas wirkliches zu halten, und daß so gar dergleichen Täuschungen sich nothwendig so oft zutragen müssen, als wir während der Zerstreuung einen klaren Eindruk erhalten, der von einer auf wenige Umstände sich beziehenden sinlichen Empfindungen verursacht wird. Dieser Fal verdient eine nähere Untersuchung. So bald die Aufmerksamkeit auf blos idealische Vorstellungen gerichtet ist, so vergessen wir nothwendiger Weise alles, was zu unserm äussern sinliche Empfindung Zustande gehört. Izt werden wir durch eine sinliche Empfindung, die nicht recht bestimt ist, schwach gerührt, oder, um mich richtiger auszudrükken, wir empfinden nur auf eine sehr unvolkomne Art. So bald wir die geringste Ähnlichkeit zwischen dieser Vorstellung und einer andern ganz verschiednen, aber weit umständlichern, die uns das Gedächtnis darbietet, bemerken, so bilden wir uns ein, daß es diese leztere sei, die mit der sinlichen Empfindung übereinstimt. Wir versichern, eine Sache gesehen oder gehört zu haben, obgleich bei unsrer Versicherung nichts Wirkliches zum Grunde liegt. Eben dies geschieht zuweilen, ohne daß die geringste sinliche Empfindung zu einer solchen Täuschung Gelegenheit gegeben hätte. Die recht klare Idee eines sinlichen Gegenstandes, die sich in unsre Betrachtung mit mischt, ist dazu hinlänglich. Ein heiliger

 

[Manuskriptseite 89.]

Einsiedler, der ganz in geistliche Betrachtungen vertieft ist, und dadurch alle Lokalideen verliert, hat eine so klare Idee von der Erscheinung eines Engels, daß er ihn zu sehn glaubt; und er mus es nothwendig glauben, weil er gar keine sinliche Vorstellung von aussen erhält, und ihm also nichts aus dem Irthume dieses Gesichts heraus hilft. Gerade eben diese Bewandnis hat's mit den Träumen. Wenn ich im Schlafe eine sehr klare Idee von einem gewissen Orte habe, so mus ich mir nothwendig einbilden, daselbst zu sein, weil ich von keinem andern Orte, wo ich mich gegenwärtig befinden könnte, eine klare Idee habe. Eben so verhält's sich auch in Ansehung der Zeit. Wenn uns alle auf die gegenwärtige Zeit sich beziehenden sinlichen Empfindungen fehlen, und wir denken im Traume an längst geschehene Dinge, so müssen wir nothwendig glauben, daß wir uns in der Zeit befinden, zu welcher diese Dinge gehören. –" Seit. 220. 221.

 

[Ia-06-1780-0196]
17) Die sinlichen Empfindungen tragen viel zum Bewustsein unsrer selbst bei.

 

[Ia-06-1780-0197]
"Blos vermittelst der beständigen und mannichfaltigen sinlichen Empfindungen erhalten wir uns in Absicht auf die Wirklichkeit unsers äussern Zustandes bei der gesunden Vernunft. Wir können über idealische Dinge richtig urtheilen und schliessen, von Folge zu Folge fortgehen, und solches genau nach den Regeln der Logik thun, und doch zugleich in

[Manuskriptseite 90]

Ansehung der wirklichen Dinge und unsrer Lage in der Welt ganz verkehrt denken und handeln. Dieses beweist, daß die Wirkungen des Verstandes, in so fern er sich deutliche Begriffe macht, und nach den Regeln des vernünftigen Denkens handelt, weder von den Regeln Sinnen noch von der Organisation des Körpers abhängen, sondern zum Wesen der Selbst Seele selbst gehören. So bald es aber auf die Wirklichkeit existirender Dinge ankömt, so würden wir uns unaufhörlich verirren, wenn uns nicht die sinlichen Empfindungen immer wieder auf den rechten Weg zurük brächten, und niemals würden wir ohne sie wissen, wo wir uns befinden. Diese Empfindungen, gleich denen an Scheidewegen errichteten Säulen, die uns den Ort, wohin sie führen, anzeigen sollen, sind uns zu dem Ende gegeben, damit wir nicht irre gehen. Hätten wir nur undeutliche und auf wenige Umstände sich beziehende sinliche Empfindungen, die nichts anders als die Vorstellung von unserm Dasein überhaupt hervorbringen könten, so würde unser ganzes Leben ein beständiger Traum sein; und es würde fast nichts in unsern Gedanken sein, das mit der Wirklichkeit der Dinge dieser Welt übereinstimte. Da es nun sehr wahrscheinlich ist, daß es viele Dinge in der materiellen Welt giebt, für welche wir keine Sinne haben, und daß wir selbst die auf unsre Sinne sich beziehenden Gegenstände nur sehr unvolkommen empfinden; so ists nicht zu

 

[Manuskriptseite 91.]

verwundern, daß wir auf der einen Seite von vielen Dingen in der Welt gar nichts wissen, und daß auf der andern Seite der verständigste Mensch immer Irthümern und Täuschungen unterworfen ist. – –" Seit. 221. 222.

 

[Ia-06-1780-0198]
18) Wienach ein tiefes Nachdenken der Seele Vergnügen erwekken kan.

 

[Ia-06-1780-0199]
"Das Vergnügen, welches das tiefe Nachdenken zu begleiten scheint, begleitet dasselbe nicht, aber es kan drauf folgen. In dem Augenblikke selbst, da wir damit beschäftigt sind, eine Idee zu entwikkeln, macht sie uns niemals Vergnügen, sondern dies geschieht in den Augenblikken, da die Seele, nachdem sie den Gegenstand eingesehen hat, wieder an sich selbst zurükdenkt. Diese zwo Handlungen der Seele können wechselsweise mit solcher Schnelligkeit auf einander folgen, daß man sie für gleichzeitig hält, welches sie doch ganz gewis nicht sein können. Eigentlich interessirt uns nichts, als was in uns selbst ist; nun scheint uns aber ein ieder Gegenstand des Nachdenkens ausser uns zu sein. So lange es sich aber so damit beschäftigt verhält, rührt er uns nicht. Eben hieraus mus man den wahren Unterschied herleiten, der sich zwischen spekulativen und praktischen Ideen findet. Iene sind wie ausser uns und werden von gar keiner Rüksicht auf uns begleitet, diese sind dergestalt in uns, daß wir sie nicht anders als mit der Empfindung unsrer selbst, welche ihre Vorstellung begleitet, gewahr werden. Der Meskünstler, der mit der

 

[Manuskriptseite 92.]

Auflösung einer Aufgabe beschäftigt ist, hat nicht das geringste Vergnügen davon, so lange die Wirksamkeit seines Geistes blos auf seinen Gegenstand eingeschränkt ist. Wenn er aber erst in seiner Entdekkung etwas weiter gekommen ist, bringt er schnel die Ideen wieder zusammen, die er bisher auseinander gesezt hat, und deren Verbindung ihm die Richtigkeit seiner Auflösung begreiflich macht. Als dann sieht seine Seele wieder auf sich selbst zurük, und bemerkt, was in ihr vorgeht. Und eben dieses bringt die stärkere oder schwächere Gemüthsbewegung hervor, womit iede Empfindung vergeselschaftet ist. Bei den Arbeiten des Geistes, die nicht zu den tiefsinnigsten gehören, läst man von Zeit zu Zeit den Faden der Untersuchung fahren, um alles, was man bis auf den gegenwärtigen Augenblik gethan hat, in eine einzige Idee zusammen zu fassen: und als dann überläst man sich dem Vergnügen dieser Arbeit; einem Vergnügen, welches durch die verworrene Idee unsers Gegenstandes und durch die klare Idee unsrer selbst hervorgebracht wird. Dieser freie Übergang von der einen dieser Handlungen des Geistes zur andern ist der volkommenste Zustand, worin sich die Seele befinden kan; und eben die Fertigkeit wechselsweise, aber sehr schnel, von einer zur andern überzugehen macht den Karakter der glüklichen Köpfe aus, die eben

 

[Manuskriptseite 93.]

so geschikt zur Spekulation als zu Geschäften sind. Die Schwierigkeit vom Zustande der Betrachtung in den Zustand des Empfindens überzugehen, macht, daß sich zuweilen die tiefdenkensten Köpfe gar nicht gut zu Geschäften schikken, und giebt ihnen ein so blödsinniges äusserliches Wesen, daß man sie zuweilen mit Leuten von ganz gemeinen Fähigkeiten vermengt. – –" Seit. 233. 234. 235.

 

[Ia-06-1780-0200]
19) Anmerkung vom tiefen Nachdenken.

 

[Ia-06-1780-0201]
"Sehr oft sind Männer, die sich im tiefen Nachdenken vorzüglich geübt haben, zu Geschäften ungeschikt. Die Gewohnheit, tief nachzudenken, vermindert die Aufmerksamkeit auf sich selbst, und die Fertigkeit, eine grosse Menge von Dingen unter einen einzigen Gesichtspunkt zu bringen; eine Fertigkeit, die zur glüklichen Ausführung der Geschäfte unentbehrlich ist. Das tiefe Nachdenken hat die Wirkung des Mikroskops, das uns die kleinsten Theile eines Gegenstandes sehr deutlich zeigt, aber zugleich den sichtbaren Raum dergestalt vermindert, daß es uns unmöglich ist, den ganzen Gegenstand zu übersehen. Bei den meisten Geschäften kömt's vornämlich darauf an, daß wir die verschiednen Gegenstände, die sich darauf beziehen, so weit von unsern Augen entfernen, als es nöthig ist, wenn wir sie alle auf einmal fassen und ihre Verbindungen und Verhältnisse einsehen sollen. – –" Seit. 239.

 

[Manuskriptseite 94.]

[Ia-06-1780-0202]
20) Es ist schwer den Empfindungen zu widerstehen oder sie zu erkennen.

 

[Ia-06-1780-0203]
"Man bringt's niemals dahin, alles, was zu den Gegenständen, welche die Empfindung erregen, gehört, genau zu erkennen. Man kan sogar sagen, ie stärker eine Empfindung ist, desto schwerer hält's, zu einer richtigen Erkentnis des Gegenstandes, der sie verursacht, zu gelangen. Man empfindet seine Gegenwart, man nimt ihn deutlich wahr; aber man hat nicht Zeit, zu bemerken, wie er auf uns wirkt. Dies kömt daher, weil die Empfindung sogleich die Aufmerksamkeit auf uns selbst richtet, und sie vom Gegenstande abwendet. Bei starken Leidenschaften sieht man diese Wirkung augenscheinlich. Der Schrekken macht, daß man des Gegenstandes, der uns bedroht, vergist, und anstat die Gefahr zu vermeiden, sich derselben nähert. Es geschieht öfters, daß ein Mensch, der vor Zorn ausser sich ist, sich an einem Unschuldigen rächt und den Schuldigen entwischen läst. Überhaupt begreift man hieraus, woher die Verblendung kömt, die gemeiniglich starke Leidenschaften begleitet. Der Grund davon ist, weil man bei solchen Leidenschaften blos auf seinen innern Zustand Acht hat, und alles Äussere vergist. – –" Seit. 240.

 

[Ia-06-1780-0204]
21) Bemerkung von den Sinnen.

 

[Ia-06-1780-0205]
"Was die Beschaffenheit der Sinne angeht, so ists offenbar, daß uns die Natur und Einrichtung der Organen

 

[Manuskriptseite 95.]

gleichsam nöthigt, uns iede sinliche Eigenschaft der Körper als ein gewisses Ding vorzustellen, oder uns ein gewisses Bild davon zu machen, welches sehr verschieden sein würde, wenn eben dieselbe Eigenschaft einen andern organisirten Sin rührte. Das Gesicht z.B. bringt in Verbindung mit dem Gefühle dem Geiste die Idee der Ausdehnung als die Idee eines Etwas bei, dessen Existenz und Möglichkeit man unabhängig von den Körpern begreifen kan. Wenn uns aber das Gesicht mangelte, so würde unstreitig die durch's Gefühl hervorgebrachte Idee der Ausdehnung von dem, was sie gegenwärtig ist, sehr verschieden sein. –" Seit. 250.

 

[Ia-06-1780-0206]
22) Der Zustand der Seele beim Träumen.

 

[Ia-06-1780-0207]
"Es ist offenbar, daß, wenn sich unser Geist in einem finstern Zustande befindet, wenn wir z.B. schläfrig oder sehr ermüdet sind, wir nicht die deringste Aufmerksamkeit weder auf uns selbst, noch auf das, was um uns her vorgeht, richten. Der Geist scheint alsdenn gar keine Kraft zu haben; und wenn uns auch irgend ein Gegenstand rührt, so überlassen wir den Lauf unsrer Vorstellungen dem Zufalle; die leichtesten Spiele der Einbildungskraft leiten ihn. So ist der Zustand des Geistes beim Träumen beschaffen; er ist so veränderlich, als die Lag einer Pflaumfeder, die der geringste Hauch ohne einigen Widerstand forttreibt. Und ob wir gleich in diesem Zustande zuweilen ziemlich klare Vorstellungen haben, so halten wir

 

[Manuskriptseite 96.]

sie doch so wenig feste, daß wir sie um der kleinsten und unbedeutendesten Umstände willen wieder fahren lassen. Im Zustande des volkomnen Wachens hängt die Folge von Ideen durch stärkere und festere Bande zusammen; der Übergang von einer Idee zur andern geschieht vermittelst einer wirklichen Gleichförmigkeit zwischen zwo benachbarten Ideen, weil der Verstand blos eingebildete Verbindungen verwirft. Im Traume hingegen veranlassen die unnatürlichsten Verbindungen den Übergang von einer Idee zur andern; und man macht dabei keinen Unterschied zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was zu sein scheint. Die Flügel einer Windmühle, die eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit zween ungeheuren zum Schlagen aufgehobnen Armen haben, werden für wirkliche Arme gehalten, und durch eine andre eben so seichte Folgerung ist die Windmühle selbst ein Riese. Man sieht hieraus, daß in diesem Zustande die Folge der Ideen nicht ohne Verbindung ist, daß aber die Verbindungen sehr leicht und unbedeutend sind, weil sie von dem ungefähren Zufal herrühren. – –" Seit. 255. 256.

 

[Ia-06-1780-0208]
23) Bemerkung von den Thieren.

 

[Ia-06-1780-0209]
"Eine zu einfache Organisation, die nur sehr wenige, und sehr wenig von einander verschiedne sinlich Empfindungen zuläst, erhält das Thier in einer beständigen, dem Schlafe ziemlich ähnlichen Dumheit. Dieses

 

[Manuskriptseite 97.]

wird unmittelbar durch die Erfahrung bestätigt. Iene Thiere, die der scharfsichtige Hr. Trembley so berühmt gemacht hat, nehmen die lezte Stelle in der Klasse der empfindenden Wesen ein, und scheinen an's Pflanzenreich zu gränzen. Ihre Organisation gehört auch wirklich zu den einfachsten. Das ganze Thier ist nichts als ein einziger Darm, der sich in einem Munde und einigen Armen endigt. Dies läst uns vermuthen, daß sich die sinlichen Empfindungen dieses Thiers darauf einschränken, daß es hungert, und dann den Raub in seiner Gewalt fühlt. Diese sinlichen Empfindungen alleine sind aber nicht hinlänglich, viel Licht in der Seele dieses Thiers zu verbreiten. Und dies ist die Ursache seiner Dumheit. Überhaupt scheint es, daß dieienigen Thiere, deren Organisation der Organisation des Menschen am nächsten kömt, die verständigsten sind; und daß sich der Schatten von Vernunft, der sich in den mit unsern fünf Sinnen begabten Thieren zeigt, nach dem Grade vermehrt vermindert, nach welchem sich ihre Organisation von der Organisation des Menschen, welche die volkommenste zu sein scheint, entfernt. –" Seit. 258. 259.

 

[Ia-06-1780-0210]
24) Ursprung der Narheit.

 

[Ia-06-1780-0211]
"Die Narheit entsteht gemeiniglich aus einer starken Leidenschaft die sich der Seele bemächtigt. Anfänglich läst sie ihr Gegenwart des Geistes genug, um sich zu erkennen, um das, was sie niederschlägt, deutlich zu bemerken, und nicht weiter, als man selbst wil, davon zu reden.

 

[Manuskriptseite 98.]

Nach und nach gewöhnt sich die Seele daran, an nichts anders als an diese Sache zu denken; sie verliert die Aufmerksamkeit auf sich selbst und auf das, was sie von aussen umgiebt; einzig und allein mit ihrer Leidenschaft beschäftigt, zieht sie alles dahin. Unvermerkt vergist sie das, was den Kummer, der sie beunruhigt, veranlast hat; sie wird es nicht mehr gewahr, daß sie sich in einem gewaltsamen Zustande befindet, weil ihr derselbe gewöhnlich geworden ist; und dadurch verliert sie das Nachdenken über diesen Zustand, und beobachtet nicht mehr die nöthige Vorsichtigkeit, um sich zu bedenken. Etwas diesem sehr ähnliches geht bei lange anhaltenden Schmerzen vor. Iedermann weis, daß man sich dergestalt dran gewöhnt, daß man sie vergessen kan; dies hindert aber nicht, daß man nicht, ohne dran zu denken, mit der Hand nach dem leidenden Theile fahre und mancherlei Handlungen vornehme, die von der dunkeln Empfindung des Schmerzes herrühren. –" Seit. 261. 262.

 

[Ia-06-1780-0212]
25) Von der Vervolkomlichkeit der Thiere.

 

[Ia-06-1780-0213]
"Die Thiere haben soviel Gleichförmigkeit mit der vernünftigen Seele des Menschengeschlechts, daß ich nicht abgeneigt bin, zu glauben, daß der ganze Unterschied zwischen diesen zwo Arten von Seelen blos von der Organisation des Körpers herkomme. Ich möchte also wol die Muthmasung wagen, daß die Thier' aus einem

 

[Manuskriptseite 99.]

Zustand' in den andern übergehen, daß sie in ihren künftigen Zuständen besser organisirte Körper haben und zulezt zur Vernunft gelangen werden. – –" Seit. 281.

 

[Ia-06-1780-0214]
26) Was ist Genie? – – –

 

[Ia-06-1780-0215]
"Das Genie ist keine besondre Fähigkeit der Seele, sondern eine algemeine Beschaffenheit aller ihrer Fähigkeiten. Es ist gewissermassen in Absicht der Erkentniskräfte eben das, was in Absicht der Begehrungskräfte das Temperament ist oder der Humor ist. Das Temperament, das ich verstehe, (ich rede vom Temperament der Seele) ist weder eine Neigung, noch eine Leidenschaft; aber es modifizirt alle Empfindungen des Herzens, und eben so modifizirt das Genie alle Fähigkeiten der Erkentniskräfte. Daher unterscheiden sich auch die Menschen in Absicht auf den intellektuellen Karakter eben so durchs Genie, wie sie sich in Absicht auf den moralischen Karakter hauptsächlich durchs Temperament unterscheiden. – Das Genie besteht hauptsächlich im Vermögen, sich aller intellektuellen Fähigkeiten der Seele mit Geschiklichkeit und Leichtigkeit zu bedienen. – –" Seit. 309.

 

[Ia-06-1780-0216]
27) Beweis, daß die endlichen Wesen nicht auf einmal, sondern nur in einer gewissen Zeitfolge volkommen glüklich sein können – – und daß es nothwendig ist, daß sie vorher einen Zustand unangenehmer Empfindungen durchgehen musten.

