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Faszikel Ib-07-1780
 

Transkription und digitale Edition von Jean Pauls Exzerptheften

Vorgelegt von: Sabine Straub, Monika Vince und Michael Will, unter Mitarbeit von Christian Ammon, Kai Büch und Barbara Krieger. Universität Würzburg. Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition (Leitung: Helmut Pfotenhauer)

Förderung: Fritz Thyssen Stiftung (11/1998-12/2000) und Deutsche Forschungsgemeinschaft (01/2001-12/2005)
Projektleitung: Michael Will
Gesamtleitung: Helmut Pfotenhauer

Transkriptionsgrundlage: Nachlass Jean Paul. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Fasz. Ib, Band 7

Bearbeitungsschritte:
Herbst 2000 MIWI Transkription
Oktober 2000 MIWI Autopsie Berlin
11.03.2003 MIWI Konvertierung von WORD in XML/TEIXLITE
08.06.2005 MV Anpassung an XML-Codierung
19.07.2005 MV Zweite Korrektur
06.04.2006 MIWI Zweite Autopsie Berlin
07.04.2010 CMC Zweites Online-Update

 

[Titelblatt/1]

Exzerpten.

Siebender Band.

1780.

 

[Titelblatt/2]

Verschiedenes, aus den neuesten Schriften. Siebenter Band. Hof, – – 1780.

 

[Manuskriptseite 1.]

[Ib-07-1780-0001]
I.

 

[Ib-07-1780-0002]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai. 1775.

 

[Ib-07-1780-0003]
1) Von der Dunkelheit der Schriften Paulli.

 

[Ib-07-1780-0004]
"In der That giebt's wenige Briefe Paulli, die nicht eines so vermischten Inhalts sind, die nicht bei manchem algemein Verständlichem und Brauchbarem, auch @@@@@@@@ @@@@ enthalten. Dies ist's Urtheil des Petrus von Paulli Briefen, welches sowol auf die Sach' und den Ausdruk gezogen werden kan; und wenn einmal schwer zu verstehende Stellen in Paulli Schriften vorkommen, so ist's wol einerlei, ob i* die Dunkelheit durch die Sachen oder die Behandlung entsteht. Welcher aufmerksame Leser Paulli wird's aber leugnen können, daß auch sein Ausdruk, seine Einkleidung und Verbindung der Säzze, seine Art zu erläutern und zu beweisen, zuweilen nicht wenig Dunkelheit und nicht geringe Schwierigkeiten habe? Ich wil aus Röm. 7. gleich zwei Beispiel' anführen. Im Anfange dieses Kapitels behauptet der Apostel den, zwar den jüdischgesinten Christen anstössigen, an sich aber ganz verständlichen Saz: die Christen sind nicht an die iüdische Religionsverfassung gebunden, sondern sind durch

 

[Manuskriptseite 2.]

Iesu Tod vom mosaischen Gesez frei gemacht. Aber wie dunkel ist nicht der Vortrag des Apostels, wie schwierig und verwikkelt die von dem Weibe, das durch den Tod ihres Mannes vom Gesezze frei wird, hergenommene Bestätigung oder Erläuterung dieses Sazzes? Es ist wahr, hier sagt der Apostel ausdrüklich: ich rede mit solchen, die's Gesez wissen; allein sehr oft redet er mit solchen, und nur für solche, ohn' es ausdrüklich anzuzeigen. Noch ein Beispiel, wie er philosophische Materien vorträgt. Am End' eben dieses Kapitels drükt er den an sich verständlichen und durch die Erfahrung erwiesenen Saz: der Mensch wird oft durch sinliche Trieb' und Leidenschaften, durch körperliche Gewohnheit und Fertigkeit zur Begehrung dessen hingerissen, was er nach den deutlichen Erkentnissen und bessern Einsichten der Vernunft äusserst misbilligt – auf diese dunkle, fast räthselhafte, und bei dem unnachdenkenden grössern Haufen einer schädlichen Misdeutung ausgesezten Art aus: ich habe Lust am Gesez nach dem inwendigen Menschen; ich seh' aber ein ander Gesez in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesezz' in meinem Gemüth, und nimt mich gefangen in der Sünde Gesez, welches ist in meinen Gliedern – Kurz vorher hatte der Apostel das bekante video meliora probaque deteriora sequor, in diesen nicht völlig verständlichen

 

[Manuskriptseite 3.]

Worten ausgedrükt: Wollen hab' ich wol, aber das Volbringen des Guten find' ich nicht, denn das Gute, das ich nicht wil, thu' ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht wil, thu' ich u. s. w. – " Seit. 70. 71. 72.

 

[Ib-07-1780-0005]
2) Beweis, daß die erkanten Vernunftwahrheiten eben so gewis sind als die, aus der Offenbarung erkanten.

 

[Ib-07-1780-0006]
"Ein ieder Saz, dessen ganze Gewisheit am End' auf einem Grundsazze der Vernunft beruhet, kan nicht gewisser sein, als der Grundsaz der Vernunft, auf welchem er beruhet. Nun ist iede geoffenbarte Lehr' ein Saz, dessen ganze Gewisheit am End' auf einem Grundsaz der Vernunft, (der aber auch ein Saz der Metaphysik ist) beruhet, nämlich auf dem: was Gott sagt, ist wahr. Folglich kan keine geoffenbarte Lehre gewisser sein, als ein richtig erwiesener Grundsaz der Vernunft. Ferner: alle Schlussäzze, die wenigstens einen blos wahrscheinlichen Vordersaz haben, sind selbst nur wahrscheinlich (nach der logischen Regel: conclusio sequitur partem sequiorem.) Nun sind all' unsre Erkentnisse von den eigenthümlichen Lehren der Offenbarung Schlussäzze, die wenigstens einen blos wahrscheinlichen Vordersaz haben; folglich sind all' unsre Erkentnisse von den eigenthümlichen Lehren der Offenbarung nur wahrscheinlich. Zum Beweise des nächstvorhergehenden Untersazzes dient folgender Schlus. Alle

 

[Manuskriptseite 4.]

Erkentnisse, die auf kritischen, historischen und hermeneytischen Beweisen beruhen, sind nur in einem höhern oder niedrigern Maasse wahrscheinlich, und haben nicht einen solchen Grad von Gewisheit, als ein richtig erwiesener Grundsaz der Vernunft. Nun beruhen all' unsre Erkentnisse von den eigenthümlichen Lehren der Offenbarung auf kritischen, historischen und hermenevtischen Beweisen; folglich sind u. s. w. – Dies an einem Beispiele zu zeigen, so stelle man sich vor, daß die Athanasianische Lehre von der Dreieinigkeit aus 1 Ioh. 5, 7. solt erwiesen werden. Zu diesem Ende müst' erwiesen werden 1. daß der Brief, worin diese Worte stehen, eine ächte Schrift des Iohannis sei, dem er zugeeignet wird, daß er weder von einem Betrieger untergeschoben, noch von einem andern Iohannes, der aus Versehen mit dem Apostel verwechselt worden, geschrieben sei. 2) daß dieser Iohannes ein inspirirter Man gewesen, und daß er's eben damals gewesen, wie er diesen Brief geschrieben. 3. daß der Brief weder durch Nachlässigkeit der Abschreiber, noch durch Vorsaz eines Verfälschers korrumpirt worden. 4. daß insonderheit die Beweisstelle nicht entweder mit Vorsaz, oder aus Versehen als eine Randgloss' in den Text eingeschoben, oder wenigstens korrumpirt worden. Endlich 5. daß die Auslegung, vermöge der die athanasianische Dreieinigkeitslehre daraus erwiesen wird, einer ieden andern möglichen Auslegung, insonderheit die Erklärung vom Eins sein,

 

[Manuskriptseite 5.]

da's von einer wesentlichen Einigkeit verstanden wird, derienigen, die's von einer moralischen Einigkeit der Zeugen in ihrem Zeugnisse verstehet, vorzuziehen sei. – An was für einer langen Kette von mehr oder weniger wahrscheinlichen Beweisen hängt hier nicht der lezte Schlus? und zwar sind's abhängige Beweise d. i. solche, da immer der folgende seine ganze Festigkeit von allen vorhergehenden erhalten mus und die lezte Schlusfolg' eine iede Schwäch' eines ieden Vordersazzes fühlet. Und nun, solte das Resultat von allem diesem gewisser und zuverlässiger sein, als ein richtig erwiesener Vernunftschlus, wenn sich ein solcher finden möcht' und etwa der Saz der natürlichen Theologie ens necessarium est unico modo determinabile, oder wie man's besser ausdrükt: Für das nothwendige Wesen giebt's nur eine Art des Seins oder der Existenz, die diesem Resultat widersprechen möchte? – –" Seit. 93. 94. 95.

 

[Ib-07-1780-0007]
3) Von Verfassern der Bibel.

 

[Ib-07-1780-0008]
"Man hat grosse Ursach zu zweifeln, daß die h. Verfasser der Bibel die fortdaurende Erhaltung ihrer Werke vorausgesehen haben. –" Seit. 180. 181.

 

[Ib-07-1780-0009]
4) Von Philipp. II. 13.

 

[Ib-07-1780-0010]
"Diese Stelle wird für eine der beweisenden gehalten. Wie deutlich, spricht man, wird hier nicht gelehrt, daß Gott es sei, der nicht nur das Volbringen des Guten, sondern sogar auch das Wollen desselben in uns wirke? man hat recht, das wird hier wirklich überaus deutlich gelehrt. Gott, heist's

 

[Manuskriptseite 6.]

wirket – aber wie nun? Mittelbarer oder unmittelbarer Weise? Dies, scheinet's, läst unser Text hier unentschieden. Doch nein; man richte seinen Blik nur um eine Zeil' höher, nämlich auf's Ende des 12ten Vers; so haben wir die gesuchte Erklärung; in klaren Worten abgefast. Wie könt' uns Paullus ermahnen: schaffet mit der äussersten Sorgfalt (mit Furcht und Zittern) daß ihr seelig werdet; wenn er gleich in einem Athem darauf sagen wolte: Gott ist's, der dieses ohn' alles unser Zuthun, ohn' all' unsere Selbsthätigkeit, unmittelbarer Weise schaffet? Entweder widerspricht sich also der Apostel, oder er kan an keine übernatürliche Wirkungen Gottes in dieser Stelle gedacht haben. –" Seit. 181. 182.

 

[Ib-07-1780-0011]
II.

 

[Ib-07-1780-0012]
Deutsches Museum. Zweiter Band. Iulius bis Dezember. 1776. Leipzig, in der Weigand'schen Buchhandlung.

 

[Ib-07-1780-0013]
1) 'Was von der Diät.

 

[Ib-07-1780-0014]
"Nur die Menge, nicht die Mannigfaltigkeit schadet. Diese nüzt vielmehr oft, indem Eine Speise die schädliche Wirkung der andern aufhebt, wie z. B. das Alkali des Fleisches die sauren Pflanzensäfte mildert. Es ist wahrer Unsin, das Fleisch zu verbieten, das sich am leichtesten mit

 

[Manuskriptseite 7.]

unsrer Substanz assimilirt, das unser Magen begehrt, für welches unsre Zähne gebildet sind. –" Seit. 597. 598.

 

[Ib-07-1780-0015]
2) Von der Abschaffung der Todesstrafen – in Ansehung der Bibel.

 

[Ib-07-1780-0016]
"Um die Rechtmässigkeit der Todesstrafen zu beweisen, beruft man sich zuweilen auf die Gesez' und das Beispiel der in einer Art von Theokratie lebenden Iuden. Aber Geseze der Iuden sind doch nicht unsre Gesez' und haben's nicht sein sollen oder können, da wir ein Volk von ganz andrem Karakter und Denkungsart sind, in einem ganz anderm Land' und Klima wohnen, iezt wenigstens weit mehr verfeinert sind, eine ganz andre Verfassung, keine Bluträcher, fast lauter andre Sitten, Lebensart, Gebräuch' und dergl. haben, die iüdischen Gesez' aber mit solchen Dingen in Beziehung stehen. Freilich gelten bei uns noch manche mosaische Geseze, aber nicht nur wegen der gedachten Verschiedenheiten unter mancherlei Modifikazionen, sondern auch nicht als götliche, blos als freiwillig von uns rezipirte wie etwa die römischen Gesez', und können deswegen eben so gut wie alle andre rezipirte Gesez' alle Tage mit vollem Recht verändert und abgeschaft werden, woraus man sich auch bei den Todesstrafen um so viel weniger hat Bedenken machen können, da die mehrmals ange

 

[Manuskriptseite 8.]

gebne bewegende Absicht (z. B. 5 Mos. 17, 7.) daß das Böse von uns gethan werde, keine Applikazion bei uns hat, oder doch in den gewöhnlichen Fällen auf viel leichtere und gelindere Art erhalten werden könte. Gewissermassen ist auch schon der ganze alte Bund durch den neuen aufgehoben worden; ia noch mehr: der Stifter unsrer Religion selbst erklärt sich deutlich genug wider die Todesstrafen, wenn er zurükhält, eine Ehebrecherin der Steinigung schuldig zu erkennen, und endlich, da man auf seinen Ausspruch beharret, verlangt, daß derienige die Exekuzion anfange, wer unter nicht ihnen ohne Sünd' ist. (Ioh. 8, 3–11.) Da aber keiner sich ohne Sünde fühlen konte, und Iesus nach unserm System dies doch wissen muste, so liegt hierinnen gleichsam eine Aufhebung der vom Moses so ausdrüklich verordneten und so häufigen Todesstrafen. Überdas aber könt' euch's Beispiel der götlichen Gesezze gewis noch gar nichts beweisen, so lange nicht gezeigt wäre, daß dieselben äussere und innere zu Todesstrafen bewegende Ursachen da wären. Aber wie Pilati sehr richtig sagte (della riforma d'Italia p. 313.): "Als der götliche Gesezgeber die Gesezze für die Hebräer gemacht hatte, sagt' er zu ihnen: "Ich hab' euch

 

[Manuskriptseite 9.]

Gebote gegeben, die nicht gut sind," womit er sagen wil, daß diese Gesezz' ihrer Natur nach, nicht sehr gut, aber doch solche waren, als sich für dies harte und verkehrte Volk schikten. Und wenn auch Gott in einer Theokratie auch noch so viel Todesstrafen in gleichen Umständen über uns verhängt, so hätte deswegen diese Macht doch noch in keinem einzigen Fall' ein menschlicher Regent. –" S. 679. 680.

 

[Ib-07-1780-0017]
3) Bemerkung von der Gesinnung des Menschen gegen den Tugendhaften.

 

[Ib-07-1780-0018]
"Zur Ehre der Tugend und der Menschheit läst sich's behaupten, daß in vielen, vielleicht in den meisten Fällen, wenn es scheint, daß Menschen um ihrer Rechtschaffenheit willen verspottet werden, es nicht um der Tugend willen, sondern um der Schwachheit und der Unvolkommenheit willen geschah. Denn wahrlich die Tugend, wenn sie keine Flekken menschlichen Unverstandes und menschlicher Selbstsucht mehr hätte, wenn sie in ihrem himmelreinen Wesen erschiene, ganz Güt' und ganz Weisheit – die Augen niederschlagen möchten wol die Thoren, aber keiner wäre frech genug, ihrer zu spotten, oder zu sagen, daß sie nicht schön sei. –" Seit. 726.

 

[Ib-07-1780-0019]
4)

 

[Ib-07-1780-0020]
Leben und Tod!
"Ach! die goldene Saat von Sonnen und Sternen und Monden

 

[Manuskriptseite 10.]

Rauschet entgegen der Sichel des Todes, und neue Gefilde
Keimen empor, dereinst mit neuen Saaten gekrönet,
Bis auch diese das rollende Iahr des Himmels zereiset! –
Las sie rollen, die Iahre des Himmels! Mit Saaten der Schöpfung
Und mit Erndten der Schöpfung ein iedes bereichert! Wir werden
Säen seh'n und Erndten, geschmükt mit ewiger Iugend. -"

Seit. 768.

 

[Ib-07-1780-0021]
5) Spot und Enthusiasm!

 

[Ib-07-1780-0022]
"Der Enthusiast ist immer ein hervorstechender Mensch der Spötter meist gleichgültig.

 

[Ib-07-1780-0023]
Sezt dem Enthusiasten einen guten Zwek, und er ist Ebenbild Gottes! Was wolt ihr dem Spötter für einen sezzen?

 

[Ib-07-1780-0024]
Liebe ohn' Enthusiasm – was ist sie? Der Spötter kan nicht lieben. Er fühlt zu sehr, wie kurz die Menschheit ist. Sein Lieben ist kalt, oder Hurerei. Der Enthusiast kent keine Gränze der Liebe. Er kan huren, wie der Spötter; aber bis dahin ist seine Lieb' Himmelsgefühl.

 

[Ib-07-1780-0025]
Der Spötter sieht nichts rein; der Enthusiast alles. Den macht sein Betrug immer glüklich; ienen Betrug nicht und Wahrheit nicht.

 

[Manuskriptseite 11.]

[Ib-07-1780-0026]
Nehmt dem Spötter den Beifal des Lachers; was bleibt ihm? der Enthusiast ist unabhängig. – –" Seit. 787.

 

[Ib-07-1780-0027]
6) Toleranz!

 

[Ib-07-1780-0028]
"Es ist nicht intolerant zu widerlegen. Wer widerlegt, sagt nur, daß er die Sach' anders ansieht. – Zu seufzen, zu spotten, zu drohen, zu fluchen, zu schimpfen, zu verfolgen, ist intolerant gegen den, der seine Meinung nur sagt; Vertheidigung gegen den, der sie aufdringen wil.

 

[Ib-07-1780-0029]
Ieder erhebe das Loch, durch das er in den Raritätenkasten gukt, so viel er wil, beweise, so viel er wil, daß das das beste Loch sei; nur lass' er seinen Nachbarn auch gukken, und sagen, was er sieht. Trit er diesen weg davon, so steht's bei dem, ob er wieder treten wil; nur der Angreifer ist intolerant. –

 

[Ib-07-1780-0030]
Nichts darf intolerant sein, als die innere Wahrheit! Dort wird die Eine Stimm' haben, Eine Sprach'; hier spricht sie zu iedem anders. Lieber, warum wolt ihr euch unter einander die Ohren abschneiden? Kanst du, so gib mir deins; kanst du nicht, so las mir meins. –" Seit. 810. 811.

 

[Ib-07-1780-0031]
7) Von Kolossalgrösse – von C. L. Iunker.

 

[Ib-07-1780-0032]
"Herkules war gros, durch's Produkt seiner Kraft. Die gewöhnliche mahlerische Übertreibung seiner Gestalt,

 

[Manuskriptseite 12.]

ist nicht kolossal. War Herkules der, der er auf'm weissen Stein bei Kassel ist; oder schildert mir ihn der Maler auf einer Fläch', in eben der Körpersmasse, nebst Anzeige seiner Kraft, durch Bestimmung der Handlung; so ist's Produkt der wirkenden Kraft proporzionirt; so find' ich nichts, als was ich nach Voraussezzung erwarten konte; so wirkt Herkules, wie er wirken muste, und nach sichtlichem Masse wirken konte; so wird Herkules durch Übertreibung der Grösse – klein.

 

[Ib-07-1780-0033]
Denn nur dann verwundern wir uns, wenn wir kein Verhältnis zwischen Wirkung und wirkender Ursach wahrzunehmen wähnen. Auch in Rüksicht auf Gesinnungen gilt's. Wir sind gar zu sehr geneigt, uns in grossen Körpern grosse Seelen zu denken, wie wir uns in schönen, schöne denken, und hierinnen irren wir uns, – Irrungs= und Treffungsfälle gegen einander abgewogen, vielleicht nur gleich oft. – Alexander wird, so bald seines Körpers Maas übertrieben wird, für uns so gesint sein müssen, wie er's wirklich war; das heist: seine Gesinnungen werden uns, weil sie ihm nach seiner ganzen Konstituzion, zu natürlich zu sein scheinen müssen, blos nothwendige folgen seiner Empfindungen scheinen. Stimt Körpers Maas

 

[Manuskriptseite 13.]

auf den Maasstab der Natur herab, so denkt Alexander, weil nichts das Suppositum rechtfertigt, gros, stark, heldenmässig.

 

[Ib-07-1780-0034]
Oder schildert mir den griechischen Denkkopf, in der Ausdehnung seines Kontours, in welcher ihr nicht schildern solt, liebe Maler! so wird nach der Natur der Progression überhaupt, Erweiterung der Denkkraft, mit Erweiterung der umschreibenden Linie vorausgesezt werden. Vom Grossen wird grosse Wirkung erwartet; vom Kleinen proporzionirte. Ie höher Disproporzion steigt, desto lebhafter wird's Gefühl der Verwundrung. Und wahrhaftig wil ich den Homer lieber in Menschengrösse sehen. – – –

 

[Ib-07-1780-0035]
Gram könt' ich dem Manne sein, der über Leiden murret, die er zu tragen Kraft genug hätte; aber den bedaur' ich, der aus Mangel derselben unterliegen mus.

 

[Ib-07-1780-0036]
Vielleicht erwekt eben aus dem Grunde, (Mitwirkung der Schönheit abgezogen) das leidende zweite Geschlecht mehr Summe des Bemitleidens als das mänliche? – –" Seit. 921. 922. 923.

 

[Ib-07-1780-0037]
Grösse und Kraft personifizirt der Bildhauer im Gott, Schönheit in der Göttin. – – Seit. 926.

 

[Manuskriptseite 14.]

[Ib-07-1780-0038]
8) Über grosse und kleine Bücher.

 

[Ib-07-1780-0039]
"Ein grosses Buch ist wie ein See. Man kan da die ganze Nacht fischen und nichts fangen. Ein kleines, ein Bach, den man abgeschlagen hat. Da darf man nur greifen. – Grosse Bücher werden selten mehr gelesen; kleine, desto öfter.

 

[Ib-07-1780-0040]
Man würde weniger schreiben, wenn man mehr zusammenlebte. Die Bücher sind Konversazionen mit dem Publikum. Wer kan einen ausstehen, der Tage lang's Wort allein führen wil?

 

[Ib-07-1780-0041]
Warum wolt ihr grosse Bücher schreiben, damit ein andrer komt, und den Esprit aus zehn Theilen in fünf Seiten fasse? Könt ihr ihn nicht selbst distilliren? –" Seit. 1032.

 

[Ib-07-1780-0042]
9) 'Was vom Menschen – Aberglaubens Ursprung.

 

[Ib-07-1780-0043]
"Der Mensch ist der Maaststab aller Dinge, sagt Protagoras, und hat darin Recht, daß alle Menschen allemal 's Wahre und Falsche, das Grosse und Kleine, das Ausserordentliche und gewöhnliche u. s. w. mit dem schon gesamleten Vorrath' ihrer Kentnisse messen und dadurch urtheilen, welchen Grad von Beifal und Bewund'rung sie ihm geben sollen. Leuten von ungeübten Seelenfähigkeiten mus daher vieles überna

 

[Manuskriptseite 15.]

türlich und gros vorkommen, was dem, der nur mittelmässigen Verstand hat, als etwas ganz Gewöhnliches u. s. w. erscheint, und eben daher müssen auch solche Leute, weil in ihrem Ideenmagazine keine Ursachen zu solchen Erscheinungen vorräthig sind, zu übernatürlichen Kräften ihre Zuflucht nehmen. Dies ist der Ursprung der Einbildung von Zauberei. – Daher sind wilde Völker mehr abergläubisch, als aufgeklärte. –" Seit. 1089.

 

[Ib-07-1780-0044]
III.

 

[Ib-07-1780-0045]
Klopstok.

 

[Ib-07-1780-0046]
(In Fragmenten aus Briefen von Tellow an Elisa.)

 

[Ib-07-1780-0047]
His Flight my Klopstok took; his upward Flight,
If ever Soul ascended. Had he dropt,
That Eagle Genius! o had he let fall
One Feather as he flew; I then had wrote
What Friends might flatter, prudent does forbear
Rivals scarce damn, and – reprieve.
But what I can I must! –

Hamburg, gedrukt bei Gottl. Friedr. Schniebes 1777.

 

[Ib-07-1780-0048]
1) Verschiedenheit der Menschen.

 

[Ib-07-1780-0049]
"Klassifizir' einmal die Menschen. – Du wirst sehr bald die unendlichen Abstufungen ihres Erkentnis und Empfindungsvermögens einsehen. So sehr unendlich,

 

[Manuskriptseite 16.]

daß du bald nicht einmal Klassen wirst machen können, daß ieder Einzelne selbst beinah wie ein Geschlecht da steht. Denn im unsichtbaren Reiche Gottes, im Reiche der Geister schmilzt alles eben so wol zusammen, fliessen die Gränzen eben so in einander, wie in der Körperwelt, wo noch kein Naturforscher hat sagen können: Hier hört das Pflanzenreich auf, und hier geht's Thierreich an. –" Seit. 15. 16.

 

[Ib-07-1780-0050]
2) Bemerkung vom Karakter eines Menschen.

 

[Ib-07-1780-0051]
"Die Physiognomik zeigt sich nicht in grossen Zügen, noch der Karakter in grossen Handlungen, in Kleinigkeiten entdekt sich's Gemüth. –" Seit. 25.

 

[Ib-07-1780-0052]
3) Gemählde – wie der Poët wird – und ist.

 

[Ib-07-1780-0053]
"Die Seele des Dichters scheint eine Menschenseele zu sein wie andre, und ist's doch nicht. Von der Flamme des Himmels durchglüht, scheint er auf Erden zu leben, und lebt im Äther. Eben die Kräfte des Geistes, wie iener, aber so ganz anders modifizirt. Sein Verstand ist hel, scharf und wahr. Er sieht die Ding' und ihre Verhältnisse, aber aufschauend wie ein Gott, nicht symbolisch. Er entwikkelt die Ideen nicht, sie sind schon entwikkelt!

 

[Manuskriptseite 17.]

Er geht nicht langsam, und Schrit vor Schrit, von einem Begriffe zum andern, von einem Schlusse zum andern fort, sondern eilt, wie auf Flügeln des Sturms. Seine Bahn ist die Bahn eines Kometen, durch die Weltsysteme durch. Mit einem Worte: er schaft. – –

 

[Ib-07-1780-0054]
Sein Geist eilt seinen Augen zuvor. Bei iedem Gedanken, der ihm dargestelt wird, hat er selbst tausend. Er wendet gleich alles an, bezieht alles auf sich, mit der Unruhe, die sein unterscheidender Karakter ist.

 

[Ib-07-1780-0055]
Er sol malen, und die Natur. So mus er sie denn kennen. Darum liebt er sie so! Darum wandelt er am Bach' und weint. Darum geht er aus im Lenz' auf den Blüthengefilden, und sein Auge fliest von Thränen über. Ihn erfült die ganze Schöpfung mit Wehmuth und Wonne. Er irt umher, wie ein Träumender vom Gebirg in's Thal. Wo er einen Bach sieht, verfolgt er seinen Lauf, wo ein umkränzter Hügel sich erhebt, mus er ihn erklimmen. Ein Flus – ach könt' er mit ihm in den Ozean stürmen! Ein Felsen – o säh' er von seinen zakkigten Spizzen in die umliegenden Fluren hinab! Ein Falke schwebt über ihm – ach hätt' er seine Flügel, und schwebte so viel näher an den Sternen! Stundenlang steht er bei einem Blümchen stil, betrachtet ein Moos, wirft sich in's Gras nieder, umkränzt seinen

 

[Manuskriptseite 18.]

Hut mit Kornblumen und Eichenlaub. Er geht aus im Mondenschein und besucht die Gräber. Da denkt er sich Tod und Unsterblichkeit und ewiges Leben. Nichts hält ihn auf in seiner Betrachtung. Es ist nichts bei ihm ohne Beziehung. Alles Bild, iedes sichtbare Ding wird von einem unsichtbaren Gefährten begleitet, er fühlt alles um sich, so warm, so ganz, so nahe!

 

[Ib-07-1780-0056]
Wie er in der Geselschaft ist, so ist er nicht minder wunderbar. Denn anstat zu geniessen, beobachtet er seinen Genus. Da sieht und vergleicht er die Karaktere, hat Acht mit Absicht auf die Handlungsweisen. Er sondert das Gewöhnliche von dem Seltnen, prägt dieses sich tief ein, fast's und verwandelt's in sein Eigenthum. So lernt er wie Menschen handeln und denken, in was für Worte sie ihre Empfindungen kleiden, da studirt er den Dialog. Da lernt er den Ausdruk fremder Leidenschaft, unbekanter Gefühle, vom Throne bis zum Spinrad. Da belauscht er Wiz der Toilett' und der Kirmes, hört's Gespräch der Hofdam' und der Bauernmagd, wird ein Vertrauter des Königs und des Betlers. –" Seit. 42. 43. 44. 45.

 

[Manuskriptseite 19.]

[Ib-07-1780-0057]
4) Von Physiognomie und Deklamazion.

 

[Ib-07-1780-0058]
"Über gewisse Sachen läst sich viel einzelnes, abgebrochnes vortreflich denken und reden, das keiner Theorie noch eines Systems fähig ist. Deklamazion und Physiognomik, werden nie eine Wissenschaft werden, wie viele Folianten man auch darüber schreibt. Die einzelnen Bestimmungen sind über dem, was die Sprach' oder der Griffel ausdrükken kan. –" Seit. 107.

 

[Ib-07-1780-0059]
5) Bemerkung wie man einen Schriftsteller kennen lernt.

 

[Ib-07-1780-0060]
"Ein Autor bildet sich selbst, auch ohne daran zu denken, zumal wenn er ein Dichter ist, in seinen Werken besser ab, als ihn kein Biograph iemals schildern wird. Unsre Freunde sehen uns mit verschönenden Augen an; unsre Feinde müsten sich selbst weniger lieben, wenn sie uns Gerechtigkeit wiederfahren lassen solten, aber's Bildnis, das ein Verfasser in seinen eignen Werken hinterläst, ist getreuer – stelt uns dar, wie wir sind. – –" Seit. 132. 133.

 

[Ib-07-1780-0061]
IIII.

 

[Ib-07-1780-0062]
Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iunius. 1776. Leipzig, in der Weigand'schen Buchhandlung.

 

[Ib-07-1780-0063]
1) Von den Empfindungsurtheilen.

 

[Ib-07-1780-0064]
"Die Vermengung der aus der Erinnerung und Einbildung entstehenden Ideen und der Schlusfolgen mit den Eindrükken, die die eigentliche Empfindung

 

[Manuskriptseite 20.]

ausmachen, fängt so früh' an, und wird durch die Gewohnheit so geläufig und unvermerkt, daß es die gröste Anstrengung des Verstandes erfordert, um sich durch die sichersten Beobachtungen von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. So geht's in Ansehung der, allen Menschen insgemein so gewöhnlichen, Urtheile von der Entfernung, Grösse, Lag' und Stellung der sichtbaren Gegenstände; die ein ieder für reine Empfindungsurtheile zu halten gewohnt ist, da doch auf's gründlichste und deutlichste erwiesen werden kan, daß blos allein aus einem gegenwärtigen Eindrukke, den das Aug' erhält, ohn' Anwendung der ehemals durch's Gesicht und das Gefühl erlangten Erkentnisse, solche Urtheile nimmermehr bei uns entstehen könten. Das gleiche gilt auch von den Urtheilen, die wir bei den Empfindungen des Ohrs alsbald zu fällen gewohnt sind, indem wir da den Gegenstand, der diese Empfindung verursacht, den Ort, und unzählige Eigenschaften verursacht desselben im vollen Bild' uns vorstellen, gleichsam, als ob man nur Gehör zu haben brauchte, um alles auf einmal zu erkennen; da's doch die Erfahrung beweist, daß, wo die Seele nichts als die blosse Empfindung des Ohrs vor sich hat, wie, wenn man etwas ganz unbekantes, ohn' es zu sehen, zum erstenmale tönen

 

[Manuskriptseite 21.]

hört, man gar nicht im Stand' ist, so zu urtheilen. – –" Seit. 19. 20.

 

[Ib-07-1780-0065]
2) Aus der Skiz' einer Moral – von Schlosser.

 

[Ib-07-1780-0066]
"Die Wirkung des innern Menschen, welche durch die Sinne veranlast wird, heist Instinkt oder Naturtrieb, die, welche durch die Einbildungskraft allein, oder durch sie, als Mitlerin zwischen dem Verstand' und dem innern Menschen, hervorgebracht wird, heist Spontanität, oder freiwillig. Das Thier hat keinen Verstand, aber Einbildungskraft. Ihm fehlt ein Ast der Einwirkung auf's innere Thier: aber die Einwirkung der Einbildungskraft betrügt oft den Beobachter, und macht's Thier menschenähnlich. – Ohne die Einbildungskraft empfände der innere Mensch nichts, als den Eindruk des Körpers, und von der Wirkung des Verstandes, nur die Wahrheit. – –

 

[Ib-07-1780-0067]
Das innere Thier fühlt auch die Zukunft vermittelst der Einbildungskraft. Aber seine Einbildungskraft hat nur eine Triebfeder, den Sin; die Einbildungskraft des Menschen hingegen wird auch bewegt durch den Verstand. Dieser kan nun nach seinem Gesez die Ähnlichkeit und Unähnlichkeit der Dinge, die Gründ' und ihre Folgen erforschen. Er kan also aus der blossen Gegeneinanderhaltung einer Handlung mit dem, was er vom Menschen weis, einen

 

[Manuskriptseite 22.]

Schlus von den Folgen der Handlungen auf den Menschen ziehen. Diesen Schlus schaft die Einbildungskraft um zum Bild, d. i. sie malt den Menschen, wie er sein wird, wenn diese oder iene Handlung ihre Folgen auf ihn gehabt hat. Der innere Mensch fühlt sich so, und's Bild Gefühl ist ihm dan angenehm oder nicht, ie nachdem's Bild ist. Ist's Dieses, so erfolgt das Gegenwirken, oder das auch die Unterlassung der Handlung; ist ienes, so folgt's Hervorbringen der Handlung oder das Unterlassen der entgegenstehenden Handlung. –

 

[Ib-07-1780-0068]
Die Moral ist also nichts als eine Samlung von Begriffen menschlicher Handlungen in Rüksicht auf die Folgen betrachtet, die sie auf den Menschen haben. – –

 

[Ib-07-1780-0069]
Man hat unrecht, wenn man die Verbindlichkeit im Gesez sucht. Sie liegt auch nicht einmal im Positiven. Der positive menschliche Gesezgeber thut mehr nicht, als daß er neue Folgen zu den Handlungen sezt, und zwar Folgen, die nicht durch die Natur Natur* der Handlung, sondern durch die Gewalt der Geselschaft wirklich gemacht werden. Der Mensch, dem diese Folgen, und die natürlichen Folgen weniger unangenehm sind, als die Folgen der

 

[Manuskriptseite 23.]

Unterlassung der Handlung, hat keine Verbindlichkeit. Das ist, was die Alten sagten: qui scit mori, cogi nequit. Hat der Verstand die Folgen der Handlungen nicht gesehen, so ist keine Verbindlichkeit da; darum straft der menschliche Richter den Unwissenden nicht. Gott läst die natürlichen Folgen doch nicht weg, aber diese entstanden nicht um des Gesezzes willen, sondern das Gesez entstand um ihrentwillen. –

 

[Ib-07-1780-0070]
Alles Gesez hat in dem Menschen eine Verbindlichkeit. Die Abweichung vom Gesez entsteht auch nicht daher, daß diese Verbindlichkeit aufgehoben wäre; das ist nicht möglich, weil sie im innern physischen Gesez des innern Menschen liegt; sondern sie entsteht daher, weil die Verbindlichkeit zu einem andern Gesez dem innern Menschen mehr fühlbar war. Die Schuld davon kan in allem dem liegen, was Empfindungen in dem innern Menschen erregt. Auch in dem innern Menschen selbst liegt oft die Schuld. – Der Mensch weicht ab vom Gesez, wenn die Einbildungskraft, stat des Bildes vom Tode, das Bild von seinem Elend, ohne Zug, wo's aufhört, darstelt; oder wenn das Gefühl des Lebens selbst schwach, das Gefühl des Elends ungleich grösser ist. Wenn das Bild der Krankheit den innern Menschen weniger unan

 

[Manuskriptseite 24.]

genehmes fühlen macht, als das Bild, oder die Empfindung der Speise, des Weins, der Lieb' angenehmes, so ist, trinkt und hurt sich der Mensch krank. – –

 

[Ib-07-1780-0071]
Der Will' ist nichts als das physische Gesez des innern Menschen; fühlt der etwas als gut, so wirkt er, fühlt er's als übel, so wirkt er entgegen, oder läst ab; das nennen wir, er wil oder wil nicht. –

 

[Ib-07-1780-0072]
Das moralische Gefühl ist unleugbar. Es kan eine Folge der Lebhaftigkeit der Bilder sein, welche die Einbildungskraft darstelt: Es kan aber auch eine besondere Stimmung des innern Menschen sein, nach welcher er durch gewisse sinliche Gefühl' und gewisse Bilder, auch ohne Rüksicht auf die Folgen, die ihre Realisirung auf ihn haben könte, vorzüglich gerührt wird. Dieses vorzüglich starke Gefühl heist in der Moral, moralisch Gefühl, in andern Dingen Genie; man könt's auch Genie zur Tugend nennen. Sind die sinlichen Eindrükke, oder die Bilder, die so vorzüglich, und ohne Rüksicht auf die Folgen, auf den innern Menschen wirken, Töne, so wird ein musikalisches Genie daraus: sind's Figuren, so entsteht der Maler; sind's Dinge, die sich mit Worten ausdrükken lassen, so entsteht der

 

[Manuskriptseite 25.]

Dichter; sind's besonders böse Handlungen, so entsteht der menschliche Teufel; sind's besonders gute, so heist's moralisches Gefühl. Alles das aber sind nur Anlagen. Es müssen noch allerlei Ding' hinzukommen. Eine sehr wirksame Einbildungskraft vor allen Dingen, denn sie mus dem innern Menschen, wo der sinliche Eindruk fehlt, die Bilder verschaffen; haben diese den innern Menschen nun wirksam gemacht, so müssen seiner Wirksamkeit auch Instrumente zu Dienst stehen. – Wenn ich sage Bilder, so mus man wissen, daß die Einbildungskraft auch Töne, Gerüche, Geschmakke, sinliche Gefühle malt. – Denkt euch den Tonkünstler. Gesezt er hat eine noch so lebhafte Einbildungskraft, Töne zu malen; fühlt sie der innere Mensch nicht in einem so hohen Grad, daß er durch's Gefühl getrieben wird, sie zu verlängern, sie sich zu verewigen, sie durch den immer stärkern sinlichern Eindruk ganz in ihrem Umfang zu geniessen – er wird Musikus werden, aber kein Genie. Fühlt sein innerer Mensch die Tön' oder's Bild der Tön' auf den Grad, so wird der wirken, die hervorzubringen; die ihm angenehm sind. Wirkt dabei die Einbildungskraft nicht, so ahmt er nur nach, exekutirt; wirkt sie,

 

[Manuskriptseite 26.]

so schaft er, komponirt. Findet er kein Instrument, so wird er anfangen mit der Stimme. Ist die ihm ungetreu, so komt's auf einen glüklichen Augenblik an, wo die Einbildungskraft ihm ein Instrument vormalt; hat er's, so wirkt er hinein. Die Einbildungskraft sezt immer neue Töne zusammen. Der innere Mensch fühlt ihren Werth. Wer gestimt ist, wie er, fühlt sie eben so; wer nicht, fühlt, wie alle Menschen. – Der Maler ist wie der Dichter, sein Instrument ist nur anders; auch er kan durch die blossen sinlichen Gefühle, und die blosse Einbildungskraft Maler sein; Genie wird er nicht, als wenn der innere Mensch, durch's Bild, oder den Eindruk, auf einem hohen Grade gerührt, durchdrungen wird; iener kan schon Bilder darstellen; dieser drükt zugleich den Geist und's Leben der Figuren aus. In der kleinsten Blume kan der Unterschied fühlbar werden. – –

 

[Ib-07-1780-0073]
Tugend ist die Stimmung des innern Menschen, nach welcher er grosse und dauerhafte angenehme Empfindungen mehr fühlt, als kleinere und kürzere. –

 

[Ib-07-1780-0074]
Die Tugend hängt nicht von der Einsicht ab. Es gibt tugendhafte Menschenfresser. –

 

[Manuskriptseite 27.]

[Ib-07-1780-0075]
Von zehn Säzzen in der Moral sind acht nur um der Menschen willen da, mit denen wir leben; eine Engelsmoral wird nicht besser, nur anders; ich rede von der Theorie. – Die beste Erziehung ist, die in der Natur die beste Gelegenheit schaft, sich selbst zu erziehen, und die ihr am wenigsten Hinderniss' entgegensezt. – Das beste, was der Mensch ist, wird er gebohren; die Erziehung kan wenig thun, verdirbt aber unendlich viel. – Doch, ist's wol Verderben, wenn man Menschen denen gleich macht, womit sie leben sollen? Richtet Philanthropine für die Alten auf; die für die Iungen nuzzen nichts: – Was wollen Emil' unter Yahoos? – – – –" Seit. 214. 215. 216. 217. 218. 219. 220. 221. 222. 223. 224. 225. 226. 227. 228. 229. 230. 231. 232. 233.

 

[Ib-07-1780-0076]
3) Erinnerung über die Experiment' in der Physik.

 

[Ib-07-1780-0077]
"Wenn man Versuche brauchen wil, physische Hypothesen zu bestätigen oder zu entkräften, so mus man daran denken, daß bei iedem Versuch' in Kleinigkeiten gefehlt wird, folglich mus man prüfen, ob aus dem Versuche mit dem möglichen Fehler betrachtet, noch eben das folge, was man aus ihm schliessen darf, wenn man ihn ohn' alle Fehler annimt. –" Seit. 553.

 

[Manuskriptseite 28.]

[Ib-07-1780-0078]
4) 'Was Metaphysisches vom Zustande der Dinge.

 

[Ib-07-1780-0079]
"Der Zu gegenwärtige Zustand ieder veränderlichen Sach' ist volkommen bestimt, und vom nächsten, in den sie kömt, durch scharf bezeichnete Gränzen abgesondert. Die wahre Welt ist ganz was anders, als was die scheinbare uns vorstelt, das würd' ich für gewis halten, wenn ich auch die Leibnizische Monadologie nicht glaubte, die doch meines Erachtens nur iener unwidersprechliche Saz, etwas stärker und volständiger ausdrukt. Aber diese Stufen, so richtig abgeschnitten sie in der wahren Welt sein mögen, ziehen sich für uns, die wir nur die scheinbare kennen, allemal in einen ununterbrochen fortgehenden Abhang zusammen.

 

[Ib-07-1780-0080]
Wenn iemand einige dieser Stuffen unserm Verstand' überzeugend darstelte, wenn er uns aus dem Reiche der Erscheinungen, das wir bewohnen, Blikk' in's Reich der Wahrheit zu thun lehrte, so wär' er etwas mehr als Newton und Leibniz zusammen. – – –" Seit. 558. 559.

 

[Ib-07-1780-0081]
V.

 

[Ib-07-1780-0082]
Klopstok. (In Fragmenten aus Briefen von Tellow an Elisa.) Fortsezzung.

 

[Ib-07-1780-0083]
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Hamburg, in der Herold'schen Buchhandlung 1778.

 

[Ib-07-1780-0084]
1) Wie Klopstok dichtet!

 

[Ib-07-1780-0085]
"Welche eigne Farb' und Ton des Ausdruks ruhet auf ieglichem klopstokk'schen Stükke, die sich von der ganzen Mensur, Haltung und Beäugung des Gegenstandes bis auf den kleinsten Zug, Läng' und Kürze des Perioden, Wahl des Sylbenmasses, beinahe bis auf ieden härtern oder leisern Buchstab, auf iedes O und Ach erstrekken. Mir dünkt, daß hier in diese Gedichte so etwas Eigenes, Ursprüngliches und Eingegeistetes haben, daß so wie die Natur iedem Kraut, Gewächs' und Thier seine Gestalt, Sin und Art gegeben, die individuel ist und eigentlich nicht verglichen werden kan: so schwimt auch ein

 

[Manuskriptseite 30.]

andrer Duft und webt ein andrer Geist der Art und Leidenschaft in iedem individuellen Stükke des Verfassers. Die Oden an Fanny (er hat nur Eine derselben behalten,) sind ganz andre als die an Cidli. – – –" Seit. 231. 232.

 

[Ib-07-1780-0086]
2) Wie man die Dinge so stellen mus, daß sie rühren – überraschen! –

 

[Ib-07-1780-0087]
"Es giebt eine gewisse Ordnung des Plans, wo die Kunst in ihrem geheimsten Hinterhalte verdekt ist, und desto mächtiger wirkt, ie verborgener sie ist. Ich meine die Verbindung und die abgemesne Abwechslung derienigen Szenen, wo in dieser, Einbildungskraft, in iener, die weniger eingekleidete Wahrheit, und in einer andern, die Leidenschaft vorzüglich herschen: wo sie, diese Szenen, einander vorbereiten, unterstüzzen und erhöhn; wie sie dem Ganzen eine grösre, unangemerkte, aber gewis gefühlte Harmonie geben. Wir wollen annehmen, daß sich ein Poët vorgesezt habe, in einer gewissen wichtigen Stell' unser Herz in sehr hohem Grade zu bewegen. Vielleicht würd' er unvermerkt auf folgende Art verfahren. Vielleicht würd' er sich auch den Entwurf gemacht haben, es zu thun (denn Urtheil blikt seine

 

[Manuskriptseite 31.]

