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Faszikel IVb-03-wis-1791
 

Transkription und digitale Edition von Jean Pauls Exzerptheften

Vorgelegt von: Sabine Straub, Monika Vince und Michael Will, unter Mitarbeit von Christian Ammon, Kai Büch und Barbara Krieger. Universität Würzburg. Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition (Leitung: Helmut Pfotenhauer)

Förderung: Fritz Thyssen Stiftung (11/1998-12/2000) und Deutsche Forschungsgemeinschaft (01/2001-12/2005)
Projektleitung: Michael Will
Gesamtleitung: Helmut Pfotenhauer

Transkriptionsgrundlage: Nachlass Jean Paul. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Fasz. IVb, Band 03-wis

Bearbeitungsschritte:
25.02.2002 ST Beginn der Transkription
02.06.2003 ST Ende der Transkription
12.04.2010 CMC Zweites Online-Update

 

[Titelblatt]

Erster Band:

Schöne Wissenschaften.

Erster Band.

1781

Exzerpten aus neuen belletristischen Schriften.

Erster Band. 1781.

Leipzig.

 

[Manuskriptseite 1]

[IVb-03-wis-1791-0001]
I.

 

[IVb-03-wis-1791-0002]
William Shakespear's Schauspiele. Neue Ausgabe. Von Joh. Joach. Eschenburg, Professor am Koll. Karol. in Braunschweig. Fünfter Band. Zürich bei Orel, Gesner, Füesslin und Kompagnie. 1776.

 

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1) Aus dem Schauspiele: Viel Lärmens um Nichts. "Er hält's mit seiner Treue, wie mit seinem Hut; die Form desselben wechselt mit iedem neuen Blokke, worauf er gemodelt wird." S.11.

 

[IVb-03-wis-1791-0004]
"Freien, Heiraten, und Bereuen, ist wie ein schottischer Tanz, ein Menuet und eine Polonoise. Die erste Bewegung geht hizzig und schnel, wie der schottische Tanz, und eben so schwärmerisch; das Heiraten selbst geht ganz manierlich sitsam, wie ein Menuet, voller Würde und Anstand; und dan kömt die Reue, und fält mit ihren elenden Beinen in die Polonoise, immer schwerer und schwerer bis sie in ihr Grab sinkt." S. 33.

 

[IVb-03-wis-1791-0005]
"Schweigen ist der beste Herold der Freude. Ich wäre nur ein wenig glücklich, wenn ich sagen könte, wie ser ich's bin." S.44.

 

[IVb-03-wis-1791-0006]
"Die Zeit geht auf Krükken, bis die Lieb' im Besiz aller ihrer Rechte ist." S. 47.

 

[IVb-03-wis-1791-0007]
"Die Leute können gut raten und die Schmerzen trösten, welche sie selbst nicht fülen; aber sobald sie selbst in unsern Fal kommen, so verwandelt sich ihre Weisheit in Leidenschaft, in diese Weisheit, die

 

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vorher der Wut Arznei verschreiben, die starke Raserei in seidne Faden fesseln, den Schmerz mit Luft, und Todesqualen mit Worten bezaubern wolte. - Die Schmerzen schreien lauter, als alle Vorstellungen." S. 111-112.

 

[IVb-03-wis-1791-0008]
2) Aus dem Lustspiele "Ende gut, alles gut."

 

[IVb-03-wis-1791-0009]
" Wie oft sehen wir nicht nakte Weisheit im Dienste reich bekleideter Torheit!" S. 148.

 

[IVb-03-wis-1791-0010]
"Ich weis, ich liebe vergebens, und arbeit' aller Hofnung zuwider; und doch schütt' ich in dies verfängliche und löchrichte Sieb immerfort den Strom meiner Liebe, und merke durch den beständigen Verlust noch keinen Abgang. So bet ich, gleich dem Indianer, vol Aberglauben gegen meinen Irtum, die Sonn' an, die auf ihren Anbeter herabblikt, aber weiter nichts von ihm weis." Seit. 167.

 

[IVb-03-wis-1791-0011]
"Das blosse Wort, Ere, wird auf iedem Grabe gemishandelt, ist ein lügendes Siegszeichen ieder Gruft; und eben so oft ist's da stum, wo Staub und verwünschte Vergessenheit das Grab wirklich erenwerter Gebein' ist." S. 191.

 

[IVb-03-wis-1791-0012]
"Das Geweb' unsers Lebens ist aus gemischtem Garn gesponnen, gut und böse durch einander. Unsre Tugenden würden stolz werden, wenn unsre Feler sie nicht heischten; und unsre Laster würden verzweifeln, wenn unsre Tugenden sich ihrer nicht annämen." S. 243.

 

[IVb-03-wis-1791-0013]
3) Aus dem Trauerspiele "Makbeth."

 

[IVb-03-wis-1791-0014]
"Die neuen Eren, womit man bekleidet wird, sind wie fremde Kleidungen, die uns nicht recht anpassen, bis wir durch öfters Tragen an sie gewönt sind." S. 301.

 

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[IVb-03-wis-1791-0015]
"Komt iezt, (so spricht nämlich Makbeths Weib) ihr Geister alle, deren Geschäft' es ist, tödliche Gedanken einzuhauchen, komt, und entweibt mich hier! und erfült mich vom Wirbel bis zur Zähe durch und durch mit Grausamkeit! Macht mein Blut dik, verstopft die Zugänge der Reue, daß keine bittre Vorwürfe der wiederkerenden Natur mein gräsliches Vorhaben erschüttern, noch zwischen den Gedanken und seine Volziehung treten! Komt an meine weiblichen Brüste, und saugt meine Milch für Galle, ihr mörderischen Geister! wo ihr auch immer, in unsichtbaren Gestalten, die Störung der Natur befördert! - Kom, dikke Nacht, und hülle dich in den schwärzesten Dampf der Hölle, damit mein scharfer Dolch die Wunde nicht sehe, die er macht noch der Himmel durch den Vorhang der Finsternis gukke, und ruffe: Halt! Halt! - " S. 306-307.

 

[IVb-03-wis-1791-0016]
"Um die Zeit zu täuschen, sieh' aus, wie die iezzige Zeit aussieht; trage freundliche Bewilkommung in deinen Augen, auf deiner Zunge, in deiner Hand; sieh' aus wie die unschuldige Blume, aber sei die Schlang' unter ihr." S. 308.

 

[IVb-03-wis-1791-0017]
"Worte sind eine zu starke Abkühlung für die Hizze der Tat." S. 318

 

[IVb-03-wis-1791-0018]
"Das wag' ich alles, was dem Menschen ziemt; wer mer wagt, der ist keiner." S. 313.

 

[IVb-03-wis-1791-0019]
"Makbeth. Es war als hört' ich eine Stimme rufen: Schlaft nicht länger! Makbeth mordet den Schlaf! den unschuldigen Schlaf! - den Schlaf, der den verworrenen Kneul

 

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der Sorgen aus einander löst; den Tod von iedes Tages Leben; das Bad der wunden Arbeit; den Balsam verserter Gemüter; den zweiten Gang der grossen Natur; die narhafteste Speise beim Gastmale des Lebens." S. 321.

 

[IVb-03-wis-1791-0020]
"Besser ist's bei den Toden sein, als auf der Folter der Sele in rastloser Pein zu liegen! - Er ist im Grabe; auf das unruhvolle Fieber des Lebens schläft er wol; Verräterei hat an ihm ihr äusserstes getan; weder Stal, noch Gift, noch einheimische Bosheit, noch auswärtiger Anfal, nichts kan ihn mer berüren." S. 341.

 

[IVb-03-wis-1791-0021]
"Die Fledermaus begint ihren einsiedlerischen Flug, und der in Baumrizzen geborne Käfer läutet auf der schwarzen Hekate Ruf mit seinem schläfrigen Sumsen die gänende Nacht ein." S. 342.

 

[IVb-03-wis-1791-0022]
"Makbeth. Kom, blendende Nacht, schliesse das zärtliche Auge des mitleidigen Tages, durchstreiche mit deiner blutigen Hand und unsichtbaren Hand, und zerreisse diesen grossen Schuldbrief, der mich so bleich aussehen macht - das Licht wird schon trübe, und die Krähe fliegt dem dolenvollen Gehölze zu. Alle guten Geschöpfe des Tages fangen an zu nikken und einzuschlummern, indes die schwarzen Gehülfen der Nacht auf ihren Raub ausgehen." S. 342.

 

[IVb-03-wis-1791-0023]
"Unnatürliche Handlungen erregen unnatürliche Unruhe, und ein angestektes Gewissen murmelt dem tauben Hauptküssen sein Geheimnis zu." S. 384.

 

[IVb-03-wis-1791-0024]
"Morgen, und Morgen und Morgen, kriecht mit diesen kurzen Schritten von Einem Tage zum andern fort, bis

 

[Manuskriptseite 5]

an die lezte Sylbe der uns bestimten Zeit; und all' unsre Gestern haben Narren zum staubbedekten Tod' hingeleuchtet. - Aus, aus, kurzes Licht! Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armer Schauspieler, der seine Stunde lang auf der Büne gros tut, und tobt, und hernach nicht weiter gehört wird. Es ist ein Märgen, von einem Dumkopf erzält, vol Schal und Bombast, aber one Bedeutung! -" S. 392.

 

[IVb-03-wis-1791-0025]
II.

 

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Schriften von Helfrich Peter Sturz. Erste Samlung. Leipzig, bei Weidman's Erben und Reich, 1779. a) Einen Auszug davon seh' man im 9. Band d. Exzerpte Seit. 185.

 

[IVb-03-wis-1791-0027]
1) Vom Raphael.

 

[IVb-03-wis-1791-0028]
"Sie finden in Raphael's Arbeit die wilden Pinselklekse nicht, die man als ein eigentümliches Gepräg der grösten Meister anstaunt; er war immer schwer mit sich zufrieden, und blieb noch als Sieger bescheiden im Wetstreit mit der Natur. - Also allerdings ein dürftiger Kopf: das Genie schaft, es veranstaltet nichts; es bildet und künstelt nicht; es ruft almächtig sein Wesen aus dem Chaos hervor - seine Werke sind Frücht' aus den Gärten des Himmels, die one Baum und Blätter treiben. Klopstok, der ein halbes Leben feilte, Laokoons Schöpfer, der Jarelang gehämmert hat, um durch sanfte, langweilige Meisselschläge den atmenden Stein mit einer weichen Menschenhaut zu umgeben, sind Ziselirer, keine Genieser. Die Boucher's, die De Hay's, die La Grenées zaubern fertige Götter= und

 

[Manuskriptseite 6]

Menschengestalten aus einer Feenwelt herab; diese gaukeln dan in behaglichen Krämpfen auf lauter Purpurwolken schweben in der goldnen Morgenröte, in gewebte Luft gekleidet, und auf ihren durchsichtigen Körpern spielen alle Regenbogenfarben. Freilich, wenn nach Jarhunderten der Forscher noch andächtig bei Raphaels Federstrichen weilt, so wandelt er die bunte Tapete mit kaltem Widerwillen vorbei." S. 47-48.

 

[IVb-03-wis-1791-0029]
2) Von der Mode, in Paris.