 

[Ia-06-1780-0217]
"Kein endliches Wesen, das Verstand hat, kan eher glüklich sein, bis es eine gewisse Reihe deutlicher Ideen

 

[Manuskriptseite 100.]

gehabt hat. Man hat schon lange bewiesen, es sei ein unterscheidendes Kenzeichen des unendlichen Wesens, daß es alles, was es sein kan, zu gleicher Zeit ist; da hingegen ein unendliches Wesen nur stufenweise die höchste Volkommenheit seines Daseins erreichen kan. Wir finden auch hier davon ein sehr merkwürdiges und besondres Beispiel. Ich hab' schon gesagt, daß die volkommenste Glükseeligkeit ausgebreitete Einsichten und deutliche Ideen voraussezt; und mithin alles dasienige, was nothwendig ist, diese Einsichten und Ideen zu erwerben. Wenn wir aber die Natur eines endlichen Wesens erwägen, so finden wir, daß es nur in einer gewissen Zeit sich Kentnisse erwerben kan; und daß ie volkomner und mannigfaltiger die Kentnisse, ie mehr und ie deutlicher die Ideen sind, desto längere Zeit erfordert wird, sie zu erwerben. Wir wollen einmal annehmen, ein endliches verständiges Wesen hätt' in dem ersten Augenblikke seines Daseins alle mögliche Ideen, das heist, ein anschauendes Bild vom Ganzen. Müste nicht diese Idee nothwendig sehr verwirt sein? Denn solte sie deutlich sein; so müste das endliche Wesen durch eine einzige Handlung alles, was da ist, und alle unzählbaren Arten des Daseins umfassen und sich vorstellen können; es müste ganz deutlich und volständig das Dasein der Welt mit allem, was davon abhängt, kennen. Dies aber ist grade der unterscheidende Vorzug des unendlichen Wesens. Ein un endliches Wesen kan nur wenige Gegenstände auf einmal umfassen; es gehören verschiedne

 

[Manuskriptseite 101.]

und wiederholte Handlungen seines Verstandes dazu, wenn es seine Einsichten erweitern, und sie bis zu einem vorzüglichen Grade von Deutlichkeit erhöhen sol. Da's seiner Natur nach unmöglich in einem Zeitpunkte auf alle einzelne Ideen, welche die Idee des Ganzen in sich schliesset, eine gleich grosse Aufmerksamkeit wenden kan; so mus es nothwendig seine Aufmerksamkeit nach einander bald auf diesen bald auf ienen Theil richten. So mus also ein endliches Wesen, es mag auch noch soviel Stärke des Geistes besizzen, nothwendig Zeit dazu gebrauchen, um alle besondre Ideen, welche eine zusammengesezte Idee enthält, sich deutlich zu machen. Noch weniger aber kan dieses Wesen eine Kentnis von würklichen Begebenheiten, von Wirkungen der Ursachen ohne eine Folge von Ideen haben. Denn gehört zu dieser Kentnis nicht nothwendig Erfahrung, und zur Erfahrung Zeit?

 

[Ia-06-1780-0218]
Noch mehr. Wenn wir mit etwas Aufmerksamkeit überlegen, wie das endliche Wesen deutliche Begriffe erwerben könne; so würd's uns ganz einleuchtend, daß dazu auf einanderfolgende Handlungen des Verstandes erfodert werden, die so sehr von einander verschieden sind, daß sie schlechterdings nicht zu gleicher Zeit geschehen können. Was für verschiedne Äusserungen des Geistes sind nicht die Aufmerksamkeit, die Reflexion, das Gedächtnis, die Abstraktion, das Verbinden oder trennen der Ideen u.s.w.? Ist es wol möglich, daß ein endliches Wesen

 

[Manuskriptseite 102.]

zu gleicher Zeit sich auf so ganz verschiedne Arten äussern könte? Alles dieses, dünkt mich, beweist genugsam, daß ein endliches Wesen gründliche und ausgebreitete Einsichten nicht anders als in einer gewissen Zeit erwerben kan; und daß es also Gott selbst unmöglich war, Wesen zu schaffen, die gleich im ersten Augenblikke ihres Daseins alle die Kentnisse hatten, die zur höchsten Glükseligkeit nothwendig erfodert werden. Ich weis wol, daß man gemeiniglich glaubt, die Almacht könne durch eine einzige Handlung auch die roheste Seel' erleuchten. Aber es kömt hier nicht auf das an, was man sich ohn' alle Kentnis der Sache einbildet. Ein Mensch, der gar nichts von Geometrie weis, kan sich einbilden, es sei nichts leichter, als ein Dreiek zu verfertigen, das zwei reichte Winkel hätte, ob dies gleich ein völliger Widerspruch ist. Da die Voraussezzung, deren ich vorher erwähnt habe, der wesentlichen Natur eines endlichen Wesens ganz zuwider ist, so wenig es auch beim ersten Anblikke den Schein hat; so ist sie auch unmöglich, weil Gott dem endlichen Wesen nicht die Eigenschaften des unendlichen beilegen kan. Diese Betrachtung mus uns noch auf eine Folgerung leiten, welche alle die Dunkelheiten, durch welche die menschliche Vernunft so oft aufgehalten wird, wenn sie über die Wege Gottes nachdenken wil, zerstreuen kan. Wenn bei dem unendlichen Wesen

 

[Manuskriptseite 103.]

alles sukzessiv ist; so kan's unmöglich schon in dem ersten Augenblikke seines Daseins volkommen glüklich sein. Es kömt aus den Händen seines Schöpfers begabt mit allem, was es bedarf um so glklich zu sein, als es nach seinen Verbindungen und Verhältnissen mit allen übrigen Wesen sein kan. Aber eh' es das wird, mus es erst nach und nach seine Fähigkeiten entwikkeln. Sein Dasein fängt mit einer sehr dunkeln und höchsschwachen Empfindung desselben an. Seine ersten Ideen sind natürlich sehr verwirt, und nur von sehr schwachen Empfindungen begleitet. Unterdessen werden die angebornen Fähigkeiten immer mehr geübt, immer weiter vervolkomt; und also wird das Wesen selbst immer aufgeklärter. Seine Vergnügungen werden immer häufiger, und gründlicher; ohne daß sie des wegen iemals aufhören müsten; denn sie sind eines Wachtsthums in's Unendliche fähig. so wird also dieses Wesen, das im Anfange seines Daseins nur eine gedankenlose und unempfindliche Monade war, in entferntern Zeitperioden ein erhabner Geist, der sich dem Unendlichen unaufhörlich nähert, so nähert nähert, wie sich's Endliche dem Unendlichen nähern kan. Dies ist eine kurze Abbildung seines Fortgangs, der auf die unveränderliche Einrichtung seiner Natur gegründet ist. – –

 

[Manuskriptseite 104.]

Daß die Begebenheiten der Welt, unsern Wünschen zuwider laufen, ist ohne Zweifel die gewöhnlichste Ursach unsrer Schmerzen. – Die Welt ist ein System, welches durch's unendliche Wesen hervorgebracht und geordnet ist. Diese Wahrheit leg' ich als ausgemacht zum Grunde. Alle Theile dieses Systems, die gleichzeitigen und die aufeinanderfolgenden, müssen demnach so mit einander verbunden sein, daß sie ein regelmässiges Ganze ausmachen, dessen Theile nach den algemeinen Gesezzen der Volkommenheit, die's Wesen ihrer dieses Systems ausmachen, eingerichtet sind. Es bedarf nur einer sehr geringen Aufmerksamkeit, um einzusehen, daß iede andre Vorstellung von der Welt sich mit dem Begriffe eines unendlichvolkommen Wesens schlechterdings nicht vertrage. Iede einzelne Begebenheit hängt also vom Ganzen ab, und, um zu beurtheilen, ob eine gewisse Sache sich in der Welt begeben sol, mus man vom ganzen eine deutliche Vorstellung haben. Nun ist's aber einleuchtend, daß ein verständiges Wesen gar keine andern Entwürf' und Wünsch' haben könne, als die ganz natürliche und nothwendige Folgen seiner Ideen sind. Wenn mir z.B. etwas gut scheint, so ists natürlich unmöglich, daß ich nicht eine Begierd' empfinden solte, dieses Gut zu besizzen; und eben so unmöglich ist's, daß ich was wünschen solte, wovon ich

 

[Manuskriptseite 105.]

gar keinen Begrif habe. Die Begierden eines verständigen Wesens müssen also nothwendig aus der beschaffenheit seiner Ideen entspringen. Diese Ideen werden nun wieder durch die Stelle, welche ein Wesen im Ganzen einnimmt, durch den Grad seiner Fähigkeit, und durch die Zeit, in welcher es dieselbe hat vervolkommnen können, bei iedem Individuum ganz verschieden bestimt wird. Sie sind also eine lange Zeit hindurch sehr eingeschränkt; so lange nämlich das verständige Wesen nur einen gewissen Theil des Ganzen übersehen kan. Nach und nach lernt's immer mehr übersehen, und seine Ideen werden also auch immer mehr erweitert. Hieraus folgt, daß die Wünsche des Endlichen unmöglich immer mit den Begebenheiten der Welt, welche die Resultate der Gesezze des Ganzen sind, übereinstimmen können. Dann nur, wenn,'s endliche Wesen einen deutlichen Begrif vom Ganzen hätte; und alle Triebfedern der Begebenheiten kente. Dann würd' es einsehen, was und warum alles geschehen und geschehen müste; es würd' empfinden, daß alle Begebenheiten den Gesezzen der Ordnung und Volkommenheit ganz angemessen sein. Es würde mit allem, was ihm begegenete gern zufrieden sein; s und sich mit Vergnügen dem Laufe der Natur überlassen. – –" Seit. 337. 338. 339. 340. 341. 342. 343.

 

[Manuskriptseite 106.]

[Ia-06-1780-0219]
28) Von der Thätigkeit der Seele.

 

[Ia-06-1780-0220]
"Wenn man die Natur dieser thätigen Kraft genau betrachtet, so sieht man, daß ihr Wesen in einer Bestrebung besteht, unsre Empfindungen zu verändern, sie nach unsern Absichten zu bilden, das Unangenehme derselben umzuschaffen, und Folgen draus zu ziehen, welche unsrer Denkungsart angemessen sind. Hierauf schränkt sich unsre Selbsthätigkeit ein. Sie sezt also klare Vorstellungen voraus; und wenn uns diese mangeln, so ist ist sie natürlicher Weis' unwirksam, weil's ihr an Materie, oder an Gegenständen fehlt, mit welchen sie sich beschäftigen könte. Aber deswegen ist sie eben so wenig ganz unwirksam, als die Schnelkraft eines Körpers vernichtet ist, dessen Theile sich izt alle im Zustande des Gleichgewichts befinden. Die Schnelkraft ist nur allein darauf gerichtet, dieses Gleichgewicht in elastischen Körpern zu erhalten, und so lange dieses Gleichgewicht in elastischen Körpern nicht beunruhigt wird, ist sie nichts als eine Wirksamkeit ohne sichtbare Wirkung. Ob nun schon diese Kraft nur als dann in eine sichtbare Thätigkeit ausbricht, wenn eine Aussenursache ienes Gleichgewicht in einem elastischen Körper stört, so wird doch kein Mensch sagen, daß die Schnelkraft nichts als eine Folge des Stosses wäre, den der elastische Körper von einem andern Körper empfängt. Denn das wäre völlig ungereimt, weil die Schnelkraft zugleich mit dem äussern Stoffe

 

[Manuskriptseite 107.]

wirkt, und zwar in einer demsleben entgegengesezten Richtung, so daß er sie folglich nicht hervorbringen kan. Der Stos thut nichts, als daß er die Schnelkraft zur Äusserung auffordert. – Eben dieser Fal findet bei unsrer innern Selbstthätigkeit stat, welche sich nicht äussert, so lange wir keine klaren Vorstellungen haben. Denn wie solte die Seele in Vorstellungen wirken, die sie nicht hat? –" Seit. 351. 352.

 

[Ia-06-1780-0221]
29) Zwei Bemerkungen wider den Materialismus.

 

[Ia-06-1780-0222]
"Ich seh' eine unangenehme Farbe, oder ich hör' einen sehr unharmonischen Ton: alles dieses ist nichts anders, als eine gewisse Bewegung in irgend einem Gehirntheilchen. Aber in eben demselbigen Punkte des Gehirns ist ( nach der Hypothese ) wieder eine Kraft, welche in diese Gehirntheilchen wirkt, und dennoch geht die Bewegung derselben auf die nämliche Art fort, denn unsre Vorstellung von der Farbe bleibt immer dieselbe. Folglich ist die Kraft, welche sich bestrebt, in unsre Empfindungen zu wirken, keine Bewegkraft. Denn eine iede Bewegkraft, sie sei stark oder schwach, wenn sie in bewegte materielle Theile wirkt, mus die Bewegung selbst mehr oder weniger verändern, und das müst' auch die Seele thun können, wenn ihre Kraft eine Bewegkraft wäre. Da sie aber dieses nicht kan, so schliess' ich, daß die in unsre Ideen wirkende Kraft, keine Bewegkraft ist, und daß die Ideen selbst, in welche sie wirkt, etwas mehr sein müssen, als eine blosse Bewegung materieller Theile. – –

 

[Manuskriptseite 108.]

Die Seele verhält sich nicht leidend, indem sie die Ideen empfängt, denn einige fast sie willig auf, andern widersezt sie sich. Von den sinlichen Organen kan man sagen, daß sie die Eindrükke der materiellen Welt mit Gleichgültigkeit aufnehmen. Die häslichste Gestalt, die unangenehmste Farbe, der widrigste Ton – alles geht mit einer gleichen Leichtigkeit in's Sensorium, wo die Seele diese Vorstellungen empfindet. Die Annehmlichkeit un Unannehmlichkeit der Empfindungen, entsteht nicht von der Leichtigkeit oder Schwierigkeit, mit welcher etwan die Ideen von den Organen aufgenommen würden, sondern von etwas, was vor den Ideen schon in der Seele war. –" Seit. 354. 355.

 

[Ia-06-1780-0223]
30) Vom Bewustsein unsrer selbst.

 

[Ia-06-1780-0224]
"Wir sind uns unsrer nie so lebhaft bewust, als wenn wir uns anstrengen, aus dem gegenwärtigen Zustand' unsrer Empfindung in einen andern überzugehen. Die Anstrengung, welche wir uns da geben, wird alzeit durch einen gewissen merklichen Zwang hervorgebracht, der unsre Kraft zur Thätigkeit reizt. Wenn unsre Vorstellungen ohne Anstrengung auf einander folgen, so sind wir uns unsers Daseins kaum bewust. – Alle dieienigen, welche eine gewisse Zeitlang von den unwilkürlichen unangestrengten Vorstellungen irgend einer Ideenreihe dahingerissen werden, oder dieienigen, welche träumen, pflegen hernach zu sagen, daß sie sich diese Zeit

 

[Manuskriptseite 109.]

über vergessen haben. Man unterbrech' einen Menschen, dessen Aufmerksamkeit izt auf eine Idee geheftet war, und man frag' ihn alsdan, woran er gedacht habe. Er wird sagen, er wiss' es nicht, er habe sich vergessen. – –" Seit. 367. 368.

 

[Ia-06-1780-0225]
XVI.

 

[Ia-06-1780-0226]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Eilfter Band. Lemgo, in der Meierschen Buchhandlung. 1777.

 

[Ia-06-1780-0227]
1) Von der Lesart im Codice Claromantano @@] hier und im Folgenden die Sonderzeichen scannen! in 1 Tim. III, 16.

 

[Ia-06-1780-0228]
"Ad claromanum quod attinet, primum latina versio, quae inde ab antiquissimis temporibus constanter quod habebat, dubitare nos non finit, in codice hoc, qui a velusta velusta ] dieses Wort und am besten auch den gesamten lat. Text noch einmal überprüfen! - Berlin 2006latina translatione fere nunquam discrepat, ab inito c/o lectum fuisse. Deinde emendationis recentioris, qua ex O factum est OC indicia supersunt satis lucenta. Ab initio nempe erat O, a qua littera @@@@@ sive nota nova linea incipiebat. Emendator abrasa dimidia circelli parte hoc O mutavit in C, quo facto ante hoc C adiecit O O] ???; O mit zwei Punkten darin. Sed cum primitus O in C iam mutatum prima fuisset lineae littera, O O] siehe Nr. 351 extra lineam in

 

[Manuskriptseite 110.]

margine adponi debuit, adeoque ipsum suo loco et situ emendatoris, a quo additum fuerit, manum prodit. Porro Wetstenius aliique emendationem factam esse tradunt a manu recentiori; cel. Woidius vero recentionem quidem manum agnoscit in lineola litteris in circulo 28 8] mit Schnörkel darüber OC OC] O mit zwei Punkten o.ä. innen, über OC waagerechter Strich superimposita, et O in stantato; sed mediam lineolam sive diametrum huius litterae ab antiqua manu esse contendit, atque hinc totum O artiquitus adfuisse colligit. Facili negotio ven. Woidii testimonium cum aliorum narrationibus conciliari potest. Tenendum scilicet est, Claromontanum Codicem plurium, quatuor, quinque aut sex emendatorum manus procedente tempore expertum esse, quorum recentiores non raro repetierunt, atque instanrarunt antecessorum suorum emendationes. – –" Seit. 58. 59.

 

[Ia-06-1780-0229]
2) Von der Eintheilung der Seelenkräfte. –

 

[Ia-06-1780-0230]
"Nach unserm Verf. ist ein sinlicher Begrif ein solcher, der blos durch die Sinne formirt wird. Nun aber formiren denn die Sinne Begriffe? ermangeln sie nicht des Ruhms aller Schöpferkraft? Verhalten sie sich im Genus entweder nicht blos als leidende Organen, die sich geben lassen und annehmen, weil sie annehmen

 

[Manuskriptseite 111.]

müssen und können; oder wenn sie mit Absicht fixirt werden, komt der Rathschlus ihrer Bestimmung nicht aus dem höhern Gebiet? gehört zu ieder endlichen Schöpfung, wie die Gestaltung eines Begrifs ist, nicht ausser der Materie woraus, noch eine bildende Kraft, wodurch, die sich ihrer eben so wol bewust ist, als der Töpfer sich nicht mit dem Leim verwechselt, aus dem er Gefässe der Ehren oder Unehre gestaltet? Ist nicht die attive Digestion des Magens, etwas anders, als der Gaumen, durch dessen Kanal Trank und Speise geht, obgleich sie ihn kizzeln oder brennen kan? Weder Kizzeln und Brennen, noch die verschlukte Materie darf man mit der Digestion verwechseln, so wenig man Quadrat= und Kubikwurzeln mit dem logistischen Verstande, wodurch sie werden, für Eins halten kan. Wenn nun sinliche Begriffe, d.i. solche die aus Stoffen gebildet sind, welche durch sinliche Kanäle an den Ort ihrer Bestimmung gelangen konten und musten, eine bildende Kraft voraussezzen, die weder in den Elementen (die einer leidenden aber keine thätigen Bildung fähig sind), noch in den sinlichen Organen liegt, welche sich wie Handleiter eines Künstlers verhalten: wird denn diese idealische Bildungskraft durch die blosse Sinlichkeit des Stofs, aus dem sie bereitet, unter ihre Würde gesezt? Ist's nicht vielmehr eine pure gestaltende Kraft, wodurch die Seele sinliche und unsinliche Formen bildet? Wil man nach Maasgabe der obiektiven Verschiedenheit der Materie, woraus Ideen gebildet werden, der bildenden Kraft selbst wesentlich verschiedne Aktionen geben, so ist's iust, als

 

[Manuskriptseite 112.]

wenn iemand sagt, die Kunst des Uhrmachers ist wesentlich verschieden, ie nachdem er Gold oder unedlere Metalle bearbeitet, und seine Kunstkräfte lassen sich eintheilen in die höhere Kunstkraft, aus Gold; und in die niedere Kunstkraft, aus unvolkomnern Metal Uhren zu zubereiten; die Schöpferskraft Gottes läst sich eintheilen, in die Höhere, aus Erde Menschen, und in die niedere, aus Erde Würmer zu bereiten. Und was sind endlich sinliche Begriffe, die die äussern Sinne formiren sollen? Die Eindrükke des Rothen, Grünen, Süssen, Bittern u.f.? Dies sind ia keine Begriffe, die die Seele durch thätige Bildungskraft der Sinne erhalt. Sind es die Ideen, die im Verborgnen des innern Menschen aus ienem mannigfaltigen Stoffe gebildet werden? So entstehen diese durch die gestaltende Kraft der Seele (aim plasticam animi), vermöge welcher sie aus mannigfaltigem Stoffe sich mannigfaltige Gedanken und Ideenformen schaft. Man unterscheide daher im Menschen die Erkentniskraft und die thätig gestaltende Kraft der Ideenbildung, oder's eigentliche Denken. In beiden übertrift er die thierische Geistesökonomie. Er erkent das sinliche mehr als thierisch; und weil er mit den Dingen in einer logischern Sympathie steht, als das Thier, so attrohirt er mehr daraus; aber er weis auch mehr aus dem, was er geschöpft hat, zu machen; darum ist er @@@@ @@@@@@@@@@@@@@@. Übrigens ist bei demselben Menschen die Erkentniskraft eine

 

[Manuskriptseite 113.]

einzige und die iealische Bildungskraft eine einzige; diese aber wirken nach der iedesmaligen Stuffe ihres ausgebildeten Wachsthums. Ist diese hoch, so sieht er in den sinlichsten Dingen die unsinlichste Wahrheit, und kan aus den sichtbarsten Formen die feinsten Gedanken bilden. einer ist hierin Künstler, der andre Pfuscher. –" Seit. 111. 112. 113.