Mus' und kent den Flug): Hier das Herz mit dieser Stärke zu bewegen, sagt er zu sich selbst, mus ich immer und so steigen, daß ieder meiner vorhergehenden Schritte Vorbereitung sei. Diesen stummen, erstaunungsvollen Schmerz wil ich hervorbringen! Ich mus meine Hörer nach und nach mit wehmütigen Bildern umgeben. Ich mus sie vorher an gewisse Wahrheiten erinnern, die ihre Seelen für diesen lezten grossen Eindruk aufschliessen! Wenn sie eine Weile bei Gräbern, die noch mit Blumen bedekt waren, vorbeigegangen sind, dann sollen sie, noch schnel genug an die tiefe todtenvolle Gruft kommen. Führt' ich sie auf einmal dahin, so würden sie mehr betäubt werden, als fühlen. –" Seit. 316. 317.

 

[Ib-07-1780-0088]
3) Von der Apokalypsis.

 

[Ib-07-1780-0089]
"Sie ist ein für die damaligen Zeiten sehr vortrefliches Gedicht, in Iohannis Namen von einem christlichen Poëten, dessen Einbildungskraft ganz mit prophetischen Bildern des A. T. genährt war; die Gegenstände sind aus den ersten Zeiten der christl. Kirche; Babylon und alle diese Allegorien weiter, die Iuden; nachherige Besingung des Fals dieses Staats, verstekte Wink' an die Christen, Bestrafungen, (epische Satyre, wenn Sie wollen) einzelner Gemeinen, wegen ihrer Laster, oder Lob ihrer Tugenden, Anspielungen auf gewisse Verbindungen der ersten Christen mit Rom......." Seit. 403.

 

[Manuskriptseite 32.]

[Ib-07-1780-0090]
VI.

 

[Ib-07-1780-0091]
Brelokken an's Allerlei der Gros= und Kleinmänner. Leipzig, zu finden in der Dykischen Buchhandlung, 1778.

 

[Ib-07-1780-0092]
1) Moralisches Gedankengemische.

 

[Ib-07-1780-0093]
"Wenn du wirken wilst, wirke vom Mittelpunkt des häuslichen Lebens auf deinen bürgerlichen Kreis, und dan erst weiters! Umgekehrt gliche dein Wirken der Kometenbahn: furchtbar und glänzend für Menschenaug', aber unbedeutend für Menschenglük. –

 

[Ib-07-1780-0094]
Unthätigkeit ist sitlicher Tod. Stolz, der wirkt, ist besser, als Demuth, die schläft. In Menscheneinengung liegt Mittel zum Besingen des Erstern; er gewint im Steigen und Fallen: die andre lebt ein Pflanzenleben, ruhig hinwelkend, wenn Liebe sie nicht entflamt. –" Seit. 9.

 

[Ib-07-1780-0095]
"Iedem seinen Gang! Führbänder sind Ketten für Geist und Herz! – Aber der Iüngling fält? - desto besser. Aus seinem Straucheln lernt er Vorsicht auf die Zukunft – oder er lernt sie nicht; im ersten Falle wird er Man durch sich selbst; im zweiten sind deine Regeln und dein Gängelwagen blinde Führer der Einäugigen, Irwisch' im Sumpf. –" Seit. 12. 13.

 

[Manuskriptseite 33.]

[Ib-07-1780-0096]
"Wie! verdient der Lügner aus Neid, Mitleiden? – der Neid ist Gelbsucht der Seel', oder Krankheit der Einbildung; und warum, und wie also den strafen, der davon angestekt ist? – Der Schwindsüchtige, mit all' seiner störrischen Laune, findet Bedauren und verdient's; und dem Neider soltest du's versagen, der dir nichts raubt, nichts entzieht, und seinen innern Frieden in seiner Krankheit aufzehrt? –" Seit. 16.

 

[Ib-07-1780-0097]
"Last Eltern und Brüder und Weib und Kinder und Vaterland? – was bedarfst du denn der weiten Welt zu deinem Wirkungskreis? – Christus, dessen Plan Ewigkeiten umfaste, durchlief einen engen Zirkel, wirkt' erst auf zwölfe, dann auf siebenzig, dan auf tausend und durch diese auf alle Nazionen; und ruhte doch Gotteskraft und Füll' über seinen Thaten, und du? – wenn da nur Menschenliebe nicht leerer Schal ist für dein Herz, und Stolz die Triebfeder deines Ausbreitens. –" Seit. 18.

 

[Ib-07-1780-0098]
"Leiden sind für die Seele das, was Ungewitter für die Luft; sie entlasten von pestbrütenden Dünsten, und entreissen beider Federkraft dem Druk und der Erschlaffung." Seit. 20.

 

[Ib-07-1780-0099]
3) 's Gut' und 's Bös' ist relativ.

 

[Ib-07-1780-0100]
"Im unermeslichen Al giebt's ausser dem Schöpfer keine positive Schönheit und keinen positiven

 

[Manuskriptseite 34.]

Werth. Alles ohn' Unterschied ist relativ, und die Wirkung ieder Sach' ist gut und gleichgültig und böse, ie nach Abänderung des Standpunkts und des Kreises: – Altagszeug! – Mag's doch, wenn's nur ein Wort ist zu seiner Zeit, und, angewandt auf unser schriftstellerisches Iahrhundert, Warnung für Richter und Autoren! – –

 

[Ib-07-1780-0101]
Dies ist so wahr, daß selbst das N. T. mit all seiner Glorie und Herlichkeit, auf schiefem Standpunkt oder in verengtem Kreise menschlichen Geists, wenig Gutes, oft Böses , oft gar nichts wirkt! Pabst Hildebrand und die Kreuzzüge; Konstantin und seine Hofstaat; das Evangelium unter den Karaiben – wer nach diesen Epochen auf den Werth des N. T. zurükschliessen wolt' und dürfte, müste der nicht an der Dauer und Meng' und Güte seiner Wirkungen zweifeln? – Ich erkläre mich! – das Evangelium ist nicht sinliche Religion wie der Iudaismus; sein Einflus beruht auf vorläufigen Kentnissen; auf dem Durst nach Erleuchtung; auf Erhellung der Vernunft; Allein und ohne Mithülfe kan's folglich nicht wirken; den Hottentot must du gesittet machen, bevor er Gefühl

 

[Manuskriptseite 35.]

für Christenthum erhält. Wilst du also den Werth des N. T. richtig bestimmen und den Einflus seines Wirkens auf Menschen Herz und Geist beurtheilen; so suchst du den Kreis, in dem es wirken konte; wo alle Beziehungen da waren, die hineingehörten, und in welchem solche Geschöpfe sich bewegten, die Vorbereitung zur Empfänglichkeit seines Einflusses empfangen hatten. – Und wenn so mit'm Evangelium, warum nicht mit allen Büchern? –

 

[Ib-07-1780-0102]
Iedes Buch – mit gutem Zwek geschrieben – mus mithin relativ gut sein; insofern's nämlich in dem Kreise wirkt, und auf dem Standpunkt leuchtet, der des Verfassers Ziel war! - ist's Allein Pflicht' ist es für diesen, seine Absicht und seinen Kreis deutlich, bestimt und genau anzugeben, damit Niemand sich betrieg' und Er etwas Bessers nicht verdräng' oder treffenderm Licht im Wege stehe! – Genug wär's indessen nicht, auszuruffen: "für dich hab' ich nicht geschrieben!", must bestimmen, wen du ausschliessest, und wie und warum und zu welchem Zwek. – –" Seit. 47. 48.

 

[Ib-07-1780-0103]
3) Von Imaginazion.

 

[Ib-07-1780-0104]
"Sie ist nichts anders als wiederholte Sensazion;

 

[Manuskriptseite 36.]

aber gerade deswegen allemal täuschend, wenn sie sich selbst überlassen wird. – Um nicht zu rügen, wie selten die ersten Sensazionen richtig und wahr sind, wie oft der Standpunkt von aussen und die Empfänglichkeit von innen sie einengen, ausdehnen, abändern, verpfuschen und verfälschen, wie sie, ie nach dem Subiekt, tiefer dringen oder nur oben über wegschweben und mithin, auch bei treuer Wiederholung, immer nur individuelle Wahrheit haben können – um al das nicht zu rügen, frag' ich nur: kan die Imaginazion treu wiederholen? – – Eine Sensazion, welcher Art und Höh' und Tiefe sie auch sei, schwindet in dunkle Vorstellung, wenn sie nicht in die vorgegangenen sich einkettet, oder mit den nachfolgenden zusammenhängt; dies ist Thatsache! Wird sie aber zur dunkeln Vorstellung, so kan sie unmöglich getreu wiederholt werden; sie nüanzirt sich anders und anders, sie verliert von ihren unterscheidenden Kenzeichen, sie wird unbestimt, und wenn sie sich auch noch darstellen läst, so ist's en bloc, ohne bestimten Umris, ohne Rundung und lebenden Ausdruk; daher das Schwankende, das Algemeine so vieler Dichterlinge! – Kettet sie sich in die vorgegangnen Sensazionen ein, oder webt sie sich in die nachfolgenden; so kan's nicht

 

[Manuskriptseite 37.]

fehlen, sie mus und wird durch diese und iene, mehr oder weniger, modifizirt werden und von ihrem Eigenthümlichen verlieren; ihre treue Wiederholung wird unmöglich, das Bild, das sie darstellen sol, ist nicht karakterisirender Ausdruk des Obiekts, sondern des Subiekts; es zeigt nicht mehr die Sache, wie sie an sich selbst ist, es bezeichnet sie nur, wie der andre sie iezt ansieht, und nicht, wie er sie wirklich empfunden hatte, und so wird auch's Bild, das der Sache näher und ähnlicher sein solte, als bilderlose Symbolik, zum individuel-wilkürlichen Zeichen, das desto schwankender sein mus, da's sich mehr von den abgezognen, alanerkanten Zeichen entfernt. –" Seit. 147. 148.

 

[Ib-07-1780-0105]
VII.

 

[Ib-07-1780-0106]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ib-07-1780-0107]
1) Wie wir vergleichen?

 

[Ib-07-1780-0108]
"Helvezius sagt: wenn wir Urtheil' über die Beziehungen der Dinge fällen, so betrachten wir nur die Gegenständ' eins um's andre, und geben auf die verschiednen Eindrükk' acht, welche sie auf uns machen; d. h. wir vergleichen sie; und wenn wir die verschiednen Eindrükke an den Tag legen, so nennen wir diese

 

[Manuskriptseite 38.]

Handlung urtheilen. – Allein diese Meinung des Helvezius ist falsch. Denn aus der blossen alternativen Betrachtung der Gegenstände werden wir in Ewigkeit keinen Begrif vom Verhältnis erlangen, worin dieselben untereinander stehen. In einer Seele, welche nichts, als eine blosse Empfindungskraft hat, kan aus dieser wechselseitigen Betrachtung auch weiter nichts, als eine sukzessive Vorstellung oder Empfindung dieser verschiednen Gegenständ' entstehen; wie's der Fal bei den Thieren ist. Wenn z. E. ein blos empfindendes Wesen erst einen Beutel vol Federn, dan einen Beutel vol Getraid' und dan einen Beutel vol Blei aufhöbe, so würd' in seiner Seele weiter nichts als eine Reihe einzelner Empfindungen, einzelner Vorstellungen vom Eindrukke den der erste, der andre, und der dritte Beutel auf seine Nerven gemacht habe, anzutreffen sein; das heist, es würde blos die Beziehungen dieser einzelnen Gegenständ' auf sich nach einander denken; aber sich noch nicht der Verhältnisse der Schwere bewust sein, worin diese Gegenständ' unter einander stehen. Die Vorstellung vom leztern kan erst alsdan entstehen, wenn

 

[Manuskriptseite 39.]

die Seele die Vorstellungen von den Beziehungen erstern zusammenhält und mit einander vergleicht. Folglich ist die Vorstellung von den Verhältnissen der Ding' unter einander eine Folgerung der Seele, welche sie aus der Vergleichung der Vorstellungen von den Beziehungen, welche die einzelnen Gegenständ' auf sie geäussert haben, gezogen hat; – also nicht selbst eine Empfindung, sondern eine aus Empfindungen gezogne und gefolgerte Vorstellung. –" Seit. 236. 237.

 

[Ib-07-1780-0109]
2) Von der Wirkung der Seel' auf den Körper und umgekehrt.

 

[Ib-07-1780-0110]
"Wenn in der Seele eine Empfindung entstehen sol, so mus ein Eindruk in die Nerven vorhergehen, der bis zum Sensorium fortgepflanzt wird, und daselbst eine Veränderung macht, welche in der denkenden Kraft eine Vorstellung erregt, die Empfindung ist. Wir wollen diese Veränderung im Sensorium die körperliche (materielle) Empfindung nennen. Iede Vorstellung der Seele wirkt in's Sensorium zurük, und erregt darin eine Verändrung, die man die materielle Vorstellung nennen kan. Also wirkt auch iede in der Seel' hervorge

 

[Manuskriptseite 40.]

brachte Empfindung in's Sensorium zurük und macht darin eine Veränderung, die die materielle Empfindung ist. Nun hat aber schon vorher der sinliche Eindruk in die Nerven im Sensorium eben diese materielle Empfindung hervorgebracht, denn dadurch muste die Seele die Empfindung erhalten, und also mus man die materielle Empfindung im Sensorium als die doppelte Wirkung zweier Kräfte, nämlich als die Wirkung des sinlichen Eindruks in die Nerven, und als die Gegenwirkung der Empfindung der Seele betrachten. Bei freien Vorstellungen hingegen ist die materielle Idee im Sensorium nicht vorher durch einen Eindruk in die Nerven zugleich hervorgebracht worden, sondern sie ist blos die Gegenwirkung der Vorstellung der Seele.

 

[Ib-07-1780-0111]
Nun ist zu erwägen, daß iede materielle Vorstellung im Sensorium durch die Nerven Bewegungen im Körper hervorbringen kan, und also eine bewegende Kraft wird. Diese Bewegungen sind Wirkungen der Seel' im Körper. Demnach wirken die freien Vorstellungen ihre Bewegungen im Körper durch solche Veränderungen im Sensorium, (durch solche materielle Ideen,) die ihm die denkende Kraft allein eingedrükt hat: hingegen die Empfindungen

 

[Manuskriptseite 41.]

der Seele wirken ihre Bewegungen im Körper durch solche Verändrungen im Sensorium (durch solche körperliche Empfindungen) die ihm zugleich schon vorher ein sinlicher Eindruk in die Nerven beigebracht hatte. Diese Wirkungen der Empfindungen im Körper sind also als der Erfolg einer materiellen Idee im Sensorium anzusehen, die ihm von beiden Ursachen zugleich eingedrükt war.

 

[Ib-07-1780-0112]
Aus physiologischen Versuchen ist erweislich, daß die materielle Empfindung im Sensorium eben dieselbe bewegende Kraft bleibe, und eben dieselben Bewegungen im Körper wirke, sie mag nun von beiden Ursachen zugleich, wie gewöhnlich, oder nur von einer derselben allein hervorgebracht worden sein. Der Unterschied in beiden Fällen besteht blos darin, daß die Bewegungen im Körper, einzeln und für sich betrachtet, schwächer und unvolständiger sind, wenn sie nur von einer, als wenn sie von beiden Ursachen zugleich entstehen; wenn man aber Mehrere im Zusammenhang betrachtet, so hängen sie mehr nach psychologischen Gesezzen zusammen, wenn sie von beiden zugleich, als wenn sie nur von den sinlichen Eindrükken in die Nerven allein gewirkt werden. Wenn die Einbildungskraft oder Vorhersehung der Seel' eine gewisse Empfindung nachschaft, so ist das in der Seel' eine Empfindung, die nicht durch einen sinlichen

 

[Manuskriptseite 42.]

Eindruk in die Nerven, sondern blos durch die Vorstellungskraft allein hervorgebracht ist. Die materielle Idee, welche diese Vorstellung dem Sensorium eindrükt, ist eine materielle Empfindung, aber ohne Mitwirkung eines sinlichen Eindruks in die Nerven; sie bringt im Körper eben dieselben Bewegungen hervor, als ob ein sinlicher Eindruk in die Nerven eben diese blos eingebildete oder vorhergesehene Empfindung in die Seele gebracht hätte, und daher sind die Wirkungen der Einbildungskraft und Vorhersehungen eben dieselben im Körper, wie die von den Empfindungen, auf welche sie sich beziehen, aber nur schwächer und unvolständiger, als wenn's wahre Empfindungen von einem sinlichen Eindrukk' in die Nerven wären.

 

[Ib-07-1780-0113]
Eben so würden wir auch finden, daß die materielle Empfindung von einem Eindrukk' in die Nerven, wenn sie gleich in der Seele keine Empfindungen wirkte, dennoch dieselben Bewegungen im Körper erregen würde, als ob die Seele den Eindruk wirklich empfunden hätte: wenn nur nicht nach dem ewigen Gesezze der Natur die Seel' alzeit empfände, so bald im Sensorium von einem Eindrukk' in die Nerven eine materielle Empfindung entsteht. Man kan

 

[Manuskriptseite 43.]

aber den Beweis auf andre Art führen. – Die sinlichen Eindrükk' in die Nerven, die zum Sensorium aufsteigen und darin die materielle Empfindung wirken, werden im Sensorium gleichsam umgewendet, indem sie von da an wieder in die Nerven zurükgehen und die Theile, in die sich die Nerven verbreiten, in Bewegung sezzen. Nun hat aber das Sensorium nicht allein diese Kraft, die in den Nerven zu ihm aufsteigenden Eindrükke zurük durch die Nerven in die Glieder zu senden; sondern auch das Rükkenmark und ieder Ort im Nervensystem, wo sich Nervenstämm' in Zweige vertheilen, oder etwa mit andern in Knoten verwikkeln, senden die aufsteigenden Eindrükk' eben so durch die Nerven abwärts zurük, wie's das Sensorium thut. Dieser Umstand kan's uns beweisen, daß auch die sinlichen Eindrükk' allein eben dieienigen Bewegungen im Körper hervorbringen, welche sie wirken würden, wenn sie im Sensorium die materielle Idee, und in der Seele die Empfindung wirklich hervorgebracht hätten. – So wie's nun mit den Empfindungen ist, so ist's auch mit allen ganz sinlichen Vorstellungen und Begierden, die erst durch sinliche Eindrükk' in die Nerven eine materielle Idee im Sensorium erwekken müssen, ehe die Seele sich sie denken kan. –" Seit. 271. 272. 273. 274.

 

[Manuskriptseite 44.]

[Ib-07-1780-0114]
VIII.

 

[Ib-07-1780-0115]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ib-07-1780-0116]
1) Vom Fortgang vom Einzelnen auf's Algemeine.

 

[Ib-07-1780-0117]
"In ieder einzelnen Wahrnehmung liegt ein algemeiner Saz. Aus einzelnen Säzzen algemeine, und aus minder algemeinen algemeinere richtig zu machen, ist die Bestimmung des Verstandes und die Quelle der Wissenschaft. Alles was in diesem oder in ienem einzelnen Falle wahr ist, ist in allen Fällen unter denselben Bedingnissen wahr. Es scheinet daher die wesentlichste Übung des Verstandes bei dem Unterrichte zu sein, von den einzelnen Dingen zu den Arten, von den Arten zu den niedersten Gattungen, und von diesen bis zur höchsten stuffenweis' hinaufzusteigen. Auch in der Sittenlehre ist's möglich, sich also von den Gesezzen, welche die einfachsten Verhältnisse bestimmen, zu denienigen zu erheben, welche die Pflichten gegen das ganze

 

[Manuskriptseite 45.]

menschliche Geschlecht umfassen. Dieses scheinet der gröste Vorzug der mathematischen Erkentnisse zu sein, daß da alle Belehrung zugleich individuel und algemein ist. Dadurch mus nothwendig der höchste Grad der Evidenz und der Gewisheit erzeugt werden; und durch diesen Vortheil auf den Unterricht in den andern Theilen der Gelehrsamkeit leuchtend und fruchtbar zu machen, würd' ein unendliches Verdienst um's menschliche Geschlecht sein. –" Seit. 94. 95.

 

[Ib-07-1780-0118]
VIIII.

 

[Ib-07-1780-0119]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1779.

 

[Ib-07-1780-0120]
1) Iesus lehrt uns nicht, daß er für uns genug gethan habe, sondern das Gegentheil.

 

[Ib-07-1780-0121]
"Iesus sagt nicht allein niemals, daß er sein Leiden und seinen Tod, stat der Menschen, und als eine von ihnen verdiente Straf' übernommen habe, sondern er scheinet gerade das Gegentheil zu behaupten, wenn er bei mehr als einer Gelegenheit seinen Iüngern ankündigt, daß sie zu eben den Leiden, die er erdulden müsse,

 

[Manuskriptseite 46.]

berufen wären, daß sie den Kelch, den er trinke, trinken würden, daß sie ihr Kreuz auf sich nehmen müsten und nicht hoffen dürften, ein besseres Schiksal zu nehmen haben, als er ihr Herr und Meister haben würde. Wie kont' er dies sagen, wenn er zugleich behauptete, er litte sein eignes hartes Schiksaal an ihrer Stat, d. i. mit der Absicht und dem Erfolge, daß sie nun nicht dasselbe Schiksaal leiden dürften? Denn was heist's sonst eine Straf' an Stat des Schuldigen übernehmen, oder die Schuld eines andern bezahlen, als ihn durch die Übernehmung der Straf' und Erlegung der Schuld von der eignen Bestrafung und Bezahlung befreien? – Man wird hingegen einwenden, daß Iesus auch den ewigen Tod oder unendliche Höllenstrafen gelitten habe, in der Absicht, seine Iünger davon zu befreien. Allein was man auch für dieses Vorgeben anführen mag, so findet man in eignen Äusserungen Iesu wenigstens nicht den geringsten Grund oder Beweis für dasselbe. Iesus sagt nirgends: ich werd' an eurer Stat ewige Höllenstrafen leiden, vermöge der mit mir vereinigten götlichen Natur, Strafen, die ihr als endliche Geschöpfe nicht leiden könnet, ohne zu vergehen oder ewig verloren zu sein,

 

[Manuskriptseite 47.]

ich aber in kurzer Zeit überstehen kan, weil ich, der unendliche Gott selbst, diese Strafen in einem unendlich hohen Grade leiden und durch die Unendlichkeit der Intension den Abgang der ewigen Dauer ersezzen kan. – Anstat diese Subtilitäten der Schultheologie vorzutragen, sagt er mit deutlichen Worten zu seinen Iüngern: ihr solt den Kelch trinken, den ich trinke, ihr solt mit der Taufe getauft werden, womit ich getauft werde Mark. 10. Und wenn er sein leztes Leiden vorher verkündigt, thut er der ewigen Höllenstrafen, die er stat der Menschen erdulden solte, mit keiner Sylb' Erwähnung, sondern sagt blos: des Menschen Sohn wird überantwortet werden den Leiden, u. s. w. –" Seit. 355. 356.

 

[Ib-07-1780-0122]
X.

 

[Ib-07-1780-0123]
Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen.

 

[Ib-07-1780-0124]

Introite, nam et heic dii sunt!

 

[Ib-07-1780-0125]
Apud Gellium.

 

[Ib-07-1780-0126]

Von Gotthold Ephraim Lessing. Berlin, bei Christian Friedr. Vos und Sohn, 1779.

 

[Ib-07-1780-0127]
1)

 

[Ib-07-1780-0128]
Die Religion – in einem Geschichtgen.
"Vor grauen Iahren lebt' ein Man im Osten,

 

[Manuskriptseite 48.]

Der einen Ring von unschätzbarem Werth'
aus lieber Hand besas. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
und hatte die geheime Kraft, vor Gott
und Menschen angenehm zu machen, wer
in dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
daß ihn der Man von Osten darum nie
vom Finger lies; und die Verfügung traf,
auf ewig ihn bei seinem Hause zu
erhalten? Nämlich so. Er lies den Ring
von seinen Söhnen dem Geliebtesten;
und setzte fest, daß dieser wiederum
den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
der ihm der liebste sei; und stets der Liebste,
ohn' Anseh'n der Geburt, in Kraft allein
des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde. –
So kam nun dieser Ring von Sohn zu Sohn,
auf einen Vater von drei Söhnen;
die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
die alle drei er folglich gleich zu lieben
sich nicht entbrechen konte. Nur von Zeit
zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
der dritte, – so wie ieder sich mit ihm

 

[Manuskriptseite 49.]

allein befand, und sein ergiessend Herz
die andern zwei nicht theilten, – würdiger
des Ringes; den er denn auch einem ieden
die fromme Schwachheit hatte zu versprechen.
Dies gieng' nun so, so lang' es gieng'. – Allein
es kam zum Sterben, und der gute Vater
kömt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort'
verlassen, so zu kränken. – Was zu thun? –
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
zwei andere bestelt, und weder Kosten
noch Mühe sparen heist, sie ienem gleich,
volkommen gleich zu machen. Das gelingt
dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
kan selbst der Vater seinen Ring Musterring
nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
er seine Söhne, ieden in's Besondre;
giebt iedem in's besondre seinen Seegen, –
und seinen Ring, – und stirbt. – – *
– – – – Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ia von selbst. –

 

[Manuskriptseite 50.]

Kaum war der Vater todt, so kömt ein ieder
mit seinem Ring', und ieder wil der Fürst
des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
erweislich; –
(Nach einer Paus', in welcher Nathan des Sultans Antwort erwartet)
fast so unerweislich, als
Uns iezt – der rechte Glaube.
Saladin. Wie? das sol
die Antwort sein auf meine Frage? ...
Nathan. Sol
mich blos entschuldigen, wenn ich die Ringe,
mir nicht getrau zu unterscheiden, die
der Vater in der Absicht machen lies,
damit sie nicht zu unterscheiden wären.
Saladin. Die Ringe! – Spiele nicht mit mir! – Ich dächte,
daß die Religionen, die ich dir
genant, doch wol zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung; bis auf Speis und Trank!

 

[Manuskriptseite 51.]

Nathan. Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. –
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! – Und
Geschichte mus doch wol allein auf Treu'
und Glauben angenommen werden? – Nicht? –
Nun wessen Treu' und Glauben zieht man denn
am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
getäuscht zu werden, uns heilsamer war? –
Wie kan ich meinen Vätern weniger,
als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. –
Kan ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht? –
– – – – – Las auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
verklagten sich; und ieder schwur dem Richter,
unmittelbar aus seines Vaters Hand
den Ring zu haben. – Wie auch wahr! – Nachdem
er von ihm lange das Versprechen schon

 

[Manuskriptseite 52.]

gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
geniessen. – Wie nicht minder wahr! – Der Vater,
betheu'rte ieder, könne gegen ihn
nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
von ihm, von einem solchen lieben Vater,
argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
so gern er sonst von ihnen nur das Beste
bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
bezeihen; und er wolle die Verräther
schon auszufinden wissen; sich schon rächen. – –
Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater
nicht bald zur Stelle schaft, so weis' ich euch
von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Räthsel
zu lösen da bin? Oder harret ihr,
bis daß der rechte Ring den Mund eröfne? –
Doch halt! Ich höre ia, der rechte Ring
besizt die Wunderkraft beliebt zu machen;
vor Gott und Menschen angenehm. Das mus
entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
doch das nicht können! – Nun; wen lieben zwei
von euch am meisten? – Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurük? und nicht
nach aussen? Ieder liebt sich selber nur
am meisten? – O so seid ihr alle drei
betrogene Betrüger! Eure Ringe
sind alle drei nicht ächt – der ächte Ring
vermuthlich gieng verloren. Den Verlust

 

[Manuskriptseite 53.]

zu bergen, zu ersezzen, lies der Vater
die drei für einen machen. –
Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr
nicht meinen Rath, stat meines Spruches, wolt:
Geht nur! – Mein Rath ist aber der: ihr nehmt
die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
euch ieder seinen Ring von seinem Vater:
so glaube ieder sicher seinen Ring
den ächten. – Möglich; daß der Vater nun
die Tyrannei des Einen Rings nicht länger
in seinem Hause dulden wollen! – Und gewis;
daß er euch alle drei geliebt, und gleich geli
geliebt: indem er zwei nicht drükken mögen,
um Einen zu begünstigen. – Wolan!
Es eifre ieder seiner unbestochnen
von Vorurtheilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch ieder um die Wette,
die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmuth,
mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun,
mit innigster Ergebenheit in Gott,
zu Hülf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
bei euren Kindes=Kindeskindern äussern:
So lad' ich über tausend tausend Iahre,
sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
ein weisrer Man auf diesem Stuhle sizzen,
als ich; und sprechen. Geht! – So sagte der
bescheidne Richter. –"

Seit. 120. 121. 122. 123. 124. 125. 126. 127.

 

[Manuskriptseite 54.]

[Ib-07-1780-0129]
XI.

 

[Ib-07-1780-0130]
Betrachtung über die Natur vom Herrn Karl Bonnet, Mitgliede der römisch-kaiserl. Geselschaft der Naturforscher, und der Akademien und Geselschaften der Wissenschaften zu Petersburg, London, Stokholm, Lion, München und Bologna; wie auch Korrespondenten der königl. Akademie der Wissenschaften zu Paris, und der königl. Geselschaft zu Montpellier und Göttingen. Leipzig, bei Iohann Friedrich Iunius, 1766.

 

[Ib-07-1780-0131]
1) Von der Weite der Planeten.

 

[Ib-07-1780-0132]
"Fast alle Planeten sind in der Proporzion von einander entfernt, wie ihre körperliche Grössen zunehmen. Gebt der Distanz von der Sonne bis zum Saturn 100 Theile, so ist der Merkur 4 solcher Theile von der Sonn' entfernt: Venus 4+3=7 derselben; die Erde 4+6=10; Mars 4+12=16. Aber seht, vom Mars bis zum Iupiter kömt eine Abweichung von dieser so genauen Progression vor. Vom Mars folgt ein Raum von 4+24=28 solcher Theile, darin weder ein Haupt= noch ein Nebenplanete zur Zeit gesehen wird. Und der Bauher solte diesen Raum ledig gelassen haben? Nimmermehr! last uns zuversichtlich sezzen, daß dieser Raum ohne Zweifel den bisher noch unentdekten Trabanten des Mars

 

[Manuskriptseite 55.]

zugehöre; last uns hinzuthun, daß vielleicht auch der Iupiter noch etliche um sich habe, die bis iezt noch mit keinem Glase gesehen werden. Von diesem uns unbekanten Raum' erhebt sich Iupiters Wirkungskreis in 4+48=52; und Saturnus seiner, in 4+96=100 solcher Theile. Welches bewunderungswürdige Verhältnis! –" Seit. 7. 8.

 

[Ib-07-1780-0133]
2) Algemeine Verbindung in der Welt.

 

[Ib-07-1780-0134]
"Eine Idee trägt zur Zusammensezzung der Idealwelt bei, wie ein Stäubgen zur Zusammensezzung der materiellen. Wäre diese Idee, oder dieses Stäubgen weggeblieben, so würd' eine andre Ordnung von Dingen entstanden sein, welche andre Verbindungen erfordert hätte, und, stat des gegenwärtigen Systems, wär' ein ganz anders zum Vorschein gekommen. Denn diese Idee, und dieses Stäubgen beziehen sich auf andre Ideen, auf andre Stäubgen, und vermittelst dieser auf weit beträchtlichere Theile des Ganzen. – Der höchste Verstand hat alle Theile seines Systems so genau verbunden, daß keines darunter vorkömt, welches nicht ein Verhältnis auf's ganze System hat. Ein Schwam, eine Käsemilbe kam eben so wesentlich hinein, als die Zeder und der Elephant. Daher sind diese kleinen Werke der Natur, welche die Menschen ohne Nachdenken für unnüz halten, nicht etwa Staubkörner auf den Rädern der Weltmaschine; sie sind selbst kleine Räder, die in die grössern eingreifen.

 

[Manuskriptseite 56.]

[Ib-07-1780-0135]
Die verschiednen, zu ieglicher Welt gehörigen, Wesen, können demnach als so viele besondre System' angesehen werden, die durch verschiedne Verhältnisse mit einem Hauptsystem verbunden sind. Dieses Hauptsystem ist wiederum mit andern weitläuftigern Systemen verknüpft, deren Inbegrif zulezt das algemeine System ausmacht. Folglich ist nichts allein, und ausser Verbindung. Iegliches Ding hat seine ihm eigne Wirkung, deren Sphäre durch die Ordnung bestimt worden ist, welche das Ding in der Welt haben solte. Eine Milb' ist ein sehr kleines bewegliches Geschöpf, welches sich auf andre bewegliche Dinge bezieht, die schon auf grössere Distanzen wirken. Die Wirkungskreise nehmen solchergestalt nach und nach zu, und diese wundersame Progression erhebt sich stuffenweise vom Wirbel des Bernsteinstükkes, zum Sonnenwirbel, von der Sphäre der Milbe, bis zur Sphäre des Engels. –" Seit. 18. 19. 20.

 

[Ib-07-1780-0136]
3) Von der Stuffenfolge der Dinge.

 

[Ib-07-1780-0137]
"Wesen, von höhern Einsichten, entdekken vielleicht an zwei einzelnen Dingen, die wir zu einerlei Art rechnen, mehr Mannichfaltigkeiten, als wir an zwei einzelnen Dingen von sehr entfernten Geschlechten wahrnehmen.

 

[Ib-07-1780-0138]
Diese Wesen erblikken daher in der Stufenleiter

 

[Manuskriptseite 57.]

unsrer Welt, so viele Sprossen, als es darinnen einzelne Dinge giebt. Eben so ist's mit der Stuffenleiter einer ieglichen Welt beschaffen; und alle machen nur eine einzige Reih' aus, deren erstes Glied der Atom, das lezte aber der erhabenste Cherub ist. – –" Seit. 30.

 

[Ib-07-1780-0139]
4) Stufenfolge der Menschlichkeit.

 

[Ib-07-1780-0140]
"Die Menschen gehen durch Stuffen nach hin einander hinauf. Auf den Lapländischen Zwerg last den Riesen in Madagaskar folgen. An die Stelle des Afrikaners mit plattem Gesichte, schwarzer Farb' und wolligtem Haare, last den Europäer folgen, dessen regelmässige Gesichtszüge noch durch die Weisse der Haut, und die Schönheit der Haar' erhoben werden. Der Unreinigkeit des Hottentotten sezt die Reinigkeit des Holländers entgegen, Vom grausamen Menschenfresser geht geschwinde zum menschlichen Franzosen. Stelt den dummen Huron gegen den tiefsinnigen Engländer. Steigt vom schottischen Bauer zum grossen Neuton herauf, und von der Harmonie des Rameau zu den Feldgesängen des Schäfers herunter. Vergleicht den Schlösser, der einen Bratenwender macht, mit dem Vaukanson, der seine Automata schaft. Zählt einmal, wie viel Stufen vom Schmiedeknechte, unter dessen Hammer das Ambos seufzet, bis zum Reaumür sind, der's Eisen anatomirt. –" Seit. 77.

 

[Manuskriptseite 58.]

[Ib-07-1780-0141]
5) Wenn wir alle, in dieser Welt daseiende, Sinne hätten, wie weit könten wir darinnen blikken? –

 

[Ib-07-1780-0142]
"Könten wir die Welt durch die Organ' aller empfindenden Wesen, die darinnen sind, betrachten, so würden wir vielleicht so viele Welten sehen, als wir Fernröhr' und Vergrösserungsgläser anwenden würden. Welche Verschiedenheit im Maulbeerbaum, wenn ihn der Seidenwurm prüft, und wenn wir ihn erkennen. Welcher Unterschied unter den Staubfäden, wie sie's Auge der Biene, und's Auge des Kräuterkundigen betrachtet! Was für eine Wissenschaft, die's Wesen besässe, dem alle diese verschiednen Eindrükke bekant wären. –" Seit. 108.

 

[Ib-07-1780-0143]
6) Von den Blättern der Pflanzen.

 

[Ib-07-1780-0144]
"Die Menge der Nahrung, die ein Zweig aus der Erde zieht, ist mit der Anzahl und Grösse seiner Blätter im Verhältnisse: sind dieser in kleiner, oder in geringer Anzahl vorhanden, so zieht er davon nur wenig an sich. Überdies geht die Nahrung der Gewächse mittelst der Blätter unmittelbar vor sich. Denn sie dienen nicht blos dazu, den Saft in die Höhe zu ziehen, ihn zu bereiten, und vom Überflüssigen zu befreien; sondern sie sind noch dazu Arten von Wurzeln, welche in der Luft verschiedne

 

[Manuskriptseite 59.]

Säft' unaufhörlich einsaugen, und den anliegenden Theilen zuführen.

 

[Ib-07-1780-0145]
Der Thau, welcher von der Erd' aufsteigt, ist die Hauptquelle dieser Luftnahrung. Die Blätter stellen ihm die untre Seite dar; welche mit unzähligen kleinen Röhrgen besezt ist, die den Thau iederzeit einzuziehen bereit sind. Und damit sich die Blätter in dieser Verrichtung nicht selbst hinderten, so sind sie am Stengel und an den Ästen dergestalt künstlich gestelt, daß die unmittelbar vorhergehenden niemals die folgenden bedekken. Bald stehen sie wechselsweise am Stengel gegen über und parallel. Bald stehen sie paarweis' und kreuzen sich unter rechten Winkeln. Bald sind sie unter Polygonalwinkeln um die Äste solchergestalt gestelt, daß die Winkel des untern Vielekkes sich nach den Seiten des obern richten. Manchmal steigen sie längst dem Stengel oder längst den Ästen in einer, oder mehrern, parallelen Spirallinien hinauf.

 

[Ib-07-1780-0146]
Daß die Blätter den Thau einziehen, erhelt daraus, weil unter gleichen und ähnlichen Blättern, von eben demselben Baume genommen, dieienigen, welche man mit ihrer Unterfläch' über Gefässe vol Wasser gestelt, sich ganze Wochen und Monat' hindurch frisch und schön grün erhalten haben; da hergegen dieienigen, deren obere Fläche man zu

 

[Manuskriptseite 60.]

diesem Versuche gebraucht, in wenigen Tagen verdorben und verwelkt sind? Die Kräuter, welche, da sie niedrig und dicht an der Erde stehen, iederzeit in den diksten Schichten des Thaues eingetaucht sind, deren Wachsthum folglich viel geschwinder, als der Bäum' ihres von statten geht, haben solche Blätter, welche den Thau fast durch iede Fläche gleich stark, und bisweilen durch die obere noch stärker, als durch die untere einziehen. Endlich merkt, daß die untere Fläche der Baumblätter gemeiniglich nicht so glat, nicht so glänzend, und von einer blassern Farb', als die obere ist. –" Seit. 119. 120. 121.

 

[Ib-07-1780-0147]
"Säet verschiedne Arten von Saamkörnern in einem Zimmer, oder in einem Keller, bringt zugleich kleine Zweige dahin, und sezt sie in Gläser vol Wasser: so findet ihr, daß die Blätter der iungen Pflanzen, und der gedachten Zweig' ihre obere Fläche den Fenstern, oder den Luftlöchern zukehren werden. Betrachtet die Blätter verschiedner Arten von Krautpflanzen, z. E. der grossen Malve; ihr werden sehen, daß sie sich gänzlich nach dem Laufe der Sonne richten. Des Morgens haben sie ihre Oberfläche nach Osten; gegen die Mitte des Tags drehen sie selbige nach Süden, und des Abends nach Westen. Die Nacht über, oder wenn's *...*h regnicht Wetter ist, stehen sie horizontal mit der untern Fläche nach der Erde zu.

 

[Manuskriptseite 61.]

Gebt ferner auf die Blätter der Akazia Achtung. Sobald die Sonne sie erwärmt, so streben die Blättergen, mit ihren obern Flächen sich einander zu nähern; sie machen eine Art von Rinne, die nach der Sonne zugekehrt ist. Die Nacht über, oder bei feuchtem Wetter, wenden sie ihre Blättergen nach der andern Seit' um, und nähern sich einander mit ihrer untern Fläche. Sie machen alsdenn eine Rinne, die nach der Erde gekehrt ist." Seit. 122.

 

[Ib-07-1780-0148]
7) Der Wachsthum!

 

[Ib-07-1780-0149]
"Das Wachsthum geschieht iederzeit durch die Ernährung. Durch diese werden der Fiber einige fremde Partikelgen einverleibt, welche sich nach allen Seiten ausdehnen. In dieser Art von Ausdehnung besteht eigentlich die Entwikkelung. So lang' indessen die Fiber wächst, so behält sie ihre eigentliche Natur, und ihre wesentliche Verrichtungen unverändert. Es werden ihr daher die fremden Partikelgen in einem graden Verhältnisse mit ihrer eignen Natur, oder mit ihrer besondern Beschaffenheit, einverleibt. Ihre Struktur enthält derowegen einige Bedingungen, welche schon durch sich selbst die Verähnlichung (assimilation) bestimmen.

 

[Ib-07-1780-0150]
Die Fiber ist an und für sich nicht aus andern Fibern, und diese wiederum aus andern, zusammengesezt; denn hierinnen würde man kein Ende finden. Vielmehr

 

[Manuskriptseite 62.]

besteht die Fiber aus Partikelgen, oder Elementen, deren Natur, Proporzion und wechselsweise Ordnung die Art der Fiber bestimmen, und sie zu dieser oder iener Verrichtung geschikt machen. Die Elemente der Fiber sind's also, welche die Verähnlichung vornämlich bewirken, und denen Nahrungstheilgen, die mit ihnen Verwandschaft haben, zugleich eine für die Elementgen der Fiber schikliche Stellung geben.

 

[Ib-07-1780-0151]
Die Ausdehnung der Fiber sezt zum Grunde, daß ihre Elemente die Lage gegen einander verändern und sich mehr oder weniger von einander entfernen können. Diese Entfernung hat aber ihre Gränzen, welches eben die Gränzen des Wachsthums sind. Wie die Fiber wächst, so nimt auch ihre Dichtigkeit zu. Denn die Zahl der einverleibten Partikelgen vermehrt sich von Tage zu Tage, weil die Fiber blos durch die almählige Einverleibung der fremden Partikelgen wächst. Iemehr die Dichtigkeit zunimt, desto mehr nimt die Weichheit, oder die Biegsamkeit ab. Es sind alsdenn schon mehr Partikelgen in eben demselben Raume vorhanden, es ist mehr Zusammenhang, mehr Anziehung da. Die Fiber strebt daher beständig härter zu werden, und die lezte Stufe der Verhärtung ist die lezte des Wachsthums. –" Seit. 141. 142.

 

[Manuskriptseite 63.]

[Ib-07-1780-0152]
8) Von den Armpolypen.

 

[Ib-07-1780-0153]
"Der Armpolype strekt seine Arme weit auseinander, und nimt also einen ziemlich grossen Raum im Wasser ein. Sie sind alsdenn so zart, wie ein seidener Faden, und haben ein überaus feines Gefühl. Kömt irgend ein Würmgen nur im Vorbeigehen, an einen dieser Arme, so ist's um dasselbe geschehen. Der Arm windet sich augenbliklich um seine Beute, die andern schlingen sich wieder um diesen; all' insgesamt verkürzen sich, und führen die Beute zum Munde, der sie sogleich, nebst den Armen, welche sie umschlingen, verschlukt. Sie wird im Magen hin und her bewegt, löset sich darin auf, wird verdauet, und die Arme kommen unversehrt wieder zum Vorscheine. – Der Polyp' ist ganz Magen; er ist ein kleiner Blinddarm, ein kleiner häutiger Sak, der lebendige Insekte verschlingt. Er bekömt die Farbe der Würmer, die er frist; denn diese dringt in die Körner, daraus seine Substanz besteht, und färbt sogar das Inwendige der Arme, die gleichfals hohl sind. – Bringt die abgeschnittenen Köpf' an ihren Rumpf, sie werden sich damit vereinigen, und ihr gebt dem Polypen seinen Kopf wieder. Ihr könt ihm auch den Kopf eines andern Polypen geben; er wird ihn, wie seinen eignen annehmen. Die Rumpfstükk' eben desselben, oder verschiedener Polypen, mit den Enden an einander gesezt, vereinigen sich gleichfals, und machen ferner nur einen einzigen Polypen aus.

 

[Manuskriptseite 64.]

[Ib-07-1780-0154]
Man kan einen Polypen, mittelst des Schwanzes, in den Leib eines andern bringen. Sie werden beide eins; ihre Köpfe propfen sich in einander, und dieser anfänglich doppelte Polype verwandelt sich in einen einzigen, welcher frist, wächst und sich vermehrt. –" Seit. 201. 202. 203. 204.

 

[Ib-07-1780-0155]
9) Vom Wasser – Wunderkette in der Welt!