 

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"Das Schauspiel der Moden belustigt in Frankreich mer als irgendwo, weil's, wie die Bilder einer Zauberlaterne, abwechselt, und nie so einförmig wird, als unsre Nachamung. Mancher deutsche Hof in seiner Gala sieht aus, wie ein Assortiment Dresdner Puppen aus Einer Form und von Einer Glasur. eine iunge Französin ist ergeiziger; sie erfindet ihren Puz selbst, oder ändert die Mode nach ihrer Gestalt, und versteht merenteils ihren Vorteil. Auf einem Bal bei dem Prinzen Soubise sah' ich alle iunge Damen verschieden gekleidet; iede war auf eine eigentümliche Art aufgesezt, garnirt und verziert. Freilich wird ein neues Kopfzeug so ernsthaft untersucht, wie ein neues Drama; und wenn manche Erfindung ihre Iarszeit durchlebt, so fallen auch andre am Tag' ihrer Geburt." S. 55

 

[IVb-03-wis-1791-0031]
"Zum Teil sind wir durch die Anglomanie der heutigen Franzosen gerächt. Sie treffen überal auf

 

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wandelnde Riding=Coats, in deren Falten ein zerbrechliches, übel ebauchirtes, halb wiederaufgelöstes Wesen zappelt, oder auf englische Furwerke, übertront von einem Kutscher aus der Titanenfamilie, der Streitrosse mit einer Donnerstimme lenkt; hintenauf haben sich noch ein Par Riesen gelagert; nebenher springt nicht selten ein furchtbarer Hund, und in einer Ekke des Kastens werden Sie das einballirte Restgen einer alten Familie gewar - es iammmert Sie des mit Ungeheuern umringten Pigmäen. -

 

[IVb-03-wis-1791-0032]
Ich schweige von meinen Landsleuten; ihre Misgestalten belustigen mich nicht. Es geht mir nahe, manchen mit dem Kliquant aller Nazionen ausstaffirt zu sehen, wie einen von Europäern beschenkten Wilden; zu hören, wie man's belacht, daß ein erlicher Deutscher immer iede neue Torheit auf sich propft. Viele sind mit einer algemeinen Musterkarte drapirt, und tragen ihre Reisegeschichte auf sich herum; man kan ihnen, von ihrem, Hut zu den Stiefeln, aus Italien, durch Frankreich, nach England folgen, und durch die bunte Lasur leuchtet oft eine herbe Grundfarbe von Studenteneleganz durch Warum reisen wir nicht später, wenn Kopf und Herz fester sind? Nun flattern wir in die Welt, wie ein weisses Blat, das ieder Tor mit seinem Wanwiz beflekt, und oft mit unauslöschlicher Schrift. -- " Seit 55-59.

 

[Manuskriptseite 8]

[IVb-03-wis-1791-0033]
3) Von einer wizzigen Assemblee in Paris.

 

[IVb-03-wis-1791-0034]
"Hier erscheint, im Verstande des Worts, der Schatten Kolardeau, mit erloschnem Blik, ganz erschöpft durch Selenwollust, Barthe, ein Feuerwerk im Wiz, Le gentil Bernard, der leise Sänger der Liebe, Dorat mit Guirlanden en falbalas, der so gerne bulte mit der Natur, und dafür ein Opermädgen erwischt hat, Suard, der in Perioden zimbelt; Tomas, ein Philosoph im Purpurmantel, dessen Rede Posaunenton ist. - Dieses Kränzgen ist in Paris, was in einem mannigfaltigen Garten, ein holländisches Blumenstük ist; es sind kleine, geschnörkelte Felder, eine Minute für das Auge blendend, durch den Widerschein von Scherben und Glas. Hier wird nichtiger Stof scharfsinnig, durch üppige Kunst aufgestuzt; man arbeitet Blumen aus Federn und Stroh, baut Triumphbögen aus Zukker, schneidet Alpengegenden aus Postpapier, und ergözt sich an den Farben - einer Seifenblase. Ihre Meisterstükke sind elektrische Bildgen, mit Feuerfunken gezeichnet. Aber alle dergleichen Kampfspiele des Wizzes, wo man sich in Pros' und Versen, flache, klingende, honigsüsse Dinge sagt, sind, wie Pope sich irgendwo ausdrükt, ein Gastgebot auf lauter Bl* Brühen, ewiges Küzzeln one Genus, Wolgerüche, welche die Nerven ermüden; nichts artet zu Narung und Kraft. Die Dame des Palasts hat die Kolonie aus Lilliput in ihren Schuz genommen; aber sie ragt unter ihnen merklich hervor." S. 104-105.

 

[Manuskriptseite 9]

[IVb-03-wis-1791-0035]
4) An die Ärzte.

 

[IVb-03-wis-1791-0036]
"O Äskulape, zürnt nicht, wenn mein Glauben an eure Kunst zu wanken begint, wenn ein unglüklicher Aktienspieler über die Mäkler in Change=Alley schmält! Oft helft ihr unstreitig, wenn uns ein wütendes Fieber ergreift, wenn die Natur nur bestürmt, nicht zerrüttet ist; ihr dämpft den Aufrur; ia, ihr rettet zuweilen, wenn die Flamme durch alle Stokwerke lodert - wenn das Gelände nur noch fest ist. Aber wenn der Grund wegsinkt, wenn die Fäulnis tief in den Hauptständern sizt, wenn ein chronisches Übel an unsrer Lebenskraft nagt, hilft alsdan Hygiea dem Elenden noch? Giebt's eine Wissenschaft, die unterliegende Natur aufzurichten? oder, wenn ihr Funken noch glimt, wenn sie noch strebt, ist's weise, sie durch Arzneien zu ermüden? in ihrem Gange zu verwirren? Und wer wält unter der zallosen Menge von Mitteln, die oft nur die Mode des Tages in Schuz nimt? Von der Transfusion an bis zu Pomme's Brühen, welche Reihe von Pflanzen, Salzen, Gummi, Metallen und Giften? Terwasser, Schierling, Harzrauch und Eicheln, Guaiak und Pomeranzenblätter, Käfer, Würmer und Bella Donna, Vipernsuppen und Eselsmilch, all' haben ihren Ruf überlebt; die Quassia ringt mit der China und man fängt an vom Queksilber übel zu sprechen; Dominicetti fumigirt alle Zufälle weg; iener lokt funkenweise Krankheiten ab, oder zieht sie durch Magnete wie Eisenstaub an;

 

[Manuskriptseite 10]

[IVb-03-wis-1791-0037]
K. hilft durch die vim centrifugam, und P. heilt durch den Beischlaf das Podagra. Wehe dir Kranken, wenn du in die Händ' eines Amateurs fälst, der dich wie einen Apparatus betrachtet, um an der Veränderung deiner Farbe, deinem Puls, deinem Schweis, deinen Zukkungen die unterhaltende Wirkung seiner Versuche zu beobachten! Wenn in einer deiner Harrörgen eine Stokkung entsteht, so verordnet man dir auflösende Mittel. Diese sollen, im Magen mit fremden Säften vermischt, hundertfältig verändert, in tausend Kanäle verteilt, mit einem Tausendteilgen an dem kranken Ort noch mächtig genug sein, um die Verstopfung aufzulösen? Und wer ist dir Bürge, daß ein alzustarkes Resolvens auf dem Wege zum Übel nicht ein grösseres Unheil anrichtet? Könt ihr irgend einen wirkenden Balsam zu einer innern Wunde bringen? Nerven beruhigen, die lange zum Krampf gewönt sind? ihre Federkaft herstellen? oder mus sich der Elende mit dem Araber trösten, der, in seinem Harem isolirt, umsonst von Niebuhr's Reisegefärten nur nocheinmal die Freuden einer Nacht kaufen wolte?" S. 195-198.

 

[IVb-03-wis-1791-0038]
5) Bemerkungen.

 

[IVb-03-wis-1791-0039]
"Die periodische Flut und Ebbe, welche alle Staten fortreist, hält keines Königs Weisheit auf, weil die Vorsehung keiner Tugend einen Freibrief gegen ihre Ratschlüss' erteilt. Aber auch unter widrigen Schiksalen stralt diese Tugend auf die Folgezeit, und die Geschichte sondert das Verdienst des Monarchen von seinem Glück." S. 45.

 

[Manuskriptseite 11]

[IVb-03-wis-1791-0040]
"Die Geschichte des Menschen ist oft dem Tageregister eines Bedlam's änlich; sie erzält die Visionen der Kranken. Was uns heut als Triumpf des guten Geschmaks vorkömt, sinkt vielleicht morgen zum Unsin herab. Wir gänen bei dem Wiz unsrer Väter; merkt's euch, ihr Lustigmacher des Haufens, die ihr von Ewigkeit träumt!" S. 61.

 

[IVb-03-wis-1791-0041]
III.

 

[IVb-03-wis-1791-0042]
William Shakespear's Schauspiele. Neue Ausgabe. Von I. Ioach. Eschenburg, Prof. am Koll. Karol. in Braunschweig. Sechster Band. Zürich, bei Orel, Gesner, Fueßlin und Kompagnie. 1776.

 

[IVb-03-wis-1791-0043]
1) Aus dem Schauspiele: Leben und Tod des Königs Iohan.

 

[IVb-03-wis-1791-0044]
"Diese Augen, diese Stirn sind nach der seinigen abgedrukt; in diesem kleinen Inbegrif ist die volständige Form enthalten, die in Gotfried verstarb; und die Hand der Zeit wird diesen kleinen Auszug in ein eben so grosses Buch ausdenen." S. 26.

 

[IVb-03-wis-1791-0045]
"Konstanzia. Ich wil meinen Schmerz leren, stolz zu sein; denn Schmerz ist stolz, und macht seinen Besizzer trozzig. Zu mir, und zu der Hoheit meines grossen Schmerzens mögen die Könige sich versamlen; denn mein Schmerz ist so gros, dass nichts, als die ungeheure, feste Erd' ihn unterstüzzen kan." S. 52.

 

[IVb-03-wis-1791-0046]
"Diesen Tag feierlicher zu machen, hält die glorrei=

 

[Manuskriptseite 12]

che Sonn' in ihrem Lauf inne, und spielt den Alchimisten, indem sie durch den Glanz ihres funkelnden Auges die magre, klumpichte Erd' in schimmerndes Gold verwandelt." S. 53.

 

[IVb-03-wis-1791-0047]
"K. Iohan. Wenn die mitternächtliche Glokke mit ihrer ehernen Zunge' und mit ihrem eisernen Mund' über die schlaftrunknen Geschöpfe der Nacht daher tönte; wenn dieser Plaz, wo wir stehen, ein Kirchhof wäre, und du wärst von tausend Kränkungen geplagt; oder wenn der widerwärtige Geist der Schwermut dein Blut star, schwer und dik gemacht hätte - welches sonst küzzelnd in den Adern auf und ab läuft, das nichtssagende Ding, Gelächter, in die Augen der Menschen kommen läst, und ihre Wangen zu müssiger Freude spant; eine Leidenschaft, die mir bei meiner Absicht verhast ist! - oder wenn du mich sehen köntest on' Augen, hören köntest on' Oren, und mir antworten one Zunge; wenn du on' Augen, on' Oren, one den beleidigenden Schal der Worte, durch blosse Gedanken mit mir reden köntest; dan wolt' ich, troz dem wachsamen Tage mit weiten Augen, meine Gedanken in deinen Busen ausschütten; aber ah! ich wil's nicht - Indes lieb' ich dich ser; und warhaftig, ich denke, du liebst mich auch ser." S. 70 a) Wie natürlich! wie meisterhaft! Der König Iohan nämlich wil Hubern, zu dem er dieses spricht, zu einem Mord bereden. *.
a) Wie ... bereden.] Fußnote durch horizontalen Strich vom Exzerpt getrennt; Kommentar Jean Pauls zum obigen Exzerpt?