 

[Ia-06-1780-0231]
3) Bemerkung vom Denken und Empfinden.

 

[Ia-06-1780-0232]
"Im Zustande des Empfindens sieht sich die Seel' als leidend, im Zustand des Denkens als thätig an. Daraus läst sich sehr wol herleiten, warum man sage, daß man sich nur im Zustand deutlicher Empfindungen seiner Freiheit bewust sei. Bei den äusserlichen Empfindungen hängt's nicht von uns ab, ob wir empfinden wollen oder nicht, so bald eine Singlied sich in der Lage zum Empfinden befindet; und bei den innerlichen Empfindungen komt daher der Name Ppassionen, Affekten und Leidenschaften. Unterdessen ists freilich ein blosser Schein, daß sich die Seele bei den Empfindungen leidentlich verhält; denn sie mus sich auch bei ieder Empfindung thätig erweisen: es mus etwas da sein, was da anspant; sonst wäre die Seele beim Empfinden blos wie ein Spiegel, der da vorstelt, aber nicht sich vorstelt. – Die Unterschiede des Denkens und Empfindens sind diese: 1) Im Denken ist Einheit, im Empfinden Mannigfaltigkeit.

 

[Manuskriptseite 114.]

2) Im Denken das Mannigfaltige in einander vorgestelt; im Empfnden neben einander. 3) Folglich im Denken als Merkmal, im Empfinden als Theile. –" Seit. 578. 579.

 

[Ia-06-1780-0233]
4) Vom Temperamente.

 

[Ia-06-1780-0234]
"Der verschiedne Grad der Thätigkeit der Kraft, so fern der Grund dazu in der ursprünglichen Anlage der Seele liegt, macht das geistige Temperament aus. Mit dieser Thätigkeit der Kraft in der Seele mus ein bestimter Grad von Empfindlichkeit in den Nerven des Körpers verbunden sein, und dieser macht's körperliche Temperament aus. Ein beträchtlicher Mangel an Empfindungen aller Art gibt das phlegmatische Temperament. Das sanguinische Temperament ist mit Empfindlichkeit der Nerven aller Art verknüpft, und erhält die festen Theile des Körpers in Thätigkeit und's Blut in Bewegung. Das melancholische Temperament ist zu vermischten Empfindungen merklich aufgelegt. Eine herschende Neigung zu heftiger überwiegender Unlust macht das cholerische Temperament aus. –" Seit. 581.

 

[Ia-06-1780-0235]
XVII.

 

[Ia-06-1780-0236]
Auserlesene Bibliothek der neuesten Litteratur. Zwölfter Band. Lemgo, in der Meierschen Buchhandling. 1777.

 

[Ia-06-1780-0237]
1) Abris, wie eine Geschichte der Menschheit sein mus.

 

[Ia-06-1780-0238]
"Der Gegenstand der Geschichte der Menschheit ist der Mensch, in allen seinen merkwürdigen Situationen und Zuständen, im Zustande der Wildheit und der Kultur, auf den

 

[Manuskriptseite 115.]

mehreren bestimten Stuffen der Wildheit und der Ausbildung, unter allen Himmelsstrichen, und in allen Gegenden des Erdbodens, in denen man Menschen gefunden hat, oder auch noch findet. sie beschreibt nicht blos die Beschaffenheit ihres Geistes, sondern auch ihrer Körper. Und wenn sie ganze Völker des Erdbodens aus den entferntesten Gegenden, und aus den abgelegensten Zeitaltern mit einander vergleicht: so giebt sie vorzüglich auf ihre karakteristischen Unterschied', und wiederum auf die sonderbarsten Übereinstimmungen derselben, in Absicht auf die Seel' und den Körper Acht. Noch mehr: Die Geschichte der Menschheit stelt auch andre lebendige Geschöpf', und besonders die edlern Thiere, die man auf der Erdwelt endekt hat, neben dem Menschen. Einige Ähnlichkeiten unter beiden fallen sogleich in die Augen; aber noch mehr die fühlbaren Verschiedenheiten. Hier sucht sie der Grund von diesen unvereinbaren Verschiedenheiten unter dem Menschengeschlecht, und den übrigern volkomnern Thierarten auf. Endlich bemerkt sie dieienigen Verschiedenheiten, die die Einflüsse des Klima's, der Regierungsform, der Religion, und andrer Nebenumständ' an den Einwohnern der mehrern Erdgürteln, an ihrem Körper und an ihrem Geist', an Verstand und Herz hervorbringen. –" Seit. 205. 206.

 

[Ia-06-1780-0239]
2) Woher die vielen Varianten im N.T. her kommen.

 

[Ia-06-1780-0240]
"Schon zu Anfang des dritten Jahrhunderts existirten fast alle die Varianten, die wir heut zu Tage noch

 

[Manuskriptseite 116.]

übrig haben. Und woher diese sonderbare Erscheinung? Aus folgenden Ursachen: Erstlich gab's damals manche, welche sich erlaubten, eine Phrasis mit der andren zu verwechseln, um den Apostel zierlicher, oder deutlicher reden zu lassen. Oft kamen aus dem Rande Glossen in den Text; und zwar theils exegetische theils krittische Scholien; vieles war in den ältesten Handschriften mit Abbreviaturen geschrieben, und diese erklärte man falsch. Man hatte damals noch keine Begriffe von krittischer Genauigkeit, tauschte also bald Worte mit Worten um; veränderte Konstruktionen; verwarf die Ordnung der Wörter u.s.w. Diese Sorglosigkeit beim Kopiren des N.T. hört' auf, als die christliche Kirch' anfieng polemischer zu werden, und man aus Wörtchen Beweise führte. Ferner, als die christliche Kirche sich durch engere Banden vereinigte, um gegen die Kezzer loszugehen, so führte man einen mehr algemeinen und in gewissen enger verbundnen Gegenden angennommenen Text ein. Nun wurden Kommentare. geschrieben, Mönch' und Nonnen schrieben Handschriften ab, und diese machten sich ein Gewissen draus, nur in einer Sylbe abzuweichen; ia sie mahlten mehr Buchstaben, als sie schrieben, und konten also weniger abweichen. Diese Umstände misten den einmal hergebrachten Text in einer ziemlichen Gleichförmigkeit erhalten. – –" Seit. 288. 289.

 

[Ia-06-1780-0241]
3) Bemerkung vom Gefühl unsrer Persönlichkeit.

 

[Ia-06-1780-0242]
"In der zwoten Bedeutung heist Gefühl unsrer

 

[Manuskriptseite 117.]

Persönlichkeit, das aus den Vergleichungen unsers gegenwärtigen und vergangnen Zustandes entstehende Gefühl, daß wir, die wir izt sind, auch ehemals waren. Denn kein einziger neuer Eindruk kan sich ganz isolirt den Gehirnfibern eindrükken. Ein ieder neuer Begrif wekt ein oder mehrere andre auf, mit denen er sich verbindet. Man kan also nie mit Bewustsein empfinden, denken, handeln, ohn' auf eine dunkle oder klare Art zu fühlen, daß wir ehemals empfunden, gedacht und gehandelt haben. man kan niemals sich bewust sein, daß man ist, ohn' wahrzunehmen, daß man gewesen ist. –" Seit. 526.

 

[Ia-06-1780-0243]
XVIII.

 

[Ia-06-1780-0244]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Dreizehnter Band. Lemgo, in der Meier'schen Buchhandlung. 1778.

 

[Ia-06-1780-0245]
1) Warum David "ein Man nach dem Herzen Gottes" genent wird.

 

[Ia-06-1780-0246]
"David war ein Man nach dem Willen Gottes, wahrhaftig nicht wegen des wenigen Guten, was er an sich hatte, und der groben Streiche, die er ausübte, sondern allein darum, weil er zuerst den Dienst des ewigen wahren Gottes einführt' und die Abgötterei durch harte Strafen verbante. –" Seit. 69. 70.

 

[Ia-06-1780-0247]
2) Allerlei über Mannichfaltigkeit, Fortschreitung u.s.w.

 

[Ia-06-1780-0248]
"Es giebt eine Mannichfaltigkeit unter dem, was wir

 

[Manuskriptseite 118.]

Urstoffe nennen. Diese ist aber klein, und darf nicht unter den Begrif der Schönheit gebracht werden, weil sie zur metaphysischen Nothwendigkeit der Ökonomie gehört, und ohne sie sich keine Zusammensezzung und Konsistenz einer Welt denken liesse. Ferner giebt's eine zweite Art von Mannichfaltigkeit, die man die angewandte nennen könte, weil sie aus der wirklichen Anwendung der schöpferischen Kraft zur Bildung der zahlreichsten Wesen aus ienen Urstoffen entsprungen ist. Nämlich aus denselben Stoffen sind durch verschiedne Zusammensezzungen mannichfaltige Dinge hervorgebracht worden, woraus einerlei hätte werden können. Aber auch diese Mannichfaltigkeit gehört, ienem grossen Theile nach, noch unter den Begrif der physischen Ökonomie, die das Dasein einer Welt fodert. Einige vegetalische und animalische Arten sind zu einer schlichten Welt nothwendig, ohn' alle dieienige Schönheit, die die gegenwärtige Welt hat. Sonst wäre kein Bestand der Schöpfung; z.B. solten aus dem ganzen Vorrathe der Urstoffe lauter Menschen geschaffen werden, wovon solten sie leben? u.s.f. Daß aber endlich die angewandte Mannichfaltigkeit bis auf's kleinste und unzählbarste in der Welt sich findet, nach den götlichsten Idealen des Gleichmasses, der Anmuth, Harmonie in Leben und Bewegung, in Gestalt und Farbe, und nicht nach der blossen Dürftigkeit, wie sie die sparsamste Ökonomie nothwendig foderte: – das ist die Mannichfaltigkeit der Schönheit. Diese

 

[Manuskriptseite 119.]

durfte nicht so zahlreich sein, und die Geschöpfe hätten doch zufrieden sein müssen. Hier möchte man dem Stoiker beim Cicero (De N. D. C. II), der fast von derselben Sache redet, nachsagen: @@@@@@@ (providentia) nostra videtur finisse Epicurea (so köstlich und luxuriös wie Epikur.) Die wirkliche Ausführung dieses Gesezzes der Mannichfaltigkeit flöst so viel Bewunderung ein, daß keines endlichen Wesens Vorstellungskraft nur ein Infinitesimaltheilchen, vor dem Dasein, hätt' erfinden können. Man betrachte nur in der ganzen Schöpfung die Vertheilung des Lichts und des Schattens. Wie einfach das Licht, und wie wenige Grundfarben enthält's! Aber welche Gemälde der Natur in Gefilden der Blumen, in Farben der Thier' und alles Sichtbaren! Eben so bei Vertheilung des Lebens ! u. s. f. Solt' in den Werken der schönen Nachahmung, die die Seel' und Kunst erschaft, die Anwendung dieses Gesezzes der Mannichfaltigkeit Bedeutung und Wirkung haben, so mus die Anlage derselben für die Natur und Ökonomie des Gegenstandes, ausser dem Anmuthigen, auch physisch nothwendig sein, und nicht blos ein unregelmässiger Zierrath. – – Das Gesez der physischen Progression und Kontinuität möchte man das eigentlich methodische der Natur nennen, es geht durch alle Linien des Universums, erklärt ungemein viel; und hat zugleich etwas anschauendes für die * metaphysische Einbildungskraft. Nach diesem Gesezze wird der feinste Materialist den

 

[Manuskriptseite 120.]

Unterschied zwischen dem Materiellen und Geistigen betrachten. nach diesem Gesezz' erscheinen alle physischen Wesen, alle Arten des Seins und des Lebens und der Bewegung so in einander gefügt, und so in Progressionen steigend, daß das Auge der Seel' hier eben das sieh't, was dem Auge des Leibes in der Progression des Lichts und der Farben, und dem Ohr in den unmerklichsten Stuffenfolgen der Tön' empfindbar wird. Das Aug' unterscheidet eine Farbe von der andern deutlich, wie die Sekunde von der Prime das Ohr; aber's bedarf, um von einem zum andern über zu gehen, unendlich vie kleiner Elementarstuffen, die nicht so empfindbar sind. So in den Begriffen des Lebens, der Bewegung, der Ideosynkrasien, der Naturen, des Materiellen und Geistigen überhaupt. – – " In iedem Wesen, das gleichsam ein Büschel vereinigter Fähigkeiten ist, findet sich iedesmal ( nach des V. Meinung ) nure eine Menge lebender Kraft; das Übrige ist schlafende Fähigkeit. Die lebende Kraft nimt im Quantum nie zu; so wie eine Fähigkeit erwacht, geht die andre schlafen." – Allein solten die Erweiterungen der lebenden Kraft nach Art der geometrischen Progressionen nicht auch das arithmetische Quantum erhöhen? Solt' eine völlig ausgebildete Eiche nicht mehr vegetalische Kraft gleichsam im Gebrauch haben und anwenden, als wenn sie aus der Eichel eben hervorgeht? Nach dem Quantum der

 

[Manuskriptseite 121.]

wirksamen Kraft richtet sich doch das Quantum der Kraft zu widerstehen; und wie viel verstärkter findet sich diese nicht in der ausgebildeten Eich' u.s.w. als in dem, was kaum die ersten Schritte seiner Entwikkelung macht? Solte kein Zeitpunkt möglich sein, wo ein Wesen ganz entwikkelt: d.i. wo alle Fähigkeiten, die in der Zirkumferenz der individuellen Natur liegen, in Wirksamkeit wären? Die progressive Entwikkelung mus doch zulezt auch eine Summe geben. Man möchte nicht leicht sagen können, daß im Manne dieienigen Kräfte schlafen gegangen wären, die er als Kind im lebenden Gebrauch hatte, vielmehr, scheints nach dem Gesezze der Progression, haben sich eben diese Kräfte vom ersten Moment der Entwikkelung an erweitert und verstärkt. Ob er sie gleich nicht an denselben Gegenständen als Man übt, an denen er sie als Kind übte; so sind's doch nicht der Zahl nach verschiedne, sondern den Graden nach erhöhete Kräfte. man nehm' an, der Mensch hört in Ewigkeit nicht auf sein Leben und seine Aktion zu erweitern, so liegen doch diese unzählbaren Grade der Erweiterung in dem Quantum seiner Fähigkeiten, welches arithmetisch klein ist, wovon aber iede fortgehen kan in a1, a2, a3 pp. sonst müst' eine arithmetische Unendlichkeit von Fähigkeiten im Menschen liegen, und zwar, die der Art nach verschieden wären; denn wären sie das nicht, so könte man alle die, welche ausgewirkt haben, nicht schlafend nennen. Ruht eine

 

[Manuskriptseite 122.]

Kraft, so kan sie schon längst entwikkelt sein, sie schläft aber nicht, sondern sie wartet nur auf Anregung; Verschiedenheit der Gegenstände, woran sie sich übt, bringt auch keinen Unterschied in ihre Natur. Nur allein in dem Sinne lässet sich sagen, das Quantum der Kräft' eines Wesens nimt nie zu, wenn man ihren Inbegrif ( alle Fähigkeiten eines einzelnen Wesens machen die Peripherie seiner Natur aus ) in das, was man metaphysische Schranken nent, einschliest, z.B. liegt im Wesen b die höchst möglichste Summe der Entwikkelung bis b', so kan kein Engel und kein Mensch diese Gränze weiter führen. – – –

 

[Ia-06-1780-0249]
Das, was wir Einwirkung äusserer Wesen nennen, ist im Grunde nichts anders, als Gelegenheit (Anregung) zur innerer Entwikkelung (oder auch zur Theilnehmung und Kommunikation.) Dieser Grundsaz führt weit. Z.B. wenn man durch Reiben Feuer hervorbringt, da schaft man das Feuer nicht, sondern man verursacht, daß die Elemente von ihrer gefesselten Verbindung mit der Materie sich loswikkeln und sich kommuniziren. Eben so wenn eine iunge Seele durch Sokratische Fragen sich entwikkelt. In allen solchen Fällen sagt man wenigstens, daß Empfänglichkeit da sein müsse, etwas das angeregt werden kan, und weil es angeregt ist, weiter fortgehet. Unter dem aber, was angeregt wird, ist noch ein Unterschied. Einiges verhält sich mehr leidsam, und ahmt eine zeitlang den Eindruk nach; anderes aber ist vom Moment der Anregung an selbst ein immerspringender Quel. – –" Seit. 130. 131. 132. 133. 134. 135.

 

[Manuskriptseite 123.]

[Ia-06-1780-0250]
3) Die Bildung des Nationalkarakters der Iuden ist in Egypten zu suchen.

 

[Ia-06-1780-0251]
"Absonderung und Reinigung, ein tiefer Zug im Karakter der Egyptier in Sachen der Religion, prägte sich auch, wie natürlich ist, den Israeliten tief ein. So findet man in der gottesdienstlichen und bürgerlichen Verfassung der Israeliten nachmals nicht nur dieses, sondern auch maches andre, was mit dem Egyptischen in gröster Ähnlichkeit stand, ohne daß es einen Eingrif in die götliche Sendung Moses thäte. In Egypten verloren die Isräeliten iene patriarchalische Einfalt, und nahmen dafür einen egyptischen Geschmak an, besonders in Religionssachen. Ihre Dienstbarkeit hielt sie zur Erlernung vieler Künste an, die ihnen nachmals wichtig wurden. Dabei aber hatte diese Knechtschaft auf ihren Nationalkarakter den schlimmen Einflus einer sklavischen Denkungsart, die ihnen so schwer abzugewöhnen war. Doch mus man bedenken, daß dieses nur bis auf eine gewisse Zeit gilt. Dabei aber hörten ihrer Geschlechter und Stämme=Register und Würden nicht auf; sie hatten Priester, Schreiber, Stam= und Familienhäupter. Die Egyptier waren seit Iosephs Zeiten in guten und schlechten, wahren und falschen und abergläubischen Kentnissen weit fortgerükt. Moses muste während seines Aufenthalts am königlichen Hofe bei so grossen Anlagen seines Geistes in politischen, physischen

 

[Manuskriptseite 124.]

und mechanischen Kentnissen der egyptischen Priester und Gelehrten es weit bringen. Das Beste, was er lernte, war wol Gesezgebung und Staatspolizei des Landes, Kriegskunst der damaligen Zeit; auch die Art, wie in Egypten Polizei und Religion zu einer Hierarchie verbunden waren. – –" Seit. 203. 204.

 

[Ia-06-1780-0252]
4) Von den zusammengesezten Begriffen.

 

[Ia-06-1780-0253]
"Die zusammengesezten Begriffe kan man in zwei Klassen eintheilen; entweder es sind zusammengesezte sinliche Begriffe, die von zusammengesezten sinlichen Empfindungen unsrer äussern Sinne in unsern Gehirnorganen zurükgeblieben sind, wie z.B. die zusammengesezte Idee von einer Kirche, die wir schon oft gesehen haben, oder es sind zusammengesezte Begriffe, die nicht Reste äusserlicher sinlicher Empfindungen sind, sondern die wir vermittelst einer Operation unsers Verstandes aus einzelnen Empfindungen und Ideen zusammensezzen, und uns wilkürlich bilden, z.B. die Idee von einer Armee bei einem, der noch nie eine Armee gesehen hat. Alle zusammengesezte Ideen sind assoziirte Vorstellungen, und das Karakteristische derselben ist die Vereinigung der Assoziationen in ein einziges Ganzes. Bei assoziirten Begriffen aber sieht man die einzelen Begriffe, die mit einander verknüpft sind; als stets von einander getrente, von einander unabhängige und als verschiedne Ideen an. Die Anzahl der Ideen, die durch eine einzige aufwachende Idee lebendig gemacht wird, heist eine Ideenreihe. –" Seit. 240. 241.

 

[Manuskriptseite 125.]

[Ia-06-1780-0254]
5) Von der Summe des Unglüks eines Menschen.