 

[Ib-07-1780-0156]
"Verliert das Wasser seine Flüssigkeit, und wird zu Eise, so ändert's gleichwol nicht seine Natur; seine Theilgen nehmen blos neue Ordnungen, neue wechselsweise Stellungen an. Sie stellen vielerlei Figuren vor, worinnen die Einbildung ziemlich genaue Nachahmungen von verschiednen Gegenständen gewahr s wird. Es sind dieses gewöhnlichermassen lange Nadeln, die sich unter mancherlei mehr oder weniger spizzen Winkeln an einander sezzen. Heute zu tag' hat man gesehen, daß die meisten dieser Winkel 60. Grad' halten. Diese so beständige und merkwürdige Proporzion hat vermuthlich etwas Besonderes in dem Wesen, oder in der Bildung der Wassertheilgen zum Grunde. –

 

[Ib-07-1780-0157]
Was für ein unerforschliches Wunder ist's Aug' einer Käsemilbe, das das Licht auffängt! –

 

[Ib-07-1780-0158]
Eben ein solcher Hauptentwurf enthält alle Theile der irdischen Schöpfung. Ein Lichttheilgen, ein Erd

 

[Manuskriptseite 65.]

stäubgen, ein Salzkörngen, ein Schimmelfäsergen, ein Polype, eine Muschel, ein Vogel, der Mensch selbst, sind nichts als absonderliche Züg' in diesem Entwurfe, der alle mögliche Abänderungen in der Materie unsrer Erdkugel darstelt. Ich sage noch viel zu wenig. Alle diese verschiedne Naturdinge sind nicht einmal unterschiedliche Züg' eben desselben Entwurfs; sie sind blos unterschiedliche Punkt' eines einzigen Zuges, der durch seine unendlich vielfache Wendungen den Augen des erstaunten Cherubs die Formen, die Proporzionen, die Verbindung aller irdischen Dinge vorlegt. Dieser einzige Zug zeichnet alle Welten, der Cherub selbst ist nur ein Punkt desselben, und die anbethenswürdige Hand, die ihn vorris, versteht allein die Art ihn zu beschreiben. –" Seit. 227. 228.

 

[Ib-07-1780-0159]
10) Der Schmetterling präexistirt schon in der Raupe; er ist nur in Häut' eingewikkelt.

 

[Ib-07-1780-0160]
"Die Pupp' ist allem Ansehen nach in der lezten Haut, welche die Raup' abzulegen hatte, enthalten gewesen; und diese Haut hat nur zur Maske gedient, welche sie unserm Gesichte verbarg. Ein berühmter Beobachter hat sich durch einen entscheidenden Versuch von der Wahrheit dieser Muthmassung überzeugt. Er hat die versucht, die Maske wegzunehmen, und's ist ihm zu allerersten gelungen. Er hat dadurch eine Pupp' enthült, die sehr leicht zu erkennen gewesen. Er hat gesehen, wie die 6 Füsse dieser Pupp' aus den sechs vorigen Füssen der Raup' her

 

[Manuskriptseite 66.]

vorkamen, und wie all' andre Gliedmassen der Pupp' in den verschiednen Theilen der Raupe verwikkelt und verstekt gelegen. Die Verwandlungen der Insekten kommen demnach unter die Auswikkelungen zu stehen, und bestätigen selbige. Die Puppe, oder vielmehr der Schmetterling, denn sie ist im Grunde nichts anders als ein Schmetterling in Windeln, die Puppe, sag' ich, präexistirt in der Raupe. Sie entwikkelt sich nur aus der Raupe, als aus einer Art von Maschine, welche zu Hervorbringung dieser Entwikkelung schon im Voraus zubereitet ist. Sie verhält sich gewissermassen zur Puppe, wie's Ei zum Hühngen. –" Seit. 268. 269.

 

[Ib-07-1780-0161]
11) Vergleichung zwischen Pflanzen und Thieren.

 

[Ib-07-1780-0162]
"Die Tartüffel und der Regenwurm, der Ahornbaum und die Gemse, die Birk' und der Hase, die Ginseng und der Hermelin, der Palmbaum und der Affe, die Koniferr' und der Blutigel, die Wasserlilie und die Wasserschabe, das Meergras und der Stokfisch finden sich an einerlei Örtern, und wohnen in eilerlei einerlei Elemente.

 

[Ib-07-1780-0163]
Manche Pflanzen und Thierarten scheinen verschiedene Klimata gleichmässig gewohnt zu werden. Der Kastanienbaum, und der kalekutische Hahn haben in unsern Gegenden das Land ihrer Geburt

 

[Manuskriptseite 67.]

vergessen. Andre Arten sind Amphibien, und leben natürlicher Weis' in und ausser dem Wasser. Die Binsen und der Frosch lieben die Wiesen, und den Boden der Teiche. Andre sind Schmarozzerarten und nähren sich von den Säften, welche sie aus andern Pflanzen und Thieren ziehen. Dergleichen sind die Mistel und die Laus. Ia's dienen auch einige Schmarozzerarten wiedrum andern von diesen Arten, zum Bedürfnisse. Die Mistel hat ihre Moose, und gewisse Läus' haben wiedrum ihre Läuse. –

 

[Ib-07-1780-0164]
Es sind schon über 20000 Arten von Pflanzen bekant, und man entdekt ihrer täglich neue. Die Mikroskopische Botanik hat's Reich der Alten sehr erweitert. Die Schimmel, die Schwämme, die Lichens, deren Geschlecht' unendlich sind, haben unter den Gewächsen einen Plaz bekommen, und dem Liebhaber allerlei unbekante Blumen und Saamkörner dargelegt. Das Vergrösserungsglas zeigt uns heut zu Tage Pflanzen, wo man sie gar nicht vermuthet hätte. Die Werkstükken sind öfters mit allerlei, meistens braunen und schwärzlichen, Flekken bedekt; diese trift man sogar am Glas' an, ungeachtet seiner Politur. Fast auf alle Körper sezt sich der Schimmel; und diese Flekken, diese Schimmel sind zu Gärten, zu Wiesen, zu Wäl

 

[Manuskriptseite 68.]

dern im Kleinen geworden, wo die ausserordentlich kleinen Pflanzen gleichwol ihre sichtliche Blumen und Saamen haben. – Eben so mit den Thieren; wo oft ein Thier eine Welt für andre Thier' ist. – –

 

[Ib-07-1780-0165]
Der Beobachter der Natur mus über die Verschiedenheit der Modell' erstaunen, wornach die Natur im Thier und Pflanzenreich' arbeitet. Er geht mit Bewunderung von der Trüffel zur so genanten empfindlichen Pflanze, vom Champignon zur Nelke, vom Baumschwamme zum spanischen Flieder, vom Nostoch zum Rosenstok, vom Moos zum Kirschenbaum, vom Schimmel zum Kastanienbaum, von der Morchel zur Eiche, vom Moose zur Linde, von der Mistel zum Pomeranzenbaume, vom Epheu zur Tanne. Er betrachtet mit nicht geringer Verwundrung das zahlreiche Geschlecht der Champignons, oder auch der gesamten lederartigen Pflanzen; und er erstaunt über die Fruchtbarkeit der Natur in Hervorbringung dieser Pflanzen, die ihrer Gestalt wegen von den andern so sehr abgehen, daß man sie kaum unter die Gewächse zählt.

 

[Ib-07-1780-0166]
Von hier steigt er die Stufenleiter höher, zu andern Pflanzen, hinan; er übersieht mit Vergnügen

 

[Manuskriptseite 69.]

die Folge der röhrenförmigen Pflanzen, vom Grase, das zwischen den Steinen wächst, bis zur kostbaren Pflanze, der Zierd' unsrer Felder, deren Ähr' uns die gesundeste und unentbehrlichste Nahrung giebt. Er bemerkt die Mannichfaltigkeiten der kriechenden Pflanzen, von der zarten Winde bis zum Ranken, der unsre Weinberge bekränzt, und dessen Trauben uns ein so angenehmes als gesundes Getränke verschaffen. Er geht dann die Bäume durch, welche Steinobst tragen, vom Schlehdorn bis zum Pfersichbaume, dessen Frucht man theils wegen ihrer weichen Samthaut, theils wegen ihres schönen Kolorits, theils wegen ihres häufigen und köstlichen Saftes bewundert. Begiebt sich unser Beobachter in's Thierreich, so findet er daselbst noch weit vorzüglichere Aussichten. In einerlei Gemälde stehen hier gegen über: der Polyp' und der Seehund, der Augst und der fliegende Fisch, die Wasserwanz' und die Ente, der Schillebold und der Adler, die Heuschrekke' und's fliegende Eichhorn, die Spinn' und die Kazze, die Ameis' und der Hirsch, die Erdgrill' und's Nashorn, der Tausendfus und der Krokodil, der Skorpion und der Affe.

 

[Ib-07-1780-0167]
Ein andres Gemälde zeigt ihm die der lange Reihe der Schmetterling' und der Fliegen. Er betrachtet sie, und erstaunt, wenn er sieht, wie gefällig die

 

[Manuskriptseite 70.]

Natur die Arten dieser kleinen, von den grossen so sehr unterschiednen, Thieren abgeändert hat, die nur als unvolkommen und mangelhaft sind angesehen worden. Hiernächst wirft er seine Blikk' auf die unmittelbar folgenden Arten, nämlich auf die Schaalthiere; und übersieht sie von der Purpurmuschel an, bis zum Schifkuttel, der mit so viel Fertigkeit und Geschik auf der ungestümen See umher schwimt. Er durchgeht die mancherlei Arten der Fische vom gefährlichen Krampffische, bis zum mächtigen Narhwal, von dem prächtigen chinesischen Goldfische bis zum Delphin, der wie ein Pfeil durch's Wasser schiest.

 

[Ib-07-1780-0168]
Eben so durchläuft er die Vögel, welche sich von Kräutern und Körnern nähren, vom Zeisig, bis zum schönen Pfau. Er betrachtet die Raubvögel, vom kleinen hizzigen Neuntödter bis zum Adler, dem Könige der Vögel. Endlich läst er auch die vierfüssigen Thiere nicht vorbei, vom schnellen und furchtsamen Hasen bis zum ungeheuren Elephanten; vom listigen Fuchse, bis zum edlen und grosmüthigen Löwen, der zum Herrn über andre Thier' erhoben ist. Die Pflanzen sind nicht so mannigfaltig als die Thiere. Zwischen der Trüffel und der empfindlichen Pflanze, oder zwischen der Morchel und der

 

[Manuskriptseite 71.]

Eiche, sind nicht so viele Stufen, als zwischen der Auster und dem Strausse, oder zwischen der Meernessel und dem Orang=Outang. –

 

[Ib-07-1780-0169]
Könte man die Knospe, worin eine Pflanze eine Blume verborgen liegt, nicht mit der Haut der Puppe vergleichen, die uns den Schmetterling verbirgt? – –" Seit. 299. bis 306.

 

[Ib-07-1780-0170]
12) Die Leiter der Natur im Kreislauf bei den organischen Körpern.

 

[Ib-07-1780-0171]
"Die Stufenleiter der organischen Körper ist viel grösser, als man sich vorgestelt hat. Auf den untern Sprossen dieser Leiter erblikken wir organische Körper, deren Säfte sich blos, wie auf einer Wage, von unten nach oben, und von oben nach unten bewegen. Etwas höher treffen wir andre Köp Körper an, deren Säfte nach verschiednen Seiten bewegt werden. Noch höher hinauf entdekken wir schon den Anfang eines Kreislaufes, der sich aber nur auf ein oder zwei Hauptgefäss' einschränkt. Steigen wir endlich noch höher, so erfordert derselbe schon mehr Aufwand; anfänglich ein Herz, das nur ein einziges Herzohr hatte, nachgehends eines mit zwei Herzohren und einem viel grössern Vorrath von Werkzeugen und Gefässen. –" Seit. 323.

 

[Manuskriptseite 72.]

[Ib-07-1780-0172]
13) Die Pflanzen haben auch – – Seelen.

 

[Ib-07-1780-0173]
"Die Pflanzen für angewurzelte Thiere zu erklären, ist nicht unvernünftig geurtheilt. Wir haben schon bemerkt, die Empfindung bezieht sich allemal auf die Organe, wodurch sie sich äussert. Die Pflanzen sind in einem gänzlichen Unvermögen, uns diese Empfindung zu erkennen zu geben, diese Empfindung ist äusserst schwach; vielleicht ohne Willen und Begierde, weil das Unvermögen selbige an den Tag zu legen von ihrer organischen Einrichtung herkömt, und man allen Grund hat, zu urtheilen, daß sich der Grad der geistigen Volkommenheit nach dem Grade der körperlichen richte.

 

[Ib-07-1780-0174]
Unterdessen, wenn man den Pflanzen die Empfindung abspricht, läst man die Natur, ohn' all' Ursach, einen Sprung thun. Wir sehen, wie die Empfindung vom Menschen zur Meernessel oder zur Muschel stufenweis' abnimt; und wir denken, sie höre da auf, weil wir diese Thiere für die allerunvolkommensten halten. Allein vielleicht giebt's unter der Empfindung der Muschel und der Pflanz' ihrer noch viele Zwischenstufen; und vielleicht noch mehrere unter der empfindlichsten Pflanze, und der, die's am wenigstens ist. Die Stufenfolge, welche wir überal wahrnehmen, mus uns diese Philosophie beibringen, und der neue Grad der Schönheit, den 's Weltgebäude dadurch bekömt, nebst dem Vergnügen, die empfindenden Wesen zu vervielfältigen,

 

[Manuskriptseite 73.]

müssen uns nöthigen, sie anzunehmen. Was mich betrift, so gesteh' ich frei, daß diese Philosophie sehr nach meinem Geschmakk' ist. Ich wil gern glauben, daß diese Blumen, die unsre Felder und Gärten schmükken, daß diese Bäume, deren Frücht' unser Gesicht und unsern Geschmak so angenehm vergnügen, und daß diese maiestätischen Stämme, woraus unsre weitläuftigen und beiahrten Wälder bestehen, insgesamt empfindende Wesen sind, welche ihres Theils die Annehmlichkeiten des Daseins schmekken. –" Seit. 331.

 

[Ib-07-1780-0175]
14) Die Blätter der Pflanzen und die Haut der Thiere.

 

[Ib-07-1780-0176]
"Die Haut des menschlichen Körpers schöpft, wie die Blätter der Pflanzen, die in der Luft zerstreuten Dünst' und Ausduftungen in sich; und wenn gleich der Mensch durch diesen Weg viel weniger Nahrung, als die Gewächse, bekömt, so bleibt's doch ausgemacht, daß die Haut und die Blätter in dieser Absicht grosse Beziehung auf einander haben. Und warum wil man nicht zugeben, daß die Haar' an den Thieren, in gewissem Grade, mit den Haaren der Blätter an der unter Fläch' einerlei Endzwek haben? Vielleicht lassen sich Thier' entdekken, die sich ledig durch die Haut, wie gewisse Pflanzen nur blos durch die Blätter, nähren. –" Seit. 339.

 

[Ib-07-1780-0177]
15) Von der Liebe der Thiere zu ihren Iungen.

 

[Ib-07-1780-0178]
"Die Iungen selbst können eine Quelle von angenehmen Empfindungen bei der Mutter sein; und dadurch sich die Liebe derselben erwerben. Nämlich, durch's Säugen. Die Brüste

 

[Manuskriptseite 74.]

sind so künstlich eingerichtet, daß das Säugen, und der Druk der Iungen, in den häufigen Nerven derselben, eine sachte Erschütterung, eine angenehme Bewegung verursacht, die mit einigem Vergnügen verknüpft ist. –

 

[Ib-07-1780-0179]
Man kan bei den Iungen der Vögel, vornämlich bei den Küchelgen, dieses, als etwas besondres, anmerken, daß, wenn man die Hand auf sie legt, sie einen kleinen durchgängigen Schauer, ein sanftes Zittern verursachen, welches der Henne, die alsdenn keine Federn, und ohnedies ein sehr zartes Gefühl am Bauch' hat, vermuthlich viel empfindlicher sein mus. Dieser stete Schauer erschüttert die Nervenwärzgen auf eine sanfte Weise, erregt darinnen kleine Schwingungen; woraus ein gelindes Küzzeln entsteht. –" Seit. 362. 363.

 

[Ib-07-1780-0180]
XII.

 

[Ib-07-1780-0181]
Über Natur und Religion für die Liebhaber und Anbeter Gottes, von Heinrich Sander. Erstes Stük. Leipzig, bei Weigand. 1779.

 

[Ib-07-1780-0182]
1) Von der Ökonomie der Natur.

 

[Ib-07-1780-0183]
"Der du mit freundlichem Gesicht' auf mich herabsiehst, guter, liebevoller Gott! und mit deinen seeligen Ausflüssen alle Schöpfungen erfüllest – gib mir iezt wieder einige von den süssen Stunden, die meine Seele dir näher bringen und

 

[Manuskriptseite 75.]

ihre geheimste Wünsche befriedigen. Nur einen Tropfen aus der Schaale, die der Vollendete trinkt, und dadurch zum heiligen Iubellied vor dir entzündet wird – Nur einen Funken von dem Wonnegefühl, das ieden durchströmt, der bei dir Ruhe sucht, für deine Werke gestimt ist, und an den Seeligkeiten sich labt, womit deine Natur alles, was lebt und empfindet, aussteuret – Nur eine Menschensprache für deine überherliche Grösse, für die Reihe der Wesen, die von deinem Thron' anfängt, durch den unermeslichen Raum aller Welten sich ausdehnt, und begleitet vom dankenden Lied Millionen Erschaffener zu deinem Wonnevollen Siz zurükkehrt – Nur irdische Farben für dein Bild, das im unsichtbaren Insekt und im riesenmässigen Elephanten glänzt, überal mannichfaltig und überal unaussprechlich ist, überal blendet und doch allenthalben mild und unwiderstehlich die Seele des glüklichen Menschen zu deiner Anbetung hinreist – Von diesen süssen Augenblikken, die deinem Liebling zu Theil werden, gieb mir iezt wenige – Gütiger! Weiser! Gebiete der Natur, daß sie ihre Schönheiten nicht verberge, und den ehrwürdigen Flor, der ihren Strahlenglanz mildert, vor mir zurükwerfe – Alles, was Odem hat, sol dich verherlichen, sol deine Grösse studiren, deine Weisheit verehren, von ferne die

 

[Manuskriptseite 76.]

Quelle des unzähligen Guten anbeten, die für alle fliest, und sich von Ewigkeit zu Ewigkeit immer mehr mittheilt und ausbreitet. – –" Seit. 1. 2.

 

[Ib-07-1780-0184]
"Wenn man das Naturel der Thier' unter einander vergleicht, mus man nicht die weisen Verbindungen bewundern, wodurch sie die Natur bei so mannichfaltigen, sich stets widerstrebenden Absichten, Neigungen, Trieben und Handlungen doch so in Schranken gehalten werden, daß sie sich alle neben einander dulden müssen, die Grössesten neben den Kleinsten, die Gefrässigsten neben den Unschuldigsten, die Muthigsten neben den Furchtsamsten, und selber dazu beitragen müssen, daß sich iede Gattung fortpflanzen und erhalten kan. – – Wie mannigfaltig ist die Natur! Wiegt man z. E. Holzarten ab, so sind unter sechszig nicht zwei, die völlig gleich schwer sind. So viel Unterschied in den erdigten, salzigten, öhligten Bestandtheilen, und in den leeren Räumen, die die Natur darzwischen gelassen hat. Untersucht man die Weine, die in ieder Gegend anders sind, trent man durch die Kälte das viele Wasser davon, so ist der Geist, das Eis, und der Überrest immer verändert, immer merkwürdig und sonderbar. –" Seit. 5. 6.

 

[Ib-07-1780-0185]
"Die Insekten dienen den Pflanzen zur Bewegung, zur Befruchtung; dafür nehmen die Pflanzen die Eier

 

[Manuskriptseite 77.]

der Insekten auf, ihre Blätter ernähren die Raupen, indessen bekomt die Pflanz' ein Honigbehältnis, und dieser klebrige Saft, den die Natur, so wie's Fet bei den Thieren, um der Gesundheit der Pflanze willen von ihren Säften absondert, ernährt den Schmetterling. – In Westindien dienen die Stein' auf dem Akker zur Kühlung des Erdreichs, und an der Mosel braucht sie die Natur zur umgekehrten Wirkung, um den Wein am vervielfachten Feuer zu kochen. –" Seit. 7. 8.

 

[Ib-07-1780-0186]
"Die Natur sezt' auf alle molukkische Inseln die Gewürznelkenbäume (caryophyllus aromatica L.), die mit ihren starken und durchdringenden Ausdünstungen die verderbte Luft wieder verbessern und ienen ungesunden Düften das Gleichgewicht halten solten. – Seit. 22.

 

[Ib-07-1780-0187]
"Das Kameel trägt auch auf der Brust eine dikke unempfindliche Schwüle, weil seine Bestimmung öfters ein Niederbeugen auf harte Körper, (1 B. Mos. XXIV, 11.) auf spizzige Steine, auf Kiesel und Sand mit scharfen Ekken erfordert, weil sie in ihrem Land gar oft unter freiem Himmel auf die Knie sich niederlegen, und die Nacht so zubringen müssen. – Reist dem Kanarienvogel seine Pflaumfedern auf, so verfriert er in der obern Luft, so

 

[Manuskriptseite 78.]

kan er sein Futter nicht verdauen u. s. w. Die Zunge der Spechte und der Schwalben gleicht einem Pfeil mit Widerhakken, mit gespaltener Spizze, selbst im Gaumen haben die Schwalben solche Zakken, damit sie die Insekten im Flug' erhaschen, und desto fester halten können. –" Seit. 39. 40. 41.

 

[Ib-07-1780-0188]
"Nach einer mässigen Berechnung gehen alle Iahre, von der einzigen Bergstadt, Goslar über 40000 Zentner Mineralien durch den Rauch in die Atmosphäre. Könten wir die Summen von ganz Europa zusammen bringen! Aber würde nicht die Atmosphär' am Harz ganz mit Kupfer, Blei, Schwefel und Kohlendampf angefült werden, wann sich diese Dünste nicht überal ausbreiten, und wieder in die Erde dringen könten – –" Seit. 75.

 

[Ib-07-1780-0189]
"Im härtesten Knochen im Elfenbein, im Horn, im Zahn, im Huf, im Haar, in der Feder ist ein Vorrath von Flüssigkeiten. Sage zieht aus allen Mineralien Wasser – auch der härteste Diamant hält Wasser." Seit. 84.

 

[Ib-07-1780-0190]
Bei vielen mikroskopischen Versuchen fand Gleichen, daß im Wasser viele Wesen wohnen, deren Ei

 

[Manuskriptseite 79.]

genschaften und Kräft' allen Zerstörungen, dem oft wiederholten Kochen und Distilliren wiederstehen. Seit. 87.

 

[Ib-07-1780-0191]
"Alle Pflanzen sind von der Natur bestimt, die Luft zu verbessern, und ihre Reinigkeit, wann sie verdorben ist, wieder herzustellen. Macht euch eine faule Luft, in welcher die Flamme des Wachsstoks auslöscht und iedes Thier plözlich sterben mus. Sezt in diese vergiftete Atmosphär' einen frischen Zweig, schliest Pflanz' und Luft zusammen ein; ihr erwartet das Absterben der Pflanze? aber nein, das Gewächs treibt in einer faulen Luft, die ungesunden Theilgen werden von der Pflanze verschlungen, die Luft wird wieder gutartig, so wie die hineingesezten Pflanzen immer grösser werden, brent auch in dem Bezirk das Licht wieder, und Menschen und Thiere können wieder in dieser vorher zum Einathmen ganz untüchtigen Luft leben. – Warum sind die Nordamerikaner, die Südländer, und (vormals die alten Teutschen so gesund? weil sie an den Wäldern wohnen. –" Seit. 94. 95.

 

[Ib-07-1780-0192]
"Ein Man kan für zehn' akkern – und eine Bauernfamilie für fünf andre Brod bauen. –" Seit. 108.

 

[Manuskriptseite 80.]

[Ib-07-1780-0193]
"Gehet dorthin, seht die Maiestät der Natur, dreizehntausend Blüthen giebt sie einer Pappel, (Papulus tremula L.) vierzigtausend kan man auf einem Masholder (Acer Platanoides L.) zählen, auf einer Linde stehen oft achtzehntausend, siebenhundert und siebenzig, einen mänlichen Palmbüschel bekleidet sie oft mit zwölftausend Blüthen, und von einem weiblichen Palmzweig schüttet sie über uns über 2000 Datteln in Schoos. – So wie ihr euch dem Baum nähert, iagt die geringste Erschütterung aus ieder Blüth' ein Insekt auf. Ihr werdet ein Rauschen, ein Summen und Tönen hören, wie ein Strom rauscht. Diese geschäftige Thier' hohlen aus allen Blumen ihren Antheil, einige theilen sich in den Honigsaft, andre samlen die kleinen Kügelchen des Blumenstaubes, andre rauben, morden und fressen ihre Mitbürger Seit. 130.

 

[Ib-07-1780-0194]
"Als 1778 der Rhein in unsern Gegenden sehr ausgetreten war, hatte man's Unglük, daß ein mit Zukker beladenes Schif in's Wasser fiel und gröstentheils verloren gieng. Am Ort, wo der Zukker in's Wasser fiel, sah' man gleich eine unsägliche Menge Bienen

 

[Manuskriptseite 81.]

und andrer Insekten. - Samlet alles, ist der Befehl der Natur, damit nichts umkomme." Seit. 165.

 

[Ib-07-1780-0195]
"Man solte sich hüten, kleine Thiere zu quälen. Denn ie kleiner's ist, desto feiner ist der Bau, und ie künstlicher die Organisazion ist, desto empfindlicher müssen ihm all' Eindrükke werden. Wir dürfen nicht glauben, daß das Insekt, das nur die Gröss' eines Steknadelknopfs hat, nicht Schmerzen leide, wie der Hippopotamus, oder das Pferd, weil's seine Angst und sein scheind schneidendes Gefühl nicht eben so, wie die grossen Thiere, durch gichterische Bewegungen an den Tag geben kan. Wir sehen nur seine Zukkungen nicht, die Milb' hat aber für den Schmerz so gut eine Sprach', als der Stier und der Hund, wann er gezüchtigt wird. Pennelys sagt, mit mikroskopischen Augen würde man die Unruh' und die schrekhaften Verdrehungen der Glieder ganz gewis entdekken können. –" Seit. 167. 168.

 

[Ib-07-1780-0196]
XIII.

 

[Ib-07-1780-0197]
Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iunius 1777. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung.

 

[Ib-07-1780-0198]
1) Morgenempfindung – Herbstschauer Herbstschauer] aus Herbstsschauer

 

[Ib-07-1780-0199]
"Das war eine goldene Zeit, die Zeit der ersten Liebe! wenn ich mir so einen Tag zu ihr hinaus machen

 

[Manuskriptseite 82.]

konte, früh vor Tages Anbruch war ich auf dem Wege, und wenn ich dann, da auf dem kleinen Berge, die Gegend überschaut' in almähliger Aufdämmerung, dann die Sonne kommen sah und al das Erwachen zur Lieb' um mich her! wie ich da stand, liebender als das Alles, und das Bild der Einzigen überal in dem Stralenmeere der Morgenröthe mich umschwam. –" Seit. 9.

 

[Ib-07-1780-0200]
"Als der Herbst kam, wenn ich einsam mit meinem Gram umhergieng, hörte das heilige Brausen des Zerstörens in den Gipfeln der Hain' und das Gerassel welkender Blätter an den Ästen herunter, sah' das Vergehen so algemein um mich her in der ganzen Natur – Gott! ich glaubte mit vergehen zu müssen. Alle Kräfte strebten mir auf gegen den Sturm des Todes um mich her! zu fallen, wie die Natur in herbstlicher Verwüstung. – –" Seit. 23.

 

[Ib-07-1780-0201]
2) Von der Einäugigkeit des menschlichen Verstandes.

 

[Ib-07-1780-0202]
"Es ist gewis nichts schädlicher, und doch nichts gewöhnlicher, als Myopie und Einäugigkeit des Verstandes, wonach die Schäzzungskunst nothwendig einseitig oder flach werden mus, da man Dinge verdamt, wofür man kein entweder keinen Sin hat, oder die man nur halb versteht. Wenn iemand ein Glied der moralischen oder

 

[Manuskriptseite 83.]

intellektualischen Kräfte stark im Gebrauch hat, oder einen gewissen, den Kräften seines einzelnen Baues gemässen Weg in der Erkentnis gegangen ist, so pflegt er dieser Kraft oder diesem Weg' eine vorzügliche Exzellenz beizulegen. Um also nicht widernatürlich zu urtheilen, solte man vor allen Dingen bedenken und verstehen, daß alle Farben im Prisma der menschlichen Kräfte gut und nöthig sind; man solte nicht unverständig die Frücht' einer menschlichen Geisteskraft verdammen, weil ihre Farb' Unreinigkeiten trägt, oder sie wol gar zum Hauptlastträger der intellektualischen Übel machen. So wird der kalte Philosoph am Enthusiasten, und der Enthusiast am kalten Philosophen zum Parakritiker, wenn der eine sich an des andern zufälligen Eigenschaften, die noch veralten können, stöst und reibt. –

 

[Ib-07-1780-0203]
Man solte begreiflich machen, wie am Körper der menschlichen Natur Auge des Spekulanten und Arm des Gewaltigen, Ruh' und Flug Zwek und Bedeutung haben; und mehr dahin arbeiten, daß man die Menschen ihre Kräfte gebrauchen lehrte, als daß man mit der Unvolkommenheit eines gelieferten Produkts die menschliche Natur verdamte, die man doch immer als eine positive Nummer höherer oder niederer Ordnung unter den Elementen der intellektuellen Welt und ihrer Triebursachen anzusehen hat. Bei der Vermehrung des wissenschaftlichen Schazes ist nicht so wol darauf zu achten, ob einer zu 99 das 100ste liefert, sondern ob er einen

 

[Manuskriptseite 84.]

Weg findet, worauf Unerhörtes und Fruchtbares entdekt werden kan, wodurch die disiecta membra der menschlichen Erkentnis immer mehr Zusammenhang, Konsistenz und Harmonie bekommen. –" Seit. 340. 341.

 

[Ib-07-1780-0204]
3) Für Kalte!

 

[Ib-07-1780-0205]
"Man glaube nicht, daß der Mensch allein von Regeln, dogmatischen Säzzen und Vernunftsprüchen lebe, sondern von iedem reinen Stral der Geisteskräfte, die einst alle rein waren, und's auch durch's Licht der Wahrheit, und durch's Leben der Güte wieder werden sollen. –" Seit. 345.

 

[Ib-07-1780-0206]
4) Sturz's Erklärung über die Physiognomik, mit Anmerkungen von Iohann Kaspar Lavater.

 

[Ib-07-1780-0207]
"Ich bin von der Wahrheit der Physiognomik, von der Albedeutsamkeit iedes Zuges unsrer Gestalt so lebhaft als Lavater überzeugt. Es ist wahr, daß sich der Umris der Seel' in den Wölbungen ihres Schleiers bildet, und ihre Bewegungen in den Falten ihres Kleids.

 

[Ib-07-1780-0208]
Even in the outward shape dawns the high expression of the mind.

 

[Ib-07-1780-0209]
Überal ist Kette, Harmonie, Wirkung und Ursach' in der Natur, auch zwischen dem äussern und innern Menschen; wir arten nach unsern Eltern, nach der Erde,

 

[Manuskriptseite 85.]

die uns trägt, nach der Sonne, die uns wärmt, nach der Nahrung, die sich mit unsrer Substanz assimilirt, nach den Schiksalen unsers Lebens; alles das modifizirt, reparirt und ziselirt am Geist und am Körper, und die Spur des Meissels wird sichtbar; ieder Schwung, iede Bucht des äussern Kontours schmiegt sich an die Individualität des innern Menschen, wie ein feuchtes Gewand im Bade. Mit einer nur wenig veränderten Nase wäre Zäsar nicht der Zäsar geworden, den wir kennen. Ist nun vollends die Seel' in Bewegung, so leuchtet sie durch, wie der Mond durch Ossian's Geister. Iede Leidenschaft hat im ganzen Menschengeschlecht immer einerlei Sprache. a) Von Aufgang bis zum Niedergang sieht der Neid nicht so vergnügt aus, wie die Grosmuth, und die Unzufriedenheit nicht wie die Gedult. Die Gedult ist allenthalben, wo sie dieselbe ist, durch dieselben Zeichen merkbar. So der Zorn, so der Neid, so iede Leidenschaft. a) Von Aufgang ... Leidenschaft] am Seitenende als Fußnote eingefügtPhiloktet ächtzet anders als ein gepeitschter Knecht, Raphael's Engel lächeln edler als die Marschengel Rembrand's; aber immer haben Freud' und Schmerz ein einziges, eigenthümliches Spiel; sie arbeiten nach einerlei Gesezz, auf einerlei Muskeln und Nerven, so zahllos die Nüanzen ihres Ausdruks auch sind, und ie öfter die Leidenschaft wiederholt wird, ie mehr sie zum Hang, zur Lieblingsneigung artet, ie tiefer wird ihre Furche gepflügt.

 

[Manuskriptseite 86.]

[Ib-07-1780-0210]
Aber verborgener liegen Anlage, Geschik, Grad und Weise der Empfänglichkeit, Talent, Beruf und Geschäftsfähigkeiten. b) Sehr wahr – aber dan auch, wenn man einmal den Ausdruk davon gefunden hat, wie viel unverkenbarer in iedem uns be wieder begegnenden Obiekte b) Sehr wahr ... Obiekte.] am Seitenende als Fußnote eingefügt Den Zornigen, den Wollüstigen, den Stolzen, den Unzufriednen, den Boshaften, den Wolthätigen, den Mitleidigen zu entdekken, wird einem guten Beobachter nicht schwer: aber den Philosophen, den Dichter, den Künstler, und ihr mannigfaltiges Seelenvermögen wird er nicht mit gleicher Zuversicht schäzen; noch seltner wird er's anzugeben wagen, wo die Anzeig' ieder Eigenschaft sizt, ob im Augknochen Verstand, Wiz im Kin, und Dichtergenie im Munde deutlich wird? Doch vielleicht macht dies das folgende Iahrzehend noch – durch viel' angestelte Versuche – möglich. Allerdings ahndet uns so etwas, wenn uns ein merkwürdiger Man begegnet, und wir sind alle, weniger oder mehr, empyrische Physiognomiker; wir finden im Blik, in der Miene, im Lächeln, im Mechanismus der Stirne bald Schalkheit, bald Wiz, bald herschenden Geist; wir erwarten und weissagen nach einer dunkeln Vorempfindung sehr bestimte Fähigkeiten aus der Gestalt iedes neuen Bekanten, und wenn dieser Takt durch Übung und Umgang mit vielerlei Menschen berichtigt wird, so gelingt's

 

[Manuskriptseite 87.]

uns oft bis zur Bewundrung den fremden Ankömling zu deuten. Ist's Gefühl? innerer anerschafner Sin, der nicht erklärt werden kan? Oder ist's Vergleichung, Indukzion, Schlus von erforschten Karakteren auf unbekante durch irgend eine äussere Ähnlichkeit veranlast? Gewis 's leztere. Ich eile manchem Fremden freundlich entgegen, einem andern weich' ich mit kalter Höflichkeit aus, auch wenn kein Ausdruk der Leidenschaft mich anzieht, oder abschrekt; wenn ich genauer zusehe, so find' ich oft, daß mich irgend ein Zug an einen würdigen, oder verdienstlosen Bekanten erinnert, und's Kind handelt nach einerlei Gesez, wenn's Fremde flieht, oder liebkoset, nur daß es, mit weniger Zeichen zufrieden, sich bei der Farbe des Kleids, dem Tone der Stimme, ia oft einer unmerklichen Bewegung beruhigt, die's an Eltern, Amm', oder Bekante erinnert. c) Es ist nicht zu läugnen, daß dies nicht sehr oft der Fal ist, und viel mehr, als man gemeiniglich denkt. Indessen getrau' ich mir doch zu behaupten, daß es in der Natur und Kunst, eine Menge Züge, besonders von äussersten Enden, leidenschaftlicher sowol als leidenschaftloser Zustände giebt, die, an sich selbst und ohn' alle Vergleichung mit gemachten Erfahrungen, auch dem ungeübtesten Beobachter – zuverlässig verständlich sind. – Ich glaube, es ist schlechterdings in der Natur des Menschen, in der Organisazion

 

[Manuskriptseite 88.]

unsrer Augen und Ohren gegründet, daß uns gewisse Physiognomien, so wie gewisse Töne, anziehen, andre zurükstossen. Man lass' ein Kind, das nur wenige Menschen zu sehen Gelegenheit gehabt, den offenen Rachen eines Löwen oder Tigers – und's Lächeln eines gutmüthigen Menschen sehen – unfehlbar wird seine Natur vom einen wegbeben und dem andern lächelnd begegnen. Nicht aus räsonnirender Vergleichung, sondern aus ursprünglichem Naturgefühl. – So wie's aus eben der Ursache, eine liebliche Melodie mit Vergnügen behorcht und vor einem gewaltsamen Knal schaurend in einander fährt. –

c) Es ist nicht zu leugnen ... der Organisazion] am Seitenende als Fußnote eingefügt; Fußnote wird auf folgender Seite weitergeführt unsrer Augen und Ohren ... einander fährt. –] Fortführung der Fußnote von S. 87 auf S. 88 unten

 

[Manuskriptseite 88.]

[Ib-07-1780-0211]
Also ist's nicht blos Gefühl, sondern ich habe Gründe, dem Manne, der Türenn' ähnlich sieht, Sagazität, kalten Entschlus, warme Ausführung zuzutrauen. Wenn ich drei Männer antreffe, deren einer Türennen's Augen mit seiner Klugheit, der andre seine Nas' und seinen hohen Muth, der dritte seinen Mund und seine Thätigkeit besizt, so ist auch der Ort deutlich geworden, wo sich iede Eigenschaft äussert, und ich bin, so oft ich den Zug wieder wahrnehme, zu einem ähnlichen Urtheil berechtigt. Hätten wir dann nur Iahrtausende lang Menschengestalten untersucht, karakteristische Züge geordnet, nach ihren Nüanzen gepaart, merkwürdige Buchten, Linien und Verhältnisse durch Zeichnungen deutlich gemacht, iedem Bruchstük seine Erklärung beigefügt, so wäre das Mandarinenalphabeth des

 

[Manuskriptseite 89.]

Menschengeschlechts fertig, und wir dürften nur nachschlagen, um iedes Gesicht aus unserm Vorrathe zu erklären. Ich bewundre den Man, der sich an dieses Elementarwerk der Schöpfung wagt, und wenn ich mich dem Gedanken ganz überlasse, daß die Ausführung nicht schlechterdings unmöglich ist, so erwart' ich noch mehr als von Lavater; ich denke mir dann eine so reiche, so bestimte, so ausgebildete Sprache, daß nach einer wörtlichen Beschreibung eine Gestalt wieder hergestelt werden kan, daß eine richtige Schilderung der Seel' auf den Körper hinweist, daß ein Physiognomiker aus einem künftigen Plutarch grosse Männer zu palingenesiren vermag, daß es ihm leicht wird ein Ideal für iede Bestimmung des Menschen zu entwerfen. Mit solchen Idealen behängen wir alsdan die Gemächer unsrer Fürsten, und wer ein unschikliches Amt fordert, mus sich ohne Murren beruhigen, wenn ihn sichtbar seine Nase davon ausschliest. – –

 

[Ib-07-1780-0212]
Einwendungen hab' ich gegen die Physiognomik. – Das kalte Auge des Strange's verräth den Künstler nicht d) Die kältesten Augen sind oft die grösten Künstler. Künstler sein und Genie sein – ist zweierlei. Kält' ist 's Apanage der Künstler, die nur Künstler sind.

d) Die kältesten Augen ... Künstler sind.] am Seitende als Fußnote eingefügt;

 

[Manuskriptseite 90.]

Wille, ein wandelndes Feuer, kündigt den Man nicht an, der sein Leben mit lauter Parallelstrichen zubringt e) Man kan viel Feuer haben – und doch kalt sein. Die feurigsten Menschen sind die kältesten. Kaum eine Beobachtung hat sich mir so sehr bewahrheitet, wie diese. Sie scheint sich zu widersprechen, und widerspricht sich nicht. Heftige, schnelauffahrende, muthigentschlossene, fertigarbeitende, kühnhinschreibende Menschen sind selten warm, – sind, die Zeiten der Heftigkeit ausgenommen, die kältesten. Eben so Wille's Styl und Gesicht. e) Man kan viel Feuer haben ... Styl und Gesicht.] Am Seitenende als Fußnote eingefügt; Boucher, der Maler der Grazien, sah' wie ein abgehärteter Kriminalrichter aus f) Warlich so, eigentlich so kam mir sein Porträt vor. – Aber dan müssen wir uns noch über den Maler der Grazien einverstehen.... Den find' ich in seinen Arbeiten so wenig als in seinem Gesichte. – Seltsam! Alle Stükke von Boucherwaren einstimmig mit meinem Gefühle. Ich konte kaum Eins con amore ansehen – und gerade so gieng's mir nachher mit seinem Gesichte. Nun kan ich's begreifen, sagt ich beim ersten Anblik seines Bildes zu mir selber, warum f) Warlich so ... zu mir selber,] am Seitenende als Fußnote eingefügt

 

[Manuskriptseite 91.]

dir nichts von Boucher behagen wil. warum dir ... behagen wil.] Fortsetzung der Fußnote von S. 90, auf S. 91 unten. Ich sah' einen Verurtheilten zum Rade, der, mit der Bosheit eines Teufels, seinen Wolthäter umgebracht hatte, und sein Gesicht war so hold, so offen, wie einer von Guido's Engeln: Es ist nicht unmöglich, auf den Galeeren Regulusköpfe, Vestalengesichter im Zuchthause zu finden g) Das kan ich zum Theil aus eigner Erfahrung mit bestätigen. Fern also, daß ich's bestreiten wolle! Aber diese Lasterhaften, so abscheulich auch ihre Thaten – der äussern Form und Wirkung nach, ia auch, wenn ihr wolt, in Absicht auf den * innern Grund gewesen sein mögen – waren dennoch keine grundböse Menschen. Welcher reine, edle, feingebaute, leichtreizbare Mensch – mit der zärtesten Engelsseel' – hat nicht seine Teufelsaugenblikke – wo nichts als die Gelegenheit fehlt – in einer Stund' ihn zwei, drei ungeheure Laster begehen zu lassen – die ihn vor aller Welt als den abscheulichsten Menschen darstellen, oder vielmehr darzustellen scheinen – und er kan noch tausendmal besser und edler sein, als hundert für gut gehaltne Menschen, die vielleicht nicht fähig sind, eins der Laster zu begehen, um deren willen wir ihn so sehr verurtheilen – und als Glieder der Sozietät verurtheilen müssen. g) ... verurtheilen müssen.] eingefügt als Fußnote auf S. 91 unten

 

[Manuskriptseite 91.]

Führt mir diese Menschen vor, wird Lavater antworten, ich wil sie wie den Sokrates kommentiren; denn ein kleiner, oft nicht gleich bemerkter Zug erklärt vielleicht, was euch so räthselhaft schien. Aber wird dadurch nicht manches in die Glosse kommen, was niemals im Texte gewesen ist h) Das könte geschehen und solte nicht! Ich wil auch zugeben, daß ein gutes Gesicht zuweilen auch als ein h) Das könte geschehen ... zuweilen auch als ein] am Seitenende als Fußnote eingefügt, auf folgender Seite unten fortgesetzt

 

[Manuskriptseite 92.]

Schurk' handeln kan – aber dies gute Gesicht – einerseits wird in dem Moment, wo's handelt, nicht mehr so gut scheinen – und anderseits hundertmal gegen Eins – gut handeln. Schurk' handeln kan ... gut handeln.] Fortsetzung der Fußnote von S. 91 unten.

 

[Ib-07-1780-0213]
Wir sollen von einem erforschten Karakter auf den Karakter eines unbekanten schliessen; ist's aber so leicht, den Menschen

 

[Manuskriptseite 92.]

zu erforschen? Wenn er wandelt in Nacht, und sich Widerspruch an Widerspruch lagert? Wenn er periodisch das Gegentheil ist von dem, was er war? Denn wie selten findet sich der Man,

 

[Ib-07-1780-0214]
Qui qualis ab initio processerit et sibi constet!

 

[Ib-07-1780-0215]
Kenten wir den August allein aus seinem Betragen gegen den Zinna, den Zizero nur aus seinem Konsulat; welche Männer! Elisabeth, welche Kolossalfigur unter den Königen, und wie klein und verächtlich wird die veraltete Kokette! Iakob II. ein tapfrer General und ein feiger König; der Königsmörder Monk, ein Sklave seines Weibes; Algernon, Sidnei und Russel, Patrioten wie Römer, und von Frankreich verkauft; Bako, der Vater der Weisheit, ein bestechbarer Richter: bei Entdekkungen dieser Art schauert man vor dem Menschen zurük, man schleudert Freund' und Bekante wie glühende Kohlen aus der Hand! Wenn diese Chamäleonsseelen eins um's andre verächtlich und gros sind, und doch ihre Gestalt nicht ändern; was sagt denn ihre Gestalt i) Ihre Gestalt zeigt, was sie sein könten und solten – und ihre Mien' im Augenblikke des Handelns, was sie sind! – Ihr Gesicht zeigt ihre Kraft, und ihre Miene die Anwendung ihrer Kraft. Die Ausdrükk' ihrer Kleinheit verhalten sich i) Ihre Gestalt ... verhalten sich] Am Seitenede als Fußnote eingefügt, auf folgender Seite weitergeführt

 

[Manuskriptseite 93.]

bisweilen wie die Flekken der Sonne zur Sonne – man sieht sie nicht mit unbewafnetem Auge. – bisweilen wie ... unbewafnetem Auge. –] Fortsetzung der Fußnote von S. 92, auf S. 93 unten?

 

[Manuskriptseite 93.]