 

[Manuskriptseite 13]

[IVb-03-wis-1791-0048]
"Konstanzia. Ich biet' allem Trost, aller Hülfe Troz; nur dem nicht, der allem Trost ein Ende macht, der waren Hülfe, dem Tode! dem Tode! - O! freundschaftlicher, liebenswerter Tod! Du wolriechender Übelgeruch! gesunde Fäulnis! Erhebe dich von dem Lager der ewigen nacht, du Abscheu und Schrekken des Glüks; so wil ich deine widerlichen Knochen küssen, und meine Augenäpfel in deine Augenhölen legen, und diese Finger mit den Würmern, die bei dir hausen, umwinden, und diesen atmenden Mund mit gräslichem Staub stopfen, und ein faulendes Gerippe werden wie du." S. 73.

 

[IVb-03-wis-1791-0049]
"Konstanzia. Der Gram fült den Plaz meines abwesenden Kindes, liegt in seinem Bette, geht mit mir auf und ab, nimt seine anmutige Blikk' an, wiederholt seine Worte, erinnert mich an alle seine liebenswürdigen Eigenschaften, stopft seine leren Kleider mit seiner Gestalt aus; ich hab' also Ursache, meinen Schmerz zu lieben." S. 76.

 

[IVb-03-wis-1791-0050]
"Ser oft macht die Entschuldigung eines Felers den Feler noch ärger; wie Lappen, die auf einen kleinen Ris geflikt werden, das Gewand durch die Verbergung des Felers mer entstellen, als der Feler des Kleids selbst tat, eh' es geflikt wurde." S. 88.

 

[IVb-03-wis-1791-0051]
"Übel, die auf's äusserste gekommen sind, fülen sich selbst nicht mer. Wenn der Tod einmal die äussersten

 

[Manuskriptseite 14]

Teil' angegriffen hat, so werden sie unempfindlich; und dan stürmt er auf die Sele zu, welche er durch ganze Legionen seltsamer Einbildungen plagt und verwundet, die er in ihrem Gedränge, bei diesem leztern Sturm, sich selbst unter einander aufreiben. Wie wunderbar, daß der Tod singt! - Ich bin das Schwängen dieses bleichen, schmachtenden Schwans, der sein eignes Grablied anstimt, und aus der Orgelpfeife der Sterblichkeit, sein Sel' und Leib in die ewige Ruhe singt." S. 127.

 

[IVb-03-wis-1791-0052]
2) Aus dem Schauspiel: der König Richard II.

 

[IVb-03-wis-1791-0053]
"Du bist zu gut, ein Verräter zu sein, und zu schlim, bei'm Leben zu bleiben; denn ie schöner und krystalner der Himmel ist, desto häslicher sehen die Wolken aus, die auf ihm herum fliegen." S. 136-137

 

[IVb-03-wis-1791-0054]
"- O! wer kan dadurch ein Feuer in seiner Hand halten, daß er dabei an den frostigen Kaukasus denkt? oder den nagenden Hunger durch die blosse Vorstellung eines Gastmals stillen? oder nakkend im Schnee des Dezembers gehen, weil er dabei an die Hizze des lebhaften Sommers denkt? - O! nein, die Vorstellung des Guten macht das Böse nur noch fülbarer; und der Zan des giftigen Kummers ist nie verderblicher, als wenn er nur beist, aber nicht die Wund' hinweg frist." S. 160-161.

 

[IVb-03-wis-1791-0055]

"Die Zungen der Sterbenden nötigen, gleich der zauberischen Harmonie, zur Aufmerksamkeit. Wo nur noch wenig Worte da sind, da werden sie selten vergebens aufgewand; denn dieienigen sagen lauter Warheit, die ihre Worte mit Schmerzen hervoratmen müssen. Wer bald nichts mer sagt, auf den merkt man mer, als auf dieienigen, denen Iugend und Gesundheit erlauben, lange Reden zu füren. Der Menschen Ende wird mer bemerkt, als ihr voriges Leben; die untergehende Sonne, und der Schlus einer Musik sind, gleich den lezten Süssigkeiten eines Gastmals, zulezt am süssesten, und drükken sich tiefer in's Gedächtnis, als lange geschehene Dinge." S. 165.

 

[IVb-03-wis-1791-0056]
"Jeder wirkliche Schmerz hat zwanzig Schatten, die wie der Schmerz selbst aussehen, und es doch nicht sind. Denn das Auge des Kummers, mit dem Glase blendender Tränen überzogen, teilt Ein Ganzes in mannigfaltige Gegenstände; gleich perspektivischen Figuren, die, wenn man sie gerade zu anschaut, nichts als verworrene Striche sind, aber aus einem gewissen schiefen Gesichtspunkt' eine regelmässige Gestalt darstellen." S. 179-180.

 

[IVb-03-wis-1791-0057]
"K. Richard. Ich weine vor Freuden, daß ich einmal wieder den Boden meines Königreichs betrete - Teure Erde, ich grüsse dich mit meiner Hand, wiewol Aufrürer dich mit dem Huf ihrer Pferde verwunden! Wie eine lange von ihrem Kinde getrente Mutter mit ihren Tränen liebäugelt und lächelt, wenn sie's wiedersieht, so wein' und lächl' ich, indem ich dich begrüsse, mein Erdreich, und bezeuge dir mit mei=

 

[Manuskriptseite 16]

nen königlichen Händen Ererbietung. Näre nicht deines Königs Feind, teure Erde, und labe nicht mit deinen Erquikkungen seinen raubgierigen Mut; sondern lege die Spinnen, die deinen Gift in sich saugen, und schwellende Kröten in ihrem Weg, ihre verräterischen Füsse zu verwunden, die mit gewalttätigen Tritten dich stampfen! Gieb stechende Nesseln meinen Feinden; und wenn sie von deinem Busen eine Blume pflükken, so bitt' ich dich, bewafne sie mit einer laurenden Natter, deren doppelte Zunge mit einem tödlichen Bisse den Feinden deines Königs den Tod gebe! - Spottet nicht darüber, daß ich leblose Dinge beschwöre; diese Erde wird Gefül haben, und diese Steine werden bewafnete Krieger werden; eh' ihr rechtmässiger König unter den Waffen schändlicher Empörer fallen sol!" S. 198-199.

 

[IVb-03-wis-1791-0058]
"Weist du nicht, daß, wenn das forschende Auge des Himmels hinter unsrer Halbkugel verborgen ist, und der Unterwelt leuchtet, daß dan Dieb' und Mörder ungesehen hier herumschleichen, und Räubereien und blutige Gewalt verüben? Aber sobald die wiederkerende Sonne die stolzen Gipfel der östlichen Fichte rötet, und ihr Licht durch iede verbrecherische Höl' hindurchschiest, daß dan Mord und Verrat, und iede abscheuliche Sünde, wenn der Mantel der Nacht von ihren Schultern hinweggerissen wird, blos und nakt da steht, und vor sich selbst erzittert." S. 199-200.

 

[IVb-03-wis-1791-0059]
"K. Richard. Von Gräbern last uns reden, von Würmern und Grabschriften! den Staub zu

 

[Manuskriptseite 17]

unserm Papier machen, und mit regnenden Augen unsern Iammer auf den Busen der Erde schreiben! - - Innerhalb der holen Krone, welche das sterbliche Haupt eines Königs umgiebt, hält der Tod seinen Hof; da sizt der Gaukler, spottet seines Stats, und greint über seinen Pomp; erlaubt ihm Einen Atemzug, Eine kleine Szene lang zu herschen, gefürchtet zu werden, und mit seinen Blikken zu tödten; flöst ihm eitle und eingebildete Gedanken ein, als ob dies Fleisch, welches die Ringmauer des Lebens ist, unzerstörbares Erz sei; und wenn er ihn nun so betört hat, dan kömt er zulezt, und durchbort mit einer kleinen Steknadel iene feste Mauer; und gute Nacht König! -" S. 204-205.

 

[IVb-03-wis-1791-0060]
"Al das äussere Wehklagen ist ein blosser Schatten des unsichtbaren Grams, der stilschweigend in der gepeinigten Sel' emporschwilt." S. 235.

 

[IVb-03-wis-1791-0061]
"Der sterbende Löwe strekt seine Klaue aus, und verwundet, aus Wut, überwältigt zu sein, wengistens die Erde; und du wilst, wie ein unmündiger Knabe, deine Züchtigung gelassen hinnemen, die Rute küssen, und der Wut mit niederträchtiger Demut die Füsse lekken? -" S. 238-239.

 

[IVb-03-wis-1791-0062]
3) Aus dem Schauspiel: König Heinrich IIII.

 

[IVb-03-wis-1791-0063]
"Prinz. Ich wil's machen, wie die Sonne, die den häslichen anstekkenden Dünsten erlaubt, ihre Schönheit der Welt zu verbergen, damit sie, so bald's ihr gefält, wieder

 

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sie selbst zu sein, desto mer bewundert werde, wenn sie, eine Zeitlang vermist, durch die trüben und häslichen Nebel von Dünsten auf einmal hervorbricht, welche sie zu erstikken schienen. * Bestünde das ganze Iar aus lauter Festtagen, so würde man des Feierns eben so überdrüssig werden, als des Arbeitens; aber wenn sie selten kommen, so kommen sie erwünscht; nichts gefält so ser, als seltne Dinge.| So werd' auch ich, wenn ich einst diese wilde Auffürung ablege, und eine Schuld bezale, zu der ich mich nie anheischig gemacht habe, um so mer die Erwartungen der Leute täuschen, ie mer ich das übertreffen werde, was ich versprach. Und, gleich einem glänzenden Metal auf einem dunkeln Grunde, wird meine Besserung über meinen Felern schimmern, wird dadurch ein schöners Ansehen haben, und mer Augen auf sich ziehen, als eine andre, die durch keine Folie gehoben wird. Ich wil meine Vergehungen als Mittel eines geheimen Endzweks brauchen, und die Zeit selbst iezt gut anwenden, da Iederman glaubt, ich tu' es nicht." S. 282-283.

 

[IVb-03-wis-1791-0064]
"Kan die Ere mir ein Bein ansezzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde hinwegnemen? Nein. Die Ere versteht sich also nicht auf die Wundarznei? Nein. Was ist denn die Ere? Ein Wort. Was ist das Wort, Ere? Luft! - Eine saubre Rechnung! - Wer hat sie? der an einer Mitwoch starb. Fült er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Sie ist also unfülbar? Ia, für den Toden. Aber lebt sie nicht mit dem Lebenden? Nein. Warum nicht? Der Neid

 

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läst's nicht zu. Ich verlang' also nichts davon. Sie ist nichts weiter, als ein gemalter Wappenschild; und damit ist mein Katechismus zu Ende." S. 392-393.

 

[IVb-03-wis-1791-0065]
IIII.

