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Faszikel Ib-13-1781
 

Transkription und digitale Edition von Jean Pauls Exzerptheften

Vorgelegt von: Sabine Straub, Monika Vince und Michael Will, unter Mitarbeit von Christian Ammon, Kai Büch und Barbara Krieger. Universität Würzburg. Arbeitsstelle Jean-Paul-Edition (Leitung: Helmut Pfotenhauer)

Förderung: Fritz Thyssen Stiftung (11/1998-12/2000) und Deutsche Forschungsgemeinschaft (01/2001-12/2005)
Projektleitung: Michael Will
Gesamtleitung: Helmut Pfotenhauer

Transkriptionsgrundlage: Nachlass Jean Paul. Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Fasz. Ib, Band 13

Bearbeitungsschritte:
Herbst 2000 MIWI Transkription
Oktober 2000 MIWI Autopsie Berlin
11.03.2003 MIWI Konvertierung von WORD in XML/TEIXLITE
13.11.2005 MV Anpassung der konvertierten Datei an XML-Standards
11.12.2005 MV Zweite Korrektur
12.09.2006 Zweite Autopsie Berlin
08.04.2010 CMC Zweites Online-Update

 

[Titelblatt]

13. Band.

Verschiedenes

aus den

neuesten Schriften

Dreizehnter Band.

Leipzig. 1781.

 

[Manuskriptseite 1]

[Ib-13-1781-0001]
I.

 

[Ib-13-1781-0002]
Zur Geschicht‘ und Litteratur. Aus den Schäzzen der herzoglichen Bibliotek zu Wolfenbüttel. Vierter Beitrag von Gothold Ephraim Lessing. Braunschweig im Verlage der Buchhandlung des fürstlichen Waisenhauses. 1777.

 

[Ib-13-1781-0003]
1) Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete Art glauben könten.

 

[Ib-13-1781-0004]
"Wenn’s eine algemeine Offenbarung geben solte; so müste solche entweder unmittelbar allen und ieden Menschen, oder nur etlichen geschehen. Im leztern Falle würde sie entweder etlichen Menschen bei allen Völkern, oder bei etlichen Völkern, oder wol gar nur bei einem offenbart: und iedes von diesen geschehe entweder zu allen Zeiten, oder zu gewissen Zeiten, oder gar wol nur zu einer Zeit. Wir wollen alle diese Fälle durchgehen. Wenn wir’s äusserste sezzen, daß Got allen und ieden Menschen zu allen Zeiten und an allen Orten, ein übernatürliches Erkentnis unmittelbar offenbarte: so müsten wir zugleich annemen, daß alle Augenblik und allenthalben und bei allen Menschen Wunder geschähen. Und wie widersprechend ist der Weisheit Gottes ist dies! Wenn’s so nötig wäre, daß alle eine unmittelbare Offenbarung bekämen, so würde Got ein solches Vermögen zu solchen Kentnissen dem Menschen erteilt haben. Wolte man sagen, Got hätte das leztere nicht tun können, so würde man sich selbst widersprechen. Denn man nimt ia an, daß eben die Erkentnis vorhin bei dem ersten Menschen vor dem Fal natürlich gewesen, und zur Seligkeit zugereicht habe. Um also diesen Feler wieder gut zu machen, dürfte nur Got den Menschen wieder in seinen ursprünglichen guten Zustand sezzen. Er brauchte iezt nur Ein Wunder zu tun: anstat daß man mit der vorigen Behauptung tausende hervorkommen läst. Wenn wir sezzen, daß

 

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der erste Mensch sich und alle Nachkommen durch die verbotene Frucht hätte können leiblicher Weise blind essen, und’s wäre doch nötig, daß die Menschen die Körper, welche um sie sind, erkenneten: Got wolt' auch, daß sie eine Erkentnis davon haben solten: was würde denn Got nach seiner Weisheit beginnen? Würd' er durch eine übernatürliche Offenbarung iedem Menschen eingeben, was für Körper um ihn sind? Oder würd' er für ieden Menschen einen Engel vom Himmel kommen lassen, der ihn leitet' und zupfte? Ich glaube, er würde dem Menschen seine natürlichen gesunden Augen wiedergegeben haben. Eben so iezt. – - Noch ungereimter aber ist's, wenn man sezte, daß die Offenbarung nur etlichen Personen bei iedem Volke, zu allen Zeiten, oder zu gewissen Zeiten, widerfüre, damit's die andern Menschen von ihnen hören und glauben solten. Denn einmal ist doch hier auch der Zwek, daß all' und iede Menschen das Erkentnis bekommen sollen; und also ist hier eine änliche Ungereimtheit, daß solches nicht durch die Natur, sondern durch häufige Wunder geschieht. Aber darin ist hier die Ungereimtheit noch grösser, daß alsdenn die Wunder den Zwek nicht einmal erreichten. Denn wenn de nur einige im Volk eine Offenbarung unmittelbar bekommen, und sie bezeugen andern Menschen, was ihnen offenbart ist: so bekommen die andern Menschen diese Nachricht von Menschen. Es ist also nicht eine mensch götliche Offenbarung, sondern ein menschliches Zeugnis von derselben. Wenn nun ein Mensch sowol ein Mensch ist, wie der andre; wenn ein ieder Mensch sich selbst

 

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und andre aus Einbildung, Übereilung und Irtum betriegen kan, und aus Aussichten öftres betriegen wil: so ist dieses menschliche Zeugnis von einer götlichen Offenbarung bei weitem so glaubwürdig nicht: Es ist vielem Wiederspruch' unterworfen; zumal wenn andre eine andre Offenbarung von sich rümen. – Wenn denn die Offenbarung auch nur zu einer gewissen Zeit geschähe, hernach aber durch Menschen fortgepflanzt werden solte: so verliert sie immer mer von ihrer Glaubwürdigkeit, da sie von Hand in Hand, von Mund in Mund geht, und da nun nicht eines oder weniger Menschen Einsicht und Erlichkeit, sondern auch so vieler tausenden zu verschiednen Zeiten Leichtglaubigkeit und Eigennuz müst' untersucht werden; welches zu tun fast unmöglich ist. Ein Nachbar hat zuweilen grosse Mühe, die waren Umstände dessen zu erfaren, was zu seiner Zeit in seines Nachbarn Hause geschehen ist: wie viel schwerer ist's nicht, zuverlässig zu erkennen, woher in eines andern Gehirne die Träum' und Denkbilder entstanden; ob sie von ihm ersonnen sind; ob sie von der Natur oder unmittelbar von Got ihren Ursprung gehabt? Wie viel mus nicht ferner in so manchen Iarhunderten die Glaubwürdigkeit abnemen; wenn einer, der dergleichen zu seiner Zeit von einem andern für war hält, solches seinen Kindern, die Kinder wieder seinen Enkeln, die Enkel seinen Urenkeln, und so weiter erzälen? Da wird aus der allergrösten Glaubwürdigkeit eine Warscheinlichkeit, dan eine Sage, und zulezt ein Märgen. Es komt denn noch dazu, daß bei allen diesen verschiednen Völkern, viele fälschlich eine Offenbarung vorgeben können, welche von andern Offenbarungen ganz verschieden, und ienen widersprechend, und dennoch auf einerlei Weise bestätigt ist. Rümt sich die eine götliches Eingebens, Gesicht' und Träume: die

 

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andere auch. andere auch.] Seiten 4+5: Transkription und Erstkorrektur Berlin, 16/09/00 - MIWI, nicht zweitkorrigiert, da nicht in Kopie vorliegend, MV, 4.12. 2005 Beruft sich die eine auf geschehene Wunder; die andern füren eben dergleichen für sich an. Hat die eine einen Schein vor sich: die andern haben auch den ihrigen. Hat diese oder iene vieles wider sich: es ist keine von starkem Anstos frei. Wie wil ein Mensch, der unpartheiisch zu Werke geht, und nicht gleich die väterliche und grosväterliche Religion als eine gute Erbschaft antrit, sich aus diesem Vorgeben herausfinden? wenn er zumal viele hundert ia tausend Iar hernach lebt: wie wil er's ware vom falschen gewis unterscheiden? – Wir müssen nun den lezten Fal, da sich Got nur in einem Volke, zu gewissen Zeiten, durch gewisse Personen, teils mündlich, teils schriftlich offenbaren konte, um desto genauer in Erwegung ziehen, weil eben dieses wirklich geschehen zu sein gesezt und dabei behauptet wird, daß darin der allen Menschen nötige Weg zur Seligkeit enthalten sei. Hier kan man entgegensezzen: Einmal geschiehet durch Wunder, was natürlich hätte geschehen können. Für's andre wird das offenbarte Erkentnis dadurch, daß es über die Vernunft ist, dunkel und unbegreiflich; da's würde verständlich gewesen sein, wenn's aus natürlichen bekanten Warheiten hätte können hergeleitet werden. Für's dritte folgt daraus, daß es, um der Ursache willen, nicht algemein kan angenommen werden, denn einem ist's zu hoch, er kan nichts davon verstehen: dem andern ein Ärgernis. Zum vierten mus der götliche Ursprung dieses Erkentnisses selbst bei dem Volke, wo's offenbaret wird, eben so zweifelhaft, als bei andern Völkern bleiben: weil es doch auch da blos durch ein menschliches Zeugnis dem Volke für eine götliche Offenbarung ausgegeben wird, und's an falschen Propheten und Wundern nicht felet, wie man denn nicht leugnen kan, daß Moses und die Propheten, daß Christus und die Apos

 

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tel zu ihren Zeiten unter ihrem Volk am meisten Widerspruch gefunden, und am meisten mit dem Unglauben zu kämpfen gehabt haben. Fünftens wird doch auch der Vortrag durch mererer Menschen Mund und Feder vielfältig: und daher müssen Irrungen und Zweifel entstehen: wie gleichfals die Historie A. und N. T. in dem iüdischen Volke bestätiget. Wenn man denn nun weiter geht, und bedenkt, wie diese Offenbarung von einem Volke zu allen übrigen auf dem ganzen Erdboden kommen sol, so daß alle Menschen eine gegründete Überfürung davon haben könten: so häuft sich die Schwierigkeit dermassen, daß es nach der Beschaffenheit der Menschen eine ware Unmöglichkeit ist, daß alle Menschen auf dem Erdboden eine solche Offenbarung zu be wissen bekommen und glauben. Wir werden finden, daß unter einer Million Menschen kaum einer mit Grund von einer solchen Offenbarung urteilen und überfürt sein kan. – Erstlich haben die Kinder bis zehn Iahre schlechterdings keine Fähigkeiten eine Offenbarung entweder zu verstehen, oder mit Grunde davon zu urteilen. Wenn sie erwachsen, so wird ein iedes nach dem Willen seiner Eltern von Lermeistern, oder von den Eltern selbst in den Anfangs Gründen der väterlichen Religion unterrichtet: der Iud' im Iudentum, der Türke nach dem Alkoran, der Sineser, der Perser, der Heid' in seinen hergebrachten Meinungen, der Christ in seinen M Katechism, so wie's fält, auf katolisch, reformirt, luterisch, arminianisch, menonitisch, sozinisch. Die Kinder nemen an, was ihnen dieienigen sagen, die sie für klug und erlich halten. Wo hätte wol ein Kind Verstandeskräfte, Kentnis, Belesenheit genug, den Glauben, den man ihm vorgepredigt, zu untersuchen? Die Schrekken der Hölle überdies, die man ihnen vormalt, halten sie

 

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von ieder Untersuchung, von iedem aufsteigenden Zweifel ab. Also diese Kinder können keine Offenbarung gegründet glauben. Nun neme man dazu, daß nach Süsmilch's Berechnung allemal von 11686 Gebornen nur 3920 das zehnte Iar erreichen, und also von allen Gebornen nur ein Drittel übrigbleibt – so kan man leicht sehen, wie wenige Menschen die Offenbarung glauben können. Nun weiter. Man weis wie wenig vor Christi Zeit die iüdische Religion andern Völkern bekant war, wie wenig sie's sein konte. Alles war im Anfange mündliche Tradizion! Und wie leicht wird diese verfälscht! bleibt von so vielen ungehört, die nicht in der Nähe wonen! wird von denen vergessen, die lange darnach leben! Diese Tradizion wird mer gesichert, wird vermert – es wird eine iüdische Religion. Aber, sage man, wenn eine vorgegebne Offenbarung mit allen ausserordentlichen Hülfsmitteln unzureichend war, das Volk, das sie schon angenommen hatte, im Glauben zu erhalten – wie hätten vollends die Nachbarn, wie hätten entfernte Völker zu den Zeiten der Alten Welt etwas davon glauben, oder einmal davon hören können? Es ist ia wol unläugbar, daß es heutiges Tages tausend mal leichter ist, etwas unter vielen Menschen bekant zu machen, da Posten, Schreibekunst, Briefwechsel, Handlung, Schiffart, Reisen, Missionen, Gesandschaften, Reisebeschreibungen und endlich die erfundene Buchdrukkerei und öffentliche Zeitungen etwas unter die Leute bringen können. Dennoch wolt' ich was darauf verwetten, daß hundert und aber hundert ganze Nazionen auf Erden sind, die iezt noch unter

 

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tausend Gelerten bei den gesittetsten Völkern nicht einer nur dem Namen nach kent; geschweige, daß er von einzeln Personen unter ihnen und deren Vorgeben und Meinungen solte Nachricht haben, aber sich darum bekümmern, oder auch gegründeten Bericht davon einziehen können. Wie wär' es also in alten Zeiten, vor Christi Geburt, möglich gewesen, daß eine Offenbarung, welche in einem Winkel des Erdbodens einigen wenigen Personen in einem einzigen Volke wiederfaren war, und welche dem Volk selbst unglaublich schien, den andern Nazionen auf dem ganzen Erdkreise, on' alles Bemühen der Propheten, one Posten, Schreibekunst, Briefwechsel, Schiffart, Buchdrukkerei und dergl. solte bekant gemacht werden können? Überdies waren die Iuden bis auf Alexanders M. Zeiten ein unbekantes Volk, das nicht wie andre, z. B. die Kaldäer, Ägypter wegen der Wissenschaften, von Fremden besucht wurde; weil sie sich in keinem Teile der Wissenschaften ie hervortaten. Dazu waren sie durch ihr Gesez so wol, als durch die Lage selbst, von allen andern Nazionen abgeschlossen: sie trieben keine Handlung zu Wasser oder zu Land, ausser das wenige, was zu Salomo's Zeiten mag geschehen sein: ihre Schriften waren unter ihnen selbst ganz selten und andere nicht allein in der hebräischen Sprache, sondern auch in der nachher gemachten griechischen Übersezzung unverständlich. Und da sie zerstreut in der Welt herumliefen, waren sie wegen der Armut, Unwissenheit, Unart, dem Betrug und wunderbaren Gebräuchen ein Gelächter aller Menschen geworden, so die daß sie die ungeschiktesten waren, von denen vernünftige Menschen eine Offenbarung als götlich und glaubwürdig hätten annemen können. Kurz, wenn wir das alles, was etwa vor Christi

 

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Zeit einige unter den Iuden von der Offenbarung geglaubt, zusammennemen, so ist's gegen die übrige Anzal des Volks selbst, und noch mer gegen das übrige ganze menschliche Geschlecht für nichts zu achten. Und daher bleibt uns nur ein Vierteil des menschlichen Geschlechts nach Christi Geburt übrig, das in Erwägung zu ziehen wäre. Da hat wieder die Hälfte vom Menschengeschlechte gar nichts von der christlichen Religion gehört. Denn es ist noch nicht lange, daß man die Magnetnadel erfunden, und die Erde zum erstenmal' umschift hat. Man hat seit ein par Iarhunderten viele hundert Inseln, viele hundert Völker, viele grosse Länder, die ein oder etlichemal grösser sind, als Europa, entdekt. Es sind noch viele terrae incognitae übrig: und die iezt aus allen Reisebeschreibungen alles genau gesamlet haben, werden sich noch nicht rümen, daß sie nur die Küsten des Erdbodens allerwärts recht kenneten; geschweige, daß sie von allen Völkern innerhalb Landes Nachricht zu haben sich anmasten. Vom innern grossen Afrika, und so vielen andern Ländern wissen wir nichts. Die mit sovielen Kosten, Müh' und Gefar versande Missionarien haben nur etliche wenige Völker besuchen, etliche wenige Sprachen erlernen können. Man mus also gestehen, daß weder die 50 Millionen Menschen, welche die Spanier in Afrika so christlich ermordet haben, noch all' ihre Vorfaren bis in's 15 Iarhunderte, noch alle Einwoner der übrigen neu entdekten Länder und Inseln, bis auf die Zeit da sie entdekt sind, noch die innern Einwoner des grossen Afrika's bis auf diese Stunde, noch viele andre Nazionen in dem nördlichen und östlichen Europa und Asien bis in's achte,

 

[Manuskriptseite 9]

neunte, ia funfzehnte Iarhundert, das geringste vom Christenthum haben wissen können. Zieht man nun diese Anzal Menschen von dem vorigen übergebliebnen Vierteil ab, so werden etwa 2/32 Teile derselben übrig bleiben, die vom Christenthum etwas wissen können. Ich wil freigebig sein, und es sol noch ein Achtel von den Menschen übrig bleiben, die Christen werden können. Aber es sind tausend Ursachen warum sie's nicht werden. – Sezt solche christliche Barbaren, die in ein fremdes Land kommen, 40 Millionen Menschen, one daß sie ihnen das geringste Leid getan, iämmerlich ermorden, die übrigen veriagen, berauben; können dieselben wol als von Got gesande Boten einer Offenbarung angesehen werden? konten die Amerikaner ihnen wol einige, geschweige denn eine ware und götliche Religion zutrauen? musten sie nicht allen ihren Landsleuten Schrekken vor solchen Bösewichtern beibringen? Was gehen noch heutiges Tages merenteils für Leute nach heidnischen Ländern? ruchloses Sevolk; verdorbne lüderliche iunge Leute; Übeltäter, die zum Strange verurteilt waren, und nun in die Kolonien zur Begnadigung verschikt werden; gewinsüchtige Kaufleute, die gestolne Menschen kaufen, und sie wieder verkaufen oder zu Sklaven brauchen; Geistliche von verschiednen Sekten, deren eine iede die andre in die Hölle verdamt, und da ein ieder Amtsgehülfe den andern verkezzert und sich mit ihm zankt. – Und solche Leute sollen die christliche Religion ausbreiten? Die Erfarung bestätigt deutlich meinen Saz. Ungeachtet man mit vieler Mühe die geschiktesten Missionarien in iene Länder schikt, ungeachtet Buchdrukkerei und andre Vorteil' iezt vorhanden – so wird doch von einer Million Menschen kaum Einer zum Christen gemacht. – –

 

[Manuskriptseite 10]

Ein zweites Hindernis die christliche Religion überal zu verbreiten, ist die Verschiedenheit der Sprachen. Wer die Menge der Sprachen bedenkt, nebst der Geschiklichkeit, die ein Übersezzer haben mus, wird wol glauben, daß es menschlicher Weis' unmöglich sei, ein Buch in alle Sprachen zu übersezzen, und so viel Menschen zu finden, welche sowol all' übrige Eigenschaften der Missionarien, als auch diese Geschiklichkeit an sich hätten, daß sie alle Sprachen fertig redeten, damit man sie in die ganze Welt verteilen, und allen Völkern und Zungen predigen lassen könte. Ich glaube man könte 500 verschiedne Sprachen auf dem Erdboden zälen. Herr Chamberlaine hat allein das Gebet Iesu in 152 Sprachen drukken lassen. Man rechnet allein in Amerika über 1000 Sprachen. Herr Reland zält allein in der Provinz Guaxaka, zu Mexiko gehörig, dreizehn verschiedne Sprachen. Herr Stralenberg hat uns eine Probe von 32 allein tartarischen Sprachen gegeben, die ziemlich weit von einander abgehen. Demnach bleibt die Vielheit der Sprachen eine unüberwindliche Schwierigkeit in der Ausbreitung des Christentums. Wenn werden wir die Bibel in 500 Sprachen übersezt sehen? Dergleichen ungeheure Polyglotte ist nimmer zu hoffen. – Und was wollen wir von denen Völkern sagen, deren Sprach' entweder ganz von den übrigen abgeht, oder auch kaum eine Sprache zu nennen ist. Die Sinesische hat weder im Reden noch Schreiben mit andern uns bekanten Sprachen gemein, sie sprechen

 

[Manuskriptseite 11]

etliche Buchstaben, als B. D. R. gar nicht, sie haben in der ganzen Sprache nur ..... Wörter, und zwar lauter einsylbigte, welche sie durch allerhand Melodie und Zusammensezzung zu merern Worten machen. Hergegen haben sie stat der Buchstaben im Schreiben über 80000 Figuren, welche sie malen, und nicht mit dem Klange der Wörter, sondern mit den Begriffen selbst verknüpfen. Folglich können sie die eignen Namen nicht anders schreiben, als insofern sie aus deren Klang sich allerlei Begriffe vorstellen. Eben das ist fast von der iapanischen und tunkinischen Sprache zu sagen, welche von der sinesischen ganz unterschieden sind, ungeachtet sie, ihre Begriff' auszudrükken, einerlei Figuren mit den Sinesern gebrauchen. Eben so haben die Samoieden, die Grönländer, die Hottentotten, die Moren durch ganz Guinea eine Sprache, die unverständlich, mer einem Zischen, einem Tiersgeschrei änlich ist, als einer Sprache. Wie sol man denen eine Offenbarung verkündigen? – – Und nun sie sollen sie wissen; wie viel giebt's auf dem ganzen Erdbal wol Menschen, die sie auf eine gegründete Art glauben können und mögen? Ein ieder mus zu verständigen Iaren gekommen sein, nach solcher Offenbarung zu forschen vorgängige Lust bekommen haben, und durch kein Vorurteil oder keine Gewalt davon abgehalten werden – ein ieder mus das Buch habhaft werden und lesen können, und so er's lieset, verstehen und durch eigne Einsicht ein Lergebäud' herausziehen können – und wenn d er dieses getan hat, von der Richtigkeit der Übersezzung, von der unverfälschten Bewarung der Bücher

 

[Manuskriptseite 12]

und von den rechten Urhebern derselben, überfürt sein, und als dan von der Warheit der Lersäzz' und Gesichte, und von der Götlichkeit der Weissagungen und Wunder unparteiisch urteilen: so daß ein ieder dazu, wenn ihm auch alle Urkunden könten in die Hände gebracht werden, gar viele Sprachen, Altertümer, Historie, Geographie, Chronologie, Belesenheit, Erklärungskunst, Weltweisheit und andre Wissenschaften, Wiz und Übung der Vernunft, Erlichkeit und Freiheit im Denken besizzen müste: wenn er nicht blindlings glauben, sondern wissen wil, was, und an wen, und warum er's glaubet: welches unter Millionen des ganzen menschlichen Geschlechts kaum von einem zusammen kan gefordert werden. Aus diesem allem erhelt, wie wenig eine götliche Offenbarung algemein werden kan. –" Seit. 288-361.

 

[Ib-13-1781-0005]
2) Einwendungen gegen die Erzälung des Mattäus, daß Christi Grab sei versiegelt und von römischen Soldaten bewacht worden.

 

[Ib-13-1781-0006]
"Wie ist's aber mit der Warheit dieser Geschichte zusammen zu reimen, daß ausser dem Mattäus kein einziger Evangelist in seinen Berichten, kein einziger Apostel in seinen Briefen, derselben Erwänung tut; sondern Mattäus mit seiner so wichtigen Erzälung, von aller andern Zeugnisse verlassen, ganz allein bleibt? Wie kan's mit der Warheit dieser Geschichte bestehen, daß sie kein einziger Apostel oder Iünger, vor iüdischen oder römischen Gerichten, oder vor dem Volk' in Synagogen und Häusern, wo sie's so oft so nötig hatten, und es ihr einziger Beweisgrund für die Auferstehung war, der nicht auf eine petitio pricipii hinauslief, zur Überfürung der Menschen, und

 

[Manuskriptseite 13]

zu ihrer eignen Verantwortung iemals gebraucht? – die Apostel standen oft vor den Römern. Wäre wol was bessers zu der Apostel Zwek, in so fern sie auch Heiden bekeren wolten, zu erdenken gewesen, als daß sie für's erste nach dem Namen der Wächter geforschet hätten, um diesselben bei allen Römern namhaft zu machen, welche man um die Warheit dieser Geschichte befragen könte. Denn wenn gleich die Wächter von den Iuden Geld bekommen, um die Sache zu verschweigen, oder anders zu erzälen; so würden sie doch bei ihren Landsleuten kein Hel daraus gemacht haben, die Warheit auf ernstliches Befragen zu gestehen; wo sie nicht gar von selbst die wunderbare Geschichte bei ihren Freunden und Kameraden ausgebreitet hätten, wie's bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, daß die Menschen die Begebenheit, ie wunderbarer sie ist, desto weniger verschweigen können. Würden also die Apostel nicht ein vorläufiges Gerücht bei den Römern zum Vorteil gehabt haben, das sie allemal durch Nennung dieser Soldaten glaubwürdig machen, und auf schärfere Nachfrage bewären können? Warum gedenken sie denn der Sache bei den Heiden, denen sonst die Auferstehung der Toden gar nicht in den Sin wolte, nimmer? Warum sprechen sie nicht: fragt nur eure Landsleute, den Kaius und Prokul und Lateran und Lätus, welche dieses Iesu Grab bewacht, und dasselbe mit seiner Auferstehung zu ihrem Erstaunen aufspringen gesehen? – Sie gedenken so wenig der Sache vor Felix und vor Festus als vor dem Agrippas und Berenize: sie lassen sich lieber mit ihrer Auferstehung auslachen. Daher wir nicht anders schliessen können, als daß die Sache nicht geschehen sei: denn sonst müste sie notwendig, als der einzige Beweisgrund, der bei den Heiden etwas

 

[Manuskriptseite 14]

ausrichten möchte, angeführt sein; da gewis all' andre Gründe bei ihnen lächerlich waren. – Bei den Iuden ferner hätten wenigstens die Iünger Iesu diese Sach' ausbreiten und anfüren sollen, um dadurch der Sage zu widersprechen, daß sie selbst den Körper Christi entwendet hätten. Wenn's in der Tat eine algemeine Rede gewesen, was die Iuden zum Nachteil der Apostel ausgebreitet: woher kömt's doch, daß des Mattäus Geschichte mit den Wächtern nicht auch eine algemeine Rede bei den Iüngern Iesu geworden ist? Ich glaube daher, weil sie nicht war war. – Die Behauptung, die Mattäus vorträgt, widerspricht sich auch selbst. Ist's ser glaublich, daß Hohepriester und der ganze Rat am ersten Ostertag' öffentlich zu Pilatus gehen, und hernach mit der römischen Wach' in Prozession zum Tor' hinausgehen und das Grab versiegeln solten? Denn ande es lief wider der Iuden Gesez, sich am Feste, da sie insonderheit stil und rein sein musten, mit solchem Gewerb' abzugeben, sich unter die Heiden zu mengen, oder ein Grab anzurüren. Waren doch die Iünger Iesu, wie's heist, den Festtag über stille nach dem Gesez: wie solten denn die hohen Priester sich öffentlich vor dem Volke so vergehen, und insonderheit ein Grab berüren, da sie sonst die Gräber gegen die Festtage mit weisem Kalk zu übertünchen pflegen, damit sie auch von ferne schon möchten gesehen werden und ein ieder sich davor hüten könte, daß er nicht unrein würde. – Wenn auch die Betrachtung dessen, was den Iuden heilig nach dem Gesezze erlaubt war, aussezzen: so konte doch ein gesamtes obrigkeitliches Kolleg von so vielen Personen nimmer so gräblich wider den Wolstand handeln, daß es am hohen Festtag' in Korpo

 

[Manuskriptseite 15]

re * öffentlich zu den Heiden gienge, und mit einer Soldaten Wache in Prozession durch die Stad zöge: da alles dieses bei dem Pilatus durch ein Par Abgeordnete in der Still' hätte können ausgerichtet werden. – Und kan man denn glauben, daß vom iüdischen Senat eine so dumme Lüge kont' erdacht werden: daß alle römische Soldaten auf ihrem Posten schlafen solten, und eine Anzal Iuden bei ihnen vorbeigehen, den grossen Stein vor dem Grabe wegwälzen, und den Körper heraustragen? Dieses alles solte inkognito, one Gepolter, und heimlich verrichtet werden, und kein Soldat davon aufwachen, kein Fusstapfen derer, die den Körper wegtragen, nachbleiben? – Ia! So gar andre Evangelisten widersprechen dem Mattäus. Sie wissen nicht nur von keiner Wache, sondern sie berichten auch Umstände, welche die Wache aufheben. Da gehen die Weiber sämtlich am 3. Tag' hinaus in der Absicht, daß sie in's Grab hineingehen und den toden Körper nach iüdischer Art mit vielen Myrren, und dergl. einwikkeln wollen. Nun würden sie ia wol als furchtsame Weiber nicht wider den Willen der römischen Soldaten hindurchzudringen suchen: oder wenigstens sich im Hingehen den Zweifel machen: wie kommen wir in's Grab? wie werden uns die Wächter durchlassen? Der Stein ist versiegelt: wenn auch die Wächter wolten, so dürfen sie uns nicht hineinlassen. Allein um das alles sind sie nicht bekümmert. Wolte man sagen, die guten Weiber hätten vielleicht nicht gewust, was am vorigen Tag geschehen wäre: so musten's doch nun mer die Evangelisten Markus, Lukas und Iohannes so gut wissen als Mattäus. Hätten nun diese ein Grab in Gedanken gehabt, das mit einer Wache besezt war, so

 

[Manuskriptseite 16]

würden sie wenigstens, wenn sie die Weiber in dasselbe hineinbringen wolten, die Anmerkung dabei gemacht haben: sie wusten aber nicht, daß das Grab mit Hütern verwart, und der Stein versiegelt wäre. Allein auch den Weibern selbst hätte die Sache nicht können verborgen sein. Wir können der nach der Evangelisten Berichte, wenigstens sechs nennen. Von so vielen Weibern aber wär' es ein Wunder, daß sie das neue, was öffentlich geschehen war, noch nicht solten erfaren haben. Die Hohenpriester und Pharisäer waren am ersten Ostertag sämtlich zu Pilatus gegangen, hatten die Wache von ihm gebeten, und er hatte sie ihnen mitgegeben. Solte das nicht haben Aufsehen in der Stad gemacht haben? Noch mer! Ioseph von Arimatia, ein heimlicher Iünger Iesu, aber zugleich ein Ratsher, must' ia wol entweder mit dabei sein, oder wenigstens davon wissen, daß man ihm Wache in seinen Garten legte; und eben Nikodem. Und diese beschäftigten sich ia mit den Weibern, Iesus Leichnam in's Grab zulegen: und on' Ioseph's Wissen, oder Befel an den Gärtner konten sie sich (die Weiber) nicht erdreisten, in dessen Grab zu gehen, und mit dem Körper, der ienem anvertrauet war, zu machen was sie wolten. Mit Nikodem aber hatten sie noch den Abend vorher Spezereien eingekauft. Wenn also die Weiber sonst nichts von der Wache gewust hätten, so müsten sie's von diesen beiden Ratshern erfaren haben. Sie würden's ihnen doch gesagt haben, sie solten nicht hinausgehen, weil's umsonst wäre. – In den übrigen Umständen ist zwischen dem Mattäus und den andern Evangelisten gleicher Widerspruch. Denn nach Mattäus Bericht, als die Weiber hinkamen, das Grab zu besehen, siehe da entstand ein gros Erdbeben: der Engel des Hern kam vom Himmel herab,

 

[Manuskriptseite 17]

wälzte den Stein von der Tür, und sezte sich darauf. Die Hüter aber erschrakken vor Furcht, und wurden als wären sie tod. Aber zu den Weibern sagte der Engel: Fürchtet euch nicht pp. Aber wie lautet nun dagegen die Erzälung bei andern Evangelisten? Wie die Weiber unter einander sprechen, wer wälzet uns den Stein von des Grabes Türe, und noch unterwegs von ferne, dahin sehen, so werden sie gewar, daß der Stein abgewälzt sei; und gehen hinaus. Da ist kein Erdbeben, kein Engel, der vom Himmel färt, keine Abwälzung des Steins im Gesichte der Weiber, keine halb tode Wache, so ist der Stein schon abgewälzt, die Wächter verschwinden, und haben in dieser Evangelisten Gedanken unmöglich Raum. Weiter sagt Maria Magdalene beim Iohannes: Sie haben meinen Hern weggenommen und wir wissen nicht, wo sie ihn hin gelegt haben. Sie sagt zu Iesu, den sie für den Gärtner hielt: Herr, hast du ihn weggenommen pp. Demnach sezt sie one Bedenken zum Grunde, daß viele Menschen, und insonderheit der Gärtner des Iosephs von Arimatia, ungehindert hätten in's Grab kommen und den Körper wegtragen können. Dieses besteht durchaus nicht mit einer Wache, die's Grab und den Körper hüten solte, und die nach Mattäus Berichte, noch voller Schrekken und halb tod da lag. Es besteht nicht mit einem Engel, welcher vor dem Grabe gesessen und gesagt zu den ankommenden Weibern gesagt haben sol: fürchtet euch nicht, ihr suchet Iesum von Nazaret, er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden." Seit. 440-459. a) Und nun, wenn des Fragmentisten Behauptung warscheinlich genug wäre, was folgte denn daraus? Das weis Got. Ich nur weis soviel, daß daraus noch kein Beweis wider die Auferstehung Iesu entsteht, und daß diesem ungeachtet die Auferstehung Iesu war bleiben kan und war bleiben wird – aber das weis ich auch, daß dadurch all' unsre teologischen Begriffen von einer Teopnevstie geändert werden müssen. Geringer Schade, ia recht betrachtet Gewinst! Eben dies auf die folgenden Widersprüche bei den Evangelisten angewandt. R.

 

[Manuskriptseite 18]

[Ib-13-1781-0007]
II.

 

[Ib-13-1781-0008]
Eine Duplik.

 

[Ib-13-1781-0009]

Contestandi magis gratia, quam aliquid ex oratione promatursis.

 

[Ib-13-1781-0010]
Dicts. bret.

 

[Ib-13-1781-0011]

Braunschweig, in der Buchhandlung des fürstl. Waisenhauses. 1778.

 

[Ib-13-1781-0012]
1) Nicht die Erfindung der Warheit, sondern der Trieb, ihr nachzugehen, macht unser Verdienst aus.

 

[Ib-13-1781-0013]
"Nicht die Warheit, in deren Besiz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewand hat, hinter dieselbe zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besiz, sondern durch die Nachforschung der Warheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Volkommenheit besteht. Der Besiz macht ruhig, träge, stolz – –" Seit. 10-11.

 

[Ib-13-1781-0014]
2) Komt iezt bei uns viel auf die Harmonie der Evangelisten an, um unsers Glaubens gewis zu sein?

 

[Ib-13-1781-0015]
"Allerdings ward die neue Religion auf damalige Überzeugung von der Auferstehung Christi gegründet, welche Überzeugung sich auf die Glaubwürdigkeit und Eintracht der Augenzeugen gründen muste. Nun haben wir, die wir iezt leben, diese Augenzeugen nicht mer unter uns; haben nur Geschichtschreiber von den Aussagen dieser Augenzeugen, in welchen Geschichtschreibern sich nur das algemeine Resultat von den Aussagen dieser Augenzeugen unverfälscht erhalten konte: und gleichwol sol unsre iezzige Überzeugung von der Auferstehung Christi nicht gegründet genug sein, wenn sie sich

 

[Manuskriptseite 19]

blos auf ienes Resultat der Aussagen gründet, und sich nicht zugleich auf die völlige Übereinstimmung der Geschichtschreiber von diesen Auszügen gründen kan? Da wären wir, die wir iezt leben, schöne dran!

 

[Ib-13-1781-0016]
Und gleichwol möcht' ich gar zu gern behaupten, daß wir, die wir iezt leben, auch in diesem Punkte besser daran sind, als die, zu deren Zeiten die Augenzeugen noch vorhanden waren. Denn der Abgang der Augenzeugen wird uns wirklich durch etwas ersezt, was die Augenzeugen nicht haben konten. Sie hatten nur den Grund vor sich, auf den sie, in Überzeugung seiner Sicherheit, auf ein grosses Gebäud' aufzuführen wagten. Und wir, wir haben dieses grosse Gebäude selbst, aufgefürt vor uns. – Welcher Tor wület neugierig in dem Grunde seines Hauses, blos um sich von der Güte des Grundes seines Hauses zu überzeugen? – Sezzen muste sich das Haus freilich erst, an diesem und ienem Orte. – Aber daß der Grund gut ist, weis ich nunmer, da das Haus so lange Zeit steht, überzeugender, als es die wissen konten, die ihn legen sahen. Ein Gleichnis, welches mir hier einfält, wird nichts verderben. Gesezt, der Tempel der Diana zu Ephes stünde noch in seiner ganzen Pracht vor uns. Nun fände sich in alten Nachrichten, daß er auf einer Grundlage von Kolen ruhe; sogar der Name des weisen Mannes wäre noch bekant, der zu einer so sonderbaren Grundfeste den Rat gegeben. Eine Grundlage von Kolen! von morschen zerreiblichen Kolen! Doch darüber wär' ich hinweg; ich begriffe sogar, daß Teodor wol so uneben nicht geurteilt haben möchte, daß Kolen, wenn sie die Holznatur abgelegt, den An

 

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fällen der Feuchtugkeit widerstehen müsten. Soll' ich wol, bei aller dieser warscheinlichen Vermutung a priori, an der ganzen historischen Aussage deswegen zweifeln, weil die verschiednen Urheber derselben über die Kolen selbst etwa nicht einig wären? Weil Plin etwa sagte, es wären ölbäumene Kolen gewesen; Pausan aber von ellernen, und Vitruv von eichenen Kolen spräche? O der Toren, die diesen Widerspruch, so Widerspruch als er ist, für wichtig genug hielten, den Grund an zwanzig Orten aufzugraben, um doch nur eine Kol' herauszuziehen, in deren vom Feur zerrütteten Textur eben so wol der Ölbaum, als die Eich' und Eller zu erkennen wäre! O der Erztoren, die lieber über eine vieldeutige Textur von Kolen streiten, als die grossen Ebenmasse des Tempels bewundern wolten! Ich lobe mir, was über der Erde steht, und nicht, was unter der Erde verborgen liegt! – Vergieb's mir, lieber Baumeister, daß ich von diesem weiter nichts wissen mag, als daß es gut und fest sein mus. Denn's trägt, und trägt so lange. Ist noch keine Mauer, keine Säule, keine Türe, kein Fenster aus seinem rechten Winkel gewichen: so ist dieser rechte Winkel freilich ein augenscheinlicher Beweis von dem unwandelbaren Grunde: aber er ist doch darum nicht die Schönheit des Ganzen. An dieser, an dieser wil ich meine Betrachtungen weiden; in dieser wil ich dich preisen, lieber Baumeister! Preisen, auch wenn's möglich wäre, daß die ganze schöne Masse gar keinen Grund hätte, oder doch nur auf lauter Seifenblasen ruhte.

 

[Ib-13-1781-0017]
Daß die Menschen so ungern sich mit dem befriedigen, was sie vor sich haben! – Die Religion ist da, die durch die Predigt der Auferstehung Christi über die heidnische und iüdische Religion gesiegt hat: und diese Predigt sol gleichwol damals nicht glaubwürdig genug ge

 

[Manuskriptseite 21]

wesen sein, als sie siegte? Ich sol glauben, daß sie damals nicht glaubwürdig genug befunden ward, weil ich iezt nicht mer ihre völlige Glaubwürdigkeit beweisen kan? Nicht viel anders ist's mit den Wundern, durch welche Christus und seine Iünger die Religion gepflanzt. – Mögen doch die iezzigen Nachrichten von ihnen noch so zweifelhaft, noch so verdächtig sein, sie wurden ia nicht für uns Christen getan, die wir iezt leben. Genug, daß sie die Kraft der Überzeugung gehabt haben, die sie haben solten! Und daß sie die gehabt haben, beweist das noch immer fortdauernde Wunder der Religion selbst die wunderbare Religion mus die Wunder warscheinlich machen, die bei ihrer ersten Gründung sollen geschehen sein. Aber auf die historische Warscheinlichkeit dieser Wunder in Warheit der Religion gründen: wenn das richtig, wenn das auch nur klug gedacht ist! – – Es sei herausgesagt! Wenn ich iemals so richtig, so klug zu denken fähig bin, so ist's um meinen Verstand geschehen. Das sagt mir mein Verstand iezt. Und hab' ich iemals einen andern Verstand: so hatt' ich nie einen.

 

[Ib-13-1781-0018]
Die Wunder, die Christus und seine Iünger taten, waren das Gerüste, und nicht der Bau. Das Gerüste wird abgerissen sobald der Bau vollendet ist. Denn mus der Bau wenig interessiren, der seine Vortreflichkeit nur aus dem abgerissenen Gerüste beweisen zu dürfen glaubt, weil die alten Baurechnungen vermuten lassen, daß ein eben so grosser Meister zu dem Gerüste müste gehört haben, als zu dem Baue selbst. Kan wol sein! – Aber borgen und wagen wil ich doch im geringsten nichts auf diese Vermutung; noch weniger wil ich, durch dieses Vorurteil von dem Gerüste, mich im geringsten abhalten lassen, den Bau selbst nach den eingestandnen Reglen einer guten Architektur zu prüfen.

 

[Manuskriptseite 22]

Wann wird man aufhören, an den Faden einer Spinne nichts weniger als die ganze Ewigkeit hängen zu wollen! – Nein; so tiefe Wunden hat die scholastische Dogmatik der Religion nie geschlagen, als die historische Exegetik ihr noch iezt täglich schlägt. – Wie? Es sol nicht war sein, daß eine Lüg' historisch ungezweifelt bewiesen werden könne? Daß unter der tausend und tausend Dingen, an welchen zu zweifeln uns weder Vernunft noch Geschicht' Anlas geben: daß unter diesen tausend Dingen auch wol ungeschehene Sachen mit unterlaufen könten? Es sol nicht war sein, daß unendliche Fakte, ware unstreitige Fakte gewesen, für die uns dennoch die Geschichte zu wenige, zu unwichtige, Zeugniss' hinterlassen, als daß wir sie one Leichtsin glauben könten? Das sol nicht war sein? Freilich, wenn's war ist: wo bleiben alle historische Beweise für die Warheit der christlichen Religion? – Wo sie wollen! Wär' es denn ein grosses Unglük, wenn sie endlich einmal wieder in den Winkel des Zeughauses gestelt würden, in welchem sie noch vor funfzig Iaren standen? – –" Seit. 22-29.

 

[Ib-13-1781-0019]
3) Widersprüche bei den Evangelisten in der Erzälung

 

[Ib-13-1781-0020]
"Iohannes, bei welchem Ioseph von Arimatia und Nikodem den Leichnam Christi in allen Stükken nach der Weise der Iuden bestatten; Iohannes sagt nicht, daß die Weiber ihn salben wolten. Aber Mark und Lukas, welche nur melden, daß Ioseph von Arimatia den Leichnam blos in feine Leinwand gewikkelt, also nicht gesalbt habe; Mark und Lukas sagen, daß die Weiber, die diese tumultuarische unvolständige Bestattung des Iosephs mit ange

 

[Manuskriptseite 23]

sehen hatten, nach Verlauf des Sabbats den Leichnam Christi auch salben wollen. Bei'm Iohannes tun Ioseph und Nikodem alles: und die Weiber tun nichts, und wollen nichts tun. Beim Mark und Lukas tut Ioseph von Arimatia nicht alles: und die Weiber wollen nur spät hernach tun, was Ioseph zu tun vergas, oder nicht Zeit hatte. So einig also Iohannes mit sich selbst ist; so einig Mark und Lukas mit sich selbst sind: so ser widerspricht Mark und Lukas dem Iohannes; und Iohannes dem Mark und Lukas. Man antwortet: "eine Sache tun wollen, die ein andrer schon getan hat, die sich aber auch zweimal tun läst, das streitet offenbar nicht mit einander." Freilich nicht, lieber Nachbar. Aber ist denn die völlige Bestattung eines Leichnams, wobei nichts vergessen worden, was die Gebräuche des Lands und Volks erfordern, dergleichen nach dem Iohannes die Bestattung vom Ioseph und Nikodem gewesen, ist denn die etwas, was sich zweimal tun läst? von vernünftigen Leuten zweimal tun läst? Gründet sich bei'm Mark und Lukas denn nicht offenbar die vorgehabte Balsamirung der Weiber, auf die nicht völlige Bestattung durch Ioseph von Arimatia? So wie die völlige Bestattung durch Ioseph von Arimatia und Nikodem bei'm Iohannes doch wol der Grund ist, warum er von einer vorgehabten Balsamirung der Weiber nichts sagt? Völlige Bestattung und nicht völlige: das widerspricht sich doch? – Gestehen Sie , lieber Nachbar! Sie haben gar nicht einmal eingesehen, worauf's hier eigentlich ankömt! – Wenn bei Einem Evangelisten alles beides stünde; wenn Ein Evangelist sagte, daß Ioseph und Nikodem die Leich' auch gesalbt hätten, und eben derselbe sagte nicht weniger,

 

[Manuskriptseite 24]

daß ihn die Weiber ebenfals salben wollen; und man wolt' als denn diesen Evangelisten in Widerspruch mit sich selbst sezzen: so käm' Ihre Antwort noch ein wenig zu Passe. Denn als denn wär' es durch diesen Evangelisten selbst festgesezt, daß die Salbung eines Leichnams zweimal geschehen könne, und wir müsten uns alle mit blos möglichen Gründen begnügen, warum sie zum zweiten mal' unternommen worden. Da aber kein Evangelist von so einer doppelten Salbung spricht; so ist's blos gefabelt, zu sprechen, die hebräischen Weiber in Galliläa hätten vielleicht andre Salbungsgebräuche gehabt, als in Ierusalem üblich waren; daß es vielleicht ein doppeltes Salbungsgeschäft gegeben, eines vor Fäulnis und Verwesung, welches die Männer besorgen müssen, und eines vor Wolgeruch, womit sich die Weiber abgaben." Seit. 46-49.

 

[Ib-13-1781-0021]
"Beim Lukas berichten Maria Magdalena und die übrigen Weiber, dem Simon Petrus, und Iohannes und übrigen Iünger, die wirklich geschehene Auferstehung Christi, die sie von den Engeln vernommen: bei dem Iohannes aber meldet Maria Magdalena nur allein, dem Petrus und Iohannes nur allein, daß sie's Grab geöfnet gefunden, und der Leichnam des Hern daraus entwendet worden. – Diesen Widerspruch hat man vorlängst damit zu heben gesucht, daß man angenommen, Maria Magdalena sei zweimal zum Petrus gekommen; hab' ihm zweimal Nachrichten gebracht, (die erste, welche Iohannes meldet, und die zweite, deren Lukas gedenket; ) und Petrus sei, zufolg' ihrer zweimaligen Nachricht, zweimal zum Grabe gegangen. Aber der doppelte Gang des Petrus zum Grab' ist unerweislich: indem der Eingang, von wel

 

[Manuskriptseite 25]

chem Lukas (XXIIII, 12.) redet, ganz ungezweifelt eben derselbe ist, dessen Iohannes (XX, 2.) gedenkt; welches sich durch die fast identischen Ausdrükke zu Tage legt, welche beide Evangelisten davon brauchen. –" Seit. 74-75.

 

[Ib-13-1781-0022]
"Nach dem Mark und Mattäus bescheidet Christus unmittelbar nach seiner Auferstehung, sowol durch die Engel im Grabe, als selbst mündlich durch die rükkerenden Weiber, seine Iünger nach Galiläa: bei dem Lukas aber befielt er eben demselben, an eben dem Tage der Auferstehung, daß sie sämtlich in Ierusalem bleiben solten, bis daß der h. Geist über sie ausgegossen würde, welches am Pfingstfest geschah. – Bei diesem Widerspruch' ist es merkwürdig, daß sich ieder Evangelist einzeln sorgfältig gehütet habe, darin zu verfallen. Denn wenn Iesus beides von seinen Iüngern verlangt hätte; wenn er ihnen beides zu verschiedenen Zeiten befolen hätte: so würde derienige Evangelist, welcher das Gebot an die Iünger nach Galliläa zu gehen so einschärft, (Mattäus,) nicht von allen Erscheinungen zu Ierusalem schweigen, und nur der einzigen auf einem Berg' in Galliläa gedenken; und derienige Evangelist, welcher den Auferstandnen seinen Iüngern befelen läst, die ersten funfzig Tage nicht aus Ierusalem zu weichen, (Lukas) würde nicht blos lauter Erscheinungen in Ierusalem erzälen, und selbst dieienige in Ierusalem bei verschlossenen Türen vorgehen lassen, (XXIIII, 41) deren eine ser gleichförmige Iohannes (XXI, 1-13.) am galliläischen Mer' erfolgen läst. – – Man antwortet, den Befel, in Ierusalem zu bleiben, habe Christus seinen Iüngern am Tage seiner Himmelfart gegeben, was

 

[Manuskriptseite 26]

ieder sehen müsse, der Ap. Gesch. I, 3. 4. lesen könne? – Ich antworte: so viel ist war, daß der Anfang der Apostelgeschichte bis auf den 9ten Versikel, drei verschiedne Absäzze hat, die wol ein Man durcheinander mengen könte, der im Schlafe zu lesen gewont ist. Die zwei ersten Versikel enthalten einen blossen Übergang vom ersten auf's zweite Buch des Lukas, mit genauer Bemerkung, bis wie weit das erste Buch, sein Evangel, gehe. Hierauf wiederholt er kürzlich, V. 3. 4. 5. was Christus in den 40. Tagen nach seiner Auferstehung getan und gesagt: und kömt sodan, im 6ten V. auf die ganz lezte Begebenheit seines ersten Buchs zurük, von welcher er den Faden wieder aufnimt. Diese lezte Begebenheit ist die Himmelfart Christi, von welcher wir hier, V. 6. 7. 8., noch einen Umstand erfaren, den Lukas, weil er sich auf die Zukunft bezog, lieber zu Anfang des zweiten, als zu Ende des ersten Buchs erzälen wolte.