[Ib-07-1780-0216]
Artet nicht auch unser Urtheil über Menschen alzeit alzusehr nach dem Medium, wodurch wir zu sehen gewohnt sind? Schmelfungus sieht alles durch ein angelaufnes Glas, andere durch ein Prisma, viele, Tugenden im konischen Spiegel, und Laster im Sonnenmikroskop. Swift hätte gewis eine ganz andre Physiognomik geschrieben, als der menschenfreundliche Lavater. – Viel ist noch für den Physiognomiker übrig. Nationalphysiognomien, die Familie des vielartigen Adamsgeschlechts, vom Eskimo an bis zum Griechen. In Europa, nur in Deutschland, welche Verschiedenheit, die keinem Beobachter entwischt? Köpfe, mit dem Gepräge der Regierungsform, welche immer unsre Erziehung vollendet; ruhiger Troz auf Gesez' im Republikaner; Troz des Sklaven, der's stolz fühlt, daß er empfangene Prügel wieder austheilen darf; Griechen unter'm Perikles und unter Hassan Pascha; Römer im Freistaat, unter Kaisern, unter'm Pabst; Engländer unter Heinrich VIII. und Kromweln. Die sogenanten Patrioten Hamden, Pym und Van' haben mich immer durch ihre Bildung frappirt. Hankok und Lord North. Alle Hauptvariatäten der Schönheit nach dem Geschmak verschiedner Nazionen. –" Seit. 399. bis 408.

 

[Manuskriptseite 94.]

[Ib-07-1780-0217]
5) Die Verschiedenheiten der Nazionen erklärt! –

 

[Ib-07-1780-0218]
"Er leitete von den Steinkohlen die Melancholie der Engländer, von dieser ihren Eigensin, ihre Freiheitsliebe, ihre Regierungsform ab: von den flüchtigen Weinen der Franzosen ihren Leichtsin, von diesem ihre Sorglosigkeit für die öffentlichen Geschäfte, von dieser ihre Liebe zur Monarchie, wo alles von selbst geht, und sie sich nur zu bükken und zu schmeicheln haben, um höher zu kommen. Von dem rauhen Klima der Deutschen und dem Bier ihre Festigkeit, wobei er iedoch die Einschaltung machte, daß seit dem häufigen Gebrauch des warmen Getränks, besonders des Kaffee, diese Tugend sehr abgenommen und in eine weibische Weichlichkeit und Unentschlossenheit ausgeartet wäre, die, wenn sie nicht noch bisweilen vom Boden und Himmel überstimt würde, den ganzen Nazionalkarakter verändern könte. – Er gestand' ein, daß nichts liebenswürdiger sei als ein Deutscher, der gereist hat, ein Franzose, der alt geworden ist, und ein Engländer, der lange Iahr unter den Russen gewesen. Den Despotismus dieser Nazion schrieb' er der Streng' ihres Klima's , der Kargheit ihres Bodens und dem daherrührenden Mangel des grossen Haufens der Einwohner zu, denn überal, wo Mangel ist, ist Despotismus, weil der, der sich nicht zu helfen weis, sich alles blindlings gefallen läst. –" Seit. 427. 428.

 

[Manuskriptseite 95.]

[Ib-07-1780-0219]
XIIII.

 

[Ib-07-1780-0220]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des sieben und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1775.

 

[Ib-07-1780-0221]
1) Von Allegazionen im N. T. die wirklich nur Akkommodazionen sind.

 

[Ib-07-1780-0222]
"Matth. 13, 34. 35. sagt der Evangelist: Solches alles redet' Iesus durch Gleichnisse, auf daß erfült würde, das gesagt ist durch den Propheten, ich wil meinen Mund aufthun in Gleichnissen pp. Sieht man aber den 78sten Psalm, Vers 2, nach, so zeigt der Augenschein, daß Assaph die Geschichte des iüdischen Volks erzähle, und daß nicht die geringste Spur von einer Absicht auf den Messias zu entdekken sei. – Die Klage beim Ieremias 31, 15 geht offenbar auf die babyl. Gefangenschaft und wird Matth. 2. auf den Kindermord akkomodirt. Eben so bei'm Hoseas 11, 1. und Matth. 1, 15. –" Seit. 128.

 

[Ib-07-1780-0223]
2) Erklärung verschiedner Schriftstellen aus den Gewohnheiten der orientalischen Völker.

 

[Ib-07-1780-0224]
"Eine im Morgenland zur Mode gewordene Art von Ehrenbezeugungen gegen Propheten, oder sogenante Männer Gottes, sind Geschenke. (also nicht Bestechungen, nicht Gewinsucht immer, wie wir Abendländer denken würden.) Aus dieser Beobachtung erhält unter anderem 2. Kön. 8, 8. u. 9. gutes Licht –

 

[Manuskriptseite 96.]

Viel Pomp und Gepränge war bei Überbringung der Geschenke wesentlich; hieraus begreift man Richt. 3, 18. und andre Stellen. Past auch auf die Geschenke der Weisen aus Morgenland. – Niederfallen ist eine oft nur menschliche, nicht immer götliche Verehrung; daher klärt sich Offenb. 19, 10 und 22, 9. und Ap. Gesch. 10, 36. auf: auch Dan. 2, 46. ist keine götliche Verehrung. – Das Küssen des Saums, des Kleides läst sich gut auf Luk. 8, 44. anwenden. Sonach hätte die kranke Person, was sie that, gar nicht aus einer Art von Aberglauben, sondern aus wahrer Ehrerbietung gethan. – Särge scheinen bei den Hebräern gar nicht Mode gewesen zu sein; wol aber bei den Ägyptern; daher erhält 1. Mos. 50, 26. und noch mehr 2. Kön. 13, 21 wolthätiges Licht. – Bei den Morgenländern sind seltsame, räthselhafte, bildliche Titel der Bücher gewöhnlich. Möcht' auch auf gewisse Psalmen passen. – Er ist freigebiger mit Metaphoren, von allerhand Thieren hergenommen, auch weit kühner in den Bildern, als wir kalten Abendländer, z. E. die Namen, Löwe, Bär, Esel. (Solte nicht wol auch der Fuchs Luk. 13, 32. einige Beleuchtung nöthig haben.) Räuchwerk ist dort sehr beliebt! Der Morgenländer raffinirt so sehr viel mehr, als wir, über den Wolgeruch,

 

[Manuskriptseite 97.]

daß ihm gewis wir Abendländer keine Nasen zu haben dünken müssten! Eine Idee, die unter andern Schriftstellen die kühne Metapher, 2 Kor. 2, 15. 16. aufklärt. –" Seit. 204. 205. 206. 207.

 

[Ib-07-1780-0225]
"Hier giebt der V. (Faber) der, bei unsers Erlösers Tod erfolgten, sogenanten, Sonnenfinsternis (Matth. 27, 49) eine vortrefliche Aufklärung – nach welcher diese Begebenheit nichts weiter, als natürliche Folg' ienes Erdbebens (also nur anscheinend) war." Seit. 208.

 

[Ib-07-1780-0226]
3) Vom 53.ten Kapitel des Iesaias

 

[Ib-07-1780-0227]
"Den Vers 4. übersezt Hr. Döderlein also: "Aber unser Elend war's, was er trug: und von uns verschuldete Strafen, was er erduldete: würdig, von uns hochgeschäzt zu werden, wiewol er von Gotteshand also geschlagen war u. s. w." Bei Vers 8, und 9. erinnert er: Das $$ könne bedeuten nach, und $$$ sei von Volziehung der Lebensstrafe, Exekuzion, Hinrichtung eines Missethäters nicht ungewöhnlich, vergl. 1 Kön. 20, 33. ferner, $$$ hiesse niemals, Lebenszeit eines Menschen; wol aber atas, Zeit, d. i. hier metonymisch, Zeitgenossen, coaevi , und endlich $$$ oder $$$ schiene auch die Bedeutung von zwingen, abhalten oder wehren zu haben, wobei er Sprüchw. 12, 25 ver

 

[Manuskriptseite 98.]

gleicht. Sonach übersezt er denn: v. 8. "Nach der Angst des Gerichts (Blutgerichts) wird er zur Lebensstraf' hingerissen! Wer wird sein Volk (seine Zeitgenossen) halten, bändigen, daß sie ihn nicht sofort aus dem Lande der Lebendigen vertilgen." (So gros wird der Blutdurst des iüdischen Volks, seines Volks sein, daß er nicht anders, denn durch Vergiessung des unschuldigen Bluts ihres Messias wird gelöscht werden können.) "Durch meines Volkes Bosheit wird er so gemartert." (V. 9.) "Es bestimt ihm ein Grab bei den Missethätern" (den übrigen Delinquenten, auf dem Hochgericht) "aber bei den Reichen sol er seine Grabstätte finden; er, der nie iemand Gewalt noch Gewa Unrecht gethan, noch Betrug." –" Seit. 214. 215.

 

[Ib-07-1780-0228]
XV.

 

[Ib-07-1780-0229]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des sieben und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1776.

 

[Ib-07-1780-0230]
1) Vom Niesen.

 

[Ib-07-1780-0231]
"In der Schleimhaut (in der Nasen) befindet sich eine unglaubliche Menge Pulsadern, aus deren Öfnung beständig eine Feuchtigkeit ausschwizt, welche die eingehende und ausgehende Luft verhindert, dem innern Theil der

 

[Manuskriptseite 99.]

Nase, durch die Verhärtung, die Empfindlichkeit zu benehmen. Welcher künstlicher Mechanism ist bei'm Niesen in der Natur angeordnet. Ein Zweig der Nerven (das sogenante fünfte Paar) hat in der Nase seinen Siz, und ist mit einem andern Nerven (des sechsten Paares) so genau verbunden, daß der leztere, so bald er die Anhäufung des zähen Schleims in der ersten Region bemerkt, die Brustnerven sogleich davon benachrichtigt. Sie bringen in der Lung' eine so gewaltige Bewegung hervor, daß die Luft aus derselben mit Gewalt ausgestossen wird. Sie nimt ihren Ausgang durch die Nase, treibt den Schleim mit fort und's Niesen erfolgt – Das künstliche Niesen, welches durch den schädlichen Gebrauch des Tabaks verursacht wird, wird auf die nämliche Art erregt, denn überal ist in der menschlichen Maschine das Hauptgesez, daß allmal auf eine Empfindung eine Bewegung der innern oder äussern Theil' erfolgt." Seit. 442.

 

[Ib-07-1780-0232]
XVI.

 

[Ib-07-1780-0233]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des acht und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1776.

 

[Ib-07-1780-0234]
1) Von den 54 Evangelien der Christen.

 

[Ib-07-1780-0235]
"So viel ich nachweisen kan, sind falsche Evangelia actus, oder @@@@ @@@@@ Petri, apocalypses eben

 

[Manuskriptseite 100.]

unter den catholicis so sehr gäng' und gebe gewesen, daß man erst im 4ten Iahrhundert, mit Zuziehung der Bischöffe von mehreren grossen Provinzen, den canon, oder catalogum librorum, qui legi debent, einstimmig nach Verabredung festgesezt und andre viele von nun an namentlich ausgeschlossen hat.

 

[Ib-07-1780-0236]
Ich schenke gern einigen Gelehrten ihre gute Absicht und Arbeit de cura circa canonem, ich mus aber sagen, daß cura circa canonem erst im 4ten Iahrhundert algemein geworden. Noch zu Anfange des fünften Iahrhunderts hatt' Innozenzius nöthig, dem Bischoffe von Toulouse zu schreiben: cetera autem, quae vel sub nomine Mathiae, sive Iacobi minoris, vel sub nomine Petri et Iohannis, vel sub nomine Andreae, Thomae, et si qua sunt alia non solum respudianda, verum etiam noveris esse damnanda. Und wol gemerkt, dieser Bischof von Toulouse, mit Namen Exsuperius, hatte bei'm römischen Bischoff' ausdrüklich angefragt: was für Bücher in den Kanon aufgenommen werden sollen? Folglich kont' es dazumal noch wol keine so weltkundige Sache sein, als man gemeiniglich sich einzu

 

[Manuskriptseite 101.]

bilden pflegt. Um sich hiervon noch gewisser zu überzeugen, darf man nur den 47 Kanon des 3ten Karthaginensischen Konziliums vom Iahr 397 ansehen, in welchem allererst festgesezt, und dem römischen Bischof Bonifazius angezeigt wird, was für Bücher unter die kanonischen aufgenommen und als solche öffentlich vorgelesen werden solten.

 

[Ib-07-1780-0237]
Es ist also historisch wahr, daß man unter vielen Evangelien, welche alle von verschiednen Partheien, in verschiednen Provinzen, für echt gehalten und gebraucht wurden, nach vorhergegangner Verabredung, nur die vier' ausgesucht, und in den Kanon aufgenommen habe, welche noch iezt in unsrer Bibel stehen.

 

[Ib-07-1780-0238]
Der Grund, den der H. von Haller, als einen Beweis des Gegenteils anführt, verschwindet, sobald man ihn bei'm Lichte der Kritik besieht. So lang' Iohannes lebte, konte Niemand in seiner Gegenwart ihm ein Evangelium andichten, welches er nicht geschrieben hatte: das ist freilich wahr; aber kont' in entfernten Provinzen, konte nach seinem Tode, dieser Betrug eben so wenig stat finden, zu einer Zeit, wo Bücher Iahrhunderte lang in einer Stadt, in einer Provinz, verborgen bleiben konten, weil's Mittel zur algemeinen und geschwinden Bekantmachung derselben, die Buchdrukkerei, noch

 

[Manuskriptseite 102.]

nicht erfunden war? Aber man verwahrt' ia, sagt man, wie Tertullian versichert, authentische Urkunden der Apostolischen Handschriften: wie wär' es also möglich gewesen, daß untergeschobne Bücher hätten Glük machen können!

 

[Ib-07-1780-0239]
Das ist nun wieder so etwas dahin gesagtes, welches so lange gilt, bis es iemandem einfält, seinen Tertullian selbst nachzuschlagen. Dieser lateinische Kirchenvater sagt weiter nichts, als daß bei denienigen Gemeinden, welche von den Aposteln gegründet wären, ipsas authenticas Apostolorum litteras recitari. V. de Præscript. haeres. c. 36. Aber erstlich die Frage, ob Tertullian dieses blos als eine ungewisse Sag', oder nach eingezogner sicherer Nachricht schreibe, welches mit Recht in Zweifel gezogen werden kan, und welches sogar Hr. Ernesti thut. Zweitens haben schon längst verschiedne scharfsinnige Kunstrichter, wie z. E. R. Simon, geurtheilt, daß das Beiwort authentisch blos auf die griechische Sprache gehe, so daß Tertullian weiter nichts habe sagen wollen, als daß in ienen Kirchen, nicht aus der lateinischen Übersezzung, sondern aus einem griechischen Kodex Vorlesungen gehalten würden; eine Erklärung, welche dadurch wahrscheinlich wird, daß hier ein la

 

[Manuskriptseite 103.]

teinischer Kirchenvater redet, der an Orten lebte, wo man sich nur der lateinischen Übersezzung und nicht des Originaltextes zu bedienen pflegte. Die dadurch vergrösserte Wahrscheinlichkeit, daß Tertullian blos vom griechischen Originaltext rede, erhält endlich auch noch dadurch ein besondres Gewicht, daß er sagt, es würden aus diesen authentischen Schriften öffentliche Vorlesungen gehalten, recitari. Es ist nämlich nicht glaublich, daß diese Schriften, wenn man sie 200 Iahre lang auf diese Weise gebraucht hätte, nicht schon längst solten abgenuzt und zum öffentlichen Gebrauch' untauglich geworden sein; und noch unglaublicher ist's, daß man eine solche Seltenheit nicht sorgfältig geschont, und durch Beilegen vor dem Abnuzzen solte verwahrt haben. – –" Seit. 13. 14. 15. 16.

 

[Ib-07-1780-0240]
2) Die Welt ist - von Ewigkeit her – von Gott geschaffen.

 

[Ib-07-1780-0241]
"Wenn Gott unveränderlich ist, so findet keine Folge von Vorstellungen bei ihm stat. Diese müst' aber bei ihm stat gefunden haben, wenn die Welt einen Anfang gehabt hätte. Denn daß ein Wesen, ausser Gott, zum Dasein kömt, das mus doch lediglich seinen Grund in der Vorstellung oder im Willen des Unend

 

[Manuskriptseite 104.]

lichen haben. So alt also diese Vorstellung, dieser Will' ist: (und der mus, wenn Gott unveränderlich ist, so alt, als Gott selbst, also ewig sein) eben so alt mus auch das dadurch in's Dasein hervorgerufne Wesen sein. Und so wenig Gott, ohn' in seinen Vorstellungen der Veränderlichkeit unterworfen zu sein, einmal aufhören kan, sich die Welt als existirend vorzustellen, d. h. so wenig Gott aufhören kan, die von ihm erschafne Welt zu erhalten: eben so wenig kan's einen Theil der Ewigkeit a parte ante gegeben haben, in welcher Gott sich die Welt als noch nicht existirend vorgestelt, d. h. in welcher Gott die Welt noch nicht erschaffen hätte, weil's Gegentheil gleichfals eine Veränderlichkeit in seinem unveränderlichen Verstande voraussezzen würde. So gewis es demnach ist, daß keine von Gott erschafne Substanz iemals ein Ende nehmen könne, so gewis ist's auch, daß keine derselben iemals einen Anfang genommen habe.

 

[Ib-07-1780-0242]
Die Wahrheit, daß die Welt nicht nothwendig, sondern zufällig sei, beibt bei dieser Meinung unangefochten. Denn man sagt ia nicht, daß die Welt ewig sei, weil sie den Grund ihres Daseins in sich selber habe, sondern man sagt, daß sie deswegen so ewig als Gott sein müsse, weil sie den Grund ihres Daseins

 

[Manuskriptseite 105.]

im unveränderlichen Gott habe. Sie bleibt also immer abhängig; ihr Dasein bleibt immer bedingt, immer zufällig, ohne deswegen aufzuhören, ewig zu sein. –" Seit. 17. 18.

 

[Ib-07-1780-0243]
3) Vom Teufel.

 

[Ib-07-1780-0244]
"Moses trägt keine Dämonologie vor, aber er hatt' es auch nicht nöthig, die Lehre vom Einflus böser Geister unter seine Religionssäzz' aufzunehmen. Er schrieb zunächst zum Unterrichte solcher Menschen, die von der Gotheit überaus eingeschränkte und menschliche Vorstellungen hegten, Vorstellungen, welche sich noch lange Zeit nach ihm unter seinem Volk erhielten. Den Iehova, den er ihnen als den Gott ihrer Väter ankündigt' und allein zu verehren befahl, betrachteten sie in der That als ihren Familien= und Naturalgott, als den Schuzgott ihres Landes. Dabei war's ihnen gar nicht anstössig, wenn ihm menschliche Affekten, Zorn, Rache, Eifersucht, sogar Reue beigelegt wurden, nicht anstössig, wenn von ihm gesagt ward, daß er die Menschen verhärt' oder verstokke, und, um sie zu strafen, sie zu neuen strafwürdigen Verbrechen reize, nicht anstössig, wenn ihm alles Übel zugeschrieben ward als demienigen, ohne den kein Übel geschehe. Eben diese niedrige Begriffe von ihrem Iehova veranlasten, oder begünstigten wenigstens ihre häufigen Abfälle von der

 

[Manuskriptseite 106.]

Verehrung desselben zum Dienste der Götter ihrer Nachbarn, insonderheit der mächtigern unter denselben, und machten's ihnen möglich, neben dem Iehova auch die Schuzgötter andrer Völker und Länder zu verehren. Ein solches Volk nun, als die Israeliten viele Zeitalter hindurch waren, bedurfte keiner Theodizee, nach welcher ein Teufel der Gotheit untergeordnet oder beigesezt wird, der die Schuld, das Böse zu veranlassen und hervorzubringen, von demselben auf sich nehmen mus. Wozu war's nöthig, einen Anstos, den sie gar nicht finden, wegzuräumen? Allein als dieses Volk nach Babel weggeführt war, gieng eine grosse Revoluzion in der Denkungsart desselben vor. Nun wurden sie, dieienigen wenigstens, welche aus Babylon in ihr Vaterland zurükkehrten, weit getreuere und standhaftere Verehrer ihres Gottes, als sie iemals vorher gewesen, und Übertrit zum Heidenthum ward wenigstens nach dieser Zeit niemals mehr ein Verbrechen des ganzen Volks, das zurükgekehrt war. Ohne Zweifel hatten sie vermittelst und während ihres Auffenthalts in Babylon durch einen Zusammenflus mancher Ursachen reinere, würdigere und erhabnere Begriffe von ihrem Gott bekommen, sie sahen

 

[Manuskriptseite 107.]

ihn nun nicht nur für den höchsten, sondern auch den einzigen Gott, und für ein sehr volkomnes Wesen an. Aber nun musten ihnen iene zu menschliche Vorstellungen und Ausdrükke von Gott anstössig, insonderheit der Gedanke, daß Gott auf irgend eine Weise der Urheber des Bösen sei, unerträglich werden. Dies konten sie nun mit ihren erhöheten Vorstellungen von der Vortreflichkeit seiner Natur nicht reimen. Nun bedurften sie, um Gott schuldlos am Übel zu erklären, eines oder mehrer bösen Geister, auf welche sie die Schuld legen könten; und eben das, was ihnen so nöthig war, das trafen sie zu Babel an, ein böses Grundwesen, das mehr oder weniger von der höchsten Gotheit abhieng, und in der morgenländischen Philosophie bereits lange die wichtige Roll' eines Urhebers alles Bösen spielte. Diese Idee ergriffen sie nun mit Freuden, nahmen sie in ihre Philosophie und Theologie auf, machten sie gleichsam zur Unterlage, worauf sie ihre erhöhten Vorstellungen von Gott und der Vortreflichkeit seiner Natur bauten, und sie ward ihnen unentbehrlich, wenn sie's Übel in der Welt erklären und Gott desfals rechtfertigen wolten. Nehmen wir nun an, daß eben diese, gemeiner gewordne, erhöhten Vorstellungen von Gott die hauptsächlichste Ursach' ihrer standhaftern Anhänglichkeit an den Glauben und Dienst des

 

[Manuskriptseite 108.]

Einen wahren Gottes wurden; so läst sich leicht begreifen, warum die Lehre vom Teufel so gewöhnlich und so wichtig in der iüdischen Philosophie ward. Sie war mit dem Begrif und Bekäntnis eines höchsten Gottes und der Denkungsart der Iuden so verflochten, und zusammengewachsen, daß, wer ihnen den Teufel leugnet' oder den Begrif desselben raubte, ihnen als ein Gottesleugner vorkam. –

 

[Ib-07-1780-0245]
Zum Beweis meiner Muthmassungen werd' ich hier nur dasienige anführen, was mich zuerst auf diese Gedanken gebracht hat, nämlich die Vergleichung der beiden Parallelstellen 2 Sam. 24. 1. und 1 Chron. 22, 1. Der Verf. des ersten Buchs, der, wie man algemein annimt, vor der babylonischen Gefangenschaft lebte, schreibt die vom David vorgenommene Zählung des Volks einem Zorn des Iehova's zu, völlig nach der Denkungsart, die ich den Zeiten, worin er schrieb, beigelegt habe. Der Zorn des Herrn ergrimmet' abermal wider Israël und reizete David unter ihnen, daß er sprach: geh' hin, zähl' Israel und Iuda. Hier ist noch von keinem Satan die Rede, aber der Chronikenschreiber, der, wie wir unter andern aus den späten fortgesezten Geschlechtregistern sehen, nach der obgedachten Gefangenschaft lebte, läst den Satan das verhaste Geschäft der Verleitung David's zu

 

[Manuskriptseite 109.]

dieser Sünd' übernehmen. Der Satan stand wider Israël und gab David ein, daß pp. dies scheint mir genug zu beweisen. – Ausserdem find' ich in einer Abhandlung des H. Michaelis Part. II. Syntagm. Comment. De indiciis gnosticae Philosophiae tempore LXX Interpretum et Philoris eine Bemerkung, die mir eben dies zu bestätigen scheint. Er bemerkt nämlich, daß der griechische Übersezzer des ersten Buchs Mos. Genes. VI. 6. anstat des anstössigen und der Gotheit unwürdigscheinenden Ausdruks "da gereueht' es Gott" pp., ein Wort gesezt, das Überlegung bedeutet, folglich die Reue wegübersezt habe. Dies zeigt, daß man damals schon zu erhöhte Begriffe vom Iehowa gehegt habe, als daß man die Vorstellung, daß ihn etwas gereuet habe, damit vereinigen könte. –" Seit. 162. 163. 164. 165.

 

[Ib-07-1780-0246]
XVII.

 

[Ib-07-1780-0247]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des acht und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1776.

 

[Ib-07-1780-0248]
1) Von den Blutkügelgen.

 

[Ib-07-1780-0249]
"De Turr' hat mit vieler Sorgfalt entdekt, daß die Blutkügelgen aus kleinen häutigen Säkken bestehen, die elastisch sind,

 

[Manuskriptseite 110.]

und durch den Druk eine andre Gestalt annehmen. – – " Seit. 354.

 

[Ib-07-1780-0250]
2) Von der Neigung der Pflanzen sich zu begatten.

 

[Ib-07-1780-0251]
"Bei einigen Pflanzen steigen die zuvor hängende Staubfäden auf, und legen ihre Staubkolben auf oder an 's Pistil; bei andern wandert 's Pistil zu den Staubfäden. Staubfäden und Pistille ziehen sich bei äusserm Reize, mehr oder weniger zusammen, und entdekken dadurch Empfindlichkeit. Beide Eigenschaften, das Wandern der Geschlechtstheile gegen einander, und die Reizbarkeit, scheinen einander verwand, vielleicht von einer Ursach' herrührend, und nur in mehr oder weniger unterschieden. –" Seit. 384.

 

[Ib-07-1780-0252]
3) Von Matth. XVI. 18.

 

[Ib-07-1780-0253]
"Sie kan so gegeben werden: Meine Anhänger oder Bekenner sollen nie aussterben; wenn die Verfolger ihrer noch soviel töden, so sollen sie sie doch nicht ganz aufreiben. Denn die @@@@ @@@@ sind der Hebräer $$$$ $$$$, und zu diesen hinunterfahren, oder von ihnen überwältigt werden, heist sterben. –" Seit. 420.

 

[Ib-07-1780-0254]
4) Von der Sprache der Thiere.

 

[Ib-07-1780-0255]
"Daraus, daß wir z. E. die Sprache der Hühner nicht verstehen, daraus, daß sie vielleicht nicht so wortreich, nicht so volkommen, als die unsrige ist, kan man nicht schliessen, daß sie gar keine haben. Würde dieses nicht zugleich eine Demüthigung für

 

[Manuskriptseite 111.]

einen grossen Theil der mit wahrer Seele begabten Menschen, oder eine Erniedrigung für die Esquimaux sein, deren Gaumensprach' einem Europäer kaum eine Sprache scheinen kan? Und wenn Sprache blos sinlicher Ausdruk der Begriff' ist, so dächten wir, brauchte dieser Ausdruk nicht eben alleine durch den Mund zu geschehen; der Hund drükt, ohn' abgerichtet zu sein, gewis durch's Wedeln des Schwanzes aus, und was hindert's, daß dergleichen auf eine uns noch unbekante Art, vielleicht durch geschwinderes Schnauben, Odemholen pp. geschieht, die blos Thieren unter sich bekant ist. –" Seit. 467.

 

[Ib-07-1780-0256]
XVIII.

 

[Ib-07-1780-0257]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des neun und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1776.

 

[Ib-07-1780-0258]
1) Der äusserliche Dienst der Iuden war kein Bild auf Christum.

 

[Ib-07-1780-0259]
"Wäre dieser Grundsaz wahr, so würde gewis die alleraufgeklärteste Religion der alten Welt, nämlich die Iüdische – noch weniger gehabt haben, als das Heidenthum. Denn dieses gab doch am End' einen deutlichen Aufschlus von der ganzen emblematischen Theologie; aber dieser klare deutliche Aufschlus, was die Reinigungen, Opfer u. s. w. bedeuten sollen, findet sich nirgends in den Schriften des A. T. Aber eine Offenbarung, welche den grossen Wahrheiten

 

[Manuskriptseite 112.]

nur unter dunkeln Bildern und Gebräuchen vorträgt, die nie erklärt werden, ist ein wahres Unding. – Wolte man sagen, daß die Israeliten die geheime Bedeutung wol gewust, so möcht' ich nur zwo Fragen mir beantworten lassen. Woher wir überzeugend wissen, daß sie deutlich dieses gewust haben? Dunkle Begriffe von einer noch dunklern Sach' haben, ist eben so gut, wo nicht schlimmer, als gar keine haben. Und wenn wir auch dieses zugeben, war's dan etwa aus einer mündlichen Überlieferung dieser so irrigen Quelle? Die grosse Wahrheit vorstellig zu machen, Gott wird einmal's Opfer seines Sohns für die Sünden aller Menschen annehmen, war eine einzige Art von Opfern schon genug. – Wo ist die wahre Gränzscheide zwischen wirklichen, symbolischen und andern Gebräuchen? – Wie schikt sich die geheimnisvolle Sprache für ein Volk, dem die Wahrheit algemein geoffenbart werden solte? – Daß Philo, daß die Schriftsteller des N. T. nach der Art der iüdischen Hermenevtik also reden ist nicht zu verwundern. Aber diese Hermenevtik ist nicht eher, bei den Iuden aufgekommen, als wie bereits die egyptische Philosophie bei ihnen Fus gefast hatte, und Philo selbst leitet's Allegorisiren von den Essäern her. Die Apostel

 

[Manuskriptseite 113.]

selbst thaten's. Die Stelle 1 Kor. 10, 4 beweist dies. Es erhelt, daß die Apostel auf iüdische Art allegorisirten. –" Seit. 41. 42.

 

[Ib-07-1780-0260]
XVIIII.

 

[Ib-07-1780-0261]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des neun und zwanzigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1776.

 

[Ib-07-1780-0262]
1) Moses ist nicht von Gott begraben worden.

 

[Ib-07-1780-0263]
"Bei 5. Mos. 34, 6. haben die Ausleger eine Schwierigkeit zu finden geglaubt, weil sie gemeint hatten, es stünde da, oder liege dem Verstande nach darinnen, daß Gott den Moses begraben habe. Aber weil's Subiekt Gott hier nicht steht, sondern nur die dritte Person des hebr. Verbi $$$$; so hab' ich hier niemals eine Schwierigkeit gefunden. Luther und alle Kenner der hebräischen Sprach', übersezzen ia unzähligemal die dritte Person des hebr. verbi impersonaliter. Das hat Luther mit diesem Worte $$$ selbst gethan 2. B. d. Kön. 21, 26. und es daselbst übersezt: man begrub ihn. Hier kan man eben so übersezzen. Die LXX haben diese Stell' ebenfals so verstanden. Denn sie haben übersezt, sie begruben ihn, nämlich gewisse Israeliten. – – " Seit. 462.

 

[Manuskriptseite 114.]

[Ib-07-1780-0264]
XX.

 

[Ib-07-1780-0265]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des dreissigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1777.

 

[Ib-07-1780-0266]
1) Wie ein Lehrer gegen seine Schüler handeln müsse.

 

[Ib-07-1780-0267]
"Die Schulstunden solten gleichsam Umgangsstunden des Lehrers mit den Schülern sein, wo der erstere das Recht und Ansehen haben mus, den Ton anzugeben und die Gespräche zu lenken, auch Stilschweigen zu gebieten, wenn's die Umständ' erfordern. Aber er mus die strenge Forderung des Pytagoras nicht thun, und ieder mus die Erlaubnis haben zu reden, wenn das, was er sagt, nur zur Sache gehört. Ein mitgetheilter Gedanke des Lehrers zeugt in den Seelen der Schüler andre. Sie geben ihm Beifal oder widersprechen ihm nach der verschiednen Beschaffenheit ihres Geistes. Er lokt durch Fragen ihre Meinungen heraus, hat Veranlassung ihre falschen Begriffe zu berichtigen, die Zahl ihrer Ideen zu vermehren, und sie – sokratisch möcht' ich sagen, wenn dies nicht zu stolz klingt – dahin zu führen, wo er sie haben wil. Der Geist des Widerspruchs ist durch und

 

[Manuskriptseite 115.]

durch in die menschliche Natur verwebt. Daher die vielen Säzze, in der gewöhnlichen Unterredung eines Menschen mit dem andern, die sich mit aber anfangen, daher alle Prüfungen und Widerlegungen unter den Gelehrten.

 

[Ib-07-1780-0268]
Ich denke, er entsteht aus dem Gesez der Assoziazion. Wenn Andre uns ihre Gedanken sagen: so hängen sich in unsrer Seele gleich andre daran, die sehr nahe liegen, und die dem Andern, weil seine Ideen einen andern Weg giengen, und weil seine Seel' entweder von Iugend auf, oder doch, als er seine Gedanken niederschrieb, eine andre Richtung hatte, nicht aufstiessen. Man mus also die Kinder nicht hindern, ihre Gedanken an die unsrigen anzufügen, damit wir Gelegenheit haben, den Gang ihrer Vorstellungen und die Eng' oder Weit' ihres geistigen Gesichtskreises zu bemerken, und ienen ebenfals einen andern Lauf, diesem mehr Ausdehnung zu geben. – Eigentlich ist der, oft unrecht so genante Widersprechungsgeist natürliche Wisbegierd' und eigentlich ein Bestreben der Seele, eine Sach' unter ihren eignen Blik zu bekommen, und mit eigenthümlicher Sehkraft zu durchschauen. Und die zwischen verschiednen Menschen von einander abweichende Abformung des Bildes von einer und derselben Sach', entsteht aus den abweichenden Ideenverbindungen, die wieder ein natürlicher Erfolg von den verschiednen Seiten einer Sache sind, die's Auge des Einen oder des Andern an sich heranlokken. –" Seit. 42. 43. 44.

 

[Manuskriptseite 116.]

[Ib-07-1780-0269]
2) Vom Himmel.

 

[Ib-07-1780-0270]
"Die diesem Körper anklebende, dem gegenwärtigen ersten Leben eigenthümliche, Schmerzen und Widerwärtigkeiten, werden in ienem Leben hinwegfallen. Wird's aber, sol's, aber kan's aber von allen Unannehmlichkeiten überhaupt ganz frei sein? Berechtigen uns Bibelsprüche zu dieser Angabe? Ein Gemälde ohne Schatten ist ein Unding. Ein Körper, der angenehmer Eindrükk' empfänglich ist, wird eben dadurch den entgegengesezten blosgestelt, ist sofort unangenehmer fähig. Die Raupe, welche sich der Erd' entschwungen, und als Schmetterling ein Luftbürger geworden, ist dadurch nicht allen widrigen, schmerzhaften Zufällen entgangen. Der Mensch, auch der bessere, ist und bleibt stets ein vermischtes, ein sinlichgeistiges, ein eingeschränktes, also schmerzenempfängliches Geschöpf, ein Wesen, das keiner reinen Glükseeligkeit fähig ist. – Wie die Gesichter; so die Karaktere. Keiner dem andern volkommen gleich. So viele Menschen: so unmerklich verschieden ist auch die Kultur, der Gehalt und Werth derselben. Die zwo grosse Abtheilungen der Menschen in Gut' und Böse, stehen in Systemen, Kompendien und Predigten, sind aber nicht in der Natur.

 

[Manuskriptseite 117.]

Weder Himmel noch Höll', im gangbaren Sin, möchte für gar manche Menschen nicht passen. Von eben der Stufe der Moralität, worauf der Mensch in diesem ersten Leben gestanden, wird er, unter der weisen Regierung des ewig Gütigen, almählig weiter sich heben, sich bilden, sich Glükseeligkeit bereiten, – zu dem, nach der menschlichen Einschränkung überhaupt und seiner individuellen Anlag' in's besondre, erreichbaren Ziel' aufstreben. –" Seit. 178. 179.

 

[Ib-07-1780-0271]
XXI.

 

[Ib-07-1780-0272]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des dreissigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1777.

 

[Ib-07-1780-0273]
1) Von den Wundergaben.

 

[Ib-07-1780-0274]
"Im 13. und 14. Kap. 1. Kor. findet sich der beste Schlüssel zu der ganzen Archäologie der christlichen Kirchenzucht: wie sehr auch diese klassischen Kapitel zum Behuf der Behauptung der eigentlichen Wundergaben sind gemisbraucht worden. Uns dünkt, daß dreierlei unwidersprechlich daraus kan dargethan werden. 1. Die daselbst genanten Gaben sind nicht nothwendig wunderthätiger oder ausserordentlicher Art, vielmehr waren sie wahrscheinlich blos ordentliche und gewöhnliche Gaben. 2. Sie erregten viele Unordnung, Neid, Eifersucht, Feindseeligkeit, Streit und Zank. 3. Paullus sezt kein grosses Gewicht darauf, legt ihnen keinen

 

[Manuskriptseite 118.]

grossen Werth bei. – Was das erste betrift, so kan man nicht absehen, wie man, 1 Kor. 12, 10. 28=30. zufolge, alle diese Namen anders als von Ämtern und Verrichtungen verstehen könne. Um's nur an einigen zu zeigen: so fält's in die Augen, daß die @@@@@@ @@@@@@, @@@@@@, die in einer Reihe mitten unter den @@@@@@ @@@@@ stehen, wol nichts übernatürliches erfordern. Kalvin hat sie zur Kirchenzucht gerechnet, und in seiner Liturgie durch die Anciens und Diacres nachgeahmt. Noch mehr! Die @@@@@@@@@ @@@@@@@@@ ist von gelehrten Auslegern so wenig für eine übernatürliche Gabe gehalten worden, daß Melanchthon über 1 Kor. 12, 10. anmerkt: "Ut initio primi authores et propagatores anabaptisticae superstitionis magnam speciem religionis offundebant, oculis hominum, iactitabant singulares revelationes et narrabant quales in corde motus sentirent. Haec nova species apud multos, ut apud Carolostadium , pariebat eis admirationem. Sed Lutherus statim animadvertit fucum , quia non docebant iustitiam fidei, sed efferebant suam sapientiam et sua exercitia. Et in urbe Monasteriensi in Westphalia, priusquam erupissent manifesta scelera Anabaptistarum acerrime adversatus est eis initio Hermannus Buschius, vir nobilis et poeta, cum segrega

 

[Manuskriptseite 119.]

tionem facere inciperent Ecclesiae punae a reliquis, quorum mores reprehendebant." Das ist die ganze Sache. Melanchton findet in der Unterscheidungsgabe der ersten Kirch' eben so wenig Übernatürliches, als in der Unterscheidungsgabe Luther's und Herman Buschen's. Man hatte seine Grundsäzze, wornach man beurtheilte; man macht' es also gerade so, wie man's in allen andern Arten des Umgangs und der Geschäfte macht. So denkt der nämliche Gottesgelehrte von der @@@@@@@@ @@@@@@ und von den @@@@ @@@@@@. Er versteht unter dem leztern die natürliche Geschiklichkeit, viele Sprachen zu verstehen, so wie sie Reuchlin z. E. besessen, und unter der erstern die Wissenschaft, schwere Fragen auseinander zu sezzen, so wie sie Luther gehabt. "Ut quamquam Caprio ", sagt er, "novit multas linguas, tamen non potuisset controversiam de iustitia fidei aut potestate Episcoporum exponere, ut Lutherus." Womit wil man darthun, daß in der langen Liste von Gaben etwas übernatürliches vorkomme, da darin nichts angedeutet wird, was wir nicht alle Tage vor unsern Augen sehen können? – –

 

[Ib-07-1780-0275]
Und diese Gaben, waren sie das, was das Christenthum am schäzbarsten hat? Waren sie nicht vielmehr hie und da, durch unverständigen, eitlen Gebrauch der eigentlich christlichen Volkommenheit schädlich? Der Augenschein

 

[Manuskriptseite 120.]

in den vielen Klagen des Paullus lehrt's, wie viele Noth der Eigendünkel, die Selbstzufriedenheit und die Prahlsucht der Begabten dem weisen Apostel machten. Der Melanchthon deutet sehr scharfsinnig auf die prahlhaften, eiteln graeculos, die die christlichen Versamlungen nicht zum Aufenthalt der Belehrung und Erbauung, sondern gern zum Schauplaz ihrer Eitelkeit gemacht hätten, wo sie ihre Beredsamkeit und Sprachkentnis zeigen könten; so wie sie's in ihren gelehrten Geselschaften bei Vorlesung ihrer Gedichte, Deklamazionen und Lobreden gewohnt waren: "quia, ut alioqui graeci homines amarunt eloquentiam, ita magis delectabantur cognitione multarum linguarum. – Vult autem Paullus dicentes in publico coetu non theatricam ostentationem instituere, ut apud Ethnicos fuit usitatum, recitare Poemata aut Panegyricos in spectaculis; sed servire utilitati discentium et accendi pios affectus et invocationem." Waren nun diese Gaben für den Christen, der zur innern Volkommenheit strebt, sehr zu beneiden? –

 

[Ib-07-1780-0276]
Es ist daher gar nicht zu verwundern, daß Paullus

 

[Manuskriptseite 121.]

aus allen diesen Gaben nicht viel macht. Sie erschwerten ihm seine Arbeit an den Gemeinen mehr, als wir's vielleicht iezt denken, da sie so oft zu Verachtung, Eigendünkel, Sektirerei und kindischen Spielen Anlas gaben, die alle von der innern Kraft der Gotseeligkeit abführten. Bald hatt' er hier einen aufzurichten, den der Mangel an Gaben, die andre besassen, niederschlug und verzagt machte; bald must' er dort dem Eigendünkel eines andern begegnen, der sich ein besserer Christ dünkte, weil er Geschiklichkeiten besas, woran's andern fehlte; indem er allen zeigte, daß das nicht's Höchst' und Best' im Christenthum sei, sondern daß es Gaben gebe, die mehr werth sein, und ein ieder Christ erlangen könne und solle. So entscheidet er also endlich die Schwierigkeit ganze Streitigkeit 1 Kor. 12, 31. in den merkwürdigen Worten: Strebet nach den besten Gaben. Und ich wil euch einen köstlichern Weg zeigen. Diese beste Gaben, dieser köstlichere Weg sind das, was er im folgenden Kapitel anpreiset: Glaube, Liebe, Hofnung. Von Wundergaben sagt er nichts. – –

 

[Ib-07-1780-0277]
Wenn die ersten Christen solche Wunderthäter gewesen sein sollen, warum haben sie sich aus so vielem Ungemach, das sie erlitten, nicht durch Wunder errettet? – –" Seit. 323. 324. 325. 326. 327.

 

[Manuskriptseite 122.]

[Ib-07-1780-0278]
2)

 

[Ib-07-1780-0279]
Hölty's Zufriedenheit mit der Welt!
"Die Freude wohnt auf allen Wegen
Die durch dies Pilgerleben geh'n;
Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,
Wenn wir am Scheidewege steh'n.
Noch rint und rauscht die Wiesenquelle,
Noch ist die Laube kühl und grün;
Noch scheint der liebe Mond so helle,
Wie er durch Adams Bäume schien.
Noch tönt der Busch vol Nachtigallen
Dem Iüngling hohe Wonne zu,
Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen,
Selbst in zerrisne Seelen Ruh'.
O wunderschön ist Gottes Erde,
Und werth, darauf vergnügt zu sein,
Drum wil ich, bis ich Asche werde,
Mich dieser schönen Erde freu'n. –"

Seit. 441.

 

[Manuskriptseite 123.]

[Ib-07-1780-0280]
XXII.

 

[Ib-07-1780-0281]
Iakob Ionas Björnståhl's Brief auf Reisen, durch Frankreich, Italien, die Schweiz, Deutschland, Holland, England und einen Theil der Morgenländer. Aus dem Schwedischen übersezt. Erster Band, der die Reisen durch Frankreich und Unteritalien enthält. Stralsund, bei Christian Lorenz Struk. 1777. Rostok und Leipzig, in Kommission bei Iohan Christian Koppe.

 

[Ib-07-1780-0282]
1) De Torre's Erfindungen in den Mikroskopen.

 

[Ib-07-1780-0283]
"Da er Vergrösserungsgläser erfunden hat, die den Durchmesser des Gegenstandes 1000, ia 2000 bis 2560 mal vergrössern, so können Sie urtheilen, wie viel man sieht, das sonst unsichtbar ist. Ich sahe Floheier, die mit dem blossen Auge nicht zu sehen waren, so gros als ein Daum oder eine Weinbeere, und das noch mit einem seiner schlechtesten Mikroskopen; denn wenn der Durchmesser nur 1000mal vergrössert wird, so wird die ganze Oberfläch' um eine Million mal grösser u. s. w., anstat, daß die besten bisher bekanten Gläser, den Durchmesser nicht mehr als 400 mal, das ist die Oberfläch' oder den äussern Umfang nicht mehr als 160000 mal vergrössern können. Er macht diese Gläser selbst, welche weiter nichts als eine ganz feine Kristalkugel sind; ie kleiner diese Kugel ist, ie mehr vergrössert sie den Gegenstand, in dem Verhältnisse, daß

 

[Manuskriptseite 124.]

der wahre Durchmesser des Gegenstandes sich zum vergrösserten verhält, wie 3/4 von dem Durchmesser der Kugel zu 8 Zol, oder 96 Linien; folglich macht eine Kugel, deren Durchmesser 2 Linien ist, den Durchmesser 64 mal grösser: durch eine Kugel von 1 Linie Durchmesser sieht man den Durchmesser 128 mal grösser als seine wahre Grösse: 1/5 Linie macht ihn 640 mal grösser: ist der Durchmesser der Kugel nur Ein Punkt, das heist, der 10te Theil der einer Linie, so vergrössert sie 1280 mal: ein Durchmesser von 2/3 Punkt macht 1920 mal, ein halber Punkt 2560 mal grösser: es versteht sich, daß hier nur vom Durchmesser die Red' ist, denn die äussere Fläche ist wird 2560 mal 2560, d. i. 6.553.600 oder über sechs und ein halbe Million mal grösser, als sie wirklich ist. – Bisher hat er's noch nicht dahin bringen können, eine so kleine Kristalkugel zu schmelzen, die nur 1/3 Punkts Durchmesser hätte; sie würde den Durchmesser des Gegenstandes bis auf 3840 mal vergrössern. –" Seit. 309. 310.