 

[IVb-03-wis-1791-0066]
Originalien von Mag. Christian Friedr. Daniel Schubert. Augsburg, bei Albert Friedrich Bartolomäe, 1780.

 

[IVb-03-wis-1791-0067]
1) Verschiedne Redensarten und Gedanken.

 

[IVb-03-wis-1791-0068]
"Das Volk umbraust einen Grossen wie Wogen eine Insel - Die Bescheidnen umringen ihn, wie der Hof den Mond." Seit. 6.

 

[IVb-03-wis-1791-0069]
"Was sind Lakeien? - mühsame Personen im Hintergrunde, die die Haltung in's Gemälde bringen, um die Hauptgruppe zu heben, die im Karakter bisweil ein Gerippe ist. - -" Seit. 9.

 

[IVb-03-wis-1791-0070]
"Man macht so viel Lermens von den Taten, Handlungen, Geschichten, die auf diesem Weltkügelein vorgehen. Geh' nmal auf einen hohen Turm, und sieh von dessen Spizzen in einer Entfernung eine grosse Spazierfart auf'm Wasser; hier neben am Ufer müssige Zuschauer; denen die Zeit lang wird, bis der Tag herum ist; dort ein par Regimenter im Feuer exzerziren; dort müssiges Volk, das in einander läuft, wie ein aufgestürter Ameishaufe; sieh die Herren aus der Gerichtsstube und die Weiber aus der Kirche gehen, ihre Verbeugungen; sieh, wie der Handwerker hin und her läuft, er hat keine Arbeit, oder fodert Schulden ab ein; sieh das Gewimmel von oben

 

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herab in die Tiefe, wie klein, wie unbedeutend, wie konfus. - Schreib's auf, was du gesehen hast, und nim's mit dir in die andre Welt." S. 9.

 

[IVb-03-wis-1791-0071]
"Mol-ton ist der einschmeichelnde Hofton; der O*st spielt aus Dur, so auch der Leibkutscher; das Hofgesind hält viel auf gebrochene Akkorden; die Pagen halten viel auf Fugen, und die Räte auf den Kontrapunkt. Und der Her selbst hält viel auf Pausen - Ruhpunkte." S. 11.

 

[IVb-03-wis-1791-0072]
"Wenn in Stunden der Begeisterung uns die Freiheit einen künen Gedanken zuschikt, und er mit heiterm Blikk' und fliegendem Har' an's Pult trit, aufgezeichnet zu werden; so schleicht gleich die kalte Behutsamkeit auf den Zähen herbei, und fürt ihn gnaz langsam wieder zum Zimmer hinaus." S. 14.

 

[IVb-03-wis-1791-0073]
"Die Sineser haben ein kritisches Mas, wie weit der Mensch in der Kultur gehen darf, um seine Glükseligkeit nicht zu zerstören. In der Finsternis tapt man, im hellen Sonnenlicht blinzelt man - Dämrung ist das Los der Glükseligen." S. 16.

 

[IVb-03-wis-1791-0074]
"Nur Modezwergen klettern an der Leiter des Glüks empor, burlesker Stolz im Flügelkleide erhält sich dort oben; unten liegen die Riesen. Die auf Felsenbrücken herumsteigen, und das rohe Erdreich mit iedem Fustritte ebnen. Seit. 16

 

[IVb-03-wis-1791-0075]
"Bei ihrer Entstehung ist die Leidenschaft ein goldlokkigter Knabe, kün, gutsinnig, gedankenvol, der freundlich auf dem Schosse gewiegt wird; aber wird er gros,

 

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dan wird's ein Ries, der mit blinkendem Dolch seinen eignen Vater niederstöst. - Aber die Leute da waren zu verdorben, als daß sie den Verlust eines Mannes fülten. Sein unbescholtener Karakter erwarb ihm die Freundschaft aller Redlichen; er war ein entusiastischer Vererer iedes Guten und Schönen. Stilles, ungeheucheltes Christentum, tolerante Gesinnungen, innige Menschenliebe - an seiner Urne zischt eine Schlange hinauf, und säubert sich zwischen Epheu und Mos vom äusserlichen Schleim." S. 19.

 

[IVb-03-wis-1791-0076]
"Unglük ist's im Grossen, wenn man zu wenig, und im Kleinen, wenn man zu genau bemerkt wird." S. 20.

 

[IVb-03-wis-1791-0077]
"Ein dytrambischer Sprung vom Lakei zum Hofkammerath. -" Seit. 22.

 

[IVb-03-wis-1791-0078]
"So geht die Welt immer ihren alten Gang. Das Rad der Zeit läuft herum; meist schwebt der Schurk oben, und der Rechtschaffene unten. Die Schellen an den Kappen klingeln dem Weisen so widerlich, daß er die Oren zuhält. Schön und herlich geht die Sonne auf, Tau und die schwüle Erde befeuchtende Güsse, Blütenduft, Kornären in Menge, reiche Ernde - nur der Genus wird erschwert - dem irdischen Paradiese felt's nur an Engeln, die man aber nicht aufkommen läst. - Wart, Freund, bis du begraben bist; alsdan hast Ruh, und dich kan alsdan die ganze Welt - - nichts bekümmern." S. 25-26.

 

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"Ihr Zeiten! da man die feinern Künste der Verstellung nicht kante, wo seid ihr hin? Ihr seid noch

 

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für iezt und in die Zukunft die nämlichen Zeiten; nur die Menschen sind ausgeartet. So, wie sie unsre Voreltern aus der Hand der Natur sprangen, so blieben sie. Redlichkeit, Rechtschaffenheit, waren himlische Gaben; iezt sind's Gözzen; wer sie wert hält, mus in Kittel und Holzschuhen gehen. Denn so ein Tölpel on' Arglist ist ein erbärmlicher Dümling; er hat immer Herz und Sele auf seinen Lippen, hält Wort, und ein Handschlag gilt ihm an Eidesstat. Wenn man ihm ie noch recht wol wil, so heist's: das ist eine gute, erliche Haut, er hat's Pulver nicht erfunden; und wol ihm, daß er's nicht erfunden hat! Ein gepuderter Genius in Schmetterlingsfarben, den Insektenstachel an der Seite, das Fülhorn in der Hand, mit Storchenschritten einhertretend. Teutscher, Mars, nim mir beide weg, und mach' sie zu Soldaten: Welcher unter denen wird dazu tüchtig sein? Ist das auch eine Frage? Der derbe Man, der Unverdorbne, der seine teutsche Masse noch beisammen hat. - Und dir iungen Gekken wird man die Verfeinerungen ausklopfen, dich härten, daß du nicht im Lazaret stirbst." S. 28-29.

 

[IVb-03-wis-1791-0080]
"Die Mode macht Männer zu Puppen; Weise zu porzellanen Mänlein, die am Kamine parodiren; und die ganze Litteratur zum Puztische." S. 45.

 

[IVb-03-wis-1791-0081]
"Er hat ein zärtlich empfindsames Herz, süsse Einfälle; sein Unterhalt sind Damengeselschaften, die närren ihn;

 

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Dafür fächelt er sie, regulirt den Puztisch, wie ein französischer Abbe, korrigirt der Harkräuslerin das Argument, wen der Lokkenhang die Bildung und die besondre Züge des Gesichts verzieren oder verzerren müsse. Denn, wenn die Dame eines Tages ihrem Ehehern kein gutes Gesicht machen wil: so mus nachlässige Unordnung um die Physiognomie herschen. Darin nun ist der Iüngling so geschikt, sieht alles durch's Augenglas, und weis bei Gelegenheiten, wo der Hausher ist, so alt zu tun, als wenn er auf al dies von Iugend auf studirt hätte, und über dies weis er Arkanen vom Fünftelsaft der Belesenheit, der Weisheit, und die französische Brühe dazu, kan ein Par Reimlein auswendig, und das ist ein Mensch, so, wie er in der menschlichen Geselschaft sein sol." S. 49-50.

 

[IVb-03-wis-1791-0082]
"Einige Hufen Landes sind zu wenig für den, der die Herzen der Welt besizt." S. 52.

 

[IVb-03-wis-1791-0083]
"Vereinige mir das Gewirre, und spinne nur einen Faden Warheit daraus." S. 53.

 

[IVb-03-wis-1791-0084]
"Wer keinen Kopf hat, braucht keinen Hut - Geht, Chapeubas." S. 55.

 

[IVb-03-wis-1791-0085]
"Feur mus da sein, wo einem die Glut aus den Wangen schlägt." S. 56.

 

[IVb-03-wis-1791-0086]
"An der deutschen Sprache hat man die Eichenrinde losgeschelt, und französische Machtwörtlein darauf geimpft, die so gut und naiv anschlagen, und iezt herlich grünen." S. 57.

 

[IVb-03-wis-1791-0087]
"Wart, du Kreuzluftvögelein! Die Sündflut aller

 

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schönen Geister sol dich baden und schwimmen lernen. - Stürmendes Feur! Lösche, Wogensturz! weich' aus Furchtbare Imaginazion, mach's Kreuz. Grobheit der Gesinnungen, sez die Statsperükke gerade. Gedakenfülle, lese viel. Sprachstärke, sinne nach - Harmonie, liebe die Tonkunst zum Vergnügen. Zartheit, Empfindung, sieh in Spiegel. Nur der ware Mensch empfindet. - Das Unterdrükte frisch balirt, und als dan für neu verkauft; es hat iezt mer Modeklang, gefält, vorher aber war's altrömischer, besser; mit Epigrammen iezt aufgestuzt, mit hölzernen Sentenzen, Hofkomplimenten drein, und mit Wolklang dik, aber mit Anstand dün besäet, und die Fugen verküttet. -

 

[IVb-03-wis-1791-0088]
Mein Kleid wird mir zu eng für meine Sele, sagt der alte Neuton zu Pope." S. 59-60.

 

[IVb-03-wis-1791-0089]
"Harpuder und Goldstof überlegt die Ungestalt.-" S. 63.

 

[IVb-03-wis-1791-0090]
"Er hat mit einer kalten Froschsele den Mond angequakt." S. 65.

 

[IVb-03-wis-1791-0091]
"Der Lux hat die Karte gewaltig gemischt. Da liegt oft der Bub auf der Dame, und das As sticht den König. Keine äusserliche Merkmale der Verdienste oder des Standes durch Kleidertracht unterschieden. Warum darf der Kaufman Gold tragen? weil er damit handelt. Lasset lieber den Hofman Gold tragen; von ihm weis man, daß er's dem Kaufman schuldigt bleibt. - Ein Dümling mit Phraseologienstaub gepudert, mit französischen Bonbon bekleistert gilt mer als ein Weiser." S. 67-68.

 

[Manuskriptseite 25]

[IVb-03-wis-1791-0092]
"Kanst lange warten, bis einmal ein Irwisch auffärt, der dir den umnachteten Pfad beleuchtet." S. 75.

 

[IVb-03-wis-1791-0093]
"Ein französisches Nez zum Spazenfangen." S. 77.

 

[IVb-03-wis-1791-0094]
"Neuiarswünsche flattern umher, wie Schneflokken." S. 78.

 

[IVb-03-wis-1791-0095]
"Er iagt nach wizzigen Einfällen, und verliert darüber sein Wildpret aus dem Gesichte. - Die küne Denkungsart unsers Iarhunderts schwingt sich in dytyrabis dityrambischen Unsin über die erwürdigsten Gegenstände hinaus." S. 81.