 

[Ib-13-1781-0023]
Wenn nun der Befel, daß die Iünger vor's erste nicht von Ierusalem weichen sollen, in dem mittelsten Absazze vorkömt; wenn's nichts weniger als unwidersprechlich ist, daß @@@@@@@@@@ v. 6. sich auf @@@@@@@@@@@@@ v. 4. bezieht, und Lukas vielmer im 6ten Versikel von einer ganz andern Versamlung zu reden anfängt, als deren er im 4ten Versikel gedenkt, wo nur von einer Versamlung der Elfe die Rede war, anstat daß im 6ten V. eine weit grössere Versamlung von Iüngern zu verstehen, die bei der Himmelfart gegenwärtig sein solten, wenn's noch im geringsten nicht erwiesen ist, daß das @@@@@@@@@@@@@@ nichts als ein blosses Zusammenbringen bedeutet, und folglich die beiden ältesten Übersezzer, der lateinische und syrische, die's durch convescens geben, völlig unrecht kön hätten; wenn sogar es höchstwarscheinlich ist, daß Lukas mit

 

[Manuskriptseite 27]

diesem Wort' eben nicht wie Xenophon sich ausdrükken, sondern vielmer auf eine andre Stelle bei sich selbst verweisen wollen: wie kan man denn sagen, Christus hab' Apostelg. 1, 3. 4. nicht am Tage seiner Auferstehung, sondern am Tage seiner Himmelfart, den Iüngern befolen, in Ierusalem zu bleiben? – Überdies hat dieser Befel in der Apostelg., nicht allein eine solche Parallelstelle, aus welcher er erklärt werden kan: sondern er hat sogar eine solche, aus welcher er erklärt werden kan mus, weil's Parallelstelle des nämlichen Verfassers ist. Der nämliche Lukas, welcher in seiner Apostelgeschichte den Tag, da iener Befel gegeben worden, nicht bestimt genug ausdrükt: drükt sich in seinem Evangel so bestimt darüber aus, daß schlechterdings keine genauere Bestimmung der Zeit möglich ist. Denn wenn läst er ihn da geben, ienen Befel? Nicht in der Versamlung der Elfe, in welcher der Auferstandne ein Stük vom gebratnen Fisch und Honigseims as? Und wenn war diese Versamlung? War's nicht die nämliche, bei welcher sich die zwei Iünger, welche nach Emaus gegangen waren, einfanden? Und wenn giengen diese Iünger nach Emaus? War's nicht am dritten Tage nach der Kreuzigung Christi? War's nicht am Abend des nämlichen Tages nach der Kreuzigung, an dessen frühen Morgen die Weiber das Gesicht der Engel gesehen hatten? – Also: am Tage der Auferstehung?" – S. 117-126.

 

[Ib-13-1781-0024]
"Nach dem Mattäus geschieht die Erscheinung in Galliläa auf einem Berge, dahin Christus seine Iünger beschieden hatte: nach dem Iohannes geschieht sie am Ufer des galliläischen Ses bei Tiberias. Da und dort unter ganz verschiednen Umständen. –" Aber das sind ia verschiedne Erscheinungen; was berechtigt uns, sie für eine zu halten: Das! Die Erscheinung, die den Elfen auf dem

 

[Manuskriptseite 28]

Berge geschah, ist die einzige, deren Mattäus gedenkt; deren Mattäus, zu Folge des Versprechens, welches bei ihm der auferstandne Christus seinen Iüngern tun läst, gedenken must. Wär' es daher auch nur Mattäus, aus dem wir unsre Nachrichten von der Auferstehung Christi schöpfen könten und müsten: so würde man nicht unrecht annemen, daß diese einzige erzälte Erscheinung, auch die einzige geschehene sei gewesen. Ia, ich bin ganz sicher, daß sodan unsre Teologen schon längst die Gründ' ausfindig gemacht hätten, warum der auferstandne Christus nicht mer als einmal hätt' erscheinen können und müssen. – Nun aber, da wir merere Evangelisten haben, die eben so glaubwürdig sind, als Mattäus; da iene andre Evangelisten merere Erscheinungen berichten: so ist freilich aus dem Stilschweigen des Mattäus nicht zu schliessen, daß er damit, daß er nur einer Erscheinung gedenkt, andeuten wollen, daß es auch nur eine Erscheinung gegeben. Sondern die Sach' ist nunmer nur die, daß wir die einzige Erscheinung bei'm Mattäus unter die anderweitigen Erscheinungen so einschalten, daß weder iene anderweitige, noch diese eingeschaltete etwas dabei leiden. – Blos nach den Worten zu urteilen, die Christus bei der galliläischen Erscheinung auf dem Berge zu seinen Iüngern redet: solte man meinen, daß diese Erscheinung, wenn's nicht die erste und lezte gewesen, doch wenigstens die lezte gewis gewesen sein müsse. Denn Christus erteilt ihnen da seine lezten Befele, und nimt förmlich von ihnen Abschied. Doch da wir aus dem Lukas wissen, daß die Himmelfart onfern Ierusalem, und nicht in Galliläa geschehen; und die lezte Erscheinung doch wol die Erscheinung bei der

 

[Manuskriptseite 29]

Himmelfart mus gewesen sein: so fält die galliläische Erscheinung irgendwo zwischen die übrigen. – Und auch dieses irgendwo läst sich wieder näher bestimmen: indem wir mer als eine von den übrigen Erscheinungen angeben können, welche notwendig vor ihr hergegangen sein müssen. Nämlich nicht allein alle die einzeln Erscheinungen am Tage der Auferstehung, bei welchen Tomas nicht zugegen war; nicht allein die Erscheinung acht Tage darauf, welcher Tomas beiwonte, müssen vor ihr vorhergegangen sein: sondern sogar die am Se Tiberias, welche Iohannes berichtet, kan nicht anders als früher gewesen sein. Dieses erhelt aus Iohannes XXI, 14 unwidersprechlich, wo dieser Evangelist leztbenante am Se Tiberias ausdrüklich die dritte an der Zal nennet; welches, da's ihm selbst widersprechen würde, wenn man's von ieder einzeln Erscheinung, die etwa nur einer oder wenigen Personen geschehen war, verstehen wolte, notwendig nur von den solennern unter einer beträchtlichen Anzal geschehenen Erscheinungen zu verstehen ist; dergleichen die bei verschlossenen Türen, und dieienige, welche acht Tage darauf erfolgte, gewesen waren. Nach diesen beiden, sagt Iohannes, war die am Se Tiberias die dritte. – Man mag nun aber dieses drittemal bei'm Iohannes verstehn wie man wil: genug, daß die Harmonisten alle die Erscheinung am Se Tiberias vor der Erscheinung auf dem Berge vorgehen lassen. Nun sind dieser Berg und dieser Se leid' in Galliläa: beid' Erscheinungen sind also in Galliläa geschehen, beide sind zu Folge der Verheissung Christi geschehen, daß er seinen Iüngern daselbst sichtbar werden wolle. Und daraus entsteht bei genauer Erwägung ein Wi

 

[Manuskriptseite 30]

derspruch. Derienige Evangelist, (Mattäus,) bei dem der auferstandne Christus seinen Iüngern zweimal befelen läst, unverzüglich nach Galliläa zu gehen, wo sie ihn sehen würden, ist der einzige, der diese Erscheinung auf dem Berge gedenkt; ist der, der sonst durchaus keiner andern Erscheinung gedenkt; ist der, der dieser Erscheinung mit dem Zusazze gedenkt, daß eben auf diesem Berg sie Christus beschieden. Gesezt nun aber auch, daß dieser Zusaz, dahin sie Christus beschieden hatte, sich nicht auf den Berg, sondern blos auf Galliläa bezöge: so bleibt doch noch immer, auch one diesen Zusaz, die Erscheinung auf dem Berge die anberaumte Erscheinung; und mus folglich, wenn ich schon nicht sage, die erste von allen Erscheinungen überhaupt, aber doch ganz gewis die erste von allen galliläischen Erscheinungen gewesen sein. Das ist notwendig; das ist unwidersprechlich: aber/oder Mattäus, der zuerst schrieb, der nicht wissen konte, was wieviel der h. Geist nach ihm durch andre Evangelisten würd' ergänzen, würde berichtigen lassen, Mattäus hat als Einer geschrieben, in dem nicht ein Funken Menschenverstandes geglimmet. Denn so, wie kein vernünftiger Mensch mit seinen Freunden eine zweite, dritte Zusammenkunft verabredet und anberaumet, one zu wissen, wo und wenn die erste geschehen sol: so kan auch kein vernünftiger Geschichtschreiber von Anberaumung einer Zusammenkunft sprechen, und in Erfolg dieser Anberaumung, ich weis nicht welcher zweiten, dritten Zusammenkunft gedenken, one von der, welche die erste und nächste nach der Anberaumung gewesen, ein Wort zu erwänen. –" Seit.137-144.

 

[Manuskriptseite 31]

[Ib-13-1781-0025]
III.

 

[Ib-13-1781-0026]
Über den Beweis des Geistes und der Kraft.

 

[Ib-13-1781-0027]
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[Ib-13-1781-0028]
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[Ib-13-1781-0029]

An den H. Direktor Schuman in Hannover. Braunschweig, 1777.

 

[Ib-13-1781-0030]
1) Über die Beweiskraft der Wunder für uns iezt.

 

[Ib-13-1781-0031]
"Ein anders sind erfülte Weissagungen, die ich selbst erlebe: ein anders erfülte Weissagungen, von denen ich nur historisch weis, daß sie andre wollen erlebt haben. – Ein anders sind Wunder; die ich mit meinen Augen sehe, und selbst zu prüfen Gelegenheit habe: ein anders sind Wunder, von denen ich nur historisch weis, daß sie andre wollen gesehen und geprüft haben. Das ist doch wol unstreitig?

 

[Ib-13-1781-0032]
Wenn ich zu Christi Zeiten gelebt hätte, so würden mich die in seiner Person erfülten Weissagungen allerdings auf ihn aufmerksam gemacht haben. Hätt' ich nun gar gesehen, ihn Wunder tun; hätt' ich keine Ursache zu zweifeln gehabt, daß es ware Wunder gewesen: so würd' ich zu einem, von so langher ausgezeichneten, wundertätigen Man, allerdings so viel Zutrauen gewonnen haben, daß ich willig meinen Verstand dem seinigen unterworfen hätte; daß ich ihm in allen Dingen geglaubt hätte, in welchen eben so ungezweifelte Erfarung ihm nicht entgegengewesen wäre. – Oder; wenn ich noch iezt erlebte, daß Christum oder die christliche Religion betreffende Weissagungen, von deren Priorität ich längst gewis gewesen, auf die unstreitigste Art in Erfüllung giengen, wenn noch iezt von gläubigen Christen Wunder getan

 

[Manuskriptseite 32]

würden, die ich für ächte Wunder erkennen müste: was könte mich abhalten, mich diesem Beweise des Geistes und der Kraft, wie ihn der Apostel nent, zu fügen? – Aber ich, da ich im 18ten Iarhunderte leben, in welchem es kein Wunder mer giebt; wenn ich anstehe, noch iezt auf den Beweis des Geistes u. d. Kraft etwas zu glauben, was ich auf andre meiner Zeit angemessene Beweise glauben kan: woran liegt's? Daran liegt's: daß dieser Beweis des Geists u. der Kraft iezt weder Geist noch Kraft mer hat; sondern zu menschlichen Zeugnissen von Geist und Kraft herabgesunken ist. Daran liegt's: daß Nachrichten von erfülten Weissagungen nicht erfülte Weissagungen, daß Nachrichten von Wundern nicht Wunder sind. Diese, die vor meinen Augen erfülte Weissagungen, die vor meinen Augen geschehene Wunder, wirken unmittelbar. Iene aber, die Nachrichten von erfülten Weissagungen und Wundern sollen durch du ein Medium wirken, das ihnen alle Kraft benimt. – – Alle diese Zeugniss' erwekken in mir eine blos historische Überzeugung von der Warheit mancher Säzze. – Allein nun mit ienen historischen Warheiten in eine ganz andre Klasse von Warheiten herüberspringen, und von mir verlangen, daß ich alle meine metaphysische und moralische Begriffe darnach umbilden sol; mir zumuten, weil ich z. B.der Auferstehung Christi kein glaubwürdiges Zeugnis entgegensezzen kan, alle meine Grundideen vom Wesen der Gotheit darnach umzuändern: was nicht ein @@@@@@@@ @@@ @@@@ @@@@@ ist; so weis ich nicht, was Aristot unter dieser Benennung verstand. – Man sagt freilich: "aber eben dieser Lerer, von dem du historisch must gel

 

[Manuskriptseite 33]

ten lassen, daß er Tod' erwekt, daß er selbst vom Tod' erstanden, hat's selbst gesagt, daß Got einen Son gleiches Wesens habe, und daß Er dieser Son sei." – Das wäre ganz gut! Wenn nur nicht, daß dieses Christus gesagt, gleichfals nichts mer als historisch gewis wäre. – Wolte man mich noch weiter verfolgen und sagen: " O doch! Das ist mer als historisch gewis: denn inspirirte Geschichtschreiber versichern's, die nicht irren können." So ist auch das, leider! nur historisch gewis, daß diese Geschichtschreiber inspirirt waren, und nicht irren konten." Seit. 4-13.

 

[Ib-13-1781-0033]
IIII.

 

[Ib-13-1781-0034]
Trauerspiele von Gothold Ephraim Lessing.

 

[Ib-13-1781-0035]
Mis Sara Sampson.

 

[Ib-13-1781-0036]
Philotas.

 

[Ib-13-1781-0037]
Emilia Galotti.

 

[Ib-13-1781-0038]
Berlin, bei Christian Friedrich Vos, 1772.

 

[Ib-13-1781-0039]
1) Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0040]

"Wie? mus der, welcher tugendhaft sein sol, keinen Feler begangen haben? Hat ein einziger so unselige Wirkungen, daß er eine ganze Reih' unsträflicher Iare vernichten kan: so ist kein Mensch tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfliest, wenn man's am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises Wesen unsre Pflichten nach unsern Kräften abgemessen; so ist die Lust, uns strafen zu können, der erste Zwek unsers Daseins."

 

[Ib-13-1781-0041]

S. 23.

 

[Ib-13-1781-0042]

"Dessen Herz mus ruhiger oder mus ruchloser sein, als meines, welches nur einen Augenblik zwischen sich und dem Verderben mit Gleichgültigkeit nichts, als ein schwankendes Bret sehen kan. In ieder Welle, die an unser Schif schlüge, würde mir der Tod ent

 

[Manuskriptseite 34]

gegenrauschen; ieder Wind würde mir von den väterlichen Küsten Verwünschung nachbrausen, und der kleinste Sturm würde mich ein Blutgericht über mein Haupt zu sein, dünken."

 

[Ib-13-1781-0043]

S. 26.

 

[Ib-13-1781-0044]

"Verzeihen ist himlisch – wie unüberschwenglich mus Gottes Seligkeit sein, dessen ganze Erhaltungen der elenden Menschen ein immerwärendes Vergeben ist."

 

[Ib-13-1781-0045]

S. 86.

 

[Ib-13-1781-0046]

"Wie dem, der in einer schnellen Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder stil sizt, die äussern Gegenstände mit ihm herumzugehen scheinen: so wird auch das Herz, das zu heftig erschüttert worden, nicht auf einmal wieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bebung oft noch lange zurük, die wir ihrer eignen Abschwächung überlassen müssen." –

 

[Ib-13-1781-0047]

Seit. 108.

 

[Ib-13-1781-0048]

"Eine plumpe List überrascht oft den Bedächtigsten – eben weil sie plump war, ist er weit davon entfernt, sie dafür zu halten."

 

[Ib-13-1781-0049]

S. 154.

 

[Ib-13-1781-0050]

"Es ist der Feler des Iünglings, sich immer für glüklicher oder unglüklicher zu halten, als er ist."

 

[Ib-13-1781-0051]

S. 194.

 

[Ib-13-1781-0052]

"Unsre Schuld und Unschuld sind unendlicher Misdeutungen, unendlicher Beschönigungen fähig." –

 

[Ib-13-1781-0053]

Seit. 226.

 

[Ib-13-1781-0054]

"Den Künstler lobt man erst dan recht, wenn man über sein Werk sein Lob vergist. – Bewunderung ist nicht bered – aber Schmeichelei ist schwazhaft, und Kälte macht viel Worte. | "

 

[Ib-13-1781-0055]

Seit. 252.

 

[Manuskriptseite 35]

[Ib-13-1781-0056]
V.

 

[Ib-13-1781-0057]
Lebensläufe nach aufsteigender Linie nebst Beilagen A, B, C. Meines Lebenslaufs zweiter Teil. Beilage A, und Beilage B. Berlin, bei Christian Friedrich Vos, 1779.

 

[Ib-13-1781-0058]
1) Wizzige Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0059]
"Durch's Or komt weniger Mitleiden in's Herz, als durch's Auge. Man kan eher seine Stimme ver als sein Auge verstellen, und wen siehst du, wenn du iemand in's Auge siehst? dich selbst im Kleinen. Du bist in gewisser Art gegen dich selbst mitleidig." S. 57.

 

[Ib-13-1781-0060]
"Blut bei kaltem Blute sehen ich – kan's nicht, wenn Ader gelassen wird. – Mich dünkt ich seh' den Menschen mer als nakt, wenn ich sein Blut sehe – das der liebe Got zweimal verschlossen hat. –" Seit. 59.

 

[Ib-13-1781-0061]
"Naivetät ist eine Satyr' auf die Kunst, es bestehe diese Satyr' in Gedanken, Geberden, Worten oder Werken –" S. 67.

 

[Ib-13-1781-0062]
"Iede Lüge hat 'was richtiges in sich, sonst würde sie kein Mensch anhören und ausstehen können." S. 69.

 

[Ib-13-1781-0063]
"Die Ruhe des Weisen ist so ser mit einer gewissen seligen Unruhe, mit einer Sensucht verknüpft, daß man sie eine selige Unruhe nennen könte. Ruh' ist Dekorazion, wie's eine Aufrichtigkeit von der Art giebt, eine Aufrichtigkeit, die verkleideter Mord ist – und wodurch man sicherer betrügt, als durch Rükhalt." S. 98.

 

[Ib-13-1781-0064]
"Reichtum und andre Narrenspossen gehen al durch Menschenhände, ich fül's! – die Lieb' allein komt aus der Hand der Natur. Sie ist roh, sie ist Obst; denn beinah alles andre ist gekocht und gebraten." S. 120.

 

[Ib-13-1781-0065]
"Ich hab' auf meinen Gütern einen alten Kerl, der,

 

[Manuskriptseite 36]

wenn er für seinen Frizzen betet, ihn dem lieben Got auf ein Har beschreibt. Segne meinen Son, den Friedrich Emanuel, Goldschmid in Mitau, nah bei der Kirche, oben im Stübgen zur rechten Hand. – Freund, so ist al unser Gebet! Wir sagen dem lieben Got, was er besser weis, wir sagen ihm alle, daß unser Son ein Goldschmid in Mitau sei, daß er Friedrich Emanuel heisse, nah bei der Kirche, oben im Stübgen zur rechten Hand wonhaft. Mein erlicher Franz macht's besser! Der kauft sich ein Gebetbuch, das er in seinen Kasten verschliest, und wenn er des Abends schläfrig ist, klopft er dreimal an den Kasten, und sagt Amen! "Wie das Franz?" ich denk, sagt' er, es ist dem lieben Got eins, wo er's herausnimt, ob aus dem Kästgen oder aus dem Herzen: wenn nur's Amen dabei ist. –" S. 142.

 

[Ib-13-1781-0066]
"Die Sympatie hat im Otem ihren Hauptsiz – Im Otem ist Leben und Tod." S. 150.

 

[Ib-13-1781-0067]
"Mut ist nicht Stärke der Sele, sondern Bekantschaft mit dem Gegenstande. –" Seit. 205.

 

[Ib-13-1781-0068]
"Ein schwieriger Boden zieht Kritik, ein ergiebiger Genie's." S. 215.

 

[Ib-13-1781-0069]
"Es giebt Naturphilosophie und Kunstphilosophie. Leben und Schulweisheit. Philosophie, die blos weis, und Philosophie, die weis und tut, gelerten Wust und Weisheit. Aristot war ein Künstler, Epikur, Diogen (mit Fleis zusammen,) waren Naturalisten, und Sokrat desgleichen. – Die künstliche wird ganz und gar gelert, bei der natürlichen ist nur eine gewisse, Metode, die gezeigt wird. Das Fas des Diogen's, die Brei des Epikur's – wie vererungswert! Die Fenster im Auditor, wo natürliche Weisheit gelert wird, gehen all'

 

[Manuskriptseite 37]

in's gemeine Leben. – Die natürliche lert die Zeit gebrauchen, die künstliche, sie vertreiben. Die Naturphilosophie ist fliessend Wasser, Springwasser, die künstlich' ist Wasser, welches steht. Die Kunstphilosophie treibt Kommissionshandel, die Naturphilosophie hat blos eignes Produkt. Das Leben der Naturphilosophie ist eine Kopia vidimatu ihrer Grundsäzze, und zu ihren Angaben ein solch erklärender nachhelfender Belag, daß one Beilage sub Vide ihre ganze Lere wie gar nichts ist. Wol dem, der von diesem Wasser des Lebens getrunken hat! Die Idee der Weisheit liegt der Naturphilosophie zum Grunde, die nicht gleichgültig, sondern gleichmütig machte. – Ist wol ein passenderes Motto zur künstlichen Philosophie, als "die Herren denn doch wol Spaß verstehen" Wil man ein Eblem Emblem, so ist's ein optischer Kasten. –

 

[Ib-13-1781-0070]
"Vom natürlichen Philosophen sagt man, er philosophirt. Ein künstlicher Philosoph hat Philosophie. – Die natürliche Philosophie besteht nicht in Nachricht, sondern in Einsicht. Man kan nicht vom natürlichen Philosophen sagen: er habe viel gelernt; allein er kan viel leren. –" S. 122-124.

 

[Ib-13-1781-0071]
"Die Logik ist des Verstands Grammatik. Sie lert uns, von keinem Gegenstand' etwas – selbst vom Verstande nichts; Allein sie lert uns von Dingen, die wir gar nicht kennen viel, und, was noch mer ist, gelert – reden.

 

[Ib-13-1781-0072]
Von Dingen, die man weis, von denen man überzeugt ist, spricht man nur wenig. Dingen aber, von denen man nicht überzeugt ist, legt man durch eine gewisse Hizz' einen Grund bei. Man legt's recht dazu an, sich dadurch, daß man den andern überzeugt, selbst zu überzeugen, und oft ist man hiebei glüklich, so daß man in der Tat auch hier durch' s Leren lernt. – – durch die Scholastiker ist dem Summus Aristoteles ein Erenge

 

[Manuskriptseite 38]

dächtnis gestiftet. Der Ausleger weis immer ein Drittel mer als sein Autor: so gieng's auch hier. Man findet vor diesem Gräul der Verwüstung noch Überbleibsel, und vorzüglich sind diese Antiquitäten noch in der Logik zu sehen. – Da giebt's Altertümer die Menge. Einen Winkelman bei den Antiquitäten der Logik, wünscht' ich blos der Seltenheit wegen." S. 231-233.

 

[Ib-13-1781-0073]
"Einen Begrif analysiren, ihn klar machen, ist ein Hauptstük der Philosophie. Sie macht Gold; denn wenn's aus der Erde komt, ist's Erde, durch Läuterungen wird's Gold. – – Begrif, Urteil, Schlus, maior, minor, conclusio! Ein Übergang von einem Urteil zum andern, heist Schlus. Maior enthält mer in sich, als das Subiekt quaestionis. Es ist der Vater vieler Kinder, Sön' und Töchter. Ehe man sein Zimmer bezieht, sieht man den ganzen Pallast. – das Prädikat ist grösser als Subiekt. Es behaupten einige: Empfindung wäre die größte Warheit; allein sie giebt nur Stof zum Urteil. Die Sin' urteilen nicht; die Vernunft urteilt. Die Sinne sind Stal, Feuerstein und Zunder. Zum Irtum gehört so gut, als zur Warheit, Verstand. Die Unwissenheit allein kan sich on' ihn behelfen. Der Verstand wird bei'm Irtum anders angewand. Bei'm Irtum ist Illusion des Verstands. Sinn' und Verstand sind Wasser und Wein. Wer hat Wein one Wasser getrunken? Schon in der Traub' ist Wasser! –" S. 238-239.

 

[Ib-13-1781-0074]
"Solte man nicht überhaupt auf Universitäten mer Polemik als Tetik in allen Wissenschaften lernen? *...* Und solte nicht Kritik, in einem besondern Sin, der Gegenstand der akademischen Beschäftigungen sein? Der ist in meinen Augen der beste Professor, der am

 

[Manuskriptseite 39]

gründlichsten seinen Schülern zu sagen weis, was nicht verlont gelernt zu werden, und die Titel von dem, was lernenswert ist." S. 264

 

[Ib-13-1781-0075]
"Der Mensch sol offen sein; allein er ist unzugangbar. Wer die Menschen leicht findet, hat nicht sie, sondern sich gesucht und gefunden, wer andre richtet, bestraft seine Unart in andern, und glaubt sich eben dadurch weis gebrant zu haben, wie die liebe Unschuld. – Wer hinter dem Fenster in seinem einsamen Zimmer steht, kan alles ganz deutlich warnemen, was auf der Strasse vorgeht, unerachtet er von den Leuten auf der Strasse entweder gar nicht, oder doch nicht deutlich, gesehen wird. Es komt mer Licht aus der Strass' in's Zimmer, als aus dem Zimmer in die Strasse. – –" S. 501.

 

[Ib-13-1781-0076]
"Wenn ein Unglüklicher die Gränzen seines Unglüks wissen wil, mest sie ihm gleich ganz und gar zu – keinen Streich weniger, ihr macht ihn sonst bei iedem neuen Zug' unglüklicher – ihr last ihn einen so vielfachen Tod sterben, als ihr Absäzze, Rükhalt' und Punkte macht. –" Seit. 526.

 

[Ib-13-1781-0077]
"Warhaftig man macht zu wenig Erfarungen über den Eingang des Menschen in, und den Ausgang des Menschen aus der Welt! – Wir lernen den Menschen kennen, wenn er nicht mer zu kennen ist. Wenn Leib und Sele sich nolens volens so ineinandergeworfen, daß man in die Schule gehen, und sich begläubigen lassen mus, daß man eine Sel' hab und auch einen Leib habe. – Freund! Wer zehn Menschen sterben gesehn, weis was der Mensch ist. Ein andrer weis es nicht, oder hat Müh' es zu wissen. –" Seit. 625.

 

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[Ib-13-1781-0078]
VI.

 

[Ib-13-1781-0079]
Eine Parabel.

 

[Ib-13-1781-0080]

– quae facitem ori paret bolum. –

 

[Ib-13-1781-0081]
Etymologista vetus.

 

[Ib-13-1781-0082]

Nebst einer kleinen Bitte, und einem eventualen Absagungsschreiben an Hern Pastor Gözze, in Hamburg.

 

[Ib-13-1781-0083]
Braunschweig. 1778.

 

[Ib-13-1781-0084]
1) Die Art und Weise der Ortodoxen, die christliche Religion zu verteidigen – in einer Parabel.

 

[Ib-13-1781-0085]
"Ein weiser tätiger König eines grossen grossen Reiches hatt' in seiner Hauptstad einen Pallast von ganz unermeslichem Umfange, von ganz besondrer Architektur. Unermeslich war der Umfang, weil er in selbem all' um sich versammelt hatte, die er als Gehülfen oder Werkzeuge seiner Regierung brauchte.

 

[Ib-13-1781-0086]
Sonderbar war die Architektur: denn sie strit so ziemlich mit allen angenommenen Regeln; aber sie gefiel doch, und entsprach doch.

 

[Ib-13-1781-0087]
Sie gefiel: vornämlich durch die Bewunderung, welche Einfalt und Gröss' erregen, wenn sie Reichtum und Schmuk mer zu verachten, als zu entberen scheinen.

 

[Ib-13-1781-0088]
Sie entsprach: Durch Dauer und Bequemlichkeit. Der ganze Pallast stand nach vielen vielen Iaren noch in eben der Reinlichkeit und Volständigkeit da, in welcher die Baumeister die lezte Hand angelegt hatten: von aussen ein wenig unverständlich; von innen überal Licht und Zusammenhang.

 

[Ib-13-1781-0089]
Was Kenner von Architektur sein wolte, ward besonders durch die Aussenseiten beleidigt, welche mit

 

[Manuskriptseite 41]

wenig hin und her zerstreuten grossen und kleinen, runden und vierekten Fenstern unterbrochen waren; dafür aber desto mer Türen und Tore von mancherlei Form und Gröss' hatten.

 

[Ib-13-1781-0090]
Man begrif nicht, wie durch so wenige Fenster in so viele Gemächer genugsames Licht kommen könne. Denn daß die vornemsten derselben ihr Licht von oben empfiengen, wolte den Wenigsten zu Sinne.

 

[Ib-13-1781-0091]
Man begrif nicht, wozu so viel' und vielerlei Eingänge nötig wären, da ein grosses Portal auf ieder Seit' ia wol schiklicher wäre, und eben die Dienste tun würde. Denn daß durch die merern kleinen Eingäng' ein ieder der in den Pallast gerufen wurde, auf dem kürzesten und unfelbarsten Wege, gerade dahin gelangen solte, wo man seiner bedürfe, wolte den Wenigsten zu Sinne.

 

[Ib-13-1781-0092]
Und so entstand unter den vermeinten Kennern mancherlei Streit, den gemeiniglich dieienigen am hizzigsten fürten, die vom Innern des Pallasts viel zu sehen die wenigste Gelegenheit gehabt hatten.

 

[Ib-13-1781-0093]
Auch war da Etwas, wovon man bei'm ersten Anblikke geglaubt hätte, daß es den Streit notwenidig ser leicht und kurz machen müsse; was ihn aber gerad' am meisten verwikkelte, was ihm gerade zur hartnäkkigsten Fortsezzung die reichste Narung verschafte. Man glaubte nämlich verschiedne alte Grundrisse zu haben, die sich von den ersten Baumeistern dieses des Pallasts herschreiben solten: und diese Grundrisse fanden sich mit Worten und Zeichen bemerkt, deren Sprach' und Karakteristik so gut als verloren war.

 

[Manuskriptseite 42]

[Ib-13-1781-0094]
Ein ieder erklärte sich daher diese Worte und Zeichen nach eignem Gefallen. Ein ieder sezte sich daher aus diesen alten Grundrissen einen beliebigen Neuen zusammen; für welchen Neuen nicht selten dieser und iener sich so hinreissen lies, daß er nicht allein selbst darauf schwor, sondern auch andre darauf zu schwören, bald beredte, bald zwang.

 

[Ib-13-1781-0095]
Nur wenige sagten: "Was geh'n uns neue Grundriss' an? Dieser oder ein andrer: sie sind uns alle gleich genug, daß wir ieden Augenblik erfaren, daß die gütigste Weisheit den ganzen Pallast erfült, und daß sich aus ihm nichts, als Schönheit und Ordnung und Wolstand auf das ganze Land verbreitet."

 

[Ib-13-1781-0096]
Sie kamen oft schlecht an, diese Wenigen! Denn wenn sie lachenden Muts manchmal einen von diesen den besondern Grundrissen ein wenig näher beleuchteten, so wurden sie von denen, welche auf diesen Grund geschworen hatten, für Mordbrenner des Pallastes selbst ausgeschrien.

 

[Ib-13-1781-0097]
Aber sie kerten sich daran nicht, und wurden gerade dadurch am geschiktesten, denienigen zugeselt zu werden, die innerhalb des Pallastes arbeiteten, und weder Zeit noch Lust hatten, sich in Streitigkeiten zu mengen, die für sie keine waren.

 

[Ib-13-1781-0098]
Einmals, als der Streit über die Grundrisse nicht sowol beigelegt, als eingeschlummert war, – einmals

 

[Manuskriptseite 43]

um Mitternacht erschol plözlich die Stimme der Wächter: Feuer! Feuer in dem Pallaste!

 

[Ib-13-1781-0099]
Und was geschah? Da fur ieder von seinem Lager auf; und ieder, als wäre das Feuer nicht in dem Pallaste, sondern in seinem eignen Hause, lief nach dem Kostbarsten, was er zu haben glaubte, – nach seinem Grundrisse. "Last uns den nur retten! dachte ieder. Der Pallast kan dort nicht eigentlicher verbrennen, als er hier steht!"

 

[Ib-13-1781-0100]
Und so lief ein ieder mit seinem Grundriss' auf die Strasse, wo, anstat dem Pallaste zu Hülfe zu eilen, einer dem andern es vorher in seinem Grundrisse zeigen wolte, wo der Pallast vermutlich brenne. "Sieh, Nachbar! hier brent er! Hier ist dem Feuer am besten beizukommen. – Oder hier vielmehr, Nachbar; hier! – Wo denkt ihr beide hin? Er brent hier! – Was hätt' es für Not, wenn er da brente? Aber er brent gewis hier! – Lösch ihn hier, wer da wil: Ich lösch' ihn hier nicht. – Und ich hier nicht! – Und ich hier nicht!– –"

 

[Ib-13-1781-0101]
Über diese geschäftigen Zänker hätt' er denn auch wirklich abbrennen können; der Pallast; wenn er gebrant hätte. – Aber die erschrokkenen Wächter hatten ein Nordlicht für eine Feuersbrunst gehalten." Seit. 5-10.

 

[Manuskriptseite 44]

[Ib-13-1781-0102]
VII.

 

[Ib-13-1781-0103]
Betrachtungen über die vornemsten Warheiten der Religion an Se. Durchlaucht den Erbprinzen von Braunschweig und Lüneburg. Zweiter Teils zweiter Band, oder viertes Stük. Braunschweig, im Verlage der fürstlichen Waisenhaus=Buchhandlung, 1779.

 

[Ib-13-1781-0104]
1) Vom Manna, das die Iuden in der Wüsten assen.

 

[Ib-13-1781-0105]
"Nach der Beschreibung, die Moses vom Manna macht, war's dem natürlichen Manna, das in Persien, Arabien und selbst auch in Kanan, in den Sommermonaten des Nachts aus den Blättern gewisser Stauden schwizt, in kleinen Körnern wie Reif gerint, und vor Sonnenaufgang von den Blättern abgeschüttelt und gesamlet wird, völlig gleich. Man braucht also hier kein Wunder anzunemen." S. 346.

 

[Ib-13-1781-0106]
2) Anzeigen, welche ein höheres Alter unsrer Erde vermuten lassen.

 

[Ib-13-1781-0107]
"Sichtbarlich besteht die Erd' aus lauter Bruchstükken, woraus wir schliessen müssen, daß sie, vor ihrer iezzigen Ausbildung, mehr als eine Revoluzion von Feur und Wasser, deren Zal und Dauer gar nicht angegeben werden mag, erlitten habe. Ich wil nur einzige Verwandlung des Tons in Marmor und in alle noch härtern Steinarten, und dieser ihrer Verwitterung wieder in Erd' und Kreide nemen, die allein uns nötigen, nach dem langsamen Gang, den die Natur in diesen ihren Wirkungen nimt, ein undenklich höhers Alter anzunemen. Der Beweis von der ersten Verwandlung, sind die über die ganze Erde verbreiteten Flöz= Schiefer= und Marmorgebirge, aus deren Lag' und aus deren häufigen Resten von organischen Körpern, von Gewächsen, Se, und

 

[Manuskriptseite 45]

Landkeren, die sie durch und durch in sich enthalten, es unwidersprechlich ist, daß sie vor diesem Zustande weich gewesen, und von dem Mer' erst ausgefürt worden. Und von der zweiten Verwandlung sind die Kreidenberge der Beweis, die H. Pallas am Donflusse beobachtet hat, und denen vermutlich all' übrige Gebirge dieser Art gleich sind, deren Oberfläche, die der Luft ausgesezt ist, volkommen Kreid' ist, deren nächste Substanz noch aus Kieseln oder Feursteinen besteht, die sich aber stufenweis' ihrer Auflösung schon nahen, aber noch tiefer ihre volle harte Substanz noch haben; und diese Substanz, was war diese wieder vorher anders als Ton? was waren der Rubin und Sapphir, ehe sie ihre iezzige Farbentinktur annamen?" Seit. 449-450.

 

[Ib-13-1781-0108]
3) Einige Ähnlichkeit der mosaischen und ägyptischen Schöpfungsgeschichte.

 

[Ib-13-1781-0109]
"Im Ator, oder im Erebus, nämlich in der vor der Schöpfung hergegangenen Nacht; imgleichen in dem Chaos, dem Mudd oder dem Wasser, als dem ersten Urstoffe der Dinge; dan in dem Erebus mit seinem Weibe Bahu, und in dem Kolpia oder der Stimme des götlichen Mundes, auch noch in dem ägyptischen Eie, a) Das 1 B. Mos. 1, 2 gebrauchte Wort $$$$$$$$$$]scannen schweben, enthält eigentlich das Bild des Sizzens und Brütens der Vögel auf den Eiern: hier ist sichtbare Ähnlichkeit mit der ägyptischen Vorstellung der Schöpfung, nämlich des in der Gestalt eines Mannes gebildeten schöpferischen Geists des Phtah, mit dem Ei, mit im Munde. ist die Ähnlichkeit der mosaischen und ägyptischen Schöpfungsgeschichte sogar bis auf den Laut vieler dieser Wörter unverkentbar." Seit. 463.

 

[Ib-13-1781-0110]
4) Schwierigkeiten gegen die gewönliche Vorstellung des Fals der Menschen.

 

[Ib-13-1781-0111]
"Ist in der Beschreibung des Moses der geringste Grund zu dem hohen Ideale der volkommenen Erkentnis und der reinen

 

[Manuskriptseite 46]

Liebe zu Got und allem Guten, worunter man sich dieses Ebenbild vorstelt? Wo die anerschafne volkomne Erleuchtung, wenn dieser so volkomne Mensch, gleich bei seinem Eintrit in die Welt den verbotenen Baum zum Denkmal seiner Abhängigkeit von seinem Schöpfer noch nötig hat? Wo die erleuchtete Liebe zu Got, und der willige Gehorsam, wenn er an diesem Baum den Gehorsam erst lernen, sol und durch die schrekliche Bedrohung des Todes dazu erst angehalten werden sol? Wo die aufgeklärte Herschaft der Vernunft über die sinlichen Begierden, wenn die Frau, über den äusserlichen Reiz der einzigen verbotnen Frucht, den ihr noch gegenwärtigen götlichen Befel so leicht vergist, und der Man, one sich dessen nur zu erinnern, die Frucht und die Übertretung sogleich mit ihr teilt? Worin ist dieser ganze Fal, von der Art wie wir schwache Menschen noch täglich fallen, unterschieden? Aber angenommen, daß die moralischen Kräfte wirklich so volkommen als ienes Ideal gewesen wären,wo ist nun die Möglichkeit des darauf erfolgten und wiederum so gros beschriebnen Verfals? Wo die Möglichkeit, daß nach dieser einzigen und ersten Verblendung, diese so volkommene Natur sich auf einmal so umkeren, daß diese volkomne Erkentnis sich in die gröste Verblendung und Verleugnung Gottes der erleuchtete willige Gehorsam, und die reinste Liebe zu ihm und allem Guten, in den unschuldigsten Selen, sich auf einmal in den verkerten Sin, mit völliger Entkräftung zu allem Guten habe verwandeln können? Ia wo ist die Möglichkeit, daß diese totale Korrupzion sich von dieser ersten Sünd' an, über die ganze menschliche Natur dergestalt erstrekken können, daß die ganze Nachkommen

 

[Manuskriptseite 47]

schaft dieser beiden Eltern, mit eben der Verblendung, mit eben der Neigung zum Bösen, und dem gänzlichen Verlust aller Neigung und Kräfte zum Guten geboren werde; so daß sie der ganze Fluch mit treffe, der über ihre beiden unglüklichen Stameltern, dieses einzigen Ungehorsams willen, ausgesprochen wurde? Denn buchstäblich geht dieser Fluch auf diese einzige Übertretung. Wie kan eine einzige Verblendung die volkommenste Erleuchtung so auslöschen; eine einzige Übertretung, sei's auch die wissentlichste, die reinste und unschuldigste Natur auf einmal so aus umkeren? Als blos natürliche Folg' ist dies die gröste Unmöglichkeit. Es müst' also Strafe sein; also diese, auf's ganze nachkommende Geschlecht sich erstrekkende Stra verderbte Natur, selbst Strafe – Strafe für diese einzige, für diese allererste Übertretung. – Got! wo blieb' deine Güte? –

 

[Ib-13-1781-0112]
Und wo ist die grosse Bosheit, die vorsezlich Verleugnung Gottes, der verdamliche Stolz, woraus man diese Folgen zu erklären sucht? Wo ist desgleichen bei'm Falle, wo nachher? Die Schlange lauert auf die unschuldige Frau, und sagt, es sei unmöglich, daß Got, der ihnen das ganze Paradies übergeben, ihnen dieses Recht durch ein so hartes Verbot wieder habe nemen, können und die Frucht des reizendsten aller Bäume habe verbieten können. Und wie unschuldsvol ist hier noch die Antwort: wir dürfen von allen Bäumen essen, nur von diesem nicht, der mit der Bedrohung des Todes uns verboten ist. Die Schlange sieht aus dieser Antwort selbst, d sie nicht den Gehorsam nicht wankend machen kan, und nimt daher eine ganz andre Wendung: es müsse notwendig ein Misverstand sein; Got könn' unmöglich den Genus von einem Baume verboten haben, den er selbst den

 

[Manuskriptseite 48]

Baum des Erkentnisses genant habe; die Frucht müste vielmer zu ihrer grössern Volkommenheit beförderlich werden, und sie in der Erkentnis des Guten und Bösen Got immer ähnlicher machen. Die Vorstellung macht auf sie Eindruk; sie sieht den Baum an, sie findet die Frucht wirklich schön; solte der Schöpfer eine tödliche Frucht so reizend gemacht haben? Nun wird die Begierd' erst erregt, sie isset davon, und beredet den Man auch davon zu essen. Sie sündigen nun. Aber wo ist die abscheuliche Empörung gegen den götlichen Befel, wo nur der Schein von dem sträflichen Hochmute, von der empörenden Verbindung mit dem Verfürer, dem Feinde Gottes? In der Frau ihrer Sel' ist der Gedanke zuerst gar nicht entstanden, sie hat ihn nicht bei sich genärt, der götliche Befel ist ihr, vom Anfange der Verfürung bis zur lezten Verblendung, mit aller Ererbietung gegenwärtig und heilig, aus dieser Ererbietung scheint sie den Baum selbst bisher nicht angesehen zu haben, die Schlange macht sie zuerst aufmerksam darauf. Und diese Schlange? ein Tier das aufeinmal mit ihr zu sprechen anfängt, mit so vieler Vernunft, so vieler anscheinender Lieb' es ihr zur Pflicht macht, nach einer grössern Volkommenheit zu streben; wie auffallend! Solte sie so viel eher hieraus schliessen, daß ein böser Geist durch dieses Tier rede? Aber wie wenig Anlas ist in der Rede zu diesem Verdachte; die Schlange läst ihren Gehorsam unberürt; und woher solte sie sich noch eine solche Art von Geistern kennen, wovon sie sich noch gar keine Vorstellung zu machen wuste, und wovor ihr im götlichen Verbot' auch gar keine Warnung gegeben worden? Solt' aber keine

 

[Manuskriptseite 49]

Schlange dagewesen sein, sondern das Wort einen glänzenden Seraph, dessen Gestalt dieser böse Geist angenommen, bedeuten, so würde die Frau noch mer Entschuldigung verdienen. Sie kant' auch weder Seraph noch Dämon, noch daß der leztere in eine Schlange faren könne. –

 

[Ib-13-1781-0113]
Nun der Fluch, den Got über die ersten Eltern, und die Schlang' aussprach! Der erste trift die Schlange; sie sol vor allen Tieren verflucht sein, auf dem Bauche kriechen, und Erd' essen.

 

[Ib-13-1781-0114]
Aber was für eine Strafe für eine Schlange! War dies Geschlecht vorher anders gestalt gewesen, und ist's dadurch unglüklicher, daß es kriecht? so hätt' er die übrigen kriechenden Tier' on' ihre Verschuldung eben dieser Fluch getroffen, und das ganze Geschlecht der Schlangen die Missetat einer einzigen büssen müssen. Sol aber der Fluch auf den verfürerischen Geist gehen, wo bleibt dan die buchstäbliche Auslegung, die man behalten wil? Eine Geschicht halb buchstäblich, und dan wo man damit nicht weiter fort kan, symbolisch erklären, wie ser ist dies allen Auslegungsregeln entgegen; offenbar ist in der ganzen Geschichte von einer natürlichen Schlange die Rede, und wie past sich ein Fluch auf einen Dämon? Sie sol verflucht sein vor allem Vieh' und vor allen Tieren auf dem Felde; sol dies heissen, daß der Teufel das niedrigste und verworfenste aller Geschöpfe sein sol? Dies war er schon von seinem eignen Fall' an, hier ist's Strafe für die gegenwärtige Verfürung; Eva konte dies alles wenigstens nicht anders als von einer natürlichen Schlange verstehen; in ihrer Entschuldigung ist auch nicht der Schein eines Verdachts von einem bösen Geiste, und der Schöpfer selbst läst sie on' einige Belerung in ihrer Meinung.

 

[Manuskriptseite 50]

Hierauf komt der Fluch an die beiden unglüklichen Menschen. Die Frau sol in ihrer Schwangerschaft und Geburt viel Schmerzen leiden. Aber ist die Natur ihres Geschlechts hierauf ungeschaffen; und kan die Einrichtung, die noch immer der wundervolle Beweis der allerzärtlichsten Vorsorge des Schöpfers ist, ein Fluch sein? Und warum sind denn gröstenteils alle wilde Völker, deren Natur durch eine gezwungene und zärtlichere Lebensart nicht geschwächt ist, von diesem Fluche noch immer so viel freier?

 

[Ib-13-1781-0115]
Zulezt mus auch der Man sein Urteil anhören. Die Erde sol von nun an seinetwegen verflucht sein, der Akker sol Dornen und Disteln tragen, und er sol sich mit Müh' und Kummere davon nären. Sol dies buchstäblich genommen werden, so ist hier wieder eine ganz neue Schöpfung anzunemen; und sind Dornen und Disteln mer Wirkung des Fluchs als andre Gewächse? Alles Kraut ist Unkraut, was nicht an der Stelle steht, wo's sein sol. Auf einem mit Korn besaeten Akker, würden Violen und Rosen eben das sein, was Dornen und Disteln sind. Und da der Schöpfer mit so unendlicher Weisheit den Samen der Gewächs' in der Absicht so eingerichtet hat, daß er sich so viel leichter verbreite, solte nun dennoch auf dem Akker, wenn er nicht verflucht worden wäre, kein Same von einigen andern Gewächsen haben kommen können, als was der Mensch darauf iedesmal haben wollen? und solte kein Miswachs, keine Überschwemmungen, keine Insekten seine Ernden ie haben verderben können? – Und der Mensch, würd' er nicht gestorben sein, wenn er nicht gefallen wäre?

 

[Manuskriptseite 51]

Keine äussere Gewalt, keine ungesunde Luft, kein Gift hätte diese zerbrechliche Maschine zerstören können? – Hier mus man entweder unaufhörliche Wunder, oder eine volle Umschaffung der ganzen Natur annemen. – Man häufet also Schwierigkeiten über Schwierigkeiten, wenn man die Geschichte vom Fal buchstäblich versteht; und wenn man sie so anwendet, und die Folgen daraus herleitet, wie die gewön Behaupter der gewönlichen Teorie von der Erbsünde tun." Seit. 475-481.

 

[Ib-13-1781-0116]
VIII.

 

[Ib-13-1781-0117]
Hern Alexander Pope Esq. sämtliche Werke. Mit W. Warburton's Anmerkungen und Kommentar aus dessen neuester und bester Ausgab' übersezt. Erster Band. Altona bei David Iversen. 1758.

 

[Ib-13-1781-0118]
1) Aus einem Gedicht' an Pope – von Wicherlei Wicherlei] William Wycherley.

 

[Ib-13-1781-0119]
"Du verbindest Beurteilungskraft mit der Iugend; in deinen Versen herschet Natur, durch Kunst gestärkt, Verstand durch den Klang verschönert. Nicht den Dichtern gleich, deren Sylbenmas so sanft dahin gleitet, daß nie ein Gedanke den Gesang unterbricht. Mühsam kraftlos singen sie, und schreiben nicht für den Verstand, sondern für's Or: sie schächern unsre ungerürte Selen ein, und sind zum höchsten musikalisch dum. So kriechen rieselnde Ströme mit gleichem Gemurmel fort, und rauschen den müden Zuhörer in den Schlaf. So wie die glattesten Reden am ersten betriegen, so sind oft die sanftesten Verse lere Töne. Aber bei dir verbindet sich Wiz und Beurteilung; aufgewekt, wie die Iugend, und reif, wie's Alter. Deine Gedichte sind regelmässig kün, und gefallen durch ungezwungene Richtigkeit, und unerkünstelte Natur, durch

 

[Manuskriptseite 52]

richtige Gedanken und lebhafte Bilder, die die Natur den Alten zeigte, die Phantasie verschönert, und die Beurteilungskraft dir eigen macht: denn den Moden grosser Leute mus man folgen, ob's gleich schimpflich ist, ihre Kleider zu tragen. " S. 53-54.

 

[Ib-13-1781-0120]
2) Einsamkeit.

 

[Ib-13-1781-0121]
"Glüklich ist der Man, dem dieser glänzende Hof seinen Beifal giebt, den seine Königin begünstigt, und sein Vaterland liebt! Glüklich nach ihm! der diese Schatten bewonet, den die Natur reizt, und die Muse begeistert; den demütigere Freuden im Herzen gefüllter Ruhe, beständiger Fleis, Bewegung und Stille, wechselsweise vergnügen. Er erndet Gesundheit von den Kräutern, die der Wald darbietet, und beraubt die Felder ihrer düftenden Arzneien, heist die mineralischen Kräfte durch chemische Kunst heraufsteigen, und zieht aus den Blumen die aromatischen Selen. Iezt merkt er auf den Lauf der rollenden Welten am Himmel, iezt reiset er mit seinen Augen über figürliche Welten; entsiegelt den gelerten Vorrat aller Schriften, zieht Tode zu Rat, und lebt vergangene Zeitalter noch einmal über. Oder sint, in einem gedankenvollen Spaziergang durch den schweigenden Wald, den Pflichten des Weisen und des Rechtschaffenen nach, um eine Mittelstrasse zu beobachten, sein eigner Freund zu sein, der Natur zu folgen, und seinen Endzwek nicht aus den Augen zu verlieren. Oder er schaut mit mer, als sterblichen Augen, zum Himmel auf, läst seine freie

 

[Manuskriptseite 53]

Sele sah in die Luft schwingen, unter ihren verwandten Sternen vertraulich umherwandeln, die Gegend betrachten, und ihre Heimat erkennen! Dieses war's Leben, das einst der grosse Szipio bewunderte, so lebte Attikus; und so Trumbal in der Stille. – S. 66-67.