 

[Ia-06-1780-0255]
"Wer wil über's Glük oder Unglük eines andern urtheilen? Vergnügen und Misvergnügen sind so relativ, daß man sie bei iedem Individuum nach einem individuellen Maasstab messen kan mus, den kein Mensch kent, als der Glükliche und der Unglükliche selbst. Ist der Betler unglüklich, der am harten Brode nagt, oder kaltes Wasser aus dem Bache trinkt? So mag mancher Wollüstling über seinen Zustand' urtheilen. Und bei dem empfindlichsten physischen Übel, bei der heftigsten Wuth zerreissender Krankheiten, – wie viele Quellen von Vergnügen fliessen für den Partialunglüklichen noch immer fort? – –" Seit. 272.

 

[Ia-06-1780-0256]
6) Von der Handschrift! –

 

[Ia-06-1780-0257]
"Kein Unedler kan schreiben, wie ein Edler; und aus der Handschrift allein ist's mir schon erkenbar, ob ich mich mit einem Menschen messen darf oder nicht. Der Heuchler, der flache Sentimentalist, u.s.w. wenn sie sich auch in allem verstellen könten, und sie können's in so wenigem, werden hier vom Seher Gottes entlarvt, als der sie sieht und entdekt, und die verhüllendste Demuth bricht hier mit Gotteserhabenheit hervor. Wer, der Göthe's Handschrift sah, bükt sich nicht tief vor dem tödenden und belebenden unerschöpflichen Quelgeist, der daraus dem Leser entgegenwalt? – –" Seit. 365. 366.

 

[Ia-06-1780-0258]
7) Vom fallenden Iüngling, vom Autor und vom Christen!! – –

 

[Ia-06-1780-0259]
"Siehe! Dieser Iüngling ist in Gefahr zu fallen, sich zu verunedlen. – – In Gefahr? Also hat er doch noch

 

[Manuskriptseite 126.]

Gutes an sich? Dies such' auf, und las ihn hinein sehen; wie in einen Spiegel, und sprich zu ihm! "Diese Gestalt woltest du beflekken, und sie kan so schönere, edlere Gestalt noch werden, wenn du sie pflegest!" Sieh' ihn an den Iüngling mit Bruderblik – – und er wird dir folgen. – " Seit. 367.

 

[Ia-06-1780-0260]
"Einen Autor hätt' ich Lust, unsichtbar in folgenden Situationen zusehen:

 

[Ia-06-1780-0261]
a) wenn er den Gedanken, das Buch zu schreiben, samt Titel, empfangen hat.

 

[Ia-06-1780-0262]
b) Wenn er die Dedikation und Vorrede schreibt.

 

[Ia-06-1780-0263]
c) Wenn er mit dem Buchhändler mündlich akkordirt.

 

[Ia-06-1780-0264]
d) Wenn er's erste gedrukte Exemplar empfängt.

 

[Ia-06-1780-0265]
e) Wenn er die erste gute oder schlimme Rezension davon liest.

 

[Ia-06-1780-0266]
Dann ihn nicht kennen lernen. – – Er müste der gröste Heuchler – – oder ich der gröste Dumkopf sein. –" Seit. 369.

 

[Ia-06-1780-0267]
"Die ersten Christen wusten, wann und wie sie Christen wurden. – – Uns kömt das Christenthum unmerklich im Schlaf. Ehemals must' es erkämpft sein – – iezt stielht sich's incognito in's Herz! Glükliches Jahrhundert! Dafür aber weis auch Niemand, ob er Christ ist? – – – – " Seit. 371.

 

[Manuskriptseite 127.]

[Ia-06-1780-0268]
8) Von der rechten Methode über unsre Seele zu räsonniren.

 

[Ia-06-1780-0269]
"Die beobachtende Methode, die die Modifikationen der Seele so nimt, wie sie durch das Selbstgefühl erkant werden; sie sorgfältig kent wiederholt, und bei veränderten Umständen beobachtet; ihre Entstehungsart und die Wirkungsgesezze der sie hervorbringenden Kräfte bemerkt; sodann diese Beobachtungen vergleicht, auflöst, und aus dieser Vergleichung und Auflösung die einfachsten Vermögen und ihre Verhältnisse zu einander aufsucht; – Dies ist die einzige Methode, die uns zunächst die Wirkungen der Seel' und ihre Verbindungen unter einander so zeigt, wie sie wirklich sind, und denn hoffen läst, Grundsäzze zu finden, woraus sich mit Zuverlässigkeit auf d ihre Ursachen schliessen, und etwas gewisses, welches mehr als blosse Muthmassung ist, über die Natur der Seel', als des Subiekts der beoachteten Kraftäusserungen, festsezzen läst. –" Seit. 465. 466.

 

[Ia-06-1780-0270]
9) Von dem Gesez der Ideenassoziation.

 

[Ia-06-1780-0271]
"Eine Regel der Assoziation ist diese: Wenn die Seele von der Vorstellung A, die diesen Augenblik in hr gegenwärtig ist, zu einer andern B im nächstfolgenden Augenblik unmittelbar übergehet, und diese leztere B nicht aus einer Empfindung hieringeschoben wird: so ist die Veranlassung dazu, daß eben B. auf A folgt, entweder diese, weil beide vorher in unsern Empfindungen, oder auch schon in den Vorstellungen so nahe mit einander verbunden gewesen sind, oder weil

 

[Manuskriptseite 128.]

sie einander in gewisser Hinsicht ähnlich sind. – bei absichtslosen Reproduktionen der Vorstellungen geht die Phantasie dem Gesez der Koexistenz nach, d.h. der Ordnung, in welcher die Vorstellungen in den Empfindungen oder auch ehemals in den Vorstellungen nebeneinander, und auf einander gefolgt sind. Wenn hingegen die Phantasie durch Trieb, Begierd' und Absicht nach einer gewissen Richtung hingestimt wird: so verfolgt sie mehr das Ähnliche, das Gemeinschaftliche, an welchem die Ideen zusammenhängen. Eigentlich geht die Einbildungskraft nie einer von diesen Beziehungen nach. Nur liebt sie unter gewissen Umständen mehr den einen, unter andern mehr den andern Hang. Dieses Gesez der Assoziation bestimt nichts mehr als welche Idee überhaupt auf eine andre folgen könne? Auf die Idee A kan nämlich entweder eine von den ihr ähnlichen, oder eine von den koexistierenden folgen; aber von welcher Art wird nun eine folgen? Das hängt von den Ursachen ab, wovon die Einbildungskraft während ihrer Wirksamkeit gelenkt wird. –" Seit. 475. 476.

 

[Ia-06-1780-0272]
10) In wie fern ist Perzeptionsvermögen, Phantasie und Dichtkraft ein und dasselbige Vermögen? –

 

[Ia-06-1780-0273]
"Antwort: das menschliche Perzeptionsvermögen mehr selbstthätig gemacht, ist das Vermögen zu reproduziren, und das Vermögen zu reproduziren, mehr selbstthätig gemacht, wird die selbstbildende Dichtkraft." S. 278.

 

[Manuskriptseite 129.]

[Ia-06-1780-0274]
11) Von Empfinden einer Sache.

 

[Ia-06-1780-0275]
"Im Empfinden einer Sach' ist eingewikkelt das Fühlen, das Perzipiren, das Gewahrnehmen. Diese drei unterschiedene Wirkungsarten erfolgen so schnel auf einander, daß sie sich in einem unzertheilten Augenblik in der Seele vor unsrer Beobachtung zusammendrängen. Demohngeachtet sind's unterschiedne Wirkungsarten. Der Beobachter mus auf ihre Verschiedenheit Acht geben....... –" Seit. 479.

 

[Ia-06-1780-0276]
12) Vom Gewahrnehmen.

 

[Ia-06-1780-0277]
"Indem wir gewahrnehmen, entsteht in uns ein Gedanke von einem Verhältnis einer Sache gegen andre. Das Siehe bei'm Gewahrnehmen zeigt an, das Obiekt, was ich gewahrnehm', ist eine besondre Sache für sich. Kein eigentliches Urtheil ist dieses freilich nicht, wann dieses als eine besondre Gattung von Gedanken angesehen wird, die von den Ideen unterschieden ist, und zu diesen hinzukömt; wie man das Wort in der Logik gewöhniglich zu nehmen pflegt. Denn in den Urtheilen werden die Ideen schon als vorhandne vorausgesezt; durch das Unterscheiden aber bei'm Gewahrnehmen entstehen erst Ideen. Die Vergleichung beim Gewahrnehmen ist keine eigentliche Vergleichung der Dinge in den Ideen, sondern blos eine Gegeneinanderhaltung von Bildern. Diese Beschaffenheit des Gewahrnehmens, daß es nämlich zu einem Verhältnisgedanken führt, giebt ein Unterscheidungsmerkmal des Gewahrnehmens von dem Gefühl, welches nur allein das Absolute in den Dingen zum Gegenstand hat. –

 

[Manuskriptseite 130.]

Der Aktus des Gewahrnehmens kan nicht im Augenblik beobachtet werden, wenn man gewahrnimt, sondern nur, wenn die Sache schon wahrgenommen ist. Und da findet es sich, daß die Empfindung oder Vorstellung, durch welche man einen Gegenstand gewahrnimt, vorzüglich lebhaft in uns gegenwärtig, und von andern abgesondert sit; und zweitens, daß das Gefühl oder die Vorstellungskraft nicht allein auf's Gewahrgenommene Obiekt in etwas festgeheftet, sondern, daß sie auch auf selbiges zurükgebogen worden sei, wenn sie schon im Begrif gewesen ist, es zu verlassen, und sich auf andre Dinge zu wenden. Dieses ist eine Art von physischer Zurükbeugung der Kraft auf die Vorstellung, die man gewahrnimt. –" Seit. 485. 486.

 

[Ia-06-1780-0278]
13) Klassen der Verhältnisbegriffe.

 

[Ia-06-1780-0279]
"Die eine Art derselben entspringt aus der Vergleichung der Vorstellungen. Dies ist dies Klasse der Identität und Diversität und ihrer Arten, und das sind die eigentlichen Relationen oder Verhältnisse. Eine andre Art entspringt aus dem Zusammennehmen und Absondern, Verbinden und Trennen der Vorstellungen, und den mancherlei Arten, nach welchen solches geschehen kan. Dahin gehört das Ineinandersein; das Verbundensein und das Getrentsein, das Zugleichsein, die Folge, die Ordnung, und alle besondre Arten der Mitwirklichkeit. Man kan sie unwirksame Beziehungen, Mitwirklichkeitsbeziehungen nennen. Die dritte Klass' enthält die Verhältnisse der Dependenz, die Verbindung des Gegründeten mit seinem Grund, und die Wirkung mit ihrer Ursache. – – " Seit. 491.

 

[Manuskriptseite 131.]

[Ia-06-1780-0280]
14) Etwas von der Sprache.

 

[Ia-06-1780-0281]
"Die Stimme des Schmerzes komt tief aus der Kehle, die Stimme des Erstaunens etwas höher, die Stimme des Misfallens und Verabscheuens ist Labial, des Zweifels und der Verneinung Nasal u.s.w. –" Seit. 542.

 

[Ia-06-1780-0282]
15) Von der menschlichen Natur.

 

[Ia-06-1780-0283]
"Der Mensch ist ein abgemessenes Eins. Seine Bestandtheile ringen mit einander um das Ganze. Steigt der eine vor dem andern empor, so sinkt der andre. Widmet sich die plastische Menschenkraft dem Leibe, so entgilt's die Seele. Üben die Gliedmassen der Bewegung die ganze Leibeskraft, so müssen die Werkzeuge der Verdauung und der Sinne ruhen; braucht sie der Magen, so erschlaffen die Muskeln und die Sinn'; und angestrengte Sinne fordern die Stille der beiden übrigen, wenn sie ungestört arbeiten sollen. –" Seit. 566.

 

[Ia-06-1780-0284]
16) Von der Nothwendigkeit des Gedächtnisses.

 

[Ia-06-1780-0285]
"Alle höhere Kräfte sind ohne Gedächtnis nichts. Denn wie läst sich mannigfache Kombination und Vergleichung der Begriffe denken, wenn die Seele nicht die Kraft hat, die Eindrükke zu erhalten, die sie einmal erhalten hat. Scharfsin, Wiz, Urtheilskraft beruhen doch immer auf Kombiniren und Vergleichen der Begriffe, ie mehr nun da sind, und ie deutlicher und in den mannigfachsten Beziehungen sie, der Seele vorschweben, desto öftrer, inniger, treffender können sie in einander gefügt, gegen einander gestelt werden.

 

[Manuskriptseite 132.]

Sicher wird also immer ein gewisses Verhältnis zwischen diesen Kräften sein, die eine wird mit der andern erhöht, ode vielmehr alle machen nur ein Ganzes aus. Wenn ein Eindruk dauerhaft erhalten werden sol, must' er tief gefast, innig durchschauet, mit vielen schon in der Seele liegenden Begriffen assoziirt sein. Hier stossen alle Kräfte zusammen, und dies mus man sich unstreitig bei'm Gedächtnis denken, nicht die kleine Fähigkeit, eine Menge Namen, Iahrzahlen, kurz Wort' ohne Begriffe zu denken. Dies scheint uns eine der menschlichen Seel' unnatürliche, obgleich nach und nach durch Übung im hohen Grade zu erwerbende Fähigkeit, ( so wie bei'm Körper das steife Stehn und gleichmässige Unbeweglichkeit aller Muskeln höchst unnatürlich ist, aber doch von Hofleuten in hohem Grad' erworben wird. ) Man sag' einem Knaben zehn ihm begreifliche, in einandern gegründete, Ideen; er wird wenigstens sechs behalten; man sag' ihm zehn Namen und Iahrzahlen, die für ihn keine Bedeutung haben, und er wird kaum drei in der gehörigen Ordnung merken. Diese lezte durch Übung erworbne Fähigkeit nenn' ich kein Gedächtnis; sondern die bleibende Stärke der Eindrükke, und dieses ist sicher der Grund von allen Äusserungen unsers intellektuellen Vermögens. –" Seit. 568. 569.

 

[Manuskriptseite 133.]

[Ia-06-1780-0286]
XIX.

 

[Ia-06-1780-0287]
Anhang zu dem dreizehnten bis vier und zwanzigsten Bande der algemeinen Bibliothek. Erste Abtheilung. 1776.

 

[Ia-06-1780-0288]
1) Vom Abendmal.

 

[Ia-06-1780-0289]
"Der gesunde Menschenverstand mus iede Art der substanziellen Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Abendmal widersinnig finden und der Vernunft zum Troz kan hier unmöglich bei dem litterarischen Sin der Worte geblieben werden. Die Evangelisten variiren ia selbst bei Anführung der Einsezzungsworte. Der eine läst Iesum bei Darreichung des Kelchs sagen: @@@@@ @@ @@@@@@@@ @@ @@ @@@@ @@ @@@ @@@@@@ @@@@@@@@, der andere: @@@@@ @@ @@@@@@@@ @ @@@@@ @@@@@@ @@ @@ @@@@@@ @@, der dritte meldet blos: @@@@@ @@ @@@@@@@@ @@@@@@@@@@ @@@@@@ @@@@@@, welches genau buchstäblich genommen, doch auch einen Unterschied macht. Überdies wird's auch nie im N.T ein Geheimnis (@@@@@@@@) genent. – –" Seit. 99.

 

[Ia-06-1780-0290]
2) Vom Opfern im A.T.

 

[Ia-06-1780-0291]
"Die jüdischen Söhnopfer sind im Grunde nichts anders als Kirchenstrafen oder Bussen, so wie ohngefähr die unsrigen sind. –" Seit. 159.

 

[Ia-06-1780-0292]
"In so fern eine iede Strafe zur Erkentnis des Vergehens führt, insofern thaten's auch die levitische oder Kirchenstrafen, die nur da stat fanden, wo keine bürgerliche Strafen gesezt

 

[Manuskriptseite 134.]

waren, denn wo diese stat fanden, wo insonderheit Todesstrafe verdient war, konte der Missethäter kein Opferthier für sich sterben lassen; abermals ein Beweis, daß das Opferthier nicht stat des Sünders getödtet war." S. 160.

 

[Ia-06-1780-0293]
3) Vom Worte @@@@@@@@@@.

 

[Ia-06-1780-0294]
"Das " @@@@ @@@@@ @@@@@@@@@@ " im 2 Tim. 3, 16. ist aktive zu verstehen, die ganze Schrift ist vol götlicher Gesinnung und haucht dem Leser was Götliches ein; so wie beim Musäus, 88. @@@@@ @@@@@@@@@@@ Pfeile heissen, die Feuer von sich hauchen und ein Feuer verursachen: denn das ist von der Bibel offenbar, daß sie durch und durch auf Gott, und auf ein Leben nach gottes Willen weiset. –" Seit. 221.

 

[Ia-06-1780-0295]
XX.

 

[Ia-06-1780-0296]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Vierzehnter Band. Lemgo, in der Meier'schen Buchhandlung. 1778.

 

[Ia-06-1780-0297]
1) Von einigen Krankheiten, die in der h. Schrift gemeldet werden.

 

[Ia-06-1780-0298]
"Die Krankheit Hiobs war am wahrscheinlichsten die, welche Elephantiasis genant wird. – Die Krankheit des Königs Ioram, 2 Kronik 21. war heftige Dysenterie. – Die Krankheit des Hiskia 2 Könige 20 war ein Fieber, welches sich in ein Geschwür zusammengezogen

 

[Manuskriptseite 135.]

hatte. -

 

[Ia-06-1780-0299]
Hört ihr Abergläubischen! Alles was von Nebukadnezars Verwandlung in einen Ochsen erzählt wird, schikt sich so genau für einen Melancholischen und Rasenden, daß nichts wahrscheinlicher ist, als daß er rasend geworden, auf dem Feld' herumgelaufen, und weil er sich einbildete, er sei in ein Thier verwandelt, ( wie aller Wahnwiz aus verdorbner Einbildungskraft zu entstehen pflegt ) wie Vieh Gras fras, eben daher, weil er seinen Leib nicht ordentlich hielt, lange Haar und Nägel, wie Klauen, bekam, und sich sieben Iahr mit dieser Kranheit pflagen muste. –

 

[Ia-06-1780-0300]
Christi blutiger Schweis war wie Tropfen Blut, d.h. die Schweistropfen waren so dik, daß sie wie Blutstropfen zur Erde fielen. –

 

[Ia-06-1780-0301]
Die Krankheit des Königs Herodes, Apostgesch. 12, 13 war keine Läusesucht, sondern Fäulnis im Leibe, die von Würmern herrührte. –" Seit. 109. 110. 111.

 

[Ia-06-1780-0302]
2) Warum Personen nach einem abgenommenen Glied noch Schmerzen zu empfinden glauben.

 

[Ia-06-1780-0303]
"Bei heftigen schmerzhaften Empfindungen mus das ganze Empfindungssystem einen ähnlichen Ton erhalten; weil das ganze Nervensystem eins ist; weil keine, am wenigsten sehr lebhafte Empfindungen, ganz isolirt nur in einem Nerven vorgehen. Der Mensch ist eben wegen dieses Zusammenhanges aller seiner Empfindungswerkzeug' ein Sensorium kommune. Man reiss' also

 

[Manuskriptseite 136]

einen schmerzenden Nerven aus seinen Verbindungen mit dem übrigen System heraus. Wird man wol auch die Schmerzen mit herausreissen können? Schwerlich wegen des Zusammenhanges mit den übrigen Nerven, die gerade dieselbige Stimmung erhalten haben. Was Wunder, daß man nun noch glaubt, die Schmerzen fliessen aus dem abgenommenen Glied, dan noch immer Nerven da sind, die in dieses Glied fortliefen, oder die doch mit den Nerven dieses Gliedes durch ihren Zusammenhang zu ähnlichen Empfindungen angewöhnt wurden? – – –". Seit. 139.

 

[Ia-06-1780-0304]
3) Ein ieder Mensch empfindet eben dieselbe Sache verschieden.

 

[Ia-06-1780-0305]
"Giebt's wol nur ein paar Sinnen, die die Gegenständ' auf dieselbige Art empfinden? Siehet, hör't, riechet, schmeket, fühl't ie ein Mensch irgend einen Gegenstand völlig so, wie ihn ein Andrer empfindet? Nimmermehr; die Natur scheint nicht ein Paar menschliche Sinnen bei mehrern Menschen auf dieselbe Art gebauet zu haben. Es kan also immer eine Person sagen; sie sehe die Farbe, höre den Ton, rieche den Geruch, u.s.w. die im gemeinen Leben diese bestimte Namen führen; und doch sieht sie nicht völlig die Farbe, höret nicht den Ton, riecht nicht den Geruch, den ein andrer mit eben demselben Ausdrucke verknüpft. – – –" Seit. 141. 142.