 

[IVb-03-wis-1791-0096]
"Das sind die Insekten, die die Zeit von ihren Flügeln schüttelt. -

 

[IVb-03-wis-1791-0097]
Es ist eine angekündete Fehde zwischen den hohen und niedern Klassen seiner Aussichten; alles klirt unter einander in seinem Gehirne. Die Dissonanzen in volle Akkorde aufzulösen versteht er den Grund der Harmonie der Dinge nicht genug." S. 82.

 

[IVb-03-wis-1791-0098]
"Das Sol ist der Hypogriphenschweif der Zeitungshändler." S. 85.

 

[IVb-03-wis-1791-0099]
"Wer in seiner Provinz ausgehauset oder dort nichts mer zu suchen hat, lauft einer Hauptstad zu; daher komt's; daß man in grossen Städen die Exkremente aller Nazionen antrift." S. 93.

 

[IVb-03-wis-1791-0100]
2) Rezensentensprüche.

 

[IVb-03-wis-1791-0101]
"Der rezensirt auch; aber er leidet an Blähungen; und ein Windstos aus seiner Magentrompete ist das Signal zum Streit seiner Beurteilungen, die in ihm selbst kämpfen." S. 98-99.

 

[Manuskriptseite 26]

[IVb-03-wis-1791-0102]
"Da kriecht wieder eine gelbe Schnekke an den Hekken des Parnasses, und beschleimt Epheu." S. 99.

 

[IVb-03-wis-1791-0103]
"Das, was wir nicht wissen, ist iust das Wichtigste, was wir wissen sölten. -

 

[IVb-03-wis-1791-0104]
Das ist wieder Demostenische Beded Beredsamkeit; warum ist er Original? - Er hatte vielleicht keinen Lerer. - " S. 101.

 

[IVb-03-wis-1791-0105]
"Er hat die Materie angeglüht, und sie mit ein Par heissen Gedanken gelötet.- Ist eine Schmids Arbeit! Wer's Feur vom Himmel stielt, und im Rume steht, Geniuskraft zu besizzen, kan nichts, als ganze Meisterstükke giessen. -

 

[IVb-03-wis-1791-0106]
Seine Vorrede seufzt wie der hinkende Bote eh' er spricht." S. 102.

 

[IVb-03-wis-1791-0107]
"Seine Ästetik ist wie Ananas; sie hat den Geschmak von allen Früchten.

 

[IVb-03-wis-1791-0108]
Er ist Hauptman des guten Geschmaks, und kommandirt seine eigne Kompagnie." S. 103.

 

[IVb-03-wis-1791-0109]
"Reit auf deinem Stekkenperfdlein, ist Altd... Puppenwar; blas in dein Kreuzerpfeiflein, daß man dich hört.

 

[IVb-03-wis-1791-0110]
Schlange, ich seh dir's am roten, giftgeschwolnen Kam an, was du wilst. Stich da in Kühkot.

 

[IVb-03-wis-1791-0111]
Der giebt da Rosensträuche her; schneidt nicht einmal die Dorne von den Stielen, und die Damen sollen dran riechen. Ia, solche Sträuche wil man; und die verdienen euer Lob, die Süsse Romanen mit Zoten gewürzt." S. 105.

 

[Manuskriptseite 27]

[IVb-03-wis-1791-0112]
"Hör, wenn du wilst, daß dein Buch nicht sol gelesen werden, las es nur in Quart drukken." S. 107.

 

[IVb-03-wis-1791-0113]
"Auf, Mänlein mit dem roten Kam, dein Kritikasterschieslein in die Seite! Reit zu auf d* deiner Rosinante, turniere mir das Büchlein zu Boden. Kanst Karussel reiten, du Pegasus Stalknecht, du Freron, kanst Ringlein stechen: so mach dich dran, stich Feler und Mistöne aus diesem Buch. Von welcher Bande bist du? Ha, ken dich schon, trägst einen grossen Hut. Hast dich auch in deinem Leben mit was andern beschäftigt, als Feler aufzusuchen, die Quer' auszulegen, oder alles lächerlich zu machen. Das ist Schergen Arbeit." S. 108.

 

[IVb-03-wis-1791-0114]
"Der wezt den Degen, der andre ballirt ihn, macht eine papierne Scheide drüber, haut damit kreuz und quer um sich, er dünkt sich fähig, und legt sein Schwerd zu den Füssen eines hungrigen Rezensenten, der zugleich Zeremonienmeister ist, daß ihn der aus Gnaden zum Narren schlagen sol." S. 111-112.

 

[IVb-03-wis-1791-0115]
"Er hat seine Notdurft in eine Buchhändlersbude verrichtet. -

 

[IVb-03-wis-1791-0116]
Der ist auch Iare lang mit seiner Abhandlung in Geburtsschmerzen gelegen, zulezt kann eine tode Frucht, auf Fliespapier hingestrekt.

 

[IVb-03-wis-1791-0117]
Das Geschmeisse zert von der Aussat. -" S. 114-115.

 

[IVb-03-wis-1791-0118]
"Tragt Kränze vom Eichenlaub - aber zuft die Eicheln weg, damit ihr den Schweinen ihre Mastungsspeise nicht vorenthaltet." S. 122.

 

[Manuskriptseite 28]

[IVb-03-wis-1791-0119]
"Sein mit Phraseologienstaub gepudertes Hirn leidet keinen Modeschaum auf seinem Kittel." S. 122.

 

[IVb-03-wis-1791-0120]
"Spöttischen Tadel den Schmerbauch hinunterlachen." S. 125.

 

[IVb-03-wis-1791-0121]
"Bilde dir einen FlugStaren, Elstern, Raben ein, die im Herbst oder Früling auf einer Wiese den Dung aufstorren, wie sie dabei räsonniren, zwitschern, krächzen." S. 128.

 

[IVb-03-wis-1791-0122]
"Für Hunger oder für Durst nagt eine Maus am Papier." S. 132.

 

[IVb-03-wis-1791-0123]
3) Musikalien.

 

[IVb-03-wis-1791-0124]
"Ein neues schmächtiges Lied, von einem, der seine Seufzer in Druk ausgehen lies, in Musik gesezt vom Tonsezzer des Vetter-Michels, Hans Jörg Stieber.

 

[IVb-03-wis-1791-0125]
Der Organist, oder die älteste Kunst, kün über Quinten und Oktaven hinwegzusezzen; mit dem Walspruch: Weg mit den Zalen von den Noten, die gehören in Faulhaber's Rechenbuch. Hinten an etwas von einem abgerichteten Pudel, der über's Pedal lief. -" S. 137.

 

[IVb-03-wis-1791-0126]
4) Bemerkungen.

 

[IVb-03-wis-1791-0127]
"In den Geweben aller Philosophen sind Lükken; der Zweifel, das nötigste Insekt, macht Löcher, wo er hindurchfliegt." S. 163.

 

[IVb-03-wis-1791-0128]
"Nachgeäfte Karaktere, nichts Original; gelekte phraseologische Sprach, nicht selten Gedicht im Ramlerischen Tone, ein bisgen Beute aus Lessing und Schakesspear;

 

[Manuskriptseite 29]

man merkt's aber gleich; denn so etwas von Feuermasse zischt und dampft im Wasser." S. 176.

 

[IVb-03-wis-1791-0129]
"Wer ist der Held, der Wunder tut, und keiner glaubts?" S. 202.

 

[IVb-03-wis-1791-0130]
"Teseus, Romulus, Herman, Sigmar in tönend klirrender Rüstung daher schreitend würden sich entsezzen, wenn sie auf den Kampfpläzzen ein ausgeartetes Geschmeis um ihre Schenkel sumsen hörten." S. 215.

 

[IVb-03-wis-1791-0131]
"Der Lebenssaft des Stats, die Handlung, ist in Stokkung geraten. Nie kan ein Kolossengebäude eines grossen Handelshauses zerfallen, one daß nicht die herabstürzenden Quader die kleinern Handlungshäuser zerschmetterten, da sieht man um den Schut Männer, Weiber, Witwen, Waisen, die den Verlust ihres Vermögens beiammern. Ein Verfal zieht den andern nach. Indessen, da der englische Handlungsbarometer immer der richtigste war, nach welchem wir die Witterung im ganzen Europa bestimmen konten, fält er, wil nicht steigen, bis etwa Versönung mit den Kolonien die Sache bessert, und wir müssen uns iezt blos nach dem französischen und holländischen Barometer richten. Die Bilanz zwischen Ausfur und Einfur zeigt vom Nuzzen." S. 228.

 

[IVb-03-wis-1791-0132]
"Ein Man, der oft nur ein Krämerselgen, so klein wie ienes einer Käsemade, aus der Hand der Natur empfieng, glaubt, wenn ihm einige Unternemungen gelingen, um schon den Kreis einer ganzen Handlung zu messen. Er schwindelt mit rasender Künheit in Unternemungen hinein;

 

[Manuskriptseite 30]

[IVb-03-wis-1791-0133]
Hekatomben von Opfern werden ihm gebracht, denn ieder glaubt, sein Vermögen nirgends besser, sicherer niederlegen zu können, als zu den Füssen eines solchen, der sein Leben Handlungsglük damit probiren wil. Aber der geblähte Kolosse fält, und begräbt unter seinen Trümmern die Glükseligkeit so manchen edlern Hauses. Da irren die Betrogenen um den Schut ihrer zerfallenen Hofnung, und fluchen dem Manne, der sie um die Früchte eines vieliärigen Schweisses brachte. Oft fliessen Tränen der Witwen und Waisen drein, die Engel aufsamlen, und sie als eine Zornschale einmal am Tage des Gerichts auf den Nakken des Frevlers ausgiessen werden." S. 232 - 233.

 

[IVb-03-wis-1791-0134]
"Ein Kantor, schwarz und braun im Gesichte, stöst den Koral aus dem verkrümten Maul, schlägt mit dem Diktatorischen Bakkel den Takt, tobt, iukt, schreit, blärt, zukt, giebt Weisung, und schlägt damit die Empfindung und Andacht hinweg. -

 

[IVb-03-wis-1791-0135]
Siberischer Frost, stat welschen Feuers, und von teutscher Me= Me= gar nichts. Kleinmänner mit ihrer Kreuzerpfeife sich dringend in Koral der Grosmänner mit der Posaun am Mund; was sol da raus kommen? Ihr Kirchweihsang ist Dissonanz. Last sie dudeln, so lang es ihnen behagt. -" S. 240.

 

[IVb-03-wis-1791-0136]
"Rom ist für die Künste erschaffen, Neapel für die Musik. In Neapel Zaubereien der Natur, in Rom Zaubereien der Kunst." S. 244.

 

[Manuskriptseite 31]

[IVb-03-wis-1791-0137]
V.

 

[IVb-03-wis-1791-0138]
Prosaische Schriften des Wieland's. Erster Band. Zürich, bei Orel, Gesner, Füessli und Komp. 1779.

 

[IVb-03-wis-1791-0139]
1) Über den Gebrauch der Schönheit.