 

[Ib-13-1781-0122]
3) Aus dem Gedichte: der Wald bei Windsor.

 

[Ib-13-1781-0123]
"Deine Bäume, schönes Windsor, sollen nun ihre Gehölze verlassen, und die Hälfte deiner Wälder in meine Fluten stürzen, Brittannien's Donner tragen, und ihre Schiffart bis an die prächtigen Gegenden des aufgehenden Tages fortsezzen; sich in Eismere wagen, wo klärere Flammen um den gefrornen Pol glühen; oder unter südlichen Himmeln ihre Segel aufziehn, durch meine Sterne geleitet und von Spezereidüftenden Winden fortgetrieben! Für mich sol der Balsambaum bluten, und Ambern fliessen, der Koral rot werden, und der Rubin glühen, die Perlenschal' ihre helle Kugel einschliessen, und Phöbus das reifende Metal zu Gold erwärmen. Die Zeit sol kommen, daß die Temse one Gränzen, so frei, als Seen, und der Wind, für alle Menschen fliesset, ganze Nazionen sollen mit ieder Flut einlaufen, und Mere die Länder nur besser vereinigen, die sie trenten; die entfernten Enden der Erde sollen unsere Herlichkeit sehen, und die neue Welt aussegeln, um die alte zu suchen. Dan sollen Schiffe von plumper Gestalt die Flut verdämmen, und beflügelte Völker sich an meinen reichen Seiten drängen, und die nakte Iünglinge, und ihre bemalte Anführer unsre Sprache, unsre Farb' und fremden Zierrat bewundern! O

 

[Manuskriptseite 54]

erweitere dein Reich, schöner Friede! von Ufer zu Ufer, bis Siegen aufhört, und keine Sklaverei mer ist: bis die befreiten Indianer von den Wäldern, worin sie geboren, ihre eigne Frücht' einsamlen, und ihre schwarzen Geliebten von Lieb' unterhalten; bis Peru noch einmal ein Geschlecht von Königen sieht, und in andern Mexiko's die Dächer mit Gold bedekt sind. Von dir von der Erd' in die tiefste Höll' hinabgestossen, sol die barbarische Zwietracht in ehernen Banden liegen: gigantischer Stolz, blasses Schrekken, finstre Sorg' und rasender Ergeiz sollen sie dort bedienen. Dahin sol die purpurne Rach' im Blut gebadet sich verkriechen, ihre Pfeile stumpf gemacht sein, und ihr Feuer verlöschen. Da sol der gehässige Neid seine eigne Schlangen fülen, und die Verfolgung ihr zerbrochnes Rad beklagen; da sol die Fakzion umsonst brüllen, der Aufrur in seine Ketten beissen, und Furien mit ofnen Rachen nach Blut dürsten. –" S. 73-75.

 

[Ib-13-1781-0124]
4) Die Musik!

 

[Ib-13-1781-0125]
"Durch die Musik empfinden die Selen eine gleiche Gemütsverfassung, schwellen nicht zu hoch auf, und sinken nicht zu tief. Wenn in der Brust sich stürmische Freuden erheben, so läst die Musik ihre sanfte beruhigende Stimm' erschallen; und wenn die Sele von Sorgen gedrükt wird, erhebt sie dieselbe mit belebenden Liedern. Krieger entflamt sie mit beselten Tönen; giest Balsam in die blutenden Wunden des Verliebten. Die Melancholie erhebt ihr Haupt, Morpheus stehet von seinem Bett' auf, Trägheit zieht ihre Arm' auseinander, und

 

[Manuskriptseite 55]

erwacht; horchend läst der Neid seine Schlangen fallen; kein innerlicher Krieg sezt länger unsre Leidenschaften in Aufrur, und der Schwindelgeist der Parteien höret seine Wut hinweg. – Musik kan den grausamsten Schmerz besänftigen, und die strengste Wut des Schiksals entwafnen. Musik kan Kummer in Freude verwandeln, und Verzweiflung und Raserei gefälliger machen: sie kan die Freude der Erde vergrössern, und von der Glükseligkeit des Himmels den Vorschmak geben." S. 80-83.

 

[Ib-13-1781-0126]
5) Od' auf die Einsamkeit.

 

[Ib-13-1781-0127]
"Beglükt der Man, der zufrieden, auf seinem eignen Boden die Luft zu atmen, in der er geboren wurde, seine Wünsch' und Sorgen auf einige Äkker einschränkt.

 

[Ib-13-1781-0128]
Den seine Herden mit Milch, seine Felder mit Brod, und sein Wollenvieh mit Kleidern versorgen; dessen Bäum' im Sommer ihm Schatten, im Winter Feuer geben.

 

[Ib-13-1781-0129]
Selig, wer on' Unruhe Stunden, Tage, und Iare, in Gesundheit des Leibes, im Frieden der Sele, unvermerkt dahin gleiten sieht.

 

[Ib-13-1781-0130]
Für den sich die Ruhe bei Tage, gesunder Schlaf in der Nacht; Studiren und Musse, eine süsse Erquikkung und Unschuld vermischen, die bei Nachdenken am besten gefält.

 

[Ib-13-1781-0131]
So wünsch' ich, ungesehen, und unbekant zu leben, so unbeweint zu sterben, und wenn ich der Welt entschlichen, so melde kein Stein, wo ich ruhe. – – –" S. 90.

 

[Manuskriptseite 56]

[Ib-13-1781-0132]
6) Aus Pope's Versuch über die Kritik.

 

[Ib-13-1781-0133]
"Es ist schwer zu sagen, ob sich ein grösserer Mangel der Geschiklichkeit im schlechten Schreiben oder im schlechten Urteilen zeige; von beiden aber ist die Beleidigung nicht so gefärlich, unsre Geduld zu ermüden, als unsern Verstand auf Irwege zu füren. Einige wenige felen in ienem, aber eine Meng' in diesem; zehn urteilen falsch, gegen einen, der felerhaft schreibt; vormals kont' ein Tor sich allein blos geben; iezt macht einer in Versen, viele neue in Prose. – Es geht mit unsern Urteilen, wie mit unsern Uren; keine geht mit der andern gleich, doch glaubt ein ieder der seinigen. So selten bei dem Poeten das ware Genie ist, so selten besizzen die Kunstrichter den waren Geschmak; beide müssen ihr Licht von dem Himmel empfangen haben, und diese eben so wol zum Beurteilen, als iene zum Schreiben geboren sein. Last solche andre unterrichten, die selbst andre übertreffen, und dieienigen frei tadeln, die schön geschrieben haben. Schriftsteller sind gegen ihren Wiz partheiisch; es ist war; aber sind's nicht auch Kunstrichter gegen ihr Urteil? –

 

[Ib-13-1781-0134]
Einige haben sich ganz in den Labyrinten der Schulen verloren, und einige sind dumme Praler geworden, die die Natur nur zu Einfältigem bestimt hatte. Diese suchen den Wiz, verlieren ihren Verstand, und werden alsdenn Kunstrichter, sich selbst zu verteidigen: beide, der, der schreiben kan, und der der's nicht kan, brennen vor Eifer, wie Nebenbuler, oder wie Verschnittene, andre zu verachten. – Wenn Mäv dem Apollo zum Troz

 

[Manuskriptseite 57]

schmiert, so giebt's andre, die noch schlechter urteilen, als er schreiben kan. –" S. 97-102.

 

[Ib-13-1781-0135]
"Einigen, die der Himmel reichlig mit Wiz versehen hat, mangelt noch einmal so viel, ihn zum rechten Gebrauch anzuwenden; denn Wiz und Urteil liegen oft, wie Man und Weib, im Streite, ob sie gleich einer dem andern zur Hülfe bestimt sind. Es ist schwerer, das Musenpferd zu leiten, als zu spornen; seinen Ungestüm zurükzuhalten als es zur Eile zu treiben. Das geflügelte Pferd zeigt, wie ein edles Ros am meisten Mut, wenn man seine Hizz' im Zügel hält." S. 108-109.

 

[Ib-13-1781-0136]
Oft ist das Kriegslist, was ein Feler zu sein scheint. Homer schlummert nicht, sondern wir sind's, die träumen." S. 118.

 

[Ib-13-1781-0137]
"Was die Natur an Verdienst versagt hat, ersezt sie reichlich mit dürftigem Stolz. Denn wir finden in den Selen so wie in den Körpern, das von Winden aufgeblasen dem Blut und Lebensgeister felen. – Ein wenig Gelersamkeit ist eine gefärliche Sache. Schöpfet tief, oder kostet die pierische Quelle gar nicht. Züg' oben ab, berauschen das Gehirn; ein tiefer Zug macht wieder nüchtern. Befeuret vom Anblik dessen, was die Muse schenket, wagen wir uns in furchtloser Iugend auf die Höhen der Künste; und unsre Sel' hat, nach ihrem eingeschränkten Gesichtskreis, nur eine kurze Aussicht vor sich, und sieht die Weiten nicht, die noch hinter ihm liegen. Und wenn wir nun weiter kommen, so sehen wir mit Erstaunen in der Ferne neue Szenen der unendlichen Wissenschaft aufsteigen. So betreten wir zum erstenmal

 

[Manuskriptseite 58]

mit Vergnügen die hohen Alpen, steigen über Täler hinauf, und dünken uns im Himmel zu gehen. Wir glauben, den ewigen Schne bereits zurükgelegt zu haben, und halten die ersten Wolken und Berge für die lezten: doch, wenn wir diese erstiegen haben, so zittern wir, die Beschwerlichkeiten des verlängertern Wegs zunemen zu sehen. Die wachsende Aussicht ermüdet unser wanderndes Auge; Hügel schauen über Hügel, und Alpen steigen über Alpen empor." S. 121-123.

 

[Ib-13-1781-0138]
"Achtet gewisse die Regeln nicht, welche ein ieder Sylbenrichter angiebt; denn gewisse Kleinigkeiten nicht kennen, ist ein Rum." S. 126-127.

 

[Ib-13-1781-0139]
"Falsche Beredsamkeit breitet, wie's prismatische Glas, allenthalben seine pralenden Farben aus. Wir sehen nicht mer's Gesicht der Natur, alles glänzt on' Unterschied lebhaft. Aber der richtige Ausdruk erleuchtet und verschönert, wie die unvergängliche Sonne, alles, worauf sein Licht fält; sie vergüldet nicht alle Gegenstände, aber sie verändert keinen." S. 133.

 

[Ib-13-1781-0140]
"Nur der Nar bewundert; vernünftige Leute billigen. Wie uns dieienigen Dinge gros zu sein scheinen, die wir durch Nebel sehen, so pflegt die Dumheit gern alles zu vergrössern." S. 139.

 

[Ib-13-1781-0141]
"Einige Kunstrichter verachten die ausländischen, andre unsre eigne Schriftsteller; preisen entweder nur die alten, oder die neuern. So wird der Wiz, wie der Glaube, von iedem einer kleinen Sekte zugeschrieben, und all' übrige werden verdamt. Sie wollen die Seligkeit eng einschränken, und dieienige Sonne nur auf ein Land zu schei

 

[Manuskriptseite 59]

nen zwingen, die nicht allein den Wiz in den Südländern erhebt, sondern auch die Geister in den kalten Nordländern reif macht; diese Sonne, die vom ersten Alter an alle folgenden beschienen hat, das gegenwärtige erleuchtet, und das lezte erwärmen wird; obgleich iedes Zeit Zu= und Abnemen empfinden, und iezt hellere, he iezt dunklere Tage sehen mag. Fragt also nicht, ob der Wiz alt oder neu sei, sondern tadelt den falschen, und schäzt den waren beständig. – Einige geben niemals ihr eignes Urteil, sondern fangen die Meinung auf, die sich in der Stad ausgebreitet hat. Sie sprechen in ihren Schlüssen andern nach, und nemen allen Unsin an, den sie niemals erfunden haben." S. 139-141.

 

[Ib-13-1781-0142]
"Neid verfolgt das Verdienst, wie sein Schatten; aber er beweiset auch, wie der Schatten, ein warhaftes Wesen: denn beneideter Wiz zeigt, wie die verfinsterte Sonne, daß der vorstehende Körper, nicht er selbst, von grobem Stoffe sei. Wenn die Sonn' ihre mächtigen Stralen ausbreitet, so zieht sie zuerst Dünst' an, die ihren Schimmer verdunkeln; zulezt Aber schmükken eben diese Wolken ihre Tag Ban, werfen neue Stralen zurük, und vermeren den Tag." S. 147.

 

[Ib-13-1781-0143]
"Dieienigen, die Lob verdienen, können den Tadel am besten leiden." S. 157.

 

[Ib-13-1781-0144]
"Fürchtet euch einen vornemen Toren zu tadeln, der ein Recht hat, dum zu sein, one getadelt zu werden. Solche Leute sind one Wiz Dichter, wenn's ihnen gefält, wie sie Grad' annemen können, one gelert zu sein.

 

[Manuskriptseite 60]

Last gefärliche Warheiten der unwirksamen Satyre, und Schmeichelei ekelhaften Zuschriften über, denen die Welt eben so wenig glaubt, wenn sie loben, als wenn sie versprechen, nichts mer zu schmieren. Oft ist's am besten, daß ihr euren Tadel einschränkt, und den Dummen aus Menschenlieb' hochmütig sein lasset. Euer Schweigen gegen diese ist besser, als euer Tadel; denn wer kan so lange schmälen, als sie schreiben können? Wie Kreisel summen sie fort, bleiben in ihrem schläfrigen Laufe, und lassen sich so lange peitschen, bis sie in den Schlaf gepeischt werden. Falsche Sprünge sezzen sie nur in den Stand, ihren Lauf von neuem wieder anzufangen, wie elende Pferde, wenn sie gestolpert haben, nur geschwinder laufen. –" Seit. 157-158.

 

[Ib-13-1781-0145]
7) Aus der Elegie zum Andenken eines unglüklichen Frauenzimmers.

 

[Ib-13-1781-0146]
"O! immer gekränkter Schatten! Was kan's wieder gut machen, daß dein Tod nicht beweint, und daß ihm die lezten Pflichten nicht erwiesen wurden? Dein blasser Geist vernam nicht mit Wolgefallen die Klag' eines Freundes; keine zärtliche Träne deiner Hausgenossen beerte deine traurige Bare. Fremde Hände schlossen Deine sterbende Augen; fremde Hände sezten deine erenvolle Leiche bei, fremde Hände schmükten dein demütiges Grab, das Ausländer beerten und Ausländer beweinten! Doch was schadet's, daß keine Freund' in schwarzen Kleidern erscheinen, eine Stunde lang vielleicht Kummer empfinden, dan ein Iar lang trauern, und und mit der falschen Trauerkleidung mitternächtliche Tänz' und öffentliche Schauspiele besuchen? Was schadet's, daß

 

[Manuskriptseite 61]

keine weinende Liebesgötter deine Asche zieren, und kein polirter Marmor das Bild deines Angesichts zeigt? Obgleich keine geweihte Erde dir einen Raum verstattet, und kein geheiligter Kot auf dein Grab gestreuet ist; so sol sich doch dem Grab mit wachsenden Blumen bekleiden, und der grüne Rasen leicht auf deiner Brust liegen. Der Morgen sol seine frühesten Tränen darauf vergiessen, und die ersten Rosen des Iars sollen darauf blühen. Engel sollen mit ihren silbernen Flügeln den Boden überschatten, den dein Rest iezt heilig gemacht hat. –" S. 221-222.

 

[Ib-13-1781-0147]
VIIII.

 

[Ib-13-1781-0148]
Hern Alexander Pope Esq. sämtliche Werke. Mit W. Warburton's Komentar und Anmerkungen aus dessen neuster Ausgab' übersezt. Dritter Band. Altona bei David Iversen, 1761.

 

[Ib-13-1781-0149]
1) Der Mensch - ein Rätsel.

 

[Ib-13-1781-0150]
"Auf diesem Isthmus eines Mittelstandes gesezt, dunkelweise, und auf eine grobe Art gros: mit zu viel Erkentnis versehen, de ein Skeptiker zu werden, mit zu viel Schwachheiten, den Stolz der Stoiker anzunemen, hänget er zwischen beiden in der Unentschlossenheit; ungewis, ob er handeln oder ruhen, ungewis, ob er sich für einen Got, oder für ein Tier halten; sol ungewis, ob er seine Sele, oder seinen Leib vorziehen sol; geboren, um zu sterben; denkend, um zu irren; in gleicher Unwissenheit, er mag zu viel oder zu wenig denken, ein Chaos von unordentlichen Gedanken und Leidenschaften, das sich immer

 

[Manuskriptseite 62]

selbst betrügt, und den Betrug entdekt; erschaffen, halb zu steigen, und halb zu sinken: ein grosser Her aller Dinge, und doch ein Raub von allem; der einzige Richter der Warheit, der sich in unendliche Irtümer stürzt; der Stolz, das Spiel, und das Rätsel der Welt." S. 37-41.

 

[Ib-13-1781-0151]
2) Was Neuton in den Augen höherer Wesen ist.

 

[Ib-13-1781-0152]
"Als iüngst die höhern Wesen einen sterblichen Menschen alle Gesezze der Natur enthalten sahen, bewunderten sie eine so grosse Weisheit in einem irdischen Geschöpfe, und ein Neuton dünkt' ihnen das, was uns ein Affe dünkt. –" S. 42-43.

 

[Ib-13-1781-0153]
3) Wie sich die Vernunft zu den Leidenschaften verhält.

 

[Ib-13-1781-0154]
"Die Natur ist die Mutter, die Gewonheit ist die Amme der Leidenschaften; Wiz, Verstand, und andre Kräfte machen sie nur noch schlimmer; die Vernunft selbst giebt ihr nur Schärf' und Stärke; so wie der milde Stral des Himmels den Essig nur saurer macht. – Wir, elende Untertanen ihrer, wiewol richtmässigen Herschaft, gehorchen in dieser schwachen Königin immer einer ihrer Günstlinge. Ach! Wenn sie uns nicht eben sowol Waffen als Regeln giebt, was kan sie denn mer, als uns sagen, daß wir Toren sind? Was mer, als uns unsre Natur beklagen, nicht verbessern zu leren und unsre scharfe Ankägerin, aber hülflose Freundin zu sein? Oder was kan sie mer, als aus einer Richterin eine Vorsprecherin werden, um uns zu der Wal zu bereden, die wir machen, oder sie zu rechtzufertigen, wenn sie gemacht ist. Stolz auf einen leichten Sieg, schaffet sie

 

[Manuskriptseite 63]

nur eine schwache Leidenschaft weg, um einer stärkern Plaz zu machen, wie ein Arzt glaubt, geringe Flüsse vertrieben zu haben, wenn sie zur Gicht geworden sind.

 

[Ib-13-1781-0155]
Ia, der Weg der Natur ist immer der beste: auf diesem ist die Vernunft nicht unsre Fürerin, sondern unsre Bedekkung. Sie mus dieser Leidenschaft nur die beste Richtung geben, aber sie nicht unterdrükken, und mer freundschaftlich als feindselig mit ihr umgehen. Eine mächtigere Gewalt sendet den starken Trieb, und treibt verschiedne Menschen zu verschiednen Zwekken. Wenn er von andern Leidenschaften, wie von mannigfaltigen Winden, herumgeworfen wird, so treibt die herschende ihn beständig an ein gewisses Ufer. Es mag ihm Macht, oder Gelersamkeit, Gold oder Ere, oder die Liebe zur Musse gefallen; so folgt er seinem Triebe durch sein ganzes Leben, selbst auf Unkosten seines Lebens; und alle, die Arbeit des Kaufmans, die Musse des Weisen, die Demut des Mönchs, der Stolz des Helden, alle finden die Vernunft auf ihrer Seite." S. 51-53.

 

[Ib-13-1781-0156]
4) Alles dient in der Welt zum Guten – sogar Laster, und Feler der Menschen.

 

[Ib-13-1781-0157]
"Das Laster ist ein Ungeheuer von so schreklicher Gestalt daß man's nur sehen darf, um's zu hassen. Wenn wir's aber gar zu oft sehen, so werden wir mit seiner Gestalt bekant; erst wird's uns leidlich, dan erregt's unser Mitleiden, endlich – umarmen wir's. Aber wo das äusserste Laster sei, ist noch nie ausgemacht. Frag, wo ist Norden? In York an dem Tweed, in Schotland in den Orkaden; und dort in Grönland, in Zemblar, oder Got weis, wo. Kein Mensch gesteht, daß er's im höchsten

 

[Manuskriptseite 64]

Grade besizt; ieder glaubt, daß sein Nachbar lasterhafter sei, als er. Selbst dieienigen, die gerad' unser seiner Zone wonwn, fülen entweder seine Wut gar nicht, oder gestehen's doch nicht: der verhärtete Einwoner behauptet, das sei recht, was glüklichere Gemüter schon durch's blosse Ansehn in Schrekken sezt. – –" S. 56.

 

[Ib-13-1781-0158]
"Es sei Gelersamkeit, Rum oder Geld unsre Leidenschaft, kein einziger wil mit seinem Nachbar tauschen. Der Gelerte ist glüklich, daß er die Natur erforschet, der Tor ist glüklich, daß er nicht mer weis; der Reiche ist glüklich in seinem Überflus, der Arme begnügt sich mit der Vorsorge des Himmels. Siehe der blinde Betler tanzt, der Krüppel singt, der Betrunkene dünkt sich ein Held, der Träumer ein König; der verhungernde Temist Temist] ©© ?? – cf. noch INET – MIWI; nichts gefunden, MV ist in seinen goldnen Hofnungen, der Dichter mit seiner Mus' am glüklichsten. – Siehe, ein bewundernswürdiger Trost begleitet uns ieden Stand, und allen ist gemeinschaftlicher Freund, der Stolz, gegeben: siehe, iedes Alter hat eine angemessene Leidenschaft; die Hofnung wandert beständig mit uns, und verläst uns, und verläst uns noch dan nicht, wenn wir sterben. – Betrachte das Kind! Nach der gütigen Fügung der Natur vergnügt's sich an einer Klapper, und freut sich über eine Puppe; ein etwas lebhafteres Spielzeug, von gleich schlechtem Wert, nur etwas rauschender, vergnügt noch seine Iünglingsiare: Schärfen, Ritterbänder, Gold belustigen den Man, und Rosenkränz' und Gebetbücher sind das Spielzeug des Greises. Mit diesen Kleinigkeiten noch immer so ser vergnügt, als mit ienen vordem, schläft er endlich ermüdet ein, und das elende Spiel des Lebens

 

[Manuskriptseite 65]

ist vorbei. Inzwischen vergüldet die Meinung mit abwechselnden Stralen diese bunte Wolken, die unsre Tage verschönern; ieder Mangel an Glükseligkeit ist durch Stolz Hofnung, iede Lükke des Verstandes durch Stolz ersezt: diese bauen so geschwind auf, als Einsicht niederreisset; beständig fort lacht die Perl, Freude, in dem Becher der Torheit; wenn eine Aussicht verschwindet, so kömt eine andre wieder zum Vorschein, und nicht eine einzige Eitelkeit ist uns umsonst gegeben. –" Seit. 58-60.

 

[Ib-13-1781-0159]
5) Der Mensch ist zum Nuzzen andrer Tiere mit geschaffen.

 

[Ib-13-1781-0160]
"Der Mensch allein kent die Bedürfnisse, und das Leiden andrer Kreaturen, und hilft ihnen ab. Wird auch wol der Falk, wenn er aus der Luft herabschiest, von den bunten Federn gerürt, der Taube schonen? Bewundert der Specht wol die güldnen Flügel des Insekts? Oder hört der Habicht nach dem Gesang der Nachtigal? Der Mensch erstrekt seine Sorg' auf alle: den Vögeln giebt er ihre Wälder, dem Vieh seine Weiden, und dem Fisch sein Wasser. Für einige zu sorgen treibt ihn sein eigner Nuzzen, für noch mer sein Vergnügen, und für die meisten sein Stolz. Alle nären sich aus der Hand eines eitlen Verpflegers, und geniessen die ausgebreitete Milde seiner Üppigkeit. Eben das Leben, wornach sein gelerter Hunger schmachtet, eben das Leben schüzzet er für Hunger, und für reissende Tiere. Ia er mästet dasienige Tier, was er zu seinem Mal ersehen hat, und macht's so lang' un glüklich, bis er seinem Dasein ein Ende macht. Dieses siehet den Streich, und

 

[Manuskriptseite 66]

fület den Schmerz so wenig, wie der Man, den der günstige Himmel mit einem Donner erschlägt. Es hatte vorher sein Gastmal des Lebens gehalten; auch du must sterben, wenn dein Mal vorüber ist!" 68-69.

 

[Ib-13-1781-0161]
6) Was ist die Glükseligkeit.

 

[Ib-13-1781-0162]
"O Glükseligkeit! Das Etwas, wornach wir ewig seufzen, wofür wir's Leben ertragen, oder zu sterben wagen; das uns immer so nahe, und dennoch so entfernt liegt, von dem Toren übersehen, und von dem Weisen doppelt gesehen wird: Pflanz' aus himlischen Samen! wenn du auf die Erd' herabgefallen bist, so sprich, in welchem sterblichen Boden wächst du? Eröfnest du etwan deine Schönheit an dem milden Stral eines Hofes, oder in der Tiefe der flammenden Min' unter Demanten? Flicht man dich mit in die Kränze parnassischer Lorbern, oder erndtet man dich auf dem eisernen Schlachtfelde? Wo wächst sie? – – wo wächst sie nicht? Wenn unsre Arbeit vergebens ist, so müssen wir die Pflege tadeln, nicht den Boden. Ware Glükseligkeit ist an keinen Flek gebunden; sie mus allenthalben gefunden werden, oder mus nirgend sein: nicht verkauflich, sondern immer frei; fliehet den Monarchen, und wont bei dir St. Iohn!

 

[Ib-13-1781-0163]
Frage die Gelerten, welcher Weg zu ihr füre? Die Gelerten sind blind; dieser wil, man sol den Menschen dienen, und iener wil, man sol sie fliehen: einige sezzen die Glükseligkeit in Tätigkeit, andre in

 

[Manuskriptseite 67]

Musse; iene nennen sie Vergnügen, und diese Zufriedenheit; einige, zum Vieh herabgesunken, finden, daß sich die Wollust in Pein endige, andre, zu Göttern aufgeschwollen, versichern, daß sogar die Tugend vergebens sei; oder sie fallen aus Trägheit auf beide äusserste Meinungen, und glauben netweder alles, oder nichts. – Wer so die Glükseligkeit beschreibt, sagt der wol mer, oder weniger, als: Glükseligkeit ist Glükseligkeit. – Wäle den Pfad der Natur, und verlas den Weg der unsinnigen Meinung; alle Stände können die Glükseligkeit erhalten, und alle Köpfe begreifen; ihre Güter sind offenbar, und liegen in keiner äussersten Meinung: man darf nur richtig denken, und wolgesint sein. Man beklage sich, so viel man wil, über die verschiedne Austeilung andrer Güter; genug, die gesunde Vernunft, und die gemeine Ruhe sind unter allen ausgeteilt." S. 99-101.

 

[Ib-13-1781-0164]
7) Von der Ere, Grösse, Talente beglükken uns nicht, aber wol Tugend. –

 

[Ib-13-1781-0165]
"Er' und Schande werden von keinem Stand' erzeugt: verrichte das deinige wol, darin besteht all' Ere. Das Glük hat unter den Menschen nur einen kleinen Unterschied gemacht. Einer brüstet sich in Lumpen, ein andrer pralt in Brokad: der Schuster prangt mit dem Schurzfel, der Priester mit dem Priesterrok, der Mönch mit der Kutte, und der Monarch mit der Krone. "Was ist unterschiedener, ruft ihr, als eine Kron' und Kutte!" ich wil's euch sagen: ein Weiser und ein Nar. Wenn der Monarch den Mönch spielt, oder wenn

 

[Manuskriptseite 68]

der Priester sich wie ein Schuster betrinkt, so werdet ihr sehen, daß das Verdienst den Man ausmacht, und Mangel desselben den Nichtswürdigen: das übrige ist nur Mantel, oder Schurzfel.

 

[Ib-13-1781-0166]
Wilst du überal mit Titeln beheftet, und rund um mit Bändern behangen sein? Das kanst du von den Königen, oder von den Huren der König' erhalten. Rüme dich immer, daß das reine Blut deines vortreflichen Stams, von Lukrezien zu Lukrezien geflossen sei: wenn du aber dein Verdienst nach den Verdiensten deiner Väter berechnen wilst, so bring mir keine andre in die Rechnung, als dieienigen, die gut und gros waren. Gehe! wofern dein altes aber unedles Blut seit der Schöpfung her, durch lauter Nichtswürdige gebrochen ist; gehe! lüge lieber, dein Geschlecht sei iung, und sag' es nicht, daß deine Väter so lang' her Narren gewesen sind. Was kan Narren, oder Sklaven, oder Feige, edel machen? –

 

[Ib-13-1781-0167]
Betrachte nun auch die Grösse. Sage, wo findet man Grösse? "Wo sonst wol, als bei den Helden, und bei dem Weisen?" Es ist ausgemacht, die Helden sind sich alle gleich, von Mazedonien's Narren an bis auf den Schweden. Der ganze seltsame Endzwek ihres Lebens ist, lauter Feinde zu finden, oder zu machen! Kein einziger sieht hinter sich, er geht immer vor sich hin, und sieht nicht weiter vorwärts, als seine Nase reichet. Der Statsman, und der Weise sind nicht besser; alle listig, träge, und argwönisch. Sie überraschen die Menschen in solchen Stunden, wo sie nicht auf ihrer Hut sind; ihr Betrug glükt ihnen,

 

[Manuskriptseite 69]

nicht weil sie selbst klug, sondern weil andre einfältig sind. Aber gebet zu, daß die ersten überwinden, und die andern betrügen können; So ist's doch ein ungereimter Ausdruk einen Bösewicht gros zu nennen. Wer auf eine böse Art klug, oder tolkün tapfer ist, ist nur um destomer ein Nar, um desto mer ein Bösewicht. –

 

[Ib-13-1781-0168]
Was ist der Rum? ein eingebildetes Leben in dem Odem anderer; etwas, das sogar vor unserm Tod' ausser unsrer Gewalt ist. Du hast nur eben das, was du hörest; was du nicht hörst, das ist dir gleichgültig, es mag dem Tul oder dir gegeben werden. Alles, was wir von demselben empfinden, beginnet und endigt sich in dem kleinen Zirkel unsrer Feinde, oder Freunde. Allen andern ist ein Eugen der lebet, oder ein Zäsar, der tod ist, ein gleich lerer Traum: es ist ihnen gleichgültig, wenn, oder wo sie sich hervortaten, oder hervortun, ob am Rubikon, oder am Rein. Ein Gelerter ist ein lerer Titel, und ein Feldher eine Geisel; aber ein rechtschafner Man ist das edle Werk Gottes. Der Nachrum kan den Namen eines Bösewichts nur so vom Tod' erretten, wie etwa die Gerechtigkeit seinen Körper aus dem Grabe ziehet, wenn sie das, was sie lieber der Vergessenheit überlassen solte, in die Luft aufhängt, um das halbe menschliche Geschlecht zu vergiften. Aller Rum, ausser dem, der wares Verdienst giebt, ist ausser uns; er spielt nur um den Kopf, aber kömt nicht bis an's Herz. Eine einzige Stunde, wo das Gewissen uns selbst lobt, ist mer wert, als das ganze Iare vol dummer Bewunderung, und lauter Iauchzer; und Marzel fült' in seiner Verbannung mer ware Freude, als Zäsar unter dem Gefolge des Senats. –

 

[Manuskriptseite 70]

Was für Vorteile liegen in vorzüglichen Talenten? Sage mir, was heist weise sein? Nichts anders, als wissen, wie wenig man wissen kan; die Feler aller andern sehen, und seine eignen empfinden. Wilst du, verdamt in Geschäften, oder in Künsten, on' Hülfe, oder on' einen Richter, als Taglöner zu arbeiten, Warheiten leren, oder ein sinkendes Land erhalten; so fürchten dich alle, kein einziger hilft dir, und wenige erkennen deine Mühe. Müsamer Vorzug! Wenn man sich über die Schwachheit des Lebens, und zugleich über seine Freuden erhaben sieht! – –

 

[Ib-13-1781-0169]
Las dich vom mittäglichen Glanz der Grossen nicht verblenden, und zäle den Morgen und den Abend mit zum Tage; die ganze Summ' ihres ungeheuren Rums ist ein Märgen, welches die Ere mit ihrer Schande vermischet. –

 

[Ib-13-1781-0170]
Erkenne demnach die Warheit (es ist genug für den Menschen, sie zu erkennen) "Die Tugend allein ist Glükseligkeit auf der Erde;" sie ist der einzige Punkt, wo die menschliche Glükseligkeit stil steht, und das Gute schmekt, on' in's Böse zu fallen; wo allein das Verdienst einen beständigen Lon erhält, beglükt in dem, was es empfängt, und was es giebt; wo's Freude, die nicht ihres gleichen hat, fület, wenn's seinen Endzwek erhält, und wenn's ihn verfelt, keinen Schmerz empfindet; nie sat wird, so ser's beglükt ist, und immer mer Geschmak an der Tugend gewinnet, ie unglüklicher es ist. Das stärkste Gelächter der füllosen Torheit ist weit weniger angenem, als sogar die Tränen der Tugend. Sie ziehet aus iedem Gegenstande, aus iedem Orte

 

[Manuskriptseite 71]

Gutes, arbeitet beständig und wird nimmer ermüdet; niemals übermütig, wenn sie fallen, nie traurig, wenn sie andre glüklich sieht. Hier kan der Mensch keinen Mangel, keine Wünsche mer haben; denn mer Tugend wünschen, heist nur gewinnen. –" S. 111-119.

 

[Ib-13-1781-0171]
8) Von dem Karakter der Menschen – einzelne Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0172]
"Ia Sie verachten mit Recht den Man, der blos nach einer Einsicht aus Büchern, aus seiner Studierstube die Menschen richtet. Was ist er, obgleich er wieder lert, was er lernt, und zuweilen eine algemeine Regel giebt oder zufälliger Weise Recht hat? Eben so wenig ein Philosoph als der geschwäzzige Vogel, der aus seinem Käficht Hanrei, Hur' und Schelm ruft, obgleich er manchem Vorübergehenden rechten Namen giebt." S. 226.

 

[Ib-13-1781-0173]
"Die Handlungen zeigen nicht immer den Man. Wir finden, daß der, der eine Woltat erzeigt, deswegen noch nicht woltätig ist; vielleicht hatt' er eben eine glükliche Stunde; vielleicht bliesen die Wind' aus Osten. Wer's Privatleben wält, ist deswegen nicht demütig. Der Stolz leitet seine Tritte, und heist ihn den Grossen meiden. Wer tapfer ficht, ist deswegen nicht tapfer; das Sterbebett' ist ihm eben so schreklich, als dem furchtsamsten Sklaven. Wer weise redet, ist deswegen nicht weise. Er sucht Rum darin, weise zu reden, nicht weise zu handeln. – Aber gesezt der Mensch lies sich aus Handlungen am besten erkennen: so wält man doch nur dieienigen, die am stärksten in's Gesicht sollen, und verbindet sie so gut, als man kan. Die

 

[Manuskriptseite 72]

wenigen, welche hervorstechen, glaubt man, müssen notwendig den Karakter bezeichnen, um die vielen, die im Dunkeln bleiben, bekümmert man sich nicht. Was wil man aber mit denen, die sich entgegen sind? Wil man sie unterdrükken, oder unrichtig Weltklugheit nennen? Mus denn (um den Karakter zu erhalten) der redliche, aufrichtige, kunstlose Held auf einmal zum arglistigen Betrüger werden? Ach! warhaftig der Man hatte nur einen andern Gedanken, er war vielleicht krank, oder verliebt, oder hatte nicht gegessen? Wenn ein Vertrauter den Zäsar gefragt hätte, warum Zäsar von Britinnen abzog? Zäsar selbst würd' ihm vielleicht im Vertrauen gesagt haben, ich wurde geschlagen. Fragt man, warum er die Herschaft der ganzen Welt einer Hure wegen auf's Spiel sezte? Vielleicht würd' er geantwortet haben, ich war betrunken. Aber so mus kein kluger Geschichtschreiber reden: er mus in uns in der ersten Handlung Klugheit, in der andern eine heldenmässige Liebe zeigen! – Vom erhabnen Stande nimt man erhabne Karaktere: ein Heiliger in der Kutt' ist zweimal so heilig als in der Bischofsmüzze. Ein Richter ist gerecht, ein Kanzler noch gerechter; ein Gerichtsher ist gelert, ein Bischof ist alles, was man wil; ein Minister ist weise, aber ein König noch weiser, noch gelerter, noch gerechter, alles im höhern Grade. Hoftugenden und Edelgesteine stehen im höchsten Preis; denn sie wachsen an Örtern, wo des Himmels Ein

 

[Manuskriptseite 73]

flus kaum dringen kan. Im niedrigen Tale des Lebens, in diesem Boden, den die Tugenden lieben, gefallen sie als Schönheiten; bei Hofe rüren sie, als Wunder. Obgleich dieselbe Son' allenthalben ihre milden Stralen verteilt, der Ros' ihre Röte, und dem Demant seine Stralen giebt; so sehen wir doch auf die stärkere Wirkung ihrer Macht, und ziehen immer den Demant der Blume vor. –" Seit. 234-237.

 

[Ib-13-1781-0174]
"Man such' alzeit die herschende Leidenschaft auf: in dieser allein ist der Wankelmütige beständig, der Listige kenbar, der Nar one Widersprüche, und der Falsche aufrichtig, Priester, Fürsten, Weiber, niemand verstelt sich in dieser. Dieser einmal gefundene Faden entwikkelt alles übrige, die Aussicht wird hel, und Wharton erscheint in seiner waren Gestalt. Wharton, den unsre Zeit verachtet, und bewundert, dessen herschende Leidenschaft die Rumsucht war. Mit allen Talenten geboren, die Lob von dem Weisen erzwingen konten, mus er auch Weibern, und Narren gefallen, wenn er nicht sterben sol. Nicht genug, daß bewundernde Ratspersonen an seinen Lippen hiengen, wenn er redete; er must' auch in Geselschaften seiner Einfälle wegen bewundert werden. Solten so mannigfaltige Talente nicht etwas ganz neues zur Absicht haben? Er wil ein Tul, und ein Wilmot a) Graf von Rochester, der wegen seines Wizzes, und seiner Ausschweifungen ser bekant war. zugleich sein. Endlich wird er auch busfertig, und betet mit eben dem Geist Got an, worin er hurt, und säuft. Genug wenn nur alles um ihn her ihn bewundert, es sei Hure, oder Mönch. Natur und Kunst hatten ihn

 

[Manuskriptseite 74]

mit allen Talenten beschenkt; ihm felete nichts; als ein rechtschaffenes Herz; er war alles bei allen, und von keinem Laster frei: erwarb sich Verachtung, weil er Verachtung vermeiden wolte; seine Leidenschaft war die Begierde, von allen gelobt zu werden, er lebte, um sich tausendmal des Lebens unwert zu machen; war unermüdet, wolzutun, und machte sich keinen einzigen Freund; redete mit einer Engelszunge, und überredete keinen Menschen, war ein Tor, und hatte mer Verstand, als das halbe menschliche Geschlecht; zu unbesonnen zum Denken, zu scharfsinnig, zu handeln, ein Tyran gegen sein Weib, das er im Herzen liebte; ein Rebel gegen eben den König, den er vererte. So starb er, als ein unglüklicher Auswurf aller Kirchen und Staten; und – was noch mer ist – starb lasterhaft, und doch nicht gros! Fragt ihr, warum Wharton alle Regeln übertrat? Blos aus Furcht, Nichtswürdige möchten ihn einen Narren nennen. –

 

[Ib-13-1781-0175]
Wir bleiben uns selbst gleich in unsern Torheiten, und in unsern Sünden; in diesen endigt sich die erliche Natur so, wie sie begint.

 

[Ib-13-1781-0176]
Alte Statsmänner käuen die Weisheit ihrer Iugend wieder, und straucheln bis an ihr Ende durch Statsgeschäft' hin, so unvermögend, als eifrig, und so mühsam unmächtig, als der gute Lonesbrow, wenn er im Podagra tanzet.

 

[Ib-13-1781-0177]
Siehe, wie der Greis, den sein Laster zum Vater eines namenlosen Geschlechts gemacht hat, von sei

 

[Manuskriptseite 75]

nem eignen Sone, den er im Vorbeigehen verfluchet, von der rechten Seite weggeschoben, oder fortgestossen wird. Er kriecht noch immer auf sinkenden Knien, zu seiner Bulerin, und beneidet ieden Sperling, den er sieht.

 

[Ib-13-1781-0178]
Der Bauch einer Forelle tödet den Helluo. Der Arzt wird gerufen, und erklärt sich, alle Hülfe sei zu spät. Erbarme! ruft Helluo, erbarme dich Got meiner Sele! Ach! wenn ich nichts mer hoffen darf – bringt mir nur noch den Kopf!

 

[Ib-13-1781-0179]
Die sparsame Krone um deren Sterbebette die betenden Priester stehen, wil noch das Endgen des heiligen Lichts sparen. Sie samlet allen Atem, in der Ebb' ihres Lebens, haucht noch einmal in's Licht, und haucht den Geist aus. –

 

[Ib-13-1781-0180]
Der gleissende Hofman, der vierzig Iar' als ein demütiger Diener des ganzen menschlichen Geschlechts gelebt hatte, brachte, da eben seine Zung' erstarren wolte, noch diese Wort' heraus: Könt' ich Ihnen, mein Her! – da – wohin ich komme – dienen! –" Seit. 239-246.

 

[Ib-13-1781-0181]
9) Vom Karakter der Frauenzimmer.

 

[Ib-13-1781-0182]
"Frauenzimmer gleichen den bunten Tulpen: ihre Mannigfaltigkeit ist's, der wir die Hälft' ihrer Reizungen zu danken haben. Sie sind schön durch ihre Feler, und schwach aus Zärtlichkeit. Ihre glüklichen Mängel bezaubern den feinen Liebhaber. Diese halfen der Kalypso, als sie iedes Herz in Unruhe sezte. Sie erwarb sich Erfurcht one Tugend, und Lieb' one

 

[Manuskriptseite 76]

Schönheit: ihre Zunge bezaubert eben so seltsam, als ihr Auge; minder wizzig, als mimisch, und mehr wizzig, als vernünftig. Bei ganz sonderbaren Reizungen und bei noch sonderbarern Einfällen war nur eben nicht häslich, und nur eben nicht tol, und doch wurde sie nie gewisser geliebt, als wenn sie beinah' alles tat, was man haste. –" S. 252.

 

[Ib-13-1781-0183]
"Frauen und Narren zu schildern; sind zwei schwere Dinge; denn was sie nicht denken, sezt uns in grössere Verlegenheit, als was sie denken." S. 255-256.

 

[Ib-13-1781-0184]
"Was ist der Karakter der Atossa? Atossa ist kaum einmal sich selbst gleich; sie nimt nach der Reihe die Karakter' ihres ganzen Geschlechts an. Ihr ganzes Leben von ihrer Geburt an, ist ein Krieg mit sich selbst, oder mit andern. Sie weis meisterlich, Nichtswürdige lächerlich zu machen, und Toren zu schildern, und doch ist sie alles das selbst, was sie verhast, und lächerlich macht. Kein Gedanke kömt oben, der sich nicht im Strudel ihres Gehirns herumdreht und wieder untergeht. Von ihrer Iugend an, wo sie von keinem geliebt wurde, bis in ihr Alter, wo niemand Achtung für sie hat, befriedigte sie keine andre Leidenschaft, als ihren Zorn. Ihre Wut übertraf beständig ihren Wiz so ser, daß sie niemals des Vergnügen genos, und immer den Schimpf davon hatte. Wer's bei ihr verdirbt, der fordert die Hölle zur Rach' auf: aber noch verwegner ist der, der sich bei ihr beliebt machen wil. Iede ihrer Neigung ist heftig; und ihr Has nicht stürmischer, als ihre

 

[Manuskriptseite 77]

Dankbarkeit. Iede ihrer Leidenschaften verwandelt sich, über kurz oder lang in Has; selbst aus Liebe, wenn sie iemals lieben konte, würde sie hassen. – Wunderbares Geschöpf! Sie zerstört durch die Mittel ihre Zwekke, raubt sich durch Geist ihre Gewalt, durch brünstige Freundschaft ihre Freunde, durch Reichtum ihre Bedienten. On' ein einziges Unglük erlebt zu haben, ist sie aus grosser Liebe zu sich selbst, ihre eigne Last. Iedes erhörte Gebet der Atossa wird ein Fluch für sie; bei einer Menge von Kindern, ist sie kinderlos, und hat keine Erben. Ihr Reichtum fält unbekanten Erben zu, für die er nicht gespart war, oder fält durch die Lenkung des Himmels auf die Armen. – –

 

[Ib-13-1781-0185]
Aber doch ist Kloe on' alle Feler erschaffen. So hat denn die Natur nichts an ihr versehen, sondern nur etwas vergessen. Wie denn? Kloe hat alle Talente; sie ist schön, sie ist klug: was solt' ihr noch felen? – ihr felt ein Herz. Sie redet, sie beträgt sich, sie handelt genau so, wie sie sol; aber niemals, niemals hat sie einen grosmütigen Gedanken gehabt. Tugendhaft zu sein, ist ihr viel zu mühsam; sie begnügt sich mit dem Wolstande. Sie ist so ganz vernünftig, so unbeweglich, daß sie noch nie geliebt hat, oder geliebt worden ist. Wenn ihr Liebhaber schmachtend an ihrem Busen liegt, kan sie die Figuren auf einer indianischen Büchse betrachten; und wenn sie ihre Freundin in tiefer Verzweiflung sieht, ist sie gelassen genug, zu untersuchen, wie weit sinesischer Siz den Kamelot übertreffe. Undankbar gegen erzeigte Dienste zu sein, oder eine Schuld auszustreichen, dafür sei der

 

[Manuskriptseite 78]

Himmel! – aber sie könte sie wol vergessen. Euer Geheimnis ist in den Oren der Kloe immer sicher genug: aber nie werdet ihr von ihren eignen Geheimnissen hören. Sie hat nie eine von allen ihren werten Freundinnen verläumdet: aber wenn auch ihrer tausend gemishandelt werden, so wird sie sich nicht darum bekümmern. Wenn sie wissen wil, ob ihr noch lebt, oder tod sind, so mus ihr Diener sie daran erinnern. –" Seit. 256-260.

 

[Ib-13-1781-0186]
"Die Männer zeigen sich noch zuweilen ein öffentliches Leben, das Frauenzimmer läst sich nur im Privatleben sehen. Unsere künere Talente verlangen ein völliges Licht, um sich zu entfalten; ihre Tugenden entfalten sich am besten im Schatten. Zur Verstellung erzogen, verstekken sie sich in Geselschaften, und niemand kan sagen, was hier Scham, oder Stolz, Schwachheit oder Zärtlichkeit sei: lauter Eigenschaften, die so nahe zusammengränzen, daß man iede für eine Tugend, oder für ein Laster ansehen könte. –" S. 261-262.

 

[Ib-13-1781-0187]
"Ach! Freundin! las den Eitlen die Begierde zu blenden; nim du den Verstand ein, und rüre das Herz! Diese Bezwuberung wird alsdenn noch zunemen, wenn das, was die Geselschaft ermüdet, eine Zeitlang schimmert, und bald unbemerkt untergeht. Wenn das Gesicht des hellen Strals der Sonne müd' ist, geht so mit milderm Licht der Mond auf; heiter in iungtfräulicher Sitsamkeit breitet er ein sanftes Licht aus, und die blendende Sonne sinkt unbemerkt unter. –" S. 266.

 

[Ib-13-1781-0188]
10) Vom Reichthum.

 

[Ib-13-1781-0189]
"Die Natur hatte vom Schöpfer den Befel, dieses glänzende Übel – das Gold – tief unter der Erde zu verbergen. Als aber das Gold, dieser Nebenbuler seines Vaters, der Sonne durch die verwegne Arbeit der Sterblichen an's Licht hervorschimmerte, so erschuf der Himmel aus Vorsorge zweierlei Menschen, einige, die's verschwendeten, und andre die's wieder verstekten." S. 271-272.

 

[Ib-13-1781-0190]
"Ein gleiches Schiksal trift den, der Schäzze gräbt, und den, der sie wieder verstekt, und verdamt beide, als Sklaven zu den Minen. – Der Geizzige ist gegen den Armen, dem er nichts giebt, nicht unbarmherziger als gegen sich selbst." S. 284.

 

[Ib-13-1781-0191]
"Fragen wir, was verleitet den einen, daß er sparet, und den andern, daß er verschwendet? Dieselbe Macht, welche dem Ozean Ebb' und Flut vorschreibt, die die Zeit zum Aussäen und Erndten unveränderlich festsezt, die Dürr' und Regen zu einer Absicht vereinigt, das Leben auf dem Tod bauet, auf Veränderung Dauer gründet, und den ewigen Rädern ihre Bewegung bestimt. – Reichtümer, die verborgen liegen, warten nur wie die Insekten, auf Flügel, und fliegen zu ihrer Zeit. Wer den blassen Mammon unter seinem Überflus verschmachten sieht, der sieht nur einen geizigen Haushalter zum Besten der Armen. In diesem Iar' ist er ein Behälter, der samlet und aufhebt, im folgenden wird er eine Fontaine, die durch Hülfe des Erben sprizt, um mit reichlichen Strömen

 

[Manuskriptseite 80]

den Durst eines Landes zu tränken; und Menschen und Hunde werden so lange daraus trinken, bis sie bersten." S. 288-289.