 

[Manuskriptseite 137.]

[Ia-06-1780-0306]
4) Von Phantasie und Einbildungskraft.

 

[Ia-06-1780-0307]
"Wenn die Ideen, die durch Veranlassung andrer Ideen in der Seel' erneuert werden, genau eben dieselbigen sind, die sie vormals gewesen: so ist das Gedächtnis insbesondre wirksam, und das zu erkennen, und die Ideen eben so wieder zu formen und zu verbinden, wie sie vorher gewesen sind, das ist das Geschäfte der Einbildungskraft. Wenn aber gar nicht drauf gesehen wird, ob die so herbeigeführte Ideen iezt eben so beschaffen sind, wie sie ursprünglich gewesen, da wir sie entweder von aussen bekamen, oder sie uns selbst nur anfänglich formten, das ist, wenn gar nicht auf den Zusammenhang der Ideen, den sie durch Gleichzeitigkeit und Folge auf einander bekommen, geachtet, derselbe nicht aufgesucht und nicht entwikkelt wird: so bleibt nichts weiter übrig, als die Mitwirkung der Nerven, nachdem Zusammenhang der Einstimmung und der Ähnlichkeit mit ihren Untergattungen und Verhältnissen, und die dadurch in uns erzeugte Ideen werden den Wirkungen der Phantasie überhaupt zugeschrieben. Wenn die Seel' auf die Wirkungen der Phantasie überhaupt aufmerksam ist, d.i. auf den Zusammenhang, der in den Vorstellungsnerven durch die Verhältnisse der Übereinstimmung und Ähnlichkeit ihrer Wirkungen hervorgebracht ist, und sich dadurch Ideen nach aller Art der Verwandschaft und der Verhältnisse verschaft: so ist es die Einbildungskraft in weiterer Bedeutung, die sich wirksam bezeigt. Wenn aber nicht alle und iede Übereinstimmungen und Verhältnisse der Ideen der Gegenstand

 

[Manuskriptseite 138.]

ihrer Aufmerksamkeit und Thätigkeit ind, sondern wenn dieselbe nur allein bei den anschauenden und sinlichen Übereinstimmungen und Verhältnissen der Ideen bleibt: so ist's die Einbildungskraft in engerer Bedeutung. –" Seit. 166. 167.

 

[Ia-06-1780-0308]
5) Warum können so wenige sich selbst beobachten? –

 

[Ia-06-1780-0309]
"Ieder Mensch empfieng von der Natur das Auge der Selbstbeschauung. Aber viele machen es untauglich, weil sie es nicht brauchen; viele beobachten damit schief, weil sie es gewohnt haben, nur auf gewisse Gegenstände zu fallen; viele reissen's gar aus, vermuthlich, weil es sie ärgert. Daran ist die Natur nicht Schuld. Vielmehr ist das eine natürliche Schwierigkeit bei der Selbstbeschauung, daß sich dem Auge die Obiekte zu nahe, und folglich nicht im gehörigen Lichte zeigen. Was mit uns sehr verwandt ist, reizt freilich die Nerven unsers innern Gesichts heftiger; es erschwert aber eben dadurch das Beschauen, so daß uns alles desto dunkler wird, ie näher es zu unserm eigentlichen Ich gehört. Nur ein Mittel giebt's, hier deutlich zu sehen, und das hat der erfunden, der zuerst seinen Vorwurf in einer erkünstelten Entfernung betrachtete –" Seit. 411.

 

[Ia-06-1780-0310]
6) Etwas aus der Naturhistorie. | |

 

[Ia-06-1780-0311]
"Die Ursach, warum sich die meisten Blumen beim Sonnenschein auf, und bei der Nacht, oder bei einem

 

[Manuskriptseite 139]

Plazregen zuschliessen, ist, damit der Befruchtungsstaub nicht zusammenklebe, und untauglich werde, zur Narbe zu fliegen. – die Alpengewäche blühen schnel, und ihr Same wird geschwinder reif, damit die Kälte nicht unversehens die Blüth' überrasch' und zerstöhre. –

 

[Ia-06-1780-0312]
die Tillandsie, eine amerikanische Schmarozzerpflanze wächst nirgends, als in den ödesten Wüsteneien, ihre Blätter bilden einen kleinen Krug, welcher den Regen auffängt, und für durstige Menschen, Thier' und Vögel gleichsam aufbewahrt. Eben dieses thut das Kannenkraut Nepenthes auf der Insel Zeilon. –

 

[Ia-06-1780-0313]
Die Insekten sind die zahlreichsten Geschöpf' auf dem Erdboden, und wenn's von der Natur nicht so weislich geordnet wäre, daß die meisten Insekten nach Legung ihrer Eiger sterben, so würde die Welt von Ungeziefer bedekt sein. – Die Vermehrung der Thier' ist nicht bei allen Geschlechtern von einerlei Regel; die Milben vermehren ihre Familien in einigen Tagen zu vielen Tausenden, dahingegen der Elephant kaum Ein Iunges in zwei Iahren zeugt. Raubvögel legen iährlich kaum drei Eier, eine Henne wol funfzig. Nach Muschenbröks Rechnung, wenn eine Taube iahrlich neun Iunge bringt, so können ihrer zwei in vier Iahren 14762 gebähren. – Iedes Thier baut sein Nest seiner Natur und seiner Erhaltung nach gemäs. Die Schubuteule nistet auf den steilsten Bergen, an den heissesten gegen die Sonne gekehrten

 

[Manuskriptseite 140.]

Örtern, damit das zur Nahrung dienende Aas für die Iungen zu einem Brei zerfliesse. – Die Klapperschlange trägt ein Geläut' an dem Schwanz, welcher Klang von der Bewegung der knorpelartigen Ringe entsteht, um Menschen und Thiere vor ihre Ankunft zu warnen. – " Seit. 515. 516.

 

[Ia-06-1780-0314]
7) Bemerkung für den Moralisten.

 

[Ia-06-1780-0315]
"Die Tugend, welche im Kampf gegen Leidenschaften und Versuchungen unterliegt, kan noch mehr werth sein, und unsre Achtung und Mitleid beweiset es, daß wir ihren Werth empfinden, als die schwache Tugend, die nur da thätig ist, wo das Vermögen zum Bösen gering ist. Die wirkende Kraft, die von einer stärkern überwunden wird, kan noch viel mehr innere Stärke besizzen, als die, welche über eine schwächere den Sieg erhält. Man schliess' also nicht, daß lebhaftere Personen, die oft von ihrer Leidenschaft hingerissen werden, ein schwächeres Vermögen, sich zu beherschen, besizzen müssen, als die Temperamentsweisen, die immer bei sich selbst sind, und sich fassen, weil sie zu wenig empfindsam sind, um in starke Bewegung gesezt zu werden. –" Seit. 532.

 

[Manuskriptseite 141.]

[Ia-06-1780-0316]
XXI.

 

[Ia-06-1780-0317]
Der deutsche Merkur. Erster Sechster Band. 1774. Weimar, bei Karl Rudolf Hofman.

 

[Ia-06-1780-0318]
1)

 

[Ia-06-1780-0319]
Auf das erste Veilchen.
"Sei mir gegrüst, der Frühlingskinder
Geliebter Erstling! – Find ich dich? –
Hab' Dank, daß du dem Schlafe' geschwinder
Entflothst, und blüthest hier für mich.
Im dunklen Thal, am kleinen Quelchen
Blüh'st du im trauernden Gewand;
Dich tränkten kleine Silberwelchen,
Und Morgenthau, bis ich dich fand.
Du, meines Lebens Bild, verborgen
Und ungesehen duftest du
Nur wen'ge kühle Frühlingsmorgen,
Und eilst dann der Verwesung zu.
Und schlummerst dann, geliebtes Veilchen,
Und wo du schlummerst, keimen schon
Iezt unbemerkt noch iunge Veilchen,
Und eilen auch, wie du, davon.
Wenn sink' auch ich im süssen Schlummer
Des Blumentodes stil dahin?
Wenn wird ach ausgeweintem Kummer
Auf meinem Grab' ein Veilchen blüh'n?

 

[Manuskriptseite 142.]

Schon segn' ich den vergesnen Hügel,
Und grüsse froh mein wartend Grab. –
Umschatte mich mit deinem Flügel,
O Tod des Edlen! – Brich mich ab! "

Seit. 8. 9.

 

[Ia-06-1780-0320]
2) Warum die Ägyptier nie beträchtliche Änderungen weder in der Theorie noch in der Ausübung ihrer Künste vorgenommen haben? –

 

[Ia-06-1780-0321]
"Die Mythologie der Ägyptier scheint auf Spekulationen gegründet gewesen zu sein, welche den bildenden Künsten keinen fruchtbaren Stof darboten. Ihre Mahler und Bildhauer hatten lauter räthselhafte, geheimnisvolle Suiets zu bearbeiten, worin wenige Geschöpf' ihre natürliche Gestalt behalten durften; die wirklichen Dinge musten dekomponirt, und die Ungeheuer vervielfältigt werden; so geschah' es, daß man die Natur nicht mehr zu Rathe zog, um die Fehler der Zeichnung zu verbessern, und ihre Rauhigkeit zu mildern. Man zeichnet' ohne Urbild fantastische Gestalten, welche einer, von der unsrigen ganz verschiednen, Welt anzugehören schienen. Ferner ist zu bemerken, daß die ägyptischen Künstler in besondrer Abhängigkeit von den Priestern standen, welche dafür zu sorgen hatten, daß der Sin der allegorischen Figuren nicht verlohren gehe; und also iede wilkürliche Neuerung in derselben Abbildungen verhindern musten. Diese Furcht vor Irrungen, welche mit der Zeit unvermeidlich geworden wären,

 

[Manuskriptseite 143.]

legte den Künstlern den Zwang auf, immerwährend nur eine kleine Anzahl gegebner Modelle zu bearbeiten. –" Seit. 61. 62.

 

[Ia-06-1780-0322]
3) Vom Worte "Edel".

 

[Ia-06-1780-0323]
"Heist im lateinischen Nobilisquasi Noscibilis, a nosco, pro noto accipitur. Daher finden wir dieses Beiwort in den lateinischen Schriftstellern bei Menschen, Thieren, Flüssen, Quellen, Städten, Gütern, Landschaften, und allen Arten von Dingen.

 

[Ia-06-1780-0324]
– Das deutsche Wort von Adhal, d.i. vorzüglich, das beste in seiner Art. Isidor. Daher Edel = Stein, Edel = Marder, Edel = Krebse, Edelmuth, Edelman u.s.f.

 

[Ia-06-1780-0325]
Die bekante Stelle Luk. 19. V. 9. kan dies am besten erläutern.

 

[Ia-06-1780-0326]
In der Ursprache steht: @@@@@@@@ @@@ @@@@@@@.

 

[Ia-06-1780-0327]
In der latein. Übersez. Homo quidem nobilis.

 

[Ia-06-1780-0328]
In der hochdeutschen: Ein Edler.

 

[Ia-06-1780-0329]
In der altschwedischen: En ädla Man.

 

[Ia-06-1780-0330]
In der isländischen: Edalbaren Modr.

 

[Ia-06-1780-0331]
In der gothischen des Ulphilas: Manna suns godakunds, d.i. ein Man von bekanter Güte, von gutem Herkommen.

 

[Ia-06-1780-0332]
Das gothische Wort Godakunds ist in dem, den Evangelien angehängten, Glossiarium also erklärt – Nobilis "den som är of goda kyni kommin" qui bono genere natus est. Gods, God, Goth – gut.

 

[Manuskriptseite 144.]

Kund natus, geboren. Kun, Geschlecht. Bei den Alamanniern hies es in gleicher Bedeutung Kind; und in der hochdeutschen Sprache bedeutet es "Leibeserben". Die Gothen hatten aber noch ein ander ähnliches Wort Kunths – bekant. Schwed. känna. kunna. Angelsächs. cunnan; Alam. kennen; Isländ. kanna, Hochdeutsch kennen. Korrar. Hesych. scire. Damit ist verwandt das @@@@@@@ der Griechen; und der Lateiner ihr nosco, gnosco, wovon sie nobilis abgeleitet haben. –" Seit. 270. 271. 272.

 

[Ia-06-1780-0333]
XXII.

 

[Ia-06-1780-0334]
Der deutsche Merkur. Siebenter Band. 1774. Weimar, bei Karl Ludolf Hofman.

 

[Ia-06-1780-0335]
1)

 

[Ia-06-1780-0336]
Die Kunstrichter.
"Auf einem Baume sassen Krähen,
Und horchten kritisch auf den Schal
Der liederreichen Nachtigal,
Nicht zu empfinden, nur zu schmähen;
(Denn in dem Fabelreiche schon
War bittre Spötterei der edlen Sänger Lohn)
Des dümsten Geiers dümster Sohn
Beherzigte der Raben Hohn,
Und sprach: ich mus der Iungfer lachen,
Sie kan's den Herren da nicht nach dem Kopfe machen.

 

[Manuskriptseite 145.]

Hum! Geier, must mal selber seh'n
Wer weis, wird dir's nicht besser stehn?
Und daß ich's euch nur kurz erzähle,
Er räuspert seine rauhe Kehle,
Und krähzt eins im Geschmakk' der Raben Kräh'n;
Und alle rufen: götlich! schön!
Sonorisch! wizzig! stark! erhaben!
Das heist euch traun! besondre Gaben
Und inneren Beruf zu hohem Sange haben!
Der Herr macht unsern Walde Ruhm!
Nur Philomele schwieg, und hüpfte sanfte
In ihren stillen Busch und dachte:
Der Herr ist – dum! –"

Seit. 150. 151.

 

[Ia-06-1780-0337]
2) Von der Religion des Ägyptier.

 

[Ia-06-1780-0338]
"Daß die die alten abgöttisch seinsollenden Völker und vorzüglich die Agyptier in so grossem Grade Polytheisten gewesen sind, als man gewöhnlich vorgiebt, ist völlig unwahrscheinlich. Erstlich deswegen, weil wir von der Theologie dieser Völker wenig im Zusammenhang wissen. Gleich den Pflanzen arten die Fakta aus, indem sie von ihrem Ursprunge sich entfernen, und blos durch den Unterschied von Zeit und Art, durch das Verschwinden der gelegentlichen Ursachen, erscheinet was vorhin Wahrheit gewesen, nun als der gröbste Irthum. Die Religion eines Volkes mus in dem volständigsten Zusammenhang mit der natürlichen, bürgerlichen, politischen und gelehrten

 

[Manuskriptseite 146.]

Geschichte desselben studirt werden können, sonst ist kein wahrer Begrif von ihr möglich. Sie aus diesem Zusammenhang herausreissen; eine isolirte Kentnis davon erheischen wollen, heist die unfruchtbarste aller Bemühungen unternehmen. Um dies aufzuklären, wollen wir sezzen, die heutigen christlichen Reiche würden so verwüstet und zerstört, als Ägypten. Wir wollen sezzen, es blieben eben so wenig Nachrichten von ihrem Zustande zurük, als wie von Ägypten; es blieben Schriften von Gottesgelehrten aus den drei Kirchen des Christenthums übrig, Schriften aus dem 12. 15. und 17 Iahrhundert, Schriften von Christenthumsfeinden und Freunden u.s.w. Man stelle sich vor, was der, der dies lesen würde, sich für Begriffe von der christlichen Religion machen würde. Bald würd' er uns für Atheisten – bald für Pantheisten – bald für im höchsten Grad' Abergläubighe ausgeben. Überal würd' er Widersprüche finden, da iezt keine sind. Fiat applicatio. – " Seit. 231. 232.

 

[Ia-06-1780-0339]
"Die Religion der Ägyptier ist ein unermesliches Ding. Sie hat so vielerlei Seiten, so mancherlei Gstalten, daß es unmöglich wird, zu allen diesen den wahren Standpunkt zu finden. – Ihre ältesten gottesdienstlichen Gebräuche stamten aus Äthiopien, und so waren auch die Gymnosophisten dieses Landes ihre ersten Priester. Alles was uns mit einiger Gewisheit von den Lehrsäzzen dieser Gymnosophisten bekant geworden, ist, daß sie einen Gott als Schöpfer der Welt annahmen, seiner Natur nach unbegreiflich, aber sichtbar in seinen Werken, welche insgesamt ihnen von seinem

 

[Manuskriptseite 147.]

Geiste gleich belebt zu sein schienen. Aus dieser Lehre flos der symbolische Gottesdienst, der dem Geist der Afrikaner recht angemessen zu scheint. Die glühende Einbildungskraft der Bewohner dieses Welttheils wil durch sichtbare Gegenständ' oder Fetischen fixirt, und ihre Unruhe wegen der Zukunft, durch Wahrsagereien, welche sie aus diesen Fetischen selbst ziehen, befriedigt sein. So hätte der Stier Apis, ausser seinen symbolischen Eigenschaften, auch noch die, daß er über die zukünftige Überschwemmung des Nils Anzeigen gab; und selbst das Wort Apis, nach Weise der Ägyptier ausgesprochen, hat eine offenbare Beziehung auf das in die Höhesteigen des Wassers auf den Graden des Nilwassers. Auch von den Krokodillen wurden Vorbedeutungen genommen, und wahrscheinlicher Weis' eben so von vielen andern Thieren. Viele Thiere waren, ihrer Nüzlichkeit wegen, geheiligt und der Beschüzzung des Aberglaubens empfohlen, als: Kazzen, Wiesel, Ichneumons, Sperber, Geier, Eulen, Störch' und Ibis, welche mit Recht die Reiniger Ägyptens genant worden sind. Dies Land wär' ohne sie nicht zu bewohnen. Da bei den Engelländern die Gesezze verbieten, um London und in den Westindischen Kolonien die Gier zu töden, so hat man sich nicht zu wundern, daß die Ägyptier ganz ähnlichen Gesezzen eine weit grössere Kraft zu geben gesucht haben. Die Alten schonten überhaupt fast aller derer Gattungen Raubvögel, welche man des Wildes wegen, mit so grosser Sorgfalt, in den mehrsten Gegenden Europens gestört. Nichts destoweniger bleibt der Grundsaz richtig, daß dem Vortheile der Iagd, der Vortheil des Akkerbaues nie aufgeopfert werden müste; und für diesen

 

[Manuskriptseite 148.]

giebt es keine schlimmern Plage, als die Kaninchen, die Mäusse, die Sperlinge, und die Schnekken, wovon die Raubvögel die Ländereien reinigen, ohne nur ein Gräschen zu beschädigen. Einige Thiere scheinen blos in Beziehung auf gewisse nüzliche Arbeiten, welche ihre Verehurng nothwendig machte, geheiligt worden zu sein. Der natürliche Hang zur Trägheit bei diesem Volke wurd' auf diese Weise durch seinen nach stärkern Hang zum Aberglauben bestritten und überwunden. Hieraus kan man auch die Verehrung der Krokodille herleiten. Die Städte, wo dieser Dienst am mehrsten im Schwange war, lagen weit von Nil ab, und die Krokodille hätten nie bis zu ihnen gelangen können, wenn ihre Känäle schlecht unterhalten oder verstopft gewesen wären. Überal sieht die Staatsklugheit unter dem geheimnisvollen Schleier des Fanatismus hervor. Die diätischen Anordnungen der Ägyptier bezogen sich auf ihr Klima, und ihre mehrsten Fest' auf den Akkerbau, die Akkerschwemmung des Nils und die Astronomie. Sie erkanten ein verständiges, von der Materie unterschiednes Wesen, welches sie Phtha nanten; es war der Beschaffer des Weltals, der lebendige Gott, dessen Weisheit sie unter dem Namen Neith, als eine Weibsperson, die aus dem Körper eines Löwen hervorgeht, personifizirt hatten.... Die lezte von ihnen personifizirte Eigenschaft Gottes war die götliche Güte, die sie Knuph nanten, ein in den Abrazen berühmtes Wort .... Ihre Achor bedeutet' in einem gewissen Verstand das Chaos, und in einem andern die Unbegreiflichkeit Gottes und sein Zustand vor der Schöpfung. –" Seit. 245. 246. 247. 248.

 

[Manuskriptseite 149.]

[Ia-06-1780-0340]
XXIII.

 

[Ia-06-1780-0341]
Der deutsche Merkur. Achter Band. 1774. Weimar, bei Karl Ludolf. Hofman.