 

[Ib-07-1780-0284]
2) Von Blut= und Gehirntheilchen.

 

[Ib-07-1780-0285]
"Die Theile des Bluts sind näm nicht kleine Kugeln, wie man sonst behauptet hat, sondern sie sehen

 

[Manuskriptseite 125.]

aus wie Ring' oder Reifen, die in der Mitte leer, und länglicht sind: diese Ringe sind in einer beständigen Bewegung, rollen ab und an, und's ist sonderbar zu sehen, wie sie sich zuweilen vereinigen, sich wieder absondern, aber alzeit ihre ringförmige Figur mit dem leeren Raum' in der Mitte, behalten: zuzeiten wenn die Bluttheilchen gedrukt werden, öfnet sich der Ring, geht gleichsam in entzwei, und wird zu einer langen Kette, in der Bewegung aber schliest er sich sogleich wieder zu einem Ringe. Wenn's Blut mit Wasser vermischt wird, behält's auch seine Ringe, giest man aber zuviel Wasser darauf, so lösen sich die Ring' in ihre zusammenhängenden Theil' auf. Aus dieser Erscheinung erklärt sich der Gebrauch des Wassers in Krankheiten, die aus langsamen und verdikten Blut' entstehen, indem's Wasser die Ringe kleiner und geschikter macht, in alle grössere und kleinere Gefäss' einzulaufen, wodurch's Zusammenrinnen verhindert, und der Entzündung vorgebeugt wird. – –

 

[Ib-07-1780-0286]
Die Nerven hat er aus vielen geraden Fäden zusammengesezt gefunden, die nicht durchsichtig, aber von einer unglaublichen Feinheit sind, ohn' irgend eine Röhr' in der Mitte; zwischen diesen feinen Fäden liegen viele kleine runde Kügelchen, die durchsichtig sind, neben einander. Drukt man aber diese feinen Fäden, so geht in grosser Meng' ein durchsichtiges Wasser heraus,

 

[Manuskriptseite 126.]

welches vermuthlich's Vehikel der Kugeln ist. Das Gehirn besteht aus ganz kleinen Kugeln und nicht aus Malipighi's Drüsen. – Durch Mikroskopen hat er den Schweis oder die Ausdünstung sich in die Luft aufschwingen, und deren Theil' als kleine, feine und durchsichtige Scheibchen gesehen, (er nent sie Laminette), die in grosser Meng' ausdünsten und in der Luft sich zerstreuen. –" Seit. 311. 312. 313.

 

[Ib-07-1780-0287]
XXIII.

 

[Ib-07-1780-0288]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und dreissigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1777.

 

[Ib-07-1780-0289]
1) Der Verstand Adam's ist durch seinen Fal nicht verfinstert worden.

 

[Ib-07-1780-0290]
"Kan durch einen Fehltrit, zumal wenn die betrübten Folgen sogleich sehr schmerzlich gefühlt werden, der Verstand Schaden leiden? Ich dächte, er würde durch eine schmerzliche Erfahrung vielmehr aufgeklärter, und lernte Böses und Gutes unterscheiden. Piscator ictus sapit. –" Seit. 84.

 

[Ib-07-1780-0291]
2) Vom Kanon des A. T. – wiefern Iesus denselben für götlich hielt.

 

[Ib-07-1780-0292]
"Nach dem gewöhnlichen Lehrbegrif sind alle Bücher A. T. als in Einem Kanon der iüdischen Kirche vereint , und von

 

[Manuskriptseite 127.]

Iesu genehmgehalten, für götlich anzusehen, und als untrügliche Urkunden und Regeln des Wissens und Thuns für die Menschen in die fernste Zeitalter hinaus, zu schäzzen. Zwar billigt' Iesus den iüdischen Kanon überhaupt, im Algemeinen. Beim Volke, dessen Denk= und Sinnesart gereinigt und veredelt werden solte, durft' eine Samlung, an der's so fest klebte, nicht herabgewürdigt, in's Besondre bei'm Orden der Lehrer auch kein Schein einiger Geringschäzzung des heil. Buchs erregt werden, wenn anders iene grosse Absicht nur einigermassen erreicht werden solte. Aber Er, der durch seine natürliche Gaben, mittelst Nachdenkens, Lesens pp. die richtigsten, würdigsten Ideen von Gott sich gebildet, konte nicht mit vielen groben Vorstellungen, die im A. T. enthalten, einstimmig sein, und diese Stükke für unmittelbar inspirirt halten – oder er müste seine eigne Religionsbegriffe nicht für die wahre angesehen haben; – und gewislich wolt' er den Christen seiner, und der folgenden Zeiten, dieienige Hochachtung gegen ienen Kanon nicht beigebracht wissen, welche die Iuden vor solchem hegten, und noch iezt die meisten Christen. –" Seit. 91. 92.

 

[Ib-07-1780-0293]
3) Vom Alter unsrer Erde.

 

[Ib-07-1780-0294]
"Unsrer Erd' ein Alter von 6000 Iahren zu geben, hat grosse Schwierigkeiten. Von einer Veränderung, Erneuerung unsers Erdbals, redet Moses, und dieser mag eher ein solches Alter zu=

 

[Manuskriptseite 128.]

geschrieben werden. "Nahe bei einem Gewölbe" schreibt P. Brydone (in seiner Reise durch Sizilien und Malta 1 Th. S. 123. 124) "das nur 30 Fus tief unter der Erde, und vermuthlich ein Begräbnisplaz gewesen, ist ein Ziehbrunnen, wo verschiedne Lagen von Lava sind, und die Oberfläch' einer ieden Lag' ist mit ziemlich dikker Erd' überzogen. Wenn zwei tausend Iahr' und mehr dazu gehören, nur ein sehr dünnes, sparsames Erdreich auf der Oberfläch' einer Lava anzulegen: so mus eine noch längere Zeit zwischen iedem Ausbruch, woraus diese Lager entstanden, verflossen sein. Bei Iazi grub man durch 7 verschiedne auf einander liegende Strekken von Lava, deren Oberfläche parallel lief, und davon die meisten mit einem dikken Bette von guter, fruchtbarer Erde bedekt waren. Wenn wir nach der Analogie schliessen dürfen; so mus der Ausbruch, wodurch die unterste Lava entstanden ist, wenigstens vor 14000 Iahren aus dem Ätna geflossen sein," u. s. w. Diese und andre Dinge lassen auf eine ältere als sechstausendiährige Existenz der Erde schliessen. –" Seit. 94. 95.

 

[Ib-07-1780-0295]
4) Vom Kain – und von der Antretung des Lehramts von Iesu.

 

[Ib-07-1780-0296]
"Bei unwissenden, rohen undkultivirten Menschen, sind die Leidenschaften vorzüglich gewaltsam. In einem heftigen Anfal von Neid, versezte Kain seinem Bruder einen Streich, der tödlich gewesen, ohn' als solcher eigentlich

 

[Manuskriptseite 129.]

beabsichtigt zu sein; denn was Tod sei, wust' er noch nicht. –

 

[Ib-07-1780-0297]
Iesus konte sein Lehramt nicht eher, als nach dem dreissigsten Iahr' antreten. Das war Gesez. Dem must' er nachleben. Sonst würd' er sofort einen niedrigen Eindruk gegen sich gemacht haben. –" Seit. 95.

 

[Ib-07-1780-0298]
5) Einige Ursachen, warum Christus gestorben ist.

 

[Ib-07-1780-0299]
"Der Tod Iesu war nicht sowol ein blosses Beispiel das überhaupt sterben, sondern das die ersten Zeugen Iesu insonderheit für die Wahrheit und die Brüder sterben lehren und zu einem solchen Tode bereitwillig machen solte.

 

[Ib-07-1780-0300]
Ferner seine übrigen Wunder machten gewis nicht seinen Tod in Verbindung mit seiner darauf folgenden Auferstehung für uns entbehrlich und unnüz. Eine Hauptlehre des Christenthums war die Auferwekkung der Toden und ein künftiges Leben. Solte von dieser zur ganzen Moralität des Menschen und zu unsrer Beruhigung so wichtigen Wahrheit ein gewisser und faslicher Beweis für alle gegeben werden, so war gerad' eine solche Thatsache, als die Auferstehung Iesu, die schiklichste, und diese hätte nicht erfolgen können, wenn er nicht gestorben und durch sein Sterben noch in so mancher andrer Rüksicht die grosse Absicht seiner Sendung, Wahrheit, Tugend und Glükseligkeit auszubreiten, befördert hätte." Seit. 117.

 

[Manuskriptseite 130.]

[Ib-07-1780-0301]
XXIIII.

 

[Ib-07-1780-0302]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des ein und dreissigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1777.

 

[Ib-07-1780-0303]
1) Erklärung des Gesangs der DeboraB. d. Richter 5.

 

[Ib-07-1780-0304]
"Die Anfangsworte $$$$ $$$$ übersezt er (H. Schnurrer) quod imperio fungi voluerint duces in Isarële, indem er $$$$ caput, principem, familiae, und $$$$ vergleicht. Auch ist ihm der Zusammenhang mit dem folgenden, und die Alexandrinische nach der Alexandrinischen Handschrift, samt dem Theodozion günstig.

 

[Ib-07-1780-0305]
Die Koniektur, daß $$$ im 7ten Vers Heerführer wären, gibt dem 11ten V. viel Licht. – V. 8. kan man anstat $$$ $$$ punktiren, welches auch die Übersezzung: tunc facta est oppugnatio urbium, voraussezt.

 

[Ib-07-1780-0306]
$$$ $$$ $$$, sol der dichterische Ausdruk für den prosaischen $$$ $$$ $$$ sein, wie auch der Syrische Übersezzer haben wolte. $$$ sol stragula sein, worauf die Morgenländer zu liegen pflegen. Debora fodert alsdenn durch die beiden Säzze, $$$$ $$$$, und $$$ $$$ $$$ $$$ alle Einwohner des Landes, die müssigen und beschäftigten , zur Triumphfeierlichkeit auf. Denn cubare und ambulare ist bei den Hebräern eine Umschreibung aller Beschäftigungen des menschlichen Lebens.

 

[Manuskriptseite 131.]

Esai. XXXVII. 28. Ps. CXXXIX. 3. 5 B. Moses VI. 7.

 

[Ib-07-1780-0307]
$$$$$$, erklärt er durch Loosende, d. i. Beute Theilende, vermöge des arabischen Stamwortes; und zieht $$$$$$$$ zum folgenden Glied $$$ $$.

 

[Ib-07-1780-0308]
V. 12. wird der Sin des Triumphgesanges sehr erleichtert, wenn man in Gedanken supplirt: damals, bei den Kriegszurüstungen sprach ich: $$$, $$$ u. s. w. Debora war des Siegs schon so gewis, daß ein Siegslied ihr einziger Gedanke war.

 

[Ib-07-1780-0309]
V. 13–15. wird der Kriegszug beschrieben. Er übersezt so: Tunc descendit residuus contra potentes, populus Iehovae descendit mihi medios inter bellatores validos. De Ephraim descenderunt, quorum sedes in Amalek (monte), post te, (o Ephraim!) venit Beniamin cum cohortibus tuis, de Machir descenderunt praefecti militares, et de Sebulon tenentis baculum numeratoris. Primorii de Isaschar erant circa Deboram, et plebs Isascharitica, praesidium Baraci, in vallem missa pone eum.

 

[Ib-07-1780-0310]
Die Dichterin, eben so gut als die Szene der Schlacht, die in einem Thal war, erfodert, daß V. 18. das $$$$ $$$$$$ $$$$$ auf den Wohnsiz der Naphthaliten gezogen werde. Naphthali, das auf Gebirgen wohnt, verachtete sein Leben. – Man übersezz' also nicht ferner: Naphthali verachtet sein Leben auf Gebirgen. Denn die Schlacht war im Thal. Richt. IV. 14. – – V. 20. Die Sterne stritten aus ihren Bahnen mit dem Sisra – ist eine dichterische Beschreibung eines Gewitters." Seit. 556. 557. 558.

 

[Manuskriptseite 132.]

[Ib-07-1780-0311]
XXV.

 

[Ib-07-1780-0312]
Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Sechzehnter Band. Lemgo, in der Meier'schen Buchhandlung. 1779.

 

[Ib-07-1780-0313]
1) Die Einbildungskraft in Beziehung auf den Körper.

 

[Ib-07-1780-0314]
"Die ganze Vorstellungskraft des werdenden Menschen löst sich in sinliche Empfindung auf. Wenn alle Sinnen hernach wieder verschlossen würden: so würde doch die erste Erschütterung in der Seele, wie die Bewegung im Wasser, auch nach Stillung des Windes fortdauern. Eine solche Vorstellung sinlicher Eindrükke, nachdem ihr äusserer Gegenstand die Sinnen nicht mehr berührt, heist Phantasie oder Einbildung. Sie verhält sich gegen die wirkliche Empfindung, wie der Abdruk gegen's Urbild. Daher giebt's auch eine Kunst der Phantasie, wie's eine Zeichnungskunst giebt. Sie ist die Mutter so vieler andrer Seelenvermögen, so vieler Tugenden und Laster, und besonders die Mutter der schönen Künste. Einzig der Einbildungskraft sind wir's schuldig, daß unsre Ideen nicht gleich mit dem Eindruk verschwinden; daß der Punkt unsers Daseins sich in's Unermessene erweitert; daß Tag uns auch in Mitternacht leuchtet, und selbst nach ihrer Zernichtung die Schöpfung mit den entlegensten Zonen und mit den entferntesten Zeitaltern sich immer vor unserm

 

[Manuskriptseite 133.]

Geist' erneuert. Ohne sie wären wir ohn' Erinnerungsvermögen und Gedächtnis; folglich ohn' Urtheilskraft, ohne Persönlichkeit und Bewustsein. – Da sich's Nervengeweb' auf der einen Seit' in den sinlichen Organen, auf der andern im Gehirn endigt: so kan's auch an beiden Enden in Bewegung gesezt werden. Im ersten Fal entsteht sinlicher Eindruk; Einbildung hingegen, oder Widerhal dieses Sinneseindruks, im leztern. Der gegenseitige Einflus der Sinnen und der Einbildungskraft ist sichtbar. Blosse Vorstellung kan Erbrechen, Ohnmacht, Schauer pp. hervorbringen. Aber die Imaginazion wird keinesweges bei verschiednen Menschen in gleichem Grad' erschüttert. Denn der Sinneseindruk, der sich zum Gehirne fortpflanzt, erhält eine ganz verschiedne Bewegung, sowol nach Verschiedenheit der Zwischenräume, wodurch der Eindruk gegangen, als nach Verschiedenheit des Gehirnmarks, oder auch der anderweiten Ideen, an welche der neue Eindruk sich anschliest, um vom Gehirn aus hinwieder auf die äussern Theile zu wirken. Die Phantasie wirkt oft gewaltiger auf den Körper, als der sinliche Eindruk selbst. Die Furcht vor Krankheit hat mehrmals krank gemacht und die Furcht vor'm Tode getödtet. Glühende Röthe verbreitet sich bei der Vorstellung von Beschämung, auch in der einsamen Zell', über die Wangen. So wie die Phantasie aber Bewegungen im Körper hervorbringt: so kan sie dieselben verhindern. Das Bild der philosophischen Würde konte bei'm Stoiker manchem, sonst unerträglichen Schmerz die Wag' halten. –" Seit. 2. 3. 4.

 

[Manuskriptseite 134.]

[Ib-07-1780-0315]
2) Einbildungskraft nach Ideenverbindung betrachtet.

 

[Ib-07-1780-0316]
"Die leidsame Einbildungskraft empfängt und gebiert, was ihr und so wie's ihr von den Sinnen zugeführt wird. Die thätige hingegen trent die empfangenen Eindrükke; sezt sie in neue Verbindung und zeugt ein Ganzes, welches ausser ihr nur in zerstreuten Theilen da ist. Wenn diese Operazion mit Bewustsein und mit Beihülfe des Verstandes geschieht: So heist sie's Dichtungsvermögen. – Ie klärer und lebhafter der Sinneseindruk gewesen, desto klärer und lebhafter malt ihn die Imaginazion. Ie mehr nämlich Klarheit in der Vorstellung, desto mehr unterschiedne Merkmale; ie mehr solche Merkmale, desto eher wird uns eines an's andre, folglich an den gesamten Eindruk erinnern. Was wir als dunkler; was wir als Nebensach' in Verbindung mit der Hauptsache, als Schatten zum Licht' empfanden, das werden wir ebenfals dunkler und schwächer in die Einbildungskraft zurükrufen. Ferner ist die Wiederherstellung gehabter Eindrükke leichter und lebhafter, ie schwächer der Eindruk der gegenwärtigen Ding' ist. Überhaupt richtet sich die Imaginazion nach der Vergeselschaftung der Ideen, die entweder natürlich und nothwendig, oder blos zufällig und wilkürlich ist. Sie macht die Grundlag' unsers ganzen, sowol intellektuellen, als sitlichen Karakters aus. Diese Vermählung der Bilder trägt zum Glük oder zum Unglük

 

[Manuskriptseite 135.]

des Lebens nicht weniger bei, als eine schikliche oder unschikliche Parung der Geschlechter. Sie ist in der moralischen Arzneikunst eben so wichtig, als in der physischen. Durch ihre Hülfe zieht die Phantasie eine Reihe Bilder hervor, so bald sie dieselben bei'm kleinsten Faden erhascht. Der zufälligste Nebenbegrif ist mit einer Meng' andrer Begriff' umwunden, deren ieder des andern Farbe verändert. Daher, z. B. Rührung auch bei der schlechtesten Predigt, wenn der gegenwärtige Eindruk durch Erinnerung vormaliger auf eine besondre Art gruppirt ist.

 

[Ib-07-1780-0317]
Bei alzulebhaftem Sinneseindruk ist der Zugang für entgegengesezte Phantasienbilder zwar wenig offen. In dem Fall' aber, wo der Sinneseindruk weniger stark ist, wo derselbe noch nicht, gleich einem eifersüchtigen Eheman, ieden fremden Gast ausschliest, ist dieser Zugang den Idolen der Einbildungskraft frei und leicht. – – Wie wichtig der Einflus der Vergeselschaftung der Nebenbegriffe sei, erhelt daraus, daß es nur des geringsten Druks oder Schwunges, der geringsten Verschiedenheit in der häuslichen oder bürgerlichen Lage, diesen oder einen andern Kreis von Schulgesellen, Nachbarn und Freunden, diesen oder ienen andern Modegeschmak, eine gelungene oder mislungene Glüks oder Liebesintrigue, kurz den Wurf des Zufals bedarf, um bei aller Ähnlichkeit an geschafner Grundlage, stat eines Alexanders einen Kartouche, stat einer Betschwester eine Buhlschwester herauszubekommen. –" Seit. 5. 6. 7.

 

[Manuskriptseite 136.]

[Ib-07-1780-0318]
3) Von den Tropen.

 

[Ib-07-1780-0319]
"Im Mund des Pöbels werden figürliche Redensarten gar zu eigentlichen Ausdrükken. Was vormals das Verhältnis zwoer Ideen ausdrükte, drükt mit der Zeit eine Idee allein aus. Hierin liegt grossentheils die Ursache von den Revoluzionen des Stils und der Sprache. Man sieht sich, um lebhaft zu reden, genöthigt, neue Metaphern zu brauchen. – –" Seit. 11.

 

[Ib-07-1780-0320]
4) Anstrengung der Leidenschaft Einbildungskraft.

 

[Ib-07-1780-0321]
"Zur herschenden Gewohnheit, zur andern Natur wird iede anhaltende, oft wiederholte Vorstellungsart. Die Phantasie schaft uns in dem Fal zu demienigen Gegenstand selbst um, womit wir so ganz erfült sind. – Auch bei ganzen Völkern und Zeitaltern herscht Despotism der Imaginazion nicht weniger, als bei einzelnen Menschen. Periodische und Nazionalimaginazion giebt's eben so, wie überhaupt Zeit und Volkskarakter. Ie weniger daher Deutschland, durch innere Anstalten, für die Richtung der Nazionalimaginazion gesorgt ist, desto öftere Revoluzionen und Ausschweifungen. Ieder Zufal ändert die Stimmung. Wolf erscheint; – durchgängige Demonstrirsucht! Klopstok; – ganz der Parnas Golgatha und Grabmal! Lippert und Winkelman; - alles Gemmen und Pasten! Mesmer und Gasner; – iederman magnetisch oder besessen." – Seit. 16. 17.

 

[Manuskriptseite 137.]

[Ib-07-1780-0322]
5) Von der Laune.

 

[Ib-07-1780-0323]
"Die launigte Vorstellungsart besteht in einer solchen Zusammensezzung und Verbindung der Ideen, die nicht nur von der richtigen und gewohnten abweicht; sondern deren man sich selbst nicht bewust ist. Diese Erscheinung erklärt sich von selbsten; wenn man sich erinnert, daß die gegenwärtige Empfindung nicht nur einen Schwarm vergangener Empfindungen wieder hervorruft; sondern, daß sie auch mit mehrern Nebenbegriffen gruppirt ist, die uns stark angreifen, ohngeachtet wir uns ihrer keinesweges bewust sind. Sobald also Bewustsein und Deutlichkeit der Vorstellungen wieder hergestelt werden; so wird die Laune geschwächt werden. Hieraus ergiebt sich, daß auch der launigste Kopf es immer weniger in Geselschaft ist, wo er auf der Hut, vol Gegenwart des Geistes und vol Achtsamkeit sein mus, als im ungezwungenen tête-à-tête seines Vertrauten; so auch, warum meistens die Laune frostig ist, so bald sie nicht von selbst und ohne Bewustsein, sondern vielmehr durch Nachsinnen und deutliche Überlegung, wie's Gelächter durch Kizzel erregt wird. Daher ist man auch geneigt, den launigsten Menschen für ehrlich und gutherzig zu halten, indem er nicht genug Gegenwart des Geistes hat, überlegte Spizbübereien zu üben. Niemand vermisch' aber Humour mit Possenreisserei; oder Originalitäten mit weit hergesuchter Sonderlichkeit. –" Seit. 17. 18.

 

[Manuskriptseite 138.]

[Ib-07-1780-0324]
6) Einbildungskraft in Beziehung auf Leidenschaften.

 

[Ib-07-1780-0325]
"In den Weltzertsreuungen wurzeln Leidenschaften so weit und so tief nicht, wie in der Einsamkeit, wo nichts dem daurenden Bild im Weg steht. – Gegen die Tyrannei ausschliessender Leidenschaften ist kein Heilmittel so unschuldig, so sicher, als ausgebreitetes Wolwollen. Gleich dem Waldwasser verliert sich die Gewalt der Leidenschaft, sobald sie in mehrere Kanäle getheilt wird. Hieraus erhelt auch, warum unbestimte Leidenschaften weniger Ungestüm haben, als bestimte. Iene nämlich sind auf einen unbestimten Gegenstand, auf die ganze Art oder Gattung desselben ausgedehnt; diese hingegen auf einen bestimten, einzelnen, ausschliessenden Gegenstand eingeschränkt, und eben deswegen heftiger; vielleicht aber eben darum von kürzerer Dauer. –

 

[Ib-07-1780-0326]
Dieselbe Leidenschaft wird bald in die verschiedensten Formen eingekleidet; bald in all' andre Leidenschaften metamorphosirt. Oft verschlinget alsdenn eine solche abgeleitete oder begleitende Leidenschaft ihre Mutter selbst, und sie bemeistert sich des Thrones, von dem sie iene gestürzet hat. – – –" Seit. 19.

 

[Manuskriptseite 139.]

[Ib-07-1780-0327]
7) Von den unartikulirten Lauten.

 

[Ib-07-1780-0328]
"Eine iede Leidenschaft drükt sich sowol durch ihren eigenthümlichen Laut, als auch durch ihre karakteristische Geberd' aus. Allein unser Gehör sowol, als unser Gesicht sind häufig zu stumpf, um's Karakteristische einer ieden Gemüthsbewegung hören und seh'n zu können. Das matte Ach! ist sowol Laut der schmelzenden Lieb', als der sinkenden Verzweiflung. Das feurige O! sowol Ausbruch der plözlichen Freud', als der auffahrenden Wuth; der steigenden Bewundrung, als des zuwallenden Bewunderns." – S. 24.

 

[Ib-07-1780-0329]
8) Von 2 Sam. 23, 1–7.

 

[Ib-07-1780-0330]
"Es ist wahrscheinlich, daß David kurz vor seinem Ende von seinem Thronfolger redet. Israëls Gott versprach mir, heist's V. 3. einen Nachfolger, rechtschaffen und from; heiter, wie die Sonne, wird er nach meinem Tod hervortreten, frisch, wie die sich veriüngende Erde. Das erste $$$ des 5ten V. ist ein offenbarer Schreibfehler. Bestätigt ist von Gott meine Familie, er wählte sie zur Herschaft, und sein Versprechen ist nicht umzustossen. Vielleicht ist auch's zweite $$$$ fehlerhaft. Glüklich und froh bin ich, $$$$$$$, sie wird fortdauern, mein Geschlecht wird nicht aussterben, vergl. Ier. 23, 5. Die Nichtwürdigen aber, hier les' ich mit Houbigant $$$$ $$$$, wie Dornen flieht man sie, u. s. w. –" Seit. 48. 49.

 

[Manuskriptseite 140.]

[Ib-07-1780-0331]
9) Bemerkung vom bösen Menschen.

 

[Ib-07-1780-0332]
"Der verworfenste Bösewicht nimt hundert gute Handlungen gegen eine böse vor, – ia in den verschriensten Missethaten, welche mehrentheils sehr zusammengesezte Handlungen zu sein pflegen, hat oft's Gute noch ein Übergewicht über 's Böse.

 

[Ib-07-1780-0333]
Zur Bestätigung dieses Gedankens dient die Geschichte der schwärzesten Übelthaten. – Ich wil nur die vielen Attentat' auf's Leben grosser Herren nehmen. In katholischen Ländern waren gröstentheils die Pfaffen an den abscheulichen Unternehmungen der d'Amiens, Ravaillac u. s. f. Schuld, die ihnen ein grosses Verdienst in iener Welt vorspiegelten. Die Handlung war also sehr zusammengesezt. – –" Seit. 187.

 

[Ib-07-1780-0334]
10) Über'n Reiz.

 

[Ib-07-1780-0335]
"Das gereizte Fäserchen zieht sich zusammen und breitet sich wieder aus; vielleicht ein Stamen, das erste glimmende Fünklein zur Empfindung, zu dem sich sich die todte Materie durch viele Gäng' und Stufen des Mechanism und der Organisazion hinaufgeläutert. So klein und dunkel dieser Anfang des edlen Vermögens, das wir Empfinden nennen, scheine: so wichtig mus er sein, soviel wird

 

[Manuskriptseite 141.]

durch ihn ausgerichtet. Ohne Samenkörner ist keine Erndte, kein Gewächs ohne zarte Wurzeln und Staubfäden, und vielleicht wären unsre götlichsten Kräfte nicht ohne diese Aussaat dunkler Regungen und Reize. Die Natur hat tausend kleine lebendige Stükk' in tausendfachen Kampf, in ein so vielfaches Berühren und Widerstreben verflochten. Sie kürzen und längen sich mit inrer Kraft, nehmen am Spiel des Muskels, ieder auf seine Weise, theil, dadurch trägt und zieht iener. Hat man ie etwas wunderbares gesehn, als ein schlagend Herz mit seinem unerschöpflichen Reize? Ein Abgrund inner innerer dunklen Kräfte, das wahre Bild der organischen Almacht, die vielleicht inniger ist, als der Schwung der Sonnen und Erden. Und nun breitet sich aus diesem unerschöpflichen Brunnen und Abgrund der Reiz durch unser ganzes Ich aus, belebt iede kleine spielende Fiber; alles nach einartigem einfachen Gesezze. Wenn wir uns wol befinden, ist unsre Brust weit, das Herz schlägt gesund, iede Fiber verrichtet ihr Amt im Spiel. Da fährt Schrekken auf uns zu; und sieh'! als erste Bewegung, noch ohne Gedanken von Furcht und Widerstand, trit unser reizbares Ich auf unsern Mittelpunkt zurük; das Blut zum Herzen, die Fiber, selbst das Haar, start empor; gleichsam ein organischer Bote zur Gegenwehr; die Wache steht fertig. Zorn im ersten Anfal, ein zum Widerstand sich regendes Kriegsheer, wie rüttelt er's Herz, treibt's Blut in die Gränzen, auf Wangen, in

 

[Manuskriptseite 142.]

Adern, Flammen in die Augen. Die Hände streben, sind kräftiger und stärker. Muth hebt die Brust, Lebensathem die wehende Nase, das Geschöpf kent keine Gefahr. Lauter Phänomene des Aufregens unsrer Reize beim Schrekken, des gewaltsamen Fortdrangs beim Zorn. Hingegen die Liebe, wie sänftigt sie und mildert! Das Herz wallet; aber nicht zu zerstören; das Feuer fliest; aber nur, daß es hinüberwalle und seine sanfte Glut verhauche. Das Geschöpf sucht Vereinigung, Auflösung, Zerschmelzung; der Fibernbau weitet sich; ist wie ein Umfassen eines andern und kömt nur denn wieder, wenn sich's hinüberwallende Geschöpf wieder allein, ein abgetrentes isolirtes Eins, fühlt. Noch also in den verflochtensten Empfindungen und Leidenschaften unsrer so zusammengesezten Maschine wird das Eine Gesez sichtbar, das die kleine Fiber mit ihrem glimmenden Fünklein von Reiz regte, nämlich: Schmerz, Berührung eines Fremden zieht zusammen; da samlet sich die Kraft, vermehrt sich zum Widerstand und stelt sich wieder her. Wolsein und liebliche Wärme breitet aus, macht Ruhe, sanften Genus und Auflösung. –" Seit. 569. 570. 571.

 

[Ib-07-1780-0336]
11) Wahrnehmungen über Form und Gestalt.

 

[Ib-07-1780-0337]
"Das Gesicht zeigt uns nur Gestalten, das Gefühl allein Körper; alles, was Form ist, wird nur durch's tastende

 

[Manuskriptseite 143.]

Gefühl, durch Gesicht nur Fläch' und zwar nicht körperliche, sondern nur sichtliche Lichtfläch' erkant. Was kan's Licht in unser Auge mahlen? Was sich mahlen läst, Bilder. Wie auf der weissen Wand der dunklen Kammer: so fält auf die Nezhaut des Auges ein Stralenpinsel von allem, was vor ihm steht, und kan nichts, als was da steht, eine Fläche, ein Nebeneinander aller und der verschiedensten sichtbaren Gegenstände zeichnen. Ding' Hinter einander, oder solide, massive Ding' als solche dem Auge zu geben, ist ganz unmöglich. Der Ophthamit mit tausend Augen, ohne Gefühl, ohne tastende Hand bliebe Zeitlebens in Plato's Höle, und hätte von keiner einzigen Körpereigenschaft, als solcher, eigentlichen Begrif. Denn alle Eigenschaften der Körper, was sind sie, als Beziehungen derselben auf unsern Körper, auf unser Gefühl? Was Undurchdringlichkeit, Härte, Weichheit, Glätte, Form, Gestalt, Rundheit sei, davon kan mir so wenig mein Auge durch's Licht, als meine Seele durch selbstständiges Denken, einen leibhaften, lebendigen Begrif geben. Der Vogel, das Pferd, der Fisch hat ihn nicht; der Mensch hat ihn, weil er nebst seiner Vernunft auch die umfassende, tastende Hand hat. Der Körper, den's Auge sieht, ist folglich nur Fläche; die Fläche, die die Hand tastet, ist Körper. Nur da wir von Kindheit auf unsre Sinn' in Gemeinschaft und

 

[Manuskriptseite 144.]

Verbindung brauchen; so verschlingen und gatten sich alle, insonderheit der gründlichste und deutlichste der Sine, Gefühl und Gesicht. Die schweren Begriffe, die wir uns langsam und mit Müh' ertappen, werden von Ideen des Gesichts begleitet. Dies klärt uns auf, was wir dort nur dunkel fasten, und so wird uns endlich geläufig, das mit einem Bilde weg zu haben, was wir uns anfangs langsam ertasten musten. Als der Körper unsrer Hand vorkam, ward zugleich das Bild desselben in unser Auge geworfen; die Seele verband beide, und die Idee des schnellen Sehens läuft nachher dem Begrif des langsamen Tastens vor. Wir glauben zu sehen, wo wir nur fühlen und fühlen solten. Wir sehn endlich soviel und so schnel, daß wir nichts mehr fühlen und fühlen können, da doch dieser Sin unaufhörlich die Grundvest' und der Gewährsman des vorigen sein mus. In allen diesen Fällen ist's Gesicht nur eine verkürzte Formel des Gefühls. Die volle Form ist Figur, die Bildsäul' ein flaches Kupferstich worden. Im Gesicht ist Traum, im Gefühl Wahrheit. Daß dem so sei, sehen wir in Fällen, wo sich beide Sinne scheiden und ein neu Medium, oder eine neue Formel eintrit, nach der sie sich gatten solten. Wenn der Stab im Wasser gebrochen ist scheint und man greift darnach an unrechter Stelle: so ist wol hier von keinem Trug der Sinne die Frage. Denn nach einem

 

[Manuskriptseite 145.]

Stralenbilde, als solchem mus ich nicht greifen. Was ich also sah, war wahr, wirkliches Bild auf wirklicher Fläche; nur wornach ich grif, war nicht mehr; denn wer wird nach einem Bild' auf einer Fläche fassen? Weil nun aber unser Gesicht und Gefühl als Schwestern zusammen erzogen wurden, und von Iugend auf eine der andern die Arbeit tragen half, oder sie gar allein übernahm: so geschah's auch hier und Schwester verfehlte die Schwester. Sie hatten sich sonst auf der Erde versucht, nun ist der Fal im Wasser, einem andern Element der Stralenbrechung, wo sie sich nicht gegen einander geübt hatten. Ein Wasserman würd's besser getroffen haben. Der Triumph des Malers ist, daß durch seinen Zaubertrug Gesicht – Gefühl werden sol, so wie bei ihm's Gefühl – Gesicht ward.

 

[Ib-07-1780-0338]
Das Gesicht ist der künstlichste, philosophischte Sin. Es wird durch die feinsten Übungen, Schlüsse, Vergleichungen gefeilt und berichtigt. Aber dieser Sin wirkt flach. Er spielt und gleitet auf der Oberfläche mit Bild und Farb' umher, überdem hat er so vieles und so zusammengeseztes vor sich, daß man mit ihm wol nie auf den Grund kommen wird. Er borgt von andern und bauet auf andre Sinne; ihre Hülfsbegriffe müssen ihm Grundlage sein, die er nur Licht umglänzt. Dring' ich nun nicht in diese Begriff' anderer Sinne; such' ich nicht Gestalt und Form, stat zu ersehen ursprünglich zu erfassen: so schweb' ich mit meiner Theorie des Schönen und Wahren aus dem Gesicht' ewig in der Luft und schimme mit Seifen

 

[Manuskriptseite 146.]

blasen. Eine Theorie schöner Formen aus Gesezzen der Optik ist soviel als eine Theorie der Musik aus dem Geschmak. Man klassifizirt die schönen Künst' ordentlich unter zwei Hauptsinne, Gesicht und Gehör; und dem ersten Hauptmanne giebt man alles, was man wil, aber er fodert, Flächen, Formen, Farben, Gestalten, Bildsäulen, Bretter, Sprünge, Kleider. Daß man Bildsäulen sehen kan, daran hat niemand gezweifelt; ob aber aus dem Gesicht sich ursprünglich bestimmen lasse, was schöne Form ist? ob dieser Begrif den Sin des Gesichts für seinen Ursprung und Oberrichter erkenne? Das läst sich nicht blos bezweifeln, sondern gerade verneinen. Last ein Geschöpf ganz, ia einen Argus mit hundert Augen hundert Iahr eine Bildsäule besehn und von allen Seiten betrachten: ist er nicht ein Geschöpf, das Hand hat, das einst tasten und wenigstens sich selbst betasten konte; ein Vogelauge, ganz Schnabel, ganz Blik, ganz Fittich und Klaue, wird nie von diesem Ding', als Vogelangesicht, Begrif haben. Raum, Winkel, Form, Rundung lern' ich als solche in leibhafter Wahrheit nicht durch's Gesicht erkennen; geschweige das Wesen dieser Kunst, schöne Form, schöne Bildung, die nicht Farbe, nicht Spiel der Proporzion, der Symmetrie, des Lichts und Schattens, sondern dargestelte, tastbare Wahrheit ist. Die schöne Linie, die hier im

 

[Manuskriptseite 147.]

mer ihre Bahn verändert, sie, die nie gewaltsam unterbrochen, nie widrig vertrieben sich mit Pracht und Schön' um den Körper wälzt, und nimmer ruhend und immer fortschwebend, in ihm den Gus, die Fülle, das sanft verblasne entzükkende Leibhafte bildet, das nie von Fläche, nie von der Ekk' oder Winkel weis; diese Linie kan so wenig Gesichtsfläche, so wenig Tafel und Kupferstich werden, daß gerade mit diesen alles an ihr hin ist. Das Gesicht zerstört die schöne Bildsäule, stat daß es sie schaffe; es verwandelt sie in Ekken und Flächen, bei denen's viel ist, wenn sie nicht 's schönste Wesen ihrer Innigkeit, Füll' und Rund' in lauter Spiegelekken verwandle. Unmöglich kan's also Mutter dieser Kunst sein.

 

[Ib-07-1780-0339]
Einen Sin haben wir, der Theil' ausser sich, nebeneinander, einen andern, der sie nach einander, einen dritten, der sie ineinander erfasset. Gesicht, Gehör und Gefühl. Theile nebeneinander geben eine Fläche; Theile nach einander am reinsten und einfachsten sind Töne; Theil' auf einander auf einmal in, neben, bei einander, Körper oder Formen. Es giebt also drei Gattungen der Schönheit, die unterschieden sein müssen, wie Fläche, Ton, Körper. Und wenn's Künste giebt, wo iede in einer dieser Gattungen arbeitet: so kennen wir auch ihr Gebiet von aussen und innen, Fläche, Ton, Körper, wie Gesicht, Gehör, Gefühl.

 

[Ib-07-1780-0340]
In folgenden Stükken liegt demnach's Verhältnis der Bildnerei

 

[Manuskriptseite 148.]

und der Malerei im Ganzen. Ist die leztere die Kunst für's Aug', und ist's wahr, daß das Auge nur Fläch' und alles wie Fläche, wie Bild empfindet: so ist's Werk der Malerei tabula, eine Bildertafel, auf der die Schöpfung des Künstlers wie Traum dasteht, in der alles also auf'm Anschein, auf dem Nebeneinandersein beruhet. Die Bildnerei hingegen arbeitet in einander, ein lebendes, ein Werk vol Seele, das da sei und daure. Schatten und Morgenroth, Bliz und Donner, Bach und Flamme kan sie nicht bilden, so wenig's die tastende Hand greifen kan. Bildnerei schaft schöne Formen; sie drängt in einander und stelt dar; nothwendig mus sie also schaffen, was ihre Darstellung verdient und was für sich da steht. Sie kan nicht durch's Nebeneinander gewinnen, daß Eins dem andern helf' und doch also alles so schlecht nicht sei. Denn in ihr ist Eins alles und Alles nur Eins. Ist dies unwürdig, leblos, schlecht, nichtssagend; Schad' um Meissel und Marmor! Endlich ist die Bildnerei Wahrheit; die Malerei Traum. Iene ganz Darstellung, diese erzählender Zauber, welch ein Unterschied! und wie wenig stehn sie auf einem Grunde! Eine Bildsäule kan mich umfassen, daß ich vor ihr knie, ihr Freund und Gespiele werde; sie ist gegenwärtig; sie ist da. Die schönste Malerei ist Roman, Traum eines Traumes." – Seit. 582. 583. 584. 585. 586. 587. 588.

 

[Manuskriptseite 149.]

[Ib-07-1780-0341]
"Die Hogarth'sche Schönheits Linie sagt mit allem, was daraus folgt, nichts; wenn sie nicht in Formen und also dem Gefühl erscheint. Krizzelt auf die Fläche zehntausend Reiz und Schönheitslinien hin: sind sie an keiner Form und also in keiner Bedeutung: so thun sie dem Aug' um ein klein wenig mehr wol, als iedes Kindergewirre. Und wenn sie auch nur an Schnürbrust oder Topf erschienen: so erscheinen sie doch an Etwas; also einem andern Sinne, also ursprünglich nicht dem Auge. Alle Reiz und Schönheitslinien sind nicht selbstständig, sondern an lebendigen Körpern; da sind sie her, da wollen sie hin. Was für ein Wagstük also, eine flache Linie hinzumalen und auf sie Dinge zu bauen, die eigentlich nur aus dem treuesten Genus und Gefühl und Innewerden des leibhaften Körpers entspringen können? Vorausgesezt, daß diese Linie treu ist, (und wie schwer's sei einen Körper zur Fläche, ein ganzes Lebende in die Figur einer Linie zu bringen, weis ieder, der's versucht hat,) gehört nun nicht noch immer der plastische Sin darzu, die Linie wieder in Körper, die platte Figur in eine runde lebende Gestalt zu verwandeln? Und, wie wenige das können, mag Gott und die Physiognomik wissen! Wir müssen uns das, was die Silhouette, als Sbozzo, blosser Umris, gleichsam ein gezeichnetes Nichts sagt, körperlich machen können, daß die Silhouett' als Büste da steht, daß sie lebe. –" Seit. 592. 593.

 

[Manuskriptseite 150.]

[Ib-07-1780-0342]
XXVI. XXVI.] von hier bis ca. S. 170 Transkription von Sabine Straub - MIWI

 

[Ib-07-1780-0343]
Deutsches Museum. Zweiter Band. Iulius bis Dezember. 1777. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung.

 

[Ib-07-1780-0344]
1) Holberg in Paris – von A. G. Kästner.

 

[Ib-07-1780-0345]
"Holberg gab in Norwegen mit vielem Beifal im Französischen Unterricht. Er kam nach Paris, und fand, daß er kein Französisch verstand. Ich hoffe, so wird's manchem Theologen im Himmel gehen. Warum ich's hoffe? Ie! es sezt ia zum voraus, daß er in Himmel kömt.– –" Seit. 95.

 

[Ib-07-1780-0346]
2) Von dem Staate.

 

[Ib-07-1780-0347]
"Man ist gewohnt, in der eingeführten Volks und Kinderlehre das Zeitliche dem Ewigen, dieses Leben der Zukunft, die iezzige Wolfahrt der Seeligkeit, alzusehr entgegen zu sezzen. Als wenn uns dieses Zeitliche von der Vorsehung nur beschieden wäre, um zu sehen, mit welcher Gleichgültigkeit wir's aufopfern würden! Gleichwol ist dieses Zeitliche ein Theil der Ewigkeit, und mit ihr aus Einem Stükke. – Der Mensch ist zwar von ewiger Dauer; allein ihm wird niemals mehr, als ein Izt zu Theile. Er lebt und geniesset immer nur in dem Zeitlichen, niemals in dem Ewigen. Er ist in dem Zeitlichen der Glükseligkeit fähig, oder niemals.

 

[Ib-07-1780-0348]
Es ist wahr: so oft's zeitliche Wol mit den Folgen für die

 

[Manuskriptseite 151.]

Fortdauer nicht bestehen kan, ist die Aufopferung Tugend. Aber das Verdienstliche dieser Tugend besteht nicht in der Verachtung des Zeitlichen; sondern in der Bereitwilligkeit höhern Pflichten den Vorzug zu lassen. Ia's Verdienst ist desto grösser; ie wichtiger uns das Zeitliche ist, das wir im Kollisionsfal aufzuopfern bereit sind. Religion und Staat, Weltklugheit und Gotseligkeit: – Sophisten und Schwärmer haben diese einander entgegengesezt.

 

[Ib-07-1780-0349]
In den Augen des Weltweisen sind sie, wie's Nüzliche und Gute. Derselbe Begrif in verschiednen Verhältnissen betrachtet.– Die Religion, die mit der Wolfarth der Geselschaft nicht bestehen kan, ist nicht die wahre. Die Staatsklugheit, die der wahren Religion zuwider handelt, ist Thorheit.

 

[Ib-07-1780-0350]
In der endlosen Laufbahn, welche die Vorsehung einem ieden Menschen vorgezeichnet hat, macht's Leben hienieden, der Zeitraum, den's Individuum hier auf der Erden zubringt, Eine Epoche. Die Merkmale dieser Epoche sind, Entwikkelung der Kräft' und Fähigkeiten in dem geselschaftlichen Leben und durch dasselbe.