 

[Ib-13-1781-0192]
"Wir finden in der That mer Menschen mit löblichen Eigenschaften, die ein Vermögen verschwenden, als es samlen." S. 290.

 

[Ib-13-1781-0193]
"O ler' uns, die Reichtümer mit Verstand zu schäzzen, die Kunst, sie zu geniessen, und die Tugend, andern mitzuteilen. Ler' uns, Geld nicht durch Niederträchtigkeit, oder durch Hochmut erwerben, es nicht durch Nachlässigkeit schwächen, noch durch Knechtschaft vergrössern: unsre Ausgaben nach unsern Vermögen abwägen, bei der Pracht die Ökonomie, bei'm Schimmer die Menschenliebe, bei der Fülle die Gesundheit nicht vergessen. O! du, den der Reichtum nicht verderbt hat, hat ler' uns das seltne Geheimnis, zwischen der törichten Gutherzigkeit, und der niederträchtigen Selbstlieb' ein Mittel zu treffen! – Du antwortest mit Recht dies: Tut dem Verdienste wol, oder den Bedürftigen, die ihr genau kennt, und erleichtert dem Himmel seine Sorge, oder eifert ihm nach; verbessert den Feler des Glüks, und rechtfertigt seine Güte. Reichtum im Grossen ist der Tod: aber verteilt, das Leben. Er heilt, wie der Gift, in gehörigem Masse gebraucht; im Haufen liegt er, wie der Ambra, zum Gestank', aber wol ausgeteilt, ist er ein süsser Geruch des Himmels." S. 291-293.

 

[Ib-13-1781-0194]
"Wenn der Teufel in alten Zeiten iemand versuchen wolte, so macht' er ihn arm. Iezt ist er klüger – wen

 

[Manuskriptseite 81]

er versuchen wil, den macht er – reich. –" Seit. 302.

 

[Ib-13-1781-0195]
"Wozu hat dieser reiche Man soviel malen, bauen, und pflanzen lassen? – blos um zu zeigen, in wievielen Dingen es ihm an Geschmak felt." S. 310.

 

[Ib-13-1781-0196]
"Der Nuzzen allein kan den Aufwand heilig machen, und die Pracht borgt al' ihren Schimmer vom Verstande." S. 329.

 

[Ib-13-1781-0197]
X.

 

[Ib-13-1781-0198]
Hern Alexander Pope Esq. sämtliche Werke. Mit W. Warburton's Kommentar und Anmerkungen aus dessen neuester und bester Ausgab' übersezt. Vierter Band. Altona bei David Iversen, 1763.

 

[Ib-13-1781-0199]
1) Über die Medaillen.

 

[Ib-13-1781-0200]
"Die Tempel, welche Götter mit Bewundrung und Stolz betrachteten, die Bildsäulen, die fast eben so viel Leben hatten, als die Menschen, denen sie gleichen; alle diese füllen sie stille Macht des zermalmenden Alters die Wut der Feinde, den Religionsgrim. Die Blindheit der Barbaren, der Eifer der Christen, die Frömmigkeit der Päbste, und das Feur der Goten verschworen sich wieder sie. Vielleicht erhielt noch, durch seinen eignen Schut vor der Flamme gesichert, ein begrabner Marmor einen halben Namen; diesen Namen suchen die Gelerten mit heftigen Zänkereien, und geben dem Tit, was der alte Vespasian haben solte.

 

[Ib-13-1781-0201]
Der Ergeiz seufzte: er sah, daß es umsonst war, der ungetreuen Säule, und dem modernden Brustbilde zu trauern, diese ungeheuren Werke, deren Schatten sich von einem Ufer zum andern erstrek

 

[Manuskriptseite 82]

ten, sind dahin, ihre Ruinen, und sogar ihre Stellen sind verschwunden. Nach dieser Überzeugung zieht er iezt seine grosse Entwürf' in's Kleine, und drängt al seine Triumph auf eine Münze zusammen. Eine kleine Scheibe fasset die Sieg' über so viele Völker. Hier weinet das traurige Iudäa unter seinen Palmen. Engere Gränzen schränken iezt den stolzen Bogen ein, und kaum kan man den überwundnen Nil oder Rein sehen; ein kleiner Euphrat schlingt sich über die Münze, und kleine Adler schlagen ihre Flügel auf dem Golde. – Die, dem ihr anvertrauten Rum getreue Münze trägt iede Gestalt, und ieden Namen durch Länder und Iarhunderte. Mit einem Blikk' übersehen wir hier Götter, Kaiser, Feldhern, Weis' und Schönen. Blasse Altertumsforscher begaffen sie mit bewafneten Augen; schäzzen zwar die Inschrift, aber den Rost beten sie an. Dieser liebt den blauen, iener den grünen Firnis; diesen heiligen Rost von zweimal tausend Iaren! Einer wendet al seine List an, einen Peszennius zu erhaschen, ein andrer greift mit Entzükken nach einem Zekrops. Der arme Vadius, den lang' ein gelerter Unmut verzerte, kan kein Vergnügen mer empfinden, seit dem sein Schild zerrizt ist; und Kurio seufzt wol Unruh' an der Seit' einer Schönen, nach einem Oto, und vergist seine Braut. – –" Seit. 6-8.

 

[Ib-13-1781-0202]
2) Aus Pope's Epistel an Dr. Arbunoth

 

[Ib-13-1781-0203]
"Keine Kreatur hat weniger Gefül, als ein Nar.

 

[Manuskriptseite 83]

Es mag das lauteste Gelächter rings um den Kodrus ausbrechen; Kodrus hört on' Empfindung zu; Paterre, Log' und Gallerie mag vor Lachen erschüttern; er steht ungerürt mitten unter dem Gelächter einer ganzen Welt. Wer hat noch einen Schmierer beschämt gemacht? Zerreist eines seiner Spingewebe, so spint er die dünnen Faden in Selbstzufriedenheit von neuen; zerstört seine sophistische Lügen; alles ist umsonst; die Kreatur fängt ihr schmuziges Werk von vorn wieder an, tront im Mittelpunkt ihres dünnen Gewebes, und ist stolz auf den weiten Umfang leichter Linien. –

 

[Ib-13-1781-0204]
Ein Schmeichler ist mer zu fürchten, als alle Feind' und Narren. Von allen Tieren, die tol sind, ist's der Geifer, wenn anders die Gelerten Recht haben, nicht der Bis, der tödet. Ein Nar, der seinen ganzen Zorn ausläst, ist ganz unschädlich: ach! es ist zehnmal schlimmer, wenn sie bereuen." S. 78-80.

 

[Ib-13-1781-0205]
"Es lebe Ein Dichter, der kein Anbeter des Glüks, und kein Nar der Mode, nicht rasend durch Gewinsucht, noch ein Werkzeug des Ergeizes, weder stolz, noch knechtisch, darin sein Lob sucht. Daß er, wenn er gefält, auf mänliche Art gefalle: daß er die Schmeichelei bei Königen für eine Schande, und eine Lüge für eine Lüge hielt, sie mocht' in Versen, oder in Prose geschrieben sein: daß er nicht lang' im Labyrint der Phantasie schwärmte, sondern zur Warheit herabschos, und in seinen Gedichten Sitten lerte: daß er nicht aus Rumsucht, sondern aus

 

[Manuskriptseite 84]

einer bessern Absicht, für die Sache der Tugend alles ertrug, den wütenden Feind, den furchtsamen Freund, den tadelnden Kunstrichter, den halblobenden Dichter, den Dumkopf, der getroffen war, oder den, der sich fürchtete, getroffen zu werden; daß er über den Verlust solcher Freunde lache, die er nie gehabt hatte, den dummen, den stolzen, den bösen und den unsinnigen; über entfernte Drohungen, sich an ihm zu rächen, über den Streich, den er nicht fülte, die Tränen, die er nie vergos; daß er lachte, wenn seine Feinde Märgen und schon oft widerlegte Lügen wieder hervorsuchen; lachte, wenn sie seine Sitten anschwärzten, so oft seine Schriften dem Tadel entgiengen, seine Person schmäheten, und seine Gestalt schilderten; wenn sie auf alle, die er liebte, oder die ihn liebten, auf seinen Freund in der Verbannung, oder auf seinen Vater im Grabe, schimpften; wenn die Verläumdung, die der Gröss' alzeit zu nah' ist, vielleicht noch iezt im Ore seines Monarchen klingt." S. 105-108.

 

[Ib-13-1781-0206]
2) Bemerkungen über verschiedne Gegenstände.

 

[Ib-13-1781-0207]
"Der ärgste unter den Rasenden ist der, der vor Heiligkeit raset." S. 167.

 

[Ib-13-1781-0208]
"Der Neid ist ein gewisses Los für alle, vor deren aufgehendem Schimmer ieder Stern kleinerer Verdienste verblasset! In unsrer Unmacht empfinden wir zu ser den Stral, der gerad' über uns brennet; und diese Sonnen des Rums gefallen nicht eher, als wenn sie untergehen." S. 184-185.

 

[Manuskriptseite 85]

[Ib-13-1781-0209]
"Schriftsteller, gleich den Münzen, steigen im Wert, wie im Alter: wir schäzzen nicht das Gold, sondern den Rost." S. 185.

 

[Ib-13-1781-0210]
"Ein elendes Los ist eine doppelte Verspottung: nichts schwärzt mer, als die Dinte des Toren. Sagt's Warheit, wie betrübt ist die Gleichheit; und lügt's; unverdientes Lob ist ein verkleideter Schimpf: der's giebt und der's annimt, beide müssen erröten." S. 224.

 

[Ib-13-1781-0211]
"Umsonst tadelt die ganze Welt elende Reimer; sie selbst erweisen sich die tiefste Ererbietung; umsonst schweigen wir; sie loben sich selbst innerlich, und sind den ganzen Tag glüklich." S. 239-240.

 

[Ib-13-1781-0212]
XI.

 

[Ib-13-1781-0213]
Sophiens Reise von Memel nach Sachsen.

 

[Ib-13-1781-0214]

Quisquis erit vitae scribam color.

 

[Ib-13-1781-0215]
Horat.

 

[Ib-13-1781-0216]

Rechtmässige dritte, vom Verfasser durchgesehene und vermerte Ausgabe, in sechs Bänden. Leipzig, bei Ioh Fr. Iunius 1778.

 

[Ib-13-1781-0217]
1) Über Mitleiden, vom Schlafaufwachen, Hochmut, Vererung des Reichen, Komplimente, Leiden und Bösewerden.

 

[Ib-13-1781-0218]
"Gewis man schäzt ein feines Betragen hauptsächlich dan, wan man etwas beschämendes vermuten muste. – Gemeiniglich ist das Mitleiden des Glüklichen beleidigend; warum lernen die Menschen doch die Kunst nicht, den Unglüklichen so zu bemitleiden, daß es ihn nichts koste? – Überdas find' ich, daß merenteils die Klagen der Glüklichen listig in die Stelle der Hülfsleistungen gesezt werden. Das heist in einem Plazregen aus dem Fenster rufen: "Leute! es regnet!" anstat daß man den Vorbeigehenden die Türe solte öfnen lassen. –" S. 201.

 

[Manuskriptseite 86]

[Ib-13-1781-0219]
"Bei'm Erwachen zeigt sich nicht nur die Gemütsart, die den Tag über herschen, sondern ich glaub' auch überhaupt die karakterisirenden Züg' eines Herzens dan gefunden zu haben, wenn ich zu verschiednen Zeiten iemand aus dem Schlaf erwachen sehe. Ich glaube, daß dies die Tageszeit ist, wo die Sele noch one Schmink' ist; denn hernach mus man viel reizendes auf die Rechnung des moralischen Puztisches sezzen. –" S. 243.

 

[Ib-13-1781-0220]
"Unter allen Lasterhaften sind vielleicht die Hochmütigen die einzigen, die sich von Herzen gegenseitig hassen: wie komt's denn, daß sie nicht merken, daß sie natürlich von allen Menschen gehast werden? –" S. 265.

 

[Ib-13-1781-0221]
"O! welche Torheit, nur die Arbeit des Schneiders und nicht die Person zu schäzzen. Ein abgetragner Rok wird vorbeigetragen, und nicht bemerkt; – und iezt beugen sich alle vor einem neuen Rok, der auf eben den Schultern vorbeigetragen wird! Ich hab' einen andern Menschen gekant, den niemand ansah, oder den man verachtete, wenn man ihn ansah. Iezt kam er bereichert, als Proviantkommissaire zurük; – und iederman grüste sein beseztes Kleid. – Vor Hafer und Heu sich zu bükken, ist das nicht Schande? Aber das allerunerträglichste ist, daß auch sogar der Reiche mer Ererbietung gegen einen Reichen äussert, als gegen einen andern." S. 273.

 

[Ib-13-1781-0222]
"Vielleicht sind die Komplimente dazu erfunden, daß wir der Falschheit, mit welcher man mit uns umgeht, gewont werden sollen." S. 266.

 

[Manuskriptseite 87]

[Ib-13-1781-0223]
"Eine schöne Person wird schöner, wenn sie sich betrübt; aber sie wird noch viel schöner, wenn sie sich iezt wieder aufheitert." S. 307.

 

[Ib-13-1781-0224]
"Dieser ist auf einmal ein Bösewicht geworden" – nein mit Einem Schritte wurd' er's nicht; aber mit schnellen. –" S. 474.

 

[Ib-13-1781-0225]
XII.

 

[Ib-13-1781-0226]
Sophien's Reise von Memel nach Sachsen. Zweiter Band. Leipzig, bei Iohan Friedr. Iunius. 1778.

 

[Ib-13-1781-0227]
1) Man mus auf die Mienen des Bösewichts sehen, um ihn zu entdekken.

 

[Ib-13-1781-0228]
"Bist du aufmerksam genug, wenn dir die Hand gedrukt wird? Las den anerkant falschen dir Wort und Hand geben; erheb den dürftigen, der einen Kreuzer erwartete, durch liebreiche Unterredung bis zur Hofnung einen Groschen zu bekommen, und gieb ihm dan einen Gulden: beide drükken dir die Hand; – aber mit wie ganz verschiednem Druk! Für das, was der lezte tat, wünsch' ich dir bleibendes Gefül; denn ieder Redliche wird, eben so wie Er, wenn er die Hand dir drükt, dein Herz Erquikkung fülen lassen. Da bedarf's keiner symbolischen Fingerlegung; denn die kan iener nachmachen, an dessen Henddruk ich gefült hätte, er sei ein Schelm. Überhaupt wie ser, oder vielmer, wie wenig, bist du zu bedauern, wenn du auf die, so ganz untrüglichen Zeichen der Warheit und der Lügen nicht achthast? Man redet mit dir, stehend: und du siehst höchstens auf die Augen? sieh doch auf die gleiche, oder wandelnde Spannung der Stirn und der Muskeln an

 

[Manuskriptseite 88]

den Seiten der Nase! sieh doch auf die Richtung der Brust, zu dir hin, oder seitwärts, gewand! sieh doch auf die Bewegung der Hände! sieh doch auf die vorhandne, oder iezt erst kommende, Feuchtigkeit der Lippen! hör', aber hör' genau auf die Haltung des Sprachtons, und auf's Mas des Hauchs! – Oder dein Oberer, oder dein Richter, redet mit dir sitzend. Freu dich doch, wenn's in Gegenwart seiner Amtsgenossen geschieht! Bemerk seinen Blik an sie und gieb Acht auf denienigen Blik, welchen sie, wohin's auch sei, und gib Acht auf denienigen Blik, welchen sie, wohin's auch sei, von ihm abwenden. – Oder der Dürftige, oder der Angeschuldigte, komt zu dir. Warum sprichst du? warum schweigst du nicht, da, wo er Antworten oder Einfallen erwartet hatte? warum merkst du nicht auf seine ganze Gestalt, in dem Augenblikke, wo du zerstreut tust? – Klag nie, wenn du's dem gelingen läst, der so wenig verhelen konte, er fürchte sich – vor sich selbst." S. 28 ? 29.

 

[Ib-13-1781-0229]
2) Eine Regel an Mädgen.

 

[Ib-13-1781-0230]
"Iunge Leserinnen! Nur in Handlungen, und auch dan nie vordringend, und in pralendem Auskramen, müsse der Liebhaber, und hernach der Eheman den ganzen Umfang eurer Vernunft sehen. Die, euch eigentümliche Schwäche wird er doch über lang oder kurz bei iedem euch neuen Auftrit eures häuslichen Lebens warnemen. Hatt' er dan zu früh gesehen, wie viel ihr leisten kontet: so wird er wenigstens sich grämen, nichts oder wenig geleistet zu sehen. – Blendendes Vielwissen, zu dringendes Mitreden, kan ihn, weil iezt die Lieb' ihn schwächt, ser lokken: aber's bauet zu schnel ein Stük in ienem Ehgrund' hinauf, und wird sinken, wenn's hernach dich und ihn tragen sol. "Vielleicht wird sie sich

 

[Manuskriptseite 89]

darein finden!" Wenn der Forscher so denkt, indem er sein künftiges Hauswesen erwägt: so wirst du, auch wenn er zu gut von deinem Verstande präsumirt hat, glüklicher sein, als wenn, auch mit Grunde, er so gedacht hätte: "Sie wird ganz gewis sich darein finden!" Sei, als Mädgen, eine Knospe, vol und gesund. Als Frau wird die Folge der Zeit und Umstände, so wie Luft und Wärme, und Schuz und Schatten bei allen Bäumen, das übrige tun: und wol dir, wenn du dan die, on'hin grosse Erwartung übertrifst. Ragst du zu früh empor, so wird dein Gatte bis er dich ganz kent, sich quälen, in der verdrieslichsten Langweile, welcher derienige unterworfen ist, auf dessen einsamen Weg' immerdar die Türme der, immer noch fernen, Hauptstad ihm vor Augen kommen." S. 31-32.

 

[Ib-13-1781-0231]
XIII.

 

[Ib-13-1781-0232]
William Shakespear's Schauspiele. Neue Ausgabe. Von Ioh. Ioach. Eschenburg, Prof. am Kolleg. Karolin. in Braunschweig. Zweiter Band. Zürich, bei Orel, Gesner, Füeslin und Kompagnie, 1775.

 

[Ib-13-1781-0233]
1) Aus dem Lustspiele: Gleiches mit Gleichem.

 

[Ib-13-1781-0234]

"Unsre Zweifel sind unsre Verräter, und bringen uns oft um's Gute, das wir gewinnen könten, durch die blosse Furcht vor dem Versuch. S. 27

 

[Ib-13-1781-0235]

"O listiger Teufel, der du, um eine Heilige zu fangen, Heilige an die Angel stekkest! Das ist die gefärlichste Versuchung, die uns durch Tugendliebe zur Sünde reizt. –" Seit. 50 - 51.

 

[Manuskriptseite 90]

[Ib-13-1781-0236]

"O Rang! o äusserliches Ansehn! wie oft erzwingst du mit deiner Miene, mit deiner Tracht, Erfurcht von den Toren, und hintergehst selbst die weisern Selen durch deine betriegliche Gestalt." S. 54.

 

[Ib-13-1781-0237]

"Die Weisheit wünscht nur desto glänzender zu scheinen, wenn sie sich selbst tadelt; so wie die schwarzen Tücher die darin eingehülte Schönheit zehnmal lauter ankündigen, als die enthülte Schönheit selbst tun könte. –" S. 58.

 

[Ib-13-1781-0238]

"Wir haben weder Iugend noch Alter; beides ist nur der Traum eines nachmittäglichen Schlafes; denn unsre unsre ganze glükliche Iugend wird in ihrem Wünschen dem Alter gleich, und bettelt Almosen von gichtbrüchigen Greisen."S.66.

 

[Ib-13-1781-0239]

"Heuchler! Deine gesezte Miene und wolbedächtige Rede tödet mit ihrem Frost die Blüte der Iugend." S. 70.

 

[Ib-13-1781-0240]

"Aber zu sterben, und hinzugehen, one zu wissen, wohin; in kalter Erstarrung da liegen und verfaulen; stat dieser warmen, gefülvollen Bewegung, ein starrer Erdklumpen zu werden, indes daß der wollustgewonte Geist sich in feurigen Fluten badet, oder in Gegenden von aufgehäuftem Eise zittert, oder in unsichtbare Wind' eingekerkert, mit rastloser Gewalt rund um die schwebende Welt getrieben wird, oder noch unseliger ist, als das Unseligste, was zügellose und schwärmende Gedanken heulend sich vorbilden – das ist entsezlich." S. 72. a) Es versteht sich von selbst, daß man hier mer auf die Schönheit als Warheit der Gedanken Rüksicht genommen hat. R.

 

[Manuskriptseite 91]

[Ib-13-1781-0241]

"Die besten Menschen werden erst durch die Feler, die sie begangen haben, volkommen, und werden meistenteils weit besser dadurch, daß sie etwas böse gewesen sind."S. 145-146.

 

[Ib-13-1781-0242]

2) Aus dem Lustspiele: Der Kaufman von Venedig.

 

[Ib-13-1781-0243]

"Das Gehirn kan wol Gesezze für's Blut aussinnen; aber ein warmes Temperament springt über ein kaltes Verbot hinweg." S. 163.

 

[Ib-13-1781-0244]

"Wie possierlich ist er gekleidet! Ich glaube, er hat sein Wammes in Italien, seine Hosen in Frankreich, seinen Hut in Deutschland, und sein Betragen allenthalben gekauft. – –" S. 166.

 

[Ib-13-1781-0245]

"Alle Ding' in der Welt werden mit grösserer Lebhaftigkeit geiagt, als genossen." S. 197.

 

[Ib-13-1781-0246]

"Es giebt wolbedächtige Narren, die, wenn sie wälen gerade so viel Wiz haben, als ihnen nötig ist, um übel zu wälen." S. 209.

 

[Ib-13-1781-0247]

"Der äusserliche Schein ist oft das geringste an einer Sache. Die Welt läst sich immerfort durch Schimmer und Puz betriegen. Vor Gericht, wo ist eine so schlimme Sache, die nicht durch die Schminke der Beredsamkeit und eine angeneme Stimm' eine günstige Gestalt erhält? In der Religion, wo ist ein so verdamlicher Irtum, den nicht eine fromme, feierliche Stirn heiligen, durch irgend einen Text bestätigen, und seine scheusliche Misgestalt unter

 

[Manuskriptseite 92]

eine schöne Larve verstekken kan? Kein Laster ist so dum, daß es seine äusserliche Häslichkeit nicht mit irgend einem Zug' oder Merkmal von Tugend auszuschmükken wüste. Wie manche Memmen, deren Herz so zuverlässig ist, als eine Treppe von Sand, tragen den Bart des Herkuls und des schrekkenden Kriegsgottes an ihrem Kin, die, wenn man ihr Inwendiges durchsucht, eine milchweise Leber haben! Sie nemen nur den Auswurf der Tapferkeit an, um sich furchtbar zu machen. Betrachten Sie die Schönheit, und Sie werden finden, daß sie ein natürliches Wunder hervorbringt, indem sie dieienigen am leichtesten macht, die am schwersten mit ihr beladen sind. Und wie oft findet sich's, daß iene krausen, schnekkengleichen goldnen Lokken, die auf Rechnung ihrer vermeinten Schönheit so mutwillige Spiele mit dem Winde treiben, die Verlassenschaft eines andern Kopfs sind, und daß der Schädel im Grabe liegt, der sie närte. So ist denn äusserer Schmuk nichts, als das betriegliche Ufer einer gefärlichen Se, der goldne Schleier, der eine indianische Schönheit verhült; mit Einem Wort, die scheinende Warheit, worin sich unsre arglistige Zeit verkleidet, um die Weisesten zu berükken." S. 220-221.

 

[Ib-13-1781-0248]

3) Aus dem Lustspiele: Wie' euch gefält.

 

[Ib-13-1781-0249]

"In meiner Iugend mischt' ich nie hizzige und gärende Getränk' in mein Blut, und bulte nie mit schamloser Stirn um die Mittel zur Schwäche, und zum Unvermögen; des wegen ist mein Alter ein heitrer Winter, frostig, aber milde." S. 319.

 

[Ib-13-1781-0250]

"Mit einigen geht die Zeit den Pas, mit andern trabt sie, mit noch andern geht sie Gallop, oder steht stille. –" S. 354.

 

[Manuskriptseite 93]

[Ib-13-1781-0251]

XIIII.

 

[Ib-13-1781-0252]
Deutsches Museum. Erster Band. Iänner bis Iun. 1780. Leipzig, in der Weigand'schen Buchhandlung.

 

[Ib-13-1781-0253]
1) Bemerkung über Aufklärung des Verstandes.

 

[Ib-13-1781-0254]
"Nicht alle Menschen sind reines Herzens genug, um reine Köpfe zu tragen." S. 7.

 

[Ib-13-1781-0255]
2)

 

[Ib-13-1781-0256]
Die Erinnerung – aus einem Gedichte.
"Wer, von allen Göttern und Göttinnen,
ist wie du, der hohen Hymne wert,
Zauberin, die halbverloschne Sinnen
himlisch noch einmal verklärt?
Zeiten, die im Todesschlummer ruthen,
wekst du mächtig aus bestäubter Ruh;
Iaren, Monden, greisenden Minuten
wehst du Lebensodem zu. – –
– – – – –
Wie der Bär, gebricht es ihm an Wilde,
Tazen saugt, in öder Fastenzeit,
saugt der Gram an iedem Schattenbilde
lieblicher Vergangenheit.
– – – –
Freunde, wie sie leben, wie sie leiben,
hast du oft in meinen Arm gebracht,
mochten fern sein, oder schon zerstäuben
in der langen Todesnacht!

 

[Manuskriptseite 94]

Daß der Druk schon lang verwes'ter Hände;
glühend, mich noch heute drükt, ist dein!
Sie, mich mant's, als ob ich noch empfände,
wie mir's drönt Herzhinein!
– –
O verlas, verlas mich Fremdling nimmer,
unvergesne, liebe Trösterin!
Zeichne mitten unter meine Trümmer
mir moch manches Tempe hin!
Auch in meiner lezten Wallerfede
siz an meinem Lager früh und spat,
und erfülle meines Herzens Öde
mit dem Schönsten, was ich tat!
Mit dem Schönsten, was ich tat, geleite
mich hinauf, wo Lina meiner hart!
Und auch da, du hochgebenedeite,
schenk' uns deine Gegenwart!
Iedes Bild des Iammers, den hienieden
ich bestand, du Liebe, bring mir mit!
denn nur halb geneust den Himmelsfrieden,
wer auf Erden niemals lit."

S. 137-142.

 

[Ib-13-1781-0257]
3)

 

[Ib-13-1781-0258]
Geister der Urzeit.
"– – – – – Noch leben die Namen
Iudit und Agat' in a)Zwei unglükliche Liebende. in den Hainen. Stum und einsam
wandeln im zweifelhaften Lichte des Mondes die Geister
zwischen den Tannen. Auch halt, von unterirdischen, holen

 

[Manuskriptseite 95]

Grüften, ein dumpfes Getös oft unter dem Eisen des Pflügers.
So die Kunde der Väter. Stille der Mitternacht dekt
Ralow iezt. Der Mond streift seine dämmernden Haine
und die weissen Wänd'. Im Taue schimmern den Abhang
seine schwimmenden Saten hinab. Ihr Helden der Vorzeit!
schön ist und heimlich die Nacht. Entsteiget den Grüften, entschwebet
euren stillen Hainen, und wandelt im Kriegerschmukke
mir vorüber! Mein Herz gelüstet die Starken zu schauen
mit der kräftigen Faust, der narbigen Stirne, dem Flammen=
blikk' und dem herschenden Männervermögen im festen Einherschrit."

S. 339.

 

[Ib-13-1781-0259]
4)

 

[Ib-13-1781-0260]
An den Freihern von Spiegel – von Schmid.
"Las uns leben! las, mit Ruh, uns lieben,
was mir schlummert! Spiegel! o die Zeit,
weiser, als die Weisen, alle sieben,
läutet, stündlich uns zur Frölichkeit!
Horch! sie läutet: daß wir pflükken sollen,
was so kurz, auf kurzem Wege, blüht;
daß wir spielen unsre Pilgerrollen
eh' der Tod den Vorhang niederzieht!
Das Gebäu von unsern Seufzern allen
ist fürwar! auf Menschengrund gestelt,
Wänst du, wann wir selbst uns nicht gefallen,
daß dem Himmel unser Tun gefält.
Wänst du, daß ein Mer von edlen Tränen
löschen kan auch eine Sylbe nur.

 

[Manuskriptseite 96]

in dem Buch der Schikkung? Armes Wänen!
Schikkung ist so ewig, als Natur!
Nein! so war du, mit verweinten Wangen,
kein Geschik, wär's noch so klein, versünst:
frisch und frölich seinen Weg gegangen
ist und bleibt der höchste Gottesdienst!
Blikk' umher! Die Wesen alle dienen
so dem grossen Schöpfer, Tag und Nacht;
Gottes Erde so, in ihrer grünen,
Gottes Sonn', in ihrer golden Tracht!
Freude brült aus dumpfen Tiegerhölen;
Freude tönt von blüteweissem Ast!
Selbst der Staub hat Myriaden Selen,
iede des Genusses froher Gast!
Und der Mensch vertraurte sich im Stillen,
der geliebte, hohe Mensch allein?
Ach! und alles ist um seinetwillen,
Alles wird um seinetwillen sein!
Uns zu freuen, einer mit dem andern,
rief uns Got, in all' ihre Herlichkeit!
Unser Stab, wan dermaleinst wir wandern,
sei der Trost: wir haben uns gefreut!"

S. 351-352.

 

[Ib-13-1781-0261]
5)

 

[Ib-13-1781-0262]
Antwort des H. v. Spiegel's auf's vorige Gedicht.
"Freund! dem Wechsel mus sich Alles beugen,
Alles, Freund, was Got auf Erden schuf!
Tränen aus der Brust in's Auge steigen
könten nicht, wär' Freude nur Beruf!
Freudenrollen hat Sie mir gegeben,
Sie, die schlummert, o unzälig viel!
Aus sind sie, und dies meine armes Leben
ist fortan ein langes Trauerspiel!

 

[Manuskriptseite 97]

Seufzer, Alles, was ich iezt noch habe,
solten, die dem Got, der Schmerz empfand,
nicht gefallen? ihm, der selbst am Grabe
seines Freundes, voller Mitleid stand?
Wer ist's! nicht durch Tränen, nicht durch Iammern
wird des Schiksals festre Schlus verdrängt;
doch entspannen kan's des Herzens Klammern,
und den Schmerz, der blutend es verengt!
Goldner Sonne läst der Wolkenschleier
oft nicht Einen Blik, der Glanz verrät!
Und was wird aus kurzer Frülingsfeier?
ach! im Herbst ein trauriges Skelet!
Mismut ist's, was aus dem Tieger brüllet,
wan ein Lekkerbissen ihm entflieht!
Seufzer sind's in Lindennacht gehüllet,
die der Sprosser aus dem Herzen zieht!
Ungewisheit, ob ich sein noch werde?
ist's nicht Stof zu hoher Traurigkeit,
wenn der Spaden einen Hügel Erde
über deinen hohen Menschen streut?
Mit dem Stab', aus Tränentau geschossen,
schreite, sichrer, wir zu ienen Höh'n,
als mit dem, den Freudebundsgenossen
sich aus einem Rosenhain erseh'n! – –"

S. 352-353.

 

[Manuskriptseite 98]

[Ib-13-1781-0263]
XV.

 

[Ib-13-1781-0264]
Der Deutsche Merkur vom Iar 1780. Zweites Vierteliar. Weimar.

 

[Ib-13-1781-0265]
1) Entdekkung neuer Trabanten der Fixsterne.

 

[Ib-13-1781-0266]
"Her Maier in Manheim ist durch die birdischen Mauerquadranten in den Stand gesezt worden, bei einigen hundert bekanten Fixsternen kleine Trabanten oder Begleiter zu finden; er entdekt deren täglich merere, und glaubt, im südlichen Teil des Himmels sei kein grösserer Stern, der nicht einen oder merere kleinere neben sich habe. –" S. 39-40.

 

[Ib-13-1781-0267]
2) Bild Rousseau's.

 

[Ib-13-1781-0268]
"Wer wolte nicht einen Man kennen lernen, der mitten im achtzehnten Iarhunderte, mitten in Paris, den Mut hatte, mit dem Wiz und der Wolredenheit eines Seneka's, ein zweiter Epiktet zu sein – der Mut hatt' allen den Vorteilen freiwillig zu entsagen, die ihm die seltensten Talente durch einige Gefälligkeit gegen den Geist und die Sitten seiner Zeit hätten verschaffen dürfen – einen Man, der's wagen durfte, sich allen Folgen der Paradoxie auszusezzen, in einem Zeitalter, wo ein freier, warer und guter Mensch selbst das gröste Paradoxon ist; wo konvenzionelle Begriff' alles entscheiden, wo sogar Augen und Oren bestochen sind, immer auf die Seite der Mode zu stimmen, und nichts für schön gilt, weil's schön ist, sondern weil's für die nächsten acht Tage dazu erwält ist, kurz, wo reine Warheit, reiner gerader Menschensin, dem feinern Teil der Welt oft lächerlich, und immer an

 

[Manuskriptseite 99]

stössig ist – einen Man, der on' iemand zu beleidigen, noch etwas von den Menschen zu verlangen, unter denen er lebte, blos dadurch mit iederman in Kollision kam, weil er nach seinem eignen Herzen lebte, und nach seiner innern Überzeugung schrieb; einen Vererer des Christentums, den alle Religionsparteien von sich stiessen, einen Philosophen, der allen Philosophen einen freidenkenden Man, der allen Freigeistern, einen frommen Man, der allen Andächtigen verhast war – einen Man, den alle Welt viel' Iare durch verfolgte, verlästerte, verdamte, und verbante, on' einen andern Grund angeben zu können, als weil er in seinem Leben dies war, was man nun nach seinem Tode bewundert und was sein Andenken ist selbst der Nazion, die ihn einst verkante, erwürdig macht – kurz einen Man, den man vor 10 Iaren gekreuzigt haben würde, wenn kreuzigen noch Mode wäre, und zu dessen Grabe man iezt walfartet – wer wolte einen solchen Man nicht kennen lernen? nicht von ihm selbst hören, mit was für Anlagen, durch was für Umstände, durch welche Stufen und geheime Entwiklungen, mit welchen Gefaren, Aufopferungen, Kämpfen, Abwechselungen von moralischem Gewin und Verlust, u. s. w. er das geworden, was er war? –" S. 75-77.

 

[Ib-13-1781-0269]
3) Bailly's Hypotese über den Ursprung der Wissenschaften besonders bei den asiatischen Völkern.

 

[Ib-13-1781-0270]
"Weder bei den Schinesen, den Indern noch den Kaldäern, ist der ursprüngliche Siz der Kultur der Welt zu suchen, sondern bei den nördlichen Tartaren, einem Volk, das ungefär unter dem 49 bis 50sten Grad der Breite lebte. zu Dies sucht Her Bailly durch folgende Gründe zu erweisen. –

 

[Manuskriptseite 100]

[Ib-13-1781-0271]
Die Schinesen gebrauchen heut zu Tage noch keine Ferngläser auf ihren Observatorien, eben so wenig Pendeluren die Zeit abzumessen; obgleich alle Palläste des Kaisers mit Instrumenten dieser Art angefült sind. Sie leiden in der Astronomie keine Neuerungen – sie haben noch dieselbe, die ihre Vorfaren gehabt haben. Sie kennen zwar seit vielen Iarhunderten den Mondszyklus von 19 Iaren, der durch ganz Asien bekant war, den Meton nach Griechenland gebracht hat, und der bei uns die goldne Zal heist, allein ihn zu verbessern, haben sie andre ungewissere Perioden erfunden. Sie kanten seinen waren Wert nicht. Er must' also bei einem andern Volk' erfunden worden sein, wo man die Bewegung der Son' und des Monds besser kent. Eben so gieng's mit den Perioden von 600 Iaren, die über 4000 Iare bis auf die Ankunft der Iesuiten bei ihnen verloren und miskant waren. –

 

[Ib-13-1781-0272]
Bei den alten Parsen ist die Erfindung der ältesten von allen Wissenschaften eben so wenig zu suchen; denn die Gründung ihres Reichs und die Erbauung von Persepol wird dadurch bezeichnet, als Diem=Schid der Eroberer sie bezwang und seinen Einzug bei ihnen hielt, die Sonne durch's Zeichen des Widders gieng. Dieser Tag ward also gewält das Iar anzufangen, und dies ist der Ursprung des Sonneniars von 365 1/4 Tagen. So wie dieses Reich began, war also schon die Astronomie in ihrem waren Fortgang, und warscheinlich waren die Eroberer, und nicht die bezwungenen, und erst in eine Regierungsform gebrachten

 

[Manuskriptseite 101]

Völker, dieienigen, die man als Besizzer davon anzusehen hat.

 

[Ib-13-1781-0273]
Bei den Kaldäern herschte die Lere von der Wiederker der Kometen mer wie eine Meinung, als wie ein festes Axiom, woraus sie andre Schlüsse gezogen hätten. Hipparch und Ptolomäus, die ihre Beobachtungen studirt hatten, hätten wenigstens die von den Kometen angefürt. – Diese Lere kostete grossen Männern viel Zeit und Studium, um sie festzusezzen, denn man konte sie gewis so leicht nicht als eine Hypotese erfinden. Also mus sie wenigstens als eine Folge von waren astronomischen Beobachtungen einer ältern Zeit und Welt angesehen werden.

 

[Ib-13-1781-0274]
Der Zustand der Astronomie bei den Babyloniern oder Kaldäern war gewis auch keiner von den glänzendsten; denn sie kanten die Periode von 600 Iaren, weil sie Berosus anfürt, allein sie machten doch keinen Gebrauch zur Bestimmung der Zeit davon. In ihren astronomischen Werken mus ihrer eben so wenig gedacht worden sein, weil Hipparch bei Erwänung ihrer Perioden von der Bewegung der Sterne, dieser nicht gedenkt. Sie war also ihre Erfindung warscheinlich nicht, sondern sie hatten die Tradizion davon einem andern Volk zu danken.

 

[Ib-13-1781-0275]
In der Teologie und Moral der Indier findet man die Reste der höchsten Philosophie und sublimsten Ideen. Schon der Name Gottes bei ihnen, Achar, der Unbewegliche, enthält einen ser grossen Begrif, der nichts anders als das Resultat von vielen Beobachtungen und richtigen Schlusfolgen sein kan. Ihnen hat man eben sowol die Idee der algemeinen Weltsele zu danken, die nicht anders als aus der tiefsten Vererung der

 

[Manuskriptseite 102]

Gotheit entstehen konte. Sie waren also Spinozisten lange vor Spinoza, und nachdem sie's höchste Wesen einmal Substanz genant hatten, konten sie one Blasphemie den geschaffenen Dingen den Namen der Gotheit nicht beilegen. Das Bild der Fortpflanzung war bei ihnen ein Triangel (so wie bei'm Plato, der seine Metaphysik aus Indien geholt hatte) wo Man und Frau unter zwei Linien vorgestelt werden, die sich durch eine dritte vereinigen.

 

[Ib-13-1781-0276]
Auch das Harwei'sche System der präexistirenden Keime war lang ein heller Punkt der indischen Philosophie. Ihre zwei Prinzipien, die sie einem höchsten Wesen unterordnen, waren die Wirkungen des natürlichen Gefüls und so mancherlei Erfarungen über Gutes und Böses. So hat auch die schinesische Philosophie zwei Prinzipien, das In, oder die einfache Materie in Ruh', und das Yang, oder die Bewegung, die modifizirt und hervorbringt. Auch ihre 5 Elemente, die sie davon herleiten, gründen sich auf diese 2 Elemente. – Die Idee der Selenwandrung zeugt von langen Beobachtungen in der Naturlere und den daher gefürten Schlusfolgen. –

 

[Ib-13-1781-0277]
Bei allen diesen metaphysischen Resultaten, die sich warscheinlich auf viele Iarhunderte nüzlicher Beobachtungen gründen, ist demungeachtet die praktische Philosophie und die Grundlere der nüzlichsten Künst' und Wissenschaften in der Wiege, da sie die wilkürliche Zerstörung der tierischen Körper verabscheuen, so kan ihre Anatomie nichts anders als ein Gewebe von Fabeln und Irtümern sein. Sie zälen nicht weniger als 5000 Blutadern. Ihre Botanik ist die Wissenschaft einer Kräuterfrau, und von der Chemie haben sich nicht die

 

[Manuskriptseite 103]

ersten Element' erhalten. Ihre Medizin besteht in Rezeptformeln, die poetisch abgefast sind. All' ihre Weisheit liegt in ihren vier Bet oder heiligen Büchern verborgen, wozu nur die Bramanen den Schlüssel haben. Diese sind, ihrem ersten Ursprung nach, wie die Indier selbst eingestehen, keine Eingeborne, sondern als Fremdlinge aus Norden zu ihnen gekommen. Ihr Sanskrit ist eine Sprache, wozu sie nicht weniger als 18 Wörterbücher, und eine unzälige Menge Grammatiken nötig haben. Nach ihrer Beschreibung ist's die volkommenste philosophische Sprache, die aber mit ihrer Landessprache nicht die geringste Gemeinschaft hat. – Der Geschichtschreiber Le Gentil hat bei ihnen ware und richtige Berechnungen und eine gelerte Metode den Lauf der Sterne zu beobachten angetroffen. Man hat auch zwei indische Manuskripte von astronomischen Tafeln gefunden. Bei dem allen glauben sie, die Erde sei flach, und die Mitt' ein hoher Berg, der uns die Sonne wärend der Nacht verberge; sie haben einen schwarzen und roten Drachen nötig, um die Son' und den Mond zu verfinstern. Den Mond sezzen sie ungleich weiter von der Erde, als die Sonne, und die Erde stellen sie wieder auf einen goldnen Berg.

 

[Ib-13-1781-0278]
Ein Volk, wie dieses, das hier und da soviel Warheiten mit so viel Albernheiten vermengt, kan wol schwerlich als Erfinder der Wissenschaften selbst angesehen werden.

 

[Ib-13-1781-0279]
Diese drei verschiednen Völker, die Kaldäer, Schinesen und Indier haben vieles in ihren Sitten und Wissenschaften gemein. Allein noch sonderbarer sind die Änlichkeiten, die man bei ihnen und zugleich bei andern nordischen Völkern in einem ganz andern Weltteil warnimt. Die Libazionen mit Wein, Milch und Öl waren bei den Grie

 

[Manuskriptseite 104]

chen und Römern gebräuchlich. In Schina sind sie's noch heut zu Tage, und bei einem Feste giest der Her des Hauses noch Alzeit einen Tropfen Wein auf die Erde. Die Tartarn besprengen die Statuen der Götter zuerst mit Brandewein oder Wein; alsdenn trit ein Bedienter auf, giest einige Tropfen auf die Erde gegen Mittag zu Eren des Feurs, gegen Osten und Westen zu Eren des Wassers und der Luft, und gegen Norden zu Eren der Vorfaren.

 

[Ib-13-1781-0280]
Überal findet man noch eine Art von Saturnalien oder Andenken an's schimärische Alter der Glükseligkeit und Unschuld, überal noch Andenken und Spuren einer Sündflut. In der Edda finden sich eben dieselbigen Tradizionen davon, wie bei den Schinesen und Iapanern. Die Idee der Sündflut mag sich auf ein physisches Faktum gründen, und das Gemälde der Unschuld oder des goldnen Zeitalters mag aus dem Anblik des iezzigen Elends durch den Kontrast mit dem, was die Welt sein könte, durch die Einbildungskraft zusammengesezt worden sein. Woher komt's aber, daß alle Völker in Asien Tradizionen und Warsagungen hatten, daß diese Geissel Gottes nach gewissen Perioden wiederkommen würde? Woher komt die algemeine Vererung der Berge?

 

[Ib-13-1781-0281]
Bei den Indiern, Siamern, und so vielen andern asiatischen Völkern findet sich der Streit der Riesen mit den Göttern so gut, wie in der griechischen Mytologie.

 

[Ib-13-1781-0282]
Die in's Mer versenkte Insel Atlant des Plato's, woraus nachher die ganze Welt bevölkert worden, ist bei den Schinesen wieder zu finden. Die Siamer haben Genieen, die den Gestirnen, der Erde, den Städten, den Bergen, den Winden, dem Regen und Allem vorstehen.

 

[Manuskriptseite 105]

Die Perser hatten einige, die die Monat' und Iare dirigirten, und die Schinesen haben Geister, die die vier Iarszeiten regieren. Die Lere der Selenwanderung gieng durch ganz Asien. Sie war eh'dem in Ägypten und Persien; heut zu Tag' ist sie noch in Indien und Siam, in der grossen Tartarei und in Sitzina. In der ganzen morgenländischen Teologie, bei den Siamern und Schinesen heist die Gotheit noch heutzutag Himmel, alter, ungeschafner, ewiger Himmel, wie der Uranos der Griechen. Die beiden Prinzipien des guten und bösen Gottes ziehen eben so durch ganz Morgenland. Die Iapaner haben zwölf Götter von zwei Klassen; die erste besteht aus 7, die andre aus 5, die später hinzugekommen sind. Alles dies bezieht sich auf die 12 Zeichen des Tierkreises, die 12 Monate, die Periode von 12 Iaren, die durch ganz Asien galt. Die Ägypter hatten eben so zwölf Götter, wovon anfangs nur sieben waren, und die andern fünf hinzugesezt wurden. Der Griechen Hermes, der Ägypter Tot, und der Indier Butta ist sicherlich eins. Sie sind all' Erfinder der Wissenschaften. In Indien ist ihm, wie in Ägypten, der vierte Tag der Woche gewidmet, und eben das Gestirn zugeeignet, das wir bei uns Merkur nennen. – Die Ägypter, die Kaldäer, die Indier und die Schinesen richteten zu allen Zeiten ihre Gebäude gern nach den 4 Weltteilen. Bei den Pyramiden ist's zuverlässig geschehen und erwiesen. – Der Zyklus von 60 Iaren in der Kronologie ist beinah allen alten und neuern Völkern in Morgenland gemein. So hatten sie andre Perioden von 180 Iaren, von 600, von 3600 Iaren. Sie teilten den Tag in 60 Teile, die Stunden in 60 andre, den Zirkel in 360 Grade, und den Radius in 60 Teile. Diese Liebe zur Zal 60 zeigt wenigstens, daß alle Völker die Eigenschaft der vielen Divisoren mögen erkant haben, und dadurch zu dieser Wal sein bewogen worden. –

 

[Manuskriptseite 106]

[Ib-13-1781-0283]
Woher komt's, daß alle Völker in Asien die Woche von 7 Tagen haben, und auch alle Tage mit demselben Planeten bezeichnen, und in derselben Ordnung? – Ia, man kan sogar erweisen, daß die verschiedne Bestimmungen der Grösse der Grösse Erde bei den Alten im Grund einerlei sein. – Ferner: All' in der Geschichte der Astronomie erhaltene Spuren zeigen deutlich an, daß die Kultur bei so verschiednen Völkern ungefär zu Einer Zeit, und zwar 3000 Iare vor unsrer Zeitrechnung begonnen habe. All' in den Tradizionen erhaltne Erfinder kommen ungefär zu Einer Zeit zum Vorschein: Der Kaiser Fohi bei den Schinesen im Iar 2952; Diem=Schid, der die persische Monarchie gründete, im Iar 3209. Eben so gehen die astronomischen Tafeln der Indier bis auf's Iar 3101 zurük. – –

 

[Ib-13-1781-0284]
Hieraus kan man dartun, daß alle diese Kentnisse von einem hohen Alter der Welt Zeugnis ablegen; daß sie nicht durch Mitteilung nach und nach von einem Volke zum andern gewandert sind; weil bekantlich all' asiatischen Völker von ewigen Zeiten her durch politische Gesezze von aller Gemeinschaft unter einander ausgeschlossen sind: daß vielmer Wissenschaft und ware Philosophie eh'dem bei einem einzigen Volk' in einem hohen Grade geblüht habe, und daß sie von da, zu Einer Zeit ungefär, wie der dunkle Laut in allen ihren Tradizionen angiebt, zu allen andern Völkern ist übergetragen worden. Daß die iezzigen Besizzer nicht als Erfinder anzusehen sind, beweist der ärmliche Zustand der Wissenschaften selbst, worin sie seit der Zeit wenige Schritte getan haben; sondern daß die Reste, die bei ihnen

 

[Manuskriptseite 107]

sind, mus man als Bruchstükk' eines von Andern aufgefürten Tempels ansehen mus. – Dieses aufgeklärte Volk, welches all' andre erleuchtete, hat man unter den 49 bis 50sten Grad nördlicher Breit' in Asien zu suchen; und zwar des wegen: Ptolomäus sagt, die Beobachtungen über den Aufgang der Sterne seien in einem Lande gemacht worden, wo der Tag 16 Stunden hatte. Unter dieser Breit' in Europa war gewis dazumal keine grosse Astronomen zu suchen. Zoroaster redet von einem Lande, dessen Berg' und Flüss' er beschreibt, daß der längste Sommertag daselbst noch einmal so lang sei, als der kürzeste im Winter; dies ist's Klima von 16 Tagesstunden. – Die Indier reden von zwei ganz entgegengesezten Sternen, die ihren Lauf um die Erd' in 144 Iaren vollenden sollen. Sie kanten zugleich die Ekliptik; also bedeuten diese ihre Perioden keine Sonneniare. – Bei den Tartarn ist eine Periode von 180 Iaren, die sie Van nennen. Multiplizirt diese beiden Perioden von 144 und 180 Iaren miteinander, so kommen gerade 25920 Iar' heraus, als die ware Revoluzion der Fixsterne – auch nach unsern genauesten Rechnungen. Bei den Siamern heist's Wort Van auch eine Periode, oder ein Tag.

 

[Ib-13-1781-0285]
Die Geschichte des Phönix in Ägypten war nicht in Ägypten erfunden. Sie gehört' einem andern Klima zu, wo die Sonne sich 65 Tag verbarg, und 380 Tag leuchtete, oder lebte. Die Fabel des Ian's, der in der einen Hand 300 und in der andern 65 hielt, und endlich aus der Edda die Geschichte der Freia, die ihrem Gemal erlaubt 65 Tag' auszubleiben, wenn er ihr nur die übrigen 300 getreu war – alle diese Fabeln beziehen sich auf ein Land, das unter dieser Breite lag. Eben so beweinte man die Abwesenheit des Osiris und Adonis 40 Tage lang als das Aussenbleiben der Sonne." S. 202-217.