 

[Ia-06-1780-0342]
1)

 

[Ia-06-1780-0343]
Grabsmonumente – auf Dichter.
"Hier liegt begraben Herr H –mann,
Ein elender Reimer und frommer Man;
Er kam auch wirlich dem Himmel nah,
Doch als er Plaz genommen,
Rief er, als er die Engel sah:
O weh, sind Klopstoks Seraphs da!
Lebt wol, ich wil schon unten Plaz bekommen. –
Herr K – r ruhet hier; er schrieb manch Trauerspiel,
Und niemand klatschte, weil es nicht gefiel;
Darauf kam der Tod, und spielt' mit ihm ein Trauerspiel,
Da klatschten ihrer viel. – –
Hier schläft ein Reimer Hochwolgebohrn,
Man las ihn nicht, das that ihm Zorn;
Darauf schimpfte schreklich der Iunkherr;
Man sprach:" Kaiser Heinrich ist da,

 

[Manuskriptseite 150.]

Kom ia der Thüre nicht zu nah!
Drum, guter Freund! geh weiter, traun,
Der Kaiser schlägt dich blau und braun!"
Darauf gieng der Reimer zur Höllenbahn,
Da fuhr ihn Charon schreklich an,
Und sagte:" Herman ist zu Haus,
Der krazt dir g'wis die Augen aus
Herodes schwur bei seinem Bart,
Er wolt' dich auch empfangen hart.
Drum fort mit dir!" Er sprach kein Wort
Der arme Sch – ch, und gieng fort.
Drum niemand weis zu dieser Frist,
Wohin sein Geist gekommen ist. –"

Seit. 104. 105. –108.

 

[Ia-06-1780-0344]
2)

 

[Ia-06-1780-0345]
Morgenlied.
"Der iunge Tag schwingt seine Rosenflügel,
Um die Natur – Die purperrothen Hügel,
Beglänzt der Morgensonne Stral.
Ein leichter Nebel dekt die hohen Eichen,
Lobsingend steigt aus niedrigen Gesträuchen
Die Lerche dort im Thal.
Auch ich erwache – frei von eitlen Sorgen,
Sing' ich dem Gott, der ieden frühen Morgen
Algütig auf mich niedersieht.
O du mein Schöpfer! – Sieh' die Freudenzähre
In meinem Blik – sie fliest zu deiner Ehre
Und wird zum Wonnelied. –"

Seit. 213. 214.

 

[Manuskriptseite 151.]

[Ia-06-1780-0346]
XXIIII.

 

[Ia-06-1780-0347]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Funfzehnter Band. Lemgo, in der Meierschen Buchhandlung. 1779.

 

[Ia-06-1780-0348]
1) Bemerkung vom Sehen. | |

 

[Ia-06-1780-0349]
"Wir addiren zu der wirklichen scheinbaren Grösse der Dinge beständig etwas in unsrer Einbildungskraft, und destomehr, ie ferner wir die Dinge halten. Der Grund hievon liegt in der Vermischung unsers Urtheils über die wahre Beschaffenheit der Sache, mit dem über die wirkliche Empfindung derselben, welche Vermsichung sonst auch noch in unzähligen Fällen Stat findet. Wir haben aber tausendmal Gelegenheit gehabt, die gewaltige Entfernung sowol, als Grösse, eines sehr klein aussehenden Gegenstandes auf der Oberfläche der Erde zu bemerken, nicht aber so oft eines erhöhten. Daher giebt unser Urtheil gewöhnlicher Weis' unter zweien, gleich grosse Winkel im Auge machenden Obiekten, dem am Horizont grössere Entfernung und grössern Umfang, als dem in der Höhe. Und deswegen addirt, wegen der Vermischung des für wahr Erkanten und Empfundenen, unsre Einbildungskraft zu der scheinbaren Gröss' ienes Gegenstandes mehr, als dieses. So sieht mancher eine Kräh' hoch in der Luft für eine Schwalb' an, die er wenn sie eben so weit entfernt an der Erde sässe, niemals dafür halten würde. – –" Seit. 101.

 

[Manuskriptseite 152.]

[Ia-06-1780-0350]
"Wenn der Mond im ersten Zunehmen ist: so sehen wir, wie bekant, auch das unerleuchtete Stük desselben, (wahrscheinlich vermöge des Lichts, das dieser von der Sonne noch nicht beschienene Theil von der Erd' empfängt); hier aber dünkt uns die helle Sichel des Monds einer grössern Kreisfläche zugehörig zu sein, als das dunkle Stük, weil iene helle Sichel eine Menge von falschen Stralen um sich hat, die wir nicht gehörig von dem wahren Bild' absondern. Vermöge dieser Stralenzerstreuung scheinen die Fixsterne, mit blossem Auge betrachtet, noch einige Grösse zu haben, da man durch die grösten Fernröhre sie ohne merkliche scheinbare Grösse findet. Diese hiedurch verursachte Vergrösserung des Bildes ist beträchtlich und Iuriu bemerkt, daß der helleste Fixstern hiedurch 240 mal vergrössert erscheine. –" Seit. 102.

 

[Ia-06-1780-0351]
2) Wie man Ios. 10, 13. 14. zu erklären habe.

 

[Ia-06-1780-0352]
"Es steht im 13ten Vers des 10ten Kapitels ausdrüklich, daß diese Stell' im Buch der Frommen zu finden sei. Dieses Buchs der Frommen, oder der Redlichen, geschieht 2 Samuel I, 18. wieder Erwähnung; und aus der dort angeführten Stelle daraus, sieht man, daß es ein im hohen Dichterton geschriebnes Buch war. Die im Iosua daraus zitirte Stelle geht vom 12ten bis 15ten (incl.) Verse; dies erhellet daher, weil der 15te Vers in Iosua's Erzählung hier gar nicht hingehören

 

[Manuskriptseite 153.]

kan, wie ieder, der die Stelle nachschlägt, sehen wird; sondern erst die ganze Erzählung beschliessen kan, wie man ihn dann auch am Ende des Kapitels (Vers 43) findet. Also gehört der ganze schwierige Ausdruk nicht zur Bibel, und die Ausleger mögen ausmachen, was der Verfasser des Buchs der Frommen damit sagen wolte. –" Seit. 104.

 

[Ia-06-1780-0353]
3) Vermuthung von den neblichten Fixsternen.

 

[Ia-06-1780-0354]
"Einige von den zerstreuten neblichten Sternen können wol fremde Fixsternsysteme sein, die zu weit weg sind, als daß wir ieden Stern in ihnen erkennen können und die nur durch das vereinigte Licht aller ihrer Sonnen uns sichtbar werden. –" Seit. 108. 109.

 

[Ia-06-1780-0355]
4) Umschreibung 1 Petr. III, 17 –20. eine Stelle, die Christi Höllenfarth beweisen sol.

 

[Ia-06-1780-0356]
"Es ist besser, als Christ unschuldig zu leiden, als um seiner Verbrechen willen. (17.) Nehmet davon ein Beispiel Iesu. (V. 18.) Er war ganz heilig, litte gleichwol uns zum Besten, uns den Zutrit zu Gott zu verschaffen. Er beschlos sogar durch einen gewaltsamen Tod sein irdisches Leben, aber weil er unschuldig litte, so wurd' er auch zu einem herlichen Zustande wieder auferwekt, in welchem er nun lebt. Leiden und Tod schadeten ihm nicht. Oder (V. 19.20.) nehmet ein Beispiel aus der alten Welt; die längst verstorbnen Menschen, welche zur Zzeit der Sündfluth lebten, musten schon aus der Verkündigung

 

[Manuskriptseite 154.]

und den Schiksaalen des Noah, daß Leiden der Unschuld besser sind, als Leiden der Verbrechen. Wie viel muste nicht Noah, da er sein Schif ausrüstete, und den Beruf hatte, den Sünder zu warnen, ausstehen? wie ermüdeten sie nicht die Gedult Gottes,d er auf Besserung wartete? wie bedrängten sie nicht den Freund Gottes? Aber Noah wurd' auch gerettet, da iene untergiengen. Es war ihm vortheilhaft, eine Zeitlang unschuldig zu leiden. Lasset es also sein, daß auch ihr, als Gottes Familie viel – ohne Schuld – auszustehen habt. Ihr sterbet, so lehrt euch die Geschichte Iesu, was ihr zu erwarten habt. Ihr leidet, so werdet ihr dem Untergange, der auf die lezte Welt, wie auf die erste wartet, wie Noah, entrinnen. – – Soweit die Umschreibung. Man kan sehr wol so konstruiren @@ @ @@@ @@@@@@@@@@@@@@@@ @@@ @@@@ – – @@@@@@@@@ @@@ @@ @@@@@@@@ @@@ – – fast wie Kap. III.3. Daher wird Noah 2 Petr. II. 5. @@@@@@@@@@@@@@@ genant und Noah ist auch im Brief Iuda das Subiekt. –" Seit. 196. 197.

 

[Ia-06-1780-0357]
5) Von Himmel und Hölle.

 

[Ia-06-1780-0358]
"Die Seligen im Himmel werden noch immer ihre Hölle, und die Verdamten Geister in der Hölle noch imer ihren Himmel haben. Niemand wird sich den Himmel der Hölle wünschen, weil die angenehmen Empfindungen des verstossenen Bösewichts eben nicht sehr dichterisch sein können. So sind aber auch die unange

 

[Manuskriptseite 155.]

nehmen Empfindungen im Himmel, auf der andern Seite, nicht sehr bemerkbar, und im Ozean von Vergnügen wird ein bittrer Tropfen zu Nichts. –" Seit. 328.

 

[Ia-06-1780-0359]
6) Von der Stelle Ies. 7, 14.f.

 

[Ia-06-1780-0360]
"Es ist klar, daß die Iungfrau von der der Prophet redet der Person nach gegenwärtig war. – Denn es hat $$$$ den Artikel, der immer auf eine bestimte Person hinweist. Ia es steht $$$ voran – eine Partikel, die zwar oft überflüssig gesezt wird, aber eben so häufig auf einen Gegenstand hinzeigt, und die Idee da, dort, ausdrükt. Hier mus das lezte ohne Zweifel angenommen werden, weil ohnehin das $$$$ ein bestimtes $ hat. – Ferner aus dem Zusammenhange des 7ten Kapitels des Propheten ist deutlich, daß der Knabe, der gebohren werden solte, nicht erst nach Iahrhunderten, sondern bald nach der Bekantmachung der Weissagung solte zur Welt kommen. Im 16ten Vers ist von einer Revoluzion die Rede, welche mit dem Reich' Israel und Syrien in den nächsten Iahren vorgieng: der lezte Theil des 7ten Kapitels gieng in den nächstfolgenden 30 Iahren in Erfüllung. Solte nun nicht auch der erste Theil der Weissagung bald in Erfüllung gegangen sein? Ist's wahrscheinlich, daß der Knabe, von dem im Anfange der Weissagung die Red' ist, erst nach Iahrhunderten gebohren würde?

 

[Manuskriptseite 156.]

So ein Sprung läst sich in einem so genau zusammenghängenden Ganzen nicht denken, in einer Rede, die von einer Geschichtserzählung in weiter nichts verschieden ist, als daß die Geschicht' eine Reihe von vergangenen, Weissagungen über eine Reihe von zukünftigen Dingen und zwar in der Ordnung vorträgt, in der der sie aufeinander folgen sollen. Also kan der Knabe, den die Iungfrau gebähren sol, nicht erst nach Iahrhunderten,er mus bald gebohren worden sein. – – * Matthäus, der in seiner Biographie von Christo häufig seine Anmerkungen über Vorfäll' und Reden, die er aufzeichnet, macht, bedient sich der erklärten Stelle des Propheten in einer Aus Anmerkung, die er bei der Rede des Engels an Ioseph anbringen wolte. Er zieht eine Parallele zwischen einem Theil der Rede des Engels und der Rede des Propheten. Denn beide hatten viele Ähnlichkeit mit einander, in der Absicht sowol als in dem Ausdruk. In der Absicht – der Engel wil den Ioseph überzeugen, daß er eine wirkliche Erscheinung im Traum gehabt, und ihn seine Einbildungskraft nicht getäuscht habe. Er giebt ihm also den Umstand zum Zeichen, daß das, was Maria gebähren würde, ein Sohn sein würde – so wie der Prophet auch zur Legitimazion seiner götlichen Sendung die Geburt eines Sohns vorausverkündigt hatte. Auffallend war auch die Ähnlichkeit im Ausdrukke. Maria sol einen Sohn gebähren nach dem Ausspruche des Engels,

 

[Manuskriptseite 157.]

Und die Iungfrau sol einen Sohn gebähren, nach dem Ausspruch des Propheten Ahas sol sie diesen Sohn Immanuel nennen, und Ioseph sol den Sohn der Maria Iesum nennen. Diese Ähnlichkeiten vergleicht der Biograph Christi mit einander. Es wäre sonderbar, wenn der Engel, wie man gemeiniglich annimt, die Wahrheit seiner an Ioseph gehaltnen Rede, mit dem Ausspruch des Propheten hätte beweisen wollen, da weder Maria, noch der Messias darin deutlich karakterisirt waren. Wie hätte sich Ioseph dadurch beunruhigen können? Eben daher, weil Matthäus eine Parallele ziehen wolte, so führt' er auch, blos die Wort' an, die man in Vergleichung sezzen konte, nur den 14ten Vers des Propheten: aber den 15ten und 16ten Vers übergeht er, weil sie nichts enthielten, das der Messias und der Knabe der Iungfrau mit einander gemein hatten. Die Zitirformel: @@@@@ @@ @@@@ @@@@@@@, @@@ @@@@@@@ @@ @@@@@ @@@ @@ @@@@@ @@ @@@@@@@ steht dieser Erklärung nicht entgegen, sie ist im höchsten Grad' algemein und heist weiter nichts, als: hier konte man die Worte des Propheten annehmen. Das Erfüllen so mus so wenig hier Schwierigkeit machen, als im Ausspruche des Hieronymus: Caeterum Socraticum illud impletur in nobis: hoc tantum scio, quod nescio. – " Seit. 344. 345. 346. 347.

 

[Manuskriptseite 158.]

[Ia-06-1780-0361]
XXV.

 

[Ia-06-1780-0362]
Anhang zu dem dreizehnten bis vier und zwanzigsten Bande der Algemeinen Deutschen Bibliothek. Zweite Abtheilung. 1776.

 

[Ia-06-1780-0363]
1) Vom babylonischen Thurmbau.

 

[Ia-06-1780-0364]
"Der V. versteht unter $$ eine Gotheit, einen Gözzen, und unter $$$ Überschwemmen (die Möglichkeit dieser Bedeutung ist nicht zu läugnen) und übersezt nun: Wir wollen uns eine Gotheit machen, (ein Gözzenbild, welches sie ohne Zweifel oben auf den Thurm sezzen wolten) damit wir nicht auf der ganzen Erd' überschwemt werden (durch eine abermalige Sündfluth nämlich, die ihnen ia noch in frischem Andenken sein muste). – – –" Seit. 824. 825.

 

[Ia-06-1780-0365]
2)

 

[Ia-06-1780-0366]
Edle, weise Gedanken!
"– Der auf Stufen erhöht, und nach Prüfung belohnt!
Der die Welten gesondert von Welten und dennoch vereint hat!
Der, in seinem unendlichen Plane der Seeligkeit Aller,
Alle Gränzen und Arten der Seeligkeit vereint hat!
Gegen dich, lichtheller Entwurf des Glüks der Geister,
Ist die sinliche Schöpfung nur Schatten. Er bauet auf Elend
Freuden empor, die keiner der Immerglüklichen kante. – –"

Seit. 1195.

 

[Manuskriptseite 159.]

[Ia-06-1780-0367]
Er red'te mit ihm von der doppelten Täuschung,
Bald der gewöhnten Gewisheit, und bald des ergrübelten Zweifels,
Alles, nachdem die Seele zur Überzeugung sich neige,
Aber wider dieselbe sich strömte. –"

Seit. 1202.

 

[Ia-06-1780-0368]
XXVI.

 

[Ia-06-1780-0369]
Anhang zu dem dreizehnten bis vier und zwanzigsten Bande der algemeinen deutschen Bibliothek. Dritte Abtheilung. 1776.

 

[Ia-06-1780-0370]
1) Vom Verfasser der Apokalypsis.

 

[Ia-06-1780-0371]
"Könt' es nicht sein, daß Iohannes der Presbyter der Verf. der Apokalypsis wäre? Denn es ist doch eigen, daß Eusebius es selbst muthmast; daß die Presbyter's in den ältesten Zeiten gerade @@@@@@@ genannt worden, wie hier Iohannes in der Überschrift, und Papias, der so viel vom tausendiährigen Reiche schwazt, nach dem Fragment bei'm Grabe, Sec. II. S. 20. ff. von diesem Presbyter Iohannes viel gelernt zu haben versichert. – –" Seit. 1409.

 

[Ia-06-1780-0372]
2) Vom Kanon des A.T. und N.T.

 

[Ia-06-1780-0373]
"Der Kanon hat bei Iuden und Christen, seiner ersten Einrichtung nach, nicht sowol eine Samlung der Bücher,

 

[Manuskriptseite 160]

die unter besondrer Eingebung geschrieben werden, sein sollen als vielmehr bei ienen eine Samlung ihrer Nazionalschriften von verschiednem Werth und verschiedner Gattung, (welche sie denn mit einem algemeinen Namen @@@@ @@@@@@@ @@@@@ @@@@@ nanten) und bei diesen ein Inbegrif der Schriften, die zum Vorlesen und einer in den verschiednen Gemeinden dadurch zu erhaltenden grössern äusserlichen Gleichförmigkeit dienen solten. Iene hat Christus, und nach ihm Paullus, so wenig als algemeine Erkentnisbücher der Wahrheit zur Glükseeligkeit für alle Zeiten und alle Menschen empfehlen wollen, daß dieser sie vielmehr als dürftige Sazzungen verwirft, und Christus, wie man auch das "forschet in der Schrift", befehlsweise, oder nur beziehungsweise, verstehen wil, nicht alle einzelne Bücher des A. T. meinen konte, sondern das insgemein darin enthaltene Wort Gottes, und in so weit er's d auch nur mit Iuden zu thun hatte, mit denen er @@@' @@@@@@@@ (denn ihr meinet) reden muste. Diese sind auch nicht eins wie das andre von steter algemeinen Verbindlichkeit. Ia selbst die Iuden legten den Schriften des A. T. nicht einerlei Grad der Wichtigkeit und des Ansehens bei. – Heilige Schrift, und Gottes Wort ist also, auch gar nicht einerlei, und Götlichkeit der Schrift solte man lieber gar nicht sagen, weil man dabei immer alle hergebrachte Vorstellun

 

[Manuskriptseite 161.]

gen von Eingebung voraussezt. Man kan auch die Art dieser, und was vermittelst derselben Wort Gottes sei, unmöglich anders beurtheilen, als nach deren Inhalt, wenn er im Subiekt neue Ideen zur G geistigen Volkommenheit veranlast; auch wirklich zur Besserung, zur Hervorbringung neuer guter Einsichten und Fertigkeiten in den Menschen abzielt, und der Mensch sich das bewust ist. Solche götliche Eingebungen hat's von ie her unter allen Völkern gegeben, es ist ein iüdischer Nazionalstolz, wenn man das läugnen wolte; daraus folgt nun aber einmal, daß bei den Geschichtsbüchern des A. und N.T. keine Eingebung nöthig war – zweitens die historischen Schriften des A.T. den Christen gar nicht verbinden, denn was kan er dadurch besser werden? Des N.T. nur in so weit, in so weit er noch als ein Schwacher mehr durch Geschichten als durch Lehren und Unterricht geleitet werden mus, die übrigen alle aber nur so lang und in so fern, als es ihm noch an den, darin vorgetragnen, Erkentnissen fehlt. Hat er aber diese erlangt, und bauet er weiter darauf fort, so ist er ein Mann in der Religion, in den der Geist Christi ist, und der nicht länger durch ein dunkel Spiegelglas die Wahrheit und's Gute zu erkennen braucht – drittens, daß ein Unchrist, was die äusserliche Kirchengemeinschaft betrift, der durch andre besondre Schikkungen auf andern Wegen zu gleicher Erkentnis gekommen, vor Gott eben so gut ein Christ ist, und ein ihm gewis mehr gefälliger, als der Christ, der ohne Licht, der ohne Licht und

 

[Manuskriptseite 162.]