 

[Ib-07-1780-0351]
Ohne geselliges Leben ist der Mensch eine Knospe, die kein Sonnenschein zum Aufbrechen begünstigt. Der Keim erstikt zwar nicht, und bleibt einer künftigen Vegetazion vorbehalten. Allein diesmal welkt sie hin, ohn' ihr verborgne Schönheiten auszubreiten. – Auch der Vogel, der im Käfig stirbt, ist

 

[Manuskriptseite 152]

von der Natur zum freien Herumfliegen bestimt gewesen, und hat dazu die Flügel empfangen. Entwikkelung unsrer Kräft' und Fähigkeit durch's geselschaftliche Leben ist also auf Erden unsre Bestimmung, der Endzwek unsers Hierseins, der Wille Gottes, unsre Glükseligkeit; also Hauptgrundsaz in der Sittenlehre der Religion und der Vernunft, in der Politik, in der Pädagogik, in dem gymnastischen Theile, der den Körper und die Geschiklichkeiten desselben angeht, sowol als im musikalischen Theile, der die Seel', und ihre Fähigkeit ausbilden lehrt.– Das ganze Leben des Menschen ist eine Erziehung. Der Knabe wird in der Schule zum Manne; der Mensch in dieser Welt zum höhern Wesen erzogen. Theologie und Politik enthalten die Vorschrift dieser grossen Erziehung. Sie arbeiten beide nach Einem Plane, oder verderben anstat zu vervolkommen. Der volkommenste Staat wird also derienige sein, in welchem die Menschen durch öffentliche Vorkehrungen am fähigsten werden, ihrer Bestimmung treu zu bleiben; d.i. dem Willen Gottes gemäs, ihre Fähigkeiten auszubilden, sich zu vervolkommen. Die Glükseligkeit des Staats besteht nicht in der Volksmenge, nicht in Reichthum, nicht in der Macht, nicht in

 

[Manuskriptseite 153.]

Freiheit, auch nicht in Eingikeit allein; sondern in allen diesen zusammengenommen; weil alles dieses Mittel sind, den Menschen zu vervolkommen. Der Endzwek der Natur ist Entwikkelung der Kräfte. Iedes Bedürfnis hört mit der Befriedigung auf, dringend zu sein. Iede Federkraft wird losgespant indem sie sich entwikkelt. Daher der beständige Kreislauf in den Weltbegebenheiten, die unaufhörliche Umwälzungen der Staaten und ihrer Schiksale. – Die Erziehungsanstalt bleibt mit geringer Veränderung eben dieselbe; indem erwachsene Zögling' in die grosse Welt übergehen, und iüngere an ihre Stelle kommen. Iede Staatsverfassung, die schlimste selbst nicht ausgenommen, begünstigt gewisse Triebfedern der menschlichen Natur, und sezt sie in thätiges Spiel; so wie iede Lage des menschlichen Körpers gewisse Muskeln in eine freiere Bewegung sezt. Nur durch beständige Abwechslung der Lag' und Stellung wird der menschliche Leib volkommen ausgebildet.

 

[Ib-07-1780-0352]
Die Glieder eines Staats haben mannichfachen Willen, mannichfaltige Kräfte. In der Vereinigung derselben zum algemeinen Besten besteht die Volkommenheit der Regierung. Aus den verschiednen Nüanzen, in welchen sich diese Mannichfaltigkeit und Einheit einander einschränken, und anbändern, entspringen die verschiednen Regierungsformen.

 

[Manuskriptseite 154.]

Die Monarchie schränkt die Mannichfaltigkeit ein, um desto grössere Einheit zu erhalten. Sie legt dem Willen der Glieder einen Zwang auf, und schränkt den freien Gebrauch ihre Kräfte, zum Besten der Vereinigung, ein.

 

[Ib-07-1780-0353]
Die Republik sieht, mehr auf die Mannichfaltigkeit, und sezt ihr die Einheit nach. Sie erhält den Willen der Glieder bei mehrerer Freiheit; aber mit einigem Verlust' auf Seiten der Vereinigung. Der Despotism vernichtet die Mannichfaltigkeit, unter'm Scheine der volkomsten Einheit. Aber nur unter'm Scheine; denn indem er den freien Willen der Glieder völlig zernichtet, hört der Staat auf, eine Vereinigung moralischer Wesen zu sein, und man erhält ein physisches Ganze, stat des sitlichen Systems. Die Anarchie löst die Einheit auf, unter'm Scheine der volkommensten Mannichfaltigkeit, d. i. der uneingeschränktesten Freiheit der Glieder; aber wiedrum nur unter'm Scheine. Eine Freiheit, die nicht zum algemeinen Besten abzielt, ist ungebundne Frechheit.–" Seit. 97. 98. 99. 100.

 

[Ib-07-1780-0354]
3) Die Pappel und der Apfelbaum.

 

[Ib-07-1780-0355]
"Nach bei einigen Bäumen stand eine hochgeschoste Rosenpappel; Es war spät im Iahr, und ihr Blüten und Blätter welkten.

 

[Manuskriptseite 155.]

"Der furchtbare Herbst! klagte die Arme: Ich seh' mein unvermeidliches Schiksal, und mein einziger lezter Trost, daß das, was ich leide, Naturgesez sei; daß mein Loos dem Loos' dieser grössern Bäume gleiche. Wie schwach ist er!" Zumal, da er falsch ist, rief ein iunger Apfelbaum: dein Tod ist nicht der unsre. Zwar welken und dorren wir, wie du; doch wir auf wenige Monate, du auf immer. "Wozu diese demüthigende Belehrung? fragt' ein älterer Baum diesen jüngern. Wer hies dir's, einem Unglüklichen seinen lezten Beruhigungsgrund rauben?" – Aber er war doch falsch, und meine Einschränkung gegründet. "Las tausendmal! Auch als Irthum versüst er die Qual des Leidenden; solte schon dadurch dir unverlezlich werden, weil's sein lezter war." Noch stritten sich die Bäume, als der Herr des Gartens mit einem Fremden vorbeigieng, und von dem Tod' eines seiner Freunde, und der Heiterkeit sprach, mit der er gestorben sei. "Aber die Meinung, die ihn beruhigte, war falsch," warf iener ein. – Vielleicht, war die Antwort, aber solten wir sie ihm benehmen, wenn sie ihn beruhigte. – Habt des Trostes oft so wenig, arme Menschen! und müht euch, auch den hinweg zu vernünfteln? – –" S. 238. 239.

 

[Manuskriptseite 156.]

[Ib-07-1780-0356]
4) Vom Wege den der Geist des Menschen in Wissenschaften pp. macht.

 

[Ib-07-1780-0357]
"Unter allen Himmelsgegenden beobachtet der menschliche Geist fast einerlei Gesez' in den Fortschritten von Kentnissen zu Kentnissen, und man kan mit einem grossen Grade von Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die Ideen und Kentnisse der Nazionen in ihrer Kindheit eine Ähnlichkeit haben, die fast bis zur Identität geht. In den Religionsbegriffen, dem Glauben an ein künftiges Leben, den Todtenopfern, den Wahrsagungen und unzähligen andern Meinungen mehr, sind die heutigen Barbaren in Amerika, Asien und Afrika, den alten Griechen, Ägyptern und andern berühmten Nazionen bis zum Erstaunen ähnlich; bei allen liegen fast dieselben eingeschränkten Begriff' und Kentnisse der Natur zum Grunde. –" S. 251.

 

[Ib-07-1780-0358]
5) Von der Physiognomie.

 

[Ib-07-1780-0359]
"Man findet, besonders bei grossen Männern, daß sie eine grosse Menge Dinge denken, ohne daß man viel davon auf ihrem Gesichte lieset. Auch einem, der abstrakt denkt, sieht man kaum eine Bewegung der Gesichtsmuskeln an. Gleichwol mus hier der Stirnmuskel gewaltig arbeiten; denn woher würde sonst die Stirn der Denker vor der Zeit runzlich? Ei! runzlich wird sie, weil dieser Muskel vor den übrigen angegriffen

 

[Manuskriptseite 157.]

und also vor der Zeit abgenuzt wird. – Man sagt, daß eine breite vielumfassende Stirn Tiefsinn verrathe. Natürlich! Zum tiefen Denken ist der Stirnmuskel ein unentbehrlich Werkzeug. Eng, zusammengeschrumpft würd' er doch wol die Dienste so nicht leisten können, als nun, da er gleichsam wie ein Seegeltuch ausgespant ist.

 

[Ib-07-1780-0360]
Weiter sagt man, daß die Schwärmer gemeiniglich platte, perpendikuläre Gesichter haben. Auch natürlich! Ein Schwärmer ist ein Mensch von eingeschränktem Ideensystem, der an seinen Ideen mit erstaunlicher Festigkeit und mit ganzer Seel' hängt. Ein solcher Mensch wird sich in seinen Mienen und ganzen Wesen immer sehr gleich sein, denn sein glattes einförmiges Gesicht ist auch nur einer sehr einförmigen Bewegung seiner Muskeln fähig. Eigensinnige Leut' habg* haben mit den Schwärmern das gemein, daß ihre Stirnen perpendikulär sind. Auch stimmen ihre Karaktere darin überein, daß iene an gewissen Ideen, die ihnen iust in den Kopf kommen, erstaunlich fest hängen. Einer ieden Geistesdisposizion entspricht, wie wir gesehen haben, eine gewisse Mien' oder Bewegung der Gesichtsmuskeln. Hieraus folgt, was für Mienen einem Menschen am natürlichsten und geläufigsten sind, eben die entsprechenden

 

[Manuskriptseite 158.]

Geistesdisposizionen werden ihm geläufig und natürlich sein. Nämlich die Gesichter sind ursprünglich so gebildet, daß dem einen die, dem andern iene andre Miene leichter wird. Einem Dumkopf wird's unmöglich sein, eine scharfsinnige Miene zu machen. Könt' er's: er wäre scharfsinnig. Einem ofnen Menschen unmöglich, eine diebische Miene zu machen. Könt' er's: er würd' ein Dieb werden.– Wenn ein Anfänger im Zeichnen ein Gesicht zeichnet: so wird man finden, daß dies ordentlicher Weis' ein dum Gesicht wird; nie ein hämisches, satirisches oder d. g. Solte sich, dacht' ich, hieraus nicht's Wesen eines dummen Gesichts abstrahiren lassen? Oia! Denn woher rührt die Erscheinung? Der Anfänger weis keine Beziehungen hinein zu bringen, seine Striche fallen ohne Verbindung hin. Was ist also ein dum Gesicht? Ein solches, dessen Theile mangelhaft verbunden, dessen Muskeln mangelhaft gebildet und geordnet sind. –" Seit. 357. 358. 359.

 

[Ib-07-1780-0361]
"Für den abstrakten Denker ist der Stirnmuskel das wichtigste Werkzeug. Das ist die Ursach, darum hat man hier den Ausdruk in der Stirn sucht. Bei Leuten, die nicht abstrahiren, bei denen alle Seelenkräfte thätig sind, also bei Wizlingen, schönen Geistern, thätigen Genien, müssen auch alle Muskeln vorteil

 

[Manuskriptseite 159.]

haft gebildet und geordnet sein. Daher sucht man auch den Ausdruk mehr im ganzen Gesicht. Fechter und Springer denken und empfinden wenig und bewegen sich mehr maschinenmässig. Daher sind ihre Gesichter gröstentheils unbedeutend; die Anlage der übrigen Gliedmassen desto bedeutender. –" Seit. 361.

 

[Ib-07-1780-0362]
XXVII.

 

[Ib-07-1780-0363]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und dreissigsten Bandes erstes Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1778.

 

[Ib-07-1780-0364]
1) Von den Reimen.

 

[Ib-07-1780-0365]
"Die beständigen Reime sind erst zu der Zeit aufgekommen, da der gesunde Geschmak in der Musik verloren gegangen war, und man sich dadurch aufzuhelfen gesucht hat, daß man den Versen Schellen anhängte, damit doch etwas klingeln möge. –" S. 130. 131.

 

[Ib-07-1780-0366]
2) Rang Iakob mit dem Sohne Gottes?

 

[Ib-07-1780-0367]
"Nein! Dieselbe Meinung ist Gott nicht würdig gedacht und steht auch nicht in der Bibel. Daß Iakob nach glüklich geendigtem Kampfe sagt: ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und habe mein Leben glüklich davon gebracht: bezeigt nur seine

 

[Manuskriptseite 160.]

Freude über seine Errettung, und daß er solche dem Beistande des Almächtigen zuschreibe. Es kan ein Abgeordneter vom Esau gewesen sein, der nicht die beste Absicht gehabt, sich aber nachmals geändert, und den Iakob gesegnet, d. i., für einen redlichen und tapfern Man erkant. –" S. 134. 135.

 

[Ib-07-1780-0368]
3) Von den zehn Geboten.

 

[Ib-07-1780-0369]
"Die zehn Gebote verbieten nur grobe Verbrechen, als Abgötterei, Anbetung der Bilder, Meineid, Mord, Ehebruch, Diebstahl und falsch Zeugnis. Es ist also irrig, daß im sechsten Gebot die ehebrecherische Lust, und im siebenten die diebische Lust verboten werde. Christus, der's Gesez Mosis nicht aufheben, sondern es erfüllen, oder nach unsrer Art zu reden, volkommener machen wil, sagt Matth. 5, 21. Moses hat zu euren Voreltern gesagt, du solst nicht tödten, ich aber verbiet' auch den Zorn. Der Heiland sagt hier keinesweges, daß im 5ten Gebot durch Mosen schon der Zorn verboten worden: sondern er sezt die Lieb' und Sanftmuth gegen Beleidiger, als eine neue Ordnung in seinem neuen Reiche feste. Auf eben diese Art vervolkommet er's 6te Gebot. Es ist also im Gesez Moses nur's Laster selbst und also auch nur der wirkliche Ehebruch und Diebstahl verboten. Damit aber's Eigenthum noch mehr versichert würde, so wird's Trachten nach demselben noch in einem besondern Verbot untersagt. Die im 10ten Gebot verbotne Lust ist also

 

[Manuskriptseite 161.]

das wirkliche unrechtmässige Trachten nach dem Hause, Knecht, Weib u. s. w. Die Erklärung Luther's ist hier richtig und gut.–" S. 137.

 

[Ib-07-1780-0370]
4) Von der Höllenfarth Christi.

 

[Ib-07-1780-0371]
"Vielleicht mag's anfangs in dem apostol. Glaubensbekenntnis geheissen haben: gestorben, niedergefahren zur Höllen, d. i. begraben. Nachher wurde durch eine Randglosse das Wort begraben in den Text gezogen, und da san man darauf, der Höllenfarth eine vom Begräbnis verschiedne Bedeutung zu geben.–" Seit. 147.

 

[Ib-07-1780-0372]
XXVIII.

 

[Ib-07-1780-0373]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des vier und dreissigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1778.

 

[Ib-07-1780-0374]
1) Von der Erziehung des Bürgers – von Resewiz.

 

[Ib-07-1780-0375]
"Der geschäftige Bürgerstand sol und darf das nicht alles wissen, was der Gelehrte weis, er sol's auch nicht auf die Art wissen, als dieser; wenn er's anders nach seinem Zwek und nach seiner Lag' in der Welt gebrauchen sol. Er sol sich kennen, seine Kräfte, seine Bestimmung, und was sein Wol und Weh angeht, damit er sich regieren lerne; er sol die Welt kennen, so weit sie auf seinen Zustand Einflus haben kan; er sol die Natur kennen, so fern er sie dereinst benuzzen und bearbeiten kan; er sol die Hülfsmittel kennen, welche bereits vorhan

 

[Manuskriptseite 162.]

den sind, ihm seine künftigen Geschäfte zu erleichtern und seinen Zwek zu befördern. Die Schulen aber, so wie sie da sind, sind all' auf eine gelehrte Erziehung geformt; ertheilen dem, der zum geschäftigen Stand' erzogen werden sol, Kentnisse, die er nicht bedarf, und lassen ihn leer an denen, die er nöthig hat; leiten ihn auf Wege, die er nicht zu gehen hat, und lassen die im Dunkeln liegen, die er einst gehen sol; und bilden seine Seel' in einen solchen Gang zu denken, welcher von dem natürlichen Fortschreiten des Denkens im geschäftigen Leben alzu sehr abweicht. Selbst dieienigen Schulen, welche für den Bürgerstand eigentlich bestimt sein sollen, haben doch mehr oder weniger aus dem gelehrten Unterricht' herüber genommen, das sowol der Form und als der Materie nach dem Zwek nicht entspricht, worauf sein Nachdenken vornämlich gerichtet sein werden solte. – –" Seit. 554. 555.

 

[Ib-07-1780-0376]
"Wer die Sprüchwörter, welche gleichsam der Nazionalschaz eines Volks sind, sammelt' und berichtigte, der würde seiner Nazion einen wichtigen Dienst leisten, und ihr den Reichthum, den sie besizt, ohn' ihn satsam zu kennen, unter Augen stellen und brauchbarer machen. –" Seit. 555.

 

[Ib-07-1780-0377]
"Die Grammatiken sind alle nach der Form der lateinischen zugeschnitten, und diese ist ursprünglich aus solchen Regeln erwachsen, nach welchen Lateiner selbst ihre noch

 

[Manuskriptseite 163.]

lebende Sprache in ihrer Bildung übersehen, beurtheilen und berichtigen wolten. Diese übertragne Form scheint mir die Erlernung fremder Sprachen sehr zu erschweren, und den Punkt, wovon der Lehrling ausgehen sol, ganz zu verrükken. Er geht eigentlich von seiner Muttersprach' aus, und sol nur wissen, durch welche Art der Beugung, Zusammenfügung und Eigenthümlichkeit die zu erlernende Sprache von der seinigen abgeht; weis er das, so kent er ihre Sprachregeln, und findet das, worin beide mit einander übereinstimmen, von selbst. Es würd' also die halbe Arbeit sein, wenn diefremden Sprachlehren von der Muttersprach' ausgiengen, nur die grammatischen Abweichungen der fremden Sprache von ihr in bestimte Regeln fasten, und den Lehrling sicher stelten, daß seine Sprach' in der übrigen Bildung mit der fremden harmonire, und er der ihm natürlich gewordnen Wendung seiner eignen ungezweifelt folgen könne. So hätt' er vor sich, worauf er eige eigentlich zu merken habe, und bedürft' einen grossen Theil verwirrender Regeln gar nicht, wo ihm seine eigne Sprache zum Wegweiser diente. Wie viel übereinstimmendes haben aber nicht alle Sprachen, nicht allein in ihrer algemeinen Bildung, sondern auch selbst in besondern Fällen! –" S. 563. 564.

 

[Ib-07-1780-0378]
"Kan man überhaupt eine gründliche Verbesserung der Erziehung hoffen, so lange noch keine algemeine und wol überdachte Schul= und Erziehungspolizei eingeführt ist? Und ist's

 

[Manuskriptseite 164.]

hinreichend dazu, wenn man hie und da auf tüchtigere Schulmänner sieht, hie oder da an der Lehrmethode puzt oder bessert, hie oder da Schulgesezz' oder Schulordnungen veranlast, aber ihren guten und schlechten Erfolg nicht prüft, die sitliche Erziehung und die häusliche Vorbereitung der Iugend in keine Betrachtung zieht, und vornämlich nicht bemerkt, ob die bürgerliche Verfassung mit der Erziehung; und diese mit iener in ihren Zweken und Wirkungen übereinstimmen, oder einander entgegen arbeiten? Bei den Griechen und Römern war die Erziehung ein grosser Gegenstand der algemeinen Staatssorge, so lange beide Nazionen in ihrer Würde noch da standen: der Vater durfte seine Kinder nicht erziehen, wie er wolte, sondern wie's das algemeine Best' und der bürgerliche Zwek erfoderte; die Erziehung fugte sich an die bürgerliche Verfassung an gleichsam an, und der Iüngling, der Bürger ward, hörte nicht auf, eben die Grundsäzze zu befolgen, die ihn als Knaben regiert hatten: er must' in eben dem Gleise fortgehen, worin er durch die Erziehung gewöhnt worden war. Erziehung und Staatsverfassung griffen so in einander, daß eins um des andern willen da war, eins mit dem andern gleiche Richtung hatte, eins ohne das andre nicht bestehen konte: und als die Erziehung den alten Grundsäzzen ungetreu ward, sank auch der Staat. Wenn aber die Staatsverfassung ihre eigne Richtung

 

[Manuskriptseite 165.]

hat, die Privaterziehung hingegen auf andre Zwekk' und Wirkungen, und die öffentliche wieder auf andre hinzielt: so scheint mir iede Schulverbesserung eine schwimmende Insel zu sein, die in dem grossen Staatsmeer' herumtreibt, nirgendswo hingehört, und zum Ganzen weder Haltung noch Festigkeit hat, so fruchtbar sie übrigens auch sein mag. – –" Seit. 572. 573.

 

[Ib-07-1780-0379]
XXVIIII.

 

[Ib-07-1780-0380]
Algemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und dreissigsten Bandes zweites Stük. Berlin und Stettin, verlegt's Friedrich Nikolai, 1778.

 

[Ib-07-1780-0381]
1) Vom Zwek Iesu.

 

[Ib-07-1780-0382]
"Wäre der Zwek Iesu seine Leiden für die Menschen, und nicht die Belehrung derselben gewesen; so hätt' er fürwahr nicht beten können am Ölberge: Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch vorüber! Denn ia eben dieser Kelch sol der Hauptendzwek desselben gewesen sein, – und wie kont' er um das Nichtgeschehen desselben bitten?–" Seit. 389.

 

[Ib-07-1780-0383]
2) Die heidnischen Orakel hörten zu Christi Geburt nicht auf.

 

[Ib-07-1780-0384]
"Finden sich doch unter den Antoninen und dem Severus Aussprüche des branchidischen Orakels. Ia nach der Verführung eins eines Schriftstellers aus den Zeiten Konstantin's des Grossen, des Iamblichus, war selbiges nebst dem delphischen und klarischen damals noch vorhanden. Und vom didymäischen erhielten erhielten Lizinius und Iulian noch antworten.–" Seit. 425. 426.

 

[Manuskriptseite 166.]

[Ib-07-1780-0385]
XXX.

 

[Ib-07-1780-0386]
Physiognomische Reisen. Drittes Heft. Altenburg, in der Richterischen Buchhandlung. 1779.

 

[Ib-07-1780-0387]
1) Von physiognomischen Thieren.

 

[Ib-07-1780-0388]
"Wer sieht nicht, daß zwei fremde Hähn' auf einem Hofe, eh' sie ihren Wetstreit anheben, und in der Zwischenzeit der Ruhe, bevor sie einen neuen Gang beginnen, einander auf's schärfste physiognomisiren? Die Kazzen desgleichen, sind die unverdrossendsten ausharrendesten Physiognomisten, die wahresten Gegenstände der Kunst, eines besondern Fragments, oder eines ganzen Bandes würdig, pflegen zu gewissen Zeiten Stundenlang mit halbzublinzenden Augen einander zu beobachten, und ihre physiognomischen Entdekkungen sich wechselseitig entgegen zu miaulen. Widder, Stiere, Hirsch' und andre Thiere, tragen ihren Fehdebrief, mit Buchstaben, die ihrem Gegenpart leserlich genug sind, vor an der Stirne. –

 

[Ib-07-1780-0389]
Die Pferde lesen und verstehen den Willen ihnen bekanter Menschen, auch des Reuters innere Qualitäten und Gedanken, in so fern sie sich auf's Pferd beziehen, aus der Physiognomie, und nehmen dar nach ihre Maasregeln, daß sie sich entweder geduldig nach des Reuters Willen zäumen pp. lassen, oder sich aufbäumen pp. –" Seit. 129. 130. 131. Es folgt am unteren Seitenrand eine nicht transkribierbare Federprobe.

 

[Manuskriptseite 167.]

[Ib-07-1780-0390]
2) Vom Lachen.

 

[Ib-07-1780-0391]
"Eine Physiognomie des Lachens wär' das interessanteste Lehrbuch der Menschenkentnis. –" Seit. 191.

 

[Ib-07-1780-0392]
XXXI.

 

[Ib-07-1780-0393]
Physiognomische Reisen. Viertes Heft. Altenburg, in der Richterischen Buchhandlung. 1779.

 

[Ib-07-1780-0394]
1) Der Richter * und der Dieb.–

 

[Ib-07-1780-0395]
"Wunderbar! dacht ich bei mir, daß Richter und Malefikant doch so oft nach einerlei Grundsäzzen denken und handeln, als wären sie in eine Schul' gegangen. Beide haben die nämliche Begierde Menschen hinzuwürgen, um sich ihrer Verlassenschaft zu bemächtigen. Darum so oft ich den Richter einen Dieb zum Galgen geleiten seh', denk' ich immer an einen Hecht, der die Aalraupe verschlingt." – S. 18. 19.

 

[Ib-07-1780-0396]
2) Von den körperlich starken Menschen.

 

[Ib-07-1780-0397]
"Die härtesten Bösewichter sind immer die Untersezten; denn wo viel gedrungene Kraft ist, da ist auch viel Versuchung zum Misbrauch derselben. – –" Seit. 37.

 

[Manuskriptseite 168.]

[Ib-07-1780-0398]
XXXII.

 

[Ib-07-1780-0399]
Der deutsche Merkur vom Iahr 1777. Erstes Vierteliahr. Weimar.

 

[Ib-07-1780-0400]
1) Von dem Einflus des Kartenspiels auf die geschehene Verbesserung und Aufklärung des Menschengeschlechts.

 

[Ib-07-1780-0401]
"Vor der Epoche des Spiels waren beide Geschlechte weniger vereint, das ist, – minder zusammen in Geselschaft. Die Männer waren's mehr; 's gab Kotterien; man gieng in Gasthäuser; da gab's mehr Trunken' und folglich – mehr Bande, mehr Freundschaft. Die Langweil', eine der grösten Entwiklerinnen der menschlichen Volkomlichkeit (perfectibilité) regte die Menschen an, ihre Talente zu bilden, sich zu beschäftigen, zu studiren, zu arbeiten, zu kabaliren, Verschwörungen vorzunehmen. Die Politik war der Gegenstand der Gespräche, ein Gegenstand, den Muss' und Langweile nährten: man beurtheilte die Regierung, beklagte sich, verschwur sich, fand Freunde, denen man sich anvertrauen konte: die grossen Tugenden und grossen Laster waren gemeiner. Anderseits, da noch kein Kartentalisman da war, der's den Männern verschafte, sich einen grünen Spieltisch gegen über an den Reizen des Frauenzimmers zu ersättigen, waren Freundschaft und Liebe noch Leidenschaften. Iezt, dank sei's den Karten, ist man nur galant: man hat Bekante genug und

 

[Manuskriptseite 169.]

keinen Freund; Gebieterinnen genug und keine Geliebte. Ein Mahomedaner, der mit asiatischen Augen unsre grossen Assambleen ansähe, hätte die Bosheit zu glauben, die europäischen Bassa's hielten ihr Serail gemein. Sie werden also finden, daß das Spiel, das in der Geselschaft beide Geschlechter fast noch mehr als die Karten selbst mischt: die Kraft der Lieb' ausserordentlich erschlaffen muste. Sezzen Sie nun noch hinzu, daß auch die Kräfte, die man sonst anwante, der Langweile zu entgehen, durch dies Vergnügen sich erschlaft fühlen: sodan rechnen sie die Folgen dreier erschlaften Triebfedern zusammen und erwägen die Folgen dessen. Das sizzende Leben, zu dem dies ewige Spielen beide Geschlechte bringt, schwächt den Körper; physisch und moralisch also wird ein neues System von Sitten, Temperament, Verfassung. Die Magie des Kartenspiels macht einen gemeinschaftlichen Brenpunkt fast aller Leidenschaften im Kleinen; sie finden alle da ihre Nahrung. Freilich ist alles da mikroskopisch und täuschender noch als die Täuschung sonst ist. Die dunkle Idee vom Glük und Unglük ist dabei; selbst die Eitelkeit ist rege; das Spiel scheint eine täuschende Gleicheit festzusezzen unter den Spielern, und dies Vehikul stimt in der Geselschaft die verschiedensten Glieder zusammen; Geiz und Ehrliebe wirken; dem algemeinen Geschmak am Vergnügen wird durch diese

 

[Manuskriptseite 170.]

Zeitverkürzung geschmeichelt. Sind Damen von der Partie, so mus es auch die Lieb' auch sein. Kurz, die Sphär' unsrer Leidenschaften findet sich hier verengt, konzentriert, in ein kleines Rad zusammengedrängt. Alle knüpfen sich hier von selbst in einander, verduften und erschöpfen sich, fern von ihrer Quell' und ihrem Zwekke: Muss' und Langweile, Geiz und Träge, Ehrsucht und Gemächlichkeit – alle verschlingen gemeinschaftlich eine hohle Nahrung, die sie all' abspant und entkräftet. Da nun aus der Gährung dieser grossen Leidenschaften gemeiniglich mehr Böses entspringt, als Gutes: so hat's menschliche Geschlecht mehr gewonnen, als verloren. Es giebt nicht grosse Tugenden mehr: die grossen Laster nehmen aber auch ab. Meuchelmorde, Vergiftungen, all' Abscheulichkeiten bürgerlicher Kriege sind einem Volke fremde, wo Männer und Weiber einen so grossen Theil ihrer Zeit – dem Kartenspiel widmen.

 

[Ib-07-1780-0402]
Mit Recht beklagt man sich freilich, daß auch iene Schöpfergenie's, iene verschlingenden Köpfe, iene Heldengeister verschwunden sind, deren Tugend und Patriotismus die Menschengattung gleichsam veredelte. Aber wie selten sind doch diese Himmelsgeschenk' immer gewesen! stat, daß ienes Gewebe von Grausamkeiten und Übelthaten, die die menschliche Natur entehren, so gemein war, daß sie fast nicht mehr erstaunten. Ein Feind, ein Bösewicht, sagt Zoroaster, findet hundertmal am Tage

 

[Manuskriptseite 171.]

Gelegenheit zu schaden, und ein Tugendhafter oft im Iahr kaum Gelgenheit seinem Freunde zu dienen. Der Haufe des Menschengeschlechts glaubt sich entübrigt, die grossen Muster nachzuahmen, zu denen er sich unfähig fühlt; er hat aber nur zu viel Hang, vom Strom böser Beispiele sich hinreissen zu lassen. – –" Seit. 35. 36. 37. 38.

 

[Ib-07-1780-0403]
XXXIII.

 

[Ib-07-1780-0404]
Der deutsche Merkur vom Iahr 1777. Zweites Vierteliahr. Weimar.

 

[Ib-07-1780-0405]
1)

 

[Ib-07-1780-0406]
Vom Narren.
"Der ein'ge Fal, wo einem Narren dünkt, er habe
'was Dumm's gesagt, ist, wenn es ihm begegnet
'was Klug's zu sagen."

Seit. 161.

 

[Ib-07-1780-0407]
2) Von der Apathie der Stoiker.

 

[Ib-07-1780-0408]
"Da die Stoiker die Leidenschaften für Krankheiten und Gebrechen der Seel' hielten, so war's natürlich, daß sie wünschten, die Krankheiten möchten ausgerottet sein. Apathie war ihnen Bildung richtiger Begriffe vom Werth der Dinge, von wahren und falschen Gütern und Übeln. Wie wenig die Stoiker die Absicht hatten, dem vernünftigen Man alle Sensibilität zu rauben, erhelt am besten aus ihrer Lehre von den gemässigten Empfindungen, die sie selbst Weisen gestatteten. Sie sezten den 4. Hauptleidenschaften der Thoren, 3 Ver 3 vernunftmässige Seelenmodifikazionen entgegen, die sie @@@@@@@@@ @@@@@@@@@@ nanten; der @@@@ die @@@@, dem @@@@@ die vernünftige Vorsicht

 

[Manuskriptseite 172.]

@@@@@@, und der @@@@@ die @@@@@. Der @@@@ sezten sie keine @@@@@@@@ entgegen, weil die wahren Weisen kein wahres Übel treffen, keine hieraus entstehende Betrübnis niederschlagen könne. Die @@@@@@@ verschaft uns den herlichsten unter allen Vorzügen des Weisen, die Freiheit @@@@@@@ @@@@@@@@@@@." Seit. 254. 255.

 

[Ib-07-1780-0409]
XXXIIII.

 

[Ib-07-1780-0410]
Herrn Iohann Iakob Rousseau's, Bürgers zu Genf, Ämil, oder von der Erziehung. Aus dem Französischen übersezt und mit einigen Anmerkungen versehen. Erster Theil.

 

[Ib-07-1780-0411]
Sanabilibus ægrotamus malis; ipsaque nos in rectum genitos natura, si emendari velimus, iuvat. SENECA, de ira, L. II. c. 13.

Berlin, Frankfurt und Leipzig. 1762.

 

[Ib-07-1780-0412]
1) Von der Schädlichkeit des Einwikkelns der Kinder.

 

[Ib-07-1780-0413]
"Das neugeborne Kind braucht nothwendig, seine Glieder auszustrekken und zu bewegen, um sie aus der Erstarrung zu bringen, worinnen sie so lange Zeit in einem Knäuel zusammen gewikkelt, geblieben sind. Man streckt sie zwar aus: man verhindert sie aber, sich zu bewegen; man befestigt den Kopf sogar durch Kopfbänder; es scheint, man befürchte sich, es möchte des Ansehen haben, als wenn's lebte.

 

[Ib-07-1780-0414]
Der Trieb der innern Theil' eines Körpers, der auf's Wachsthum geht, findet also ein unübersteigliches Hindernis bei denen Bewegungen, die er verlangt. Das Kind giebt sich beständig vergebne Mühe, welche seine Kräfte erschöpft oder ihren Fortgang verzögert. Es war im

 

[Manuskriptseite 173.]

Mutterkuchen nicht so eng eingeschlossen, nicht so gezwungen, nicht so zusammen gedrükt, als es in seinen Windeln ist. Ich seh' nicht, was es dadurch gewonnen hat, daß es geboren worden.

 

[Ib-07-1780-0415]
Die Unthätigkeit, der Zwang, worinnen man die Glieder eines Kindes hält, können nicht anders als den Umlauf des Geblütes, der Säft' hemmen, das Kind hindern, sich zu verstärken, zu wachsen, und seine Leibesbeschaffenheit zu ändern. An den Orten, wo man diese ausschweifenden Vorsichtigkeiten nicht hat, sind die Menschen insgesamt gros, stark, wolgewachsen. Die Länder, wo man die Kinder einwikkelt, wimmeln von buklichten, lahmen, übelgebildeten Leuten von allerhand Art. Aus Furcht, die Leiber möchten durch freie Bewegungen ungestalt werden, eilt man, sie durch Einzwängung ungestalt zu machen. Man möchte sie gern zu Krüppeln machen, um sie zu verhindern, daß sie sich nicht lähmen. – Daher komt ihr Schreien und Weinen, das ihnen diese Fesseln gleich nach ihrer Geburt auspressen. –" Seit. 18. 19.

 

[Ib-07-1780-0416]
"Man giebt vor, die Kinder in der Freiheit könten üble Stellungen nehmen, und sich Bewegungen geben, die vermögend wären, der guten Bildung ihrer Gliedmassen zu schaden. Diesen Einwurf widerlegt die Erfahrung. Bei derienigen Menge Kinder, die bei vernünftigern Völkern, als wir, in aller Freiheit ihrer Gliedmassen erzogen werden, sieht man nicht ein einziges, welches sich verlezt oder lähmet. Sie können ihren Bewegungen nicht die Kraft geben, welche sie gefährlich machen kan; und wenn sie eine gewaltsame Stellung annehmen, so erinnert der Schmerz sie bald, solche zu ändern. – Die Kinder können sich kaum bewegen, wie solten sie sich denn lähmen können? Wenn man sie auf den Rükken legte: so würden sie in dieser Stellung sterben, wie die Schildkröte, ohne daß sie sich iemals herumkehren könten. –" Seit. 21.

 

[Manuskriptseite 174.]

[Ib-07-1780-0417]
2) Die Kinder mus man abhärten.

 

[Ib-07-1780-0418]
"Man beobachte die Natur, und folge dem Wege, den sie einem vorzeichnet. Sie übt die Kinder beständig; sie verhärtet ihre Leibesbeschaffenheit durch Prüfungen von allerhand Art; sie lehrt sie bei Zeiten, was Pein und Schmerz ist. Die durchbrechenden Zähne bringen ihnen's Fieber; scharfes Bauchgrimmen macht ihnen Verzukkungen; lange Husten erstikt sie; die Würmer martern sie; die Volblütigkeit verderbt ihr Blut; verschiedne Säuren gähren darinnen und verursachen gefährliche Ausbrüche: Fast's ganze erste Alter ist Krankheit und Gefahr. Die Hälfte der Kinder, welche geboren werden, kömt vor dem achten Iahr' um. Wenn die Prüfungen gethan sind: so hat's Kind Stärke gewonnen; und so bald's das Leben brauchen kan, wird der Grund dasselben sicherer.

 

[Ib-07-1780-0419]
Dies ist die Richtschnur der Natur. Warum handelt man ihr zuwider? Sieht man nicht, daß, wann man sie zu bessern denkt, man ihr Werk zerstört, man die Wirkung ihrer Sorgfalt verhindert? Man meint, man verdopple die Gefahr, wenn man äusserlich das thue, was sie innerlich thut; und man lenkt sie doch Gegentheils vielmehr ab; man vermindert sie. Die Erfahrung lehrt, daß noch mehr zärtlich erzogne Kinder sterben, als andre. Wenn man nur nicht's Maas ihrer Kräft' überschreitet: so wagt man weniger, wann man sie braucht, als wenn man sie schonet. Man übe sie also zu den Anfällen, die sie dereinst werden auszustehen haben. Man härt' ihre Leiber zu den Rauhigkeiten der Iahrszeiten, der Himmelsgegenden, der Elemente, zu Hunger und Durst, zu Beschwerlichkeiten ab; man tauche sie in's Wasser des Styx. Bevor der Leib eine Ge

 

[Manuskriptseite 175.]

wohnheit angenommen hat, giebt man ihm dieienige, die man wil ohne Gefahr. Wenn er aber einmal in seiner Festigkeit ist, so wird all' Ändrung gefährlich. Ein Kind wird Abwechslungen ausstehen, die ein Man nicht ausstehen würde. Die weichen und biegsamen Zäserchen der ersten nehmen ohne Mühe die Falt' an, die man ihnen giebt; die mehr verhärteten Zasern des Mannes ändern nicht weiter, als mit Gewalt, die Falte, die sie erhalten haben. Man kan also ein Kind stark machen, ohne sein Leben und seine Gesundheit in Gefahr zu sezzen; und wenn auch etwas dabei zu wagen sein solte, so müste man doch nicht bei sich anstehen. Weil's Gefährlichkeiten giebt, die vom menschlichen Leben unzertrenlich sind; kan man da wol besser thun, als wenn man sie auf die Zeit seiner Dauer zurükwirft, wo sie am wenigsten nachtheilig sind? –" Seit. 28. 29.

 

[Ib-07-1780-0420]
3) Wie man's mit'n Kindern nach ihrer Geburt machen sol.

 

[Ib-07-1780-0421]
"Den Augenblik, da's Kind Athem holt, indem's aus seinen Hüllen herausgeht, leide man nicht, daß man ihm andre gebe, die's noch enger eingeschlossen halten. Keine Kopfbinden, keine Windelschnüre, kein Wikkelküssen; lokkere und breite Windeln, die alle seine Glieder in Freiheit lassen und weder so schwer sind, daß sie seine Bewegungen in Zwang' halten, noch so warm, daß sie's verhindern, die Eindrükke der Luft zu empfinden. 1*) Man leg' es in eine grosse, wohlausgestopfte Wiege, wo's sich nach Bequemlichkeit und ohne Gefahr bewegen kan. Wenn's anfängt, stärker zu werden, so lasse man's in der Kammer herumkriechen; man lass' es seine kleinen Glieder entwikkeln und ausdehnen; man wird sie von Tage zu Tage sich verstärken sehn. Man ver

 

[Manuskriptseite 176.]

gleich' es mit einem wol eingewindelten Kinde, von eben dem Alter: man wird über den Unterschied ihres Wachsthums erstaunen. –" Seit. 62. 63.

 

[Ib-07-1780-0422]
4) Vom Wachsthume der Kinder.

 

[Ib-07-1780-0423]
"Die Erziehung eines Menschen fängt mit seiner Geburt an; eh' er noch redet, eh' er noch versteht, unterrichtet er sich schon. Die Erfahrung kömt den Lehren zuvor. In dem Augenblikke, da er seine Amme kennen lernet, hat er schon viel begriffen. Man würd' über die Kentnisse des gröbsten Menschen erstaunen, wenn man seinem Fortgange ** von dem Augenblikk' an, da er geboren wird, bis zu dem, wohin er gelangt ist, folgete. Wenn man alle menschliche Wissenschaft in zween Theile theilete, wovon der eine allen Menschen gemein, der andre den Gelehrten besonders eigen wäre: so würde dieser, in Vergleichung des andern, sehr klein sein. Wir denken aber wenig an die algemeinen Erwerbungen; weil sie geschehen, ohne daß man daran denkt, und sogar vor dem vernünftigen Alter; weil sich überdies das Wissen auch nur durch seine Unterschiede bemerken läst, und die gemeinen Grössen, wie die Gleichungen in der Algebra, für nichts gerechnet werden. – Die Thiere sogar lernen sehr viel. Sie haben Sinne; sie müssen solche gebrauchen lernen: sie müssen fressen, gehen, fliegen lernen. Die vierfüssigen Thiere, die gleich von ihrer Geburt an sich auf ihren Füssen halten, wissen deswegen nicht zu gehen; man sieht's bei ihren ersten Schritten, daß es ungewisse Versuche sind. Die aus ihrem Bauer entwischten Kanarienvögel wissen nicht zu fliegen, weil sie niemals geflogen haben. –" Seit. 68. 69.

 

[Manuskriptseite 177.]

[Ib-07-1780-0424]
5) Allerhand Anmerkungen über die Kinder – und deren Erziehung.

 

[Ib-07-1780-0425]
"Die blosse Gewohnheit, welche man's Kind mus annehmen lassen, ist, daß es nichts gewohnt werde. Man trag' es nicht mehr auf einem Arm als auf dem andern u. s. w. Man bereite von ferne die Regierung seiner Freiheit und den Gebrauch seiner Kräfte dadurch, daß man seinem Leibe die natürliche Fertigkeit läst, daß man ihn in den Stand sezt, stets Herr über sich zu sein, und in allen Dingen seinen Willen zu thun, so bald's einen haben wird. –

 

[Ib-07-1780-0426]
Sobald das Kind anfängt, die Gegenstände zu unterscheiden: so ist viel daran gelegen, daß man eine Wahl unter denienigen treffe, die man ihm zeigt. Natürlicher Weise bewegen alle neue Gegenstände den Menschen. Er fühlt sich so schwach, daß er sich vor allem fürchtet, was er nicht kent. Die Gewohnheit, neue Dinge zu sehen, ohne von ihnen gerührt zu werden, zernichtet diese Furcht. – Warum solte denn die Erziehung eines Kindes nicht vorher anfangen, eh' es redet und versteht, weil die blosse Wahl der Gegenstände, die man ihm vorstelt, fähig ist, es furchtsam oder herzhaft zu machen? Man mus es also gewöhnen, neue Gegenstände, häsliche, übelgebildete Thiere zu sehen, aber nach und nach, so lange, bis es dazu gewöhnt sei, und, da's solche vielmals von andern anfassen gesehen, sie endlich selbst anfasse. –" Seit. 70. 71.

 

[Ib-07-1780-0427]
"Der Geruch ist von allen Sinnen derienige, der sich am spätesten bei den Kindern entwikkelt. Bis in das zweite oder dritte Iahr ihres Alters scheint's nicht, daß sie weder den guten noch den übeln Geruch empfinden. Eben dieses bemerket man auch an vielen Thieren. –" Seit. 73. 74.

 

[Manuskriptseite 178.]

[Ib-07-1780-0428]
"Die Kinder weinen viel; das mus sein. Weil all' ihre Empfindungen rührende sind: so geniessen sie solche in der Stille, wenn sie angenehm sind. Wenn sie aber beschwerlich sind, so sagen sie's in ihrer Sprach' und verlangen Linderung. So lange sie nun wach sind, so können sie fast nicht in einem Zustande der Gleichgültigkeit bleiben; sie schlafen oder werden gerührt. – " Seit. 79.

 

[Ib-07-1780-0429]
"Ein Kind wil alles in Unordnung bringen, was es sieht; es zerschmeist, es zerbricht alles, was es erreichen kan; es fasset einen Vogel eben so an, als es einen Stein anfassen würde, und erstikt ihn, ohne zu wissen, was es thut. Warum das? Die Weltweisheit wird anfänglich aus den natürlichen Lastern Ursache davon geben; der Stolz, die Herschsucht, die Eigenliebe, die Bosheit des Menschen; das Gefühl seiner Schwäche macht 's Kind begierig, starke Thaten zu thun. Man seh' aber den schwachen und hinfälligen Greis, welcher durch den Kreislauf des menschlichen Lebens zu der Schwachheit der Kindheit zurükgeführt ist; er bleibt nicht allein unbeweglich und stil; er wil auch, daß alles um ihn herum so bleibe; die geringste Verändrung stört und beunruhigt ihn; er wolte gern eine algemeine Still' herschen sehn. Wie solte einerlei Unvermögen, mit einerlei Leidenschaften verbunden, wol so verschiedne Wirkungen in den beiden Altern hervorbringen, wenn die ursprüngliche Ursache nicht geändert wäre? und wo

 

[Manuskriptseite 179.]

kan man diese Verschiedenheit der Ursachen anders suchen, als in dem physischen Zustande der beiden Personen. Die wirkende Triebfeder, die beiden gemein ist, entwikkelt sich bei dem einen und vergeht bei'm andern; der eine bildet sich und der andre zerstört sich; der eine neigt sich zum Leben, der andre zum Tode. Die abnehmende Wirksamkeit zieht sich im Herzen des Greises zusammen; in des Kindes seinem ist sie überreichlich und erstrekt sich auswärts; es fühlt bei sich, so zu sagen, leben genug, um alles zu beseelen, was es umgiebt. Ob's etwas mach' oder nicht zernichte, daran liegt nichts; genug, daß es den Zustand der Ding verändert: und eine iede Veränderung ist eine That. Wann's mehr Neigung zum Zernichten zu haben scheint, so ist das nicht aus Bosheit, sondern weil's Thun, das etwas bildet, alzeit langsam ist, das Thun aber, welches zernichtet, geschwinder ist und seiner Lebhaftigkeit also besser zukomt. –" Seit. 81. 82.