 

[IVb-03-wis-1791-0140]
"Warum weinest du, Glyzera, warum blikt deine sonst immer lächelnde Anmut wie ein verblühender Früling aus feuchten Wolken hervor? Warum fliehst du die gesellige Freude, und suchst den metamholischen Hain, wo niemand deine Tränen tadelt? - Auch du beklagst eine verlorne Freundin. Vor wenigen Stunden blühte sie wie eine Morgenrose; da pflükte sie plözlich der Tod, und sie verdorrete wie eine Rose im Mittag. Eine Gesundheit, welche Unsterblichkeit zu versprechen schien, die regeste Munterkeit, die frischeste Blume der Schönheit, konten sie nicht vor'm Grabe bewaren. Sie, die vor kurzem alle Augen ergözte, in allen Iünglingen Verlangen und Liebe anzündete, von allen bewundert oder beneidet wurde; sie ist nicht mer, das schmelzende Feur ihrer Augen, die Farbe ihrer Wangen ist gleich der welken Lilie; alle diese lächelnden Grazien sind verschmachtet! Dieser Leib, in dem die Natur ihre schönste Idee ausgebildet zu haben schien, ist schon ein moderndes ekkelhaftes Scheusal, eine Speise der Würmer. Und wo ist nun die Schönheit, welche deine Gespielen an ihr beneideten; die Schönheit, wegen welcher ihre Schmeichler sie vergötterten, und sie bald Leda bald Venus nanten? - Du staunest, Glyzera, ein anender Schauer erschüttert dein zartes Gebein * Die Schatten um dich her werden dir zu Todesgestalten, und du

 

[Manuskriptseite 32]

hörest aus dem rauschenden halbentblätterten Gebüsche die Stimme deiner Freundin, die dir rufet: Folge mir! - Ach! Glyzera, was sind diese Farben, diese stolze Bildung? Eine gemalte Speise der Augen, und wie oft ein Köder lüsterner, nach Wollust wiehernder Blikke? Eine Narung der Eitelkeit, ia oft ein Raub des Lasterhaften, und eine Verräterin der Unschuld. - Verachte diese Würmerselen, die, von niedrigen Begierden gedrükt, auf deinen Wangen kriechen, sie miskennen sich selbst und dich. - Weise sein in der Blüte des Lebens, wenn iede Ader nach Vergnügen lechzet, wenn tausend Syrenen die leichtsinnige Sele zu ihren tödlichen Ufern laden; alsden weise sein, eh' uns die eErfarung zu spät weise macht; - o das ist ein Triumph für die Seraphen, die immer unter uns wandeln, und die ich oft in nächtlichen Stunden höre, wenn sie, in traurigen Wolken verhült, den Fal der Unschuld und die Verblendung unsterblicher Selen, deren Wächter sie sind, auf weinenden Lauten beiammern." S. 25-26.

 

[IVb-03-wis-1791-0141]
2) Allerlei.

 

[IVb-03-wis-1791-0142]
"Die Tugend, die in Schönheit gehült, mitten unter die Sterblichen trit, mit ihnen Umgang pflegt und vor ihren Augen handelt, gefält mer, rürt zärtlicher, und drükt tiefere Spuren in die Herzen, als in den Regeln der Weisen, ia in den reizendsten Dichtungen eines Richardson. Die Sitsamkeit scheint einnemender, wenn sie auf schönen Wangen errötet; die Empfindungen welche die Ordnung

 

[Manuskriptseite 33]

und Güte des Herzens zeuget, tönen lieblicher von schönen Lippen, und wie entzükt uns ein schönes Auge, das sich vol unverstelter Andacht gen Himmel hebt, und die götlichen Gedanken, die in der frommen Sele aufwallen, durch einen hellern blenderndern Glanz entdekt!" S. 11.

 

[IVb-03-wis-1791-0143]
"In des Säuglings Gesichte glüht schon die erste Morgenröte einer schönen Sele." S. 33.

 

[IVb-03-wis-1791-0144]
"Wie erquikt ruht das Auge, von den hohen Farben des goldnen Tages ermüdet, auf der matten Dämmerung! Indes träufelt aus leichtschwebenden Gewölken der balsamische Tau, indem die Zephyrs mit fächelnden Schwingen iede schlafende Blume abkülen." S. 152-153.

 

[IVb-03-wis-1791-0145]
VI.

 

[IVb-03-wis-1791-0146]
Harlekin oder Verteidigung des Groteske=Komischen herausgegeben von Justus Möser. Neue verbesserte Auflage. Anch' io son Pittore. Bremen, bei Johan Heinrich Kramer. 1777.

 

[IVb-03-wis-1791-0147]
1) Die Vorrede dieses Buchs, vom Harlekin selbst.

 

[IVb-03-wis-1791-0148]
"Der grosse Trieb, welchen alle Menschen haben, der Welt öffentlich zu sagen, daß sie Toren sind, verleitet mich eben nicht, ein Schriftsteller zu werden. Ich habe diese algemeine Schuld der Natur vor meinem siebzigsten Iare schon bezalt: Allein das Vergnügen, auch in meinem hohen Alter kein Sonderling zu sein, und vor Andern etwas klügers zu schreiben, hat darom einen desto grössern und gerechtern Anteil. Möch=

 

[Manuskriptseite 34]

ten nur auch meine Leser nicht zu viel Vernunft darinnen finden! Dieses würde mir sonst um so viel näher gehen, ie grössere Mühe es mir gekostet, dieser Krankheit der Alten zu entgehen. Vielleicht sind andre Schriftsteller hierin glüklicher; ich mus aber zu meiner eignen Schande gestehen, daß es mir manchen schwermütigen Augenblik gekostet, als ein erträglicher Nar zu erscheinen. Allein ich wil mich hier der so rümlich überwundnen Zeiten nicht wieder erinnern. Der Wunsch, solche von neuen zu überleben, möchte sonst meine gegenwärtige Beruhigung schwächen. Wenn ich nicht irre, so wolt' ich eine Vorrede schreiben. Meine Leser werden es aber meinen Jaren verzeihen, daß ich darauf vergessen bin." S. 5-6.

 

[IVb-03-wis-1791-0149]
2) Verteidung des Harlekins, von ihm selbst.

 

[IVb-03-wis-1791-0150]
"Ich schmeichle mir, in der besten komischen Welt ein notwendiger und angenemer Bürger zu sein; und hoffentlich wird man mich auch nicht aus der einer andern Welt verbannen, worin so viele Toren zum grösten Dienst der Weisen geduldet, ia selbst die Heiden, welche so manches frommes Christenkind mit ihren scharfen Säbeln um's Leben bringen, nicht allein erlich begraben, sondern gar wol vergöttert werden." S. 13-14.

 

[IVb-03-wis-1791-0151]
"Wenn ich also auch gleich kein Redner für meine eigne Sache wäre; so würde mich dennoch ein blossen warum nicht, womit Fontanelle so viele unentdekte Welten bevölkert, von der Möglichkeit mererer komischen Arten überzeugen. Ich wil

 

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hier nicht untersuchen, ob die fürchterlichen Alten eine andre Art, als die Terenzische, gekant haben. Sonst liesse sich vielleicht aus einigen Szenen des Aristophanes und Plautus zeigen, daß diese grossen Meister, eben wie Terenz und Moliere, von meinen Vorfaren manche schöne Stellung geborgt, und solche mit ihren geschikten Pinseln originalisirt hätten. Vernünftige Leser werden mir ohnedem glauben, daß den Satyren, diesen ersten Schauspielern der Griechen, der Boksfus nicht edler, als mir mein buntschäkkigtes Kleid gestanden, wozu alle Stände in der Welt, sowol geist= als weltliche, ihre Läpgen hergegeben haben. Ist aber iemand so ungläubig, daß er auch hieran zweifeln und die Regierung Harlekins des ersten in ein später Iarhundert versezzen wolte: so mus ich denselben, zu seiner bessern Belerung, an den grundgelegten Hern Magister Stifelius; iezzigen Prof. extraord. verweisen, welcher den verlornen Teil von Aristoteles Dichtkunst, worin er meinen Vorfaren ihr gebürendes Recht wiederfaren läst lassen, durch einige nicht unglükliche Vermutungen guten Teils wiederhergestelt hat." S. 16-17.

 

[IVb-03-wis-1791-0152]

"Nachdem wir nun solchergestalt dargetan haben, daß nach merere, als die bisher bekanten Arten der komischen Schauspiele möglich, und nicht gleich unnatürlich sind, wenn sie schon nicht zu dieser Schöpfung gehören: so solten wir nunmer billig zu dem andern Hauptabschnitte unsrer Rede übergehen, und mit gleicher Gründlichkeit den unterscheidenden Karakter unsrer teatralischen Vorstellungen oder Harlekinaden zeigen. Allein eh und bevor wir zu diesem wichtigen

 

[Manuskriptseite 36]

Werke schreiben, mus ich aus Vorsicht, und damit Niemand an dem Nuzzen desselben zweifeln möge, von meinen Lesern eine Probe ihrer Freimütigkeit fordern, welche sie mir aus Dankbarkeit für mein öffentliches Vertrauen schuldig sind. Diese sol darin bestehen, daß sie * ihrem Verstande, one daß ich es höre, ganz in's geheim beichten, wie's nur selten, oder doch nicht oft, wenigstens nicht allemal eine Neigung zur Besserung sei, welche sie der Schaubüne zufürt. Wir müssen zwar, meine Herren sowol als ich, vor einigen Leuten, welche uns einen Plaz auf dem geweihten Kirchhof versagen, und die auch noch im Sarge liebenswürdige Le Kouvreur aus aller Gemeinschaft der Rechtgläubigen verbannen, in allen unsern gedrukten Vorreden behaupten, daß die Besserung der Sitten unsre Hauptabsicht sei. Es ist uns auch wirklich damit gelungen, daß viele von unsern Widersachern teils mit der Vernunft, teils mit den Schauspielerinnen in ein näher Verständnis geraten, und unter dem Vorwand einer ihnen wirklich ser nötigen Besserung selbst vor unsrer Bün' erschienen sind, besonders seitdem das Frauenzimmer einen Arbeitsbeutel mitbringen und sein zartes Gewissen damit beruhigen können. - - Das so hochgerümte Trauerspiel, worin allein die Grossen der Erde sich vor dem Schiksal der Niedrigen bükken, schmeichelt unsrer Eigenliebe mer, als es sie bessert, und oft sind solche Gärungen in einem Statskörper, wobei es gefärlich ist, die Maiestät nach der poetischen Gerechtigkeit zu bestrafen, oder Schrekken und

 

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Mitleiden in solche Herzen zu giessen, welche der Pächter, oder Kriegeskommissarius, auf eine weit nachdrüklichere Art zum Bluten bringt. - - Ich könte mit gutem Grunde behaupten, daß ich zur Bevölkerung des Landes mer, als alle unsre Schriftsteller, den Marquis de Mirabeau nicht ausgenommen, beigetragen, und Ehemänner aufgemuntert hätte, welche sonst nach ihren Geschäften aus den tiefsten Gedanken in den tiefsten Schlaf verfielen, indem ich ihre erfrornen Sinnen zu neuer Lebhaftigkeit erwärmt, ihre Empfindungen gestärkt, und die zu einem toden Schlaf gewönten Glieder zu rümlicher Verwegenheit begeistert habe, wie meine nach Standesgebür Allerhöchst-Höchst- und Hochzuerende Zuschauerinnen, welche, wie die Aurora des Hern von Morakrif, ihre, unter dem Beding nicht zu küssen, wieder erlangte Iugend so gern und so geschwind verscherzt, mir selbst bezeugen werden. - Ich weis nicht, ob die weinenden Prinzessinnen, die Helden, welche sich so erbärmlich töden, und andre schöne Grausamkeiten mir in diesem Stükke an die Seite gesezt werden können, wenigstens kenn' ich ser viele, die das lange Gerippe des Trauerspiels, welches nie seine Gestalten, sondern nur seine Trachten ändert, mit einem schläfrigen Ekkel angesehen, und den Augenblik mit Ungeduld erwartet haben, worin dieses Gespenst durch mich von der Büne vertrieben worden. - - Allein, nun ist noch eine nicht unfruchtbare Art menschlicher Geschöpfe übrig, welche in ihren besten Augenblik=