Kraft des Christenthums nur steif über alle Bücher des Kanons hält – viertens, daß es nur nach kirchlichen Rechten zur kirchlichen Verbrüderung einzelner Partheien gehört, diesen oder ienen Kanon zu haben; die Erweiterung der Geistesgemeinschaft es Lehrern zur Pflicht macht, die Gewissen darin nicht zu beengen, sondern iedem darüber sein freies Urtheil zu lassen; und die ganze Untersuchung historisch bleibt, ohn' allen dogmatischen Nuzzen, wenn nicht's Urtheil dahin ausfält. – –" Seit. 1411. 1412.

 

[Ia-06-1780-0374]
XXVII.

 

[Ia-06-1780-0375]
Neuer Schauplaz der Natur, oder Beiträge zur Verherlichung Gottes und zur Ausbreitung gemeinnüzziger Kentnisse, in einem freien Auszuge des phüschischen Werkes, mit neuen Erfahrungen vermehrt und verbessert. Erster Band. Frankfurt und Leipzig, bei George Peter Monath, 1772.

 

[Ia-06-1780-0376]
1) Von den Insekten überhaupt.

 

[Ia-06-1780-0377]
"Man hat den Insekten diesen Namen wegen den Einschnitten des Körpers beigelegt. Das haben alle Insekten miteinander gemein, daß sie viele Füsse und an den Seiten verschiedne Luftlöcher haben, wodurch sie Athem schöpfen; daß sie an ihrem Leib durch

 

[Manuskriptseite 163.]

verschiedne Abschnitt' eingetheilt, und mit einer beinernen Haut überpanzert sind, welche bei ihnen die Stell' eines Beingerippes versiehet, und daß auf ihrem Kopfe zwei bewegliche gegliederte Fühlhörner stehen, welche sie eigentlich vom Geschlechte der Würmer unterscheiden. Nichtsdestoweniger finden sich unter ihnen wieder sehr merkliche Unterschiede. Bei einigen besteht der Leib aus einer Menge Gelenke, oder ringförmiger Glieder, welche alle mit einer gemeinschaftlichen Haut umgeben sind, und unter welcher sie sich an einander und von einander ziehen können. Auf solche Art bewegen sich alle Arten von Würmern, sie mögen überdies mit Füssen versehen sein oder nicht. Sie dehnen die muskulöse Haut zwischen den ersten Gelenken aus, daß die vordersten Ringe fortgeschoben werden, und ziehen alsdenn durch nochmaliges Runzeln der Haut die andern Ring' und den ganzen Körper nach. Bei andern besteht der Leib aus verschiednen, gleichsam von einander abgesonderten Stükken, die sich bei der Bewegung über einander schieben. Diese Bewegung wies die Vorsicht den Fliegen, Maikäfern, und unzählichen andern an, deren Körper aus verschiednen kleinen Schienen besteht, die sich von einander und wieder zusammen schieben lassen, wie die Armschienen an den alten Harnischen. Bei der dritten Gattung besteht der Leib ganz aus zwei oder drei Stükken, welche vermittelst zarter fadenförmiger Bänder zusammengehängt

 

[Manuskriptseite 164.]

sind, wie bei den Ameisen, Spinnen und andern dergleichen Thieren beobacht wird. Ie kleiner diese Thiere sind, desto mehr mus man die künstliche Art ihrer Zusammensezzung schäzzen desto mehr erstaunen, wenn man ordentlich abgetheilte Gefässe, und organische Gliedmassen in einem Körper findet, der bei einigen so klein ist daß eine Million derselben in einem Hirskorn Raum hat. Wie gros ist die Weisheit, die die unmerkbaren Eingeweide der Insekten austheilet, den Umlauf und das Maas ihrer Säfte nach ihren Röhrgen bestimmet, die die spanische Fliege und den Käfer mit Gold und Azur bemahlt, die den Flügel des Papilions mit so feinen und schimmernden Federkielen bestekket, daß sie dem Auge nur Staub zu sein scheinen, und ihr Haupt mit Federbüschen schmükt! – –" Seit. 7. 8. " Wie wunderbar ist nicht die Einrichtung des Geschmaks und der Zungen der Insekten, an so verschiedner Speise, Wurzeln und Steinen, Schlam und Federn, Haaren und Leder, Koth und Gift Belieben zu finden, und die Einrichtung ihrer Magensäfte, sie zu verdauen und davon sich zu nähren. –" Seit. 13.

 

[Ia-06-1780-0378]
2) Von den Raupen.

 

[Ia-06-1780-0379]
"Das Raupengeschlecht ist ordentlicher Weise mit starken Haaren bewachsen, welche der Näss' und dem Wasser wehren, daß es nicht auf die Haut dringen und den

 

[Manuskriptseite 165.]

Leib star machen kan. So bald diese Haare gebogen werden, so weis die Raupte, daß es Zeit ist, sich an ihrem Faden herab zulassen, eh' ihr der Wind den Ast auf den Leib stöst und sie zerquetscht. – Auch ihre Farbe ist ein vortrefliches Mittel, sie gegen die Vögel zu schüzzen, die keine angenehmere Nahrung für ihre Brut zu finden wissen. Sie ist mehrentheils den Blättern, wovon sie zehren, oder dem Ast, darauf sie wohnen, so ähnlich, daß sie dem Auge des Vogels entwischen. Die Stechdornraup' ist eben so grün, als der Stechdorn selbst, und die Hollunderbaumraup' hat die natürliche Farbe des Baums. Auf den Äpfelbäumen und Dornhekken findet man viele, die eben so bräunlich sind, wie's Holz dieser Bäum' und Gesträuche. – Ihrer Feinde wegen benagen sie auch mehr die Blätter von unten als von oben. – " Seit. 20. 21.

 

[Ia-06-1780-0380]
"Der Saugrüssel der Zweifalter ist inwendig hohl, und aus zwei runden Röhren zusammengesezt, welche entweder von Natur bis zur Mitte des Rüssels gespalten sind, oder sich spalten lassen. Durch diesen Rüssel nimt der Schmetterling die Süssigkeit der Blumen oder andrer Sachen zu sich, und pumpt sie, wenn sie flüssig sind, leicht durch diese Röhren hinauf. So Sind sie aber veste, wie der Zukker, so läst er aus seinem Rüssel einen flüssigen Saft darauf tropfen, um die Zukkertheilchen aufzulösen und auf diese Art einzuschlürfen. Wenn er etwas Speise genossen hat, so strekt er seinen Rüssel öfter aus und zieht ihn wieder ein,

 

[Manuskriptseite 166.]

um die zurükgebliebnen Theilchen in den Schlund und Magen zu befördern. – Die Fühlhörner stehen oben an den Augen und bestehen aus dreissig bis vierzig zylindrischen Gliedern, von denen die acht lezten dikker sind und einen Knopf formiren. Die Glieder passen grade auf einander, und sind inwendig hohl, wie man durch's Mikroskop sehen kan, daß Luftbläsgen herausgehen, wenn man einen Schmetterling ganz in's Wasser taucht, daß sie oben zu stehen kommen. Vielleicht dienen sie mehr zum Gehör als zum Fühlen. Die Augen sind gros, glänzend, und mit unnachahmlicher Kunst gebaut. Ihre Halbkugel ist wie mit einem Nezz' überspant, das aus lauter vier und sechsekkigen Maschen besteht. In ieder solcher Masch' ist ein kleines glänzendes Kügelchen, welches nichts anders als ein besondres Aug' ist, so, daß eine solche Halbkugel, wol aus 17000 Augen besteht, wovon iedes seinen eignen Sehnerven hat. –" Seit. 30. 31.

 

[Ia-06-1780-0381]
3) Von den Spinnen.

 

[Ia-06-1780-0382]
"Alle Spinnen haben vorn am Kopfe zwei Fäng' oder zwei mit Spizzen bewährte oder wie Sägen ausgezakte Arme, an deren End' eine grosse Kralle, die einer Kazzenkralle gleicht, hervorragt. Etwas unterhalb dieser Krall' ist eine kleine Öfnung, woraus die Spinn' ein sehr schädliches Gift fliessen läst. Sie pflegen diese Krallen zu verbergen oder auszustrekken, nachdem's nöthig ist. Wenn sie selbige nicht mehr brauchen, so legen sie solche nieder, iede auf den Arm, an dem sie stehet, wie man die Kling'

 

[Manuskriptseite 167.]

eines Taschenmessers auf den Grif niederlegt, Auf beiden Seiten sind zwo Fühlspizzen von drei Gelenken, länglicht rund, und dienen, wie bei allen Insekten zum Betasten und Herumdrehen der Speisen, hier aber enthalten sie noch die mänlichen Geburtsglieder. Sie haben acht Füsse, welche Krebsfüssen gleichen, mit Gelenken und drei krummen beweglichen Klauen. Die kleinste von diesen Klauen steht seitwärts wie die Sporen an den Hahnenfüssen, und dient ihr, sich auf ihrem Gespinst vest halten zu können. Die beiden andern, welche grösser und an ihrer innern Krümme zakkigt sind, gebraucht sie, wenn sie sich anhängen oder fortlaufen wil, es geschehe um seitwärts oder gar mit unter sich gekehrten Rükken. Marmor und Spiegelgläser sind ihr noch rauh genug, um die Spizz' ihrer Klauen einzuschlagen und sich darauf erhalten zu können. Um diese zu schonen, hat sie nahe bei den zwei grossen Klauen ein paar runde Ballen, auf denen sie sanfter auftreten kan. Ausser diesen acht Füssen hat iede Spinne noch zwei andre Vorderfüsse, oder vielmehr Arme, weil ie sich derselben nicht zum Gehen, sondern zum Festhalten ihres Raubes bedient. Alleine dieser Waffen ungeachtet würde sie wenig Beute machen, wenn sie nicht ihren Feind in einen Hinterhalt zu lokken wüste, da sie keine Flügel hat, ihn zu verfolgen. sie wissen aber hierzu ein Nez zu verfertigen. Dieses Nez weben sie aus einem klebrichten Saft, der aus fünf Warzen ihres Körpers, an denen noch viel andre kleinere sind, herausfliest.

 

[Manuskriptseite 168.]

Diesen Saft zieht die Spinne zu einem Faden, der dikker oder dünner wird, nachdem sie die Sprüzlöcher an den Eitern mehr oder weniger öfnet. – " Seit. 43. 44. 45.

 

[Ia-06-1780-0383]
4) Von den Fliegen.

 

[Ia-06-1780-0384]
"Die grossen Augen der Fliegen sind nezförmig und bestehen aus mehr als zwölftausend kleinen Linsen oder Spiegeln, von denen ieder seinen eignen Sehnerven hat. Dadurch sind sie im Stand' alles, was um sie herum vorgeht, zu beobachten, und gerathen durch die Menge der vervielfältigten Gegenständ' eben so wenig in Verwirrung, als der Mensch, der alle Dinge mit zwei ugen zugleich erblikt. Ihre Flügel sind mit Nerven durchflochten, spiegelglat und am Ende zottigt. Ieder Fus besteht aus 7. bis 8. Gelenken, und ist mit zwei Krallen und verschiednen spizzigen Nägeln bewafnet. Mit diesen knnen sie klettern, aber auf ebnen Wege treten sie blos auf den gedoppelten schwammigten Ballen, der sich zwischen ihnen befindet. Sie lieben die Reinlichkeit vorzüglich, weil ohne sie der Staub bald ihre unbedekten Augen verdunkeln und die zarten Flügel verderben würde; und bürsten deswegen mit ihren haarichten Füssen Augen und Flügel unzähligemal ab. Der Rüssel einer Fliege besteht aus zwei Theilen, davon sie den einen über den andern legen, beide aber verkürzen, und gegen den Hals ziehen kan. Das äusserste Ende des Rüssels ist scharf wie ein Messer, und dient,

 

[Manuskriptseite 169.]

die Speisen zu zerschneiden. Sie giebt ihm die Gestalt zweier Lippen, mit denen sie die Speisen ergreift. Wenn sie die Luft an sich zieht, so kan sie durch den Rüssel flüssige Sachen, wie durch eineRöhre saugen.... Ist der Körper, von welchem sie ihre Nahrung sucht, zäh' und trokken, so treibt sie durch den Kanal ein Tröpfchen von einer Feuchtigkeit heraus, welche sie mit ihren Lippen so an den Körper anzubringen weis, daß sie ihn dadurch erweicht, und also geniessen kan. – –" Seit. 77. 78. 79.

 

[Ia-06-1780-0385]
5) Von den Augen der Schnekken.

 

[Ia-06-1780-0386]
"Man sieht, wie der Gesichtsnerve sich innen in den zwei Fühlhörnern (der Schnekken) schlangenweis zum Aug' erhebt, und die Zergliedrer haben darin eben solche Feuchtigkeiten, als in den menschlichen Augen gefunden. Sie sind eine Art von Ferngläsern mit Auszügen, die's Thier verlängern und verkürzen kan. –" Seit. 92.

 

[Ia-06-1780-0387]
6) Woraus die Schaal' eines Eies besteht? –

 

[Ia-06-1780-0388]
"Sie besteht aus vielem Salze, das aus den Säften der Henne geschieden und durch die Wärme zum Umkreis des Eies geführt wird, um das Küchlein desto besser zu beschüzzen, und's Zerquetschen des Eies unter dem Legen zu verhüten." Seit. 113.

 

[Ia-06-1780-0389]
7) Die grosse Kette der Natur!

 

[Ia-06-1780-0390]
"Das fliegende Eichhorn, welches gleich den vierfüssigen

 

[Manuskriptseite 170.]

Thieren Zähne, Klauen und Haar' hat, die Fledermaus, die mit grossen häutigen Flügeln fliegt, der Straus, der auf seinen Ziegenfüssen mehr lauft als fliegt, scheinen die Landthiere mit der Klasse der Vögel zu verbinden, und die Kette der Geschöpfe zu ergänzen. –" Seit. 134.

 

[Ia-06-1780-0391]
8) Von den Fischen.

 

[Ia-06-1780-0392]
"Die Augen sind bei den Fischen rund, um's Licht, das im Wasser gemeiniglich schwächer ist, zu konzentriren, und die Helle zu vermehren. Das Erheben des Fisches beruht auf der Ausdehnung seiner Blase, welche verursacht, daß er ohne schwerer zu werden, einen grössern Raum einnehmen, und also in die Höhe gehen mus. Gleichermassen darf er nur seine Blase zusammenziehen, um kleiner und folglich schwerer als das Wasser zu werden, so sinkt er wieder unter. –" Seit. 150. ] Kopien der Seiten 170 -175 fehlten. Nachträglich in xml-Datei eingefügt und direkt korrigiert. ST

 

[Ia-06-1780-0393]
"Das Seepferd, das Krokodil u. a. verbinden das Fischreich mit den vierfüssigen Thieren, so wie eine andre Gattung derselben sie mit den Vögeln verknüpft. Es sind solches dieienigen, die sich vor den Verfolgungen der Raubfische mit Flosfedern, welche den Flügeln der Fledermäuse gleichen, mitten aus der Se' in die Luft erheben, und darinnen verweilen, bis ihre Flosfedern trokken geworden sind. - - " Seit. 153.

 

[Ia-06-1780-0394]
Die Fische wandern eben so wie die Vögel. Die Heeringe ziehen iährlich im Brach= und Augustmonat in unabsehbarer

 

[Manuskriptseite 171.]

Meng' aus den Nordischen Gewässern bis an die westliche Küste von Frankreich, um gewisse Würmer und Fischgen, die ihre angenehmste Speise sind, aufzusuchen. - - -" Seit. 155.

 

[Ia-06-1780-0395]
9) Ergängzung der Naturkette durchs Pflanzenreich.

 

[Ia-06-1780-0396]
" Die niedrigste Pflanze, die Tartüffel ist blos eine kleine unförmliche Masse, an der's Auge keine Theile, sondern blos eine Art der Marmelirung wahrnimt. Von da steigt die Volkommenheit durch die Geschlechter der Schwämme, Pilsen und Moose, immer höher zu den organischen Pflanzen, und endlich zur Thierpflanze. -" Seit. 158.

 

[Ia-06-1780-0397]
10) Von dem Blumenstaub.

 

[Ia-06-1780-0398]
"Aus dem Mittelpunkt der Blum' erheben sich ein oder mehrere kleinere Säulen, die inwendig die Beschaffenheit eines Rohrs haben, oben abgerundet oder auch zugespizt, und unter dem Namen der Fruchtröhren bekant sind. Diese Fruchtröhren umgeben andre kleine Säulen, welche die Staubfäden heissen, und oben gewisse kleine Kapseln haben, die mit feinem Staub' angefüllet sind. Die Figür dieser Fäden ist zwar sehr regelmässig, aber bei ieder Art verschieden, einige rund, andre haarigt, andre dreiekkigt, oder auf andre Art gebildet. Wenn die Saamenkapseln reif sind, lassen sie diesen Staub aus verschiednen siebförmigen Öfnungen in den Blumenbecher fallen, und insonderheit

 

[Manuskriptseite 172.]

auf die Narbe der Fruchtröhre. Der feine Staub bleibt an den zarten Spizzen und Flokken der klebrgten Narb' hangen, und dringt durch die Röhre bis zum zum Samkorn durch und macht dasselbe fruchtbar. Ob in diesem Staube vielleicht die Keime liegen und den Saamenkörnern beigebracht, oder ob durch den flüchtigen Geist des Saamenstaubes die schon im Saamkorn verborgne Keim' erwekt und befruchtet werden, ist noch nicht entschieden - ob gleich das erstere wahrscheinlicher ist. So viel ist gewis, daß sich die Blume blos deswegen öfnet, um den Staubkörngen Wärm' und Reife zu verschaffen, und sich schliest, um selbige für Kält' und Regen zu beschüzzen, und daß die Fruchtbarkeit der Pflanze vom Staub' abhängt. - - " Seit. 161.

 

[Ia-06-1780-0399]
11) Von der Flüssigkeit der Luft.

 

[Ia-06-1780-0400]
" Die Flüssigkeit der Luft komt, wie wir an allen flüssigen Dingen wahrnehmen, wahrscheinlich daher, weil sie von einer andern wirksamen Materie durchdrungen wird, die ihre Theile von einander trent. So wird das Wasser flüssig, nicht von sich selbst, sondern weil die Wärm' oder die Luft es gänzlich durchdringt, und durch seine Bewegung in einem Stande der Trennung unterhält. Fält dies weg, so wird aus dem Wasser ein fester Körper, dessen Theil' in Ruhe liegen, und man nent's Eis. Vermuthlich ist auch die Luft nur deswegen flüssig, weil sie von einer

 

[Manuskriptseite 173.]

andern Materie durchdrungen wird, die in heftiger Bewegung ist und die Theile der Luft getrent erhält. Und diese Materie ist der Äther. - " Seit. 393.

 

[Ia-06-1780-0401]
12) Vom Schnee.

 

[Ia-06-1780-0402]
Da der Schnee nothwendiger Weis' Öl, flüchtiges Salz, und ein in der Mitte dieser gefrornen kleinen Massa eingeschlossenes Theilgen Wärm' in sich hat, so mus auch die Erd', auf die er fält, dadurch fruchtbar gemacht werden. - - Seit. 400.

 

[Ia-06-1780-0403]
13) Von der, auf uns drükkenden, Luft.

 

[Ia-06-1780-0404]
"Da der menschliche Leib mehr flach als völlig rund ist, so scheints, die entsezliche Last zweier Luftsäulen, die ihm auf dem Rükken und auf dem Vorderleib liegt, müst' ihn zerknirschen. Denn es ist eine ausgemachte Sache, daß flüssige Körper seitwärts eben so stark, als von oben herab drükken. Wir bemerken, daß

 

[Manuskriptseite 174.]

zum wenigsten dreissigmal siebenzig oder 2100 Pfund wägen. Ein Mensch ist gemeiniglich über 5 Schuh hoch und 1 Schuh breit; doch wollen wir blos 5 Schuh annehmen, auch wegen der Dikke des Kopfs, noch der Schultern und der Seiten in Rechnung bringen, um das dadurch zu ersezzen, was an den Beinen an Breit' abgeht. Es bleiben also zwei Flächen, iede von 10 Luftsäulen ruht, deren iede einen Schuh in's Gevierte beträgt und 1200 Pfund wiegt. Wie komt's nun, daß wir einer Last von 21000 Pfund nicht erdrükt werden? Daher - weil die wenige Luft, die in uns ist und ohne Aufhören von frischer abgewechselt wird, eben so viel Kraft gegen die Schwere der äussern Luft erzeige, als diese Schwere gegen die Ausdehnung der Luft, die wir in uns ziehen. Die beiden Kräfte zernichten einander, oder man spühret sie vielmehr ihres Gleichgewichtes wegen nicht, ob sie schon wirklich vorhanden sind. Die innere Luft bemüht sich eben so sehr von innen, unsern Leib zu zerbrechen, als die äussere von außen. -" Seit. 417. 418.