 

[Manuskriptseite 108]

[Ib-13-1781-0286]
XVI.

 

[Ib-13-1781-0287]
Gothilf Samuel Steinbart's, königl. preuss. p. Konsistorialrats und öffentlichen Lerers der Gottesgelersamkeit und Vernunftweisheit bei der Universität zu Frankfurt an der Oder, System der reinen Philosophie oder Glükseligkeitslere des Christentums für die Bedürfnisse seiner aufgeklärten Landesleut' und andrer, die nach Weisheit fragen, eingerichtet. Zweite ser vermerte Auflage. Züllichau, in der Waisenhaus und Frommannischen Buchhandlung. 1780.

 

[Ib-13-1781-0288]
1) Vermutung vom System der Manichäer.

 

[Ib-13-1781-0289]
"Mir scheint's höchst warscheinlich, daß die alten persischen Weisen, so wol von den Iuden, als von ihren spätern und minder scharfsinnigen Gegnern nicht recht verstanden worden sind, und daß sie in ihrer Bildersprache schon eben das zur Erklärung über den Ursprung des Bösen in der Welt gelert haben, was in neuen Zeiten von Leibniz u. a. behauptet worden ist. Nämlich es kan schlechthin kein endliches Ding unendlich volkommen werden, denn sonst würd' es Got: folglich kan iedes endliche Ding nur einen gewissen Grad der Realität oder des Guten erhalten, und daher wird die Mitteilung des Guten an die Objekte durch derselben wesentliche Schranken begränzt. Da nun aus den wesentlichen Schranken der Ding' ihre natürliche Mängel und Unvolkommenheiten, sowol die physischen, als moralischen entstehen; so erhelt, daß Got zwar der Urheber aller Realitäten und alles Guten, nicht aber der Hervorbringer irgend eines Bö

 

[Manuskriptseite 109]

sen sei, als welches blos etwas Negatives ist, welches aus der innern notwendigen Beschaffenheit des Endlichen entsteht. Dies scheinen mir die alten kaldäischen Weisen eingesehen zu haben, indem sie eigentlich nur ein höchst mächtiges und gutes Wesen zum wirkenden principio unter dem Bilde des Lichts, welches sich immer auszubreiten sucht, angenommen haben, welches aber durch das gleichfals ewige und von ienem nicht abhängende an sich untätige principium der obiektiven Beschaffenheit der Materie oder der endlichen Dinge, das sie als eine das Licht begränzende Finsternis dachten, in seinen Wirkungen eingeschränkt werde." S. 98-99.

 

[Ib-13-1781-0290]
2) Wie das Augustin'sche System der Teologie, die Oberhand behalten hat.

 

[Ib-13-1781-0291]
"Denen vernunftwidrigen Behauptungen des Augustin's, die ganz wider die Dogmen der ältern Kirche waren, wurde zuerst vom Pelag und Zälest widersprochen. Ihre Streitigkeiten entspannen dadurch, daß Pelag gegen einen Bischof in Rom die vom Augustin in seinen Gebeten so oft gebrauchte Formel: Gieb Her, was du befielst, und dan befiel, was du wilst! getadelt hatte. Er behauptete, es sei ganz widersinnig zu leren, daß Got etwas befelen solte, was uns zu tun unmöglich wäre, da kein vernünftiger Vater von seinen Kindern etwas unmögliches verlangte; und noch widersinniger, daß Got, was er uns geben wolte, uns befelen würde. Dieser Tadel eines Privatchristen ward vom Augustin für ein Verbrechen gegen die bischöfliche Würd' angesehen; er suchte daher zuvörderst die hohe Geistlichkeit in Afrika gegen die selben aufzubringen, und nun wurden von diesen gemeinschaftlich Pelag und dessen Freund' überal ver

 

[Manuskriptseite 110]

folgt. Zälest, der in Kartago Priester werden solte, ward im Iar 412 vor der dortigen Synod' angeklagt und verdamt, appelliert' aber an den Bischof zu Rom. Im Iar 415 ward Pelag vor dem Patriarchen Iohannes zu Ierusalem auf Anklage der Afrikaner verhört, und für rechtgläubig befunden erklärt: und noch einmal in demselben Iar zu Diospolis (eh'dem Lydda) von einer Versamlung von 14 Bischöfen, die ihn auch für ortodox erkanten. Das Iar darauf wurden zu Kartago und Mileve Synoden gehalten, welche die dem Pelag schuld gegebne Irtümer verdamten, und dem Bischof Innozenz nach Rom zur Bestätigung zuschikten. Aus dessen Antworten an beide Synoden erhelt, daß dem Pelag fälschlich war aufgebürdet worden, er lere: der Mensch bedürfe gar keiner Hülfe von Got, weil er mit hinlänglicher Freiheit des Willens versehen sei. In dieser Voraussezzung ward er one gehört zu sein, vom Innozenz verurteilt, wiewol dieser weit von Augustin's Lersäzzen entfernt war. Da sich nun viele Bischöfe der griechischen Kirche, besonders in Palästina, der Pelag's und Zälest's annamen, so verlangte der römische Bischof, daß sie sich zur nähern Untersuchung nach Rom stellen solten. Endlich ward unter dem folgenden Bischof Zosim zu Rom ein feierlich Synodalverhör über den Pelag und Zälest, welche ihren Lerbegrif schriftlich eingereicht hatten, öffentlich gehalten, und Zosim erklärt' hierauf durch ein im Namen der ganzen römischen Kirche Klerisei nach Afrika abgelassenes Schreiben: Pelag und Zälest sind vor dem apostolischen Stul erschienen. Freut euch, diese Männer, welche von fal

 

[Manuskriptseite 111]

schen Angebern verläumdet waren, nun für solche zu erkennen, die sich nie von unsrer Kirch' oder von der algemeinen Rechtgläubigkeit entfernt haben. Übrigens nent Zosim und die römische Klerisei mit Recht die Streitfragen über die Fortpflanzung der Sele, über die Erbsünde, und die Art und Weise der Gnadenwirkungen, in diesem Schreiben verfängliche Fragen und läppische Streitigkeiten, welche mer Zerrüttung als Erbauung veranlassen. Hieraus ist nun historisch gewis, daß Augustin's Lere nicht nur in der griechischen Kirch' als etwas unerhörtes angesehen worden ist, und daß des Pelag's und seiner Freunde Behauptungen für den bisherigen altchristlichen Glauben von derselben erklärt worden sind; sondern daß auch die lateinische und besonders die römische Geistlichkeit, die vom Pelag und Zälest gegen des Augustin's Neuerungen behauptete Warheiten für rechtgläubig erklärt habe. Man hat also blos Afrika als die Mutter und Pflegerin der sämtlichen damals aufgekomnen Leren zu halten. –

 

[Ib-13-1781-0292]
Die afrikanische Kirche beruhigte sich indes nicht bei des römischen Bischofs Zosim's Ausspruche, sondern hielt in den Iaren 417 und 418. abermals Synoden, auf welchen beschlossen ward, daß die erste von der römischen Kirche durch den Innozenz gegebne Erklärung, welche doch on' Untersuchung, auf die blosse Angabe der Afrikaner, erteilt worden war, gültig sein; die zweite (des Zosim's) aber verworfen, und nun nicht weiter über's Mer appelirt werden solte. Sie sezten acht Anatematismen gegen alle Pelagianisch denkende auf, liessen 214 Geistliche unterschreiben, legten des Innozenz's erschlichenes Gutachten bei, und schikten solches an den kaiserlichen Hof, als ob's

 

[Manuskriptseite 112]

das Urteil der ganzen christlichen Kirche wäre. Hierauf ward auf Ansuchen der Afrikaner ein kaiserlich Edikt von den Prätoren bekant gemacht, nach welchem ieder berechtigt sein solte, pelagianischgesinte gerichtlich anzugeben, und diese solten mit Konfiskazion des Vermögens und unwiderruflicher Landsverweisung überal bestraft werden. Hierüber frolokt Augustin in seinen Briefen; und da Pelag und dessen Freunde baten, man möchte sie doch durch gelerte Männer ordentlich verhören lassen, eh' man sie veriagte, so widersezte sich Augustin, unter dem Vorwande, daß es den weltlichen Fürsten nicht zukäme, wo die Kirche schon entschieden hätte, zweifelhaft zu bleiben, sondern ihre Pflicht sei blos, ihre Gewalt zu Unterdrükkung der von der Kirche verurteilten anzuwenden. Der Bischof Zosim zu Rom muste selbst nachgeben, um seine Autorität nicht auf immer in Afrika zu verlieren, und überlies alles dem Gewissen der afrikanischen Bischöfe. Noch nicht genug, man erschlich ferner einen kaiserlichen Befel, darin allen afrikanischen Bischöfen, die auf den kartagischen Synoden nicht gegenwärtig gewesen waren, aufgegeben ward, bei Strafe der Absezzung und Veriagung das Verdammungsurteil der Pelagianer zu unterschreiben. –" Seit. 102-105.

 

[Ib-13-1781-0293]
3) Von der Imputazion der Sünde Adam's

 

[Ib-13-1781-0294]
Wenn man die gewönliche Erklärung der Worte Paullus annimt, nach welcher man die Imputazion der Sünde Adam's beweisen wil, so wird folgte daraus, daß eben so algemein alle Menschen in Adam gesündigt hätten, eben so algemein würden auch all' in Christo gerecht und selig, Röm. 5, 15=19. und so wie

 

[Manuskriptseite 113]

Got allen Menschen durchgängig Adam's Sünde, sie mögen nun davon etwas wissen oder nicht, selbige genemigen oder nicht, dennoch zur Verdamnis imputire, Got auch auf gleiche Art allen Menschen on' Unterschied, sie mögen darein willigen oder nicht, Christi Gerechtigkeit zur Seligmachung zurechnen müste. Sol aber eine Zueignung des Verdienstes Christi erst nötig sein, eh' es dem Menschen zu statten komt, so kan auch niemand Adam's Sünd' eher imputirt werden, bis er sie diese ergreift, und sich zueignet. Dies wird aber wol nicht leicht von iemand geschehen. Welche Widersprüche!

 

[Ib-13-1781-0295]
Wil man zur Verteidigung der Billigkeit des Got angedichteten Verfarens, in Zurechnung der Sünde des Stamvaters an alle Nachkommen, sich auf gemeine Fälle des bürgerlichen Rechts berufen, wonach Kinder an den Belonungen der Verdienst' ihrer Vorfaren, eben so wie an den übeln Folgen ihrer Vergehen, überal Teil nemen müssen; so ist doch kein Grund vorhanden, warum nur eine und nicht alle Sünden Adam's; kein Grund, warum nur Adam's und nicht aller unsrer Vorältern Sünden; kein Grund, warum nur die Sünden und nicht auch das Gute unsrer Vorältern uns imputirt werden solte. Da nun die Schrift sowol ausdrüklich und ausfürlich im A. T. Ezech. 18, 1. folg. und a. v. O. im N. T., Röm. 2, 6. 2 Kor. 5, 10 Gal. 6, 4. 5. erklärt, daß ieder nur für seine eigne Handlungen Got Rechenschaft geben solle: als auch alle Zurechnung einer fremden Gerechtigkeit, welche die Pharisäer lerten, gänzlich verwirft, Matt.. 3, 9. vergl. mit Ioh. 8, 32 f. so folgt, daß überhaupt der Begrif einer wilkürlichen Imputazion ungegründet ist." S. 112-113.

 

[Manuskriptseite 114]

[Ib-13-1781-0296]
4) Die Erlösung Christi.

 

[Ib-13-1781-0297]
"Die Iudennazion erlösete Christus von dem gesamten mosaischen Frondienste, und allen wilkürlichen Anforderungen Gottes an sie, daß sie sich nicht mer als Knechte des Iehova's, sondern als Kinder des Vaters im Himmel betrachten durften, Gal. 4, 4=7. Mose selbst war nur ein Knecht im Hause Gottes gewesen, und ihm waren die Iuden wärend der Kindheitsiar' als einem Zuchtmeister überlassen worden, dagegen versezte sie nun Christus als der Son Gottes in die völlige Freiheit, und in den völligen Genus des ihnen bestimten Guten, und erklärte sie für voliärig, so daß die nun nach ihren eignen Einsichten zu handeln berechtigt wurden, one sich an ihres ehmaligen Hofmeisters Vorschriften weiter keren zu dürfen, Ebr. 3, 9. 6. Ioh. 6, 36. Gal. 4, 14f. K. 5, 1f. denn der ganze Gottesdienst nach Mose's Einrichten war ein unfruchtbarer Dienst, der nichts dazu beitrug, höhere Glükseligkeit zu befördern; 1 Petr. 1, 18. indem durch denselben die Iuden nur an sinliche Begriff' in der Religion gewönt wurden, Röm. 8, 3. (??????) und daher zu keinen höhern Einsichten, welche die Anwendung der obern Selenkräft' erfordern, gelangen konten, 1 Kor. 2, 14. (???????). Die mosaischen Dienstforderungen waren eine Last, welche die Iuden nie hatten ertragen können, Apostelg. 15, 10. wodurch sie in lauter Angst und Elend versezt wurden, 2 Kor. 3, 6. 7. ia welche in ihnen Widrigkeit und feindselige Gesinnungen gegen Got erregten, Röm. 14, 15. K. 8, 3. 15. Hiervon erlöset und erkaufte Chris

 

[Manuskriptseite 115]

tus sie auf immer. Ebr. 9, 12f. 1 Petr. 1, 18. und war sich nun abermals durch Annemung der Beschneidung in dies sklavische Ioch der mosaischen Dienstforderungen gefangennemen lies, dem half alles, was Christus getan und gelert hatte, nichts, Gal. 5, 1f. weil eben darin die durch Christum offenbarte götliche Gnad' und desselben Verdienst um die Menschen zu sezzen ist, daß er allen Aberglauben, als ob Got etwas anders, als vernünftige Bestrebung nach Glükseligkeit von uns forderte, aufgehoben hat, so daß nur ein einziges götliches algemeines Gebot für uns gültig bleibt; unsre Mitmenschen als uns selbst zu lieben, Gal. 6, 4. 7. 9.

 

[Ib-13-1781-0298]
Von der sklavischen Furcht, daß die Vergehungen wider Mose's Gesez an ihnen im Sterben gerochen, und sie durch den Tod dem Satan zur Volziehung aller Verfluchungen überliefert werden würden. Christi Tod ist erfolgt zur Erlösung von allen Übertretungen des alten mosaischen Bundes, Ebr. 9, 15. zur Versicherung der Vergebung für alle Sünden, für welche bis dahin die Strafen von Got aufgeschoben waren, Röm. 3, 25. nicht für Sünden der Christen, Ebr. 10, 26. und er hat also alle vom Zorn, den man als noch bevorstehend dachte, erlöset 1 Tess. 1, 10. Er hat durch seinen Tod die Idee von einem Gewalthaber des Todes ($$$$$$$$$$]scannen, ?????? ???? ??? ???????) vernichtet, so daß alle von der sklavischen Furcht vor einem Todesengel oder Fürsten der Finsternis befreiet worden sind, Ebr. 2, 14. 15. vergleiche mit Iob, 3, 8. 1 Tim. 1, 10. Kol. 1, 13. 14. ia indem er sein Leben durch einen gewaltsamen Tod am Holz beschlossen, so hat er alle Verfluchungen des Gesezzes vereitelt, Gal. 3, 13.

 

[Manuskriptseite 116]

[Ib-13-1781-0299]
Dies ist also die Lere der Schrift. Ieglicher Iud ward, sobald er glaubte, Iesus sei der Christ, Christ, der Son des lebendigen Gottes, sogleich selig, oder errettet von der niederdrükkenden Last der Zwangsdienste, und den Verfluchungen des mosaischen Gesezzes, und zu einer lebendigen Hofnung wieder geboren, 1 Petr. 1, 3f. 2 Tim. 1, 10. er bekam einen kindlichen Geist, Röm. 8, 15f. und konte sich nun one weiter der Vermitlung eines Hohenpriesters zu bedürfen, und one Gaben und Opfer zu bringen, überal zu Got, seinem Vater unmittelbar nahen. Röm. 5, 1. 2. Eph. 2, 18. 3, 12. Ebr. 10, 14=24. Frägt man weiter, wie denn eigentlich der Tod Iesu die Erlösung der Iuden bewirkt habe, so erklärt die Schrift uns dieses ganz anders, als unsre kirchlichen Lerbücher. Der Iude, sagt Paullus, ist an's Gesez gebunden so lang' er lebt, durch die Taufe wird er in Christi Tod getauft, und ist also mit ihm den Sazzungen abgestorben, er lebt nun nicht mer als ein Mitbürger der Iudenwelt, sondern indem er aus dem Taufwasser heraussteigt, wird er zu einem Leben mit Christo auferwekket, Röm. 7, 1f. K. 6, 3f. Kol. 2, 11f. 14, 15. 20f. K. 3, 1f. Das Sterben hört nun auf als eine Überlieferung in Satans Reich zu erscheinen, da Christus gestorben ist, Ebr. 2, 14. 15. 2 Tim. 1, 10. 1 Kor. 15, 55. 57. Alle Verfluchungen des Gesezzes sind vereitelt, da Christus sein Leben an einem Pfale beschlossen, denn sonst würde der Son Gottes auch ein Verfluchter sein, wenn man den Mose noch hören wolte; Gal. 3, 13. so hat also Christus die Handschrift, die gegen die Iuden war, mit sich an's Kreuz geheftet, und vertilgt. Kol. 2, 14. 15. 20.

 

[Manuskriptseite 117]

[Ib-13-1781-0300]
In Absicht der Heiden erwänt die h. Schrift keiner Erlösung von Strafen; denn diese hatten die fürchterlichen Vorstellungen, welche Mose's Gesez, oder vielmer die pharisäische Auslagung desselben zu Christi Zeiten, von bevorstehenden wilkürlichen götlichen Strafen im Reich des Satans bei den Iuden erwekte, nicht. Got hat die Zeit der Unwissenheit übersehen, sagt Paullus, in Absicht der Heiden, Apostelg. 17, 30. 31. nun aber bietet er durch Christum einen bessern Unterricht dar, und verlangt, daß all' ihre moralischen Gesinnungen bessern sollen; denn durch Christum sind die menschenfreundliche Gesinnungen Gottes bekant gemacht worden, daß alle Völker von den sie elend machenden Torheiten, Aberglauben und Lastern befreiet und durch götliche Gesinnungen und Tätigkeit im Guten ganz neue glükselige Menschen werden können. Tit. 2, 11=14. Eph.. 1, 13. 14, K. 2. Kol. 1, 21. 22. 28. Apostelg. 16, 18." – Seit. 137-140.

 

[Ib-13-1781-0301]
5) Nirgends lesen wir in der h. Schrift daß die Heiligkeit Gottes one Genugtuung nicht könte befriedigt werden

 

[Ib-13-1781-0302]
"Hören wir die Schrift, so versichern schon die Schriftsteller des A. B., welchen Got doch bei weitem nicht in seiner ganzen Liebenswürdigkeit und Gnad' erschien: barmherzig und gnädig sei Got, geduldig und von grosser Gnade: er vergebe gern Missetat und Sünde: er wolle den Tod des Sünders nicht, da sondern, daß er sich bekere, (nicht Satisfakzion leiste) und lebe: er sei Feind allen Opfern und äussern Versönmitteln, sondern wolle ware Verbesserung der Gesinnungen, und wer diese zeige, dem freu' er sich zu vergeben.

 

[Manuskriptseite 118]

Ies. 1, 10. Nirgends aber wird behauptet, daß die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes hindre seine Güte, den sich bessernden Sünder one Genugtuung zu begnadigen. All' Opfer waren nur für äussere Unreinigkeit und Unordnungen, nicht für böse Gesinnungen verordnet. Unter den unzäligen Versicherungen des N. T. von der algemeinen Barmherzigkeit Gottes gegen die Sünder, welche durch keine andre Eigenschaft eingeschränkt wird, wil ich nur die wälen, die am wenigsten bisher behandelt worden. Iesus stelt seinen Vater uns on' Einschränkung zur Nachamung vor. Luk. 6, 35. 36. Er versichert Got sei gütig über die undankbaren und boshaften, daher solten wir nicht blos lieben, die uns liebten v. 32. sondern unsren Feinden Gutes tun, und eben so barmherzig sein, eben so gelinde richten, eben so grosmütig one Genugtuung verzeihen, wie unser Vater, wenn wir seine Kinder sein wollen. Sollt' es nun Heiligkeit und Gerechtigkeit in Got sein, nicht one volle Satisfakzion zu vergeben, so müsten wir auch weder unsern Untergebnen, noch Feinden one völlige Genugtuung in etwas übersehen, um dem Vater im Himmel änlich zu werden; oder's müste derselbe kein volkommenes Muster für uns sein; und Christus müste den Vater weniger gekant haben, als Anselm von Kanterbury, Matt. 5, 44. f. K. 6, 12. Ia Christus versichert, daß der ganze Himmel über ieden zurükkerenden Sünder sich freue und Got sich gegen uns verhalte, wie der Vater gegen den ungeratenen Son bei seiner Rükker, der an keine Satisfakzion dachte, Luk. 15. Endlich stelt die h.

 

[Manuskriptseite 119]

Schrift auf allen Blättern die gesamte Sendung Iesu, und alles, was er getan hat, nicht als die Ursache, sondern als die Wirkung und den Beweis der algemeinenliebe Menschenliebe Gottes gegen alle Nazionen, vor, und lert nicht mit einer Sylbe, daß Got habe besänftigt oder versönt werden müssen. Sie sagt nicht: also hat Got die Welt gehasset, daß erst sein Son dieselbe vom Zorn erkaufen muste; sondern: so hat er sie geliebet, daß er seinen Son sande, um alle, welche nicht in Finsternis u. Unwissenheit bleiben wollen, zu höherer Einsicht und Glükseligkeit durch ihn zu leiten. Sie sagt nirgends, Got hat hat uns eben so ser nach seiner Heiligkeit gehasset, als nach seiner Güte geliebt, daß Christus zwischen beiden Eigenschaften Frieden stiften muste. Sie sagt vielmer: ein Mitler könne nicht gedacht werden, wo nicht zwei Parteien vorhanden wären, Got aber wär' einig, Gal. 3, 20. vergleiche mit Ebr. 6, 6. K. 9, 15f. K. 10, 10f. folglich durfte Got nicht als eine doppelte Person bei der Erlösung handeln, nicht mit sich selbst ausgesönt werden, sondern wir Menschen musten von seinen guten Gesinnungen und seiner Gnade gegen die Sünder besser unterrichtet und stärker vergewissert werden. Darum fordern die Apostel iederman auf, sich mit Got zu versönen, d. i. erfreulichere Begriffe von ihm fassen, 2 Kor. 5, 18f. In Christo ist die Freundlichkeit Gottes im vollen Glanz erschienen, und Got preiset daher seine Liebe zu uns, daß Christus für uns ges= gestorben ist, da wir noch feindselig gegen ihn gesint waren. Wäre die philosophische Teorie des Anselm's gegründet, so müst' es heissen: Got preist seine Herlichkeit Heiligkeit, daß er alle Strafen an Christo volzogen. hat. –" S. 148-151.

 

[Manuskriptseite 120]

[Ib-13-1781-0303]
6) Eine Hypotes' über den Ursprung Religionsbegriff' und Gottesdienstlichkeiten unter den ersten Menschen.

 

[Ib-13-1781-0304]
"Es ist mir höchst warscheinlich, daß die alten Völker zuerst durch die in der Atmosphäre sich zutragende Veränderungen zu der Vermutung veranlast worden sind, daß höhere über uns gewalthabende Wesen die Oberwelt bewonen. Sie musten die woltätigen Einflüsse der Sonn' und des Regens, die von anhaltender Hizz' und Wassergüssen entstehende Verherungen ihrer Felder, die Gewalt der unsichtbar tobenden Sturmwinde, und die erschütternde furchtbare Wirkungen der Donnerwetter notwendig bemerken und anstaunen. Sie betrachteten also den Himmel, der über ihre Häupter bald Segen, bald Verderben schüttete, mit einer gewissen Erfurcht; und da die Veränderungen desselben nach keinen an den Körpern auf der Erde in die Augen fallenden Gesezzen erfolgen, sie sie] KB: Dem Satz fehlt das Verb. "dachten sie", o.Ä. – Steinbart: UB! – MIWI© ganz natürlich, daß über ihnen wilkürlich handelnde Wesen oder Elohim's wonten. Nun sannen sie auf Mittel, derselben Gunst zu gewinnen, und da Menschen durch Geschenke gewonnen werden können, so schlossen sie analogisch, daß man auch die Gunst der Elohim's sich dadurch müs' erwerben können. Die Schwierigkeit war, di wie man die Geschenk' in die Höh' hinaufbringen könne. Nun bemerkten sie, daß das Feur die Körper auflöst, und der Dampf sich bis in die Wolken emporhebt; und so entstund das Anzünden der Opfer, den Elohim's zum süssen Geruch. Ob ein dargebrachtes Opfer angenem gewesen sei, oder nicht, schlos man blos aus dem Erfolge. Zwei brachten zugleich

 

[Manuskriptseite 121]

ihre Opfer dar, der eine, um Regen, der andre, um Sonnenschein zu erbitten, so konte der nachfolgende Regen in einem rohen Zeitalter ser leicht eine solche Eifersucht wegen der merern Begünstigung dessen, den die Götter erhört hatten, bei'm andern erwekken, daß ein Bruder den andern erwürgte. Oft wurden eine Meng' Opfer dargebracht on' Erhörung zu bemerken; und nun san man auf allerlei neue Versuche, ob man nicht irgends etwas ausfindig machen könte, was die Götter bewegen möchte, die Abänderung schädlicher Witterung zu beschliessen. Vielleicht geschah es nach einer lang' anhaltenden Dürre, daß ein Gewitter herauf zog, und einen Menschen erschlug; und folglich ward die Idee aufgefast, daß unter manchen Umständen die Elohim's Menschen zum Opfer verlangten. Das erste Studium der Teologie bestund also darinnen, daß man Bemerkungen aus der Erfarung samlete, was für Arten der Opfer und Zeremonien unter diesen oder ienen Umständen am gewönlichsten durch einen guten Erfolg bestätigt worden wären. Hiernächst fieng man nunmer auch an, den Himmel und dessen Veränderungen sorgfältig zu beobachten; ia selbst was sich den Wolken zu nähern schien; der Flug der Vögel und deren Geschrei wurden für andeutende Zeichen und Boten des Götterwillens gehalten. Die, welche diesen Beobachtungen mit besonderm Fleis oblagen, hiessen Seher; und da sie natürlich früher als andre einige Vorbedeutungen von den Witterungsveränderungen aus der Ähnlichkeit der Fäll' entdekten, so konten sie manches vorher sagen, und erhielten hierdurch eine gewisse Autorotät;

 

[Manuskriptseite 122]

unter dem Namen der Propheten, Warsager und Zeichendeuter. Diese Leute machten ihre Entdekkungen als den ihnen geoffenbarten Willen der Götter bekant; und wurden nach und nach als Heilige mit den Elohim's in näherem Umgange stehende Minister der Gotheit verert; und bei allen wichtigen Angelegenheiten von Familien und Völkerschaften um Rat gefragt. Bis dahin hatte nun die Religion noch nicht den mindesten Einflus auf die Verbesserung der Moralität. Weil indes die erstgebornen Sön' in der alten Welt Priester und Häupter der Familien zugleich waren, so benuzten diese die vorhandne Erfurcht vor den Göttern, und erteilten gute geselschaftliche Vorschriften, als ihnen vom Himmel geoffenbarte Gesezze. Diese Verbindung der Moral mit der Gottesdienstlichkeit war demnach nur zufällig. –

 

[Ib-13-1781-0305]
Es ist auch ser warscheinlich, daß die Astronomie, welche doch mit den gemeinsten Bedürfnissen des Lebens einen weit geringern Zusammenhang hat, als viele später erfundne Künste, ihren frühzeitigen Anbau dem Religionsgeiste des ersten Zeitalters, welcher zu genauer Beobachtung alles dessen, was in der Höhe vorgieng, erwekte, zu danken habe. Dieienigen, welche sich durch diese Kentnisse zuerst hervortaten, erhielten bald ein grösseres Ansehn, als all' übrige Wetterpropheten; und da man sie mit Geschenken überhäuft, wurden sie nur noch mer aufgemuntert, sich lediglich auf's Studium der Naturkunde zu legen. Um ihren Kindern ein gleich bequemes Leben zu verschaffen, machten sie aus ihren Entdekkungen Familiengeheimnisse und unterhielten aus Interesse den Aberglauben des Volks. –" Seit. 233-235.

 

[Manuskriptseite 123]

[Ib-13-1781-0306]
7) Bemerkung von der in unsern Tagen häufigen Freigeisterei

 

[Ib-13-1781-0307]
"Von Mose's knechtischem Ioche lies Got die Christen durch die heidnischen Römer befreien, und wo ich anders die Zeichen unsrer Zeit richtig deuten kan, so wird Got die zweite Erlösung vom hierarchischen Ioch' abermals durch Ungläubige bewirken, die nicht das geistige Christentum, sondern das kirchliche Lergebäud' und dessen symbolische Bolwerk' in ihren Schriften bestürmen." S. 268.

 

[Ib-13-1781-0308]
8) Akkommadazion der Apostel nach den Begriffen derer, welche sie bekeren wolten.

 

[Ib-13-1781-0309]
"Die Schriften des N. T. sind teils für palästinische, teils für hellenistische, teils für gemischte aus Iuden und Heiden gesamlete Gemeinen aufgesezt. Diese waren in ihren Prinzipien und bisherigen Religionsbegriffen ser von einander verschieden, und die Apostel musten daher notwendig für iede Klasse derselben eine eigne Lerart erwälen. Paullus versichert selbst, daß er allen allerlei geworden sei, den Iuden als ein Iude, den Griechen als ein Grieche, um viele zu gewinnen, 1 Kor. 9, 19=22 Wir haben der Samlung der h. Bücher keine Schrift, welche blos für Heiden aufgesezt worden wäre; weil die Apostel an allen Orten zuerst die Iuden zu gewinnen suchten, und diese daher überal den ersten Stam der Gemeinen ausmachten, zu welchen sich nach und nach auch Leut' aus andern Nazionen geselten. Evangelien und Briefe sind daher vornämlich für Iuden geschrieben. Allein nach einem Auszug einer Rede Paullus an die heidnischen Atener, welcher uns Apostelg. 17, 22ff. aufbehalten worden ist, können wir uns von

 

[Manuskriptseite 124]

Paullus Lerart unter den Griechen, und wie er selbst als ein Grieche zu erscheinen suchte, einen ziemlich volständigen Begrif machen. Ich sezze voraus, daß Lukas uns das Wesentlichste, was Paullus den Heiden als Christusreligion vorzutragen pflegt' und die Metode, deren er sich gewönlich dabei bediente, hat vorlegen wollen. Nun erwänt der Apostel in dieser Rede weder Mose's noch der Propheten, sondern beruft sich gegen die Atener auf ihre Philosophen und Dichter; er nent Christum weder Son Gottes, noch Her, noch Hohepriester; er gedenkt keiner von ihm zum Beweise der Götlichkeit seiner Lere verrichteten Wunder; keines Versönopfers für die Menschen, keiner Erlösung vom Zorn, Fluch, Todesengel oder Teufel; denn dies alles waren blos iüdische Vorstellungsarten. Der ganze Inhalt seiner Christentumspredigt gehet dahin: daß nur ein einiger Got sei, der Weltschöpfer, der keines Wonorts, keiner Verpflegung oder Beschenkung von den Menschen bedürfe, sondern der algegenwärtige Mitteiler aller Kräft' und alles Guten sei, was wir besizzen: daß dieser gütige Got alle Begebenheiten der Menschen regiere, und sie durch seine Woltaten zu erwekken gesucht habe, sich von ihm, als dem Geber des Guten d würdige Begriffe zu machen: daß er indes allen die grosse Unwissenheit, darin sie sich in Absicht auf ihn bisher befunden hatten, nebst den daraus hergeflossenen Folgen in ihrem Verhalten, übersehen wolle; nun aber verlange, daß alle bessere Begriffe von ihm fassen, und ihre moralische Gesinnungen verändern

 

[Manuskriptseite 125]

solten: indem er beschlossen habe, die Schiksale der Menschen dereinst nach ihrer Aufführung in diesem Leben zu bestimmen und zwar (nicht durch den Minos und Radamanthus sondern) durch einen Man, den er vom Tod' erwekt, und dadurch zugleich als einen glaubwürdigen Lerer über die Zukunft legitimirt habe. – Das ist die Christusreligion, die Paullus den Heiden predigte.

 

[Ib-13-1781-0310]
Ganz andre Wege wurden für die Iuden nach ihrer Gemütslag' eröfnet. Diese musten vor allen Dingen von der Abhängigkeit an ihr väterliches Gesez losgemacht werden; und daher musten sie Christum als einen weit höhern Gesanden Gottes, als Mose und die übrigen Propheten gewesen waren, erkennen lernen. Nun erwarteten die Iuden zur damaligen Zeit bereits einen noch grössern Propheten als Mose gewesen war, und erklärten viele Stellen des A. T. für Vorherverkündigungen der Glükseligkeit, die sich bei seiner Ankunft über die Nazion verbreiten würde. Sie nanten diesen erwarteten Propheten, den Messias, oder Christus, den Gesalbten insofern er ihr König sein, und sie an Gottes Stat regieren solte, den Son Gottes und ihren Hern, Ps. 89, 7. Ps 2, 7. Ioh. 10, 34. 36. Ebr. 1. Als diese erwartete Person ward Iesus den Iuden vorgestelt; weil aber die Iuden verschiedne Begriffe von der zukünftigen Person ihres Erlösers hatten, und weil sich da die Apostel nach ihren Vorerkentnissen richteten; so finden wir auch merere verschiedne Teorien hierüber im N. T. Drei lassen sich deutlich unterscheiden.

 

[Ib-13-1781-0311]
Die erste Teorie von Christi Person findet sich in den Schriften, die für ungelerte Iuden aus den gemeinen sy

 

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rischen Schulen aufgesezt worden, sind namentlich in den Evangelien des Matthäus, Mark's, Lukas, den Briefen Petrus, Iakob's und Iudas, und in den Reden an gemeine Iuden, die in der Apostelgeschicht' aufbehalten sind. In allen diesen Schriften ist keine Spur von einer Präexistenz der Sele, oder einer höhern Natur Christi, oder einer Herabkunft desselben vom Himmel zu finden, sondern Iesus wird als ein wundertätig empfangner Mensch, den Got mit Kraft zum Wundertun ausgerüstet habe, beschrieben, Matt. 1, 18. 20. 23. K. 3, 16. Luk. 1, 30. 35. 76=80. K. 2, 40. 52. K. 3, 22. K. 14, 61. 62. K. 22, 42=44. Apg. 2, 22. 36. K. 3, 12=26. K. 4, 27. 31. K. 5, 30=32. K. 10, 38. K. 13, 23. 33. 1 Petr. 1, 19. 20.

 

[Ib-13-1781-0312]
Die zweite Teorie ist nach dem Lersystem der gelerten Iuden, welche pytagorisch=platonische Philosophie mit der Ler' ihrer Propheten verknüpften, eingerichtet. Man findet sie in den Schriften Iohannes, der viele Iare sich zu Ephes aufgehalten hatte; auch etwas davon im Brief an die Ebräer. Nach dem System der platonisirenden Iuden hatte Got vor der Schöpfung der Welt den Logos hervorgebracht. Wenn Moses erzählt, Got sprach, so lert er, daß der Logos aus Got hervorgegangen, und durch diesen, der eine besondre, für sich bestehende Person geworden, ist, nachher alles gebildet und ausgeschmükt worden. Ausser dem Logos sind nachher noch andre Ausgeburten aus Got hervorgegangen, als die Warheit, das Licht, das Leben u. s. w. Nun glaubten diese philosophirende Iuden, der Logos sei ihr Bundsengel, der schon eh'dem dem Abraham und andern erschienen sei, und als ihr Messias sichtbar werden würde. Indes waren ihre Teorien nicht einstimmig, und andre erwarteten den Monogenes oder Eingebornen. In Hinsicht auf die Vorerkentnisse lert nun Iohannes, daß Iesus der Logos, der Eingeborne das Licht, das Leben, die Warheit und alles das vereint gewesen sei, was man sich nach der Philosophie der Platoniker grosses und herliches unter diesen Namen dachte: also derienige, durch welchen al höhöre höhere Segnungen Gottes

 

[Manuskriptseite 127]

den Menschen mitgeteilt würden. Dasselbe Wort, wodurch Got ehmals alles erschaffen, habe Fleisch angenommen und Hütt' unter uns aufgeschlagen, Ioh. 1, 1=18. und sei von den Iüngern leibhaftig gesehen, gehört und gefült worden, Ioh 1, 1=3. Daher wird von Christo in Iohannes Erzählungen wiederholentlich gesagt, er sei vom Himmel gekommen, Ioh. 13, 13. 14 und a. Prädikate werden ihm beigelegt in den Sprüchen Ioh. 8, 58. K. 17, 5. K. 5, 19f. u. s. w. Auf gleiche Weise redet Paullus Ebr. 1, 2. 3. K. 2, 7=10. 14. 16. 17. K. 3, 6. K. 5, 8. K. 7, 20=28.

 

[Ib-13-1781-0313]
Die dritte Teorie trift man in Paullus Lerart an, welcher die vorhandne verschiednen Begriffe durch's Allegorisiren einander näher zu bringen sucht, und insonderheit in den Briefen an die Epheser und Kolosser Christum zwar als den erstgebornen unter allen Geschöpfen vorstelt, durch welchen alles erschaffen sei; aber dabei diese Schöpfung mer auf's Moralische bei Errichtung einer neuen Kirche deutet, indem er lert, daß aus Iuden und Heiden eine neue dritte Gattung der Menschen erschaffen worden sei, und ieder Christ als eine neue Kreatur angesehen werden müsse: daher sich Christen nicht mer nach ihrer ersten Geburt als Iuden und Heiden, Freigeborne und Sklaven u. s. w. unterscheiden solten, Eph. 1, 10=23. K. 2, 5. 6. 10. 14. Kol. 1, 15=22. K. 2, 9. 10. 2 Kor. 5, 17. Gal. 6, 15.

 

[Ib-13-1781-0314]
Überal wird indes, wo von Christo als einem uns vorgesezten Hern und Haupt geredet wird, Got als ein höherer von ihm unterschieden, von dem Christus alle Kräfte, Kentnisse, Hoheit und Gewalt bekommen hat, und welcher Christum als die Mitelsperson, seine Segnungen auszuteilen, brauche. Hierin stimmen all' Apostel überein, 1 Kor. 8, 5. 6. 1 Tim. 2, 5. Matt. 28, 18. Ioh. 14, 28. K. 5, 18. 19. 20. 26. 27. K. 17, 3. Apg. 2, 32=36. Ph. 2, 5=11. – –" Seit. 269-274

 

[Manuskriptseite 128]

[Ib-13-1781-0315]
XVII.

 

[Ib-13-1781-0316]
La nouvelle Heloïse, ou lettres de deux amans, habitans d'une petite ville au pied des Alpes; recueillies et publiées par I. I. Rousseau. Tome premier. Geneve. MDCCLXXX.

 

[Ib-13-1781-0317]
1) Die ware Sprache der Liebe.

 

[Ib-13-1781-0318]
"Dans la retraite on a d'autres manieres de voir et de sentir que dans le commerce du monde; les passions autrement modifiées ont aussi d'autres expressions: l'imagination toujours frappée des mêmes objets, s'en affecte plus vivement. La petit nombre d'images revient toujours, se mêle à toutes nos idées, et leur donne ce tour bizarre et peu varié qu'on remarque dans les discours des Solitaires. S'ensuit-il de-là que leur langage soit fort énergique? Point du tout; il n'est qu'extraordinaire. Ce n'est que dans le monde qu'on apprend à parler avec énergie. Premierment, parce qu'il faut toujours dire autrement et mieux que les autres, et puis, que forcé d'affirmer à chaque instant ce qu'on ne croit pas, d'exprimer des sentiments qu'on n'a point, on cherche à donner à ce qu'on dit un tour persuasif qui supplée à la persuasion intérieure. Croiés-vous que les gens vraiment passionés aient ces manieres de parler vives, fortes, coloriés, que vous admirés dans vos Drames et dans vos Romans? Non; la passion plein d'elle-même, s'exprime avec plus d'abondance que de force; elle ne songe pas même à persuader; elle ne soupçonné pas qu'on puisse dou

 

[Manuskriptseite 129]

ter d'elle. Quand elle dit ce, qu'elle sent, c'est moins pour l'exposer aux autres que pour se soulager. On peint plus vivement l'amour dans les grandes villes, l'y sent-on mieux que dans les hameaux?

 

[Ib-13-1781-0319]
N. C'est-à-dire que la foiblesse du langage prouve la force du sentiment.

 

[Ib-13-1781-0320]
R. Quelquefois du moins elle en montre la vérité. Lisés une lettre d'amour faite par un Auteur dans son cabinet, par un bel-esprit qui veut briller. Pour peu qu'il ait de feu dans la tête, sa plume va, comme on dit, brûler le papier; la chaleur n'ira pas plus loin. Vous serés enchanté, même agité peut-être; mais d'une agitation passagere et seche, qui ne vous laissera que des mots pour tout souvenir. Au contraire, une lettre que l'amour a réellement dictée; une lettre d'un amant vraiment passionné, sera lâche, diffuse, toute en longeurs, en désordre, en répétitions. Son cour plein d'un sentiment qui déborde, redit toujours la même chose, et n'a jamais achevé de dire; comme une source vive qui coule sans cesse et ne s'épuise jamais. Rien de saillant, rien de remarquable; on ne retient ni mots, ni tours, ni phrases; on n'admire rien, l'on n'est frappé de rien. Cependant on se sent l'ame attendrie; on se sent ému sans savoir pourquoi. Si la force du sentiment ne nous frappe pas, sa vérité nous touche, et c'est ainsi que le coeur fait parler au coeur. Mais ceux, qui ne sentent rien, ceux, qui n'ont que le jargon paré des passions, ne

 

[Manuskriptseite 130]

connoissent point ces sortes de beautés et les méprisent dans cette derniere espece de lettres; si les pensées sont communes, le style pourtant n'est pas familier et ne doit pas l'être. L' amour qu'illusion; il se fait, pour ainsi dire, un autre Univers; il s'entoure d'objets, qui ne sont point, ou auxquels lui seul a donné l'être; et comme il rend tous les sentiments en images, son langage est toujours figuré. Mais ces figures sont sans justesse et sans suite; son eloquence est dans son désordre; il prouve d'autant plus qu'il raisonné moins. L'enthousiasme est le dernier degré de la passion. Quand elle est à son comble, elle voit son objet parfait; elle en fait alors son idole; elle le place dans le ciel; et comme l'enthousiasme de la dévotion emprunte le langage de l'amour, l'enthousiasme de l'amour emprunte aussi le langage de la dévotion. Il ne voit plus que le Paradis, les Anges, les vertus des Saints, les delices du séjour céleste. Dans ces transports, entouré de si hautes images, en parlera-t-il en termes rampans? Se résoudra-t-il d'avaisser, d'avilir ses idées par des expressions vulgaires? N'élevera-t-il pas de la noblesse, de la dignité? –" Voiés la Préface, Pag. XVIII-XXV.

 

[Ib-13-1781-0321]
2) Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0322]
"Je ne suis ni assés fou ni assés sage pour avoir toujours raison." V. la Preface Pag. LVIIII.

 

[Ib-13-1781-0323]
"C'est dans les siecles les plus dépravés qu'on aime les leçons de la morale la plus parfaite. Cela dispense de les pratiquer ; et l'on contente à peu

 

[Manuskriptseite 131]

de frais, pour une lection oisive, un reste de goût pour la vertu." Pref. Pag. LXII.

 

[Ib-13-1781-0324]
"L'ardeur de nos desirs prête à leur objet la possibilité qui lui manque." P. 5.

 

[Ib-13-1781-0325]
3) Von der Gelersamkeit.

 

[Ib-13-1781-0326]
"La science est dans la pluspart de ceux qui la cultivent une monnoie, dont on fait grand cas, qui cependant n'ajoute au bien-être qu'autant qu'on la communique et n'est bonne que dans le commerce. Otés à nos savans le plaisir de se faire écouter, le savoir ne sera rien pour eux. Ils n'amassent dans le cabinet que pour répandre dans le public, ils ne veulent être sages qu'aux yeux d'autrui, et ils ne soucieroient plus de l'étude, s'ils n'avoient plus d'amirateurs. Pour nous qui voulons profiter de nos connoissances, nous ne les amassons point pour les revendre, mais pour les convertir à notre usage: ni pour nous en charger, mais pour nous en nourrir. Peu lire, et penser beaucoup à nos lectures, ou, ce qui est la même chose, en causer beaucoup entre nous, est le moyen de les bien digérer. Il pense que quand on a une fois l'entendement ouvert par l'habitude de réfléchir, il vaut toujours mieux trouver de soi-même les choses qu'on trouveroit dans les livres; c'est le vrai secret de les bien mouler à sa tête, et de se les approprier. Au lieu qu'en les recevant telles qu'on nous les donne, c'est presque toujours sans une forme, qui n'est pas la nôtre. Nous sommes plus riches que nous ne pensons; mais, dit Montaigne, on nous dresse à l'emprunt et à la quête, on nous apprend à nous servir du bien d'autrui plutôt que du nôtre; ou plutôt, accumulant sans cesse, nous

 

[Manuskriptseite 132]

n'osons toucher à rien: nous sommes comme ces avares qui ne songent qu'à remplir leurs greniers , et dans le sein de l'abondance se laissent mourir de faim. –

 

[Ib-13-1781-0327]
La grande erreur de ceux qui étudient est de se ne pas se fier trop à leurs livres et de ne pas tirer trop de leur fonds, sans songer que de tous les Sophistes, notre propre raison est presque toujours celui, qui nous abuse le moins. Si tôt qu'on veut rentrer en soi même, chacun sent ce qui est bien, chacun discerne ce qui est beau; nous n'avons pas besoin qu'on nous apprenne à connaître ni l'un ni l'autre, et l'on ne s'en impose lá-dessus qu'autant qu'on s'en veut imposer. Mais les exemples du très bon et du très-beau sont plus rares et moins connus, il les faut aller chercher loin de nous. La vanité, mesurant les forces de la nature sur notre foiblesse, nous fait regarder comme chimériques les qualités que nous ne sentons pas en nous-mêmes, la paresse et le vice s'appuyent sur cette prétendue impossibilité, et ce qu'on ne voit pas tous les jours, l'homme foible prétend qu'on ne le voit jamais. C'est cette erreur qu'il faut détruire. Ce sont ces grands objets qu'il faut s'accoutumer à sentir et à voir, afin de s'ôter tout prétexte de ne pas les imiter. L'ame s'eleve, le coeur s'enflamme à la contemplation de ces divins modeles, à force de ces considérer on cherche à leur devenir semblable, et l'on ne souffre plus rien de médiocre sans un dégoût mortel.

 

[Ib-13-1781-0328]
N'allons donc chercher dans les livres des principes et des regles que nous trouvons plus surement au-dedans de nous. Laissons-lá toutes ces vaines disputer

 

[Manuskriptseite 133]

sur le bonheur et sur la vertu; employons à nous rendre bons et heureux le tems qu'ils perdent à chercher comment on doit l'être, et proposons-nous de grands exemples à imiter plutôt que de vains sistêmes à suivre. – J'ai toujours cru, que le bon n'etoit que le beau mis en action, que l'un tenoit intimement à l'autre, et qu'ils avoient tous deux une source commune dans la nature bien ordonnée. Il suit de cette idée que le goût se perfectionne et qu'une ame bien touchée des charmes de la vertu doit à proportion être aussi sensible à tous les autres genres de beautés. On s'exerce à voir comme à sentir, ou plutôt une vue exquise n'est qu'un sentiment délicat et fin. C'est ainsi qu'un peintre à l'aspect d'un beau visage paysage ou devant un beau tableau s'extasie à des objets qui ne sont pas même remarqués d'un specateur vulgaire. Combien de choses qu'on n'apperçoit que par sentiment et dont il est impossible de rendre raison! Combien de ces je ne sais quoi qui reviennent si fréquemment et dont le goût seul décide! le goût est en quelque maniere le microscope du judgement; c'est lui qui met les petits objets à sa portée, et ses opérations commencent où s'arrêtent celle du dernier. Que faut-il donc pour le cultiver? S'exercer à voir ainsi qu'à sentir et à juger du beau par inspection comme du bon par sentiment." P. 55-60.

 

[Ib-13-1781-0329]
4) Beschreibung der Alpen.

 

[Ib-13-1781-0330]
"Tantôt d'immenses rochers pendoient en ruines au-dessus de ma tête. Tantôt de hautes et bruyantes cascades m'inondoient de leur épais brouillard. Tantôt un torrent éternel ouvroit à mes côtés un abyme

 

[Manuskriptseite 134]

dont les yeux n'osoient sonder la profondeur. Quelquefois je me perdois dans l'obscurité d'un bois toussu. Quelquefois en sortant d'un gouffre une agréable prairie réjouissoit tout à coup mes regards. Un mêlange étonnont de la nature sauvage et de la nature cultivée montroit par-tout la main des hommes, où l'on eût cru qu'ils n'avoient jamais pénétré: à côté d'une caverne on trouvoit des maisons; on voyoit des pampres secs où l'on n'eût cherché que des ronces; des vignes dans des terres éboulées. d'excellens fruits sur des rochers, et des champs dans des précipices.