 

[Ib-07-1780-0430]
"Wenn's Kind weint, und man kan ihm helfen, so thue man's den Augenblik. Wenn man ihm aber nicht helfen kan: so bleibe man ruhig und schmeichel' ihm nicht, um's zu besänftigen. Eure Liebkosungen werden sein Bauchgrimmen nicht heben; indessen wird's sich doch erinnern, was es thun mus, wann ihm sol geschmeichelt werden: und wenn's einmal weis, wie's euch nach seinem Willen mit sich beschäftigen sol, so ist's euer Herr geworden, und alles ist verloren. – – Seit. 65.

 

[Manuskriptseite 180.]

[Ib-07-1780-0431]
"Die ersten Entwikkelungen der Kindheit geschehen fast all' auf einmal. Das Kind lernt reden, essen, gehen beinahe zu gleicher Zeit. –"St. 99. 100.

 

[Ib-07-1780-0432]
"Unsre Lehrsucht und unser pedantischer Wahnwiz suchen stets, dasienige die Kinder zu lehren, was sie für sich selbst viel besser lernen würden, und dasienige zu vergessen, was wir sie allein hätten lehren können. Ist wol etwas alberner, als die Mühe, die man sich giebt, sie gehen zu lehren, als wenn man irgend iemand gesehen hätte, der aus Nachlässigkeit seiner Amme nicht gehen können, da er gros geworden? Wie viele Leut' hingegen sieht man nicht ihr ganzes Leben lang schlecht gehen, weil man sie übel gehen gelehrt hat? –" Seit. 104.

 

[Ib-07-1780-0433]
"Biethet dem unvernünftigen Willen des Kindes niemals andre, als physische Hindernisse, oder Strafen dar, die aus den Handlungen selbst erwachsen und es erinnere sich deren bei Gelegenheit. Man darf ihm nicht erst verbieten, böses zu thun, es ist genug daß man's daran verhindere. Die Erfahrung oder's Unvermögen müssen allein ihm stat des Gesezzes dienen. Man gestehe seinen Begierden nichts zu, weil's solches verlangt, sondern weil's solches bedarf. Es wisse nicht, was Gehorsam ist, wenn's etwas thut noch was Herschaft ist, wenn man etwas für dasselbe thut. Es spür' in seinen und euren Handlungen seine Freiheit auf gleiche Art. Ersezt die Stärke, die ihm abgeht, gerade so viel, als es daran nöthig hat, um frei und nicht herschsüchtig zu sein. –" Seit. 123. 124.

 

[Manuskriptseite 181.]

[Ib-07-1780-0434]
"Die Natur hat zur Stärkung des Leibes und zu dessen Wachsthume Mittel, denen man niemals zuwider sein sol. Man mus ein Kind nicht zum Bleiben zwingen, wenn's gehen wil, noch zum Gehen, wenn's auf der Stelle bleiben wil. Wenn der Willen der Kinder nicht durch unsre Schuld verderbt ist: so wollen sie nichts unnüzzer Weise. Sie müssen springen, laufen, schreien, wenn sie Lust dazu haben. All' ihre Bewegungen sind Bedürfniss' ihrer Leibesbeschaffenheit, die sich zu verstärken sucht." Seit. 124.

 

[Ib-07-1780-0435]
"Vernünftelt mit'n Kindern nicht! Von allen Seelenkräften ist die Vernunft, welche sozu sagen aus allen andern zusammengesezt ist, dieienige, die sich am schwersten und spätesten entwikkelt; und deren wil man sich bedienen, um die ersten zu entwikkeln? Das Hauptwerk einer guten Erziehung ist, einen Menschen vernünftig zu machen; und man begehrt, ein Kind durch die Vernunft zu erziehen? Das heist von hinten zu anfangen; das heist aus dem Werk 's Werkzeug machen wollen. Entweder man mus, wenn man mit ihnen vernünftelt, so reden, daß sie's nicht verstehen, oder man mus einen Zirkel machen. Hier ist ein Formular, worunter fast alle Sittenlehren gebracht werden können.

 

[Ib-07-1780-0436]
Der Lehrmeister. Man mus das nicht thun.

 

[Ib-07-1780-0437]
Das Kind. Und warum mus man's nicht thun?

 

[Ib-07-1780-0438]
Der Lehrm. Weil's übel gethan ist.

 

[Ib-07-1780-0439]
Das Kind. Übel gethan! Was ist denn übel gethan?

 

[Ib-07-1780-0440]
Der Lehrmeister. Was man dir verbietet.

 

[Ib-07-1780-0441]
Das Kind. Was ist's denn für ein Übel, wenn ich das thue, was man mir verbietet?

 

[Manuskriptseite 182.]

[Ib-07-1780-0442]
Der Lehrmeister. Man wird dich strafen, weil du ungehorsam gewesen.

 

[Ib-07-1780-0443]
Das Kind. Ich wil's schon so machen, daß man nicht davon erfährt.

 

[Ib-07-1780-0444]
Der Lehrmeister. Man wird dich auskundschaften.

 

[Ib-07-1780-0445]
Das Kind. Ich werde mich verstekken.

 

[Ib-07-1780-0446]
Der Lehrmeister. Man wird dich ausfragen.

 

[Ib-07-1780-0447]
Das Kind. Ich werde lügen.

 

[Ib-07-1780-0448]
Der Lehrmeister. Man mus nicht lügen.

 

[Ib-07-1780-0449]
Das Kind. Warum mus man nicht lügen?

 

[Ib-07-1780-0450]
Der Lehrmeister. Weil's übel gethan ist, u. s. w. – Dies ist der unvermeidliche Zirkel. –" Seit. 134. 135.

 

[Ib-07-1780-0451]
"Wessen das Kind sich enthalten sol, das verbietet ihm nicht; hindert's, es zu thun, ohn' Erklärungen, ohne Vernunftschlüsse. Was ihr ihm bewilligt, das bewilligt auf sein erstes Wort, ohn' Anhalten, ohne Bitten, vornämlich ohne Bedingung. Bewilligt mit Vergnügen, versagt mit Widerwillen; euer Versagen sei aber unwiderruflich. Kein Ungestüm mach' euch wankend; das ausgesprochne Nein sei eine eherne Mauer, wider welche das Kind nicht fünf bis sechs mal seine Kräfte wird erschöpft haben, so wird's nicht mehr versuchen, sie umzustossen.

 

[Ib-07-1780-0452]
Auf solche Art werdet ihr's geduldig, gleichmüthig, gelassen, ruhig machen, auch selbst, wenn's das nicht erhalten wird, was es gewolt hat. Denn's ist in der Natur des Menschen, daß er die Nothwendigkeit der Dinge, aber nicht den bösen Willen eines andern geduldig erträgt. Das Wort 's ist nichts mehr

 

[Manuskriptseite 183.]

da ist eine Antwort, wider welche sich niemals ein Kind geregt hat, wofern's solche nicht für eine Lüge gehalten hat. –" Seit. 138. 139.

 

[Ib-07-1780-0453]
"Der beständige Zwang, worinnen ihr eure Untergebnen haltet, erregt ihre Lebhaftigkeit. Ie gezwungner sie unter euren Augen sind, desto ausgelassener sind sie in dem Augenblik, da sie sich losmachen; sie müssen sich doch, wenn sie können, den harten Zwang vergüten, worinnen ihr sie haltet. Zween Schüler aus der Stadt werden mehr in einem Lande verwüsten, als die Iugend einer ganzen Dorfschaft. –" Seit. 140. 141.

 

[Ib-07-1780-0454]
"Die erste Erziehung sol blos verneinend sein. Sie besteht nicht darinnen, daß man die Tugend und Wahrheit lehre, sondern's Herz vor dem Laster und den Verstand vor dem Irthum verwahre. Wenn ihr nichts und nichts thun lassen köntet; wenn ihr euren Untergebnen gesund und stark bis in's 12. Iahr seines Alters führen köntet, ohne daß er zu unterscheiden wüste, was rechts oder links wäre: so würden sich die Augen seines Verständnisses, gleich bei euren ersten Lehren, der Vernunft eröfnen; ohne Vorurtheile, ohne Gewohnheit würd' er nichts in sich haben, was der Wirkung eurer Sorgfalt zuwider sein könte. Er würde bald unter euren Händen der alweiseste Mensch werden, und ihr würdet, da ihr mit Nichtsthun angefangen, ein Wunder von Erziehung gethan haben. –" Seit 144.

 

[Ib-07-1780-0455]
"Vol von dem, was in euren (Sittenlehrern) Kopfe vorgeht, seht ihr nicht die Wirkung, die ihr in dem Kopfe der Kinder

 

[Manuskriptseite 184.]

hervorbringt. Denkt ihr, daß unter diesem langen Flusse von Worten, womit ihr sie unaufhörlich überschüttet, nicht eines sei, das sie falsch fassen? Denkt ihr, daß sie eure weitschweifigen Erklärungen nicht nach ihrer Art auslegen, und daß sie nicht etwas darinnen finden, woraus sie sich ein Lehrgebäude nach ihrer Einsicht machen, welches sie euch bei Gelegenheit werden entgegen sezzen können?" Seit. 150.

 

[Ib-07-1780-0456]
"Es ist eine von den Widersinnigkeiten der gemeinen Erziehungen, daß man gleich anfangs mit den Kindern von ihren Pflichten, niemals von ihren Gerechtsamen redet, und also anfängt, ihnen's Gegentheil von demienigen zu sagen, was man sagen mus, welches sie nicht verstehen können, und was sie auch nicht einnehmen kan. –" Seit. 154. 155.

 

[Ib-07-1780-0457]
"In ieder Sache müssen eure Lehren mehr in Thaten, als in Reden sein. Denn die Kinder vergessen dasienige leicht, was sie gesagt haben, und was s* man ihnen gesagt hat, aber nicht dasienige, was sie gethan haben, und was man ihnen gethan hat. –" S. 160.

 

[Ib-07-1780-0458]
"Wie's Menschen giebt, die niemals aus der Kindheit kommen: so giebt's auch andre, die, so zu sagen, nicht dadurch gehen und beinahe gleich bei der Geburt Männer sind. Sie sind aber sehr schwer zu unterscheiden. Ihre guten Einfälle können kein untrügliches Kenzeichen sein. Denn ist's zu bewundern, daß derienige, den man viel reden läst, und dem man erlaubt, alles zu sagen, der durch keine Achtung,

 

[Manuskriptseite 185.]

durch keinen Wolstand im Zwange gehalten wird, von ungefähr einen glüklichen Einfal hat? Es würde weit mehr zu bewundern sein, wenn er niemals einen vorbrächte. –

 

[Ib-07-1780-0459]
"Die schimmerndsten Gedanken können den Kindern in den Kopf, oder vielmehr die besten Wort' in den Mund kommen, wie die allerkostbarsten Ding Diamant' unter ihre Hände, ohne daß deswegen weder die Gedanken, noch die Diamant' ihnen zugehören. Es giebt kein wahres Eigenthum für dieses Alter in keinerlei Art. Die Dinge, die ein Kind sagt, sind für dasselbe nicht das, was sie für uns sind; es verbindet nicht eben die Begriffe damit. Diese Begriff' haben in seinem Kopfe weder Folge, noch Verbindung. Es ist nichts festes, nichts gewisses in allem, was es denkt. Untersucht euer vermeintes Wunderkind. In gewissen Augeblikken werdet ihr bei ihm eine Triebfeder von einer überaus grossen Thätigkeit, einer Klarheit des Geistes, welche die Wolken durchbrechen kan, antreffen. Sehr oft und's meiste Mal kömt euch eben dieser Geist träge, feucht und gleichsam mit einem dikken Nebel umzogen vor. Bald läuft er euch zuvor, und bald bleibt er unbeweglich. Den einen Augenblik würdet ihr sagen, es ist ein fähiger Kopf, und den Augenblik darnach, es ist ein Dumkopf. Ihr würdet auch stets irren; es ist ein Kind." S. 176. 177.

 

[Ib-07-1780-0460]
"Man lasse die Natur vorher wirken, bevor man sich ein

 

[Manuskriptseite 186.]

mengt, an ihrer Stelle zu wirken, aus Furcht, man möcht' ihren Verrichtungen zuwider handeln! Man kenne den Wert der Zeit, sagt man, und wolle nichts davon verlieren! Man sieht nicht, daß man sie vielmehr verliert, wenn man sich ihrer übel bedient, als wenn man nichts damit thut; und daß ein übelunterrichtetes Kind weit mehr von der Weisheit entfernt ist, als dasienige, was man ganz und gar nicht unterwiesen hat. –" Seit. 180.

 

[Ib-07-1780-0461]
"Das Wesen in der Sprach' hat seine besondre Gestalt; welcher Unterschied wol zum Theile die Ursach' oder die Wirkung der Nazionalkaraktere sein könte; und's scheint, diese Muthmassung zu bekräftigen, daß bei allen Nazionen in der Welt die Sprache den Abwechslungen der Sitten folgt, und sich, wie sie, erhält oder verändert. Von diesen verschiednen Formen giebt der Gebrauch dem Kind' eine; und die ist die einzige, welche es bis in's vernünftige Alter behält. Wenn's zwo haben solte, so müst' es Ideen zu vergleichen wissen; und wie wolt' es die vergleichen, wenn's kaum im Stand' ist, sie zu begreifen? Eine iede Sache kan für's Kind tausend verschiedne Zeichen haben: ein ieder Begrif aber nur eine Form haben; es kan also auch nur eine Sprache reden lernen. Indessen kernt's doch viele, sagt man mir, ich leugn' es. Ich habe solche kleine

 

[Manuskriptseite 187.]

Wunder gesehen, welche fünf bis sechs Sprachen zu reden glaubten. Ich habe sie hintereinander deutsch mit lateinischen, mit französischen, mit italiänischen Worten reden hören. Sie bedienten sich zwar 5 bis 6 Wörterbücher: allein, sie reden immer nur deutsch. Mit einem Worte, man gebe den Kindern so viel gleichbedeutende Wörter, als man wil: man wird die Wörter, nicht die Sprach' ändern; sie werden niemals mehr wissen, als nur eine Sprache. –" Seit. 185. 186.

 

[Ib-07-1780-0462]
"Die Art von Gedächtnis, welche ein Kind haben kan, bleibt ohn' in den Büchern zu studiren, nicht müssig. Alles, was es sieht, alles, was es hört, rührt's und's erinnert sich dessen. Es hält bei sich selbst ein Protokol über die Handlungen und Reden und der Menschen, und alles, was es umgiebt, ist das Buch, in welchem's, ohne daran zu denken, beständig sein Gedächtnis bereichert, so lange bis seine Beurtheilungskraft sich dessen zu Nuzze machen kan. In der Wahl dieser Gegenstände, in der Sorgfalt, ihm unaufhörlich dieienigen zu zeigen, die's erkennen kan, und ihm dieienigen zu verbergen, die's nicht wissen sol, besteht die wahre Kunst, dieses erste Vermögen zu bearbeiten; und dadurch mus man sich bemühen, ihm ein Vorrathshaus von Kentnissen anzulegen, welche seine Iugend hindurch zu seiner Erziehung und in allen Zeiten zu seiner Aufführung dienen. – –" Seit. 193. 194.

 

[Manuskriptseite 188.]

[Ib-07-1780-0463]
"Eine von den ersten Sorgen der Kinder ist, die Schwäche derienigen zu entdekken, welche sie regieren. Diese Neigung treibt zur Bosheit; sie kömt aber nicht davon her: sie kömt von der Bedürfnis, ein Ansehen unkräftig zu machen, welches ihnen beschwerlich fält. Von dem Ioche, welches man ihnen auflegt, überladen, suchen sie solches abzuschütteln, und die Mängel, die sie an den Lehrmeistern finden, geben ihnen gute Mittel dazu an die Hand. Es ist klar, daß auf diese Weise Art auch eine Lasterquell' in Ämils Herz verstopft wird. Da er keinen Nuzzen davon hat, Mängel an mir zu finden: so wird er sie auch nicht an mir suchen, und wenig gereizt sein, sie an andern zu suchen. –" Seit. 216.

 

[Ib-07-1780-0464]
"Der Eigensin der Kinder ist niemals das Werk der Natur, sondern einer übeln Zucht: blos weil sie gehorcht oder befohlen haben; und ich habe schon gesagt, es sol weder's eine noch's andre sein. Euer Untergebner wird also nur den Eigensin haben, den ihr ihm werdet beigebracht haben. –" Seit. 217.

 

[Ib-07-1780-0465]
"Da's also die ersten natürlichen Bewegungen des Menschen sind, sich mit allem dem zu messen, was um ihn ist, und in iedem Gegenstande, den er wahrnimt, alle die sinlichen Eigenschaften zu prüfen, die sich auf ihn beziehen: so ist sein erstes Studieren eine Art von Experimentalphysik, welche auf seine eigne Erhaltung geht, und wovon

 

[Manuskriptseite 189]

man ihn durch spekulative Studien abzieht, bevor er seine Stell' hier unten erkant hat. Weil alles, was in den menschlichen Verstand kömt, durch die Sinn' hinein kömt: so die erste Vernunft des Menschen eine sinliche Vernunft (raison sensitive); sie dient der mit Verstande begabten Vernunft (raison intellectuelle) zum Grunde. Unsre ersten Lehrmeister in der Weltweisheit sind unsre Füsse, Hände, Augen. Bücher an die Stelle des Allen zu sezzen, heist nicht, uns vernünftig urtheilen lernen, sondern uns der Vernunft eines andern bedienen lehren; es heist uns viel glauben und niemals etwas wissen lehren. –" Seit. 227. 228.

 

[Ib-07-1780-0466]
"Man mus die Kinder mehr zur Kält' als zur Wärm' abhärten. Die grosse Kält' ist ihnen niemals beschwerlich, wenn man sie solcher bei Zeiten ausgesezt sein läst. Da aber das gar zu zarte und noch gar zu weiche Geweb' ihrer Haut, der Ausdünstung einen gar zu freien Durchgang läst: so überliefert's sie, durch die ungemeine Hizze, einer unvermeidlichen Erschöpfung. Man bemerkt auch, daß ihrer mehr im August, als in irgend einem andern Monate sterben. Überdieses scheint's auch durch die Vergleichung der nordischen und mittäglichen Völker bestätigt zu werden, daß man viel stärker wird, wenn man die übermässige Kält' als die übermässige Hizz', erträgt. Nach dem Maasse, wie sich seine Fäserchen verstärken, gewöhne man's, nach und nach, den Stralen der Sonne zu trozzen. –" Seit. 235.

 

[Manuskriptseite 190.]

[Ib-07-1780-0467]
"Das harte Leben, wenn's einmal zur Gewohnheit geworden ist, vervielfältigt die angenehmen Empfindungen; das weichliche Leben bereitet unzählige unangenehme. –" Seit. 239.

 

[Ib-07-1780-0468]
"Ie weiter wir uns von dem Stande der Natur entfernen, desto mehr verlieren wir unsern natürlichen Geschmak; oder vielmehr die Gewohnheit macht uns eine andre Natur, welche wir dergestalt an die Stelle der erstern sezzen, daß keiner von uns solche mehr kent. Es folgt, daß der natürlichste Geschmak auch der einfachste ist; denn der verwandelt sich am leichtesten. Hingegen nimt er, indem er sich durch unsre Grillen schärft, indem er sich reizt, eine Gestalt an, die sich nicht mehr ändert. Der Mensch, der noch aus keinem Land' ist, wird sich leicht zu den Gebräuchen eines Landes gewöhnen, es sei, welches es wolle: der Mensch aus einem Land' aber wird nicht mehr der Mensch aus einem andern Lande werden. –" Seit. 296.

 

[Ib-07-1780-0469]
"Von unsern verschiednen Empfindungen giebt der Geschmak dieienigen, die uns überhaupt am meisten rühren. Es ist uns auch mehr daran gelegen, von denen Wesen recht zu urtheilen, welche von dem unsrigen einen Theil machen sollen, als von denen, die's nur umringen. Tausend Dinge sind dem Gefühle, dem Gehöre, dem Gesichte gleichgültig: dem Geschmakk' aber ist fast nichts gleichgültig. Noch mehr, die Wirksamkeit dieses Sinnes

 

[Manuskriptseite 191.]

ist ganz physisch und materiel; er ist der einzige, welcher der Einbildungskraft nicht sagt, und derienige, in dessen Empfindungen sie am wenigsten kömt, da hingegen die Nachahmung und die Einbildungskraft oftmals etwas Sitliches unter den Eindruk aller andern mengen. – Aus diesen Gründen, glaub' ich, man könne den Geschmak als eine der grösten Triebfedern in der Erziehung der Kinder gebrauchen." Seit. 298. 299.

 

[Ib-07-1780-0470]
"Ein iedes Alter, ein ieder Zustand des Lebens hat seine geziemende Volkommenheit, seine Art von Reife, die ihm eigen ist. Wir haben oftmals von einem völliggebildeten Manne gehört: aber ein völliggebildetes Kind zu sehen - würde der angenehmste Anblik sein." Seit. 314. 315.

 

[Ib-07-1780-0471]
"Ein gewöhnlicher Lehrmeister denkt mehr auf sein Bestes, als auf seines Schülers seines; er läst sich angelegen sein, zu beweisen, daß er seine Zeit nicht verliert, und daß er's Geld wol verdient, welches man ihm giebt; er versieht ihn mit einem Vorrathe leicht auszukramenden Geschiklichkeiten, die man zeigen wil kan, wenn man wil; es ist nichts daran gelegen, ob das, was er ihn lehrt, nüzlich sei, wenn's nur leicht gesehen wird. Er häuft ohne Wahl, ohn' Unterscheidung, hunderten Plunder in seinem Gedächtnisse. – Man mus selbst viel Urtheilskraft haben, wenn man eines Kindes seine schäzzen wil. –" Seit. 326. 327.

 

[Manuskriptseite 192.]

[Ib-07-1780-0472]
XXXV.

 

[Ib-07-1780-0473]
Herrn Iohann Iakob Rousseau's, Bürgers zu Genf, Ämil, oder von der Erziehung. Aus dem Französischen übersezt, und mit einigen Anmerkungen versehen. Zweiter Theil. Berlin, Frankfurt und Leipzig. 1762.

 

[Ib-07-1780-0474]
1) Die Zeit, wenn man ein Kind unterrichten sol.

 

[Ib-07-1780-0475]
"Die Schwäche des Menschen kömt von der Ungleichheit, die sich zwischen {unter} seiner Stärk' und seinen Begierden findet. Unsre Leidenschaften machen uns schwach, weil man, um sie zu vergnügen, mehr Kräft' haben müste, als uns die Natur gegeben hat. Man verminder' also die Begierden, das ist eben soviel, als wenn man die Kräfte vermehrte. Derienige, der mehr kan, als er begehrt, hat ihrer übrig; er ist gewis ein sehr starkes Wesen.

 

[Ib-07-1780-0476]
Im zwölften oder dreizehnten Iahr' entwikkeln sich die Kräfte des Kindes schneller, als seine Bedürfnisse. Seine Begierden gehen nicht weiter, als seine Arme. Es kan sich nicht nur selbst genug sein; es hat auch noch mehr Kräfte, als es deren braucht." Seit. 4. 5.

 

[Ib-07-1780-0477]
"Was wird's denn also mit diesem Übermaasse von Vermögen und Kräften machen, welches es gegenwärtig zu viel hat, und welches ihm in einem andern Alter fehlen wird? Es wird sich bemühen, es auf Sorgen zu wenden, die ihm im Nothfalle nüzzen können. Es wird's Überflüssige seines Wesens, so zu sagen, in die Zukunft werfen. Das

 

[Manuskriptseite 193.]

starke Kind wird einen Vorrath für den schwachen Man anschaffen: es wird aber seine Magazine nicht in Kräften, die man ihm stehlen kan, noch in Speicher, die ihm fremd sind, anlegen, sondern, damit's sich seinen Erwerb wahrhaftig zueigne, so wird's ihm in seinen Armen, in seinem Kopfe, in sich selbst beherbergen. Dies ist also die Zeit der Arbeit, der Unterweisung, des Studirens; und man bemerke, daß ich diese Wahl nicht wilkürlich treffe, sondern daß die Natur selbst sie anzeigt. – –" Seit. 6.

 

[Ib-07-1780-0478]
"So lange das erste Alter währete, war die Zeit lang; wir suchten sie nur zu verlieren, aus Furcht, wir möchten sie übel anwenden. Hier ist ganz das Gegentheil; und wir haben nicht Zeit genug, alles das zu thun, was nüzlich sein würde. Man denke daran, daß die Leidenschaften herannahen, und daß unser Untergebner, so bald sie an die Thüre klopfen werden, auf nichts weiter, als auf sie, achten wird. Es kömt aber iezt nicht darauf an, daß man's die Wissenschaften lehre, sondern daß man ihm eine Neigung, sie zu lieben, und die Art und Weise beibringe, wie's sie lernen sol, wenn diese Neigung besser entwikkelt sein wird. –" Seit. 21.

 

[Ib-07-1780-0479]
2) Anmerkungen über das Kinderunterrichten.

 

[Ib-07-1780-0480]
"Man mus, so lange man kan, mit ihnen durch Thaten reden, und das sagen, was man nicht thun kan. –" Seit. 47.

 

[Ib-07-1780-0481]
"Um einen iungen Menschen scharfsinnig zu machen, mus man seine Urtheile recht bilden, anstat daß man ihm unsre vorsage." Seit. 61.

 

[Manuskriptseite 194.]

[Ib-07-1780-0482]
"Es ist keine Ursache für's Kind da, ihm dem einen Geschlecht' anders zu begegnen zu lehren, als dem andern. –" Seit. 74.

 

[Ib-07-1780-0483]
"Die Kinder haben von Natur keine Schamhaftigkeit. Sie erwächst nur mit der Kentnis des Bösen; und wie solten die Kinder, welche diese Kentnis nicht haben, noch haben solten, die Regung haben, welche die Wirkung derselben ist? Ihnen Lehren von der Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit geben, heist sie lehren, daß es schädliche und unehrbare Dinge gebe; das heist ihnen eine geheime Begierde beibringen, diese Dinge kennen zu lernen. – Wer erröthet, ist schon strafbar: die wahre Unschuld schämt sich vor nichts. –" Seit. 135.

 

[Ib-07-1780-0484]
3) Von der grossen Lustigkeit.

 

[Ib-07-1780-0485]
"Wir urtheilen von der Glükseeligkeit zu sehr nach den Anscheinungen. Wir vermuthen sie da, wo sie am wenigsten ist; wir suchen sie, wo sie nicht sein kan. Die Lustigkeit ist ein sehr zweideutiges Zeichen derselben. Ein lustiger Mensch ist oftmals nur ein Unglüklicher, der den andern einen blauen Dunst vorzumachen und sich selbst zu betäuben sucht. Diese so lachenden, so aufgeräumten, so heitern Leut' in Geselschaft sind fast alzeit traurig und mürrisch zu Haus', und ihre Hausgenossen tragen die Strafe für die Belustigung, welche sie ihren Geselschaften machen. Die wahre Vergnügung ist weder lustig, noch schäkerhaft. Eifersüchtig auf eine so süsse

 

[Manuskriptseite 195.]

Empfindung, denkt man daran, indem man sie geniest, man schmekt sie, man befürchtet, sie verrauchen zu lassen. Ein wahrhaftig glüklicher Mensch redet wenig, und lacht wenig; er zieht, so zu sagen, die Glükseligkeit um sein Herz zusammen. Die rauschenden Spiele, die lärmende Freuden verhüllen den Übedrus und Ekel. Die Schwermuth aber ist eine Freundin der Wollust: die Erweichung und die Thränen begleiten die süssesten Geniessungen, und die übermässige Freude selbst entreist viel eher Thränen, als Lachen. –" Seit. 167.

 

[Ib-07-1780-0486]
4) Über die Physionomie der Kinder.

 

[Ib-07-1780-0487]
"Ein Kind hat nur zwo recht kentlich bezeichnete Gemüthsbewegungen, die Freud' und den Schmerz; es lacht oder's weint; die mitlern dazwischen sind nichts für ihn. Es geht ohn' Unterlas von der einen dieser Bewegungen zur andern. Diese beständige Umwechslung hindert, daß sie keinen beständigen Eindruk auf seinem Gesichte machen, und keine Physiognomie werden. –" Seit. 169.

 

[Ib-07-1780-0488]
5) Von den Fehlern, die man bei der Historie antrift.

 

[Ib-07-1780-0489]
"Einer von den grossen Fehlern der Geschicht' ist, daß sie die Menschen mehr nach ihren bösen Seiten, als nach ihren guten, mahlet. Weil sie nur durch die Reichsveränderungen, durch die Glükswechsel wichtig ist: so sagt sie, so lang' ein Volk in der Still' einer friedlichen

 

[Manuskriptseite 196.]

Regierung wächst und zunimt, nichts von ihm; sie fängt nur an, von ihm zu reden, wenn's sich selbst nicht mehr genug sein kan, und an den Angelegenheiten seiner Nachbarn Theil nimt, oder sie an den seinigen Theil nehmen läst; sie macht's nur berühmt, wenn's schon auf seiner Abnahm' ist. All' unsre Geschichte fangen da an, wo sie aufhören solten. Wir haben die von denen Völkern, die sich zerstören, sehr genau; uns fehlt nur die von denen Völkern, die sich vermehren. –" Seit. 189.

 

[Ib-07-1780-0490]
"Die Historie überhaupt ist darinnen mangelhaft, daß sie nur sinliche und merkliche Thaten aufzeichnet, die man durch Namen, Örter und Iahrzahlen festsezzen kan: die langsamen und fortgehenden Ursachen dieser Thaten aber, welche nicht eben so können bezeichnet werden, bleiben stets unbekant. Man findet oftmals in einer gewonnenen oder verlornen Schlacht die Ursache von einer Reichsveränderung, die auch selbst vor dieser Schlacht schon unvermeidlich geworden war. Der Krieg thut wenig mehr, als daß er Erfolg' offenbar macht, die schon durch sitliche Ursachen bestimt waren, welche die Geschichtschreiber selten zu sehen wissen. –

 

[Ib-07-1780-0491]
Allen diesen Betrachtungen füge man noch bei, daß die Geschichte weit mehr die Handlungen, als die Menschen, zeigt, weil sie diese nur in gewissen ausgesuchten

 

[Manuskriptseite 197.]

Augenblikken, in ihren Paradekleidern ergreift. Sie stelt nur den öffentlichen Menschen vor, der sich zu Rechte gemacht hat, damit er sich könne sehen lassen. Sie folgt ihm nicht in sein Haus, in sein Kabinet, zu seiner Familie, mitten unter seinen Freunden; sie schildert ihn nur wenn er öffentlich auftrit; es ist vielmehr seine Kleidung, als seine Person, was sie malt. –" Seit. 194. 195.

 

[Ib-07-1780-0492]
XXXVI.

 

[Ib-07-1780-0493]
Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iunius 1778. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung.

 

[Ib-07-1780-0494]
1) Von den Wundern.

 

[Ib-07-1780-0495]
"Der Begrif der Wunder ist ein blosser relativer Begrif, denn's komt auf die Erkentnis dessen an, vor dem eine Wirkung geschieht, ob er sie für natürlich, oder übernatürlich hält; und ob's reine Wunder giebt, das wäre solche, die aus keinem Gesezze der Natur, weder der Werkzeuge noch des Wirkenden, zu erklären sind, sondern eine blosse Schöpfung aus nichts voraus sezzen, das wird kein bescheidner Denker behaupten. –" Seit. 72.

 

[Ib-07-1780-0496]
2)

 

[Ib-07-1780-0497]
Empfindungen.
Glüklich ist nicht, wer, im goldnen Zauber
Seiner Schlösser, schmachtet nach Genus,
Wer bei Harmonieen wie ein Tauber
Gähnt, und seiner Herschaft Überdrus

 

[Manuskriptseite 198.]

Auf sich schwer wie Felsentrümmer fühlet,
Gern dem Marterdiadem entsagt,
Das ihm nicht die heisse Stirne kühlet,
Wenn ihn scharze Königssorge plagt.
Las ihn, Schöpfer einer neuen Erde,
Felsen ebnen und Gebirg' erziehn,
Flüsse lenken, las auf sein: es werde!
Freudenlose Wüsten um ihn blühn;
Las ihn schweben auf der Purpurwolke,
Näher dem Olymp, verehrt im Hain,
Bang umzittert von dem blinden Volke,
Und der Gott der Odendichter sein;
In dem kalten wonneleeren Herzen
Nagt der Ekel seiner Götlichkeit,
Und er drängt sich, durch geweihte Kerzen,
Durch den Opferdampf, im Stralenkleid,
Ach! umsonst nach Freuden armer Hütten,
Seufzt nach Freunden, findet Knechte nur;
Blumen welken unter seinen Tritten,
Und vor ihm entfärbt sich die Natur.
Wer umlokket seine bleichen Wangen
Freundlich mit dem frühbereiften Haar?
Und wer hängt mit innigem Verlangen
Aus der feilen Odaliken Schaar

 

[Manuskriptseite 199.]

An dem hohen Blik der Göttersöhne,
Unter'm Weihrauch, den ein Sklave streut?
Ach! wer troknet ihre stille Thräne
Durch den warmen Kus der Zärtlichkeit?
Heil mir an der kühlen Felsenquelle,
Die zu Liedern reizet, und verstekt
Unter Blumen rieselt, endlich helle
Silberarme durch die Fluren strekt!
Wenn ich oft, des Tages Arbeit müde,
Einsam hier durch Eichengänge schlich!
Ach! dann fühlt' ich's, inrer Seelenfriede
Und des Herzens Unschuld lohnten mich.
Ist sie's, die in ienen Büschen lauschet,
Und die Lilienstirne schüchtern hebt,
Und nun leiser durch die Blüten rauschet,
Und iezt kühner durch die Zweige strebt?
Auch ich höre Vater! rufen, lallen –
An der Tochter Hand erscheint sie mir,
Um sie lächelt die Natur Gefallen,
Und der Weste Schweigen huldigt ihr!
Ha! an ihrem Busen hingerissen
Iunge Freudenthränen auszuspähn,
Und den Thau der Wollust wegzuküssen,
Weil der Liebe warme Seufzer wehn,
Und die Seele, aufgelöst, schon freier,
Höher schwebt, die Erde schon verläst,
Ist zu viel - O Nacht, in deinen Schleier
Hülle unsrer Liebe Siegesfest!– –"

Seit. 90. 91.

 

[Manuskriptseite 200.]

von hier bis Seite 211 zählt Jean Paul zunächst falsch mit "100, 101" usw. und korrigiert dies nachträglich zu "200, 201" usw.

 

[Ib-07-1780-0498]
evtl. noch in Tags umsetzen?

3) Ein Mittel wider den Skorbut – vom Kook' entdekt.

 

[Ib-07-1780-0499]
"Indem er bemerkte, daß an den Schiffen umher eine Art von grünlichem Kraut' oder Wassermoose wächset, so lies er dieses Kraut samlen und in süssem Wasser waschen, welches sich als ein Gegenmittel des Skorbuts von der besten Art bewährt gezeigt hat. Es wächset bald wieder. – –" Seit. 94. 95.

 

[Ib-07-1780-0500]
4) Vom Bewustsein oder dem Gefühl des Ichs.

 

[Ib-07-1780-0501]
"Das Gefühl des Ichs ist allen empfindenden Wesen mus, ist sichtbar gemein; denn's läst sich ohne dasselbe keine Empfindung denken. Entweder ein Wesen fühlt den Eindruk, der auf ihn geschieht, gar nicht, und dann hat's gar keine Empfindung; wenn's aber den Eindruk fühlt, so fühlt's, daß der Eindruk in ihm vorgeht, oder's müste fühlen, daß der Eindruk in einem andern Wesen vorgienge. Wie ungereimt's Leztere wäre, ist deutlich; also bleibt's Erst' übrig, und dann empfindet's Wesen, das Ich, worauf der Eindruk geschieht; es hat's Gefühl des Ichs. – Da wir aber auch den Thieren Empfindung zugestehen müssen, so müssen wir ihnen auch ein Selbstgefühl zugestehen. Der Unterschied aber in dem Bewustsein des Menschen und der Thiere liegt darinnen.

 

[Ib-07-1780-0502]
Die Menschen sind durch die Sprach' in Stand gesezt worden, iede Idee vor sich zu bestimmen und von den andern abzusondern. Sie haben mit den Stiften der

 

[Manuskriptseite 201.]

Sprachen die Ideen festgeheftet, um sie besonders zu betrachten. Ihre Organisazion, die sie schon mit fast allen Dingen in der Natur in Verhältnis sezte, hat ihnen tausend Eigenschaften an den Dingen kennen lernen lassen, welche alle Gegenständ' ihrer Betrachtung, geworden sind: durch die Sprache, deren Wirkung's Denken, zumal in einer deutlichen Schlusfolg' ist, haben sie alle diese Eigenschaften fixiren, verbinden, trennen, in verschiednen Verhältnissen ordnen und vergleichen können. So haben sie sich in den Stand gesezt, alle Ding' ausser sich aufs genauste zu betrachten. Nun haben sie aber auch allen ihren innern Empfindungen Namen beizulegen gewust. Durch diese Namen sind sie im Stande, sie zu denken, sie sich als Ding' ausser sich vorzustellen, fest zu halten, und unter sich so wol als mit andern Dingen zu vergleichen. Durch diese Übung lernen sie sie immer genauer kennen, genauer bestimmen, und die Beschaffenheit derselben erforschen. Der also in der Vorstellung, Bestimmung, Vergleichung seiner Empfindungen geübte Mensch kan in dem Augenblik, da er eine Empfindung hat, sich dieselbe zugleich denken. Das heist, der Schal der Worte, die seine Empfindung ausdrükken, ertönt in seinem Gehirn, und stel* stelt sie ihm als eine Idee ausser sich vor, die er nun als eine solche, wenn er Grund dazu findet, nach allen ihren Bestimmungen und Verhältnissen fortverfolgen kan. Da sich nun die Empfindung ihm als eine Idee ausser ihm vorstelt, so stellen sich ihm auch alle Theile derselben, mithin die davon unzertrenliche Wahrnehmung seines Ichs als eine äussere Idee vor, die er auch eben so festhalten, und nach

 

[Manuskriptseite 202.]

allen ihren Bestimmungen in seinem Denken verfolgen kan. Dies kan's Thier nicht, und wil man dies allein Bewustsein nennen, so mus man's den Thieren absprechen. Und warum haben die Thiere diese Fähigkeit nicht? Weil sie keine Sprach' haben, wodurch sie die Ideen fixiren und absondern können; und Sprach' und Denkkraft mangelt ihnen, weil sie nicht die innern Organe haben, die dem Menschen die Sprachfähigkeit geben, wodurch er hernach innerlich die Töne (wenigstens die, die er selbst zu bilden vermag,) auf's deutlichste in seinem Sensorium vernehmen kan, ohne daß der Schal von aussen, oder laut durch ihn gebildet werde. – " Seit. 156. 157. 158. 159.

 

[Ib-07-1780-0503]
5) Von der Harmonie zwischen Schönheit und Tugend.

 

[Ib-07-1780-0504]
"Die sichtbaren Formen der Dinge machen einen angenehmen Eindruk durch Farbe, Ausdehnung, Umris und Bewegung. Dieses ist die Schönheit der leblosen Natur. Schönheit an und für sich, ohne Bedeutung – Verhältnis=Kolorit und Linienschönheit.

 

[Ib-07-1780-0505]
In dem Pflanzenreich' haben die sichtbaren Formen auch ihre Bedeutungen, und machen als solche auch einen mehr oder weniger angenehmen Eindruk. Sie geben inneres Pflanzenleben und Güte der Organisazion zu erkennen, welches organische Schönheit genant werden kan.

 

[Ib-07-1780-0506]
Die organische Schönheit steht sehr oft mit der leblosen Schönheit in Harmonie, das ist, die bildende Natur drükt Pflanzenleben und Güte der Organisazion gröstentheils durch Schönheit in Linien und Umrissen aus. Sie sind

 

[Manuskriptseite 203.]

aber sehr in Kollisionsfällen genöthigt, von dieser Harmonie abzugehen. Die eigentliche Schönheit einer Pflanz' ist also zusammengesezt aus 1) der leblosen und 2) organischen Schönheit, und 3) aus ihrer Übereinstimmung, d. i. aus ihrer Schönheit als sichtbarer Form, ihrer Schönheit, als Zeichen innerer Güt; und die Harmonie ihres wechselseitigen Einflusses.

 

[Ib-07-1780-0507]
Bei den Thieren kömt die Bedeutung des thierischen Lebens hinzu. Ausdruk der Sinneskraft, Neigungen, Triebe, Stärke, Behendigkeit u. s. w. Auch die thierische Schönheit steht mit der leblosen in Harmonie; das heist, die Natur drükt mehrentheils inner thierische Vortreflichkeit durch Schönheit der Linien, Umrisse, und auch der Bewegung aus. Aber auch diese Harmonie leidet ihre Ausnahmen, und die Kollisionsfälle müssen hier häufiger vorkommen; weil die Natur hier mehrere und grössere Endzwekke zu erreichen hat. Die Schönheit des Thiers steht also im zusammengesezten Verhältnisse der leblosen, organischen und thierischen Schönheit, und wechselweisen Übereinstimmung.

 

[Ib-07-1780-0508]
Weit bedeutungsvoller ist der Anblik des Menschen, in so weit derselbe, ausser den vorhergehenden, auch die Intellektual= und Moralvolkommenheit des Menschen durch sichtbare Merkmale zu erkennen giebt. Die Schönheit des Menschen ist also viel zusammengesezter, die Harmonie zwischen lebloser, organischer, thierischer und ihm eigenthümlicher Schönheit reichhaltiger, aber auch die Ausnahmen und Abweichungen von derselben desto häufiger, ie mehrere und wichtigere Endzwekke die Natur in diesem Meisterstükke zu verbinden

 

[Manuskriptseite 204.]

hatte. Da kein Geschöpf alle diese innerliche und äusserliche Vortreflichkeiten im höchsten Grad' und in der volkommensten Übereinstimmung verbinden kan; so gibt's auch kein absolutes Ideal der Schönheit. In ieder Mischung mus Ein Hauptzug hervorstechen, der den Karakter ausmacht, und dem all' übrige Eigenschaften als Nebenzüg' untergeordnet sein müssen. So ist's höchste Ideal der Macht Iupiter; der Kraft, Herkules; der Liebe, Venus; der weiblichen Schönheit, Iuno; der sinlichen Wollust, Antinous ; der mänlichen Iugend, Apol; der weiblichen Iugend, Hebe; und s. w.

 

[Ib-07-1780-0509]
Ausser diesen wesentlichen Schönheiten gibt's auch zufällige Schönheiten, Bilder, die an und für sich gleichgültig sind, aber vermittelst der Nebenbegriffe, die sie zufälliger Weis' erwekken, angenehme Eindrükke zu machen fähig sind. Die Gemeinschaft der Merkmale, auf welcher die Assoziazion der Begriffe, und vermittelst derselbe diese zufällige Schönheit beruht, wird entweder von vielen anerkant – konvenzionelle Schönheit, und der Geschmak an derselben macht den Modegeschmak aus; oder nur von einem gewissen einzelnen Subiekt, und die Fertigkeit und Neigung derselben, wird zum eigensinnigen Geschmak.

 

[Ib-07-1780-0510]
Es ist aus dem obigen klar, daß ieder innern Güt' auch ein äusserliches sichtbares Merkmal entspreche, welches 1) als Zeichen betrachtet einen angenehmen Eindruk macht, der ein Ingredienz der Schönheit ist, 2) an und für sich hingegen, und ohn' in Rüksicht auf seine Bedeutung betrachtet, nur in den mehresten

 

[Manuskriptseite 205.]

Fällen auch in lebloser Linienschönheit besteht; zu weilen aber, wo der bildenden Natur höhere Endzwekk' im Wege standen, davon abweicht. In diesem lezten Falle gibt's Antliz des Menschen zuweilen innere Tüchtigkeit und Güte durch Züge zu erkennen, die als blosse Linien betrachtet nichts angenehmes haben würden, als Zeichen aber gleichwol einen gefälligen Eindruk machen. Wenn man also ieder innern Güt' eine äussere Schönheit entsprechen läst, so mus das Wort Schönheit nicht blos auf Hogarthische Verhältnis= und Linienschönheit eingeschränkt, sondern dadurch hauptsächlich die Ausdruksschönheit verstanden werden.

 

[Ib-07-1780-0511]
Wenn durch Schönheit der Totaleindruk verstanden wird, der durch's Anschauen einer menschlichen Figur entsteht; so kan allerdings diese Lasterhafte schöner sein als dieser Tugendhafte. In dem Zusammenflus so mannigfaltiger und so verwikkelter Empfindungen können bei ienem eines Theils die leblose und organische Schönheit manchen Abgang der intellektuellen und sitlichen Schönheit hinlänglich ersezzen, und andern Theils die Kollisionsfälle den Ausdruk der innern Häslichkeit des Geistes und des Herzens weniger sichtbar machen, und dadurch die Totalempfindung zu seinem Vortheil stimmen; so wir's Gegentheil hiervon bei diesem der Ausdruk der innern geistigen und sitlichen Vortreflichkeit verdunkeln und unmerkbar machen kan. Dem ohngeachtet aber steht die Wahrheit fest, daß die Tugend verschönert und's Laster verhäslichet, welches niemand leugnet; so wie der Saz zugegegben werden mus, daß das höchste Ideal der Schönheit

 

[Manuskriptseite 206.]