 

[Ia-06-1780-0405]
14) Vom Salze.

 

[Ia-06-1780-0406]
" Die Salze, welche in der Zusammensezzung aller Körper angetroffen werden, sind eine harte und unveränderliche Materie, dessen kleinste Theile viele spizzige Ekken

 

[Manuskriptseite 175.]

haben. Diese Materie hat mancherlei Gattungen und Wirkungen, ie nachdem sie sich mit andern Dingen vermischt, oder eine andre Einrichtung in seinen Ekken und Spizzen hat. Man mag einen Körper auflösen, welchen man wil, so bleibt etwas Salz zurük. Dieses ist allem Ansehen nach dazu bestimt, die übrigen Materien mit einander zu binden. Man mus folglich diese Spizzen als kleine Nägel ansehen, welche in die Zwischenräumgen andrer Materien eindringen, und sie auf's genauste mit einander vereinigen. So wie aber die Nägel, damit man etwas befestigt, eben so wol kleine Keul' abgeben können, etwas zu spalten, zumal wenn sie sehr dik sind und in grosser Menge gebraucht werden, so kan auch das Salz öfters die Körepr, stat sie zu vereinigen, kurchfressen, trennen und auflösen. Doch wirkt dies nicht das Salz von selbsten, sondern durch den Druk der Luft oder andrer Körper. - " Seit. 439.

 

[Manuskriptseite 176.]

[Ia-06-1780-0407]
Verzeichnis der Bücher.

 

[Ia-06-1780-0408]
I. Der deutsche Merkur. Erster Band - - Seit. 1.

 

[Ia-06-1780-0409]
II. Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwanzigsten Bandes zweites Stük. 13.

 

[Ia-06-1780-0410]
III. Der deutsche Merkur. Dritter Band. 16.

 

[Ia-06-1780-0411]
IV. Der deutsche Merkur. Fünfter Band. 17.

 

[Ia-06-1780-0412]
V. Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und zwanzigsten Bandes erstes Stük. 20.

 

[Ia-06-1780-0413]
VII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und zwanzigsten Bandes zweites Stük. 23.

 

[Ia-06-1780-0414]
VII. Der deutsche Merkur vom Jahr 1779. Drittes Vierteliahr. 24.

 

[Ia-06-1780-0415]
VIII. Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Zehnter Band. 27.

 

[Ia-06-1780-0416]
VIIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwei und zwanzigsten Bandes erstes Stük. 38.

 

[Ia-06-1780-0417]
X. Algemeine deutsche Bibliothek. Des zwei und zwanzigsten Bandes zweites Stük. 43.

 

[Manuskriptseite 177.]

[Ia-06-1780-0418]
XI. Algemeine deutsche Bibliothek. Des drei und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Seit. 56.

 

[Ia-06-1780-0419]
XII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des drei und zwanzigsten Bandes zweites Stük. 57.

 

[Ia-06-1780-0420]
XIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und zwanzigsten Bandes erstes Stük. 61.

 

[Ia-06-1780-0421]
XIIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und zwanzigsten Bandes zweites Stük. 63.

 

[Ia-06-1780-0422]
XV. I. G. Sulzer's vermischte philosophische Schriften. 65.

 

[Ia-06-1780-0423]
XVI. Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Eilfter Band. 109.

 

[Ia-06-1780-0424]
XVII. Auserlesene Bibliothek der neuesten Litteratur. Zwölfter Band. 114.

 

[Ia-06-1780-0425]
XVIII. Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Dreizehnter Band. 117.

 

[Ia-06-1780-0426]
XIX. Anhang zu dem dreizehnten bis vierundzwanzigsten Bande der al. d. Bibliothek. Erste Abtheilung. 133.

 

[Manuskriptseite 178.]

[Ia-06-1780-0427]
XX. Auserlesene deutsch Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Vierzehnter Band. Seit. 134.

 

[Ia-06-1780-0428]
XXI. Der deutsche Merkur. Sechster Band. 141.

 

[Ia-06-1780-0429]
XXII. Der deutsche Merkur. Siebenter Band. 1774. 144.

 

[Ia-06-1780-0430]
XXIII. Der deutsche Merkur. Achter Band. 1774. 149.

 

[Ia-06-1780-0431]
XXIIII. Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Funfzehnter Band. 151.

 

[Ia-06-1780-0432]
XXV. Anhang zu dem dreizehnten bis vierundzwanzigsten Bande der al. d. Bibliothek. Zweite Abtheilung. 155.

 

[Ia-06-1780-0433]
XXVI. Anhang zu dem dreizehnten bis vierundzwanzigsten Bande der Algemeinen deutschen Bibliothek. Dritte Abtheilung. 159.

 

[Ia-06-1780-0434]
XXVII. Neuer Schauplaz der Natur, – ein freier Auszug aus dem Plüschischen Werk. Erster Band. 162.

 

[Manuskriptseite 179.]

[Ia-06-1780-0435]
Verzeichnis der, in diesem Band' exzerpirten, Sachen.

 

[Ia-06-1780-0436]
1) Genetische Erklärung der thierischen Kunfertigkeiten - Seit. 1.

 

[Ia-06-1780-0437]
32) Etwas Algemeines über'n Menschen - - - - 7.

 

[Ia-06-1780-0438]
) Von Schmerz und Vergnügen - - - - - - 9.

 

[Ia-06-1780-0439]
4) Alle Unvolkommenheiten, die der individuelle Mensch an sich hat, entstehen aus seiner Lag' u. s. w. - - - - 10.

 

[Ia-06-1780-0440]
5) Mittel, die Unvolkommenheiten des Menschen, die aus'm Klima entstehen, zu mindern - - - - 11.

 

[Ia-06-1780-0441]
6) Ein neuer Beweis für's Alter der Chineser 13.

 

[Ia-06-1780-0442]
7) Von Tit. 3, 5. 6. - - - - - - - 14.

 

[Ia-06-1780-0443]
8) Anmerkungen über Genugthuung und Höllenstrafen - 14.

 

[Ia-06-1780-0444]
9) Von Einbildungen - - - - - - - - - - - -16.

 

[Ia-06-1780-0445]
10) Zwei Anmerkungen über die Erziehung - - - - - - 17.

 

[Ia-06-1780-0446]
11) Warum man in den Reden wilder Völker keinen übeln Geschmak bemerkt - - - - - - - - - - - 18.

 

[Ia-06-1780-0447]
12) Philosophische Bemerkung vom Willen - - - - - 20.

 

[Ia-06-1780-0448]
13) Haben die Apostel mehr als Christus gelehrt und wienach - - - - - - - - 21.

 

[Manuskriptseite 180.]

[Ia-06-1780-0449]
14) Vom besondern Kreuze der Frommen Seit. - - - 22.

 

[Ia-06-1780-0450]
15) Von der Nachsicht und Toleranz Iesu - - -23.

 

[Ia-06-1780-0451]
16) Von der menschlichen Tugend - - - - - - 23.

 

[Ia-06-1780-0452]
17) Man kan nicht allein blos selbstgezeugte Ideen hervorbringen - - - - - - - - 24.

 

[Ia-06-1780-0453]
18) Von 'n Leidenschaften - - - - - 24.

 

[Ia-06-1780-0454]
19) Von Neuerung in Religionssachen - - - - 25.

 

[Ia-06-1780-0455]
20) Gedanken – vom Lavater - - - - - - 27.

 

[Ia-06-1780-0456]
21) Anmerkung von der biblischen Geschichte - - 29.

 

[Ia-06-1780-0457]
23) Vom Brief an den Thimotheus - - - - - - 29.

 

[Ia-06-1780-0458]
23) Von der Geschichte Iesu - - - - - - 29.

 

[Ia-06-1780-0459]
24) Von algemeinen Beschaffenheiten der Dinge - 30.

 

[Ia-06-1780-0460]
25) Etwas – aus Lavater's physiognomischen Fragmenten - - - - - 30.

 

[Ia-06-1780-0461]
26) Wie Gebäude Leidenschaften erregen können - - - 38.

 

[Ia-06-1780-0462]
27) Anmerkungen vom Wort $$$$, $$$, $$$ - 38.

 

[Ia-06-1780-0463]
28) Wider den Eid auf die symbolischen Bücher - 39

 

[Manuskriptseite 181.]

[Ia-06-1780-0464]
29) Von den 4. Evangelisten - - - - - - - Seit. 42.

 

[Ia-06-1780-0465]
30) An einen Modekritikus - - - - - 43.

 

[Ia-06-1780-0466]
31) Wahrer Gesichtspunkt der Bibel - - - - - - 43.

 

[Ia-06-1780-0467]
32) Der Glaube der Iuden – vom Messias zu Christi Zeiten 44.

 

[Ia-06-1780-0468]
33) Von der Erbsünde - - - - - - - - - - - 45.

 

[Ia-06-1780-0469]
34) Von der Taufe - - - - - - - - - - 48.

 

[Ia-06-1780-0470]
35) Worin's Evangelium eigentlich bestehe - - - - 48.

 

[Ia-06-1780-0471]
36) Epigramme - - - - - - - - - - - - - - - - - 49.

 

[Ia-06-1780-0472]
37) Beitrag – vom Ursprung der Sprachen - - - 50.

 

[Ia-06-1780-0473]
38) Karakter der Klopstokk'schen Muse - - - - 55.

 

[Ia-06-1780-0474]
39) Vom Laute der Wörter in der deutschen Sprache - - 56.

 

[Ia-06-1780-0475]
40) Etwas – aus Lavater's Physiognomik - - - - - 57.

 

[Ia-06-1780-0476]
41) Schriftstellen zum Beweis, Gott vergiebt ohne Genugthuung - - - - - - - - - - - 61.

 

[Ia-06-1780-0477]
42) Von der Tugend - - - - 61.

 

[Ia-06-1780-0478]
43) Gott hat Iesum nicht an Unsrer Stat gestraft - 63.

 

[Ia-06-1780-0479]
44) "Das Singedicht." - - - - - - - - - - - - - 64.

 

[Manuskriptseite 182.]

[Ia-06-1780-0480]
45) Guts und Böses sind sehr relativ - - - Seit. 65.

 

[Ia-06-1780-0481]
46) Das Eigentliche – der Seele - - - - 65.

 

[Ia-06-1780-0482]
47) Anfang des Vergnügens und Schmerzens - - 61.

 

[Ia-06-1780-0483]
48) Warum lebhafte Temperamente empfindlicher sind als weniger lebhafte - - - - - 67.

 

[Ia-06-1780-0484]
49) Ieder erfülte Wunsch erregt Vergnügen - - 67.

 

[Ia-06-1780-0485]
50) Von Verdrus und Vergnügen - - - - -68.

 

[Ia-06-1780-0486]
51) Von Empfindungen - - - - - - - - - 68.

 

[Ia-06-1780-0487]
52) Von der Geistigkeit der Sinne - - - - -70.

 

[Ia-06-1780-0488]
53) Von den verschiednen Gesichtspunkten einer Sache 74.

 

[Ia-06-1780-0489]
54) Warum dunkle Ideen mehr auf die Seele wirken als deutliche - - - - - 75.

 

[Ia-06-1780-0490]
55) Warum die Kirchenväter die Schauspiele verworfen haben - - - - - - - - 81.

 

[Ia-06-1780-0491]
56) Dem Zufal hat man eine grosse Meng' Ideen zu danken - - - - - - - - - 82.

 

[Ia-06-1780-0492]
57) Die Menschen ahmten die Thiersprache nach - 82.

 

[Ia-06-1780-0493]
58) Vom Bewustsein unsrer Selbst - - - 84.

 

[Ia-06-1780-0494]
59) Nach einer Lieblingsidee richten sich gemeiniglich alle andre Ideen in der Seele - - - - 86.

 

[Manuskriptseite 183.]

[Ia-06-1780-0495]
60) Warum Träumer ihre Einbildungen für wahr halten - Seit. 88.

 

[Ia-06-1780-0496]
61) Die sinlichen Empfindungen tragen viel zum Bewustsein unsrer selbst bei - - - - - - - - - - - - - 89

 

[Ia-06-1780-0497]
62) Warum tiefes Nachdenken der Seele vergnügt - - - 91.

 

[Ia-06-1780-0498]
63) Vom tiefen Nachdenken - - - - - - - - - - 93.

 

[Ia-06-1780-0499]
64) Es ist schwer, den Empfindungen zu widerstehen - - - - 94.

 

[Ia-06-1780-0500]
65) Bemerkung von Sinnen - - - - 94.

 

[Ia-06-1780-0501]
66) Der Zustand der Seele bei'm Träumen - - - 95.

 

[Ia-06-1780-0502]
67) Bemerkung von den Thieren - - - - - 96.

 

[Ia-06-1780-0503]
68) Ursprung der Narheit - - - - - - 97.

 

[Ia-06-1780-0504]
69) Von der Vervolkomlichkeit der Thiere - - 98.

 

[Ia-06-1780-0505]
70) Was ist Genie? - - - 99.

 

[Ia-06-1780-0506]
71) Endliche Wesen werden durch Stuffen beglükt - 99.

 

[Ia-06-1780-0507]
72) Von der Thätigkeit der Seele - - -106.

 

[Ia-06-1780-0508]
73) Etwas - wider'n Materialism - - - - - 107.

 

[Ia-06-1780-0509]
74) Vom Bewustsein unsrer Selbst - - 108.

 

[Ia-06-1780-0510]
75) Von der Lesart @ im Codice Claromantino 1 Tim. 3, 16 - - - - - - - -109.

 

[Manuskriptseite 184.]

[Ia-06-1780-0511]
76) Von der Eintheilung der Seelenkräfte - - Seit. 110.

 

[Ia-06-1780-0512]
77) Bemerkung vom Denken und Empfinden - - - 113.

 

[Ia-06-1780-0513]
78) Vom Temperamente - - - - - - 114.

 

[Ia-06-1780-0514]
79) Wie eine Geschichte der Menschheit sein mus - - 114.

 

[Ia-06-1780-0515]
80) Von'n Varianten im N. T. - - - 115.

 

[Ia-06-1780-0516]
81) Vom Gefühl unsrer Persönlichkeit - - - - 116.

 

[Ia-06-1780-0517]
82) Warum David, ein Man nach dem Herz Gottes genent wird. - - - - - - 117.

 

[Ia-06-1780-0518]
83) Über Mannichfaltigkeit, Fortschreitung pp. - - 117.

 

[Ia-06-1780-0519]
84) In Egypten wurde der Iude – gebildet - - - - 123.

 

[Ia-06-1780-0520]
85) Von zusammengesezten Begriffen - - - - - - - 124.

 

[Ia-06-1780-0521]
86) Von der Summe des Unglüks eines Menschen - - 125.

 

[Ia-06-1780-0522]
87) Von'n Handschriften - - - - - - 125.

 

[Ia-06-1780-0523]
88) Vom Iüngling – Autor – Christen - - - - 125.

 

[Ia-06-1780-0524]
89) Von der rechten Methode über unsre Seele zu räsonniren 127.

 

[Ia-06-1780-0525]
90) Von den Gesezzen der Ideenassoziazion - - - - 129.

 

[Ia-06-1780-0526]
91) Von Perzeptionsvermögen, Phantasie und Dichtkraft - 128.

 

[Ia-06-1780-0527]
92) Vom Empfinden einer Sache - - - - 129.

 

[Manuskriptseite 185.]

[Ia-06-1780-0528]
93) Vom Gewahrnehmen einer Sache - - - - - Seit. 129.

 

[Ia-06-1780-0529]
94) Klassen der Verhältnisbegriffe - - - - - - - 130.

 

[Ia-06-1780-0530]
95) Etwas von der Sprache - - - - - - - - - - - 131.

 

[Ia-06-1780-0531]
96) Von der menschlichen Natur - - - - - - -131.

 

[Ia-06-1780-0532]
97) Von der Nothwendigkeit des Gedächtnisses - - - - - - 131.

 

[Ia-06-1780-0533]
98) Vom Abendmal - - - - - - - - - 133.

 

[Ia-06-1780-0534]
99) Vom A.T. - - - - - - - 133.

 

[Ia-06-1780-0535]
100) Vom Worte @@@@@@@@@@ - - - - - - 134.

 

[Ia-06-1780-0536]
101) Von Krankheiten, die in der h. Schrift vorkommen - - - - 134.

 

[Ia-06-1780-0537]
102) Warum man nach abgenommnen Gliedern noch Schmerzen empfindet - 135.

 

[Ia-06-1780-0538]
103)Ieder Mensch empfindet eben die Sache verschieden - - - - 136.

 

[Ia-06-1780-0539]
104) Von Phantasie und Einbildungskraft - - - - 137.

 

[Ia-06-1780-0540]
105) Warum können so wenige sich selbst beobachten - - - 138.

 

[Ia-06-1780-0541]
106) Etwas aus der Naturhistorie - - - - 138.

 

[Ia-06-1780-0542]
107) Bemerkung für'n Moralisten - - - - - 140.

 

[Ia-06-1780-0543]
108) Auf's erste Veilchen - - - - - - - 141.

 

[Ia-06-1780-0544]
109) Von den Ägyptern - - - - - - - - 142.

 

[Ia-06-1780-0545]
110) Vom Worte "Edel". - - - - - 143.

 

[Ia-06-1780-0546]
111) Die Kunstrichter - - - - - - - - - 144.

 

[Ia-06-1780-0547]
112) Von der Religion der Ägyptier - - - - 145.

 

[Ia-06-1780-0548]
113) Grabmonument' auf Dichter - - - - 149.

 

[Ia-06-1780-0549]
114) Morgenlied - - - - - - - - - - - - - - 150.

 

[Ia-06-1780-0550]
115) Bemerkung vom Sehen - - - - - - 151.

 

[Ia-06-1780-0551]
116) Wie man Ios. 10, 13. 14. zu erklären habe - - - 152.

 

[Manuskriptseite 186.]

[Ia-06-1780-0552]
117) Vermuthung von den neblichten Fixsternen. - - - - - Seit. 153.

 

[Ia-06-1780-0553]
118) Umschreibung 1 Petr. III, 17=20. - - - - - - 133.

 

[Ia-06-1780-0554]
119) Von Himmel und Hölle - - - - - - - - - - 154.

 

[Ia-06-1780-0555]
120) Von der Stell' Ies. 7, 14. f. - - - - - 155.

 

[Ia-06-1780-0556]
121) Vom babylonischen Thurmbau - - - - - - - 158.

 

[Ia-06-1780-0557]
122) Edle Gedanken - - - - - - - 158.

 

[Ia-06-1780-0558]
123) Vom Verfasser der Apokalypsis - - - - - - 159.

 

[Ia-06-1780-0559]
121) Vom Kanon des A. und N. T. - - - - - - 159.

 

[Ia-06-1780-0560]
122) Von den Insekten überhaupt - - - - - - - 162.

 

[Ia-06-1780-0561]
123) Von den Raupen - - - - - - - 164.

 

[Ia-06-1780-0562]
124) Von den Spinnen - - - - - - - - - - - - 166.

 

[Ia-06-1780-0563]
125) Von den Fliegen - - - - - - - - - 168.

 

[Ia-06-1780-0564]
126) Von den Augen der Schnekken – von der Schaal' eins Eis –die Kette der Natur 169.

 

[Ia-06-1780-0565]
130) Von den Fischen - - - - - - - - 170.

 

[Ia-06-1780-0566]
131) Ergänzung der Naturkette durch's Pflanzenreich - - - 171.

 

[Ia-06-1780-0567]
132) Vom Blumenstaub - - - - - - - - - 171.

 

[Ia-06-1780-0568]
133) Von der Flüssigkeit der Luft - - - -172.

 

[Ia-06-1780-0569]
134) Vom Schnee - von der auf uns drükkenden Luft - - 173.

 

[Ia-06-1780-0570]
135) Vom Salze - - - - - 174.

 

[Ia-06-1780-0571]
Ende des sechsten Bandes.