 

[Ib-13-1781-0331]
Ce n'etoit pas seulement le travail des hommes qui rendoit ces pays etranges si bizarrement contrastés, la nature sembloit encore prendre plaisir à s'y mettre en oppostion avec elle-même, tant on la trouvoit différente en un même lieu sous divers aspects. Au levant les fleurs du printems, au midi les fruits de l'automne, au nord les glaces de l'hiver. elle réunissoit toutes les saisons dans le même instant, tous les climats dans le même lieu, des terrains contraires sur le même sol, et formoit l'accord inconnu par-tout ailleurs des productions des plaines et celles des Alpes. Ajoutés à tout cela les illusions de l'optique, les pointes des monts différrement éclairées, le clair-obscur du soleil et des ombres, et tous les accidens de lumiere qui en résultoient le matin et le soir; vous aurés quelque idée des scenes continuelles qui ne cesserent d'attirer mon admiration, et qui sembloient m'être offertes en un vrai théatre; car la perspective

 

[Manuskriptseite 135]

des monts étant verticale frappe les yeux tout à la fois et bien plus puissament que celle des plaines qui ne se voit qu'obliquement, en fuyant, et dont chaque objet vous en cache un autre. –

 

[Ib-13-1781-0332]
Sur les hautes montagnes, où l'air est pur et subtil on se sent plus de facilité dans la respiration, plus de l'égéreté dans le corps, plus de sérénité dans l'esprit, les plaisirs y sont moins ardens, les passions plus modérées. Les meditations y prennent je ne sais quelle caractere grand et sublime, proportionné aux objets qui nous frappent, je ne sais quelle volupté tranquille qui n'a rien d'âcre et de sensuel. Il semble qu'en s'élevant au-dessus du séjour des hommes on y laisse tous les sentimens bas et, terrestres, et qu'à mesure qu'on approche des regions éthérées, l'ame contracte quelque chose de leur inaltérable purieté. On y est grave sans mélacolie, paisible sans indolence, content d'être et de penser: tous les plaisirs desirs trop vifs s'émoussent, ils perdent cette pointe aiguë qui les rend douloureux, ils ne laissent au fond du coeur qu' une émotion légere et douce. –" P. 95-99.

 

[Ib-13-1781-0333]
5) Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0334]
"Celui est malheureux, qui sent le contraste insupportable de grandeur au fond de son ame et de bassesse dans sa fortune." P. 122.

 

[Ib-13-1781-0335]
"Malheureux trouve par-tout dans les objets la-même horreur qui regne au dedans de soi. Toute la nature est morte à ses yeux, comme l'esperance au fond de son coeur." P. 123.

 

[Ib-13-1781-0336]
"Je vois sous une apparente sérénité les déplaisirs

 

[Manuskriptseite 136]

cachés qui t'ssiégent, et la tristesse, voilée d'un doux sourire n'est que plus amere à mon coeur." P. 144.

 

[Ib-13-1781-0337]
6) Beredsamkeit!

 

[Ib-13-1781-0338]
"Vois ma honte, et gémis si tu sais aimer. Ma faute est irréparable, mes pleurs ne tariront point. O toi qui les fais couler, crains d'attenter à de si justes douleurs; tout mon espoir est e les rendre éternelles: le pire de mes maux seroit d'en être consolée, et c'est le dernier degré de l'opprobre de perdre acec l'innocence le sentiment qui nous la fait aimer.

 

[Ib-13-1781-0339]
Je connois mon sort, j'en sens l'horreur, et ce pendant il me resterane consolation dans mon désespoir, elle est unique, mais elle est douce. C'est de toi que je l'attends, mon aimable ami. Depuis que je n'ose plus porter mes régards sur moi-même, je les porte avec plus de plaisir sur celui que j'aime. Je te rends tout ce que tu m'ôtes de ma propre estime, et tu ne m'en deviens que plus cher en me forcant à me haïr. L'amour, cet amour fatal qui me rend perd te donne un nouvéau prix; tu t'éleves quand je me dégrade, ton ame semble avoir profité de tout l'avilissiment de la mienne. Sois donc déformais mon unique despoir , c'est à toi de justifier, s'il se peut, ma faute; couvre-là de l'honnêteté de tes sentimens; que ton mérite efficace ma honte; rends excusable à force de vertus la parte de celles que tu me côutes. Sois tout mon être, à présent que je ne suis plus rien. Le seul honneur qui me reste, est tout en toi, et tant que tu seras digne de respect, je ne serai pas tout-à-fait méprisable." P. 150-151.

 

[Manuskriptseite 137]

[Ib-13-1781-0340]
7) Die rechte Lieb' ist rein, keusch und gut.

 

[Ib-13-1781-0341]
"Pour une femme ordinaire, tout homme est toujours un homme; mais pour celle dont le coeur aime, il n'y a point d'homme que son amant. Que dis-je? un amant n'est-il qu'un homme? Ah! qu'il est un être bien plus sublime! Il n'y a point d'homme pour celle qui aime: son amant est plus, tous les autres sont moins; elle et lui sont les seuls de leur espece. Ils ne desirent pas, ils aiment le coeur ne suit point les sens, il les guide; il couvre leurs égaremens d'un voile délicieux. Non il n'ya rien d'obscene que la débauche et son grossier langage. Le véritable amour toujours modeste n'arrache point ses faileurs aves audace; il les derobe avec timidité. Le mystere, le silence, la honte craintive aiguisent et chachent ses doux transports, sa flamme honore et purefie toutes ses caresses; la décence et l'honnêtteté l'accompagnent au sein de la volupté même, et lui seul fait tout accorder aux defirs sans rien ôter à la pudeur." P. 224.

 

[Ib-13-1781-0342]
"Femme trop facile, voulés-vous savoir si vous êtes aimée? examinés votre amant sortant de vos bras. O amour! Si je regrette l'âge où l'on te goûte, ce n'est pas pour l'heure de la jouissance; c'est pour l'heure qui la suit." P. 245.

 

[Ib-13-1781-0343]
8) Wider die Dullle Duelle.

 

[Ib-13-1781-0344]
"Qu'y à-t-il commun entre la gloire d'égorger un homme et le témoignage d'une ame droite, et quelle prise peut avoir une vaine opinion d'autrun sur l'honneur véritable, dont toutes les racines sont au fond du coeur? Quoi! les vertus qu'on a réel

 

[Manuskriptseite 138]

lement périssent-elles sous les mensonges d'un calomniateur? Les injures d'un homme ivre prouvent-elles qu'on le merite, et l'honneur du sage seroit-il à la merci du premier brutal qu'il peut rencontrer? Me dirés-vous qu'un duel temoigne qu'on a du coeur, et que cela suffit pour effacer la honte ou le reproche de tous les autres vices? Je vous demanderai quel honneur peut dicter une pareille décision, et quelle raison peut la justifier? A ce compte un fripon n'a qu' à se battre pour cesser d' être;un sp fripon les discours d'un menteur deviennent des vérités; sitôt qu'ils sont sontenus à la pointe de l'epée, et si l'on vous accusoit d'avoir tué un homme, vous en iriés tuer un second pour prouver que cela n'est pas vrai? Ainsi, vertu, vice, honneur, infamie, verité mensonge, tout peut tirer son être de l'événement d'un combat; une salle d'armes est le siége de toute justice; il n'ya d'autre raison que le meurtre, toute la réparation dué à ceux qu'on outrage est de les tuer, et toute offense est egalement bien lavée dans le sang de l'offenseur ou de l'offensée? Dites, si les loups savoient raisonner, auroient-ils d'autres maximes? Jugés, vous-même par les cas où vous êtes si j'exagere leur absurdité. De quoi s'agit-il ici pour vous? D'un démenti reçu dans une occasoin où vous mentiés en effet. Pensés-vous donc tuer la vérité avec celui que vous voulés punir de l'avoir dite? Songés-vous qu'en vous soumettant au fort d'un duel vous appellés le ciel en témoignage d'une fausseté, et que vous osés dire à l'arbitre des combats; viens

 

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souvenir la cause injuste, et faire triompher le mensonge? Ce blasphême n'a-t-il rien qui vous éprouvante? Cette absurdité n'a-t-elle rien qui vous révolte? Eh Dieu! quel est ce misérable honneur qui ne craint pas le vice mais le reproche, et qui ne vous permet pas d'en durer d'un autre un démenti reçu d'avance de votre propre coeur.

 

[Ib-13-1781-0345]
Les plus vaillans hommes de l'antiquité songerent-ils jamais à venger leurs injures personnelles par des combats particuliers? César envoya-t-il un cartel à Caton, ou Pompée à César, pour tant d'affront réciproques, et les plus grand capitaine de la Grece fut-il déshonoré pour s'être laissé menacer du bàton? D'autres tems, d'autres moeurs, ja le sais, mais n'y en a-t-il que des bonnes, et n'oseroit-on s'enquerir si les moeurs d'un tems sont celles qu'exige le solide honneur? Non, cet honneur n'est point variable, il ne dépend ni des tems, ni des lieux, ni des préjugés, il ne peut ni passer ni renaître, il a sa source éternelle dans le coeur de l'homme juste et dans la regle inaltérable de ses devoirs. Si les peuples les plus éclairés, les plus braves, les plus vertueux de la terre n'ont point connu le duel, je dis qu'il n'est pas une institution de l'honneur, mais une mode affreuse et barbare digne de sa feroce origine. Reste à savoir si, quand s'agit de sa vie ou de celle d'autrui, l'honnête homme se regle sur la mode, et s'il n'y a pas alors plus de vrai courage à la braver qu'à la suivre? Que feroit à votre avis, celui qui s'y veut asservir, dans

 

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des lieux où regne un usage contraire? A Messine ou à Naples, il iroit attendre son homme au coin d'une rue et le poignarder par derriere. Cela s'appelle être brave en ce pays-là et l'honneur n'y consiste pas à se faire tuer par son ennemi, mais à le tuer lui-même.

 

[Ib-13-1781-0346]
Gardés-vous donc de confondre le nom sacré de l'honneur avec ces préjugé feroce, qui met toutes les vertus à la pointe d'une épée, et n'est propre qu'à faire de braves scétérats. Que cette méthode puisse fournir si l'on veut un supplement à la probité, par-tout où la probité regne son supplément n'est-il pas inutile; et que penser de celui qui s'expose à la mort pour s'exempter d'être honnête homme? Ne voiés vous pas que les crimes que la honte et l'honneur n'ont point empêchés sont couverts et multipliés par la fausse honte et la crainte du blâme? C'est elle qi rend l'homme hypocrite et menteur; c'est elle qui lui fait verser le sang d'un ami pour un mot indiscret qu'il devroit oublier, pour un reproche mérité qu'il ne peut souffrir. C'est elle qui transforme en furie infernale une fille abusée et craintive. C'est elle, ô Dieu puissant! qui peut armer la main maternelle contre le tendre fruit – – Je sens defaillir mon ame à cette idée horrible, et je rends grace au moins à celui qui sonde les coeurs d'avoir éloigné du mien cet honneur affreux qui n'inspire que des forfaits et fait forémir la nature. O mon ame! Si vous aimés sincérement la vertu,

 

[Manuskriptseite 141]

apprenés à la servir à sa mode, et non à la mode des hommes. Je veux qu'il en puisse résulter quelque inconvénient: ce mot de vertu n'est-il donc pour vous qu'un vain nom, et ne serés-vous vertueux que quand il n'en coûtera rien de l'être?

 

[Ib-13-1781-0347]
Mais quels sont au fond ces inconvéniens? Les murmures des gens oisifs, des méchans, qui cherchent à s'amuser des malheurs d'autrui et voudroient avoir toujours quelque histoire nouvelle à raconter. Voilà vraiment un grand motif pour s'entre-égorger! Si le philosphe et le saye se reglent dans les plus grandes affaires de la vie sur les discours insensés de la multitude, que sert tout ce appareil d'études pour n'être au fond qu'un homme vulgaire? Vous n'oser donc sacrifier le ressentiment au devoir, à l'estime, à l'amitié, de peur qu'on ne vous accuse de craindre la mort? Pesés les choses et vous trouverés bien plus de lâcheté dans la crainte de ce reproche, que dans celle de la mort même. La fanfaron, la poltron veut à toute force passer pour brave;

 

[Ib-13-1781-0348]
Ma verare valor, ben che negletto

 

[Ib-13-1781-0349]
E di se stesso a se freggio assai chiaro

 

[Ib-13-1781-0350]
a) Mais la véritable valeur n'a pas besoin du témoignage d'autrui et tire sa gloire d'elle-même. Celui qui feint d'envisager la mort sans effroi, ment. Tout homme craint de mourir, c'est la grande loi des êtres sensibles, sans laquelle toute espece mortelle seroit bientôt détruite. Cette crainte est un simple prouvement de la nature, non-seulement indifférent, mais bon en lui-même et conforme à l'ordre. Tout ce, qui la rend honteuse et blamable, c'est qu'elle peut nous em

 

[Manuskriptseite 142]

pécher de bien faire et de remplir nos devoirs. Si la lâcheté n'étoit jamais un obstacle à la vertu, elle cesseroit d'être un vice Quiconque est plus attaché à sa vie qu'à son devoir ne sauroit être solidement vertueux, j'en conciens. Mais expliqués-moi, vous qui vous piqués de raison, quelle espece de mérite on peut trouver à braver la mort pour commettre un crime?

 

[Ib-13-1781-0351]
Quand il seroit vrai qu'on se fait mépriser en refusant de se battre, quel mépris est le plus á craindre, celui des autres en faisant bien, ou celui le bien propre en faisant mal? Croiés-moi, celui qui s' ex estime véritablement lui-même est peu sensible à l'injuste mépris d'autrui, et ne craint que d'en être digne: car le bon et l'honnête ne dependent point du jugement des hommes, mais de la nature des choses; et quand toute la terre approuveroit l'action que vous allés faire, elle n'en seroit pas moins honteuse. Mais il est faux qu'à s'en abstenir par vertu l'on se fasse mépriser. L'homme droit dont toute la vie est sans tache et qui ne donna jamais aucun signe de lâcheté, refusera de souiller sa main d'un homicide et n'en sera que plus honoré. Toujours prêt à servir la patrie, à protéger le foible, à remplir les devoirs les plus dangereux, et à défendre en toute rencontre juste et honnête ce qui lui est cher au prison de son sang, il met dans ses démarches cette inébranlable fermét´t qu'on n'a point sans le vrai courage. Dans

 

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la sécurité de sa conscience, il marche tête levée, il ne fuit ni ne cherche son ennemi. On voit aisément qu'il craint moins de mourir que de mal faire, et qu'il redoute le crime et non le péril. Si les vils préjugés s'élevent un instant contre lui, tous les jours de son honorable vie sont autant de temoins qui les récusent, et dans une conduite si bien liée on juge d'une action sur toutes les autres.

 

[Ib-13-1781-0352]
Mais savés-vous ce qui rend cette modération si pénible à un homme ordinaire? C'est la difficuté de la soutenir dignement. C'est la necessité de ne commettre ensuite aucune action blamable. Car si la crainte de mal faire ne le retient pas dans ce dernier cas, pourquoi l'auroit-elle retenu dans l'autre où l'on peut supposer un motif plus naturel? On voit bien alors que ce refus ne vient pas de vertu, mais de lâcheté, et l'on se moque avec raison d'un scrupule qui ne vient que dans le péril. N'avés-vous point remarqué que les hommes ombrageux et si prompts à provoques les autres sont, pour la plupart, de très-mal-honnêtes gens qui, de peur qu'on n'ose leur montrer ouvertement le mépris, qu'on a pour eux, s'efforcent de couvrir de quelques affaires d'honneur l'infamie de leur vie entiere? Est-ce à vous d'imiter de tels hommes? Mettons encore à part les militaires de profession qui vendent leur sang à prix d'argent, qui, voulant conserver leur place, calculent par leur intérêt ce qu'ils doivent à leur honneur, et savent à écu près ce que vaut leur vie. –

 

[Ib-13-1781-0353]
J'aime les gens de coeur et ne puis souffrir les lâches; mais je veux que la valeur se montre dans les occasins lègitimes, et qu'on ne se hâte pas d'en faire

 

[Manuskriptseite 144]

hors de propos une vaine parade, comme si l'on avoit peur de ne la pas retrouver au besoin. Tel fait un effort et si présente une fois pour avoir droit de se cacher le reste de sa vie. Le vrai courage a plus de constance et moins d'empressement; il est toujours ce qu'il doit être; il ne faut ni l'exciter ni le retenir; l'homme de bien le porte partout avec lui; au combat contre l'ennemi; dans un cercle en faveur des absens et de la verité; dans son lit contre les attaques de la douleur et de la mort. La force de l'ame qui l'inspire est d'usage dans tous les tems; elle met toujours la vertu au-dessus des événement, et ne consiste pas à se battre, mais à ne rien craindre. –" Pag. 255-266.

 

[Ib-13-1781-0354]
XVIII.

 

[Ib-13-1781-0355]
Iohan Iakob Rousseau's, Bürgers zu Genf, philosophische Werke. Erster Band. Aus dem Französischen Übersezt. Reval und Witenberg, bei Albrecht und Compagnie. 1779.

 

[Ib-13-1781-0356]
1) Von der Verstellung, die unter den Menschen herscht.

 

[Ib-13-1781-0357]
"Wie gut liess'es sich unter uns leben, wenn das äusserliche Betragen immer der Abdruck der Sele wäre; wenn Sitlichkeit Tugend wäre; wenn unsre Grundsäzz' uns zur Richtschnur dienten; wenn ware Philosophie mit dem Titel eines Philosophen unzertrenlich wäre! Allein so viel' Eigenschaften finden sich selten beisammen, und die Tugend erscheint selten mit solchem Gepränge. Reichtum und Pracht zeigen den Man von Vermögen an, und Zierlichkeit einen Man von Geschmak. Den gesunden und starken Man erkent man an andern Kenzeichen: nur durch unter dem bäurischen Kittel des Taglöners, nicht

 

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in den vergoldeten Zimmern des Hofmans findet man Kraft und Stärke des Körpers. Die Tugend ist die Kraft und Stärke der Sel' und gleichweit von der Pracht entfernt. Der rechtschafne Man pflegt gleich den Atleten nakt zu kämpfen; er verachtet diese Zierde, welche nur den Gebrauch der Glieder verhindern, und die gröstenteils nur erfunden worden, um gewisse Mängel zu verstekken.

 

[Ib-13-1781-0358]
Eh' unser äusserliches Wesen durch die Kunst verändert und wir unsre Leidenschaften künstlich zu verbergen erlernt hatten, waren unsre Sitten zwar rauh, aber natürlich, und die Veränderung des Karakters offenbarte sich zugleich mit der Veränderung der Lebensart. Der Mensch war vorher zwar nicht besser, man fand aber seine Sicherheit in der algemeinen Aufrichtigkeit der Gesinnungen; und dieser Vorteil, welchen man heutzutag verkent, bewarte sie vor vor vielen Lastern.

 

[Ib-13-1781-0359]
Heutzutag aber, da man durch spizfündige Untersuchungen und einen übertriebnen verfeinerten Geschmak die Kunst zu gefallen in Regeln gebracht hat, herscht in unsern Sitten eine niedrige und betrügliche Einförmigkeit, und alle Gemüter scheinen nach einem Muster gebildet zu sein: immer erfordert die Höflichkeit und gebietet der Wolstand; immer folgt man angenommenen Gebräuchen und niemals seiner Neigung. Man darf sich nicht mer zeigen, wie man ist; und unter diesem beständigen Zwang handeln alle Menschen, welche in Geselschaft leben und in gleichem Verhältnis stehn, immer einförmig, wenn nicht mächtigere Bewegungsgründe sie davon abhalten. Man weis also niemals recht, we mit wem man zu tun hat; man mus also, um seinen Freund zu prüfen, ausserordentliche Gelegenheiten erwarten; das heist, man mus

 

[Manuskriptseite 146]

warten, bis es nicht mer Zeit ist, denn eben bei solchen ausserordentlichen Fällen solte man ihn schon vorher gekant haben.

 

[Ib-13-1781-0360]
Welcher Schwarm von Lastern wird nicht diese Ungewisheit begleiten? Es giebt also keine ware Freundschaft, keine ware Achtung, kein festes Zutrauen mer. Argwon, Mistrauen, Furcht, Zurükhaltung, Has und Verläumdung, werden sich ewig unter diesem betrügerischen Schein der Höflichkeit, dieser gepriesenen Feinheit der Sitten, verstekken, welche wir der Aufklärung unsers Iarhunderts zu danken haben. Der Name des höchsten Wesens wird nicht mer durch Flüch' und Schwüre gemisbraucht werden; dafür wird man ihn durch feine Spötterei entheiligen, one daß unser zartes Gehör dadurch beleidigt werde. Man wird sich nicht mer selbst rümen; dagegen wird man andre heruntersezzen. Seinen Feind wird man nicht mer offenbar beleidigen; dafür ihn insgeheim verläumden. Der Nazionalhas der Völker wird verlöschen; zugleich aber auch die Liebe zum Vaterland. Eine schädliche Zweifelsucht wird an die Stelle der Unwissenheit treten. Ausschweifungen werden verdamt, und Laster verachtet werden; andre aber den Namen der Tugend erhalten, und man wird sie entweder wirklich oder doch zum Schein annemen müssen. Man rüme mir, wie man wil, die Mässigkeit unsrer Weisen; ich halte sie für eine ausstudirte Unmässigkeit, welche eben sowenig zu loben ist als ihre angenommene Simplizität. –" S. 14-17.

 

[Manuskriptseite 147]

[Ib-13-1781-0361]
2) Schädliche Gewonheit, die Wissenschaft der Tugend vorzuziehen.

 

[Ib-13-1781-0362]
"Man fragt nicht mer danach, ob ein Mensch rechtschaffen ist, sondern blos, ob er Geschiklichkeit besizt; und von einem Buche fragt man nicht, ob's nüzlich ist, sondern blos, ob's gut geschrieben sei. Die Weisheit wird betont, und die Tugend bleibt ungeachtet. Tausend Preise sind auf eine schöne Rede gesezt, und nicht einer auf eine schöne Handlung; man sage mir aber, welches mer Verdienst sei: eine schöne Rede zu verfertigen, die den Preis der Akademie erhält; oder Preis selbst gestiftet zu haben." S. 50.

 

[Ib-13-1781-0363]
3) Bemerkungen über verschiedne Gegenstände.

 

[Ib-13-1781-0364]
"Fürsten, die zugleich grosse Männer sind, gehört ein mässiges aber ausgewähltes Lob. Die Schmeichelei beleidigt ihre Grösse, uns selbst das Lob verdunkelt schon einigermassen ihre Ere. Wenigstens weis ich gewis, daß Traian in meinen Augen viel grösser wäre, wenn Plin niemals geschrieben hätte. Wär' Alexander wirklich der grosse Man gewesen, der er sein wolte, so würd' er nie weder an sein Porträt, noch an seine Bildsäule gedacht haben, sein Lob hätt' er einem Lazädemonier überlassen sollen, selbst, wenn er nie wäre gelobt worden. Das einzige würdige Lob eines Königs hört man nicht aus dem Mund' eines feinen Redners, sondern aus dem Mund' eines freien Volks." S. 66.

 

[Ib-13-1781-0365]
"Unsre Biblioteken sind vol teologischer Schriften, und die Kasuisten sind in Menge bei uns. Sonst hatten wir Heilige, und keine Kasuisten. Die Wis

 

[Manuskriptseite 148]

senschaft breitet sich aus, und der Glaube verschwindet. Iederman lert Gutes tun, und niemand wil's selbst ausüben. Wir sind alle gelert geworden, und haben aufgehört Christen zu sein." S. 90.

 

[Ib-13-1781-0366]
"Ich wil lieber, daß mein Feind mich öffentlich angreife, als daß er meuchelmörderischer Weise von hinten zukomt. Wie! also sol's Laster auch noch Ärgernis geben? Ich weis es nicht, aber ich wünschte doch, daß keine Hinterlist damit verknüpft wäre. Die vielen Säzz' über's öffentliche Ärgernis, welche man uns beständig vorpredigt, sind würklich für die Lasterhaften ser bequem; wenn man sie nun iedes mal genau befolgen wolte, so müste man sich bestelen, verraten und ermorden lassen, on' iemand zu bestrafen, denn's ist ein häslicher Anblik, wenn ein Übeltäter auf dem Rade liegt – Aber die Tugend selbst wird durch die Heuchelei nur noch mer geert und erhöht – – Ia, so wie Zäsar von seinen Mördern, die sich vor ihn niederwarfen, um ihn desto sicherer zu ermorden. kan man von einem Dieb, welcher die Livree eines Hauses anzieht, um desto sicherer zu stelen, wol sagen, daß er dem Hern Ere mache? Nein, die Laster mit dem schändlichen Mantel der Heuchelei bedekken, dies heist die Tugend nicht eren; man schändet sie vielmer, indem man ihr Bild verunert; die Niederträchtigkeit und die Arglist kommen alsdenn noch zu den übrigen Lastern; und man verspert sich auf immer die Rükker zur Tugend. es giebt gewisse erhabne Karaktere, welche selbst in dem Laster eine gewisse Gröss' und Erhabenheit an sich blikken lassen, welche uns noch einige Spuren

 

[Manuskriptseite 149]

von ienem himlischen Feur in ihnen zeigt, das edle Selen begeistert. Allein die schlechte und niedrige Sel' eines Heuchlers gleicht einem toden Körper, wo man weder Wärme, noch Feur, noch Spuren des Lebens mer antrift. Ich berufe mich auf die Erfarung. Man hat grosse Übeltäter gesehen, die in sich selbst zurükgekert, den Rest ihres Lebens heilig zugebracht, und als Auserwälte gestorben sind. Man hat aber noch nie gesehen, daß aus einem Heuchler ein erlicher Man geworden wäre; die Belerung des Kartouche wäre vielleicht nicht schwer gewesen, niemals aber würd' iemand es unternommen haben, Kromwell'n zu bessern." S. 96-97

 

[Ib-13-1781-0367]
"Ich sehe niemals eine Komödie des Moliere auffüren, one zugleich die Delikatess' ihrer Zuschauer zu bewundern. Ein etwas freies Wort, ein mer grober als unflätiger Ausdruck, alles beleidigt ihre zarten Oren, und ich glaube gewis, daß die allerverdorbensten, auch die ekelhaftesten sind. Wenn man nun die Sitten zu Moliere's Zeiten mit den unsrigen vergleicht, glaubt man wol, daß wir dabei gewinnen würden? Sobald die Einbildungskraft einmal verdorben ist, so ist ihr alles ein Ärgernis, und sobald man nichts Gutes mer an sich hat, als das äusserliche, so wendet man alles an, es zu erhalten." Seit. 137.

 

[Ib-13-1781-0368]
4) Bild und Schiksal des Rousseau's – von ihm selbst.

 

[Ib-13-1781-0369]
"Man weis iezt eben so wenig, warum man mich hast als warum man mich vormals liebte. Ich aber blieb immer derselbe: mer eifrig als gelert bei meinen Untersuchungen, in allem aufrichtig, auch selber wider mich; einfältig und gut, aber empfindsam und schwach; ich tu' oft oft das Böse, und liebe beständig das Gute; die Freundschaft allein kan mich fesseln, nicht Umstände, und

 

[Manuskriptseite 150]

hierin folg' ich mer meinem Herzen, als meinem Vorteil; von den Menschen verlang' ich nichts; und wil auch nicht von ihnen abhangen; ihren Vorurteilen geb' ich eben so wenig nach, als ihren Willen, und behalte den meinigen eben so frei, wie meine Vernunft: ich fürchte Got, one vor der Hölle zu zittern; und spreche mit Erfurcht von der Religion; weder Schwärmerei noch Gotlosigkeit gefält mir; Intoleranz aber hass' ich noch mer wie die Freigeisterei; meine Denkungsart verberg' ich vor niemand, und bin weder vol Verstellung, noch vol List; meinen Freunden bekenn' ich meine Feler, meine Meinungen bekenn' ich iederman, dem Publikum sag' ich die Warheit, one Schmeichelei und one Bitterkeit, und bekümre mich eben so wenig darum, ihm zu gefallen, als ihm zu misfallen. Dies sind meine Laster und meine Tugenden.

 

[Ib-13-1781-0370]
Endlich war ich dieser Betäubung überdrüssig, und ermüdet, von der überflüssigen Zeit der Müssigen, und verschwenderisch mit der meinigen, seufzt' ich nach Ruhe, welche nach so vielen Leiden mir nötig war, und legte mit Freuden die Feder nieder. Zufrieden, daß ich sie nur zum Besten meiner Mitbrüder ergriffen hatte, verlangt' ich von ihnen keine weitere Belonung, als mich in meiner Einsamkeit in Ruhe sterben zu lassen, und mir kein Leid zuzufügen. Ich betrog mich ser; die Gerichtsdiener kamen, und belerten mich eines andern, und eben zu der Zeit, wo ich dachte, daß sich al mein Leiden endigen würde, fiengen die grösten Trübsale meines Lebens an. – Ein Genfer läst ein Buch in Holland drukken, und das Parlement zu Paris, verdamt dieses Buch zum Feur, on' auf's Privileg des Fürsten zu achten, mit dem's versehen ist. Ein Protestant, bringt

 

[Manuskriptseite 151]

in protestantischem Land' einige Einwürfe gegen die römische Kirche vor, und das pariser Parlament läst ihn zitiren. Ein Republikaner verwirft in einer Republik die monarchische Regierung, und das pariser Parlement zitirt ihn wieder. Gewis das Parlement zu Paris mus eine hohe Meinung von seiner Gewalt haben, und sich für den rechtmässigen Richter des menschlichen Geschlechts ansehen. Dieses nämliche Parlement, welches sonst in Rüksicht eines Franzosen alle Regeln des Rechts so genau beobachtet, versäumt sie alle, so bald's einen armen Fremden betrift. One zu untersuchen, ob dieser Fremde auch der V. des Buchs ist, welches seinen Namen fürt, ob er's für das seinige erkent, ob er's hat drukken lassen; one Mitleid mit seinem traurigen Zustand, und one Rüksicht auf die Übel, mit welchen er schon beladen ist, droht man ihn gefänglich einzuziehen; ia man hätt' ihn aus dem Bette gerissen, um ihn mit den schlechtesten Missetätern in ein Gefängnis zu werfen; man hätt' ihn vielleicht, on' ihn anzuhören, verbrant; dan wer weis, ob man das Recht besser mit ihm beobachtet hätte, da die ganze Sache so grausam angefangen war, daß man beinah' in den Ländern der Inquisizion, kein änliches Beispiel findet? Also blos gegen mich legt ein so weiser Richter alle seine Weisheit ab; gegen mich allein, wafnet sich dieses sanfte Volk, von welchem ich glaubte geliebt zu sein, mit der äussersten Wut; dies ist also die Erkentlichkeit dafür, daß ich dieses Land allen andern vorzog, um darin zu wonen! Ich weis nicht, wie sich dieses alles mit dem Völkerrecht vereinigen läst, aber soviel weis ich, daß bei einer solchen Prozedur die Freiheit und sogar das Leben eines Bürgers in der Hand iedes Buchdrukkers steht.

 

[Manuskriptseite 152]

[Ib-13-1781-0371]
Der Bürger von Genf ist ungerechten Richtern nichts schuldig, welche auf eine verläumderische Schrift ihn nicht erst vorladen, sondern sogleich verurteilen. Da er nicht vorgeladen worden, so ist er auch nicht verbunden, sich zu stellen. Man braucht Gewalt gegen ihn, und er entzieht sich derselben. Er schüttelt den Staub von seinen Schuhen, und verläst dieses gastfreie Land, wo man sich bemüht, den Schwächern zu unterdrükken, wo man den Fremden in Ketten legt, on' ihn vorher zu hören, one zu wissen, ob die Sache diese Strafe verdient, one zu untersuchen, ob er etwas begangen. – Seufzend verläst er seine stille Einsamkeit. Nur ein einziges, aber kostbares Gut besizt er, seine Freunde, und auch diese mus er verlassen. Bei seiner Schwachheit mus er die Beschwerlichkeiten einer langen Reis' ertragen; er komt endlich an, und glaubt in Freiheit zu sein; er nähert sich seinem Vaterland, diesem so berümten Vaterland, welches er verert und liebt: die Hofnung einer guten Aufname tröstet ihn über alle seine Leiden! – – – O was bin ich im Begrif zu sagen? Mein Herz bebt; meine Hand zittert, und die Feder entfält mir; ich mus schweigen, um nicht in's Laster Cham's zu verfallen. O warum kan ich meinen tödlichsten Schmerz nicht in der Still' ertragen! Und warum alles dieses? Ich meine nicht, aus welchem Grunde, sondern unter welchem Vorwand? Man klagt mich der Gotteslästerung an, one zu bedenken, daß das Buch, welches sie enthalten sol, in den Händen der Welt ist? Was gäbe man nicht darum, um's zu unterdrükken, und hernach alles sagen zu können, was man gern darin finden möchte!

 

[Manuskriptseite 153]

Allein, es wird bleiben, man mag tun was man wil; und die Nachwelt wird anstat des Lasters, dessen man den Verfasser beschuldigt, nichts als das Unrecht darin finden, welches man einem Liebhaber der Warheit angetan hat.

 

[Ib-13-1781-0372]
Ich wil von keinem meiner Zeitgenossen reden; denn ich wil niemand schaden. Allein, der Gottesläugner, Spinoza, lerte seine Säzz' öffentlich und ser ruhig; er lies seine Bücher one Schwierigkeit drukken, und man verkaufte sie öffentlich; er kam nach Frankreich, und wurde daselbst ser wol aufgenommen; alle Staten waren ihm offen, aller Orten fand er Schuz, oder wenigstens Sicherheit; Fürsten erwiesen ihm Ere, und boten ihm Bedienungen an, er lebte, und starb ruhig, ia sogar geachtet. Allein heutzutage, in dem Iarhundert der Philosophie, der Vernunft und der Menschlichkeit verfolgt man die Verteidiger der Sache Gottes blos deswegen, weil er mit Behutsamkeit und zum Besten des menschlichen Geschlechts einige Zweifel vorgebracht hat, wodurch die Ere des Schöpfers noch erhöht wird, von Land zu Land, von Ort zu Ort, one Rüksicht auf seine Krankheit und Armut, mit einer Wut, wie man noch keinen Übeltäter verfolgt hat, und welche auch gegen einen gesunden Menschen könte barbarisch genent werden. Er sieht sich beinah in ganz Europa verfolgt und verlassen; man veriagt ihn sogar aus den Wäldern; und die ganze Standhaftigkeit eines grosmütigen Beschüzzers, und die Gnad' eines grossen Fürsten ist nötig, um ihn nicht noch in den Gebürgen zu beunruhigen. Er hätte v den Rest seines Lebens in Ketten zugebracht, er wäre vielleicht auf der Folter gestorben, wenn er in der ersten Hizz' in die Hände seiner Verfolger gefallen wäre.

 

[Manuskriptseite 154]

[Ib-13-1781-0373]
Aus den Händen des Scharfrichters entkommen, fält er in die Hände der Priester, dieses ist zwar so wunderbar nicht: allein ein tugendhafter Man, dessen Sel' eben so erhaben ist, als seine Geburt, ein vornemer Erzbischof, welcher ihre Niederträchtigkeit verabscheuen solte, unterstüzt sie; er schämt sich nicht, er, der die Stüzze der Unterdrükten sein solte, einen Unglüklichen noch selbst zu unterdrükken; er, als ein katolischer Prälat, giebt Befel, gegen einen protestantischen Schriftsteller; er steigt auf seinen Richterstul, um die besondern Meinungen eines Kezzers zu richten, und obgleich er ieden, der nicht zu seiner Kirche gehört, verdamt, so erlaubt er dennoch den Angeklagten nicht, nach seiner Art zu irren, sondern schreibt ihm selbst den Weg vor, auf dem er zur Hölle gehen sol. Die ganze Geistlichkeit wird alsobald rege, ieder steht auf, und rüstet sich gegen einen Feind, den sie glauben vertilgt zu haben. Alles nimt Teil daran; der Küster selbst wil dem Angeklagten noch eines versezzen, und's ist nicht ein Nar in kurzem Kragen, nicht ein Beichtkind, welches nicht demienigen, welchen ihr Bischof verfolgt, gern den lezten Stos versezzen möchte. –" Seit. 209-216.

 

[Ib-13-1781-0374]
5) Allerlei Bemerkungen von Misbräuchen pp. in der Religion.

 

[Ib-13-1781-0375]
"Warum haben einige Menschen in Glaubenssachen, das Aufsehen über andre, und der Stat über alle Bürger? Weil man glaubt, daß der Glaube des Menschen auch seine Moral bestimmt, und daß die Aufführung in diesem Leben von den Begriffen, welche sie von einem künftigen haben, abhängen. Ist dieses auch gleich nicht so, was schadet's denn, was sie glauben, oder was sie zu glauben scheinen? Der Schein einer Reli

 

[Manuskriptseite 155]

gion überhebt sie der Mühe, wirklich eine zu besizzen. – –" S. 303.

 

[Ib-13-1781-0376]
"Es ist eben so ungerecht von einem Volk, ein anderes zu seinen Meinungen, als zu seinen Gesezzen zu zwingen, und die Missionarien sind nicht viel besser als die Eroberer." S. 310.

 

[Ib-13-1781-0377]
"Es wäre gut, wenn die Menschen weniger auf den Meinungen bestünden, welche sie entzweien, als auf dieienigen, welche sie vereinigen! Sie vernachlässigen aber im Gegenteil alles was sie vereinigen könte, und verfolgen sich mit einer Art von Wut wegen einzelner Meinungen, und ie weniger diese Meinungen mit der Vernunft übereinstimmen, desto stärker bestehen sie darauf, und ieder wünscht durch sein Zutrauen ihnen dieienige Kraft zu geben, welche ihnen die Vernunft verweigert. Meine eigne Geschichte bestimt mer als iede andre das Urteil, welches man von den heutigen Christen zu fällen hat: da sie aber mer enthält, als man glauben kan, so wird man vielleicht einst das Gegenteil davon denken; dasienige, was iezt meinen Zeitgenossen zur Schande gereicht, wird vielleicht künftig ihnen zur Ere gereichen, und die Einfältigen werden bei Lesung meines Buchs mit Verwunderung sagen: welch' eine glükliche Zeit war das, da man ein solches Buch als gotlos verbrante, und seinen Verf. als einen Übeltäter verfolgte! gewis waren damals Bücher vol der erhabensten und reinste Lere, und die Welt voller Heiligen!

 

[Ib-13-1781-0378]
Allein andre Bücher werden bleiben. Man wird z. B. erfaren, daß dieses nämliche Iarhundert einen Verteidiger der Bartolomäus Nacht hervorgebracht, der ein Franzos und wie man leicht denken kan, ein Geistlicher war, und daß weder's Parlament noch der Erzbischof ihn deswegen im geringsten beunruhigt haben. Alsdenn, wenn man die

 

[Manuskriptseite 156]

Moral beider Schriften vergleicht und erwägt, welcher von beiden Verfassern Unrecht habe, so wird man die Sprach' ändern, und etwas ganz anders daraus folgern." S. 325-327.

 

[Ib-13-1781-0379]
"Moralische Beweise, welche hinlänglich sind, um Sachen zu beweisen, welche mit der natürlichen Ordnung bestehen können, reichen nicht hin, um andre Sachen zu beweisen, welche nicht in dieser Ordnung und übernatürlich sind." S. 336.

 

[Ib-13-1781-0380]
XVIIII.

 

[Ib-13-1781-0381]
Deutsches Museum. Zweiter Band. Iul bis Dezember 1780. Leipzig, in der Weigand'schen Buchhandlung.

 

[Ib-13-1781-0382]
1)

 

[Ib-13-1781-0383]
An die Freunde.
"Freunde, fragt mich nicht mer: "welch' ein Gewölk hänget im Auge dir?
welch ein alberner Ernst lauert uns iezt unter den Wimpern auf,
wo der lachende Spot, Narren zum Truz, blinkende Becher würzt,
wie der grämliche Bär, finster und dum, wan ihn der Hunger plagt,
aus dem Dikkige laurt? - Ach, der April liegt mir im Schedel schwer!
Falscher Nach des Mai's, Schande des Iars, redlicher Brüder Schmach,
martre länger uns nicht! Schmeichelnd und grob, hast du mich genug getäuscht,
Unhold! bist du ein Man? oder Weib? oder ein Zwitter gar?
Doppelzüngiges Ding, bist du ein Man, o warum lügst du mir?
Gib mir eisernen Frost, bieder und gut, wie ihn der Iänner giebt!
Gib mir Schwüle der Luft, Donner und Bliz, stark wie der Iulius!
Ach, du küssest so sanft! aber so treu, wie ein Ischariot;

 

[Manuskriptseite 157]

kost bei'm Sonnegefül, lächelnd und süs, wan ein Zefirgen gar
aus der Flora Gefolg, iugendlich dreist, sich vom Olympus wagt,
und, vom Zauber verfürt, der dich umgiebt, dir in den Rachen fliegt,
mich treuherzigen Wicht, hundertmal schon, von dem behaglichen
warmen Stübgen, heraus in das Gebüsch, das mir von Ferne grünt.
Ist mein: "Sei mir gegrüst, frölicher Lenz! Ieuchzend empfang' ich dich!"
auf den Lippen mir noch, schnarchst du mich an, hönest mich Armen aus,
wie der Pavian grinzt, oder der Schranz, wenn er den Meisen nekt,
winkst dem höllischen Nord, Hagel und Schne, mir in's Gesicht zu spei'n.
Freunde, traun! der April ist nicht mein Man; ist mir nicht treu, wie ihr!
Odemschnappend und krank, macht' ich mich kaum von dem Betrüger los,
wie der Wanne die Maus, halb schon ersäuft, keuchend und mat entspringt.
Und ihr flistert mir zu: Lache mit uns finstern Narren aus!
Scherze Grillen und Nacht, sonnt dem April, hinter dem Becher weg!"
Nein! vom Schmeichler gewarnt, trau' ich zwar euch, aber dem Weine nicht.
Sollt' ich Lamer denn hier, tolkün und blind, wieder in's Treffen geh'n? –"

Seit. 20-21.

 

[Manuskriptseite 158]

[Ib-13-1781-0384]
2) Für Denker.

 

[Ib-13-1781-0385]
"Der alte Krysip lernte von seinen Lerern, Kleant und Zeno, blos die Säzze; die Beweise, sagt' er, wären sein Werk. Vortreflich! denn man kan nicht selbst denken, wenn man alles abzulernen gewont ist. Die grosse Schar unserer nachsprechenden Köpfe mus also wol Säzz' und Beweise zugleich gelernt haben." S. 137.

 

[Ib-13-1781-0386]
"Liebe, dieser Gözz' aller Nazionen und aller Iarhunderte, ist doch fast immer Betrügerin. Ist sie erlich, so betrügt sie sich selbst; und ist sie unerlich, so überlistet sie andre. Verliebte müssen mir zwar schlechterdings widersprechen. Ich schreibe dies aber auch für sie nur auf die Zukunft." S. 139.

 

[Ib-13-1781-0387]
"Was für einen Karakter hab' ich? fragt' eine Hofdam' einen neuen Physiognomisten. Madam, erwiederte dieser, meine Kunst erstrekt sich nur auf Köpfe, nicht aber auf Masken. Wenn das ist, bekam er zur Antwort, so geh'n Sie mit ihrer Kunst zu den Eskimos." S. 140.

 

[Ib-13-1781-0388]
"Unsre Moden springen, wie's Podagra, gern von dem Grosvater auf den Enkel über. Der Lux schiest in Absicht des Aufwands in's Unendliche fort, und dreht sich in Absicht des Genies ewig in einem erbärmlichen Zirkel, und das ist ein so befriedigender Anblik für den Geschmak, als dumme Bosheit für die kluge Rechtschaffenheit." S. 230-231.

 

[Ib-13-1781-0389]
"Die Fürsten würden unstreitig besser regieren, wenn sie niemals zu Fürsten wären erzogen worden." S. 273.

 

[Manuskriptseite 159]

[Ib-13-1781-0390]
"Die Vernunft rächt sich immer selbst an ihren Verächtern." S. 276.

 

[Ib-13-1781-0391]
"Die Änlichkeit, die der Affe mit der Menschengestalt hat, macht ihn eben in unsern Augen häslicher und lächerlicher. Steht nicht die Aberglauben mit der Religion in gleichem Verhältnisse?" S. 277.

 

[Ib-13-1781-0392]
"Es ward durch Gesezze verboten, den berufnen Zerstörer des ephesischen Tempels, Herostat, zu nennen und seiner in Schriften zu gedenken. Man wolt' ihn aus dem Register des Menschengeschlechts streichen, und das Andenken seiner Tat vertilgen. Aber wie lächerlich war das Mittel zu diesem Endzwek? Herostat ward durch eben die Gesezze verewigt, die ihn in Vergessenheit stürzen solten. Merkt das, ihr Bücherinquisitoren." S. 277-278.

 

[Ib-13-1781-0393]
"Der Neid ist der Affekt, der immer seine eigne Blössen und Schanden anklagt." S. 280.

 

[Ib-13-1781-0394]
3) Ein neuer Beweis für die Unsterblichkeit der Sele – von Kampe.

 

[Ib-13-1781-0395]
"Bisher hat man blos bewiesen, daß unsre Sele nie aufhören wird zu sein, Vorstellungen zu haben und mit irgend einem organischen Körper verbunden zu sein: Aber wie? Wenn blos ihre zukünftigen Vorstellungen blos dunkle Vorstellungen wären? Wenn ihr künftiger Körper sie verhinderte, andre, als solche zu haben? Wenn sie also wieder, und zwar auf immer, in denienigen Zustand schlafender Monaden verfiele, aus dem sie damals erwachte, da ihr Schöpfer sie zu diesem gegenwärtigen Leben erwekte? Was hätte man also mit dem ganzen Beweis gewonnen? Ich wil also einen andern Weg zeigen.

 

[Manuskriptseite 160]

[Ib-13-1781-0396]
Eine iede endliche Substanz ist dem unendlichen götlichen Verstande das, was dem unsrigen eine iede unserer Vorstellungen ist.

 

[Ib-13-1781-0397]
So wie man einen begränzten Körper nicht on' eine bestimte Figur denken kan, weil Figur und Gränz' einerlei sind: eben so kan auch eine endliche Substanz nie on' einen bestimten Grad der Realtät gedacht werden, weil seine Endlichkeit und bestimter Grad abermals einerlei sind. Also mus auch der unendliche götliche Verstand, indem er sich die endlichen Substanzen vorstelt und durch diese Vorstellung ihr Dasein wirkt, sich iede derselben mit demienigen bestimten Grade der Realität denken, der ihr zugemessen worden ist. Da ferner in diesem unendlichen Verstande keine Sukzession stat findet: so ist ihm iede endliche Substanz mit allen den Zuständen, die sie von Ewigkeit zu Ewigkeit durchlaufen wird, und mit allen den Realitäten, die sie schon erworben hat, und noch künftig erwerben wird, von Ewigkeit zu Ewigkeit gleich gegenwärtig. In diesem götlichen Verstande sind also all' endliche Substanzen schon von Ewigkeit bis zu Ewigkeit das, was sie bis in Ewigkeit sein werden sollen, d. i. sie nemen in demselben weder zu, noch ab an Volkommenheit. Nicht so in unserer Vorstellungskraft, die nicht einen Zustand in dem andern und all' in einem, sondern ieden insbesondre warnimt. In Beziehung auf diese also, die an Sukzession der Vorstellungen gebunden ist, können endliche Substanzen allerdings abnemen und wach

 

[Manuskriptseite 161]

sen an Volkommenheit oder vielmer zu wachsen und abzunemen scheinen. Es ist nämlich dieses Wachstum und dieses Abnemen ein blosses Scheinwachstum, eine blosse Scheinabname, keine wirkliche, weil sie nur in Beziehung auf unsre eigne und andre endliche Vorstellungskräfte stat findet, von denen alle die Zustände, die dem unendlichen Verstande zugleich gegenwärtig sind, sich erst in der Zeit, also einer nach dem andern entwikkeln. Ein solches Scheinwachstum kan also mit der Unveränderlichkeit der götlichen Vorstellungen gar wol bestehen, weil in der Tat dadurch nicht in diesen, sondern blos in den sukzessiven Vorstellungen endlicher Substanzen eine Veränderung entsteht. – Hier ist ein Beispiel zur Erläuterung. Ihr denkt euch die Zal hundert und last das Kind, welches die Zal noch nicht denken kan, von eins anfangen und bis hundert hinaufzälen. Was geschieht hierbei? In der Vorstellung des Kindes wächst die Zal mit ieder neuen hinzukommenden Einheit; in der eurigen nicht, weil ihr (wie wir vorausgesezt haben) schon die Totalsumme denkt. Nun sezt Got an eure und ieden endlichen Verstand an des Kindes Stelle: So wird's euch anschaulich sein, wie im leztern die eine Reihe von Realitäten wachsen könne, one daß durch dieses relative Wachstum eine Veränderung in der ersten vorzugehen braucht.

 

[Ib-13-1781-0398]
Nun entstehen aber zwei Fragen:

 

[Ib-13-1781-0399]
Die erste: Können endliche Substanzen in dem Fortgange der Zeit, d. i. so wie wir uns dieselben vorstellen, in ihrem Scheinwachstum wol bis in Ewigkeit fortgehen, one daß der Unveränderlichkeit des götlichen Verstandes dadurch Eintrag geschähe? Oder müssen sie notwendig irgend einmal auf einer bestimtem Stufe

 

[Manuskriptseite 162]

der Volkommenheit auch in Ansehung dieses Scheinwachstums stil stehen? – Und dan

 

[Ib-13-1781-0400]
die zweite: Können endliche Substanzen in dem Fortgange der Zeit, oder so wie wir uns dieselben vorstellen, auch wol wieder bis in Ewigkeit abnemen an Volkommenheit oder auch nur von irgend einem schon erreichten Grade der Volkommenheit auf immer wieder hinabsinken?

 

[Ib-13-1781-0401]
Was die erste dieser Fragen betrift: so liegt sie ausserhalb der Gränzen unsrer dermaligen Untersuchung. Es ist uns nämlich noch nicht darum zu tun, zu erforschen: ob unsre Selen bis in all' Ewigkeit volkommen werden können und sollen? sondern nur erst darum, zu erweisen, daß sie von derienigen Stufe der Volkommenheit, die sie nun einmal schon erstiegen haben, weder in's Nichtsein noch auch nur zu einem geringern Grade der Volkommenheit, als ihr iezziger ist, auf immer wieder hinabsinken können. Ich übergehe also voriezt iene erste Frage; und wende mich zur Auflösung der zweiten.