(wenn ein solches anders möglich wäre) auch den höchsten Grad der innern Volkommenheit des Verstandes sowol als des Herzens zu erkennen geben, und ohne dieselbe schlechterdings unmöglich sein müste. Nur bei eingeschränkten Schönheiten, die's Ideal nicht erreichen, kan eine Parzialempfindung durch die übrigen Bestandtheile der Totalempfindung abgeändert, gemildert, oder verstärkt, verdunkelt, oder mehr in's Licht gesezt werden. – –" Seit. 195. 196. 197. 198.

 

[Ib-07-1780-0512]
6)

 

[Ib-07-1780-0513]
Der Anblik der Natur – von C. F. Kramer.
"Unerschöpflich und reich ist deine Fülle, Natur
unbelebter und lebender Kinder Mutter, du!
Schlägt auch ein Herz, wo, das steinern ist,
dich verkent und nicht Thränen weint?
Hört wo ein Ohr den Gang des Unendlichen nicht
in der Donnerwolke? in dem Lispel des Westhauchs?
In der Stimme des Quels, in dem Liede
der Gespielin meiner Leier?
Du wardst mir heute! (näml. Natur) dämmernd, Träumenden gleich entzükt, hing
mein alzuvolles Herz an dir! Tobte nicht,
brauste nicht, klopfte nicht – stil war's!
Doch schwol's wie ein Born der überfliest.
Und brach in Thränen aus, da ich seitwärts gieng!
Wer nent's? Wer singt's? Wer schöpft dich, Meer, aus,

 

[Manuskriptseite 207.]

dich, Ozean von Erinn'rung und Ahndung
der Vergangenheit und Zukunft?
Ach wer merkt's? wer singt's? – In dem Thale nicht fern davon
duftete bescheiden ein Veilchen noch;
am nährenden Bach wuchs ein Vergismeinnicht;
und Maiblümchen keimten unter Eichen auf. –"

Seit. 246. 6) Der Anblik bis Seit. 246.] vertikal ausgestr., del (type=2) innerhalb Linegroup nicht möglich 247. 248.

 

[Ib-07-1780-0514]
7) Allerhand von der Physiognomie.

 

[Ib-07-1780-0515]
"Physiognomik in ihrer grösten Volkommenheit, das heist: Menschenkentnis in ihrer grösten Volkommenheit – – und diese solte die Menschenliebe nicht befördern, oder, mit andern Worten, nicht unzählige Volkommenheiten entdekken, die die halbe Physiognomik, oder die Nichtphysiognomik nicht entdekt?

 

[Ib-07-1780-0516]
Auch die auffallenste Häslichkeit vermag sich durch die Tugend Reize zu geben, die irgend iemand unwiderstehlich sind – und wem unwiderstehliger, wem lesbarer, als dem volkommensten Physiognomisten? – und unwiderstehliche Reize, denk' ich, so ferne sie erkant werden, befördern doch wol eher Lieb' als Has?

 

[Ib-07-1780-0517]
Ich darf mich frei und kühn auf meine eigne Erfahrung berufen. Ie mehr sich meine physiognomische Kentnis erweitert und vervolkomt, desto weiter und kräftiger kan mein Herz lieben. Und wenn ich gleich durch eben diese

 

[Manuskriptseite 208.]

Kentnis bisweilen sehr gedrükt werde, so bleibt's dennoch wahr. Einmal, gerade diese Bedrükkungen, die gewisse verächtliche Gesichter mir verursachen, machen mir natürlicher Weis' alles Edle, Liebenswürdige, das so oft aus den menschlichen Gesichtern nur wie Glut aus der Asch' hervorglimt, um so viel theurer, heiliger, reizender; ich trage mehr Sorge zu dem wenigen Guten, das ich bemerke; suche meine Wirksamkeit auf diesen Punkt zu richten, hier Land zu bauen und zu gewinnen, und wo ich Übergewicht von Güt' und Kraft wahrnehme, wie mus da meine Achtung und Liebe von selbst sich hinwurzeln und ausbreiten! – Und dan – selbst der genaue Anblik derer, die mich drükken, und einige Augenblikk' über die Menschheit ergrimmen lassen, macht mich gleich hernach toleranter gegen sie, weil ich's Gewicht und die Art von Sinlichkeit, welche sie zu bekämpfen haben, anschauend erkenne.

 

[Ib-07-1780-0518]
Alle Wahrheit, alle Kentnis dessen, was ist, was auf uns wirkt, worauf wir wirken, nüzt und befördert Glükseligkeit, macht einzelne Menschen glüklicher – Wer das leugnet, kan nie, sol nie untersuchen. Ie volkomner die Kentnis, desto grösser der Nuzzen.

 

[Ib-07-1780-0519]
Was nüzt und Glükseligkeit befördert, befördert Menschenliebe. Glükliche Menschen ohne Menschenliebe – wo sind sie? wo möglich?

 

[Manuskriptseite 209.]

[Ib-07-1780-0520]
Ie näher der Wahrheit, desto näher der Glükseligkeit. Ie mehr unsre Erkentnis der Erkentnis Gottes, und unser Urtheil dem seinigen ähnlich ist, desto ähnlicher unsre Menschenliebe der Menschenliebe Gottes.

 

[Ib-07-1780-0521]
Der, der weis, was für ein Gemächt wir sind, und's nie vergist, daß wir Staub sind, ist der toleranteste Menschenfreund. – Engel, glaub' ich, sind bessere Physiognomisten, und bessere Menschenfreunde, als Menschen; obgleich sie tausend Fehler und Unvolkommenheiten an uns bemerken mögen, die dem schärfsten Auge des Menschen entgehen.

 

[Ib-07-1780-0522]
Gott ist der toleranteste aller Geister, weil er der gröste Geisterkenner ist. – Und wer war duldender, liebender, schonender, verzeihender, als du, der du nicht bedurftest, daß dir Iemand vom Menschen Zeugnis gäbe, weil du wustest, was im Menschen war! –" Seit. 291. 292. 293.

 

[Ib-07-1780-0523]
"Niemand wird leugnen, daß in einer Welt, in welcher sich alles durch Ursach' und Wirkung verwandt ist, und wo nichts durch Wunderwerke geschieht, iedes Theil ein Spiegel des Ganzen ist – Wir sind oft im Stande, aus dem Nahen auf's Ferne zu schliessen, aus dem Sichtbaren auf 's Unsichtbare, aus dem Gegenwärtigen auf 's Zu= Vergangne und Künftige – So enthält die Form iedes Landstrichs, die Gestalt seiner Sandhügel und Felsen, mit natürlicher Schrift die Geschichte der Erde; ia ieder

 

[Manuskriptseite 210.]

abgerundeter Kiesel, den's Weltmeer auswirft, würde sie einer Seel' erzählen, die so an ihn angekettet wäre, wie die unsrige an unser Gehirn. Also wird ia wol der innere Mensch auf dem äussern abgedrukt sein? Auf dem Gesichte, von dem wir hier hauptsächlich reden wollen, werden Zeichen und Spuren, unsrer Gedanken, Neigungen und Fähigkeiten anzutreffen sein? Wie deutlich sind nicht die Zeichen, die Klima und Handthierung dem Körper eindrükken? Und was ist Klima und Handthierung gegen die immer wirkende Seele, die in iedem Fiber lebt und schaft? an dieser absoluten Lesbarkeit von allem in allem zweifelt niemand. – Wenn eine Erbs' in die mittelländische See geschossen wird, so könt' ein schärferes Aug', als das unsrige, aber noch unendlich stumpfer, als das Auge dessen, der alles sieht, die Wirkung davon auf der sinesischen Küste verspüren. Und die ganze lebendige Totalkraft der Seele solt' auf die festen Teile, diese Gränzen ihrer Wirksamkeit, diese festen Theile, die erst weich waren, und auf die ieder bewegte Muskel wirkte; die festen Theile, die sich in keinem Menschenkörper gerad' ähnlich, und gerade so mannigfaltig sind, als die Karakter und Talente, so gewis verschieden, als die weichen Theile der Menschen; auf diese sol die ganze Totalkraft der Seele – keinen bestimmenden Einflus haben? oder durch diese nicht bestimt werden? – – –" Seit. 295. 296.

 

[Manuskriptseite 211.]

[Ib-07-1780-0524]
"Man kan aus dem Grad' eines Umrisses vom Menschenschädel den Grad der Verstandeskräfte bestimmen. Ich behaupte nämlich: daß, wenn man's Zenith und die äusserste Horzontalspizz' einer Profilstirn in einen rechten Winkel fast, und die Horizontal= und Perpendikularlinie , und's Verhältnis dieser beiden zu ihrer Diagonale vergleicht, die Kapazität der Stirn aus dem Verhältnis dieser Linien wenigstens überhaupt zu finden ist. – Versucht und ihr werden finden, daß iede Stirn eines natürlichen Dumkopfs, von dem ihr wist, daß er's ist, in allen ihren Umrissen wesentlich abweicht von der Stirn eines Genies, das ihr sonst als solches kent. Nur Versuche gemacht, und man wird allemal finden, daß die Stirn Stirn eines Narren ist, deren Grundlinie um 2/3 kürzer ist, als ihre Höhe. Ist sie noch kürzer, verhältnisweise zu ihrer Perpendikularhöhe, desto dummer der Mensch; ie länger hingegen die Horizontal= und ie gleichförmiger ihre Diagonallinie, desto verständiger kan sie sein. Ie plözlicher und merklicher sich die Reden Radii eines Quadranten, dessen rechten Winkel man auf besagten rechten Winkel der Stirn applizirt, ie plözlicher sich die Radii, die z. B. zu 10 Graden von einander abstehen, in ungleichem Verhältnisse verkürzen, desto dummer der Mensch; desto weiser, ie verhältnismässiger sie unter sich sind. Wesentlich verschieden wird die Verstandeskraft sein, wenn der Bogen der Stirn, und besonders der Horizontalradius, über

 

[Manuskriptseite 212.]

den Bogen des Quadranten herausgeht, und wenn er mit demselben parallel oder nicht parallel läuft. – – –

 

[Ib-07-1780-0525]
Und der allergewisseste, einfältigste Beweis, der uns täglich vor Augen liegt, ist die Form der Kinderschädel, die sich mit dem Wachsthum oder der Entwikkelung ihrer Verstandeskräfte verändert, welche stehen bleibt, wenn die gröstentheils vorhängende Stirnform stehen bleibt. –" Seit. 299. 300. 301.

 

[Ib-07-1780-0526]
"Die Physiognomie lehrt uns nicht nur, was der Mensch ist, sondern auch, was er hätte sein können. Manche Bösewichter gleichen kostbaren Gemälden, die durch den Lak verdorben worden. Ihr wolt's Gemälde nicht mehr ansehen? das ist des Anhörens nicht werth? Nicht des Entsiegelns werth der Brief des Kenners, der euch sagt: "So ist's Gemälde; und 's ist noch Möglichkeit da, den Lak wegzubringen; denn so stark sind dieses Meisters Farben aufgetragen, und von solcher innerer Güte, daß kein Lak tief genug eindringen konte, daß zu befüchten wäre, sie, wenn er sorgfältig ausgelöscht wird, mit wegzulöschen." – An dem liegt euch nichts? Daran liegt euch nichts, zu wissen, was aus einem Mann' hätte werden können, oder noch werden kan? aus diesem oder ienem Iünglingskopf, so und so geleitet und gebildet, werden mus?

 

[Ib-07-1780-0527]
Manche Narren gleichen vortreflichen Uhren, denen nichts

 

[Manuskriptseite 213.]

fehlt, als daß man die Zahltafel zurecht sezze. Euch ist nichts an der innern Güte der Uhr gelegen? Euch ist's gleichgültig, daß der Uhrverständig' euch sage: "das war und ist ein vortrefliches Werk, ein Meisterstük, und hundertmal besser, als ienes dort, mit Brillianten reichlich besezt, das freilich ein Vierteliahr vortreflich geht, und dan stokt. Reinigt's nur, zieht's nur auf! Helft nur diesem krumgedrükten Zähnchen zurecht!" – – An dem liegt euch nichts? Ihr wolt nicht wissen, was hätte werden können, vielleicht werden kan, diese Uhr? Nur was sie ist? Nichts wissen von dem Kapitalschaz, der da begraben liegt, und also freilich noch nichts abgeworfen hat, aber unendlich viel abwerfen kan? – Ihr seid zufrieden mit dem kleinen Interesse dieses oder ienes ungleich geringern Kapitals?

 

[Ib-07-1780-0528]
Ihr bekümmert euch nur um die diesiährige vielleicht nur erzwungene Frucht, nicht um die Grundgüte des Baums, der vielleicht mit geringer Wartung tausendfältige Früchte bringen kan, ob er gleich unter diesen oder ienen Umständen noch keine gebracht? – Ach! der warme Südwind hat dieses Baums Blätter schwarz gesengt und der Sturm seine halbreifen Früchte zu tausenden abgeworfen, und ihr wolt nicht wissen, ob der Stam unverdorben geblieben sei." – –" Seit. 311. 312.

 

[Ib-07-1780-0529]
"Die pathonomischen Zeichen oft wiederholt, verschwinden nicht allemal völlig wieder, und lassen physiognomische

 

[Manuskriptseite 214.]

Eindrükke zurük. Daher entsteht's Thorheitsfältchen, durch alles Bewundern und nichts Verstehen; das scheinheilige Betrügerfältchen; die Grübchen in den Wangen; das Eigensinfältchen, und der Himmel weis, was für Fältchen mehr. Pathonomische Verzerrung, die die Ausübung des Lasters begleitet, wird überdas noch oft durch Krankheiten, die ienen folgen, deutlicher und scheuslicher, und so kan pathonomischer Ausdruk von Freundlichkeit, Zärtlichkeit, Aufrichtigkeit, Andacht, und überhaupt moralische Schönheit in physische für Kenner und Verehrer der moralischen übergehen. –" Seit. 313.

 

[Ib-07-1780-0530]
"Was unserm Urtheil und Gesichtern noch so oft einige Richtigkeit giebt, sind die, weder physiognomischen noch pathonomischen, untrüglichen Spuren ehemaliger Handlungen, ohne die kein Mensch auf der Strasse, oder in Geselschaft erscheinen kan. Die Liederlichkeit, der Geiz, die Bettelei u. s. w. haben ihre eigne Livree, woran sie so kentlich sind, als der Soldat an seiner Uniform, oder der Kaminfeger an der seinigen. Eine einzige Partikel verräth eine schlechte Erziehung, und die Form unsers Huthes und die Art, ihn zu sezzen, unsern ganzen Umfang und Grad von Gekkerei. Selbst die Rasenden würden oft unkentlich sein, wenn sie nicht handelten. Es wird oft mehr aus Kleidung, Anstand, Kompliment bei'm ersten Besuch, und Af Auf

 

[Manuskriptseite 215.]

führung in der ersten Viertelstund' hinein erklärt, als die ganze übrige Zeit von unphysiognomischen Augen aus demselben heraus. Meine Wäsch' und ein simpler Anzug bedekken auch Züge des Gesichts –" Seit. 314. 315.

 

[Ib-07-1780-0531]
"Bei den Gesichtern der gefährlichsten Menschen kan man sich oft nichts denken. Alles stekt hinter einem Flor von Melankolie, durch den sich nichts deuten läst. Wer das noch nicht bemerkt hat, kent den Menschen nicht. Die Bösewichter werden immer unkentlicher, ie mehr sie Erziehung gehabt haben, ie mehr Ehrgeiz sie besizzen, und ie wichtiger die Geselschaft war, mit der sie umgiengen." Seit. 315.

 

[Ib-07-1780-0532]
"Zaghaftigkeit und Leichtsin, bei herschender Neigung zur Wollust und zum Müssiggang sind bisweilen gar dem Unheil nicht gemäs bezeichnet, das sie in der Welt anrichten. Hingegen sieht Entschlossenheit, seine Rechte gegen ieden, er sei, wer er wolle, zu vertheidigen, und Gefühl des entschiednen Werths seiner selbst, zumal bei nicht lächelndem Munde, oft sehr gefährlich aus. –" Seit. 315.

 

[Ib-07-1780-0533]
"Das Laster kan, wo's biegsamen Stof findet, in einem hohen Grade verzerren, zumal wenn dazu, bei roher Erziehung und gänzlichem Mangel an Kentnis sitsamer Falten, oder gar an Willen sie anzunehmen, es nicht ein einzigmal des Tages, in irgend einer Stunde der bezahlten Pflicht, Zeit findet, die Risse auszuflikken." Seit. 315. 316.

 

[Ib-07-1780-0534]
"Ein gewisser Schriftsteller sagt: daß ein lasterhaftes

 

[Manuskriptseite 216.]

häsliches altes Weib der scheuslichste Gegenstand der Natur sei. Umgekehrt läst sich aber auch sagen, daß die häusliche Matrone, auf deren Gesicht soviele nicht zu verkennende Spuren von Güt' und Heiterkeit der Seele sich zeigen, einer ihrer verehrungswürdigsten ist. Alter macht nie ein Gesicht häslich, dem eine Seele zugehört, die sich ohne Maske zeigen darf. Es nimt nur die schönfarbige Larve weg, unter der sich Koketterie, Eigensin und Bosheit verstekken. Wo sehr häsliches Alter ist, da hätte ein ruhiger Beobachter die Häslichkeit auch schon im Mädchen gesehen. Es ist nicht schwer; und handelte der Mensch nur immer nach Überzeugung, anstat sich auf Rechnung des Zufals mit Hofnung zu schmeicheln, so würden glükliche Ehen minder selten sein, und wie Shakespear sagt, nicht mit dem Bande, das Herzen knüpfen sol, so oft aller zeitliche Frieden strangulirt werden. –" Seit. 316. 317.

 

[Ib-07-1780-0535]
8) Zwei psychologische Bemerkungen.

 

[Ib-07-1780-0536]
"Da unsre natürlichen Vorstellungen vom Guten viel zu einfach sind, als daß sie zu allen und ieden Handlungen im menschlichen Leben, die so mannigfaltig und so verwikkelt sind, hinlängliche Bewegungsgründ' abgeben könten! so ist nöthig, daß diese Vorstellungen eben so modifizirt und die einfachen natürlichen Trieb' unsrer Seele, in eben so viel untergeordnete Trieb' ausgebildet werden, damit zu ieder besondern Art von Handlungen auch ein

 

[Manuskriptseite 217.]

ihr genau entsprechendes Triebrad in der Seele vorhanden sei. –" Seit. 343.

 

[Ib-07-1780-0537]
"Unsre Triebe werden in eben dem Maasse gestärkt und reichhaltiger gemacht, in welchem durch ausschliessende Übung die Zahl derselben verringert wird. Denn ie mehr unsre Vorstellungskraft auf gewisse Gegenständ' eingeengt wird, um desto lebhafter sind ihre Vorstellungen davon, um desto heftiger wird ihre Begierde dadurch. Ie mehr aber die Gegenständ' unsrer Vorstellungen vervielfältigt, und ie mehr also auch unsre Vorstellungen durch die Richtung auf die vielfältigen Gegenstände zerstreut werden, um desto dunkler und verworrener bleiben unsre Vorstellungen, um desto schwächer unsre Begierden. Auf diese Art bemächtigt sich der Geiz, die Spielsucht, Ehrbegierde pp. des Menschen. –" Seit. 344.

 

[Ib-07-1780-0538]
XXXVII.

 

[Ib-07-1780-0539]
Poetische Blumenlese für's Iahr 1777. Herausgegeben von Ioh. Heinrich Vos. Hamburg, bei Karl Ernst Bohn.

 

[Ib-07-1780-0540]
1)

 

[Ib-07-1780-0541]
Zufriedenheit – von Miller.
"Da heist die Welt ein Iammerthal,
Und deucht mir doch so schön,
Hat Freuden ohne Maas und Zahl,
Läst keinen leer ausgeh'n,
Das Käferlein, das Vögelein
Darf sich ia auch des Maien freu'n.

 

[Manuskriptseite 218.]

Und uns zu Liebe schmükken ia
Sich Wiese, Berg und Wald,
Und Vögel singen fern und nah,
Daß alles wiederhalt.
Bei Arbeit singt die Lerch' und zu,
Die Nachtigal bei süsser Ruh.
Und wenn die goldne Sonn' aufgeht,
Und golden wird die Welt,
Und alles in der Blüthe steht,
Und Ähren trägt das Feld;
Dan denk' ich: Alle diese Pracht
Hat Gott zu meiner Lust gemacht.
Da preis' ich Gott und lob' ich Gott,
Und schweb' in hohem Muth,
Und denk: Es ist ein lieber Gott,
Und meint's mit Menschen gut!
Drum wil ich immer dankbar sein,
Und mich der Güte Gottes freu'n. –"

Seit. 10. 11.

 

[Ib-07-1780-0542]
2)

 

[Ib-07-1780-0543]
Schlachtlied – von Gerstenberg.
"Feuerbraunes Angesichts,
Blutroth ihr grosser Blik,
So tanzen sie zum Todenreih'n,
Zum Todesreih'n, zum Rabenmahl,
Die Donnergötter hin.
Die Sonne steigt, und stiller wird's im Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.

 

[Manuskriptseite 219.]

Und gegenüber trit hervor
Der Feind aus Wald und Kluft,
Hervor mit hohem Opferspiel,
Zum Todesreih'n, zum Rabenmahl,
Hervor das Opfer, Man und Ros.
Die Sonne steigt, und stiller wird's im Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.
Brüllend wälzet sich die Schlacht,
Von Heer zu Heer die Hyder fort.
Vom Gebrül ertönt der Hain,
Der zerrisne Himmel tönt;
Und Raben schweben tief.
Die Sonne steigt, und stiller wird's im Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.
Rosse brausen dumpf im Blut,
Und ihre Reuter weinen laut.
Ha! die zu Ros und die zu Fus!
Hinsturz! Verzweiflung! Wutgeheul!
Ha! Todesschauer ergreifet sie!
Die Sonne sinkt, und stiller wird's im Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.
Auf Leichen und auf Sterbenden,
Zerrisnen Gliedern seines Rumpfs,
Schwankt noch einmal der Feind daher:
Umsonst! Umsonst! Der Donner brült.
Umsonst! Der Rabe schwebt.
Die Sonne sinkt und stiller wird's im Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft.
Schleunig hebt er seine Schenkel,
Flüchtet blutig durch's Gefilde,

 

[Manuskriptseite 220.]

Brült sein Leben aus der Wunde;
Und Donner rollen hinter ihm,
Und fernher tönt das Opferspiel.
Der Mond steigt auf, und Stille herscht durch's Thal,
Und Geisterschatten lispeln durch die Luft. -"

Seit. 98. 99. 100.

 

[Ib-07-1780-0544]
3)

 

[Ib-07-1780-0545]
Das Landleben – von Hölty.
"Wunderseliger Man, welcher die Stadt entfloh!
Iedes Säuseln des Baums, iedes Geräusch des Bachs,
Ieder blinkende Kiesel
Predigt Tugend und Weisheit ihm!
Iedes Schattengesträuch ist ihm ein heiliger
Tempel, wo ihm sein Gott näher vorüberwalt;
Ieder Rasen ein Altar,
Wo er vor dem Erhabnen kniet.
Seine Nachtigal tönt Schlummer herab auf ihn,
Seine Nachtigal wekt flötend ihn wieder auf,
Wenn das liebliche Frühroth
Durch die Bäum' in sein Bette scheint.
Dan bewundert er dich, Gott, in der Morgenflur,
In der steigenden Pracht deiner Verkünderin,
Deiner herlichen Sonne,
Dich im Wurm und im Knospenzweig;

 

[Manuskriptseite 221.]

Ruht im wehenden Grase, wann sich die Kühl ergiest,
Oder strömet den Quel über die Blumen aus,
Trinkt den Athem der Blüthe,
Trinkt die Milde der Abendluft.
Sein bestrohetes Dach, wo sich das Taubenvolk
Sont und spielet hüpft,winket ihm süsre Rast,
Als dem Städter der Goldsaal,
Als der Polster der Städterin.
Und der spielende Trup schwirret zu ihm herab,
Gurt und säuselt ihn an, flattert ihm auf den Korb,
Pikket Krumen und Erbsen,
Pikket Körner ihm aus der Hand.
Einsam wandelt er oft, Sterbegedanken vol,
Durch die Gräber des Dorfs, sezt sich auf ein Grab,
Und beschauet die Kreuze,
Und den wehenden Todtenkranz.
Wunderseliger Man, welcher der Stadt entfloh!
Engel segneten ihn, als er geboren ward,
Streuten Blumen des Himmels
Auf die Wiege des Knaben aus! –"

Seit. 138. 139. 140.

 

[Ib-07-1780-0546]
4)

 

[Ib-07-1780-0547]
Der arme Wilhelm – von Hölty.
"Wilhelm's Braut war gestorben. Der arme verlassene Wilhelm
Wünschte den Tod, und besuchte nicht mehr die geflügelten Reigen,
Nicht das Ostergelag und das Fest der bemaleten Eier,
Nicht den gaukelnden Tanz um die Osterflamme des Hügels.

 

[Manuskriptseite 222.]

Einsam war er, und stil wie das Grab, und glaubte mit iedem
Tritt' in die Erde zu sinken. Die Knaben und Mädchen des Dorfes
Brachen Maien und schmükten das Haus und die ländliche Diele,
Und begrüsten den heiligen Abend vor Pfingsten mit Liedern.
Wilhelm floh das Gewühl der beglükten, fröhlichen Leute;
Wandelt' über den Gottesakker, und ging in die Kirche,
Nahm den Kranz der geliebten Braut von der Wand, und kniete
An dem Altar, und barg das Gesicht in die Blumen des Kranzes,
Flehte weinend zu Gott: "O! entnim mich der Erde, mein Vater!
Ruf mich zu meiner Entschlummerten! Doch dein Wille geschehe!"
Lispeld bebte das Gold und die Flitterblumen des Kranzes,
Lieblich rauschten die flatternden Bänder, wie Blätter im Winde,
Und ein fliegender Lichtglanz flog durch die Fenster der Kirche.
Ruhiger wandelte Wilhelm nach Haus. Bald hörten die Schwestern
Drauf die Todtenuhr in der Kammer pikkern, und sahen
Auf der Diele den Sarg, und der Pfarrer im Mantel daneben:
Und das Leichhuhn schlug an das Kammerfenster und heulte.
Wenige Wochen, da starb der verlasne trauernde Wilhelm,
Und sein grünendes Grab ragt hart am Grabe des Mädchens. –"

Seit. 149. 150.

 

[Manuskriptseite 223.]

[Ib-07-1780-0548]
Verzeichnis der Bücher.

 

[Ib-07-1780-0549]
I. Algemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und zwanzigsten Bandes erstes Stük. Seit. 1.

 

[Ib-07-1780-0550]
II. Deutsches Museum. Zweiter Band. Iulius bis Dezember 1776. 6.

 

[Ib-07-1780-0551]
III. Klopstok. In Briefen von Tellow an Elisa. 15.

 

[Ib-07-1780-0552]
IIII. Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iunius 1776. 19.

 

[Ib-07-1780-0553]
V. Klopstok. In Briefen von Tellow an Elisa. Fortsezzung. 29.

 

[Ib-07-1780-0554]
VI. Brelokken an's Allerlei der Gros= und Kleinmänner 32.

 

[Ib-07-1780-0555]
VII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und zwanzigsten Bandes zweites Stük 37.

 

[Ib-07-1780-0556]
VIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und zwanzigsten Bandes erstes Stük. 44.

 

[Ib-07-1780-0557]
VIIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und zwanzigsten Bandes zweites Stük 45.

 

[Ib-07-1780-0558]
X. Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht von Lessing. 47.

 

[Ib-07-1780-0559]
XI. Betrachtung über die Natur von Bonnet. 54.

 

[Ib-07-1780-0560]
XII. Über Natur und Religion für die Liebhaber und Anbeter Gottes, von Heinrich Sander. Erstes Stük. 74.

 

[Ib-07-1780-0561]
XIII. Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iunius 1777. 81

 

[Ib-07-1780-0562]
XIIII. Algemeine deutsche Bibliothek. Des sieben und zwanzigsten Bandes erstes Stük 95

 

[Ib-07-1780-0563]
XV. Algemeine d. Bibliothek. Des sieben und zwanzigsten Bandes zweites Stük 98

 

[Ib-07-1780-0564]
XVI. Algemeine d. Bibliothek. Des acht und zwanzigsten Bandes erstes Stük 99.

 

[Ib-07-1780-0565]
XVII. Algem. d. Bibliothek. Des acht und zwanzigsten Bandes zweites Stük 109

 

[Ib-07-1780-0566]
XVIII. Algem. d. Bibliothek. Des neun und zwanzigsten Bandes erstes Stük 111.

 

[Ib-07-1780-0567]
XVIIII. Algem. d. Bibliothek. Des neun und zwanzigsten Bandes zweites Stük 113.

 

[Ib-07-1780-0568]
XX. Algemeine deutsche Bibliothek. Des dreissigsten Bandes erstes Stük. 114.

 

[Manuskriptseite 224.]

[Ib-07-1780-0569]
XXI. Alg. d. Bibliothek. Des dreissigsten Bandes zweites Stük Seit. 117.

 

[Ib-07-1780-0570]
XXII. Björnstahl's Brief' auf Reisen, durch Frankreich pp. 123.

 

[Ib-07-1780-0571]
XXIII. Alg. d. Bibliothek. Des ein und dreissigsten Bandes erstes Stük. 126.

 

[Ib-07-1780-0572]
XXIIII. Alg. d. Bibliothek. Des ein und dreissigsten Bandes zweites Stük. 130.

 

[Ib-07-1780-0573]
XXV. Auserlesene Bibliothek der neuesten deutschen Litteratur. Sechzehnter Band. 132.

 

[Ib-07-1780-0574]
XXVI. Deutsches Museum. Zweiter Band. Iulius bis Dezember. 1777. 150.

 

[Ib-07-1780-0575]
XXVII. Alg. d. Bibliothek. Des vier und dreissigsten Bandes erstes Stük. 158.

 

[Ib-07-1780-0576]
XXVIII. Alg. d. Bibliothek. Des vier und dreissigsten Bandes zweites Stük 161.

 

[Ib-07-1780-0577]
XXVIIII. Alg. d. Bibliothek. Des fünf und dreissigsten Bandes zweites Stük 165.

 

[Ib-07-1780-0578]
XXX. Physiognomische Reisen. Drittes Heft. 166.

 

[Ib-07-1780-0579]
XXXI. Physiognomische Reisen. Viertes Heft. 167.

 

[Ib-07-1780-0580]
XXXII. Der deutsche Merkur vom Iahr 1777. Erstes Vierteliahr 168.

 

[Ib-07-1780-0581]
XXXIII. Der deutsche Merkur vom Iahr 1777. Zweites Vierteliahr 171.

 

[Ib-07-1780-0582]
XXXIIII. Rousseau's Ämil, oder von der Erziehung. Erster Theil. 172.

 

[Ib-07-1780-0583]
XXXV. Rousseau's Ämil. Zweiter Theil. 192.

 

[Ib-07-1780-0584]
XXXVI. Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iulius 1778. 197

 

[Ib-07-1780-0585]
XXXVII. Poetische Blumenlese für's Iahr 1777. Herausgegeben von Vos. 217.

 

[Manuskriptseite 225.]

[Ib-07-1780-0586]
Verzeichnis der, in diesem Band' exzerpirten, Sachen.

 

[Ib-07-1780-0587]
1) Von der Dunkelheit der Schriften Paulli - - - - Seit. 4.

 

[Ib-07-1780-0588]
2) Beweis, daß die Wahrheiten aus der Vernunft eben so gewis sind als aus der Offenbarung. 3.

 

[Ib-07-1780-0589]
3) Von den Verfassern der Bibel. - - - - - - - - - 5.

 

[Ib-07-1780-0590]
4) Von Philipp. II. 13. - - - - - - - - - 5.

 

[Ib-07-1780-0591]
5) 'Was von der Diät - - - - - - - - - - - - - - 6.

 

[Ib-07-1780-0592]
6) Von Abschaffung der Todesstrafen – in Ansehung der Bibel - - 7.

 

[Ib-07-1780-0593]
7) Bemerkung, von der Gesinnung des Menschen gegen den Tugendhaften - - 9.

 

[Ib-07-1780-0594]
8) Leben und Tod! - - - - - - - 9.

 

[Ib-07-1780-0595]
9) Spot und Enthusiasm - - - - - - 10.

 

[Ib-07-1780-0596]
10) Toleranz - - - - - - - - - - - 11.

 

[Ib-07-1780-0597]
11) Von der Kolossalgrösse – von Iunker - - - - - - - 11.

 

[Ib-07-1780-0598]
12) Über grosse und kleine Bücher - - - - - - - 14.

 

[Ib-07-1780-0599]
13) 'was vom Menschen und Aberglaubens Ursprung - - - - 14.

 

[Ib-07-1780-0600]
14) Verschiedenheit der Menschen - - - - - - - 15.

 

[Ib-07-1780-0601]
15) Bemerkung vom Karakter eines Menschen - - - - - - - 16.

 

[Ib-07-1780-0602]
16) Gemälde, wie der Poët ist – und wird - - - - - 16.

 

[Ib-07-1780-0603]
17) Von Physiognomie und Deklamazion - - - - - - - 19.

 

[Ib-07-1780-0604]
18) Bemerkung, wie man den Schriftsteller kennen lernt 19.

 

[Ib-07-1780-0605]
19) Von den Empfindungsurtheilen - - - - - 19.

 

[Ib-07-1780-0606]
20) Skiz' einer Moral – von Schlosser - - - - 21.

 

[Ib-07-1780-0607]
21) Erinnerung über die Experiment' in der Physik - - - 27.

 

[Ib-07-1780-0608]
22) 'was metaphysisches vom Zustande der Dinge - - - - - 28.

 

[Manuskriptseite 226.]

[Ib-07-1780-0609]
23) Wie Klopstok dichtet Seit. - - - - - - 29.

 

[Ib-07-1780-0610]
24) Wie man die Sachen so stellen mus, daß sie rühren - 30.

 

[Ib-07-1780-0611]
25) Von der Apokalypsis - - - - - - - 31.

 

[Ib-07-1780-0612]
26) Moralisches Gedankengemische - - - - - - - 32.

 

[Ib-07-1780-0613]
27) 's Gut' und 's Bös' ist relativ - - - - - - - 33.

 

[Ib-07-1780-0614]
28) Von der Imaginazion - - - - - - - - 35.

 

[Ib-07-1780-0615]
29) Wie wir vergleichen - - - - - - - - - 37.

 

[Ib-07-1780-0616]
30) Von der Wirkung der Seel' auf den Körper und umgekehrt - 2 39.

 

[Ib-07-1780-0617]
31) Vom Fortgang vom Individuellen auf's Algemeine 44.

 

[Ib-07-1780-0618]
32) Iesus lehrt uns vielmehr, sein Leiden sei keine Genugthuung 45.

 

[Ib-07-1780-0619]
33) Die Religion – in einem Geschichtgen - - - - 47.

 

[Ib-07-1780-0620]
34) Von der Weite der Planeten - - - - 54.

 

[Ib-07-1780-0621]
35) Algemeine Verbindung der Welt - - - - 55.

 

[Ib-07-1780-0622]
36) Von der Stufenfolge der Dinge - - - - 56.

 

[Ib-07-1780-0623]
37) Stufenfolge der Menschlichkeit - - - - 57.

 

[Ib-07-1780-0624]
38) Von unsrer Erkentnis, wenn wir alle in der Welt befindliche Sinn' hätten 58.

 

[Ib-07-1780-0625]
39) Von den Blättern der Pflanzen - - - - 58.

 

[Ib-07-1780-0626]
40) Der Wachsthum - - - - - - 61.

 

[Ib-07-1780-0627]
41) Von den Armpolypen - - - - - 63.

 

[Ib-07-1780-0628]
42) Vom Wasser – Wunderkett' in der Welt - - 64.

 

[Ib-07-1780-0629]
43) Der Schmetterling präexistirt in der Raupe. - 65.

 

[Ib-07-1780-0630]
44) Vergleichung zwischen Pflanzen und Thieren - - 66.

 

[Ib-07-1780-0631]
45) Die Leiter der Natur im Kreislauf * bei organischen Körpern 71.

 

[Ib-07-1780-0632]
46) Die Pflanzen haben auch – – Seelen - - 72.

 

[Manuskriptseite 227.]

[Ib-07-1780-0633]
47) Die Blätter der Pflanzen und die Haut der Thiere - - Seit. 73.

 

[Ib-07-1780-0634]
48) Von der Liebe der Thiere zu ihren Iungen - - - - 73.

 

[Ib-07-1780-0635]
49) Von der Ökonomie der Natur - - - - - - 74.

 

[Ib-07-1780-0636]
50) Morgenempfindung – Herbstschauer - - - 81.

 

[Ib-07-1780-0637]
51) Von der Einäugigkeit des menschlichen Verstandes - 83.

 

[Ib-07-1780-0638]
52) Für Kalte! - - - - - - - 84.

 

[Ib-07-1780-0639]
53) Sturz's Erklärung über die Physiognomik - - 84.

 

[Ib-07-1780-0640]
54) Die Verschiedenheit der Nazionen erklärt - - 94.

 

[Ib-07-1780-0641]
55) Von Allegazionen im N. T. die nur Akkommodazionen sind - 95.

 

[Ib-07-1780-0642]
56) Orientalische Gebräuche zur Erklärung der Bibel 95.

 

[Ib-07-1780-0643]
57) Vom 53ten Kapitel Iesaias - - - - - 97.

 

[Ib-07-1780-0644]
58) Vom Niesen - - - - - - - - 98.

 

[Ib-07-1780-0645]
59) Von den 54 Evangelien der Christen - - - 99.

 

[Ib-07-1780-0646]
60) Die Welt ist von Ewigkeit – doch von Gott - - - 103.

 

[Ib-07-1780-0647]
61) Vom Teufel - - - - - - 105.

 

[Ib-07-1780-0648]
62) Von den Blutkügelgen - - - - - - 109.

 

[Ib-07-1780-0649]
63) Von der Neigung der Pflanzen sich zu begatten 110.

 

[Ib-07-1780-0650]
64) Von Matth. XVI. 18. - - - - 110.

 

[Ib-07-1780-0651]
65) Von der Sprache der Thiere - - - - 110.

 

[Ib-07-1780-0652]
66) Die Zeremonien der Iuden kein Bild auf Christum 111.

 

[Ib-07-1780-0653]
67) Moses ist nicht von Gott begraben worden - - 113.

 

[Ib-07-1780-0654]
68) Wie ein Lehrer gegen seine Schüler handeln mus 114.

 

[Manuskriptseite 228.]

[Ib-07-1780-0655]
69) Vom Himmel - - - - - - - Seit. 116.

 

[Ib-07-1780-0656]
70) Von den Wundergaben - - - - - - 117.

 

[Ib-07-1780-0657]
71) Hölty's Zufriedenheit mit der Welt - - - - 122.

 

[Ib-07-1780-0658]
72) De Torre's Erfindungen in den Mikroskopen - - - 123.

 

[Ib-07-1780-0659]
73) Von Blut= und Gehirntheilchen - - - - - 124.

 

[Ib-07-1780-0660]
74) Der Verstand Adams durch seinen Fal nicht verfinstert 126.

 

[Ib-07-1780-0661]
75) Vom Kanon des A. T. – wiefern Iesus ihn für götlich hielt 126.

 

[Ib-07-1780-0662]
76) Vom Alter unsrer Erde - - - - 127.

 

[Ib-07-1780-0663]
77) Vom Kain – und von der Antretung des Lehramts Iesu 128.

 

[Ib-07-1780-0664]
78) Einige Ursachen, warum Christus gestorben ist 129.

 

[Ib-07-1780-0665]
79) Erklärung des Gesangs der DeboraB. d. Richter - - - 5. 130.

 

[Ib-07-1780-0666]
80) Die Einbildungskraft in Beziehung auf den Körper - 132.

 

[Ib-07-1780-0667]
81) Einbildungskraft nach der Ideenverbindung betrachtet - 134.

 

[Ib-07-1780-0668]
82) Von den Tropen - - - - - 136.

 

[Ib-07-1780-0669]
83) Anstrengung der Einbildungskraft - - - - - 136.

 

[Ib-07-1780-0670]
84) Von der Laune - - - - - - - 137.

 

[Ib-07-1780-0671]
85) Einbildungskraft in Beziehung auf die Leidenschaften 138.

 

[Ib-07-1780-0672]
86) Von den unartikulirten Lauten - - - - - 139.

 

[Ib-07-1780-0673]
87) Von Sam. 23, 1–7. - - - - - - - - 139.

 

[Manuskriptseite 229.]

[Ib-07-1780-0674]
88) Bemerkung vom bösen Menschen - - - - - Seit. 140.

 

[Ib-07-1780-0675]
89) Über'n Reiz - - - - - - - - - 140.

 

[Ib-07-1780-0676]
90) Wahrnehmungen über Form und Gestalt - - - 142.

 

[Ib-07-1780-0677]
91) Holberg in Paris – von Kästner - - - - - 150.

 

[Ib-07-1780-0678]
92) Von dem Staate - - - - - - - - - - - 150.

 

[Ib-07-1780-0679]
93) Der Pappel und der Apfelbaum - - - - - 154.

 

[Ib-07-1780-0680]
94) Von dem Weg, den der menschliche Geist in den Wissenschaften genommen hat - - - - - 156.

 

[Ib-07-1780-0681]
95) Von der Physiognomie - - - - - - - 156.

 

[Ib-07-1780-0682]
96) Von den Reimen - - - - - - - 159.

 

[Ib-07-1780-0683]
97) Rang Iakob mit dem Sohne Gottes - - - - 159.

 

[Ib-07-1780-0684]
98) Von den zehn Geboten - - - - - - 160.

 

[Ib-07-1780-0685]
99) Von der Höllenfarth Christi - - - - 161.

 

[Ib-07-1780-0686]
100) Von der Erziehung des Bürgers, von Resewiz

 

[Ib-07-1780-0687]
101) Vom Zwek Iesu - - - - - - - 165.

 

[Ib-07-1780-0688]
102) Die Orakel hörten zu Christi Geburt noch nicht auf 165.

 

[Ib-07-1780-0689]
103) Von physiognomischen Thieren - - - - - - 166.

 

[Ib-07-1780-0690]
104) Vom Lachen - - - - - - - 167.

 

[Ib-07-1780-0691]
105) Der Richter – und der Dieb - - - - - 167.

 

[Ib-07-1780-0692]
106) Von den körperlich starken Menschen - - - - 167.

 

[Manuskriptseite 230.]

[Ib-07-1780-0693]
107) Vom Einflus des Kartenspiels auf die iezige Aufklärung - Seit. 168.

 

[Ib-07-1780-0694]
108) Vom Narren - - - - - - - - - - 171.

 

[Ib-07-1780-0695]
109) Von der Apathie der Stoiker - - - - - - 171.

 

[Ib-07-1780-0696]
110) Von der Schädlichkeit des Einwikkelns der Kinder - - 172.

 

[Ib-07-1780-0697]
111) Die Kinder mus man abhärten - - - - - - - 174.

 

[Ib-07-1780-0698]
112) Wie man's mit'n Kindern nach der Geburt machen sol 175.

 

[Ib-07-1780-0699]
113) Vom Wachsthume der Kinder - - - - - - 176.

 

[Ib-07-1780-0700]
114) Allerlei Anmerkungen über die Kinder und deren Erziehung 177.

 

[Ib-07-1780-0701]
115) Die Zeit, wenn man ein Kind unterrichten sol - - - - 192.

 

[Ib-07-1780-0702]
116) Anmerkungen über's Kinderunterrichten - - - 193.

 

[Ib-07-1780-0703]
117) Von der zu grossen Lustigkeit - - - - - 194.

 

[Ib-07-1780-0704]
118) Über die Physiognomie der Kinder - - - - 195.

 

[Ib-07-1780-0705]
119) Von den Fehlern, die man bei der Historie antrift 195.

 

[Ib-07-1780-0706]
120) Von den Wundern - - - - - 197.

 

[Ib-07-1780-0707]
121) Empfindungen - - - - - - - - - 197.

 

[Ib-07-1780-0708]
122) Ein Mittel wider den Skorbut – von Kook' entdekt 200.

 

[Ib-07-1780-0709]
123) Vom Bewustsein - - - - - - - - 200.

 

[Ib-07-1780-0710]
124) Von der Harmonie zwischen Tugend und Schönheit 202.

 

[Ib-07-1780-0711]
125) Der Anblik der Natur – Von C. F. Kramer 206.

 

[Ib-07-1780-0712]
126) Allerhand von der Physiognomie - - - 207.

 

[Ib-07-1780-0713]
127) Zwei psychologische Bemerkungen - - - - - 216.

 

[Manuskriptseite 231.]

[Ib-07-1780-0714]
128) Zufriedenheit – von Miller - - - - - - - - Seit. 217.

 

[Ib-07-1780-0715]
129) Schlachtlied – von Gerstenberg - - - - - 218.

 

[Ib-07-1780-0716]
130) Das Landleben – von Hölty - - - - 220.

 

[Ib-07-1780-0717]
131) Der arme Wilhelm – von Hölty - - - - 221.

 

[Ib-07-1780-0718]
132

 

[Ib-07-1780-0719]
Ende des siebenten Bandes.