 

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ken nach meiner Hülfe lechzen. Auch die strengsten Richter werden nicht leugnen, daß sie bisweilen Stunden haben, worin sie nicht denken, nicht lesen, und so zu sagen nichts empfinden können, was nicht mit Händen gefült werden kan. Es sind Stunden, wo das so ser gerümte weise Lächeln unmöglich ist, wo ein algemeiner Druk von Schwermut den trägen Körper belastet, und die götliche Phillis mit ihren entzükkenden Bewilkommungen den steifen Muskeln kaum eine kaltsinnige Höflichkeit ausprest. Der ermüdete Gelerte gänet in seiner Abendstunde, und das iunge Hergen fült schon kein Vergnügen mer, die Gefangenschaft des Königs in der tapezierten Mausefalle zu lesen; der überlaufene Statsminister seufzt nach einer Erlösung; und die von einer schweren Malzeit aufgehobene Freifrau ist unschlüssig, ob sie spielen oder in die Komödie gehen wil, weil die Feler ihres Nächsten die vom Plaudern geschwolne Zunge nicht mer bewegen können. Die Säure hat sich aus dem fürstlichen Magen in die Gegenden des Kopfs gezogen, und die geplagten Hofleute haben ihre schlüpfrigen Erzälungen nach alphabetischer Ordnung erschöpft; der Hofnar, oder vielmer der Hausher, welcher dessen Rolle seit einiger Zeit übernommen, käuet am Zanstocher, und lobt die Morgenländer, welche ihre Geselschaft bei Tische mit nakten Gauklerinnen unterhielten, um die gute Verdauung nicht durch ernsthafte Gedanken zu unterbrechen. Solche Menschen, und überhaupt die gros=

 

[Manuskriptseite 39]

se Menge der menschlichen Gesichter, deren Früling oft nur ein Gänen ist, hat die weise und auf Alles bedachte Natur meiner Fürsorge empfolen. Sie hat mir aufgetragen, den Schlummer der lezten zu verteilen, ihre Säfte zu verdünnen, ihre Drüsen zu erweichen, und sie wenigstens alle Tage eine Minute dahin zu bringen, sich ihres Berufs in der Welt erinnern zu können. Das Gehirn dieser Leute ist mit einem zähen Schleim umgeben. -" Seit. 26-37.

 

[IVb-03-wis-1791-0153]
"Da ich nun sowol den Augen, als den Oren malen, und so zu sagen einer verbulten Schöne gleichen mus, welche ihren Verstand, ihre Religion, ihre Stimme, ia alle Wendungen ihres Körpers in besondre Reizungen verwandelt: so wird man aus obigen Erfarungen, welche die hönischen Gelerten vielleicht ein Galimatias nennen werden, zum voraus erraten, daß ich mich sowol über den Tonkünstler, als über den Maler, erheben, und meine Panacee für die Königin aller Panaceen ausrufen werde. Und gewis, wenn der Abt Venuti a) In seinem Triumpho litteraris. dem Verdienste, nachdem es 5709. Iaren seit Erschaffung der Welt zu Fusse gegangen, nicht endlich einen Statswagen geliehen: so wär' ich versichert, dergleichen für mich allein, und zwar in Paris, für 120. Pfund monatlich zu erhalten. -

 

[IVb-03-wis-1791-0154]
Dasienige, was man in der Malerei Karrikatur nent, und welches in einer Übertreibung der Gestalten besteht, ist eigentlich die Art, wie ich die Sitten der Menschen schildre. So gut nun iene Gemälde ihre eigne Regeln

 

[Manuskriptseite 40]

und Volkommenheiten haben, eben so gut sind auch meine Gemälde der Torheiten einer eignen Volkommenheit fähig; ia ich getraue mich zu behaupten, daß die Karrikatur, in so weit sie die schöne Natur übertreibt, in ihrer Art unvolkomner, als die meinige sei, weil der moralische Mensch geschikter dazu ist, als der natürliche. Kan inzwischen der gemalte Riese das Auge des Zuschauers vergnügen: so ist nichts gewisser, als daß eine moralische Schilderung desselben ein gleiches Recht habe, und der Nuzzen ist, daß Menschen, welche sich in einer ziemlichen Entfernung von der Warheit befinden, durch Vergrösserung der Gestalten zu einem deutlichern Gesichtspunkt gelangen müssen. Sind aber nicht alle dieienigen von der Warheit entfernt, die entweder aus Dumheit, oder einer verschuldeten Trägheit, das feine Salz der Satyre nicht empfinden, und gleichsam auf der Zunge gebrandmarkt werden müssen, wofern sie zu einer lebhaften Empfindung gelangen sollen. Wenn nun an ienen Geschöpfen kein Mangel ist, wenn ganze Nazionen und Gemeinen in ihrem Geschmakke so verschieden sind: so rechtfertigt sich dadurch die Art meiner Sittenmalerei, da ich keine Narren in Riesengestalten, und königliche Toren in sinesischer Miniatür auf die Büne zur Schau bringe, damit leztere auch von den Kurzsichtigen in der Nähe betrachtet werden können." Seit. 43-46.

 

[IVb-03-wis-1791-0155]
"Meine Art der Übertreibung ist aber so fruchtlos nicht, wie meine Herren Gegner behaupten. Ich traf

 

[Manuskriptseite 41]

vor einigen Tagen meine alte erliche Kolombine beim Nachttische vor ihrem Holspiegel an. Ich erschrak, wie ich ihr über die Schulter in den ärgerlichen Spiegel sah. Iede Runzel erschien in demselben, wie eine frisch gepflügte Furche; ieder Sommerflek war ein rechtes Brandmal; die ganze haut ihres Gesichts schien verschimmelt und zotticht zu sein. Meine Kolombine, welche ihre Gestalt hier gleichsam auf eben die Art vorgestelt fand, wie ich die Torheiten meines Nebenmenschen zu schildern pflege, versäumt' aber keinen Augenblik zu ihrer Besserung, und schminkte sich auf's schönste. Nun hätt' ich zwar lieber gesehen, daß sie ihre ganze Haut gesprengt, und eine neue zugelegt hätte; da aber diese heroische Handlung mit gar zu vieler Gefar für mich verknüpft war; so verachtete ich auch die Wirkung des Holspiegels nicht, und werde von meinen hochgeertesten Zuschauern, welche ihre scheusliche Gestalt in meinem moralischen Holspiegel erblikken, eben so wenig die Sprengung ihrer Haut fordern, sondern zufrieden sein, wenn sie blos nur die Entdekkung gemacht haben, welche alle gesittete Frauenzimmer auf die Art meiner Kolombine zu machen pflegen." S. 50-51.

 

[IVb-03-wis-1791-0156]
"Die Oper ist der Pranger, woran man seine Oren heftet, um den Kopf zur Schau aus zu stellen." S. 53.

 

[IVb-03-wis-1791-0157]
"Die Grösse one Stärke scheint mir ein weit fruchtba=

 

[Manuskriptseite 42]

rer Stam zu sein; wenigstens ist mir noch nichts Lächerliches begegnet, wozu ich nicht den zureichenden Grund in diesem * gefunden. Ein Man fält zur Erd' und neben ihm stürzt ein Kind. Man lacht über den ersten, weil man seiner Grösse Stärke genug zutraute, um sich vor dem Fal zu bewaren. Lezteres im Gegenteil erwekt Mitleid. Mikromegas, dieses Ungeheuer in der übertriebnen Art, ist nicht lächerlich, weil er eine seiner Grösse angemessene Stärke hat besizt. Allein, die durch seine Gegenwart geschwächten Grössen, die gedemütigten Alexander's und Neuton's reizen zum Lachen. - Gesezt nun, daß dieser Begrif des Lächerlichen seine Richtigkeit habe, wie ich fast vermute, da im Gegensaz alles Ernsthafte stark und gros ist, und selbst die Wellenlinie der Schönheit sich so wenig, als immer möglich, von der geraden entfernt, mithin von der Stärke ihr wares Ansehen empfängt: so ist eben meine Karrikaturmalerei die höchste Vorstellung des Lächerlichen, indem ich die Gestalt vergrössere, und die innere Sel' oder Stärke dieser Gestalt auf's möglichste vermindert. Der manhafte Ritter bei dem ersten Karrikaturmaler, dem Zervantes, ist ein ausgehölter Körper, welcher Grösse zeigt und Stärke lügt, und dennoch, nach dem Endurteil des St.Evremonts, ist er der rechte Arzt schwermütiger Selen. Seine blosse Miene, wie sie Pikard und Koypel der Ewigkeit überliefert, hebt eine phlegmatische Lippe. Und Ninon, die=

 

[Manuskriptseite 43]

ses originale Mädgen, welchem die Laster zum Verdienst gerechnet wurden, sah den gefrornen Schaum, ich wil sagen, die betrügerische Gestalt des Marquis von Sevigni, niemals one Lächeln. Deus war eine Grösse one Stärke. Ich glaube, daß der Helm des Ritters und mein Schwerd im Anfange der Schöpfung nicht weit von einander gelegen." Seit. 57-59.

 

[IVb-03-wis-1791-0158]
"Iede teatralische Geschichte ist im Grunde nur ein Furwerk, auf dem man seine Leren und Einfälle zu Markte bringt." S. 75.

 

[IVb-03-wis-1791-0159]
"Das Leben grosser Herren ist ein beständiger Roman. Sie sehen das ware gemeine Leben nie, es sei denn auf der Büne. Hier kan ein Bauer auftreten, one des Oberhofmarschals Erlaubnis zu haben." S. 88.

 

[IVb-03-wis-1791-0160]
VII.

 

[IVb-03-wis-1791-0161]
Lebensläufe nach aufsteigender Linie nebst Beilagen A, B. C. Meines Lebenslaufs dritter Teil. Erster Band. Berlin 1781, bei Christian Friedrich Vos und Son.

 

[IVb-03-wis-1791-0162]
1) Wizzige Bermerkungen.

 

[IVb-03-wis-1791-0163]
"Die Natur nam ihren Anfang durch ein Wunder. Wunder genug! Iezt ist alles one Sprung. Die Sphärenmusik ist ein einfaches Lied, und keine Ode." S. 14.

 

[IVb-03-wis-1791-0164]
"Die Verhüllung des Gesichts ist ein wolhergebrchtes Zeichen der Traurigkeit. Wir verhüllen uns, als ob wir der

 

[Manuskriptseite 44]

Welt entsagen und uns auf uns selbst einschränken wolten, als ob der Fal zu schwer wäre, um ihn zu fassen - selbst um ihn sehen zu können." S. 20.