 

[Ib-13-1781-0402]
Gesezt der Fal, von dessen Möglichkeit oder Unmöglichkeit wir uns erst überzeugen wollen, existirte wirklich; es hätte nämlich eine Substanz einen gewissen Grad von Realität schon erreicht und litte nun in der Zeitfolge, d. h., nach der Art, wie sukzessivdenkende Wesen sich die Dinge vorstellen, entweder ein für allemal eine Verminderung an diesem Grade der Realität, und zwar on' all' Hofnung das Verlorne iemals wieder zu erlangen, oder sie füre sogar fort, noch immer mer und mer bis in's Unendliche abzunemen: so wäre derienige Grad von Realität, welcher vor der Abnam' in ihr der höchste war, die Totalsumm' aller

 

[Manuskriptseite 163]

ihrer iemals zu erlangenden Realitäten, das non plus ultra ihrer Volkommenheit gewesen. Diese höchste Stufe der Volkommenheit würd' also auch dieienige sein, auf welcher der götliche Verstand sich diese Substanz von Ewigkeit her gedacht hätte. Nun giengen aber einige Grade dieser Volkommenheit verloren. Wäre dieser Verlust nur periodisch, d. h. dauert' er nur bis zu einer gewissen Zeit: so würd' er nur scheinbarer, kein wirklicher Verlust sein; er er würde nur in endlichen Vorstellungkräften, nicht in der unendlichen, stat haben. Wär' er hingegen nicht periodisch: so wär' er kein Scheinverlust, sondern ein wirklicher gewesen. Und dan müst' er auch im unendlichen Verstand' eins oder's andre notwendig erfolgen: er müst' entweder gleichfals seine Vorstellung von der besagten Substanz und von der Totalsumm' ihrer Realitäten herabstimmen (und also eine Veränderung leiden) oder seine Vorstellung von der Substanz würde mit der Substanz selbst nicht übereinstimmen (und also eine falsche Vorstellung sein.) So gewis es also ist, daß im unendlichen götlichen Verstande weder eine Veränderung vorgehen, noch eine falsche Vorstellung stat finden kan, so gewis ist's auch, daß unsre obige Frage nicht beiaht, sondern verneint werden mus. Hier ist abermals ein Beispiel zur Erläuterung – Last das Kind, indem's schon bis 100 hinaufgezält hat, plötzlich wieder bis auf 50 hinabspringen und dabei entweder stehen bleiben oder gar noch weiter rükwärts zälen: was wird dan geschehen? Entweder müst auch ihr von der Vorstellung der Zal 100 zu der Vorstellung der Zal 50 u. s. w. hinabsteigen, und also eure Vorstellung verändern; oder eure Vorstellung wird mer enthalten, als die Vorstellung

 

[Manuskriptseite 164]

des Kindes iezt enthält und iemals wieder enthalten wird, (vorausgesezt, daß ihr's nie wieder aufwärts zälen last.) Es würd' also im leztern Falle das, was in eurer Sele wäre, mit dem, was in des Kindes Sele vorgienge keinesweges übereinstimmen. – Nun sezt wiederum den unendlichen götlichen Verstand an eure, und die von einem gewissen schon erlangten Grade der Volkommenheit auf immer abnemende endliche Substanz an des Kindes Stelle: und's wird euch abermals anschaulich sein, daß eine solche ewigfortdauernde Abname bei keiner endlichen Substanz sich ereignen könne, one daß entweder auch in dem götlichen Verstand' eine Veränderung vorgehe, oder eine Ungleichheit zwischen den Vorstellungen desselben und der vorgestelten Sache notwendig stat finden müste. Also ist's unmöglich, daß unsre Selen von irgend einem Grade der Volkommenheit, den sie einmal erreicht haben, iemals auf immer, wieder zu einem geringern Grade derselben hinabsinken können – Einige Einwürfe sind zu beantworten:

 

[Ib-13-1781-0403]
"Ist's möglich, könte man sagen, daß endliche Substanzen, der Unveränderlichkeit der götlichen Vorstellungen unbeschadet, nicht von Anfang' an alles, was sie werden sollen, auf einmal sind, sondern nach und nach, vielleicht bis in Ewigkeit, wachsen an Volkommenheit, weil dem götlichen Verstande das Zukünftige schon gegenwärtig ist: so mus es auch umgekert, der Unveränderlichkeit der götlichen Vorstellungen gleichfals unbeschadet, eben so möglich sein, daß unsre Selen bis in Ewigkeit wieder

 

[Manuskriptseite 165]

abnemen an Volkommenheit, weil dem götlichen Verstande das Vergangne eben so gegenwärtig ist, als das Zukünftige."

 

[Ib-13-1781-0404]
Ich antworte: warum geht denn eigentlich in der götlichen Vorstellung keine Veränderung vor, indem eine Sele (unserer sukzessiven Vorstellung nach) wächst an Volkommenheit? – deswegen, weil in dem ersten Zustande der Sele (dafern ein erster Zustand war) schon ieder der folgenden Zustände derselben – wie die Folg' in ihrem Grunde und umgekert in iedem spätern Zustande der an Volkommenheit wachsenden Sel' auch ieder vorhergehende minder volkomne Zustand derselben (als ein Teil in seinem Ganzen) liegt und Got also, indem er sich die frühern Zustände der Sele vorstelt, notwendig auch die spätern – und umgekert, indem er sich die spätern Zustände derselben vorstelt, notwendig auch die frühern sich in derselben zugleich mit vorstellen mus, weil alle seine Vorstellungen volständig sind. Dasselbe aber fände nicht stat, wenn mit einer Sel' eine wirkliche ewig fortwärende Verminderung an Volkommenheit vorgienge. Denn in diesem Fal würd' ich in dem spätern Zustande weniger Realität sein, als in dem vorhergehenden volkomnern Zustande. Mithin würde Got in ienem sich diesen nicht zugleich mit vorstellen können. Es müsten also offenbar die Vorstellungen von diesen zwei Zuständen in Got selbst verschieden sein. Wenn ich zu einer Zal eine andre addire, so bleibt sie selbst mit in der Summ' enthalten, und zwar ganz. Indem ich also die Summe denke, denk' ich diese Zal zugleich mit, und wenn ich die Summe schon vor der Addizion dachte: so ist in meiner

 

[Manuskriptseite 166]

Vorstellung keine Veränderung vorgegangen. Wenn ich aber von einer Zal eine andre abziehe: so ist dieselbe Zal in der Differenz nicht mer mit enthalten, weil diese nur ein Teil von ihr ist. Indem ich also die Differenz denke, so denk' ich die vorige Zal nicht ganz, sondern nur einen Teil derselben. Wird also die abgezogne Zal in dieser Differenz niemals wieder hinzugefügt: so werd' ich niemals die erste Vorstellung von der ganzen Zal wieder erhalten, sondern ewig mir blos einen Teil derselben vorstellen.

 

[Ib-13-1781-0405]
Man könte ferner sagen:

 

[Ib-13-1781-0406]
"daß die, an der einen Substanz verloren gehende Realitäten, vielleicht einer andern Substanz beigelegt würden, und also in dem götlichen Verstande, der's Ganze umfast, doch nicht verloren giengen; – und daß man könte sich hierbei auf eine Analogie aus der Körperwelt berufen, in welcher bekantlich dieienigen Teilgen der Materie, die vom einen Körper sich absondern, wieder Teil' eines andern werden, so daß eben dieselbe Totalsumm' aller Teilgen, bei der grösten Veränderlichkeit iedes einzelnen Körpers, dennoch erhalten wird."

 

[Ib-13-1781-0407]
Aber wer dies einwendete, der müste doch zugeben, daß der götliche Verstand von derienigen Substanz, die irgend eine Realität an eine andre Substanz und zwar auf immer abgetreten hätte, nach dieser Abtretung nicht mer eben dieselbe Vorstellung haben könte, die er vor dieser Abtretung von ihr hatte. Wolt' er aber ferner einwenden: "daß dieses bei'm Ab= und Zunemen in der Körperwelt derselbe Fal sei, weil derienige Körper, der eins seiner Teilgen an einen andern abgegeben hat, auch wesentlich verschieden ist von dem, was er vorher war;" so kan ich iezt vorläufig dies antworten: daß Got die Körper, als Körper sich gar nicht vorstellen kan, weil sie nichts Reelles, sondern nur Erscheinungen von Etwas Reellen sind, das dabei

 

[Manuskriptseite 167]

zum Grunde liegt. Es müste daher erst gezeigt werden können, daß dieses (die Substanzen nämlich, welche den Grund solcher Erscheinungen enthalten) dabei mit eine vermindernde Veränderung leiden, bevor mich dieser Einwurf treffen kan." Seit. 203-211.

 

[Ib-13-1781-0408]
4)

 

[Ib-13-1781-0409]
Lied vom H. Reichardt in Gota.
"Gefilde des Todes,
Gefilde der Ruh!
Euch wanket vol Sensucht
der Leidende zu;
er steht am Gestade
verkant und allein;
in Wüsten des Lebens
alleine, allein.
Er kam zu den Menschen
so willig und gut;
er trug in den Adern
so glühendes Blut;
er sah nach Gefärten
nach Antwort sich um;
doch alles war öde,
und alles war stum.
Im Mondschein wird blinken
sein hügliges Grab;
doch war wo ein Auge,
das Tränen ihm gab?
Es rauschen vergessend
die Tritte bei hin,
vergessend, wen dekket
des Hügelgens Grün.
Las rauschen die Tritte,
las Menschen sich freun,
einst hült auch das Dunkel
des Todes sie ein.

 

[Manuskriptseite 168]

Wol rollen die Iare,
wol schwindet ihr Lauf,
einst trinkt ihren Moder
die Sonne mit auf.
Gefilde des Friedens,
Gefilde der Ruh!
Nur ihr weht Volendung
dem Leidenden zu.
Die Träume der Todten
sind küle, sind leicht.
Wol dem, der am Ziele
nicht ferne mer schleicht."

Lezte Seite des Monats Sept.

 

[Ib-13-1781-0410]
XX.

 

[Ib-13-1781-0411]
Samlung einiger Abhandlungen, aus der neuen Bibliotek der schönen Wissenschaften und der freien Künste von Christian Garve. Leipzig, im Verlage der Dykischen Buchhandlung, 1779.

 

[Ib-13-1781-0412]
1) Über die Prüfung der Tätigkeiten.

 

[Ib-13-1781-0413]
"Es geht mit der Bildung der Geister wie mit der Entstehung der Körper. Wir werden diese leztern nicht eher gewar, als bis sie schon eine merkliche Gröss' erreicht haben, und schon lang' über die Epoch' hinaus sind, wo sich ihre Bestandteile zusammenfügten, und durch ihre Lage und ihre Gestalt die Beschaffenheit und Erscheinungen des künftigen Dinges bestimten. Eben so erkennen wir die Volkommenheiten eines Geistes erst alsdan, wan sie an wichtigen Gegenständen geübt werden; aber dan ist's gemeiniglich schon zu spät, die Wal ist geschehen, und nur der

 

[Manuskriptseite 169]

glükliche oder unglükliche Erfolg läst uns auf die Anlage der Sele schliessen, die diesen Gegenständen angemessen war. In der Tat, wie viel Kentnis der Sel' und was für eine feine Beobachtung gehört dazu, wenn man in kleinen Wirkungen eben die Kraft, die grosse hervorbringen könte, in nichtswürdigen Beschäftigungen das Genie, und selbst in Ausschweifungen und Felern die Vorzüge des Geistes erkennen sol? Wenn nicht hier der Zufal oft mer täte, als die Klugheit und Wal, oder wenn nicht die Natur mit vorzüglichen Fähigkeiten für gewisse Sachen, auch eine vorzügliche Neigung damit verbunden hätte, so würden die meisten Talent' erstikt oder schlecht angewendet werden. Also wenn das der einzige Endzwek dieser Untersuchung wäre, dem Menschen seine Bestimmung und seine Geschäft' anzuweisen, so könte man sie getrost aufgeben. Der Richterstul, der über die Fähigkeiten der iunger Bürger in einem State den Ausspruch tun und iedem seine Lebensart nach diesem Ausspruche zuerkennen solte, ist einer von den schönen Vorschlägen, die zu weiter nichts dienen, als ihre Erfinder zu belustigen. Die Natur wil nicht haben, daß sich unsre Weisheit in all' ihre Werke mischen sol; und am Ende macht sie's doch vielleicht eben so gut, als wir's mit unsrer ganzen Klugheit würden gemacht haben. Aber um den erwachsenen Man mit seinen eignen Kräften bekant zu machen, ihm, wenn der Zufal ihn gerad' an die rechte Stelle gestossen hat, mer Zufriedenheit zu geben, oder wenn er an die unrechte gekommen ist, ihm wenigstens einen Zeitvertreib zu zeigen, der sich besser für ihn schikt, als seine

 

[Manuskriptseite 170]

Geschäfte; endlich wenigstens von den Erscheinungen in dieser Sphäre Grund anzugeben, und die seltsame Vereinigung zu erklären, die man so oft in demselben Menschen zwischen grossem Verstand' und grosser Einfalt, zwischen ausnemenden Talenten, und einer ungewönlichen Unfähigkeit, zwischen grossen Kräften und einer völligen Unmacht gewar wird, dazu ist diese Untersuchung nüzlich. Kan wol die Philosphie, wenn sie nun einmal nicht zugelassen wird, die Ding' in der Welt zu bessern, etwas anders tun, als das, was geschieht, zu beschreiben? und wenn sie nicht an der Spizze des Hers gehen kan, als Befelshaber, um die Begebenheiten zu lenken, so mus sie wenigstens hinterher gehen, als Geschichtschreiber, um sie aufzuzeichnen. –

 

[Ib-13-1781-0414]
Das erste, worauf ich Acht haben werde, ist, ob das Kind die Sachen, die's einmal empfunden hat, geschwind und leicht wieder erkent. Diese Beobachtung werd' ich selbst zu der Zeit anstellen, wo's Kind für diese Empfindungen noch Wort' hat. Der Schlus selbst ist klar. Um eine Sache wieder zu erkennen, ist nötig, den alten und gegenwärtigen Eindruk zu vergleichen. Ie geschwinder diese Vergleichung geschieht, desto merklicher müssen die Spuren sein, die die Sach' in der Sele zurükgelassen hat. Man sieht zugleich, warum dieses Merkmal bei Kindern richtig ist, und bei Erwachsenen trügt. Die Sele der erstern beschäftigt sich ganz allein mit Empfindungen; ihre Aufmerksamkeit ist niemals zwischen den sinlichen Gegenständen und algemeinen Ideen geteilt; und das Mas der Stärk' also, mit wel

 

[Manuskriptseite 171]

cher sie empfindet, ist zugleich das Mas ihrer Kraft überhaupt. Bei den andern hängt die Leichtigkeit, die alten Gegenstände wiederzuerkennen, nicht blos von dem Nachdrukke, mit dem man sie zuerst empfunden hat, sondern auch von dem Grade der Aufmerksamkeit ab, den man iezt auf sie wendet; und für die Empfindung bleibt nur soviel von der Kraft der Sele, als zum Denken nicht nötig ist. –" S. 9-15.

 

[Ib-13-1781-0415]
"Es wäre doch billig, anstat das Aug' und das Or des Kindes von Iugend auf an Misgestalten und Disharmonie zu gewönen und es gegen den natürlichen Ekkel davor abzuhärten, es lieber durch richtige Zeichnung und wolklingende Töne schon zu vor einzunemen, und ihm seine ersten Vergnügungen zu einem Muster zu machen, nach denen es schlechtere beurteilen und verwerfen lernte." Seit. 22-23.

 

[Ib-13-1781-0416]
"Es ist nichts schlimmer, als die Empfindungen andrer zu beurteilen oder zu vergleichen. Unsre Sprache drükt das sinliche Bild blos durch den Namen des Gegenstandes aus. Ieder erinnert sich also beim Wort' an an seine eigne Idee, aber keiner erfärt die Idee des andern. Die Mitteilung der Gedanken besteht nicht so wol darinnen, in dem andern eben die die Eindrükk' hervorzubringen, die wir selbst haben, sondern nur die Eindrükke wieder zu erwekken, die durch eben die Gegenstände bei ihm hervorgebracht werden. Unsre sinlichen Begriffe sind lauter Verhältnisse. Das Absolut' in denselben könte sich völlig ändern, und all' unsre Ausdrükke würden noch können dieselben bleiben, wenn nur die Änderung durchgängig und auf eine gleichförmige Art geschähe. Um also zu wissen, wie empfindet ein andrer, müssen wir untersuchen, was fängt die Sele mit ihren Empfindungen an? und der Gebrauch, den iemand von den

 

[Manuskriptseite 172]

Bildern macht, die in seiner Sele gesamlet sind, zeigt am ersten, wie diese Bilder beschaffen. Man wird dieses nirgends so gewar, wie bei den nachamenden Künstlern. Würde man wol aus der besten Beschreibung eines Malers schliessen, daß er was anders und besser sieht, als wie andre? Sobald er durch Worte mitteilen sol, so schränk er sich seine Empfindung blos auf das algemeine ein, was allen sehenden Menschen in die Augen fält, und wofür die Sprache nur allein gemacht ist. Aber so bald er den Pinsel in die Hand nimt, da wird man gewar, daß sein Auge tausend Sachen bemerkt hat, die uns unsichtbar waren, und daß in seiner Vorstellung die Natur mit allen ihren Gestalten sich auf eine ganz andre Art abmale, als in der unsrigen. –" Seit. 25-27

 

[Ib-13-1781-0417]
Es giebt ein gewisses blos behaltendes, und ein anders so zu sagen räsonnirendes Gedächtnis. Man könte das erste das Gedächtnis im engern Verstande, und das andre die Gabe der Erinnerung nennen. Ienes ist das, wovon man am ersten urteilt, und wovon man vielleicht nicht one Grund behauptet, daß es bei einem grossen Verstande selten sei; es erhält die ehmaligen Eindrükke, und stelt sie der Sele, so oft sie wil, in eben der Ordnung wieder vor, one daß sie dabei eine andre Bemühung nötig hätte, als sich das auf zu richten. Man kan die Stärke dieses Gedächtnisses ziemlich richtig nach demienigen abmessen, was ein Mensch auswendig lernen kan. – Das andre ist ein Erinnern, welches durch Nachdenken geschieht, wenn die Sel' ihre ehmaligen Vorstellungen, so bald nur eine davon wieder lebhaft worden ist, durch ihre Verbindung und Folg' aufzuwekken weis. Dieses Gedächtnis sezt zwar voraus, daß die al

 

[Manuskriptseite 173]

ten Ideen auf eine gewisse Weise verlöscht sind, aber's ersezt diese Schwäche durch eine andre Kraft der Sele, die's anzeigt, die Kraft die Verbindungen der Ding' einzusehen und selbst verdunkelte Bilder durch ihre eigne Bemühung wieder klar zu machen. Dieses Gedächtnis ist ein ser sicher Kenzeichen oder vielmer ein Teil des Verstandes. Man wird ser oft Menschen sehen, die Erzälungen und Geschichte schlecht behalten, und immer entweder Lükken oder Irtümer finden, so oft sie Begebenheiten wieder erzälen sollen; und die sich doch ganzer Reihen von Vernunftschlüssen und Räsonnemens one Müh' erinnern. Diese Menschen haben gewis die zweite Art des Gedächtnisses, und die erste felt ihnen. Der Grund ist dieser: die Verbindung zwischen Warheiten ist genauer, als die zwischen Begebenheiten; die Sel' also, die ihre alten Bilder nach und nach durch eine gewisse Art von Schlüssen wieder erwekken mus, sieht bei den ersten den Weg genau bezeichnet, den sie zu gehen hat, bei den leztern aber mus sie ihn auf Geratewol suchen, und geht also oft fel. Die meisten Begebenheiten werden nur durch Zeit und Ort verknüpft, oder diese Verbindung ist doch wenigstens die einzige, die wir einsehen; wenn die Sel' also ihre Ordnung bei der Erinnerung nicht verükken sol, so müssen sich die Begriff' in eben der Reih' und Ordnung nacheinander erhalten haben, weil das Nachdenken das Felende nicht ersezzen kan." S. 29-31.

 

[Ib-13-1781-0418]
"Es giebt auch eine Einbildungskraft für den Philosophen. Um zu einer neuen Warheit zu kommen, wenn sie nicht eine unmittelbare Folg' einer schon bekanten ist, ist's unmöglich, die Art von deutlich gedachten Schlüssen zu brauchen, durch welche man diese Warheit, wenn sie erfunden ist, beweist. Wie wil man den Weg zu

 

[Manuskriptseite 174]

einem Ziel' abzeichnen, welches man noch nicht kent? Also Schlus vor Schlus von der bekanten Warheit zur unbekanten fortzugehn, und sich die ganze Reihe von Begriffen, durch welche beide zusammenhängen, gleich mit Deutlichkeit und richtiger Unterscheidung zu denken, das ist unmöglich. Hier mus der schnelle Flug des Genies erst das unbekante Land ausspähen, erst die fremde Gegend durchschaut haben, ehe der langsam fortschreitende Verstand seinen Weg antreten kan. Die Sele mus das Vermögen haben, die ganze Reihe mit Einem Blik und einer Art von unmittelbaren Anschauen zu übersehen. Ideen, die entwikkelt eine ganze Wissenschaft ausmachen, müssen sich zusammendrängen, ein Ganzes ausmachen, und sich gleichsam in ein Bild vereinigen. So wie's eine gewisse Andung giebt, durch die man künftige Begebenheiten voraussieht, one sich alle die Ursachen erklären zu können, aus denen man sie folgert: so giebt's eine gewisse Kunst glüklich zu raten, durch die man weit hinaus liegende Ideen und entfernte Folgerungen der Warheiten voraussieht, one sich aller der Schlüsse bewust zu sein, durch die man auf sie gekommen ist." S. 35-37.

 

[Ib-13-1781-0419]
"Wenn man bei gewissen Kindern zuweilen eine plözliche Freunde, eine Furcht, eine Niedergeschlagenheit sieht, die sich aus ihren gegenwärtigen Empfindungen nicht erklären läst; so kan man daraus auf eine geheime Geschäftigkeit der Einbildungskraft schliessen, die ihre Wirkungen äussert, on' uns die Mittel dazu zu entdekken. Dieienigen, deren Ideen blos von der gegenwärtigen Empfindung bestimt werden, haben auch niemals andre Leidenschaften, als die aus ihrer wirklichen Verfassung und ihren Umständen entstehen. Wem aber die gütige Natur, ausser der einen Welt,

 

[Manuskriptseite 175]

die sie seinem Sinne vorgestelt hat, die Gabe verleiht, noch viele andre in sich selbst zu bauen, der verliert sich oft von den Dingen, die ihn umgeben, mit seinen Begierden ebensowol als mit seinen Gedanken, und seine Vergnügungen und seine Schmerzen entstehen nicht blos aus der Lage, die er in dieser Welt hat, sondern auch aus der, welche er in der von ihm erdichteten annimt. –" S. 40-41.

 

[Ib-13-1781-0420]
"Wer durch Worte denken und sich ausdrükken sol, mus algemeine Begriff' haben, das ist klar; denn die Worte bezeichnen keine andre. Aber die Sele kan diese Begriff' auf eine doppelte Art haben. Entweder sucht sie nur in den einzelnen Fällen den Begrif auf, und begnügt sich, wenn sie in iedem vorkommenden Falle diese Merkmale wiedererkennen und den Begrif anwenden kan: oder sie samlet diese Merkmal' in eins, bezeichnet iedes mit einem Worte, und bemüht sich, den algemeinen Begrif abgesondert von den Fällen, aus denen er abgezogen ist, vorzustellen. Der erste macht sich's Wort und die Vorstellung deutlich, indem er eine geschwinde dunkle Übersehung der Fäll' anstelt, in denen's gebraucht wurde; der andre, indem er eine Erklärung davon macht. Man könt' ienes den praktischen, und dieses den teoretischen Verstand nennen. Der praktische Verstand hängt mit der Einbildungskraft zusammen, oder ist vielmer nur eine besondre Anwendung derselben. Ihr Werk ist's, der Sele zugleich mit dem Worte die Fäll' herbeizubringen, aus deren schneller und ihr selbst unbewuster Vergleichung sie iedes mal den Begrif von neuem hervorbringt. Die Kenzeichen von beiden werden sich also einander ser änlich sein.

 

[Ib-13-1781-0421]
Erstens: Leute von dieser Art können sich ser we

 

[Manuskriptseite 176]

nig über Sachen erklären, die sie doch recht gut verstehen, und die sie recht glüklich ausfüren, wenn sie sie unternemen. Der Grund ist augenscheinlich. Zur Erklärung gehören Worte, zu diesen Merkmale, die von ihren Gegenständen abgesondert, und one sie gedacht, und bezeichnet worden, kurz gerade das, durch dessen Mangel diese Art von Verstande sich unterscheidet. Man kan überhaupt zwei Arten von Menschen in der Welt bemerken: Einige wissen vortreflich von Sachen zu sprechen, und können ihre ganze Teorie mit Genauigkeit und Deutlichkeit vortragen, die ihnen doch mislingen, so bald sie die Hand daran legen. Andre reden wenig und verwirt, und bringen sie zu Stande. Man tut ser unrecht, wenn man die ersten als Schwäzzer, und die andern als blosse Handwerker ansieht. Die Fähigkeiten, die die sie zu dem machen; was sie sind, sind von der Natur selbst unterschieden. Der Philosoph, der erklärt, vergist über den Merkmalen, die er samlet, die individuellen Umstände der Fälle, die doch in der Ausübung müssen zu Rate gezogen werden, und sie verunglükt ihm also. Der Künstler, welcher arbeitet, findet in dem Bilde, was ihn anstat der Erklärung gegenwärtig ist, alle diese kleinen Umstände; aber er kan aus diesem Bilde nicht die einigen, wenigen Teil' herausnemen, die das Übrige würden kentlich machen; er kan also sich nicht erklären, als indem er die Sache zeigt. Wenn die ersten beständig zum Erklären, und die andern zum Ausüben bestimt würden, so würde die Welt richtige Teorien und vortrefliche Werke zugleich erhalten." Seit. 50-53.

 

[Ib-13-1781-0422]
"Wir haben gesehen, daß einige Fähigkeiten in gewisser Mass' einander entgegenstehen, und daß man sie deswegen ordentlicher Weise nur unter verschiednen Menschen verteilt findet. – Aber wenn dieselben

 

[Manuskriptseite 177]

in einem bestimten Falle diesen Streit aufheben; wenn sie in einer gewissen Sele zusammenkommen, und sich einander das Gegenwicht halten; wenn sie sich endlich alle zusammen auf einen gewissen Gegenstand vereinigen: alsdann bringen sie ein Genie hervor. – Überhaupt heist Genie entweder alles was in unsern Fähigkeiten von der Natur herrürt, und wird dem Erlernten oder der Gelersamkeit entgegengesezt; oder es zeigt eine höhere Klasse von Geist an, und in diesem Verstande nemen wir's iezt. – Es giebt also so viel Genies, als es Gegenstände für besondre Fähigkeiten giebt. Wir wollen z. B. das dichterische Genie nemen. Es ist klar, daß seine herschende Eigenschaft die Einbildungskraft sein mus, die von richtigen, starken und feinen Empfindungen geleitet, von einer einsichtvollen, oder praktischen Vernunft ausgebildet, und durch den Wiz ausgeschmükt wird. Aber wenn nun die nachdenkende oder philosophirende Vernunft dieser nicht zur Seite gienge, so würden sich diese Bilder und diese Begriffe nicht ausdrükken lassen; denn alle Worte sind Zeichen für abgezogene Begriffe. Diese Übereinstimmung und Vereinigung also von Empfindungskraft und Vernunft, wovon die eine die Bilder, die nachgemacht werden sollen, vorstelt; die andre sie ordnet und die Farben herbeischaft, mit denen sie entworfen werden: dieses macht das Eigentümliche und das Seltne von diesem Genie. Fähigkeiten, die sich in gewissem Grad' aufheben, müssen sich bei ihm vereinigen; die Erinnerungskraft, die die Ideen durch ihre Folg' und Verbindung aufwekt, mus mit dem Gedächtnisse, das ganze Reihen von Begebenheiten wieder darstellen kan, verbunden sein; die Empfindungen müssen so ungestört bleiben, als wenn die Sele sich blos mit dem Gegenstande selbst beschäftigte, und doch mus die Sele zugleich einen geheimen Blik auf sich selbst tun, um diese Empfindungen gewar zu werden, und sie in den gehörigen Schranken

 

[Manuskriptseite 178]

zu halten. Empfinden und Denken zugleich, das ist die grosse Kunst des Dichters." Seit. 97-99.

 

[Ib-13-1781-0423]
"Gute Köpfe, die, wenn sie für sich on' Aufforderung und on' Anstrengung über eine Materie denken, voller Einsichten sind, werden vielleicht an den Zeiten und Orten, wo sie sich am meisten zeigen wollen, und wo's eigentlich darauf ankömt, eine Prob' ihrer Fähigkeiten zu geben, weniger leisten, als andre. Dieses ist eine notwendige Erinnerung für Lerer, die oft ser unrichtig die Fähigkeiten ihrer Schüler aus den öffentlichen Prüfungen beurteilen. – Die Ursache davon ist zum Teil physisch. Zum Denken wird eine gewisse Bewegung des Bluts und der Lebensgeister erfordert. Die, bei welchen sonst diese Bewegungen langsam und schläfrig sind, werden bei einer ausserordentlichen Gelegenheit, wo dieselben durch die Leidenschaft des Ergeizes, der Furcht, der Hofnung beschleunigt und verstärkt werden, besser und richtiger denken. Dahingegen die andern, bei welchen der gehörige Grad von Bewegung ordentlicher Weise vorhanden ist, wenn die Bewegung durch eben diese Leidenschaft noch mer beschleunigt wird, eben dadurch unfähiger werden. – Zum Teil ist die Ursache sitlich. Iede Leidenschaft entzieht dem Gegenstand einen Teil von der Aufmerksamkeit und von der Kraft der Sele, und nimt sie für sich weg. Ie stärker man also die Leidenschaften erregt, um desto mer schwächt man eine iede andre Anwendung der Selenkräfte; und gerade da am meisten, wo diese am grösten, und also zugleich die Leidenschaften am stärksten sind. Dahingegen bei andern, wo Triebfedern felen, wo die Wirksamkeit der Sel' an und für sich klein ist, eben diese Leidenschaften nüzlich sein können." Seit. 100-102.

 

[Ib-13-1781-0424]
"Die ware Untersuchung des Vermögens zu denken ist, wenn man zwei Personen über eine Materie,

 

[Manuskriptseite 179]

über die sie gleich viel Erfarung und Unterricht haben, ihre eigne Meinungen und Urteile sagen oder aufschreiben läst. Der gute Kopf wird den hier den Mangel dessen, was er vergessen hat, durch eigne Betrachtungen ersezzen, der andre wird entweder blos wiederholen, oder nichts hervorbringen. Daher wird auch in den Gedanken des einen mer Metode und anscheinende Bündigkeit sein, weil sie blos entlenet sind, in des andern seinen mer Unregelmässiges, aber zugleich mer Eigentümliches. Die Natur giebt auch ihren geringsten Werken gewisse Vorzüge vor den blossen Werken des Fleisses und der Kunst, die dem Auge des Kenners nicht entgehen." S. 114-115.

 

[Ib-13-1781-0425]
2) Verschiedenheiten in den Werken der ältesten und neuern Schriftsteller.

 

[Ib-13-1781-0426]
"Welche Arbeiten des Geistes geraten wol in irgend einer Art besser, als dieienigen, bei welchen man sich am wenigsten ängstlich bemüht, sie vortreflich zu machen? Welche unsrer Begriffe sind wol die reichsten, lebhaftesten, in der Entwikkelung am fruchtbarsten? Die, welche ein freiwilliges Nachdenken über den Gegenstand nach und nach aus den bekanten Ideen hervorgearbeitet, oder die, welche ein oft blos zufälliger schneller Blik auf die Sach' aus der Reihe sich selbst darbietender Vorstellungen aufgefast hat? Die Werke, die man für's Publikum schon bestimt, indem man sie verfertigt, sind gemeinglich unter dem, was man für sich selbst oder für solche Freunde macht, von deren Beifal und Achtung man sich schon versichert hält. Der Wunsch, etwas Gutes hervorzubringen, die Begierde nach den Vorteilen, die uns unser Werk, wenn's gelingt, zuwege bringen sol, die Achtsamkeit endlich auf unser eignes Bemühen, es zu Stande zu bringen, alles dies ist eine Art von Zerstreuung, durch welche

 

[Manuskriptseite 180]

dieienige Kraft, die ganz auf den Gegenstand vereinigt sein solte, auf sich selbst zurükgekert, und durch Unruh' und Hofnung verzert wird. Da das menschliche Geschlecht und der einzelne Mensch in dem stufenweisen Fortgang ihrer Fähigkeiten einander so änlich sind, so findet man hier einen Grund von der notwendigen und unausbleiblichen Verschiedenheit, die zwischen den ältesten und den spätern Arbeiten desslben sein mus. Es giebt in beiden eine Zeit der Kindheit und des mänlichen Alters. In den Werken der ersten sehen wir eine Kraft, die sich durch ihre blosse Energie und die Gegenstände getrieben fült zu wirken, und deswegen in ihrer natürlichen Tätigkeit durch nichts gestört wird; in den Werken der andern eine Kraft, die erst durch ein besonders Interesse gereizt werden mus, die nach Absicht und in Hofnung eines gewissen Erfolgs wirkt, und die eben deswegen in ihren Äusserungen eingeschränkt, und von ihrer natürlichen Richtung abgebracht wird. In den Werken der einen Zeit werden sich die Schriftsteller ihrer Ideen nur so zu sagen entschütten, die ihnen durch die Gegenstände selbst und eine ganz unwilkürliche Beobachtung derselben aufgedrungen werden; – in den Werken der andern werden sie Ideen, die sie gesucht und ausgearbeitet haben, in der Absicht mitteilen, sich Beifal und Rum zu erwerben. Der älteste Schriftsteller ist's Kind, das den ganzen Tag on' Absicht hin und her läuft, und niemals fült, wie müd' es ist, weil's sich bei keinem Schritte mer an denienigen erinnert, den's schon getan hat, noch den voraus sieht, den's noch zu tun gedenkt. Der neuere Schriftsteller ist ein Wanderer, der immer den Ort im Gesicht' hat, wo er hin wil,

 

[Manuskriptseite 181]

in der Begierd' anzulangen seine Schritte zält, und sich durch das Übersehen des zurükgelegten und des noch vor ihm liegenden Weges freiwillig entkräftet.

 

[Ib-13-1781-0427]
Dieser eine Umstand hängt mit vielen andern zusammen, die sich so am besten entwikkeln lassen, wenn man sich zuerst alle die Verschiedenheiten der beiden Zeitalter vorstelt, und alsdan sieht, was für Einflus sie auf die Werke des Geists und vornämlich auf die Schriftsteller haben musten.

 

[Ib-13-1781-0428]
Die erste und gröste Verschiedenheit liegt in der Art und Weise, dieienigen Begriffe zu bekommen, die der Schriftsteller mitteilen sol. Bei uns ist fast das einzige Mittel das Lernen. Unterricht und Lesen leren uns meistenteils alles kennen, was wir wissen; und beides unternemen wir nicht anders, als in so fern wir's zur Ausführung eines gewissen Plans brauchen. Bei den Alten scheint diese Erlernung weniger Studium als instinktmässige Beschäftigung gewesen zu sein. Ihre Sinnen waren ihre Lerer, sie sahen, sie hörten, sie dachten zu Folge der Eindrükke, die die Natur und ihre Verhältnisse mit andern Menschen auf sie gemacht hatten.

 

[Ib-13-1781-0429]
Was erstlich die sichtbare körperliche Natur betrift, so weit sie durch den Anblik erkant werden kan: so kanten sie sie in der Tat besser, als wir, und diese Kentnis kostet' ihnen keine Arbeit. wir werden von Kindheit an erst durch unsre Erziehung, dan durch unsre Lebensart und Geschäfte von dem Anblikke der Natur abgehalten; und viel also von dem, was wir durch unsre eigne Augen kennen lernen könten, müssen wir erst von unsern Lerern und aus den Büchern erfaren. Die Klasse von Menschen, unter welchen es fast allein Schriftsteller giebt, lebt bei uns beständig in ihren Häusern eingeschlossen; ihre Beschäftigungen und Zeitvertreibe sind gröstenteils

 

[Manuskriptseite 182]

innerhalb der vier Wänd ihres Zimmers. Nur gelegentlich, nur auf Augenblikke werden unsre Menschen in's freie Feld hinausgefürt. Und dan sind sie gemeiniglich schon ermüdet und zerstreut, oder ihr Kopf ist schon mit so viel kleinem Eigennuzze, mit dem Entwurfe so vieler Vergnügungen, mit so viel selbstgemachten Ideen und Begierden angefült, die das eingeschränkte bürgerliche und häusliche Leben giebt, daß sie selten mer lebhaft von dem gerürt werden, was sie sehen, und hören, wofern's nicht neu und ausserordentlich ist, und ihre Aufmerksamkeit durch einen stärkern Reiz an sich zieht, als der blos einfache Eindruk auf ihre Sinn' ist. – Wir beobachten also ser wenig selbst. Viele Dinge geschehen täglich vor unsern Augen, oder sind nur wenig Schritte von uns, die wir doch kaum eher bemerken, als bis wir sie in Büchern gefunden haben. Die Dichter müssen uns erst sagen, was eine schöne Gegend sei, und wie die Sonn' auf und untergehe. Die Abwechselung der Iars= und Tagszeiten, die verschiednen Gestalten der Natur, die sichtbaren Eigenschaften und Veränderungen der Pflanzen und Tiere gleiten, ihrer Gewönlichkeit und unsrer Zerstreuung wegen, nur über die Oberfläch' unsrer Sele weg, und berüren sie kaum, wenn wir sie nicht zuvor schon durch Beschreibungen haben kennen lernen. Erst durch die Kopien werden wir auf die Originale aufmerksam, weil wir in der Vergleichung zwischen beiden eine Beschäftigung finden, die mer nach unsrer iezzigen Denkungsart ist, als die freie Beobachtung derselben.

 

[Ib-13-1781-0430]
Was die Kentnis betrift, die der Mensch nur von Menschen und durch seine Verbindung mit ihnen bekommen kan; so scheint's zwar, daß unser iezziger Zustand uns weit geselschaftlicher gemacht, und in mannichfaltigere Verhältnisse mit andern Menschen gesezt habe, und sie uns also auch von merern Seiten kennen lere. Und das ist in gewissem Verstand' auch war. Auf der andern Seit' aber sind wir in der Tat

 

[Manuskriptseite 183]

mer von ihnen abgesondert, als in dem frühesten Zeitpunkte der Geselschaft. Iezt kent ieder Mensch nur einige wenige Menschen seines Verstandes, von seiner Denkungsart, von seinen Gesinnungen. All' übrigen Klassen und Stände der Menschen, samt ihren Begriffen und ihren Empfindungen bleiben ihm zeitlebens fremde, wenn er sie nicht höchstens aus Büchern lernt. Der Umgang mit andern Menschen ist ein Recht geworden, das uns nur gegen die zusteht, mit welchen wir gleiches Ranges sind. Wenn wir mit Höhern umgehen wollen, so müssen wir uns dies erst durch gewisse Vorzüge, die Aufsehen machen, verdient haben. Ieder entfernt sich von denen, die unter ihm sind, und zu denen, die über ihm sind, darf er sich nicht nahen. Oder wenn auch zuweilen der Eigennuz der Geringern, oder die Begierde belustigt zu werden bei den Vornemern, oder endlich eine edlere, minder eingeschränkte Denkungsart auf beiden Seiten diese Gränzen überspringt, so bleibt doch der Umgang frostig, one dieienige Offenherzigkeit und Vertraulichkeit, die uns allein die Kentnis fremder Herzen gewären, und uns in dem Umgange mit ihnen eine Quelle zu Beobachtungen eröfnen kan. In den alten Zeiten waren fast alle Glieder einer Stad, einer Republik einander bekant. Die Staten waren kleiner. Ihre Bürger hatten all' ein gewisses gemeinschaftliches Interesse; Geschäfte, die sie oft zusammenbrachten; öffentliche Zusammenkünfte, wo sie sich daraus kennen lernten; Feierlichkeiten, an denen sie alle Teil namen. Die Rechte der verschiednen Ständ' äusserten sich weniger durch eine gegenseitige Entfernung von einander in dem geselschaftlichen Leben, als in einer Unterordnung bei der Ausfürung öffentlicher Geschäfte. Das Befelen und Gehorchen war bei denen Gelegenheiten, wo's eigentlich darauf ankam, die Pflichten seines Standes zu erfüllen, ser strenge. Aber sobald diese Gelegenheiten vorüber waren, so stelte sich

 

[Manuskriptseite 184]

eine Art eine Art von Gleichheit wieder her. Einen weit grössern Unterschied unter den Menschen macht der Reichtum, als der Rang; und nur dadurch, daß beide gemeiniglich bei uns vereinigt zu sein pflegen, ist die Absonderung der Ständ' aufs höchste gestiegen: das Verhältnis, das der Befelende gegen den Gehorchenden hat, kan er nur unter gewissen Umständen zeigen, und so lange, als die Art von Handlungen vorkömt, die anzuordnen versteht. Hingegen der Unterschied, den der Reichtum macht, ist beständig, und erstrekt sich auf alles. Wonung, Hausgeräte, Kleider, Aufwand der Tafel, Kostbarkeit der Ergözzungen, alles, was der Reiche hat und tut, ist anders als beim Armen. Der eine kan also seine Erhabenheit, und der andre seine Niedrigkeit niemals aus den Augen verlieren. – Überdies bildet sich durch eine lange Absonderung auch endlich ein Unterschied in dem, was man Anstand und Sitten nent, in der Art, sich zu betragen und auszudrükken. So wilkürlich auch diese Begriffe bald an die eine, bald an die entgegengesezte Art etwas zu tun und zu sagen verknüpft werden, so sind sie doch das erste, wornach wir den Vorzug und die Verdienste des Menschen messen; und dies also sezt endlich die vorher schwankende und oft niedergerisne Gränze zwischen Leuten von Stand' und gemeinen Leuten fest, und hebt alle Möglichkeit zur Wiedervereinigung auf. Beiläufig zu sagen: Die Begriff' und die Gesinnungen des gemeinen Mannes sind bei weitem nicht so ser von der feinern Welt ihren unterschieden, als die Verschiedenheit des Ausdruks vermuten läst. Es gehört aber, auch selbst für den denkenden Man, etwas dazu, seine eigne Vorstellungen unter einer niedrigen ihm ungewönlichen Bezeichnung wieder zu erkennen. Was gesunder Verstand, natürlicher Scharfsin, und Wiz durch Erfarung gebildet geben kan, das hat der geringere Teil des menschlichen Geschlechts mit dem grössern gemein, und oft in einem höhern Grade.

 

[Manuskriptseite 185]

Aber die Gewonheit macht, daß wir dies alles nicht ne mer für das halten, was es ist, wenn's uns nicht unter der Gestalt, auf die Art gewendet, mit den Worten gesagt vorkömt, wie wir's zu denken gewont sind. Die Vernunft mus ein mer didaktisches Ansehen kriegen. Manche Beobachtung, die im Mund' eines Taglöners verächtlich ist, weil sie sich nur auf etwas einzelnes und uns gering scheinendes bezieht, würde, von einem Philosophen gesagt, so bald er sie mit abstrakten und edlern Worten ausgedrükt, sie algemein und vielleicht dadurch unrichtiger gemacht hätte, eine Entdekkung scheinen. Und doch ist der Verstand gerade die Kraft, deren Wirkung noch am wenigsten von dem Werkzeug' abhängt, dessen sie sich bedient. Bei den Ideen der übrigen Fähigkeiten können wir oft kaum bis auf den Grund kommen. Wir wissen immer nicht, ist's das Wort oder die Sache, die wir iedes mal wizzig und artig und gros nennen. Wenigstens sind's die Falten des Gewands, durch die wir den Bau des Körpers beurteilen. Wenn also die Mitteilung der Ideen das einzige Band der Geselschaft sein kan, so bald der Eigennuz schweigt, und die Bedürfnisse befriedigt sind; so giebt's kein solches mer unter Gliedern einer Nazion, die eine sich fremde Sprache reden, und von einander weder geliebt noch hochgeschäzt werden können. Dies alles fält in den ersten Zeiten weg. Erziehung und Sitten, und Kentnisse und Sprachen sind noch unter die verschiednen Ständ' eines Stats gleich ausgeteilt. Nichts ist durch Verabredung unedel und verächtlich worden. Iedes Ding, * iedes Wort, macht noch den Eindruk, den's vermöge seiner Natur oder seiner Bedeutung zu machen im Stand' ist; nicht den, welchen es blos von Gelegenheiten und Umständen abborgt. – Dies ist die Ursache, warum unsre Romanen, unsre Schauspiel' uns iezt so reizend, oder vielmer so notwendig geworden sind. –

 

[Ib-13-1781-0431]
Eben aus dieser grössern Vereinigung der Menschen

 

[Manuskriptseite 186]

folgt' eine gewisse algemeinere Bekantschaft mit ihren Verrichtungen, besonders zu einer Zeit, wo ein Teil der Bequemlichkeiten, die durch diese Arbeiten verschaft wurden, noch ganz neu, und als ein wichtiges Geschenk für die menschliche Geselschaft noch hochgeschäzt war. – Die Künste, die Handwerker, die Geschäfte des Akkerbaues, die Arbeiten iedes Standes waren weniger schwer zu erlernen, wurden von dem Teile, der sie nicht trieb, noch nicht verachtet, und machten ein Stük der algemeinen Kentnis aus, die sich ieder erwarb, one darnach gestrebt zu haben. Auf diese Art also muste sich ihr Geist mit mannichfaltigen Begriffen anfüllen, die ihm in der Tat, weit weniger Bemühung, Nachdenken und Anstrengung kosteten als uns unsere vielleicht eingeschränktern, aber mer ergründeten Kentnisse. Das Aug' und das Or kan in einer kurzen Zeit von unendlich viel Sachen unterrichten. Nachdenken und Lesen hält und lange bei wenig Gegenständen auf. Aber freilich zeigen uns iene auch nur die Erscheinungen, nur das, was uns zunächst und der Empfindung offen liegt, nur das Resultat von dem geheimen Spiele der natürlichen Triebfedern; dahingegen uns diese zugleich daran gewönen, den innern Bau der Ding' und die Ursachen von den Begebenheiten zu erforschen. Wir wissen iezt vielleicht weniger, wie die Ding' aussehen, aber wir wissen besser, was sie sind. – Dieser Unterschied nun in der Müh' oder Leichtigkeit, mit der wir gewisse Ideen bekommen, hat selbst auf die Gestalt dieser Ideen einen grossen Einflus. Wo eine Müh' überwunden werden sol, da müssen wir eine Begierd' haben, deren Befriedigung der Beschwerlichkeit der Arbeit wert ist; da müssen wir uns eine Absicht vorsezzen, Mittel wälen; uns selbst zur Anwendung unsrer Kraft auffordern; sie, wenn sie ermüdet, oder sich von dem Gegenstande verliert, zurükbringen und festhalten; sie in ihren Operazionen nach einem Plane leiten; dem natürlichen Fortgang' unsrer

 

[Manuskriptseite 187]

Vorstellungen durch einen künstlichen entgegenarbeiten. Alle Begriffe, die auf diese Art entstehen, sind mer unser Werk als das Werk der Dinge, die wir betrachten. Unsre Regeln, unsre vorher gesamleten Begriff' haben immer mer oder weniger an dem Eindrukke gekünstelt, den die Sachen auf einen völlig noch uneingenommenen Geist machen würden. Selbst das, was wir für reine lautere Beobachtung halten, ist schon zum Teil aus unserm übrigen Gedankensystem gefolgert. – Überdies, ie mer wir uns die Hervorbringung und Zusammensezzung gewisser Gedanken Arbeit kosten lassen, desto mer sind wir in Gefar, die nächsten unmittelbarsten Verhältnisse der Begriffe zu übersehen, und dafür entferntere und weithergesuchte zu wälen. Die einfältige, nakte, einleuchtende Warheit, so wie sie sich dem blos ruhigen Zuschauer der Natur von selbst darbietet, wird von dem zu geschäftig suchenden Geist' übergangen, und an ihre Stelle sezt er eine Meng' erkünstelter halb falscher Säzze, denen er erst durch den Ausdruk wieder einen Schein von Warheit und Änlichkeit mit der Sache selbst geben mus.

 

[Ib-13-1781-0432]
Das was wir Anstrengung nennen, besteht nicht sowol in einem gewissen Masse der aufgewendeten Kraft, als in der Mühe, dieselbe von den Gegenständen, welche nach den physischen Gesezzen am stärksten auf unsre Sinn' oder auf unsre Einbildungskraft wirken würden, abzuziehen, und sie auf solche zu richten, mit denen wir nach unsrer gegenwärtigen Lage gar nicht oder nur schwach beschäftigt sein würden. Die Ideen können bei einem Schauspiel' eben so lebhaft sein, als bei einer Meditazion. Die Aufmerksamkeit kan bei dem erstern sogar in einem noch höhern Grad' angestrengt sein. Aber in dem erstern Falle lassen wir uns nur beschäftigen; wir sind leidend; die Obiekte bieten sich von selbst dar; der Fortgang unsrer Vorstellungen ist volkommen mit dem Fortgange der Veränderungen analogisch, die um uns her vorgehen. In dem andern

 

[Manuskriptseite 188]

Falle beschäftigen wir uns selbst. Wir selbst müssen erst die Gegenständ' in uns hervorbringen, oder sie unserm Verstande gegenwärtig machen; den Eindruk der andern müssen wir dagegen schwächen oder bei Seite schaffen. Dieser Streit zwischen den Gegenständen, die eben iezt auf unsre Sinne wirken, oder die unsre gegenwärtige Verfassung uns in's Gemüte bringt, und zwischen denen, die sich der Verstand zu betrachten vorgesezt hat; dieser macht eben das Beschwerliche und Ermüdende der Arbeit aus. –" Seit. 117-135.