 

[IVb-03-wis-1791-0165]
"Hast du keinen gebleichten Schädel gesehen? Ich nenne so Etwas auf Gottes Bleiche liegen, und warlich! wir werden durch den Tod ausgewaschen." S. 25.

 

[IVb-03-wis-1791-0166]
"Ich habe nach der Anzal der fünf Bücher Mosis fünf Iuden sterben gesehen; allein bis auf einen nur sterben gehört, vier starben hebräisch, sie hatten den Tod auswendig gelernt, und beteten ihn so her, wie die Nonne den Psalter. Bei'm Amen, weg waren sie. Den fünften hab' ich observirt, dessen Äusseres zwar iüdisch schien, sein Inwendiges aber war Gotgläubig deistisch, und also gehört er eigentlich nicht in die Iudenklasse. Barta non facit Philosophum. Der Bart macht keinen Iuden." S. 29.

 

[IVb-03-wis-1791-0167]
"Es lag vielleicht ein hoher Sin in der Begräbnismetode der Alten, wo Lust und Unlust zusammen waren und wechselten wudnerlich. Sie lasen den waren Lebenslauf des Verstorbnen one Tropen und Figuren. Ihre Begräbnisse waren Leichenpredigt, Leichengesang, für die umher giengen. Seht da das Leben! seht! seht! fast euch, wenn der Tod es fordert. Last Leben und Tod aus einem Stükke sein, und sol Leben und Tod als etwas Verschiednes angesehen werden, macht, daß´ der Dekkel zum Gefässe passe. Das

 

[Manuskriptseite 45]

best' ist, so sterben, als man lebt. Der würklich Traurige, wenn ia ein Pikkelhering ihn aus der Fassung bringt und ihm ein Lachen bereitet, welch ein bitterer Vorwurf folgt darauf! Die Freude der Welt wirkt den Tod! - Das Leben ist so Etwas niedrigkomisches, daß es iedem klugen Manne ekkelt zu leben. - Alle Toden haben Ernst in ihren Gesichtszügen." S. 39-40.

 

[IVb-03-wis-1791-0168]
"Die Idee, den Freund, die Geliebte, siehst du nicht mer, so ganz erdenganz, wie sie da waren; die Idee, der Leib, den du geliebt hast, dem du so gut gewesen bist, ist Asche, ist Staub! O das brent wie Nesseln an die Sele. Wir betrauern nicht die Sele, sondern den Leib, weil er Fleisch von unserm Fleisch ist." S. 43.

 

[IVb-03-wis-1791-0169]
"Erschrekken ist die Goldwage für Männer. Wir können erhaben und pöbelhaft erschrekken. Die Weiber erschrekken bald, und, was noch mer ist, nach einer und zwar bekanten Melodie. - Sie erschrekken schön, wenn man wil. - Um alles in der Welt wünscht' ich mir keine Frau, die nicht leicht erschrökke. Schamröte und Erschrekken liegt in einem Bezirk. Eins borgt vom andern; beides kleidet das schöne Geschlecht. - Es ist extrafein Postpapier, wo alles durchschlägt. -" S. 46.

 

[IVb-03-wis-1791-0170]
"Was wäre das Leben, wenn man nicht noch den Zirkel der Seinen hätte, wo man noch das süsse Echo seines Schmerzens seiner Freunde hört, und eine Teilnemung seht, Lieb' und Gegenlieb' empfindet? - Wer sich auf einem andern Wege, als am ofnen Grab, das Lebenslicht ausbläst, bedenket nicht, von wannen er komt und wohin er färet." S. 65.

 

[IVb-03-wis-1791-0171]
"Leute, die dem Tode recht erlich trozzen können, o! Die trozzen auch dem Leben." S. 66.

 

[IVb-03-wis-1791-0172]
"Niemand examinirt, der dem andern überlegen ist. Wer würklich weniger weis, als der Iniziandus, ist ein Inquisitor im Examen. - Der Überlegene lert nur, das heist, er legt es alles zum Greifen nahe." S. 67.

 

[IVb-03-wis-1791-0173]
"Wenn die Sele von ihrem vieliarigen Freund Abschied nimt, verert sie ihm noch ein klein Andenken. Eine goldne Tabatiere mit ihrem Bilde! Sie wirft noch Stralen auf ihn, die so aus den Gesichtszügen des Gestorbnen herausleuchten, wie das Antliz des Moses, obgleich er schon vom Donner und Blizberge war. Der Mensch dort, so lange die Sele in ihm lebte, schwebte und war, sich so oft hinter ihr verstekte, und vom Verstande Fl Feigenblätter, Vorhänge borgte, kaufte, wie's die Not wolte, ist da auf ein Har zu sehen. Als wenn er lebt! Als wenn die Sele nur über Feld gegangen wäre, um frische Luft zu schöpfen, um in's Freie zu gehen, als wenn die Sele gleich wieder kommen würde. Ihr Hauptsessel ist noch nicht kalt. -Spasvogel Diogenes, lösche deine Laterne aus! Hier sind Menschen, recht wie sie sind. - Da ist das aufgegebne Rätsel; und die Lösung, das Exempel und die Probe! Ieder fürchtet sich vor dem natürlichen, vor dem Kammertode, vor dem ver= kalten vernünftigen Tode. Der Heldentod, der Feldtod, ist nicht kalt, nicht vernünftig. Es ist ein künstlicher Tod." S. 72-73.

 

[IVb-03-wis-1791-0174]
"Die heftige Freude hat ser was widerliches an sich. Fast wolt' ich behaupten, es ist noch Niemand aus Traurigkeit gestorben, wol aber aus Freude. Nicht, weil die Traurigkeit dem Menschen eigner, als die Freude ist, obgleich dieser Umstand uns eben nicht aus dem Wege liegen würde;

 

[Manuskriptseite 47]

sondern weil der Mensch bei der Traurigkeit auf seiner Hut ist, die ganze Wache in's Gewer ruft, alle Macht und Kraft aufbietet, und: macht Euch fertig! schreit. Bei der Freude überläst sich der Mensch sich selbst, es geht mit ihm rips, raps, holter polter, über und über, und dies Freudenwirwar, wie leicht kan es dem Menschen eins versezzen? Ein aus sich versezter Mensch ist tod. - Grosse Lustigkeit und tiefster schmerzhafter Unwille sind sich so nah, daß sie sich in die Fenster sehen können. Fast wolt' ich sagen, ein heftig Lustiger sei eben so gefärlich unwillig im Sin, wie man gefärliche Kranke hat, die ser gesund aussehen. -" S. 96.

 

[IVb-03-wis-1791-0175]
"Bei mir stirbt Niemand durch den Arzt, sondern natürlichen, nicht medizinischen Todes. Das Stundensandurgen mus sanft abnemen, ohne daß ihm nachgeholfen wird; meine Mutter würde sagen, one daß es gerüttelt und geschüttelt wird. Man hat soviel von der Abstellung der Todesstrafen in die Kreuz und Quere geredet und geschrieben, daß würklich einige Staten die C.C.C. wo ohn' End und Ziel getödet wird, in's galante, ins feine gebracht: ich würde die Todestrafen darum abstellen, weil Niemand weis, ob er nicht durch die Hand des Arztes schmerzhafter, als durch die des Henkers stirbt, und weil eine Sele, die noch Kernfrisch ist, sich auf tausenderlei Art, durch Anstrengung auf einen Punkt, des Todes Bitterkeit vertreiben kan. -" S. 102-103.

 

[Manuskriptseite 48]

[IVb-03-wis-1791-0176]
"Die Bekümmernis gefält am meisten, wenn sie unzeitig, wenn sie nicht an Stel und Ort ist. Daher die Sorgfalt der Weiber, so kindisch sie ausfält, wie schön! - Auch bei den Männern mus sie weiblich ausfallen, sonst ist sie Furchtsamekeit." S. 143.

 

[IVb-03-wis-1791-0177]
"Eine Rede, sie sei auch die beste, ist ein Gipsabgus der Gedanken. - Gemeinhin verschlingen hier die sieben magern Kühe die sieben fetten, wie in Iosephs Traum; indessen ist nicht zu läugnen, daß eben dieselbe Sonne, wie ein wizziger Schriftsteller sagt, die das Wachs schmilzt, die Erde versteinert, und es giebt Leute, die gern reden, und andre, die auch nur durch Reden gewonnen werden. Leidet aber ieder, daß auf I ihn Iagd gemacht, daß auf ihn angelegt wird? Und tut der Redner mer, als seinen Bogen spannen, und auf die Herzen seiner Allerseits nach Stand und Würden Höchst- und Hochzuerenden Zuhörer zielen? Freilich, erwiederte der Graf, wo Feuer ist, da raucht es auch. - - Wenn man empfängt, wenn man konzipiert, o! Dan beist der Rauch in die Augen! - Wilst du denn was bessers sagen, als du kanst? Das war eine weise Ler' eines weisen Mannes, die er einem Iünglinge gab, der sich über dem Eingang seiner Rede den Kopf brach. Ein Redner, sagte mein Vater, ist ein Man, der mer von einer Sache sagen wil, als er von ihr weis. Ein A=

 

[Manuskriptseite 49]

vantürier, der sich über seinen Stand kleidet, ein Petiatmaitre, der zum verschimmelten Brod frische Butter giebt. - Er machte einen Unterschied zwischen Redner und Prediger. Mit Feierlichkeit von einer Sache sprechen, nant' er predigen, und in diesem Sin war er Prediger überal. Aber die Redner! Sie machen einen grossen Schuh auf einen kleinen Fus. Schuster nicht übern Leisten, sagte der Maler zum Rezensenten, der sich wie gewönlich mer herausnam und herauslies, als er verstand. Dem Redner könte man zurufen: Redner, nicht über'n Fus! -" S. 159-160.

 

[IVb-03-wis-1791-0178]
"Bei'm Lustigen trit der Nervensaft über seine Ufer und diese Überschwemmung, diese Sündflut, richtet Unheil an. S. 165.

 

[IVb-03-wis-1791-0179]
"Selbst der Schnee auf dem Haupte erinnert den Greis nicht an den Winter seines Lebens. Es ist Hagel und Schlossen denkt er, so was fält auch nicht an im Sommer. Der Himmel lasse nur das Getreide one Schaden." S. 168.

 

[IVb-03-wis-1791-0180]
"Sein eigen Blut war sein Leichentuch." S. 169.

 

[IVb-03-wis-1791-0181]
"Der Tod hat eine Sandur in der Hand, die er verdekt hält. Wir sehen nur die Sense, die er in der andern fürt." S. 169.

 

[IVb-03-wis-1791-0182]
"Du abbrevirst dein Leben, wie Geschwindschreiber, und machst es so unleserlich, so ungestalt, daß du über ein Kleines selbst nicht klug daraus werden kanst." S. 176.

 

[IVb-03-wis-1791-0183]
"Wer ist, der sich nicht nach Unsterblichkeit senet? Und diese Sensucht solte wie Spreu zerstreuet werden? Die meisten unsrer Brüder sterben gemeinhin in Fragzeichen, einige in Verwunderungszeichen, viele in Komma. Wer stirbt im Punktum? -" S. 188.

 

[Manuskriptseite 50]