 

[Ib-13-1781-0433]
"Es ist klar, daß in dem ältesten Zustande der Ideen mer als iezt gewesen sein müssen, die ieder Mensch für sich aus seinen eignen Empfindungen, so gut er konte, herleitete; und daß hingegen in dem unsrigen die überlieferten und mit gewissen Wörtern bezeichneten Ideen die Oberhand haben, solche, die nur umgetauscht, nicht von dem Geiste selbst hervorgebracht und geprägt werden. In ienem erwuchs der Mensch one viel Unterricht. Aber desto mer Gelegenheit, Musse und Aufforderung hatt' er, seine Sinne zu brauchen. Was hernach sein Verstand mit den dergestalt gesamleten Ideen anfangen solte, das hieng noch weit weniger von der Leitung und dem Beispiel' andrer, als vom natürlichen Hang' und den freiwilligen Bewegungen eines ieden ab. Was ieder von der Natur oder vom Menschen kante, das hatt' er selbst an ihr gesehen. So oft er davon redete, so stund vor seiner Einbildungskraft wieder die Person, der Vorfal, die Begebenheit, an der er zuerst diese Beschaffenheit oder dieses Verhältnis wargenommen hatte. Bei ihnen hatte, nach des Pytagoras System, noch ieder seine eigene Warheit. – Bei uns hingegen kömt der Unterricht den Sinnen lange zuvor. Wie viel Namen sind nicht in dem Mund' unsrer Kinder und Erwachsenen, ehe sie die Obiekte gesehen haben, und die sie zum Teil

 

[Manuskriptseite 189]

niemals recht sehen. Wie viel Ausdrükke von Eigenschaften und Verhältnissen der sichtbaren und moralischen Welt brauchen wir nicht, ehe wir iemals durch unsre eigne Umstände sind veranlast worden, diese Verhältnisse kennen zu lernen, und eh' uns die Verknüpfungen der Dinge vorgekommen sind, bei welchen allein dieselben sich haben entdekken lassen. Wie viel algemeine Säzz' und Sentenzen, und Regeln und Sittensprüche können wir nicht schon auswendig, eh' wir noch den kleinsten Teil der vorläufigen Ideen haben, an deren Kette iene erst das lezte Glied sein solten. Unsere Ammen und unsre Lermeister bringen uns eine Menge solcher präsumtiver Kentnisse durch Wörter und Formeln bei, von denen wir vor der Hand nur so viel wissen, daß etwas dabei gedacht werden sol, und von andern gedacht worden ist, die wir aber erst hinterdrein, und oft ser spät, mit waren Gedanken ausfüllen können. Wir hören und reden schon viel von menschlichen Handlungen und Tugenden und Felern, eh' wir noch einen Menschen mit Aufmerksamkeit haben handeln gesehen. Ie mer also die natürliche Ordnung unsrer Aufklärung umgekert wird, ie mer wörtliche abstrakte Ideen vor den sinlichen und Erfarungsideen vorhergehen, ie mer der Beobachtungsgeist dem System nachfolgt, und dasselbe nur zu bestätigen sucht, desto mer Gleichheit unter den Begriffen mererer, die iezt blos den gemeinschaftlichen Teil ihrer Fähigkeiten und nach einerlei Vorschrift geübt, und den eigentümlichen vernachlässigt haben; desto weniger Originelles also.

 

[Ib-13-1781-0434]
Und so finden wir's auch in der Tat, wenn wir die Werke der Alten und Neuern ansehen. Mus es nicht einen etwas denkenden Menschen wundern, wenn er hört, daß alle die vornemsten Gattungen der Dichtkunst, die,

 

[Manuskriptseite 190]

welche noch bis auf den heutigen Tag den ganzen Umfang menschlicher Werk' in dieser Art zu umfassen scheinen, gerade zu der Zeit sind erfunden worden, da man am wenigsten über die Natur dieser Gattungen, und über die Verschiedenheit, deren dieselben fähig wären, nachdenken konte? Ist's nicht augenscheinlich, daß diese verschiedne Dichtungsarten nur so viel verschiedne Gestalten waren, die die Begriff' in dem Kopfe der ersten Schriftsteller annamen? Daß die Klassifikazion derselben, die wir iezt als notwendig ansehen, zum Teil von dem zufälligen Umstand' abhieng, daß gerade solche und solche Genies die ersten waren, die die Aufmerksamkeit der Nazionen auf sich zogen? Der erste poetische Erzäler alter Geschichte, und der, welcher in der Ode die Empfindungen blos aus den Tatsachen herauszog, und diese als eine Art gröbern Stofs liegen lies, und der, welcher die Begebenheiten vor den Augen seiner Zuschauer vorgehen lies: waren das Leute, welche bemerkt hatten, wie vielerlei Formen die Vorstellung einerlei Sachen annemen könte? Oder gerieten sich nicht vielmer darauf, weil sie nach keinem Muster gebildet, sich blos den Bewegungen ihres eignen Geistes überliessen, und also durch die grössere Leichtigkeit, die sie fanden, sich die Sachen auf die eine als auf die andre Art vorzustellen, getrieben wurden, diese zu wälen? Sobald aber die ersten Schriftsteller einen Grad von Ansehen und Ruf erhalten hatten, so wurde nunmer die natürliche Wirksamkeit der nachfolgenden gestört. Iederman war auf diese Werk' aufmerksam, und machte sich mit denselben bekant. Eine neue Laufban zur Er' und zur Achtung war geöfnet. Am Ende derselben sah man diese Männer angelangt. Iederman sezte sich also nunmer in Bewegung; nicht mer dahin, wohin er selbst natürlicherweis' one Wegweiser ge

 

[Manuskriptseite 191]

gangen sein würde, sondern dahin, wo er sahe, daß andre vor ihm glüklich gewesen waren. Endlich kam die Philosophie, die immer Gründe findet, warum das Ding, das auf die eine Art geschehen ist, nur auf diese einzige Art geschehen konte, teilte die Dichtkunst a priori in so viel Klassen, als der Zufal und die Natur der ersten Dichter verschiedne Werke hervorgebracht hatten, und schränkte nun vollends die Freiheit der folgenden Schriftsteller durch den Schein der Volständigkeit ein, den sie dieser Klassifikazion gab. – So haben bei allen Arten der Erfindungen die besondern Umstände, die Talent' und der Geschmak der ersten Person, die durch dieselbe bekant worden ist, entschieden, nach welchen Regeln alle künftige arbeiten solten. Die erste Entdekkung eines neuen Werks zum Nuzzen oder zur Bequemlichkeit der Geselschaft ist ein Werk des Zufals, d. h., eines Zusammenflusses von Ursachen, die wir nicht auseinandersezzen können. Sobald der Mensch die Früchte derselben geniest, so giebt ihm seine Trägheit so viel Anhänglichkeit an die Form, unter welcher er zuerst die Sache gesehen hat, daß nun gar nicht mer davon die Red' ist, ob nicht vielleicht, wenn noch nichts erfunden wäre, sein eigner Verstand ihn auf einem andern Wege zu demselben Ziele würde gefürt haben. Eine zweite Erfindung kostet oft mer, als die erste, weil man, ausser der Schwierigkeit der Unternemung selbst, noch zugleich den Hang der Nachamung v überwinden mus. – In der Tat ist's wol begreiflich, daß die Empfindungen des Menschen in Versen oder in Prose sich auf nicht mer als vier oder fünferlei Arten solten mitteilen lassen: daß es entweder eine Erzälung mit Götter= und Heldengeschichten und Wundern und Erscheinungen; oder eine dialogische Vorstellung, und

 

[Manuskriptseite 192]

zwar diese, wenn sie traurig ist, zwischen Königen und Fürsten, und wenn sie lustig ist, zwischen Bürgern und Bedienten; oder daß es ein Gesang, und in diesem alsdan nur Empfindungen mit Entusiasm und Unordnung; oder daß es endlich eine Fabel sein müsse, wenn etwas ein Gedicht sein sol? Man stelle sich einmal vor, unser Klima wäre zuerst bevölkert, unsre Nazion zuerst zivilisiert, unsre Sprache zuerst ausgebildet worden; unsre Religion, unsre Geschichte, unsre Naturkentnisse, unsre Regierungsformen wären die ältesten gewesen. Hätte sich wol auch ein einziges Stük der alten Dichtkunst so vorstellen lassen, wie's iezt ist? Hätte wol irgend ein Mensch an Epopeen und Oden und Schauspiele nach Art der Alten denken können? Würden wir wol, wenn wir von der ganzen Natur und dem menschlichen Geschlechte nichts weiter gewust hätten, als was wir iezt wirklich vor Augen haben, alle die Einrichtungen abgerechnet, die schon den Geist der alten Zeit in die unsrige verpflanzen; würden wir wol auf viele von den Regeln gekommen sein, die iezt die klassischen Schriftsteller der neuern beobachten? Man sehe nur, wie genau die ganzen Formen unsrer poetischen Werke zu der Lag' und Verfassung und Geschichte von Griechenland, und wie wenig sie zu der unsrigen passen! Bei iener machen sie einen Stein des ganzen Gebäudes aus, bei uns sind sie ein angeflikter Zierrat. Ihre Epopee enthielt ihre älteste Geschichte, den Ursprung ihrer Städe und ihrer grossen Geschlechter. Was der Dichter dort in eine zusammenhängende Erzälung brachte, das hörte stükweise schon das Kind an der Brust seiner Mutter, das besang der Iüngling an den Festen der Götter und Helden, davon redete der Sachwalter vor Gerichte, der Patriot im Rate, der Herfürer im Felde. Ihre Oden, ihre Schauspiele, der Stof und die Form derselben, waren in

 

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die besten besondern Zeremonien ihres Gottesdienstes, oder in die besondern Feierlichkeiten ihrer Zusammenkünfte, oder in die Verfassungen ihrer Regierungsformen so eingewebt, daß sie nur unter diesen auf alle Weis' ihrer Veranlassung, ihre Beziehung, ihre volle Wirkung hatten. Der Glanz, den ein berümt gewordener Dichter oder Redner um sich wirft, blendet one Zweifel seine unmittelbaren Nachfolger am meisten, und die Nachamungssucht ist in der Tat niemals ausschweifender und sklavischer, als gleich nach der Epoche der Erfinder. So war's in Griechenland, so in Rom, so in Italien zu den Zeiten des Petrarchs. Die ersten Dichter wurden von den nächsten Iarhunderten nicht blos als Original' angesehen, die man aus freier Hand nachzeichnen wolte, sondern als Modelle, in welche man sein Werk bis auf die kleinsten Fugen passen muste. – Nach und nach, da die Anzal der aufgeklärten Völker, unter denen es Dichter giebt, grösser geworden, haben sich auch die Originale vermert: die Vererung hat sich geteilt, die Philosophie hat uns Möglichkeiten gewiesen, wo wir auch noch keine Beispiel' haben, und wir, die wir iezt so spät kommen, haben eben dadurch, daß uns so viele Muster zum Nachamen überliefert worden, den Vorteil erlangt, daß es uns leichter wird, mitten unter der Nachamung noch etwas von dem Eignen unsers Kopfs und Herzens zu behalten. –" Seit. 155-165.

 

[Ib-13-1781-0435]
"Derienige Teil der Dinge, der der Empfindung nicht unmittelbar offen liegt, der erst durch eine Reihe von Beobachtungen und Schlüssen aus ihnen gefunden werden mus, wird da genauer erkant, wo nicht ieder Mensch mit seinen Erkentnissen immer von vorn' anfangen, und alle die ersten einfachsten Erfarungen wieder durch

 

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wandern mus, sondern wo er bei seinem Eintritt' in die Geselschaft das Resultat von den Erfarungen seiner Vorfaren konzentrirt erhält, und von diesen nunmer ausgehen kan. Die ältesten Menschen sponnen sich so zu sagen den ganzen Faden ihrer Ideen selbst: sie kanten ihn deswegen genau, er war völlig ihre, aber weit fortgesezt war er nicht. Iezt bekömt ieder Mensch durch Überlieferung und Unterricht schon ein ganzes Gewebe von Ideen in die Hand, das er selbst noch nicht übersehen kan, das er indes als einen unbekanten Schaz verwart, bis er's nach und nach bei Gelegenheit auseinanderwikkelt. – Und alsdan erst, wenn er damit fertig ist, dasienige, was er von fremden Gedanken bekommen hatte, in seine eignen zu verwandeln: alsdan erst kan er nun anfangen, umherzugehen und sich selbst Gegenstände für seine eigne Bearbeitung aufzusuchen. – Noch ein Unterschied unter den alten und neuern Schriftstellern; diese zeigen uns mer das Innere, iene mer das Äusserliche der menschlichen Handlungen. Unsre Dichter sind schon eine Art Metaphysiker, und müssen es fast für uns sein. Sie zergliedern die Empfindung, die der Alte ganz einfach durch ein Wort ausgedrükt hätte, in die Summe der einzelnen Bewegungen, aus denen sie sich erklären läst. Sie sagen uns nicht blos die Gedanken, die der wirklich hatte, welcher in der vorgestelten Verfassung war, sondern auch die, welche blos dunkel in seiner Sele zum Grunde lagen, und in der Leidenschaft sich äusserten, one vom Verstande bemerkt zu werden. Sie sondern in dem Gemälde der menschlichen Sele die Züge, die in Eins verlaufen waren, von einander ab, und lassen die geheimern kleineren Triebfedern einzeln vor unsern Augen spielen, die die Natur uns nicht anders als in ihrer vereinigten Wirkung zeigt. Der Alte hingegen nent das Phänomen

 

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so im Ganzen, wie wir's sehen, beschreibt und erklärt nichts, ist genau, reich, umständlich, wenn er die Wirkungen erzält; unbestimt, arm, kurz, wenn er ihre Ursachen angiebt. –

 

[Ib-13-1781-0436]
Handlungen und Reden sind bei den Alten vielleicht genauere Kopien der damaligen Natur, als sie's bei unsern Dichtern von der unsrigen sind. Unsre Imaginazion bekömt dort d vielleicht getreuere Bilder: aber unser Verstand erhält weniger Begriffe, oder weniger Unterschied' unter änlichen Begriffen. Unser Herz wird vielleicht heftiger angegriffen; aber die Schläge sind einförmiger, und zielen mer darauf, das Ganze unsrer Empfindungen überhaupt in Bewegung zu sezzen, als iede einzelne Saite desselben besonders zu e rüren." Seit. 168-172.

 

[Ib-13-1781-0437]
"Die Simplizität der Alten ist nichts, als die zusammengefaste unentwikkelte Empfindung aller der Verschiedenheiten zwischen der Art, wie wir die Sachen sehen und ausdrükken, und zwischen der ihrigen. Ungefär folgende Stükke sind einige von den Ursachen dieser Empfindung. Sie schildern all' Arten von Gegenständen, seltne und gemeine, bekante und fremde: wir sind gewont, nur gewisse Gegenstände der Beschreibung und Betrachtung wert zu halten. Sie gehn mit ihrer ganzen Absicht niemals weiter, als uns das Bild der Sache, von der sie reden, zu überliefern: wir brauchen die Begebenheiten, die wir erzälen, die Obiekte, die wir schildern, gemeiniglich nur als Gelegenheiten, eine Anzal guter Ideen, die wir in unserm Kopf gesamlet haben, anzubringen. Sie legen niemals in den Ausdruk einen grössern Reichtum von Gedanken, als der in dem Gegenstande selbst liegt: wir haben fast immer noch ausser der Absicht, der Imaginazion des Lesers ein gewisses Bild vorzustellen, die zweite, in seinem Verstande gewisse Be

 

[Manuskriptseite 196]

trachtungen zu veranlassen. Sie suchten geringscheinende Gegenstände, wenn sie ihnen auf ihrem Weg' aufstiessen, nicht durch feine Nebenzüge, durch veranlaste Anwendungen derselben, durch bewirkte kleine Verhältnisse mit zu erheblichern, wichtig zu machen: bei uns wird der gute Schriftsteller in diesem Fall' immer eine Art von Kunstgrif gebrauchen, uns noch an etwas anders denken zu lassen, als was er geradezu sagt. Sie namen allen ihren Stof fast durchgängig aus der Geschicht' ihres Landes, und noch dazu aus einer gewissen Epoche derselben; sie erfanden niemals ganz neue Subiekte, sondern sezten höchstens zu den alten einige neue Umständ' hinzu; all' ihre Fabeln haben auch deswegen einen gemeinschaftlichen Karakter: wir haben in den unsrigen mer Mannigfaltigkeit, weil sie ganz von unsrer Wal abhängen. Sie suchten in ihren Gemälden nur Warheit, nicht Abwechselung; und wenn deswegen in dem Laufe der Begebenheit dieselbe Sache wieder vorkam, so scheuten sie sich nicht, sie auf dieselbe Art zu sagen: wir sind mit der Richtigkeit noch nicht zufrieden, oder wir opfern auch wol einen Teil derselben auf, wenn nur unsre Neubegierd' unterhalten wird; das immer Veränderte in den Vorstellungen ist für unsre Selen, deren übrige Triebfedern schon zum Teil abgenuzt sind, ein notwendiger Reiz geworden, wenn sie uns gefallen sollen. Sie richten sich in der Umständlichkeit ihrer Schilderungen nicht nach der Rangordnung, die unser Stolz oder auch der Misbrauch gewisser Sachen unter den Gegenständen gemacht hat: bei uns werden nur wenige ausfürlich gezeigt, andre kommen nur berürt wieder, noch andre müssen wir mit einer Dekk' überziehen, die sie ge

 

[Manuskriptseite 197]

heimnisreicher und anziehender zugleich machen. Sie fassen in ihrem Ausdrukk' alles das in Eins zusammen, was in der Empfindung der Sele nur als einfach vorkömt: wir sondern das alles von einander ab, und drükken's einzeln aus, was der Verstand Mannigfaltiges in dieser Empfindung war nimt. Ihre Vorstellungen gehen ser auf's einzelne, und bestimmen ieden Teil der Sache, wenn ihr Anblik geschildert werden sol; sie halten sich blos an das Algemeine, und geben nur überhaupt die Gattung an, wenn sie ihre Kräft' und Gesezze berürt werden: wir hingegen geben von den sichtbaren Veränderungen nur ungefäre schwankende Bilder, von den geistigen genaue zergliederte Begriffe. –" S. 177-180.

 

[Ib-13-1781-0438]
3) Nicht iedes Gute, und Ware interessirt uns.

 

[Ib-13-1781-0439]
"Nicht das Gute erregt an und für sich Begierde, sondern nur das Gute, welches eben iezt zur Volständigkeit unsers Zustandes felt, nur dasienige, dessen Mangel in unsrer iezzigen Verfassung eine Lükke macht, über die wir unruhig sind. Eben die Beziehung, die das Gute auf die Begierden hat, eben dieselbe hat das Interessirende auf den Verstand. Nicht iede grosse schöne Idee macht uns aufmerksam, sondern nur dieienige, die in die Reihe der in uns schon vorhandnen und von uns bemerkten Ideen noch hineinfelt, die, welche eine von uns wargenommene Lükk' unsrer Kentnisse ausfült, eine gewisse Unruhe stilt, die wir über unsre Unwissenheit in diesem Stükk' empfanden." S. 268-269.

 

[Ib-13-1781-0440]
4) Ästetische Bemerkungen.

 

[Ib-13-1781-0441]
"Mit nichts können wir besser sympatisieren, als mit der Sympatie selbst; keine Leidenschaft pflanzt sich leichter fort, als die man selbst durch Mitteilung bekommen hat. Einen

 

[Manuskriptseite 198]

Menschen ermordet zu sehen, ist ein mer gräslicher als rürender Anblik: aber eine trostlose Witwe über die Leich' hingebükt, verwaiste Kinder um dieselbe herumstehen zu sehen, das ist rürend. Einen Man können wir vielleicht ruhig ins Gefängnis schleppen sehen; aber wir werden bewegt, wenn seine Familie hinter ihm her folgt, und den Kerkermeister um Mitleiden und Gelindigkeit anfleht. So ist's in der wirklichen Welt; so finden wir's auch auf der Büne. Nicht der Fal des Helden, sondern die vielfachen Bewegungen, die dieser Fal bei den Umstehenden erregt, das ist's, woran wir Teil nemen. So rürt auch der Maler oft mer durch Affekten, die er auf den Gesichtern der Umstehenden ausdrükt, als durch die Haupthandlung selbst. –" S. 364.

 

[Ib-13-1781-0442]
"Man schildert die Leidenschaften war und natürlich. War bezieht sich auf die Züge des Gemäldes, es mus änlich sein. Natürlich bezieht sich auf die Stärke des Kolorits: es mus nicht übertrieben sein. Ienes ist das Werk des Genies: es mus sich zu einem so hellen Anschauen der Sach' erheben können, daß es die ware Gestalt derselben trift; dies ist das Werk des Geschmaks: er mus im Ausmalen des geistigen Bildes eine gewisse Mässigung behalten.

 

[Ib-13-1781-0443]
Beide Wörter sind nicht einerlei. Es ist gewis, daß der Zeitpunkt, in welchem der Dichter erfindet, und seinen Gegenstand geistig anschaut, nicht derienige ist, wo er sich hinsezt und seine Vers' ausarbeitet. Es ist gewis, daß iener Akt in aller seiner Volkommenheit vorgegangen sein, und daß dieser zweite iene Volkommenheit wieder verdunkeln oder zerstören kan; daß der Dichter, indem er sich zur äussern Darstellung seines innern Bildes wendet, wenn er die Wörter, den Reim, das Sylbenmas sucht, das Ware entweder zu kalt oder

 

[Manuskriptseite 199]

zu kün, oder zu flüchtig oder zu umständlich sagen könne. Das Ware ist allen Epochen der Dichtkunst gemein. Zu ieder Zeit hat's grosse Geister gegeben, die die Natur kennen und fülen. Das Natürliche unterscheidet sie. In den ältesten Zeiten bleibt in der Schilderung der Leidenschaften der Ausdruk etwas zurük. Er ist mat, kurz, vorübereilend. In den Zeiten der blühenden Wissenschaften und der verfeinerten Sitten bekömt er mer Leben, mer Umständlichkeit: aber er bleibt noch bescheiden, noch konzis; in dem dritten Zeitraum wird er kün und übertrieben. Die Erscheinungen der Leidenschaft werden zu weitläuftig ausgemalt, werden mit zu hellen Farben erleuchtet. Homer, Virgil, Lukan, können die drei Muster von diesen Zeitaltern sein. Es ist der Erfarung gemäs, daß das stärkste Interesse nur da stat findet, wo Warheit und Mässigung sich mit einander vereinigen. Die dunkle Dämrung des Morgens oder eines trüben Tages, kan die Gegenstände richtig zeigen, aber es erhelt und belebt sie nicht genug, das Gemüt bleibt träge, indem's sie ansieht, und bekömt also weder klare Vorstellungen, noch merkliches Vergnügen. Das helle Licht des Mittags im Sommer macht die Gegenstände glänzend: aber es blendet, es ermattet; es macht, daß wir die Augen von den Dingen abkeren. Aber das sanfte Licht des Abends oder eines schönen Herbstabends macht eigentlich die Gegend interessant. Das Auge wird erquikt, gestärkt; indem's zugleich auf die Gegenständ' hingezogen wird; das Gemüt bekömt lebhafte Ideen, und bleibt doch in seiner Ruhe; wir sehen die Natur am meisten natürlich, wenn weder Teile derselben uns entwischen, noch ein fremder Schimmer sie entstelt." S. 385-388.

 

[Manuskriptseite 200]

[Ib-13-1781-0444]
XXI.

 

[Ib-13-1781-0445]
Poetische Blumenles' auf das Iar 1780.

 

[Ib-13-1781-0446]
Göttingen bei Iohan Christian Dietrich.

 

[Ib-13-1781-0447]
1)

 

[Ib-13-1781-0448]
An den Mond, in einer Krankheit. 1) An den Mond, in einer Krankheit.] ganzes Gedicht nachträglich vertikal ausgestrichen©
"Wie glänzest du mir in mein stilles Zimmer
so hel und schön!
Oft dacht' ich schon, ich würde deinen Schimmer
nie wiedersehn;
Wenn ich des Nachts mich rastlos hin und wieder
so weh' und lang,
im Bette warf, und wütend durch die Glieder
das Fieber drang.
Wilkommen denn mit deinem sanften Strale
wilkommen mir.
Vielleicht herz' ich mich iezt zum leztenmale
an deiner Zier;
mus scheiden (bald vielleicht) von meinen Lieben
und wäre doch
ach! gar zu gern – auf dieser Welt geblieben
ein Weilgen noch! –
Zwar hat dies Leben mancherlei Beschwerde
und Herzleid; –
doch ist auch viel Gut auf Gottes schöner Erde
was uns erfreut:
schön ist's, wenn uns der Lenz im Veilgenkranze
entgegenblüht;
und wenn am Strauch in ihrem vollen Glanze
die Rose glüht;

 

[Manuskriptseite 201]

schön, wenn das Abendrot die Silberquelle
mit Purpur malt:
schön, wenn dein Bild aus ihrer kleinen Welle
mir silbern stralt. –
O viel, und herlich, sind der Schöpfung Freuden
wohin ich seh.
Und ach! so früh von diesen wegzuscheiden,
das tut mir weh!
Doch eitler Wunsch – zu lange, viel zu lange
nagt schon die Wut
der Krankheit in der todenbleichen Wange,
tobt mir im Blut.
Kein neuer Lenz wird mir im Veilgenkranz
entgegenblüh'n;
Ich sehe nun nicht mer, in ihrem Glanze
die Rose glühn!
Bald wirst du ler, o Freund, mein Lager finden. –
Wie welkend Laub,
werd' ich, noch eh' du wiederkerest, schwinden,
des Todes Raub.
Umschattet denn der Ruhe stiller Flügel
längst mein Gebein,
so breite noch um meinen Blumenhügel
den Silberschein. –"

Seit. 46-48.

 

[Ib-13-1781-0449]
2)

 

[Ib-13-1781-0450]
An einen neuen Ortographen.
"Manch h, manch d, manch s, ersparst du dir zu schreiben:
o Freund, dein ganzes Werk, solt' ungeschrieben bleiben."

S. 62.

 

[Ib-13-1781-0451]
3)

 

[Ib-13-1781-0452]
Einladung zur Abendfeier.
"Schon trit das Schattenbild der fernen Hügel
in's Blumental,
vom Berge dort, und hier im Wasserspiegel
glänzt Abendstral.

 

[Manuskriptseite 202]

Ein tiefes Grün strömt in die Wiesenflächen,
mit süssem Duft;
der laue West erfrischt sich in den Bächen,
und kült die Luft.
Schon glänzt der Fels und iedes Wülkgen glühet
in goldner Pracht,
indes der Hügel, der so lieblich blühet,
aus Purpur lacht. –
So schön sah' ich sie nie im Abendkleide
die iunge Flur,
so reizend, so vol mütterlicher Freude
nie die Natur. – pp."

S. 66-67.

 

[Ib-13-1781-0453]
4)

 

[Ib-13-1781-0454]
Vergessenheit.
"Daß doch der Man so ganz vergist,
wie er so vielen schuldig ist!
Bald hat er keinen Heller.
Stets sinkt er tiefer noch hinein.
Allein wie kan es anders sein?
Der Lete fliest durch seinen Keller."

S. 79.

 

[Ib-13-1781-0455]
5)

 

[Ib-13-1781-0456]
Abendfantasien eines Hessen in Amerika.
"Über die verherten Matten
denet unsrer Zelten Schatten
schon in längern Reihen sich;
Sterne blinken schon im Osten;
zum gefarvollen Posten
rufet schon die Trommel mich.
Grauenvolle Stille wallet
über's Lager; lauter hallet
in der Ferne das Geschüz;
Lauter wird der Rosse Stampfen,
halbverbrante Städe dampfen
sichtlicher zum Sternensiz.

 

[Manuskriptseite 203]

Wie der Mond so blutig flimmert!
Mancher schläft iezt unbekümmert,
der am Morgen nicht erwacht;
blutbegierge Wilde schleichen,
gleich den Wölfen, zwischen Leichen,
unter'm braunen Schild der Nacht.
Von dem Morden wilder Here,
hast du nun zur andern Sphäre,
Sonne, dein gesicht gewand,
wandelst über Lustgefilde,
blikkest friedlich und vol Milde
auf mein deutsches Vaterland;
siehst, wie Deutschlands Biederfürsten,
stets nach Bürgerblut zu dürsten,
Ioseph sich und Friedrich küst;
schleichst in meiner Lyda Kammer,
wo ihr Liebe, Furcht und Iammer
am getreuen Herzen frist.
Send' ihr mit der Morgenröte,
Vor dem frommen Frühgebete,
ein erquikkend Traumgesicht,
das die Holde sch sanft umschwebet,
zärtlich raunt: dein Heinrich bebt lebet,
und vergist sein Mädgen nicht!
und mit heiterm Friedensblikke
leite du uns dan zurükke,
wenn der Feind am Boden liegt;
lächle friedlich unserm Here,
wann es durch erkämpfte Mere
hin nach Eng'lands Küsten fliegt.
Dan eil' ich zu euch, ihr Brüder,
Küss' euch, traute Eltern, wieder,
und, o meine Lyda! dich;

 

[Manuskriptseite 204]

schmükke dich mit Lotoskränzen,
drükk' in frohen Siegestänzen,
bestes Mädgen, dich an mich."

S. 86-88.

 

[Ib-13-1781-0457]
6)

 

[Ib-13-1781-0458]
Über die Worte Heinrich IV.
"Der grosse Heinrich sprach – ihr Fürsten seht nicht sauer! –
"Ich wil, daß der geringste Bauer
in meinem Reich ein Hun
in seinen Topf sol Sontags tun."
Iezt gilt oft anders Prozediren.
Der Fürst betrübt um's Hun den armen Tropf.
Für Exekuzionsgebüren
nimt der Her Amtman wol gar den Topf."

S. 94.

 

[Ib-13-1781-0459]
7)

 

[Ib-13-1781-0460]
Winterlied.
"Kein Veilgen blüht,
kein Rösgen glüht,
und lachet uns duftend entgegen.
Der kalte Nord
heult immer fort,
verschwistert mit Flokken und Regen.
Die Nebel ziehn
bald hin her, bald hin,
und hüllen den Himmel in Trauer;
auf ieder Flur
herscht iezzo nur
Stilschweigen und frostiger Schauer.
Kein Vögelein
singt in dem Hain
und hüpft auf laubigen Ästen.
Kein Blumenduft
durchwürzt die Luft
getragen von liebenden Westen.Westen.] ©© Winde, analog zum "Nord" (-wind) - MIWI

 

[Manuskriptseite 205]

Der Feldbach start,
ist felsenhart
von fesselndem Eise bedekket.
Das krumme Tal
ist überal
in silberne Hüllen verstekket.
Doch immerhin
mag Nebel zieh'n,
und Dunkel den Himmel verhüllen!
Mag doch der Sturm
am hohen Turm
die glänzenden Fanen nur trillen!
Last uns erfreut
die Winterszeit
mit Scherzen und Lieben versüssen!
Bis voller Pracht
der Lenz uns lacht
und Nymphen sich schwesterlich küssen. –"

S. 101-102.

 

[Ib-13-1781-0461]
8)

 

[Ib-13-1781-0462]
Das Damenspiel.
"Einst spielten Iungfer Henriette
und Monsieur Friz im Damenbrette.
"Du soltest eine Dame sein!"
Sprach Friz und wies auf einen Stein.
"I nun, fieng Ietgen an zu lachen,
kanst du denn keine Dame machen". –"

S. 126.

 

[Ib-13-1781-0463]
9)

 

[Ib-13-1781-0464]
Grabschrift eines Ehemans.
"Hier liegt Erast, von Schwermut, Krankheitspein
und allen Übeln frei, die ihn gefoltert haben:
doch daß er nicht so ganz möcht' one Prüfung sein,
so hat man neben ihm noch seine Frau begraben."

S. 154.

 

[Ib-13-1781-0465]
10)

 

[Ib-13-1781-0466]
Hinz und Kunz.
Hinz. Sieh! alle die gedrukten Sachen
hat Fip gemacht, das ist mein Man!
Kunz. Noch mer! Er sol sie schneller machen,
als Weigand sie verkaufen kan."

S. 154.

 

[Manuskriptseite 206]

[Ib-13-1781-0467]
]Einfügung von fremder Hand: "[vgl. den defekten Band in Fasz. 25a, S. 141]"

Anmerkungen , Sentenzen und auffallende Ausdrükk' aus verschiedenen Schriftstellern.

 

[Ib-13-1781-0468]
]einzelne Einträge auf dieser Seite durch Kreuzchen voneinander abgesetzt, scannen

Pour perdre un sage, il ne faut qu'un bigot.

 

[Ib-13-1781-0469]
Deux afflictions mises ensemble peuvent devenir une consolation.

 

[Ib-13-1781-0470]
L'exactitude dans les petits choses est la vertu des sots.

 

[Ib-13-1781-0471]
Der denkende Poet durchwacht die Nächte, und enthält sich des Schlafs, um ihn seinen Lesern zu geben.

 

[Ib-13-1781-0472]
Liebet, eret den Man, der bewafnet für die Tugend seine Feder schärft, die freche Stirn der schamlosen Sünder zu brandmarken, der den stolzen Spieler in seiner güldnen Kutsche schamrot macht, und das schlechte Herz entblöst, das sich unterm Stern verstekt.

 

[Ib-13-1781-0473]
Blind sind wir, wenn wir uns in's Elend stürzen, fürchterlich scharfsinnig, wenn wir darinnen sind.

 

[Ib-13-1781-0474]
Die unschuldigen Lorberbäume der unsterblichen Weisen werden mit Blut beflekt, Krieger nemen ihre gedankenvolle Spazziergäng' ein, und der Stal schimmert in dem Schatten der Musen.

 

[Ib-13-1781-0475]
Iedes Licht erleidet eine Schwächung, wenn's nicht unmittelbar, sondern nur erst durch Zurükwerfung von

 

[Manuskriptseite 207]

andern Körpern einen Gegenstand erleuchtet. Eben so. Eine Warheit, eine Bemerkung, die wir selber erfinden, selber machen, wirkt wirkt mit grösserer Gewalt auf uns, und erleuchtet uns mit mererm Lichte, als wenn wir eben die Warheit von andern erfunden, dieser Bemerkung von andern gemacht läsen.

 

[Ib-13-1781-0476]
]einzelne Einträge durch Kreuzchen voneinander abgesetzt, Seite scannen

Wo ist der Man, dessen Aug' kein Irtum trübte, der unter dem Schilde freier Tugend mit sichern Schritten, taub zum Gesange der Sirenen, durch die verwirten Pfade des Lebens gienge, dessen Wünsch' alle die Vernunft unterschriebe, dessen Begierden nie weiter giengen, als seine Kraft – wie? wenn Mangel, wenn Krankheit, wenn Schande eindringt, wird der seinem schmelzenden Aug' eine Träne versagen, den Aufrur der kämpfenden Sele bezwingen, und unter den Stürmen mit Ruhe pralen? Nein, seinem Stolze zum Troz wird seine Träne die Warheit sagen, ein verräterischer Seufzer durch seine pralende Lippen brechen, und aufgedrungene Runzel auf seiner Stirne, wie Rauch von Feuer, von seinen Leiden zeugen. – Denn in uns bildet uns die Natur, zu stimmen mit unserm Geschik; lacht, wenn das gut ist; treibt zum Zorn, und reist in den Staub, drükkenden Kummer zu weinen, oder zerrissene Wunden zu bluten. Dan schreibt sie mit heiligen Zügen der Qual der Sel' in Tränen und Runzeln; kein heuchlerischer Stolz, keine Pralerei verlischt, keine menschliche Hand verdunkelt, was sie schreibt. Wenn das brennende Fieber durch die Adern rolt, da

 

[Manuskriptseite 208]

verzerender Kummer in ieder Fiber brent, das Lebensblut von der verbleichten Wange weicht, und siegende Krankheit durch iede Muskel bricht, wenn der sinkende Puls das Herz nicht wärmt, die trokne Lunge mit Mühe sich hebt, der Augapfel start, dan prest die gefolterte Natur, auch entschlossen zu sterben, Seufzer vom Zeno selbst; Seufzer, die die Schöpfung seufzet, wenn Donner in der Luft sie verstört, und Seraph's, wenn ein vernichtendes Wort im Sizze der Seligkeit ihr Wesen ver zermalt. –

 

[Ib-13-1781-0477]
]einzelne Einträge durch Kreuchen voneinander abgesetzt, Seite scannen

Dreimal selig ist der, dessen lezter Erdengedanke der erste seiner Himmelsgedanken sein kan.

 

[Ib-13-1781-0478]
Es kan kein Betrübter besser getröstet werden, als von dem, der noch betrübter ist, als er selbst.

 

[Manuskriptseite 209]

[Ib-13-1781-0479]
Verzeichnis der neuen Schriften

 

[Ib-13-1781-0480]
I. Zur Geschicht' und Litteratur. Vierter Beitrag von Lessing. Seit. 1.

 

[Ib-13-1781-0481]
II. Duplik, von Lessing. S 18.

 

[Ib-13-1781-0482]
III. Über den Beweis des Geistes und der Kraft, von Lessing. 31.

 

[Ib-13-1781-0483]
IIII. Trauerspiele von Lessing. 33.

 

[Ib-13-1781-0484]
V. Lebensläufe nach aufsteigender Linie. Meines Lebenslaufs zweiter Teil. 35

 

[Ib-13-1781-0485]
VI. Eine Parabel, von Lessing. 40

 

[Ib-13-1781-0486]
VII. Ierusalem's Betrachtungen über die vornemsten Warheiten der Religion. Zweiten Teils zweiter Band, oder viertes Stük 44.

 

[Ib-13-1781-0487]
VIII. A. Pope's Werke. Erster Band. 51.

 

[Ib-13-1781-0488]
VIIII. A. Pope's Werke. Dritter Band. 61.

 

[Ib-13-1781-0489]
X. A. Pope's Werke. Vierter Band. 81.

 

[Ib-13-1781-0490]
XI. Sophien's Reise von Memel nach Sachsen. Dritte Auflage. Erster Teil. 85.

 

[Ib-13-1781-0491]
XII. Sophien's Reise von Memel nach Sachsen. Zweiter Teil. 87.

 

[Ib-13-1781-0492]
XIII. Shakespear's Schauspiele. Zweiter Band. 89

 

[Ib-13-1781-0493]
XIIII. Deutsches Museum. Erster Band. Ienner bis Iun. 1780. 93.

 

[Ib-13-1781-0494]
XV. Der deutsche Merkur vom Iar 1780. Zweites Vierteliar. 98.

 

[Manuskriptseite 210]

[Ib-13-1781-0495]
XVI. G. S. Steinhart's System der reinen Philosophie oder Glükseligkeitslere des Christentums. Zweite Auflage. Seit. 108.

 

[Ib-13-1781-0496]
XVII. La nouvelle Heloise, ou lettres de deux amans, publiés par I. I. Rousseau. Tome premier. 128.

 

[Ib-13-1781-0497]
XVIII. I. I. Rousseau's philosophische Werke. Aus dem Französischen. Erster Band. 144.

 

[Ib-13-1781-0498]
XVIIII. Deutsches Museum. Zweiter Band. Iul. bis Dezember. 1780. 156.

 

[Ib-13-1781-0499]
XX. Garve's Samlung einiger Abhandlungen aus d. n. Bibliotek der schönen Wiss. u. f. K. 168.

 

[Ib-13-1781-0500]
XXI. Poetische Blumenles' auf das Iar 1780. 200.

 

[Manuskriptseite 211]

[Ib-13-1781-0501]
Verzeichnis der exzerpirten Sachen

 

[Ib-13-1781-0502]
1) Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete Art glauben könten – – Seit. 1.

 

[Ib-13-1781-0503]
2) Einige Zweifel, gegen die Erzälung des Mattäus, daß Christi Grab sei versiegelt und von römischen Soldaten bewacht worden – – – – – – 12.

 

[Ib-13-1781-0504]
3) Nicht die Erfindung der Warheit, sondern der Trieb ihr nachzugehn, macht unser Verdienst aus – – – 18.

 

[Ib-13-1781-0505]
4) Komt iezt bei uns viel auf die Harmonie der Evangelisten an, um unsers Glaubens gewis zu sein – – 18.

 

[Ib-13-1781-0506]
5) Widersprüche der Evangelisten in der Erzälung der Auferstehungsgeschichte Iesu – – – – – 22.

 

[Ib-13-1781-0507]
6) Über den Beweis der Wunder, für uns iezt – – 31.

 

[Ib-13-1781-0508]
7) Bemerkungen – – – – – – 33.

 

[Ib-13-1781-0509]
8) Wizzige Bemerkungen – – – – 35

 

[Ib-13-1781-0510]
9) Die Art und Weise der Ortodoxen, die christliche Religion zu verteidigen – eine Parabel – – 40.

 

[Ib-13-1781-0511]
10) Vom Manna, das die Iuden in der Wüste assen – 44.

 

[Ib-13-1781-0512]
11) Anzeigen, welche ein höhers Alter der Erde vermuten lassen – – – – – – 44.

 

[Ib-13-1781-0513]
12) Einige Änlichkeiten der mosaischen und ägyptischen Schöpfungsgeschichte – – – – – – 45.

 

[Ib-13-1781-0514]
13) Schwierigkeiten gegen die gewönliche Vorstellung des Fals der Menschen – – – – – – 45.

 

[Ib-13-1781-0515]
14) Aus einem Gedicht des Wicherlei an Pope51.

 

[Ib-13-1781-0516]
15) Die Einsamkeit – – – – – – 52.

 

[Ib-13-1781-0517]
16) Aus dem Gedichte "Der Wald bei Windsor" – – 53

 

[Manuskriptseite 212]

[Ib-13-1781-0518]
17) Die Musik Seit. – – – – – – – – – 54

 

[Ib-13-1781-0519]
18) Od' auf die Einsamkeit – – – – – – – – 55.

 

[Ib-13-1781-0520]
19) Aus Pope's Versuch über die Kritik – – – – 56.

 

[Ib-13-1781-0521]
20) Aus der Elegie "zum Andenken eines unglüklichen Frauenzimmers" – – – – – – – – 60.

 

[Ib-13-1781-0522]
21) Der Mensch – ein Rätsel – – – – – 61.

 

[Ib-13-1781-0523]
22) Was Neuton in den Augen höherer Wesen ist – 62.

 

[Ib-13-1781-0524]
23) Wie sich die Vernunft zu den Leidenschaften verhält 62.

 

[Ib-13-1781-0525]
24) Alles in der Welt dient zum Guten – sogar die Laster und Feler der Menschen – – – – – 63.

 

[Ib-13-1781-0526]
25) Der Mensch ist auch zum Nuzzen andrer Tiere mitgeschaffen – – – – – – – – 65.

 

[Ib-13-1781-0527]
26) Was ist Glükseligkeit – – – – – – 66.

 

[Ib-13-1781-0528]
27) Ere, Grösse, Talente sind wenig one Tugend – 67.

 

[Ib-13-1781-0529]
28) Vom Karakter der Menschen – einzelne Bemerkungen 71.

 

[Ib-13-1781-0530]
29) Vom Karakter der Frauenzimmer – – – – 75.

 

[Ib-13-1781-0531]
30) Vom Reichtum – – – – – – 79.

 

[Ib-13-1781-0532]
31) Über die Medaillen – – – – – – – – 81.

 

[Ib-13-1781-0533]
32) Aus Pope's Epistel an Dr. Arbunot – – – 82.

 

[Ib-13-1781-0534]
33) Einige Bemerkungen – – – – – 84.

 

[Ib-13-1781-0535]
34) Über Mitleiden, Aufwachen, Hochmut, Vererung des Reichen, Komplimente, Leiden und Bösewerden – – 85

 

[Ib-13-1781-0536]
35) Man mus auf die Mienen des Bösewichts sehen, um ihn zu entdekken, wenn er uns betrügen wil – 87.

 

[Ib-13-1781-0537]
36) Eine Regel an Mädgen – – – – – 88.

 

[Manuskriptseite 213]

[Ib-13-1781-0538]
37) Aus dem Lustspiele Shakespear's: Gleiches mit Gleichem – S. 89.

 

[Ib-13-1781-0539]
38) Aus dem Lustspiele: Der Kaufman von Venedig – – 91.

 

[Ib-13-1781-0540]
39) Aus dem Schauspiele: wie's euch gefällt – – – 92.

 

[Ib-13-1781-0541]
40) Bemerkung über die Aufklärung des Verstandes – 93.

 

[Ib-13-1781-0542]
41) Die Erinnerung – aus einem Gedicht – – – 93.

 

[Ib-13-1781-0543]
42) Die Geister der Urzeit – – – – – – 94.

 

[Ib-13-1781-0544]
43) An den Freihern v. Spiegel – von Schmid – – 95.

 

[Ib-13-1781-0545]
94) 94] Zählfehler JP) Antwort des H. v. Spiegel's auf's vorige Gedicht – 96.

 

[Ib-13-1781-0546]
95) Entdekkung neuer Trabanten der Fixsterne – – 98.

 

[Ib-13-1781-0547]
96) Bild Rousseau's – – – – – 98.

 

[Ib-13-1781-0548]
97) Bailly's Hypotes' über den Ursprung der Wissenschaften, besonders bei den asiatischen Völkern – 99.

 

[Ib-13-1781-0549]
98) Vermutung vom Systeme der Manichäer – 106.

 

[Ib-13-1781-0550]
99) Wie das augustinische Lersystem in der Teologie die Oberhand behalten hat – – – – – 109.

 

[Ib-13-1781-0551]
100) Von der Imputazion der Sünd' Adams – 112.

 

[Ib-13-1781-0552]
101) Die Erlösung Christi – – – – – 114.

 

[Ib-13-1781-0553]
102) Nirgends lesen wir in der Bibel, daß die Heiligkeit Gottes one Genugtuung nicht könte befriedigt werden – – – – – 117.

 

[Ib-13-1781-0554]
103) Hypotes' über den Ursprung der Religionsbegriff' und Gottesdienstlichkeiten unter den ersten Menschen – – – – – – – 120.

 

[Ib-13-1781-0555]
104) Bemerkung von der in unsern Tagen häufigen Freigeisterei – – – – – – 123

 

[Ib-13-1781-0556]
105) Akkommodzion der Apostel nach den Begriffen derer, welche sie bekeren wolten – – – 123.

 

[Manuskriptseite 214]

[Ib-13-1781-0557]
106) Wie die ware Sprache der Lieb' ist Seit. – – – – – 128.

 

[Ib-13-1781-0558]
107) Etliche Bemerkungen – – – – – – – 130.

 

[Ib-13-1781-0559]
108) Von der Gelersamkeit – – – – – – 131.

 

[Ib-13-1781-0560]
109) Beschreibung der Alpen – – – – – – 133.

 

[Ib-13-1781-0561]
110) Bemerkungen – – – – – 135.

 

[Ib-13-1781-0562]
111) Probe der rousseau'schen Beredsamkeit – – – 136.

 

[Ib-13-1781-0563]
112) Die rechte Lieb' ist keusch und rein – – – – – – 137.

 

[Ib-13-1781-0564]
113) Wider die Duelle – – – – – – 137.

 

[Ib-13-1781-0565]
113) Von der Verstellung, die unter den Menschen herscht – – – – – – 144.

 

[Ib-13-1781-0566]
114) Schädliche Gewonheit, die Wissenschaft der Tugend vorzuziehen – – – – – – – 147.

 

[Ib-13-1781-0567]
115) Bemerkungen über verschiedne Gegenstände – – 147

 

[Ib-13-1781-0568]
116) Bild und Schiksal Rousseau's – von ihm selbst – – 149.

 

[Ib-13-1781-0569]
117) Allerlei Bemerkungen von Intoleranz, andern Misbräuchen in der Religion u. s. w. 154.

 

[Ib-13-1781-0570]
118) An die Freunde – ein Gedicht – – – – 156.

 

[Ib-13-1781-0571]
119) Für Denker, Miszellen – – – – 158.

 

[Ib-13-1781-0572]
120) Ein neuer Beweis für die Unsterblichkeit der Sele – von Kampe – – – – – – – 159.

 

[Ib-13-1781-0573]
121) Schwermütiges Lied von H. Reichardt in Gota – 167.

 

[Ib-13-1781-0574]
122) Über die Prüfung der Fähigkeiten – – 168.

 

[Ib-13-1781-0575]
123) Verschiedenheit in den Werken der ältesten und neuern Schriftsteller – – – – – 179.

 

[Manuskriptseite 215]

[Ib-13-1781-0576]
124) Nicht iedes Gute und Ware interessirt uns – – S. 197.

 

[Ib-13-1781-0577]
125) Ästetische Bemerkungen – – – – 197.

 

[Ib-13-1781-0578]
126) An den Mond, in einer Krankheit – – – – 200.

 

[Ib-13-1781-0579]
127) An einen neuen Ortographen – – – 201.

 

[Ib-13-1781-0580]
128) Einladung zur Abendfeier – – – – – 201.

 

[Ib-13-1781-0581]
129) Vergessenheit – – 202.

 

[Ib-13-1781-0582]
130) Abendfantasie eines Hessen in Amerika 202.

 

[Ib-13-1781-0583]
131) Über einen Auspruch Heinrichs IIII – – – – 204.

 

[Ib-13-1781-0584]
132) Winterlied – – – – – 204.

 

[Ib-13-1781-0585]
133) Das Damenspiel – – – – – – 205

 

[Ib-13-1781-0586]
134) Grabschrift eines Ehemans – – – – – 205

 

[Ib-13-1781-0587]
135) Hinz und Kunz – – – – – – 205

 

[Ib-13-1781-0588]
Verzeichis der Bemerkungen pp. aus verschiednen Schriftstellern.

 

[Ib-13-1781-0589]
I. Das Verderben des Weisen – – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0590]
II. Das Elend zweier Betrübten – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0591]
III. Die Genauigkeit in Geringfügigkeiten – 206.

 

[Ib-13-1781-0592]
IIII. Der wachende Poet – – – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0593]
V. Von dem verungswerten Spötter – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0594]
VI. Unsre Augen vor und na in dem Elende – 206.

 

[Ib-13-1781-0595]
VII. Krieg und Wissenschaften – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0596]
VIII. Die Wirkung der Warheiten auf uns, die andre erfunden haben – – – – 206.

 

[Ib-13-1781-0597]
VIIII. Auch die kalten Philosophen sind Menschen im Unglück – 207.

 

[Manuskriptseite 216]

[Ib-13-1781-0598]
X. Wer ist selig – – – – – – – – Seit. 208.

 

[Ib-13-1781-0599]
XI. Von wem kan der Betrübte am besten getröstet werden 208.